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Die Frau, die durch die Schatten ging

Roman

2015 543 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Sie ist bereit zu vergessen. Doch die Vergangenheit kehrt zurück. Clara kennt es wie kaum ein Zweiter: das bohrende Gefühl der Angst. Sie hat alles verloren – zuerst ihre Mutter, dann ihre Tochter und schließlich ihr Leben. Sie wurde für einen Mord verhaftet, den sie nicht begangen hat. Für den Mord an dem Entführer ihrer Tochter. Nun hat sie ein neues Leben. Und doch schwebt die Angst über ihr wie ein Damoklesschwert. Die Angst, auch ihr zweites Kind zu verlieren.

Als plötzlich zwei Polizeibeamte vor ihr stehen und sie zum Verhör bitten, holen Clara die Schrecken der Vergangenheit ein. Mit grausamer Präzision schlägt das Schicksal erneut zu und ihre schlimmsten Albträume werden bittere Realität …

Über die Autorin:

Mika Bechtheim, geboren 1955, wuchs in der DDR auf, studierte dort Germanistik und arbeitete zunächst als Literaturhistorikerin, später als Lektorin. Mit ihrem Umzug nach Hamburg wechselte sie auch den Beruf: Über zwei Jahrzehnte lang arbeitete sie als Journalistin für Fernsehzeitschriften und Frauenmagazine. Sie lebt heute in Schleswig-Holstein auf einem ehemaligen Gutsgelände.

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Neuausgabe November 2015

Dieses Buch erschien bereits 2010 unter dem Titel Im Zeichen der Angst bei Wilhelm Goldmann Verlag

Copyright © 2010 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de

Titelbildabbildung: © primaer/photocase.de

ISBN 978-3-95824-204-3

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Mika Bechtheim

Die Frau, die durch die Schatten ging

Roman

dotbooks.

Prolog

Herbst 2002

Ich sehe meinen Vater immer noch vor mir mit seinem weißen Imkerhut und seiner Pfeife, aus der betäubende Schwefeldämpfe waberten, während er eine Bienenwabe nach der anderen aus den grün gestrichenen Beuten nahm und sie mir gab, damit ich sie in den selbst gezimmerten Kästen aufhing.

Der bläuliche Rauch beruhigte die Bienen, während mein Vater ihnen die Tracht stahl: im späten Frühling den weißlichen Rapshonig, der sich den ganzen folgenden Winter über geschmeidig wie frisch geschlagene Rahmbutter auf das Brot streichen ließ; im Sommer den dunkelgoldenen Rotklee- oder den braunen Waldhonig, der irgendwann fest sein und sich nur noch bröckchenweise aus den Gläsern lösen würde.

Während meiner Kindheit in der ostdeutschen Kleinstadt wiederholte sich dieses Ritual alljährlich, und ich kann mich bis heute so lebhaft daran erinnern, als sei ich ihm erst gestern zur Hand gegangen. Die Schwefeldämpfe bissen in den Augen, und manchmal, wenn ich zu nah und zu lange neben meinem Vater stand, begannen sie zu tränen.

Meinen Vater sah ich niemals weinen – bis zu dem Tag, an dem meine Mutter im Sommer 1989 kurz vor der Geburt meines ersten Kindes verschwand. Sie hatte sich – wie in jenem Sommer kurz vor dem Fall der Mauer Hunderte vor und noch Hunderte nach ihr – über die deutsche Botschaft in Budapest in den Westen abgesetzt. Sie hinterließ einen Brief an mich. Ich hätte ja nun, nach meinem Diplom und meiner Heirat, ein eigenes Leben und bräuchte sie nicht mehr. Sie habe sich deshalb entschieden, noch einmal von vorn zu beginnen. Wir haben nie wieder etwas von ihr gehört.

Im Januar 1996 beerdigten mein Mann Kai und ich meine erst sechsjährige Tochter Johanna, und als die Träger den Sarg in das Grab ließen, sah ich meinen Vater ein zweites Mal weinen. Meine Tochter war entführt worden und in einem alten Wasserturm an einem Asthmaanfall gestorben.

Mein Vater verstand, dass ich ihren Tod rächen wollte und dass es mir nicht reichte, den Entführer hinter Gittern zu sehen. Ich wollte, dass er sein Leben verlor. Ich wollte die Rache aus tiefstem Herzen, gemäß dem alttestamentarischen Motto »So sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge und Zahn für Zahn«.

Doch es kam anders. Der Mann, der meine Tochter entführt haben sollte, war unschuldig. Trotzdem wurde er erschossen. Mit meiner Waffe und an dem Tag, an dem ich ihn in seinem Haus aufsuchte. Doch zum Zeitpunkt seines Todes hatte ich ihn längst verlassen. Ich konnte es nicht beweisen, und so wurde ich verhaftet und für schuldig befunden. Ich verbrachte sechs Jahre hinter Gittern wegen eines Mordes, den ich nicht begangen hatte.

Sechseinhalb Jahre nach Johannas Tod lag mein Vater im Sterben. Er, der Nichtraucher, hatte Lungenkrebs, und das Morphium, das die Ärzte ihm gegen die Schmerzen verordneten, legte schließlich einen dichten Schleier über seinen Verstand, unter dem er nur noch ab und zu und unter größter Willensanstrengung hervorkam.

An seinem letzten Nachmittag lag ich neben seinem ausgezehrten Körper auf dem Krankenhausbett und hielt wie all die Tage zuvor seine Hand. Obwohl er in den letzten Monaten so abgemagert war, dass sich unter der dünnen Haut jede Rippe einzeln abzeichnete, waren seine Hände noch immer groß und schwielig und die Handrücken durchzogen von dicken, blauen Adersträngen. Es waren die Hände eines Mannes, der sein Leben lang körperlich gearbeitet hatte.

Er lag auf dem Rücken, die Augen, die sich seit zwei Tagen nicht mehr schlossen, der Decke zugewandt. Von Zeit zu Zeit nahm ich die Tasse mit dem Wasser von seinem Nachttisch, steckte einen Wattetupfer hinein und strich ihm damit über die Lippen. Mitunter gelang es mir, sie leicht zu öffnen, und dann fuhr ich mit dem feuchten Wattestäbchen an seinem Zahnfleisch entlang. Mehr konnte ich nicht für ihn tun. Sein Körper hatte eine Lebensfunktion nach der anderen eingestellt. Erst das Essen, dann das Sprechen, dann das Blinzeln und schließlich das Schlucken.

Ich betrachtete ihn von der Seite und dachte daran, wie er mir damals den Abschiedsbrief meiner Mutter gegeben hatte.

Ich hatte auf die Zeilen gestarrt, sie wieder und wieder gelesen. Irgendetwas in mir hatte verweigert zu verstehen, was meine Mutter mir mitteilen wollte. Dann hatte ich die Tränen in den Augen meines Vaters gesehen und verstanden: Meine Mutter hatte uns verlassen, und sie würde niemals wieder zu uns zurückkehren.

Plötzlich richtete er sich in seinem Bett auf und drehte sich zu mir. In seinem eingefallenen Gesicht öffnete sich der Mund. Er versuchte zu sprechen, doch in dem morphiumgeschädigten Körper gehorchten die Muskeln seinem Willen schon längst nicht mehr. Er keuchte und fiel zurück, die offenen Augen wieder an die Decke gerichtet. Ich beugte mich über ihn, strich ihm eine Strähne des ungeschnittenen Haares aus dem Gesicht und betupfte mit einem feuchten Waschlappen sein Gesicht. Eine Träne sammelte sich in seinem linken Auge.

Ich wollte ihn so gern in die Arme nehmen und an mich drücken. Ich wollte ihm so gern sagen, dass er nicht sterben soll. Nicht jetzt, wo ich nach sechs Jahren Haft endlich wieder frei – und hochschwanger war. Nicht hier, in diesem anonymen Krankenhausbett. Und am besten überhaupt nicht. Aber ich wusste es besser. Er starb in diesem fremden Bett, ohne seine Frau noch einmal gesehen und ohne sein zukünftiges Enkelkind jemals in den Armen gehalten zu haben, und niemand konnte das verhindern.

Noch einmal ging ein Ruck durch seinen Körper, seine kühlen, knochigen Finger umklammerten meine Hand mit dem Waschlappen. Noch einmal richtete er sich leicht auf und öffnete den Mund. Diesmal sprach er.

»Such sie«, keuchte er zwischen zwei rasselnden Atemzügen. Seine Augen starrten mich an, ohne zu blinzeln, während eine Gänsehaut meinen gesamten Körper überzog und ich mir wünschte, ganz weit weg zu sein. Doch ich blieb neben ihm liegen, behielt seine kühle Hand in meiner und erwiderte seinen Blick mit einem Nicken.

Er fiel zurück, atmete ein letztes Mal sanft und fast zärtlich aus und starb in dem Moment, als sich die Träne aus dem Augenwinkel löste und seine Wange hinablief.

Wen sollte ich suchen? Meine Mutter? Den oder die Entführer? Die Mitwisser, die es gegeben haben musste? Alle?

Der Entführer meiner Tochter wurde nie gefasst, und ich habe diesem Unbekannten nie vergeben, dass sie starb. Doch ich habe ihn nicht gesucht. Nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis und vor allem nach der Geburt meiner zweiten Tochter Josephine wollte ich nur noch eines: Ich wollte ein neues Leben. Ich wollte wegkommen von einer Vergangenheit aus Tod und Versagen, Schuld und Sühne.

Ich habe auch meiner Mutter nie vergeben, dass sie uns verlassen hat. Ich verbannte deshalb auch sie aus meinem Leben. Ich suchte sie weder nach dem Mauerfall am 9. November 1989 noch nach dem Tod meines Vaters. Und sie suchte mich nicht. Jedenfalls dachte ich das all die Jahre.

So war mein Nicken eine Lüge gewesen, denn ich hatte nicht vor, meine Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen.

Doch sieben Jahre nach dem Tod meines Vaters holte mich diese Vergangenheit ein.

Kapitel 1

Hamburg, Oktober 2009

Ich stand wie an jedem letzten Mittwoch des Monats hinter dem Tresen der Schul-Cafeteria und gab gemeinsam mit Patrizia, einer anderen Mutter, in der ersten großen Pause um 9 Uhr 45 Milch an die Grundschüler aus. Ich sah meine Tochter Josephine in der Schlange und winkte ihr zu. Josephine, die darauf bestand, Josey gerufen zu werden, war eine Woche nach ihrem sechsten Geburtstag eingeschult worden und stolz und glücklich, jetzt zu den Großen zu gehören und nicht mehr in den Kindergarten zu müssen. Sie winkte aufgeregt zurück und lachte, wobei ihr Mund zwei Zahnlücken entblößte.

Es erstaunte mich immer wieder aufs Neue, dass dieses kleine zarte Wesen mit den roten Haaren und den Sommersprossen auf der Nase mein Kind sein sollte. Ich hatte mir nach Johannas Tod jahrelang nicht vorstellen können, noch einmal ein eigenes Kind zu haben, und so war es allein meiner grenzenlosen Naivität zuzuschreiben, dass ich überhaupt wieder schwanger wurde. Ich hatte die Antibabypille nie vertragen und sie an meinem 38. Geburtstag aus einer Laune heraus abgesetzt. Ich war der Überzeugung, dass die Mutterrolle in meinem Leben nicht mehr vorgesehen war und ich unmöglich schwanger werden konnte. Ich wurde schneller schwanger, als ich denken konnte. Kai, mein Mann, weinte vor Glück, als ich es ihm noch im Gefängnis sagte.

Denn als ich mit Josey schwanger wurde, verbüßte ich die letzten Wochen einer neunjährigen Haftstrafe, von der ich auf den Tag sechs Jahre absaß. Das letzte halbe Jahr hatte ich am Wochenende Freigang. So hieß das, wenn man die Wochenenden zu Hause verbringen konnte. Die restlichen drei Jahre erließ man mir auf Bewährung.

Wir würden das Kind schon schaukeln, sagte Kai, als ich es ihm erzählte. Ich war da nicht so sicher. Doch als ich drei Monate später endlich aus dem Gefängnis entlassen wurde und zurück in unsere Wohnung kam, wusste ich, dass ich die Chance auf ein zweites Leben erhalten hatte. Ich wusste auch, dass ich diese Chance nutzen würde, um endlich wieder glücklich zu sein. Und ich war glücklich. Glücklich mit Kai und unserer zweiten Tochter, die meiner ersten aufs Haar glich.

Das Glück hielt ein Jahr. Dann begannen die Streite und die gegenseitigen Vorwürfe – und als Kai und ich uns alles gesagt hatten, begann sich unser gemeinsames Leben mit Schweigen zu füllen, das nur unterbrochen wurde, wenn es um Josey ging. Schließlich verließ Kai mich und unsere Tochter, als sie achtzehn Monate alt war.

Als Josey an die Reihe kam, legte sie mir den Euro hin, den die Milch kostete.

»Einmal Erdbeere«, sagte sie, kicherte und flüsterte ihrer besten Schulfreundin Melissa etwas ins Ohr.

Melissa quietschte auf und wurde rot, als sie bemerkte, dass alle Augen auf sie gerichtet waren. Vor allem die Augen von Sven, der hinter Melissa stand und eigentlich Joseys neuer Schwarm war. Josey schwärmte alle drei Wochen von einem anderen Jungen aus der Schule. Vor Sven war es Duncan, und davor war es Michael, der Sohn des Schuldirektors. Doch immer, wenn sich die Jungs ihr dann endlich zuwandten, fand sie sie blöd und überließ sie nur zu gern ihrer Freundin Melissa.

Die Zeit für Sven schien jedoch noch nicht reif zu sein. Obwohl Josey erst sechs Jahre alt war, schaute sie zunächst verwirrt drein, als Melissa rot wurde und sie erkannte, dass Sven der Grund dafür war. Und dann tat sie etwas, das ich ihr niemals zugetraut hätte. Sie zog Melissa an den Haaren und schlug ihr die kleine Kinderfaust auf den Brustkorb. Melissa schwankte, verlor das Gleichgewicht, fiel nach hinten, direkt auf Sven und riss den überraschten Jungen mit sich auf den Fußboden.

Ich rannte hinter dem Tresen hervor und nahm die schreiende Melissa auf den Arm, während Patrizia, Melissas Mutter, schimpfend dem Jungen aufhalf. Meine Tochter verzog sich mit ihrer Erdbeermilch in eine Ecke, und ich fragte mich halb belustigt, halb besorgt, ob sie wohl die nächsten zwölf Schuljahre damit verbringen würde, ihre Angebeteten mit körperlicher Gewalt gegen die Interessen anderer Mädchen zu schützen und woher sie das wohl hatte.

Ich drohte Josey hinter Melissas Rücken mit dem Finger, und sie drehte sich beleidigt weg. Ich tätschelte leicht Melissas Rücken und flüsterte ihr ins Ohr, dass alles gut sei, sie keine Angst zu haben brauche und Josey sich bei ihr entschuldigen werde.

Melissa schniefte und nickte.

Als Melissa und Josey sich am ersten Schultag miteinander anfreundeten, war das für mich ein Glücksfall. Ich arbeitete tagsüber als Reporterin für eine Tageszeitung und hatte ein Au-pair-Mädchen aus Dänemark engagiert, das Josephine mittags von der Schule abholte. Das Arrangement hielt drei Wochen. Dann wurde das Heimweh der Neunzehnjährigen so groß, dass sie von einem Tag auf den nächsten zurück in ihre Heimat reiste. Patrizia erklärte kurzerhand, das alles sei kein Problem. Die Mädchen könnten mittags gemeinsam aus der Schule in ihr Haus kommen, wo Lena, die Köchin, den beiden das Mittagessen servierte. Patrizia war froh, dass Melissa nicht allein war und nachmittags bei den Schularbeiten Gesellschaft hatte. Und ich war froh, weil ich meine Tochter gut behütet und versorgt wusste.

Ich hatte Melissa noch immer auf dem Arm und wartete, dass sie sich von dem Schreck erholte, als zwei Männer die Cafeteria betraten und sich suchend umsahen.

Ich wusste sofort, dass es Polizisten waren. Ich hatte mit zu vielen zu tun gehabt.

Diese beiden trugen Daunenjacken und Jeans, und ich erkannte sie weniger an ihrer Kleidung als vielmehr an diesem konzentrierten, suchenden Blick, mit dem sie den Raum durchstreiften. Als die Augen des Jüngeren, er mochte um die vierzig sein, auf mich trafen, sagte er etwas zu dem Älteren. Der wandte sich mir zu und musterte mich unter buschigen Augenbrauen, die mich an meinen Vater erinnerten. Fast sofort überkam mich dieses Gefühl, das ich seit meiner Kindheit kannte, wenn mich der strafende Blick meines Vaters traf. Ich hatte zwar nichts angestellt, fühlte mich jedoch schon mal prophylaktisch schuldig.

Kaum merklich nickte der Ältere in Richtung Tür, ich nickte automatisch zurück. Ich setzte Melissa auf dem Fußboden ab und schob mich an ihr vorbei auf die Männer zu. Sofort fing das Mädchen wieder an zu schluchzen.

Ich ging zurück und strich ihr beruhigend über den Kopf. Als das nichts half, ließ ich sie stehen und hoffte, Patrizia würde sie beruhigen, sobald sich Sven von dem Schreck erholt hatte.

Ich hatte nur noch die beiden Männer im Visier. Ich kannte das. Dieses Auftauchen von Kriminalbeamten aus dem Nichts. Es hatte noch nie etwas Gutes in meinem Leben bedeutet.

»Clara«, sagte Patrizia leise und vorwurfsvoll, als mein Arm sie streifte. Doch ich beachtete auch sie nicht.

Normalerweise habe ich in der Schule eine Art Bonus. Wenn ich Josey zu spät zum Unterricht bringe, ihr Pausenbrot vergesse oder mal wieder nicht zu einem Elternabend komme, ist immer jemand da, der meiner Tochter ein Brötchen kauft oder mir die Unterlagen vom Elternabend mitbringt. Dabei gibt es auch an dieser Schule im eleganten Hamburger Eppendorf viele allein erziehende Mütter. Die meisten sind geschieden und bekommen einen Unterhalt. Doch ich bin 45 Jahre alt und verdiene mein Geld allein. Ich habe in den Augen der Öffentlichkeit den Entführer meiner Tochter erschossen – und ich bin Witwe.

Kai und ich haben uns nie scheiden lassen. Keiner von uns beiden fand es besonders wichtig. Er starb zwei Jahre nachdem er uns verlassen hatte bei einem Unfall noch in seinem Auto. Ein LKW-Fahrer fuhr von hinten in ihn hinein, als es an einer Baustelle zu einem Stau kam. Es war ein polnisches Fahrzeug, zugelassen auf ein polnisches Unternehmen und mit einem polnischen Fahrer. Der LKW-Fahrer war, wie mein Mann, tot.

»Kommst du zurück?«, fragte Patrizia und ihre angespannte Stimme verriet, dass ich dabei war, an diesem Vormittag zumindest ihren Bonus zu verlieren. Bei einer prügelnden Sechsjährigen hören die Sympathien auf. Ich zuckte mit den Achseln, ohne mich umzudrehen.

Ich ging an den beiden Kriminalbeamten vorbei, und sie folgten mir hinaus auf den Schulflur.

»Sind Sie Clara Steinfeld?«, fragte der Ältere.

»Ja.«

Er sah seinen jüngeren Kollegen an, der um einen halben Kopf kleiner war als er und mindestens 50 Pfund leichter. Der Ältere war etwa ein Meter 90 groß, rund, fleischig und hatte eine zartrosa Gesichtsfarbe. Er erinnerte mich an ein gut gemästetes Freilandschwein mit viel Muße und wenig Stress.

An dem Jüngeren gab es nichts Rundliches. Alles an ihm war eckig und kantig und sehr dünn. Seine Schuhe, seine Schultern, sein Kinn und selbst die kaum mehr als fünf Millimeter langen Haarborsten schienen eckig und kantig zu sein. Das Einzige nicht Kantige an dem Mann waren sein viel zu langer, dünner Hals und seine schmalen Hände mit langen, eleganten Fingern, die die eines Pianisten hätten sein können.

Ein Haufen lärmender Kinder kam um die Ecke. Ihre Gesichter glühten noch von der Anstrengung des Sportunterrichts, und sie redeten aufgeregt durcheinander. Sie liefen an uns vorbei, ohne uns zu beachten.

»Können wir uns draußen unterhalten?«, fragte der Dicke.

Ich nickte. Ich hatte keine Ahnung, was sie von mir wollten. Doch es musste etwas Ernstes sein, sonst wären sie nicht in der Schule aufgetaucht, sondern hätten gewartet, bis ich in der Redaktion war.

Ich hatte einmal im Monat, an jedem vierten Mittwoch, den Milchdienst in der Cafeteria. Mehr konnte ich zeitlich nicht einrichten, und selbst das hatte in der Redaktion zu Kopfschütteln und bei manch anderer Mutter sicherlich zu Neid geführt. Doch auch in der Redaktion hatte ich meinen Schicksalsbonus – und manchmal nutzte ich ihn aus.

Außerdem kannte ich Claus Wernher, den Chefredakteur, seit meiner Kindheit. Ich hatte als Sechsjährige an einem windigen Nachmittag im April allein auf der Reckstange unseres Spielplatzes gesessen und ausgerechnet in dem Moment laut gerülpst, in dem er sich anschlich. Ich wurde knallrot, als er sich vor mir aufbaute, die Arme verschränkt und mit diesem Grinsen im Gesicht, das mich schon damals sprachlos machte. Seine Eltern waren zwei Tage zuvor in unsere Siedlung gezogen, und nachdem er mir gezeigt hatte, dass er auf Bestellung rülpsen konnte, wurden wir die besten Freunde. Wir machten zusammen Abitur und studierten zusammen Germanistik in Jena. Wir waren nie ein Paar, denn mit 16 erkannte er, dass er auf Jungs stand. Im Januar 1990 hatte Claus als Reporter beim »Hamburger Blatt« begonnen, das er heute als Chefredakteur leitete. Ich wurde zwei Monate später als Redakteurin für den Lokalteil eingestellt.

Ich hatte mit Claus nach Joseys Einschulung abgemacht, dass ich alle vier Wochen der morgendlichen Redaktionskonferenz fernblieb und in der Schule die Milch ausgab. Ich wollte Josey unbedingt das Gefühl geben, wir würden ein normales Leben führen und ihre Bedürfnisse wären mir wichtig. Und es war ihr sehr wichtig, dass auch ihre Mama wie die meisten anderen Mütter zum Milchdienst kam, also hatte ich mit Claus verhandelt.

Es musste etwas ungewöhnlich Wichtiges sein, wurde mir klar, als wir zu dritt in der Herbstsonne standen.

Der Dicke kniff die Augen im Gegenlicht zusammen, der Kleinere setzte eine Sonnenbrille auf. Es überraschte mich nicht, dass sie eckige Gläser hatte.

»Ich bin Hauptkommissar Peter Mankiewisc«, sagte der Dicke, zückte seinen Dienstausweis und deutete damit auf den Eckigen. »Das ist Hauptkommissar Michael Groß.«

Auch Groß zückte seinen Dienstausweis und hielt ihn mir unter die Nase. Ich weiß nicht, weshalb sie das jedes Mal tun. Kein Mensch schaut sich die Ausweise jemals genau an, und für jeden Kriminellen wäre es ein Leichtes, sie zu fälschen. Das behaupte ich nicht mal eben so. Das wusste ich. Ich hatte schließlich nicht umsonst sechs Jahre in einem Gefängnis für schwerkriminelle Frauen verbracht.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte ich.

»Würden Sie uns bitte sagen, wo Sie letzte Nacht waren?«, fragte Groß.

Ich hatte nichts verbrochen, und schon gar nicht in der vorherigen Nacht. Außerdem war ich ein gebranntes Kind. Nichts, aber auch gar nichts sollte jemals wieder dazu führen, dass ich ins Gefängnis zurückging.

Trotzdem erschrak ich bis ins Mark und geriet aus der Fassung. In dem Moment wollte ich nur noch eines, etwas ganz und gar Dämliches, vielleicht auch sehr Weibliches. Ich wollte, dass die beiden mich nett und kooperativ fänden.

Deshalb sagte ich: »Ich war zu Hause.«

»Kann das jemand bezeugen?«, fragte Groß.

»Am frühen Abend meine Tochter.«

»Die ist sechs?«

Ich nickte und fragte mich, was sie noch so alles über mich wussten und weshalb sie so genau informiert waren.

»Und danach?«

»Niemand«, sagte ich und fragte dann immerhin, weshalb sie das wissen wollten.

Mankiewisc übernahm das Reden, und das bedeutete, er ignorierte meine Frage.

»Sagt Ihnen der Name Claire Silberstein etwas?«

»Nein«, sagte ich und schüttelte den Kopf.

»Sind Sie sicher?«

»Ja«, sagte ich, dachte einen Moment nach und schickte ein »ziemlich« hinterher.

»Was heißt ziemlich?«

»Sie wissen, was ich beruflich mache?«, gab ich die Frage zurück.

»Sie sind Journalistin bei einer Tageszeitung.«

»Reporterin, um genau zu sein.«

»Und was hat das mit der Frage zu tun?«

»Als Reporterin bin ich ständig unterwegs. Ich recherchiere meine Artikel, führe Interviews. Manchmal drei in der Woche. Ich bin auch abends immer mal wieder unterwegs. Ich habe in den letzten Jahren Hunderte von Leuten getroffen.«

»Ja, Sie sind eine Berühmtheit. Und wir wissen sogar, was nur Eingeweihte wissen.«

»Und das wäre?«, fragte ich.

»Sie haben drei Bestseller unter einem Pseudonym geschrieben. Die ersten beiden noch während der Haft.«

Sie waren wirklich über alles informiert, und das verhieß nichts Gutes.

Ich antwortete nicht. Dass ich Bücher schrieb, war eines meiner bestgehüteten Geheimnisse. Lediglich meine engsten Freunde, mein Agent, der Cheflektor des Verlages sowie die Geschäftsführerin wussten, wer sich hinter dem Namen Mika Bechtheim verbarg. Meine vollständige Anonymität war Bestandteil meines Verlagsvertrages und nur mit meiner ausdrücklichen, zumal schriftlichen Genehmigung aufzuheben. Mir war nicht bekannt, diese Genehmigung jemals erteilt zu haben.

»Wollen Sie uns vielleicht ein Autogramm geben?«, fragte Mankiewisc.

»Seien Sie nicht zynisch«, erwiderte ich und beschloss, das Thema meiner Autorenschaft zu ignorieren. »Ich wollte lediglich sagen, dass ich nicht ausschließen kann, irgendwann vielleicht mal ein Gespräch mit dieser Frau geführt zu haben.«

»Sie können es nicht ausschließen. Aha.«

Ich mochte Mankiewiscs Art immer weniger, aber ich ließ mir nichts anmerken. Wenn ich wollte, konnte ich sehr professionell sein. Ich wollte gerade. Ich war nicht umsonst seit meinem 25. Lebensjahr Journalistin.

»Hören Sie«, sagte ich, und meine Stimme kroch eine Oktave tiefer in meinen professionellen Stimmbereich. »Vielleicht habe ich mal mit der Frau gesprochen. Vielleicht mal auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung, vielleicht auf einer Filmpremiere. Vielleicht aber auch in einem Gerichtsfall. Ich wollte lediglich sagen, dass mir der Name nicht bekannt vorkommt und in meinem Gedächtnis auch keine Glocken läuten.«

Mankiewisc nickte und sah seinen Partner an. Der zuckte mit den Schultern.

»Wir müssen Sie bitten, uns zu begleiten.«

»Weshalb?«, fragte ich.

»Claire Silberstein wurde heute Nacht ermordet.«

»Wo und wie?«, fragte ich schneller, als ich denken konnte. Reporterroutine. Was, wer, wo, wie, warum. Die fünf großen Ws. Niemand kommt in einer Story um sie herum.

»Ihre Leiche wurde heute Morgen im Hafengebiet gefunden. Der Fundort war nicht der Tatort.«

»Was hat das mit mir zu tun?«

»Wir glauben, dass Sie uns helfen können.«

»Ich hab Ihnen doch aber schon gesagt, dass mir der Name nichts sagt und dass ich heute Nacht zu Hause war. Auch wenn ich das nicht beweisen kann.«

»Sie haben gesagt«, sagte Groß, »Sie seien sich nur ziemlich sicher, dass Sie sie nicht kennen.«

»Gut«, sagte ich. »Dann jetzt fürs Protokoll: Ich kenne die Dame nicht. Ich bin ihr nie im Leben begegnet, hatte weder beruflich noch privat jemals etwas mit ihr zu tun.«

Groß schob sich die Sonnenbrille in die Stirn. Das sollte wohl besonders cool aussehen. »Claire Silberstein kannte aber Sie«, sagte er und fixierte mich mit stahlblauen Augen.

»Woher wollen Sie das wissen?«, fragte ich, und Mankiewisc antwortete wieder nicht direkt.

»Wir möchten es Ihnen zeigen.«

»Können Sie sich vielleicht mal konkreter ausdrücken?« Langsam gingen mir die beiden auf die Nerven. »Ich muss einfach wissen, weshalb ich mal eben so meinen Milchdienst ausfallen lassen muss und weshalb ich mit Ihnen irgendwohin durch die Stadt fahren soll, um danach auch noch viel zu spät zur Arbeit zu kommen.«

»Claire Silberstein hatte Ihre Adresse dabei und ein paar Sachen, die auf Sie hinweisen.«

»Das verstehen Sie unter konkret? Sachen?«

»Sachen«, wiederholte er.

»Was für Sachen? Meine Güte, mit der Interviewtechnik würden Sie aus jeder Redaktion fliegen.«

Mankiewisc trat einen Schritt auf mich zu. »Langsam nerven Sie mich, okay?«

»Sie mich auch«, sagte ich und wollte keineswegs mehr nett und kooperativ sein. Was dachten die sich? Dass sie das Recht gepachtet hatten, unhöflich zu sein? Oder dass sie mich einschüchtern konnten, nur weil ich schon einmal im Gefängnis gesessen hatte? Ich hatte angeblich ein Verbrechen begangen, und ich hatte meine Strafe abgesessen. Punkt.

»Jetzt hören Sie mir mal gut zu«, sagte Mankiewisc. »Wir haben heute früh eine Leiche im Freihafen gefunden. Eine Leiche mit einem Namen, der nirgendwo registriert ist. Und der einzige Anhaltspunkt sind Sie.«

»Was heißt das, nirgendwo registriert?«

»Das heißt, dass die Frau mit gefälschten Papieren unterwegs war. Das heißt, dass es diese Frau gar nicht gibt. Und es heißt, dass wir nichts in der Hand haben. Außer den besagten Sachen. Und dass Sie sich gerade immer verdächtiger machen.«

Mir riss langsam der Geduldsfaden.

»Was glauben Sie denn, mit wem Sie hier reden?«, blaffte ich.

»Mit einer Frau, die mal einen Mord begangen hat und die unbedingt ihren Job behalten muss. Sonst kann sie nämlich die Miete nicht mehr zahlen.«

»Totschlag«, sagte ich. »Bitte bleiben Sie korrekt, wenn Sie mir schon drohen wollen.«

Groß versuchte zu beschwichtigen. »Keiner will hier jemandem drohen.«

Mankiewisc aber hatte einen Tiefschlag gelandet. Weit unterhalb der Gürtellinie. Ich brauchte meinen Job. Ich war nicht auf das Geld angewiesen. Da irrte er gewaltig. Finanziell hatte ich durch Kais Lebensversicherung, die Auflagen meiner Bücher und den Verkauf von Auslandsrechten längst ausgesorgt. Doch ohne meine Reportertätigkeit wäre ein wesentlicher Teil meiner Existenz amputiert. Ein wichtiger Teil. Ich brauchte den Kontakt zu Menschen. Und das nicht erst, seitdem ich im Gefängnis gesessen hatte und sich meine Kontakte während der ersten Monate in Untersuchungshaft auf die Vollzugsbeamten und meinen Anwalt beschränkt hatten. Ich hatte das schon während meiner Kindheit gebraucht, und ich war wohl eines der unglücklichsten Kinder auf dem Planeten, wenn ich wegen einer Grippe das Bett hüten musste und meine Freunde mich nicht besuchen durften. Ich brauchte die Gewissheit, morgens die Wohnung verlassen zu können, um mich anderen Problemen als nur meinen eigenen zu widmen. Ich benötigte diese Parallelwelt, in der sich nicht alles nur um mich und Josey drehte. Ich brauchte sie wie das Glas Wasser, das ich jeden Morgen trank, bevor ich aufstand. Es erfrischte mich. Und genau das tat auch mein Job. Ohne ihn würde ich eingehen wie ein Fisch ohne Wasser.

Ich konnte mir in meinem Job sicherlich eine Menge leisten, aber ganz sicher nicht, erneut inhaftiert zu werden. Oder überhaupt nur als Verdächtige in Frage zu kommen. Ich brauchte meine Reputation, was auch immer das sonst bedeutete. Ich brauchte meinen guten Namen. Claus hatte mir nach meinem Gefängnisaufenthalt eine zweite Chance in der Redaktion gegeben – und ich hatte sehr viel Zeit und Mühe aufgewandt, um mich gegen Widerstände von Kollegen und Interviewpartnern durchzusetzen. Aber ich hatte es geschafft und mir noch einmal einen Ruf als seriöse und zuverlässige Journalistin erarbeitet. Noch eine Chance würde ich nicht bekommen. War mein Name diesmal im Eimer, war ich als Reporterin wertlos. Kein Mensch würde mehr mit mir reden – und niemand mehr mit mir arbeiten.

»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann«, sagte ich.

»Das wird sich rausstellen. Aber sicherlich möchten Sie uns helfen, so gut Sie können.«

»Sicher«, sagte ich. »Ganz sicher. Ich möchte nämlich nicht, dass Ihre Karriere durch zu wenig Menschenkenntnis und zu viel Unprofessionalität vorzeitig endet.«

Groß verzog die Mundwinkel. Fast hätte er gelächelt. »Dann kommen Sie also mit.«

»Warten Sie einen Moment«, sagte ich. »Ich muss mich zumindest beim Milchdienst abmelden.«

Groß nickte.

Ich ging zurück in die Cafeteria. Melissa saß mit Josey in einer Ecke. Sie hielten die Köpfe dicht beieinander und tuschelten, als hätte es ihren Streit nie gegeben. Verwundert war ich nicht. Die beiden zankten sich mindestens einmal am Tag, und kaum überlegte man, ob man versöhnlich eingreifen soll, hatten sie sich schon wieder vertragen.

Ich winkte den beiden Mädchen zu und sagte Patrizia, dass ich wegmüsste. Sie nickte nur, während sie eine neue Milchtüte auf den Tresen stellte und sich schon dem nächsten Kind in der Schlange zuwandte.

»Es tut mir leid«, sagte ich und ging hinüber zu Josey.

»Herzchen, ich muss jetzt mit den beiden Herren weg.«

»Sie sind von der Polizei«, sagte Melissa naseweis.

»Woher weißt du das?«

»Wenn im Fernsehen zwei Männer zu einem kommen und böse gucken, sind sie immer von der Polizei.«

Mich verblüffte ihre Beobachtungsgabe, und ich musste lächeln.

»Hast du was getan?«, fragte Josey, und ich schüttelte den Kopf: »Ich soll ihnen nur helfen.«

»Dann ist gut«, sagte sie.

»Bis heute Abend«, sagte ich und nahm sie auf den Arm. Sie lächelte, legte ihre Arme um meinen Hals und drückte mir einen Kuss auf den Mund.

»Wir bauen heute Nachmittag ein neues Haus für Lori und Matti«, sagte sie. Lori und Matti waren Melissas neue Puppen. »Mellie darf heute Mittag meinen neuen Mantel haben. Dafür krieg ich ihren.«

Ich lächelte, doch es war kein freudiges Lächeln. Sie tauschten manchmal die Sachen, wie alle Mädchen auf diesem Erdball es seit Generationen tun und immer wieder tun werden. Meine erste Tochter Johanna hatte es mit ihrer besten Freundin Katharina auch getan. Das war ihr zum Verhängnis geworden. Denn meine Tochter sollte nicht entführt werden, sondern die Tochter des Immobilientycoons David Plotzer. Doch weil die beiden von ähnlicher Statur waren und sich auch sonst mit ihren dicken Mützen und Mänteln ähnelten, hatte der Entführer sie verwechselt. Er entführte das Mädchen mit dem dunkelblauen Parka. Und der gehörte Katharina. Doch die trug an jenem verhängnisvollen Januartag den leuchtend roten Wintermantel meiner Tochter.

Vielleicht sollte ich deshalb ängstlich darauf achten, dass Josey ihre Sachen nicht mit Melissa tauschte. Doch das Leben hat mich gelehrt, dass man manche Schicksalsschläge nicht vermeiden kann. Und dass es sehr viel wichtiger ist, alles zu tun, damit die Kinder glücklich sind, statt sie zu sehr zu behüten oder unter Verschluss zu halten oder ihnen gar ihre einfachsten Freuden zu verbieten.

»War das deine Idee?«

Josey schüttelte den Kopf.

»Meine«, sagte Melissa. »Sie hat gesagt, ich darf mir was wünschen.«

»Hm«, sagte ich und fühlte mich auf eine merkwürdige Weise zufrieden. Gut, meine Tochter hatte ihrer besten Freundin einen heftigen Fausthieb verpasst – und das tun gute Mädchen nicht.

Immerhin aber hatte sie verstanden, dass sie zu weit gegangen war und ihren nagelneuen, hellblauen Daunenmantel als Tausch-Trumpf eingesetzt, damit Melissa ihr nicht mehr böse war. Das war doch schon mal ein Erziehungserfolg.

Ich wünschte den beiden viel Spaß und versprach, pünktlich um halb sieben zu Hause zu sein. Melissa wohnte nur 200 Meter von uns entfernt auf derselben Straßenseite. Manchmal holte ich Josey ab. Manchmal begleitete Melissas Vater meine Tochter zu uns nach Hause, manchmal das Kindermädchen. Doch manchmal ging sie auch allein. Wir wohnten in einer belebten Straße in Eppendorf, und es gab keinen Anlass anzunehmen, dass die Gegend nicht sicher war. Und es gab auch keinen Anlass anzunehmen, dass meine zweite Tochter entführt würde. Das widerspräche dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Jedenfalls sagte ich mir das immer wieder. Mehrmals am Tag sogar, wenn ich ehrlich war.

Denn natürlich hatte ich Angst. Die Angst lauerte in mir und wartete nur auf einen unbedachten Augenblick. Sie lauerte wie ein ausgehungerter Polarbär nach dem Winterschlaf. Wenn ich sie nicht ständig kontrollierte, fraß sie sich durch meine Organe, durch meine Nerven, durch meine Seele. Und anschließend spuckte sie mich aus, und von mir blieb nichts zurück als eine zitternde Hülle, die am liebsten die Schlafzimmerjalousien herunterließ und sich im Dämmerlicht unter der Bettdecke verkroch.

Immer bohrte diese Angst in mir. In jeder Sekunde, in jeder Minute. Tag und Nacht. Sie verließ mich nicht. Die Angst, auch dieses Kind zu verlieren, wie es mir offenbar bislang beschieden war, jeden zu verlieren, den ich liebte und der mich liebte. Als Erstes verlor ich meine Mutter, dann meine Tochter, schließlich meinen Vater und dann Kai. Bis nur noch Josey und ich übrig waren.

Als ich aus der Haft entlassen wurde, ging ich noch am selben Tag auf den Friedhof. Ich schwor an Johannas Grab, dass ich das ungeborene Kind in mir behüten und beschützen würde. In jedem Moment meines Lebens bis zu meinem letzten Atemzug. Dieses Kind, dieses großartige, vollkommene Geschenk des Lebens an mich, würde ich nicht verlieren. Durch nichts und niemanden. Dieses Kind würde leben, eigene Kinder bekommen und später Enkel und Urenkel.

Kapitel 2

Ich hatte mit einem silberfarbenen Mercedes gerechnet, wie er deutschlandweit von der Polizei gefahren wurde. Stattdessen aber fuhren wir in einem Zivilfahrzeug, einem neuen Audi A6 mit Ledersitzen und Automatikgetriebe.

Ich saß hinter meinen neuen Bekannten auf dem Rücksitz. Während der Fahrt ins Landeskriminalamt schwiegen wir zunächst. Auf der sich lang hinziehenden Eppendorfer Landstraße staute sich der Verkehr, und die beiden stellten die Sirene aufs Dach.

Als wir in die Alsterdorfer Straße einbogen, wurde es ruhiger. Die Sirene blieb dennoch, wo sie war, und jaulte durch die Straße.

»Silberstein war nicht ihr richtiger Name«, meinte Groß und sah mich im Rückspiegel an.

»Das sagten Sie bereits«, erwiderte ich.

»Wir haben sie erst vor ein paar Stunden gefunden. Wir stehen mit den Ermittlungen noch ganz am Anfang. Die Frau hatte einen Führerschein auf den Namen Silberstein dabei. Wohnhaft in Berlin. Sonst fanden wir keine Papiere. Sie ist aber dort nicht registriert. Deshalb gehen wir davon aus, dass es nicht der richtige Name ist. Ihre Fingerabdrücke haben wir durch den Computer laufen lassen. Ohne Ergebnis.«

»Das heißt doch lediglich, dass die Frau nie kriminell war.«

»Das heißt, dass wir sie nie erwischt haben«, korrigierte mich Groß.

»Woher wissen Sie, dass Sie Deutsche ist?«

»Wir wissen es nicht. Sie sind wirklich der einzige Anhaltspunkt, den wir bislang haben.«

Ich schwieg, denn ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

»Ist heute nicht einfach, ein Kind allein großzuziehen und einen guten Job zu machen«, sagte Groß in das Schweigen. Ich erwiderte nichts.

»Alle Achtung«, sagte Groß. »Hut ab.«

»Es gibt Millionen alleinerziehende Frauen«, sagte ich. »Was ist daran so bemerkenswert?«

»Ist es nicht schwer für Sie?«, fragte Groß und lächelte mir im Rückspiegel aufmunternd zu.

»Was?«

»Nun schon zum dritten Mal in die Pathologie zu fahren?«

»Hören Sie auf«, sagte ich.

»Womit?«

»Mit dieser abgehalfterten Nummer vom guten und vom bösen Cop. Ihre Rolle ist ja noch schlimmer als die Ihres Kollegen.«

»Sind Sie schon mal von der Polizei vernommen worden?«

Ich schaute einen Moment überrascht. Sie wussten es doch ganz genau. Sie kannten meinen Fall. Das war mir längst klar.

Das letzte Mal hatte mich die Polizei vernommen, als ich die Leiche meines Mannes identifizierte und sie mich über sein berufliches und privates Umfeld befragten. Denn es gab bei seinem Tod ein paar Ungereimtheiten. Der LKW-Fahrer hatte eine Kugel im Kopf und war zur Zeit des Aufpralls bereits tot gewesen. Das hatte die Obduktion der Leiche ergeben. Die Polizei ging schließlich davon aus, dass der polnische Fahrer einen Anhalter mitgenommen hatte, der ihn ausrauben wollte und schließlich erschossen hatte. In seiner Panik war er dann weitergefahren, bis er den LKW im Stau auf das Auto meines Mannes gefahren hatte. Danach war er geflüchtet. So lauteten zunächst die Vermutungen. Der Täter wurde nie gefasst, und schließlich schloss die Polizei die Akten.

Vielleicht hätte ich das nicht auf sich beruhen lassen dürfen. Doch ich habe lange Gespräche mit meinem Freund John Hart geführt. John war der Therapeut, der mich im Moorfleeter Frauengefängnis behandelt hatte. Außerdem arbeitete er als Gerichtsgutachter. Er half mir während meiner Haft, mit Johannas Tod zurechtzukommen. Und er half mir mit seinem Gutachten über meine psychische Stabilität, auf Bewährung entlassen zu werden. Nach seiner Einschätzung würde ich niemals einen Mord begehen – und ich versichere jedem: Er hat recht. Nachdem ich meine Haft verbüßt hatte, suchte ich ihn etwa alle drei Monate auf. Als Kai mich verließ, trafen wir uns einmal die Woche, und nach und nach freundeten wir uns an. Er hat mich durch diese Trennung begleitet. Weniger als Therapeut, sondern mehr als Freund, der an so manchem Abend eine Flasche Rotwein mit mir leerte und versuchte, mich aufzubauen und mir klarzumachen, dass ich an dieser Trennung keine Schuld trug. Er hatte mir geraten, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen und mich um Josey zu kümmern. Das hätte Vorrang vor allem.

Das erste Mal hatten sie mich in der ehemaligen DDR vernommen, als meine Mutter verschwand. Sie hatte nie mit mir über ihre Fluchtpläne gesprochen, doch sie hatte diesen Brief hinterlassen. Auf hellblauem Papier. Er war auf unserer Reiseschreibmaschine geschrieben worden. Sowohl mein Vater als auch ich hätten ihn schreiben können, denn er trug keine Unterschrift. Man hat meinen Vater monatelang verdächtigt, seine Frau umgebracht zu haben. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Ehe meiner Eltern in den Monaten vor ihrem Verschwinden nicht gerade gut gewesen war.

Mein Vater hatte für die Nacht, in der sie verschwand, kein Alibi, denn er war mit ihr allein zu Hause. Am nächsten Morgen rief er in ihrer Schule an und meldete sie krank. Fünf Tage später stand der Schuldirektor Cornelius Rauh vor der Tür, weil es keinen Krankenschein gab. Mein Vater erzählte seine Geschichte und zeigte ihm den Brief. Noch am selben Tag wurde er verhaftet.

Nach ein paar Tagen ließen sie meinen Vater gehen. Sie hatten keine Leiche und keine Beweise, weder für ihren Tod noch für ihre Flucht.

Der Fall hatte Schlagzeilen gemacht, und als die Mauer gefallen war, suchte die Polizei im ganzen Land nach meiner Mutter. Doch sie blieb wie vom Erdboden verschluckt.

Ich habe meine Mutter geliebt. Wir beide, mein Vater und ich, haben sie geliebt. Der Tod eines geliebten Menschen ist nicht nur schmerzhaft, sondern er trifft einen wie eine Abrissbirne. Alles fällt innerlich auseinander, und man ist nicht in der Lage, die Fassade aufrechtzuerhalten, mit solcher Gewalt wird man vernichtet. Wenn der Tod so früh eintritt wie bei Johanna und Kai, dann hadert man mit allem. Doch irgendwann gibt es einen Punkt, an dem man sich mit dem Verlust abfindet und aus dem Schutt etwas Neues aufbaut. Nicht, weil die Zeit die Wunden heilt oder der Schmerz vergeht. Immer wenn ich an meine erste Tochter und meinen Mann denke, überkommt mich der Schmerz mit derselben Wucht. Doch man findet sich damit ab, weil der Tod eine unleugbare Tatsache ist. Meine erste Tochter starb einsam und qualvoll in einem alten Wasserturm. Sie starb, weil sie an diesem Tag ihren Mantel mit dem Parka ihrer Freundin getauscht und in der Manteltasche ihr Asthmaspray vergessen hatte. Dieses Wissen ist grausam, und es kann einem den Boden unter den Füßen wegreißen.

Wenn ein Mensch jedoch einfach so von heute auf morgen verschwindet, dann ist das zwar auch eine Tatsache, doch diese Tatsache wirft zu viele Fragen auf. Fragen, die nicht zuließen, dass ich mich von meiner Mutter innerlich verabschiedete und sie gehen ließ, wie ich es mit Kai und Johanna getan hatte.

Meine Mutter legte ihr altes Leben ab und schlüpfte in ein neues, und die beiden Menschen, die sie am meisten geliebt hatten, hat sie mit abgelegt, wie man einen alten Mantel ablegt, der einem nicht mehr gefällt. Monatelang fuhr ich in jenem Sommer 1989 abends durch die Gegend, um den Gedanken in meinem Kopf zu entkommen – und wohl auch in der Hoffnung, sie vielleicht irgendwo zufällig zu treffen oder zu sehen, wie sie aus einem Geschäft oder einem Restaurant kommt. Und ihr dann all die Fragen zu stellen, die mich verfolgten.

Immer wieder habe ich mich in den ersten Jahren gefragt, weshalb sie mich nur mit einem Brief aus ihrem Leben verbannte? Weshalb redete sie nicht mit mir? Ich war doch erwachsen. Hätte sie mir ihre Gründe erklärt, ich hätte sie verstanden. Doch so fragte ich mich, was wir falsch gemacht hatten. Ob wir sie nicht genug geliebt hatten. Oder ob sie uns nicht genug geliebt hatte. Wo sie wohl war? Mit wem? Warum? Warum? Diese letzte Frage nagte in mir auch jetzt noch, wenn ich über mein Leben nachdachte. Dann lag ich wach und fragte mich trotz aller selbst errichteten Mauern und Schutzwälle, weshalb mich das Schicksal so hart getroffen hat? Ich will nicht von Strafe reden. Denn weshalb sollte ich bestraft werden? Ich hatte nichts Unrechtes getan.

Wenn ein Mensch und noch dazu die eigene Mutter verschwindet, nagen immer Zweifel in einem: Lebt sie noch? Atmet sie irgendwo dieselbe Luft wie ich? Ist sie glücklich? Oder traurig? Denkt sie manchmal an uns und fragt sich, wie es uns geht? Würde sie ihre Entscheidung gerne rückgängig machen, oder hat sie sie nie bereut? Und vor allem: Weshalb? Weshalb hat sie diese Entscheidung getroffen? Diese Fragen verfolgten mich seit zwanzig Jahren. Sicher, ich konnte sie verdrängen, mir in Gedanken eine mit Samt ausgeschlagene Zigarrenkiste bauen und jedes Mal, wenn sie durch irgendeinen Anlass hochkamen, dort hineinpacken und den Deckel zuklappen. Das konnte ich, und im Verlauf meines Lebens hatte ich gelernt, den Deckel immer fester zu verschließen.

Ich war 1989 mehrmals von der Polizei vernommen worden. Immer wieder musste ich etwas zu der Ehe meiner Eltern sagen. Sie führten eine Ehe wie Tausende andere auch. Sie hatten in den 1950er Jahren geheiratet, ein Haus gebaut und 1964 ihre Tochter – mich – bekommen. Sie meisterten alle Schwierigkeiten gemeinsam und waren in diesen 30 Jahren nicht einen Tag getrennt. Doch ein paar Monate, bevor meine Mutter verschwand, war etwas geschehen. Etwas Namenloses hatte sich in die Ehe meiner Eltern geschlichen, und man merkte es nur daran, dass sie begonnen hatten, sich aus dem Weg zu gehen. Sie stritten sich nicht. Das hatten sie nie getan. Wenn mein Vater wütend auf meine Mutter war, ging er im Sommer in den Hausgarten oder fuhr zu seinen Bienen. Im Winter ging er in den Keller und schnitzte einen neuen Kerzenständer oder drechselte Rosetten, die er dann an irgendwelche Schränke oder Kommoden klebte. Aber in diesem Frühjahr 1989 verschwand er bereits morgens zu seinen Bienen und kam erst zurück, wenn meine Mutter längst zu Abend gegessen hatte. Und meine Mutter begann allein, seltsame Ausflüge zu machen.

Natürlich durchleuchtete die Polizei damals auch mein Alibi. Doch ich verteidigte an dem Tag im 350 Kilometer entfernten Jena meine Diplomarbeit und nahm zwei Tage nach dem Verschwinden meiner Mutter mein Diplomzeugnis aus der Hand des Rektors der germanistischen Fakultät entgegen.

Auch das mussten Mankiewisc und Groß wissen, wie sie ebenso wussten, dass ich laut Gerichtsurteil eine Mörderin war. Selbst wenn das offizielle Urteil nicht von Mord, sondern von Totschlag sprach. Für einen Mord braucht man so genannte niedere Motive. Habsucht, Neid, Gier. Das alles waren laut Anklage aber nicht meine Beweggründe. Ich hatte nur einen einzigen Grund: Rache. Und theoretisch war das richtig. Nur dass der Mann meine Tochter nicht entführt und ich ihn nicht erschossen hatte.

Doch alles sprach gegen mich. So machte mein Anwalt einen Deal mit der Staatsanwaltschaft, ich bekannte mich schuldig und bekam neun Jahre mit der Option, bei guter Führung nach sechs Jahren entlassen zu werden.

Ich beschloss, Groß' Frage, ob ich schon einmal von der Polizei vernommen worden war, nicht zu beantworten. Sie war zu lächerlich.

Mankiewisc und Groß wiederholten die Frage nicht.

Die Pathologische Abteilung des Landeskriminalamtes war im Keller.

Wir nahmen den Fahrstuhl und fuhren ins Untergeschoss. Schweigend liefen wir einen neonerleuchteten Gang entlang. Unsere Schritte hallten in einem seltsam nervösen Rhythmus auf den braunen Fliesen wider. Wenn Mankiewisc zwei Schritte machte, machte Groß drei und dann wieder zwei, und ich versuchte, mich diesem Durcheinander anzupassen und alles andere auszublenden. Es war jedes Mal ein Kraftakt für mich, diesen Korridor entlangzugehen. Ich hatte hier meine Tochter und später Kai identifiziert, und in den letzten Jahren hatte mich der eine oder andere Todesfall als Reporterin hergeführt. Seit Kais Tod hatte ich jedoch auf der anderen Seite gestanden und selbst die Fragen gestellt. An diesem sonnigen Oktobertag allerdings war ich hier, um wieder einmal welche zu beantworten, und das verunsicherte mich. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete und wie ich mich verhalten sollte. Ich wusste nur eines: Die beiden hatten eine weibliche Leiche, von der sie annahmen, dass ich sie kannte. Wenn das stimmte, dann wollte ich meine Reaktion unter Kontrolle haben.

Groß öffnete die Stahltür, die in die Pathologie führte. Der Raum war in einem hellen Beige gefliest, das an Tristesse nicht zu überbieten war. Sechs fahrbare Bahren aus glänzend poliertem Edelstahl standen in einer Reihe längs nebeneinander. Bis auf eine waren sie alle leer. Ich registrierte es nüchtern.

Dr. Umlandt, ein erfahrener Pathologe um die sechzig, mit dem ich beruflich schon häufiger zu tun hatte, stand vor dieser Bahre und sprach etwas in ein Diktaphon. Als er uns sah, lächelte er, beendete die Aufnahme und steckte das kleine weiße Gerät in die Brusttasche seines grünen Kittels.

Die Frau, die auf der Bahre lag, war nackt. Dr. Umlandt nahm ein weißes Laken von einem Instrumententisch neben der Bahre und bedeckte ihre Blöße. Ihre Füße schauten unter dem Laken hervor. An ihrem großen Zeh hing ein gelber Zettel. Aus der Ferne wirkte er wie ein Preisschild. Ich konzentrierte mich auf diesen Zettel und fragte mich, wie hoch der Preis für eine Leiche heute auf dem Schwarzmarkt war und ob dieser unsägliche Plastinate-Doktor, der Leichen zerschnitt und weltweit in Ausstellungen zeigte, sie alle legal erworben hatte.

Ich wollte der Frau nicht ins Gesicht sehen. Ich hatte Angst, und als ich merkte, wie eine Gänsehaut meinen ganzen Körper überzog, begann ich, meine Atemzüge zu zählen. Ich wusste, dass Groß und Mankiewisc mich beobachteten.

Dr. Umlandt gab mir die Hand. »Wie geht es Ihnen?«

Ich zuckte mit den Achseln.

»Sind Sie bereit?« Er schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln, und ich nickte.

Als er das Laken von ihrem Gesicht zurückschlug, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel.

Die drei warteten auf meine Reaktion. Ich spürte es, auch wenn ich wie gebannt auf die Frau vor mir starrte. Die Frau, die ich zum letzten Mal im August 1989 gesehen hatte – und die meine Mutter war, auch wenn sich alles in mir dagegen sträubte.

Ich wurde nicht ohnmächtig, ich schrie nicht, ich schnappte nicht nach Luft. Ich starrte auf die Leiche und konnte den Blick nicht abwenden. Gedanken schossen durch mein Hirn. Keinen konnte ich einfangen.

Sie hatte ein Allerweltsgesicht. Oval und schmal, mit ein paar tief eingekerbten Falten über der Oberlippe, wie sie Raucher häufig aufweisen, einer steilen Falte zwischen den Brauen und einer trockenen Haut, glanzlos und matt über den Wangen. Ihre einst so schönen braunen Augen waren geschlossen, und das Alter hatte einen verbitterten Zug in ihr Gesicht gezeichnet. Sonst gab es nichts Erwähnenswertes. Bis auf die Tatsache, dass sie eine Art milchige Duschhaube trug und ich wusste, weshalb sie die aufhatte: Sie hatten ihr den Schädel geöffnet.

»Sie ist erschossen worden?«

Dr. Umlandt nickte. Ich blickte noch einmal in ihr Gesicht, das so fremd und zugleich so vertraut war.

»Neun Millimeter«, sagte Groß. »So viel wissen wir schon mal.«

»Wie viele Kugeln?«, fragte ich, als hätte mein Gehirn auf Automatik geschaltet.

»Eine«, sagte Dr. Umlandt. »Direkt auf den vierten Halswirbel aufgesetzt. Das setzt sehr gute anatomische Kenntnisse voraus und eine sichere Hand.«

»Und ist sie irgendwo rausgekommen?«

Umlandt schüttelte den Kopf. »Sie ist im vorderen Hirnlappen hängengeblieben.« Er machte mit dem Zeigefinger eine Bewegung vom Hinterkopf hinauf zum vorderen Schädellappen.

»Dann ist sie im Sitzen erschossen worden.«

Groß sah mich erstaunt an.

»Die Flugbahn«, sagte ich. »Von hinten unten nach vorn oben. Dazu muss man nun wirklich kein Genie sein.«

Ich betrachtete den Körper unter dem Laken von den Zehen bis zu der Duschhaube. Ihre Beine waren seltsam kurz im Vergleich zu ihrem langen Oberkörper. Mein Vater und ich hatten darüber manchmal heimlich gelästert und sie Dackelbeine genannt. Obgleich sie nicht krumm waren. Aber sie besaßen eine ähnliche Rundlichkeit und gingen in einen ähnlich satten Po über.

»Kennen Sie sie?«, fragte mich Mankiewisc, doch ich starrte weiter wie paralysiert auf den Körper und antwortete nicht.

»Kennen Sie sie?«, wiederholte er stoisch.

Reflexhaft wollte ich nein sagen, als könnte ich ihren Tod damit rückgängig machen, doch ich brachte es nicht über die Lippen. Schließlich fragte ich noch einmal, wie sie darauf gekommen waren, dass ich sie kennen würde.

Groß sah Mankiewisc an.

»Sie hatte Ihre Adresse in der Tasche.«

Ich schaute noch einmal auf meine Mutter.

»Und was noch?«, fragte ich ungeduldig. »Was hatte sie noch dabei? Sie sprachen von Sachen. Eine Adresse ist aber keine Sache.«

Mankiewisc winkte Umlandt zu. Der nahm einen blauen Plastiksack von dem Instrumententisch.

»Zeitungsausschnitte«, sagte Mankiewisc, »und Fotos.«

Dr. Umlandt schüttete den Inhalt des Sacks auf dem Bauch der Frau aus. Ich fand das pietätlos, aber vielleicht wird man ja so gleichgültig, wenn man Tag für Tag nur mit Leichen zu tun hat.

Eine hellgraue Flanellhose fiel heraus, dann ein schwarzer Kaschmir-Pullover. Eine schwarze, gesteppte Jacke. Schneeweiße Unterwäsche. Umlandt schüttelte noch einmal. Eine schwarze Handtasche mit aufgenähtem Außenfach. Ein Paar Pollini-Schnürschuhe. Außerdem ein brauner Papierumschlag, wie sie in Behörden verwendet werden. Bis auf den Umschlag packte Umlandt alles zurück in den Plastiksack.

Er öffnete den Umschlag. Auf den Bauch meiner Mutter fielen eine goldene Armbanduhr mit Gliederarmband, ein goldenes Medaillon und ein Handy. Nichts davon kam mir bekannt vor. Umlandt griff in den Umschlag. In der Hand hielt er zwei Zeitungsausschnitte, sorgfältig auf die Größe einer Brieftasche zusammengefaltet, und Fotos. Allerdings gab es weder ein Portemonnaie noch eine Brieftasche. Er reichte mir die Papiere.

Ich warf einen Blick auf die Artikel.

Mir zitterten die Knie. Ich lehnte mich gegen die Bahre.

Mein Fall vor Gericht. Mit einem Foto von mir und dem Opfer. Ich konnte Christian Bruchsahl nicht ansehen. Auch nach diesen vielen Jahren nicht. Er war ein ganz normaler Mann gewesen. Eine unscheinbare Gestalt von mittlerer Größe, mit mausbraunem Haar und einem dieser unauffälligen Dutzendgesichter, wie man sie oft im Vorbeigehen sieht, ohne sie zur Kenntnis zu nehmen. Er war Mitte vierzig, Single, und er war Arzt.

Seitdem meine Tochter Johanna ein Jahr alt war, litt sie an einer besonders schweren Form von Asthma. In der kurzen Lebenszeit, die sie hatte, war sie fünfmal auf der Intensivstation gewesen.

Und dieser Arzt, dieser Doktor der Allgemeinmedizin, der einen hippokratischen Eid abgelegt hatte, Leben zu retten, dieser Mann sollte das Leben meiner Tochter beendet haben, weil sie ihr lebensrettendes Asthmaspray nicht bekam? Wenn das zutraf, dann war er ein Monster und nicht berechtigt, Arzt zu sein, nicht berechtigt, jemals wieder einen Menschen zu heilen. Nicht berechtigt zu leben. So hatte ich das in dem Moment empfunden, als ich ihm die Pistole an den Kopf setzte.

Doch im Angesicht seines Todes sagte er ganz ruhig den einen Satz: »Ich habe Ihre Tochter nicht entführt, doch ich trage einen Teil der Schuld.«

Ich muss ihn angesehen haben wie eine Irre. Ich war völlig überrascht, und mein Gehirn schaltete auf Autopilot. Zehn Tage, nachdem sie Johannas Leiche gefunden hatten, hatte ich einen anonymen Brief mit seinem Namen und seiner Adresse erhalten. Jemand hatte mir mitgeteilt, dass der Arzt Dr. Jörn Bruchsahl meine Tochter entführt hatte. Ich war so glücklich, dem Mörder meiner Tochter einen Namen und ein Gesicht geben zu können, dass ich es ohne jeden Zweifel geglaubt hatte und während der ganzen Autofahrt in dieses 60 Kilometer entfernte Dorf nicht ein einziges Mal darüber nachdachte, ob mir jemand eine falsche Information unterschieben wollte. Ich hatte während dieser Fahrt nur überlegt, ob meine Devise »Auge um Auge« nicht vielleicht doch das Relikt aus einer fernen Zeit war. Mein Vater hatte mir zugeredet, den Mann zu töten, wenn ich seiner habhaft werden konnte. Doch es war auch für ihn eine theoretische Option. Mit Kai sprach ich nicht darüber, weder über den anonymen Brief noch über mein Vorhaben. Er war Anwalt, und ich kannte seine Einstellung. Niemals hätte er erlaubt, dass ich mich außerhalb des Gesetzes bewege. Mein Vater jedoch vertrat die Meinung, dass man Menschen, die Kinder töteten oder sterben ließen, selbst töten durfte und dass keine Gefängnisstrafe hart oder gerecht genug sein konnte, ihre Schuld zu sühnen. Vielleicht rührte seine Rigorosität daher, dass er im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen war und viele seiner Freunde in diesem Krieg umgekommen waren. Und wenn sie nicht im Krieg gefallen waren, dann waren sie nach dem Krieg in den russischen Lagern gestorben. Oder in deutschen Gefängnissen, wie sein bester Freund Johnny 1951 in Bautzen. Die Generation meiner Eltern trug zu viele Tote in ihren Herzen mit sich. Ich aber wurde erst 1964 geboren. Dennoch waren meine Ansichten ähnlich rigoros wie die meines Vaters. Das war nicht immer so gewesen. Doch vielleicht lag es daran, dass mit dem Tod meiner Tochter ein Teil in mir zerbrochen war und tief unter den Trümmern dieser Katastrophe begraben lag.

Ich erinnerte mich genau an den Tag, an dem sie meine Tochter fanden. Der Winter war für hanseatische Verhältnisse überraschend kalt und schneereich gewesen. Doch an diesem Tag schmolz der Schnee in den Rinnsteinen. Es war der 21. Januar 1996, und als ich von ihrem Tod erfuhr, erstarb in mir jedes Empfinden. Ich brach nicht zusammen und ich schrie und weinte auch nicht.

In dem Augenblick, als ich Johanna mit ihrem schmerzverzerrten Gesicht in diesem fremden Parka und mit einem herabhängenden Schleifenband an ihren hellroten Winterstiefeln im Stadtpark liegen sah, wurde ich eine Andere. Eine, die ich nie zuvor gewesen war. Eine, die lebte und atmete, ohne es zu fühlen. Eine, die aß und trank, nicht, weil ich hungrig oder durstig war, sondern weil ich nur so überleben konnte. Und das allein zählte: mein Überleben, damit ich den Mörder meiner Tochter finden konnte. Innerhalb dieses Augenblicks zersprang ich und bestand nur noch aus einem einzigen Gefühl, dem übermächtigen Verlangen nach Rache, das sich wie ein schwerer Fels auf mein Herz und meine Seele legte und alles unter sich begrub. Ich wollte denjenigen, der für den Tod meiner Tochter verantwortlich war, weder vor Gericht noch hinter Gittern sehen. Ich wollte, dass er stirbt, und ich wollte, dass er durch meine Hand stirbt. So schwor ich meiner toten Tochter, sie zu rächen.

Doch als ich diesem Arzt meine Pistole an die Schläfe setzte und er nur den einen Satz sagte und mir dabei fest in die Augen sah, wusste ich, dass Rache ein untaugliches Motiv war und ich niemals einem anderen Menschen das Leben nehmen könnte. Ich gehörte nicht zu der Generation meiner Eltern, die mit dem gewaltsamen Tod aufgewachsen war. Ich wurde in einer Zeit geboren, als ein bescheidener Wohlstand auch die damalige DDR erreichte. Als ich auf die Welt kam, kauften sich meine Eltern ihren ersten Berliner Roller und ließen sich für einen Trabant auf die Warteliste setzen.

Ich legte meine Waffe auf den Tisch. Ich entschuldigte mich nicht. Ich saß einfach nur schweigend vor ihm und starrte auf meine Hände. Und dann weinte ich, und der Mann, den ich noch Momente zuvor töten wollte, reichte mir ein Taschentuch, legte die Glock auf den Küchenschrank und kochte mir einen Pfefferminztee. Wir unterhielten uns sehr lange – und dann ging ich.

Die Waffe vergaß ich, als ich das Haus verließ, vermutlich aus lauter Angst, sie weiterhin mit mir zu tragen. Hätte der Mann mir nicht so ruhig und fest in die Augen gesehen, hätte ich ihn erschossen. Er wäre der Falsche gewesen – und dieser Gedanke ließ mich erzittern.

Ich legte den Artikel beiseite. Der nächste handelte von Kais Unfall. Es war ein sehr wohlwollender Artikel über mich und diesen neuerlichen Schicksalsschlag in meinem Leben. Ich kannte ihn. Claus, mein Chefredakteur, hatte ihn geschrieben, auch wenn er gewusst hatte, dass Kai und ich längst getrennt waren.

Ich sah ihn mir nicht weiter an, sondern betrachtete die Fotos. Eine Stahlzwinge umklammerte mein Herz und presste es zusammen, bis ich das Gefühl hatte, es würde unter dem Druck aufhören zu schlagen.

Mein Blick streifte die Fotos, eines nach dem anderen. Ich erkannte alles sofort. Ich, Clara, bei meinem Prozess, ich nach der Haftentlassung. Kai und ich bei der Taufe unserer Tochter Josephine. Meine Tochter am Tag der Einschulung mit ihrer Schultüte. Ich konnte nicht länger hinsehen. Zu sehr war ich damit beschäftigt, meine Tränen zurückzuhalten und mein Herz am Schlagen zu halten.

»Da ist noch etwas«, sagte Mankiewisc in die Stille, die nur vom leisen Geräusch des Papiers unterbrochen wurde, wenn ich die Fotos eines nach dem anderen auf die Bahre legte.

Er gab mir die Kette mit dem Medaillon, und ich öffnete es.

Ich dachte, mir würden die Beine wegbrechen. Mankiewisc machte eine Bewegung mit dem Kopf, Groß ging zur übernächsten Bahre und holte mir den Stuhl, der dort stand.

Ich ließ mich darauf fallen.

»Alles in Ordnung?«, fragte Dr. Umlandt. Am liebsten hätte ich ihn angeschrien, dass er doch wohl sehen würde, dass hier nichts in Ordnung wäre. Aber ich war zu erschöpft.

Auf der linken Seite des Medaillons lachte mir ein junger Mann entgegen, den ich nie zuvor gesehen hatte. Es war eine vergilbte Schwarzweißaufnahme. Die Aufnahme mochte 50 Jahre alt sein. Auf der anderen Seite des Medaillons steckte das Porträt eines Kindes. Ich kannte dieses Kind. Das Mädchen auf dem Foto, das war ich selbst im Alter von etwa sieben Jahren.

Ich sah auf den toten Körper vor mir.

»Haben Sie die Narbe gefunden?«, fragte ich Dr. Umlandt.

Er nickte. »Mehrere.«

Ich stutzte. »Zeigen Sie sie mir«, sagte ich.

»Welche?«, fragte er.

»Alle«, sagte ich. »Ich will sie alle sehen.«

Dr. Umlandt zog die Duschhaube zurück. »Sie hat eine alte am Hinterkopf...«

»Nein«, unterbrach ich ihn mit einer viel zu schrillen Stimme und hob abwehrend die Hände. »Ich will den Bauch sehen.«

Er schlug das Laken zurück.

Große weiße Brüste flossen zu den Armen hin auseinander. Darunter wölbte sich ein breiter Bauch, dessen Haut trotz der Fülle und des Alters erstaunlich fest und straff wirkte. Er war in der Mitte frisch geöffnet und wieder vernäht worden. Unter diesem Bauch hatte sich eine schlaffe Falte wie ein schützender Schal bis auf den Schambeinhügel gelegt.

Ich machte eine Bewegung mit den Augen.

Dr. Umlandt griff nach der Falte und hob sie etwas an. Ich stand von dem Stuhl auf und beugte mich vor.

Da lag sie vor mir, immer noch bläulich, immer noch gezackt und wie ausgefranst.

Meine Mutter hatte mit 15 Jahren einen Blinddarmdurchbruch gehabt. Sie wurde operiert. Tagelang hatten Ärzte und Schwestern 1944 in einem deutschen Lazarett in Polen um ihr Leben gerungen. Doch in der Bauchhöhle hatte es weitergeeitert. Schließlich hatten sie ihr den Bauch geöffnet und sie einfach liegen gelassen. Sie dachten wohl, sie würde sterben. Aber meine Mutter war nicht gestorben. Sie hatte diesen unbedingten Lebenswillen, den ich von ihr geerbt habe. Menschen wie uns kriegt man nicht unter. Man kann uns vielleicht klein machen, aber auf Dauer unterkriegen lassen wir uns nicht. Wir stehen immer wieder auf. Zehn Tage lang floss der Eiter über ein Tuch aus der offenen Wunde ab. Dann begann sie langsam zu heilen.

Diese Narbe, die keiner Narbe glich, die ich jemals gesehen habe, lag nun vor mir und ich starrte sie an und konnte die Augen nicht abwenden.

»Frau Steinfeld?« Mankiewiscs Stimme drang an mein Ohr.

Ich wandte mich ab. Groß stand genau hinter mir. Meine Augen trafen seine.

»Frau Steinfeld«, sagte er leise.

Ich schüttelte den Kopf.

»Aber das ist sie doch«, sagte er.

»Sie müssen es bestätigen«, sagte Mankiewisc. »Wir brauchen es für die Identifizierung.«

Ich drehte mich zurück, sah noch einmal in das Gesicht meiner Mutter und schaute dann zu Mankiewisc.

»Sie ist meine Mutter«, sagte ich.

»Sind Sie sicher?«

Ich zeigte auf die Narbe und erklärte ihm ihre Herkunft.

Sie ließen mich gehen, doch es blieb etwas zurück, was ich nicht benennen konnte. Ein unbestimmtes Kältegefühl, das sich von innen gegen meine Magenwand drückte.

Kapitel 3

Ich saß in einem weinroten Plüschsessel im Wintergarten meines Stammcafés »Five-a-Clocks« und schaute durch die Glasfront in den Mittagshimmel, der sich schwer und trübe über dem weiten, aufgewühlten Wasser der Außenalster wölbte. In der Ferne verlor sich das Weiß eines einsamen Segelbootes zwischen den Lichtern der Stadt, die sich in dem Binnensee spiegelten. Ich rührte mechanisch in meinem Milchkaffee und fragte mich zum wiederholten Mal, was ich jetzt tun sollte. Ich hatte Dr. Umlandt eine Blutprobe gegeben. Eine umfassende Genanalyse würde erst in ein paar Wochen vorliegen, doch Dr. Umlandt meinte, ein vorläufiges Ergebnis könnten sie schon in einigen Tagen haben.

Die Frage ihrer Identität beunruhigte mich nicht, und Mankiewisc und Groß zweifelten ebenso wenig. Ich hatte nur bestätigt, was sie sich ohnehin gedacht hatten. Sie hatten mir erklärt, dass ihr Bild in der Zeitung veröffentlicht würde. Vielleicht kämen sie so auf eine Spur. Vielmehr konnten sie nicht tun. Es hätte keinen Sinn, Hotels abzuklappern und ihr Foto vorzulegen. Dazu bräuchten sie eine Hundertschaft an Polizisten, und es war nicht einmal gesagt, dass sie nicht doch bei irgendjemandem gewohnt hatte. Sie sagten außerdem, dass nicht auszuschließen sei, dass es sich um einen Raubmord handelte. Meine Mutter hatte kein Portemonnaie und kein Bargeld bei sich gehabt. Der Führerschein hätte in der Außentasche der Handtasche gesteckt.

Ich zweifelte an der Raubmord-Theorie. Der Schusskanal bewies, dass sie gesessen hatte. Und da sie laut Dr. Umlandt keine Spuren von Gewalt aufwies, war es durchaus denkbar, dass sie den Täter gekannt und ihm vertraut hatte. Außerdem hätte ein Raubmörder sicherlich Kette, Uhr und Handy mitgenommen. Mankiewisc hielt dagegen, dass eine ausländische Gang mit professionellen Tätern sie auf einer Bank im Park hätte überfallen und ausrauben können. Das erinnerte mich an eine Mordserie zwei Jahre zuvor in Mannheim. Eine osteuropäische Gang aus ehemaligen Jugoslawien-Kämpfern hatte dort innerhalb eines halben Jahres 23 alte Frauen in ihren Wohnungen erschossen und ausgeraubt. Nie den Schmuck, immer nur das Bargeld. Ich hatte den Fall als Reporterin verfolgt und ein paar Artikel darüber geschrieben. Die Mordserie hatte in ganz Deutschland eine Panik unter älteren Frauen ausgelöst. Gegen diese Theorie sprach, dass es keine weiteren Opfer gab. Ich konnte mir eine Menge vorstellen, doch es erschien mir unvorstellbar, dass meine Mutter das Zufallsopfer eines Raubmordes geworden sein sollte.

Die beiden Kommissare hatten mir versichert, dass sie sich melden würden, sobald sie etwas Neues erfahren hätten. Und ich sollte in der Stadt bleiben. Unbedingt. Es könnte sein, dass sie noch Fragen an mich hätten. In meinen Ohren klang das wie eine Drohung, auch wenn Groß versicherte, es sei reine Routine. Ich glaubte ihm nicht.

Ich wusste nicht, was ich überhaupt glauben sollte. Ich wusste auch nicht, was ich fühlte. Trauer? Ich verspürte keine. Wut? Ich fand keine. Überraschung, dass ich meine Mutter gefunden hatte, obwohl ich sie nicht gesucht hatte? Ich hatte keine Antwort. Ich fühlte mich benommen und eher so, als hätten meine Gefühle automatisch auf Halbmast geflaggt, ohne zu wissen, worum es eigentlich ging.

Während ich in meinem Kaffee rührte, näherte sich das Boot mit einer Geschwindigkeit, die mich erstaunte. Es war ein Katamaran, der an diesem Mittag den wohl letzten Segeltörn vor der Winterpause unternahm. Ein Mann in dunkelblauer Wetterjacke und mit einem blauen Käppi saß auf einer der Kufen, den Oberkörper weit auf das Wasser hinausgelehnt und die Segelleine fest in der Hand. Gischt spritzte auf und hinterließ weiße, schaumumkronte Wellen, die mich an die dicken Locken meiner Mutter erinnerten. Immer, wenn sie feucht waren, kräuselten sie sich zu Dutzenden widerspenstiger Löckchen, die sie in den Wahnsinn getrieben hatten. Und sie waren sehr frühzeitig grau geworden. Auch das hatte sie wahnsinnig gemacht, denn sie wollte ihre Haare nicht färben. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuschte, war sie schon mit 45 Jahren fast weißhaarig.

Die Tote hatte blond gefärbte Haare, und ich fragte mich, weshalb meine Mutter auf einmal ihre Haare gefärbt hatte, woher sie das Geld für diese teuren Sachen hatte und warum sie einen anderen Namen angenommen hatte?

Es gab nur eine Antwort: Sie wollte nicht erkannt werden – und diese Antwort beunruhigte mich. Denn die nächsten Fragen lauteten: Vor wem hat sie sich versteckt? Vor mir? Vielleicht. Doch was hatte sie von mir zu befürchten? Fragen, die ihr nicht passten? Ärger, Wut, Enttäuschung? Das mochte ihr nicht in den Kram gepasst haben. Aber ich bezweifelte, dass sie meinetwegen einen anderen Namen angenommen hatte. Nein, meine Mutter musste andere, schwerwiegendere Gründe gehabt haben.

Die nächste Frage lautete: Weshalb hatte man sie umgebracht? Eine 79 Jahre alte Frau, die sich 20 Jahre früher aus der ehemaligen DDR abgesetzt hatte.

Nachdem ich meine Mutter identifiziert hatte, hatten mich Mankiewisc und Groß noch über eine Stunde vernommen. Auch sie stellten diese Fragen, doch ich konnte ihnen nicht helfen.

Ich wusste nichts über die letzten 20 Jahre im Leben dieser Frau. Und während ich wie aufgezogen in dem Kaffee rührte, war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob ich überhaupt etwas über sie wusste. Sie war meine Mutter, und seit Ende der 1950er Jahre hatte sie als Deutschlehrerin gearbeitet. Meistens war sie eine liebevolle Mutter, lustig, belesen und gescheit. Dennoch hatte sie eine unüberwindbare Mauer umgeben. Manchmal lag sie ganze Nachmittage in einem abgedunkelten Zimmer. Sie fühle sich unwohl und habe Kopfweh, hieß es, und ich dürfe sie nicht stören.

Ich lernte schnell, dass ich mich nicht an meine Mutter wandte, wenn ich Probleme hatte. Ich ging auch nicht zu meinem Vater, obwohl ich ihn über alles liebte und verehrte. Ich ging zu meinem Freund Claus. Waren die Probleme in unseren Augen dennoch unlösbar, dann gingen wir zu seiner Mutter, die Hausfrau war und uns zuerst einmal einen Kakao kochte. Dann saßen wir zu dritt am Küchentisch und konnten uns unsere Alltagskatastrophen von der Seele reden. Danach sah die Welt meistens sehr viel rosiger aus.

Meine Mutter hatte sich nicht gemeldet, als die Mauer gefallen war. Dennoch schien sie seitdem häufig in meiner Nähe und über jeden Schritt in meinem Leben informiert gewesen zu sein. Sie hatte sich in die Klinik geschlichen, als Johanna geboren worden war. Sie hatte dort Fotos von ihrer Enkelin gemacht. Sie war über die Entführung informiert, über meinen Prozess, über die Haftstrafe. Das belegten die Fotos. Dennoch hat sie nie Kontakt zu mir aufgenommen. Weder telefonisch noch schriftlich. Ich war ihr nicht einmal eine Beileidskarte zum Tod ihrer Enkelin wert gewesen.

Ich war selbst Mutter. Man muss schon sehr gefühlskalt sein oder außerordentlich unter Druck stehen, um sich nicht um die Tochter zu kümmern, wenn sie in Bedrängnis gerät. So viele Dinge waren in meinem Leben geschehen, und diese Frau war einfach nicht bei mir gewesen. Sie hat mich großgezogen und bestimmt hat sie mich geliebt. Doch in diesem Augenblick war sie eine Fremde für mich.

»Immerhin werden die Abstände zwischen den Katastrophen in deinem Leben immer länger«, sagte Claus, legte zwei weiße DIN-A4-Umschläge auf den auf Hochglanz polierten Mahagonitisch und setzte sich mir gegenüber.

Ich hatte ihn angerufen und erzählt, was passiert war. Er hatte nicht lange gezögert und mir vorgeschlagen, den Tag frei zu nehmen und mich über Mittag in diesem Café zu treffen.

Ich verdrehte die Augen.

»Ich hab unseren Freund angerufen«, sagte Claus, als ich keine Antwort gab.

»Weshalb?« Ich wusste genau, wen er meinte.

»Weil du alle Hilfe brauchst, die du kriegen kannst.«

»Wieso sollte ich Hilfe brauchen?«

»Du bist nicht aus dem Schneider, wenn du das glaubst.«

»Sie haben mir aber geglaubt«, erwiderte ich.

»Ich hab Quellen, wie du weißt«, sagte Claus. »Sie ermitteln in alle Richtungen.«

»Das ist ja wohl immer so, wenn sie nichts haben.« Ich konnte eine abwehrende Schärfe in meiner Stimme nicht unterdrücken.

»Sie haben dich schon mal inhaftiert, obwohl du nichts getan hast.«

»Sie sind Menschen. Sie irren eben manchmal.«

»Hör auf mit diesem philanthropischen Schmarren. Sie stehen unter Druck. Sie brauchen eine Aufklärungsrate. Vor allem bei Mord. Du weißt das. Sie hätten dich vor 13 Jahren niemals verurteilen dürfen. Es war ein reiner Indizienprozess.«

»Das stimmt nicht. Sie hatten die Pistole, meine Pistole. Mit meinen Fingerabdrücken. Und eine Tasse mit meinem Lippenstift. Die Nachbarin hat mein Auto erkannt und mich. Ich habe nie geleugnet, dort gewesen zu sein.«

»Aber du hattest das Haus verlassen und du hast ihn nicht getötet.«

»Ich konnte es nicht beweisen und vielleicht ...« Meine Stimme hing in der Luft.

»Willst du sagen, du hast ihn doch umgebracht?«

»Nein, meine Güte. Ich hatte kein Motiv, weil er es einfach nicht gewesen ist.«

»Worüber habt ihr euch unterhalten in dieser Stunde? Er muss dir doch damals etwas erzählt haben, das dir bewies, dass er nichts mit der Entführung zu tun hatte.«

»Das geht dich nichts an. Die Geschichte ist vorbei.«

Claus sah mich an und schüttelte heftig den Kopf, so dass ihm eine Strähne seines dichten dunklen Haares ins Gesicht fiel.

»Ich bin dein Freund. Ich habe immer respektiert, dass du nie darüber reden wolltest. Aber vielleicht tust du es langsam mal.«

Claus schaltete sein Lächeln ein. Es war dieses charmante, liebenswürdige und ein bisschen freche Grinsen, das ich seit unserer Kindheit kannte. Er konnte das wie kein Zweiter. Er erinnerte mich dann immer an Sean Connery in jungen Jahren. Mit einem maskulinen, trainierten Körper, an dem kein Gramm Fett zu viel saß. Leider war Claus aber eben schwul.

»Er hatte selbst Asthma«, sagte ich schließlich.

»Und deshalb glaubst du, er hätte deine Tochter nicht sterben lassen?«, fragte er, und das Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war.

»Genau.«

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Ich sag doch, es hat keinen Zweck, es dir zu erklären. Er war Arzt. Jemand hat ihn und mich gelinkt. Ich war besessen davon, Johannas Mörder zu finden. Ich hätte damals alles und jedem geglaubt. Vergiss nicht, mir gehörte die Tatwaffe. Und ich war so blöd, sie dort liegen zu lassen. Weißt du, was ich mich die ganzen Jahre gefragt habe? Wie hätten sie ihn umgebracht, wenn ich die Waffe nicht dabeigehabt hätte und der Verdacht dennoch auf mich fallen sollte? Denn sie hätten ihn umgebracht, und mich hatten sie zur Verdächtigen auserkoren.«

»Weshalb bist du so sicher?«

»Sie haben sich so viel Mühe gemacht, mich dorthin zu locken. Jemand muss gewusst haben, dass ich bereit war, meine Tochter zu rächen.«

»Das war ja wohl kaum ein Geheimnis. Du hast es doch jedem erzählt, so verzweifelt wie du warst«, sagte er und nahm meine Hand. »Wir haben nur alle nicht geglaubt, dass du es wirklich tun würdest, Clara.«

»Deshalb«, sagte ich und schaute ihm in die Augen. »Deshalb hast du mich nach der Haft wieder eingestellt. Du hast dich schuldig gefühlt, weil du es mir nicht ausgeredet hast.«

»Nein«, sagte Claus und schüttelte den Kopf. »Als ich dich einstellte, warst du Ende dreißig und hattest ein zweites Kind. Du warst im Gefängnis und du wolltest unbedingt wieder arbeiten. Ich wusste, du würdest härter arbeiten als jeder andere und du wärst mir gegenüber immer loyal. Es war also reiner Egoismus.«

»Du meinst, such dir eine gefallene Frau, die einen Neuanfang will, und sie stellt an Arbeitswut, Ehrgeiz und Disziplin alles in den Schatten.«

»So ähnlich«, sagte Claus.

»Aber du brauchtest das Okay von ganz oben. Sonst hätte es nicht funktioniert, denn so weit reichen deine Befugnisse nicht.«

Er schwieg einen Moment und kratzte sich die Stirn, wie er es immer tat, wenn er eine Entscheidung traf. »Ich habe dich eingestellt, weil ich einen Anruf erhielt. Diana Schiller hat mich angerufen. Ohne ihr Okay hätte ich dich nie im Leben durchboxen können.«

Diana Schiller war die erheblich jüngere Frau des Verlagseigentümers Christian Schiller, der vor ein paar Monaten an einem Herzinfarkt gestorben war. Sie musste jetzt Anfang sechzig sein. Ich wusste, dass mich die Geschäftsführung geschützt hatte, aber ich wusste nicht warum. Und ich wusste nicht, dass diese Frau, die ich nicht einmal persönlich kannte, darauf gedrängt hatte, dass ich eine zweite Chance beim »Hamburger Blatt« erhielt.

»Warum hat sie das getan?«

»Ich weiß es nicht. Ich kann nur Vermutungen anstellen.«

»Das ist doch dein Job. Also meine Offenheit gegen deine.«

»Ihr erster Sohn hat sich mit 18 umgebracht. Man sagt, sie ist nie darüber hinweggekommen.«

»Man sagt? Was ist das denn für eine Floskel? Niemand kommt darüber hinweg, wenn das eigene Kind vor einem stirbt. Egal wie alt das Kind ist. Es ist gegen jede natürliche Ordnung.«

»Ich nehme an, das sieht sie ebenso. Allerdings war es gar nicht ihr eigenes Kind. Es war nur seins.«

»Wie?«, fragte ich.

Claus zuckte mit den Schultern. »Mehr weiß ich nicht. Hat mich auch nie interessiert. Das war vor unserer Zeit.«

»Weshalb hast du mir nie erzählt, dass sie dich angerufen hat?«, stellte ich meine nächste Frage, als führte ich ein Interview

»Sie wollte es nicht.«

»Und das hat dir als Grund gereicht.«

»Sicher«, sagte Claus. »Sie ist der Boss. Ich hab übrigens etwas für dich.«

Ich sah ihn fragend an. Seine Hand lag auf dem oberen Umschlag.

Einen Moment erwiderte er meinem Blick, dann sah er weg. Es war kein besonders gutes Zeichen für das, was in dem Umschlag auf mich wartete.

Er drehte den obersten um und schob ihn mir über den Tisch zu. Auf dem Umschlag stand mein Name.

»Was ist das?«

»Mach es auf. Es kam mit einem Boten, bevor ich ging.«

»Weshalb hast du ihn geöffnet?«

Er schüttelte den Kopf.

Ich zog vier DIN-A4-Seiten mit Porträtfotos in Passbildgröße heraus. Das erste war ein unscharfes, grobkörniges Foto von Kai, das offenbar aus einer Zeitung abfotografiert worden war. Das zweite zeigte meine Mutter. Das dritte Foto zeigte meine Tochter Johanna. Man hatte ihre Gesichter mit einem roten Filzstift durchgestrichen. Eine Faust umklammerte mein Herz. Ich wusste, wen ich auf dem vierten Foto sehen würde.

Fast schlagartig sank die Raumtemperatur auf den Gefrierpunkt. Nicht noch einmal, dachte ich. Bitte. Wenn das Ganze noch mal von vorne losgeht, breche ich zusammen. Ich legte die drei Fotos nebeneinander auf den Tisch. Dann sah ich das vierte Foto an. Meine Tochter Josephine lachte mir entgegen.

Ich biss die Zähne aufeinander, bis die Kieferknochen schmerzten, und wies auf den anderen Umschlag.

»In dem sind Duplikate. Hab ich fotokopiert.«

Ich schwieg.

»Das ist eine Drohung«, sagte Claus. »Und deshalb solltest du David Plotzer treffen.«

Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte diesen Mann nicht mehr sehen.

Der Psychotherapeut John Hart hatte mich im Gefängnis gelehrt, Dinge auszublenden. Bis zu einem gewissen Grad kann das selbstverständlich jeder. Aber wenn man für etwas, das man nicht getan hat, neun Jahre hinter Gitter geht und weiß, dass man sechs davon auf jeden Fall absitzen muss, dann überlebt man diese Zeit nur dann halbwegs unbeschadet, wenn man sich nicht ständig mit überflüssigen Fragen quält. Warum ich? Warum geschieht mir dieses schreiende Unrecht? Was habe ich verbrochen, dass man mich so straft?

Ich lernte durch ihn, im Hier und Jetzt zu sein, meine Vergangenheit abzustreifen, nicht an die Zukunft zu denken, sondern nur das zu tun, was der Augenblick von mir verlangte. Ich lernte nicht nur, Zigarrenkisten mit Samt auszuschlagen und unliebsame Gedanken hineinzupacken. Ich lernte auch, verschiedene Welten zu entwerfen, die ich säuberlich voneinander trennen konnte. Ich konnte mich mit einem Aspekt meines Lebens befassen und jeden ablenkenden Gedanken aus meinem Bewusstsein verbannen. Bei Filmen wie »Road to Perdition« fragten sich die Zuschauer vielleicht, wie Tom Hanks tagsüber Auftragskiller der Mafia sein konnte und abends nach Hause kam, um seiner Frau und seinen zwei Jungs ein liebender, verständnisvoller Vater zu sein. Robert de Niro im »Paten« konnte es auch. Ich verstand durch John Hart, wie sie es machten. Ich tat es ihnen nach, obgleich sie Männer waren und ich eine Frau und es mir sehr schwer fiel, mein Leben in einzelne Segmente aufzuteilen. Geht es jedoch ums Überleben, kann das jeder trainieren. Bei mir ging es weniger um ein physisches als vielmehr um mein psychisches Überleben. Ich wollte als der Mensch aus der Haft entlassen werden, als der ich sie angetreten hatte. Ich wollte mich nicht verbiegen lassen, nicht zynisch werden, nicht mitleidlos und nicht rachsüchtig. Ich hatte verstanden, wohin es Menschen führen konnte. Deshalb lernte ich, parallele Universen zu entwerfen. Ich hatte mein ganzes Leben so aufgeteilt. Hier meine Kindheit. Dort meine Eltern. Hier meine Ehe und meine erste Tochter. Dort meine Inhaftierung. Hier meine Trennung und dort mein neues Leben allein mit Josey fern all der Katastrophen und Schicksalsschläge.

Ich war auf diese Fähigkeit nicht stolz. Ich hatte sie gelernt, weil ich sonst zu einem seelischen Wrack geworden wäre. Sie barg jedoch ein paar nicht unerhebliche Risiken und Gefahren in sich, und ich erfuhr in diesem Moment, welche.

Denn was war, wenn alle diese Universen miteinander verbunden waren? Wenn es einen Schlüssel gab, den ich nur nicht besaß, oder eine Verbindung, die ich nie gesehen hatte, weil ich die Ereignisse in meinem Leben niemals in einen Zusammenhang gestellt hatte? Was, wenn sie meiner Tochter Josephine etwas antaten? Was, wenn sie starb? Oder ich? Was wurde dann aus ihr?

Eine Welle des Selbstmitleids drohte, mich mit sich zu reißen. Ich ließ es nicht zu, blieb rational und überlegt. Ich hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging, und ich hatte im Augenblick auch keine Chance, es herauszubekommen.

Doch eines wusste ich genau: Etwas Bedrohliches war gerade in mein Leben getreten, und es bedrohte Josey und mich. Ich wusste nicht, von wem es kam oder weshalb oder in welcher Gestalt. Doch ich musste Josey schützen, und David Plotzer konnte uns helfen. Niemand wusste das besser als ich.

»Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen«, sagte ich und rieb mir die Stirn.

»Bitte ihn um Hilfe.«

»Nein«, sagte ich bestimmt.

»Meine Güte, Clara. Sei nicht immer so ein Dickschädel.«

»Nicht heute. Nicht diese Diskussion«, sagte ich und winkte bestimmt ab. »Ich habe gerade meine Mutter wiedergefunden. Als Opfer eines Mordes. Und jetzt wird das Leben meiner Tochter bedroht. Diese Fotos sollen doch wohl sagen, dass Johannas Tod, Kais Tod und der meiner Mutter zusammenhängen, oder?«, fragte ich und hoffte trotz allem, ich wäre im Irrtum. Denn in dem Moment, als ich es aussprach, wurde mir klar, dass das tatsächlich das Beängstigendste war, was mir passieren konnte: einen Zusammenhang zwischen den Toten zu finden.

»Glaub ich nicht«, sagte Claus. »Johanna wurde aus Versehen entführt, dein Ex starb bei einem Unfall, nachdem er sich längst getrennt hatte, und deine Mutter ... Tja, was soll ich sagen?«

»Kai starb durch einen Unfall. Das mag sein. Aber wenn es nun doch keiner war? Wenn der Kerl, der den LKW gefahren hat, ein angeheuerter Profi war und es auf ihn abgesehen hatte?«

»Du siehst zu viele Krimis.«

»Ich schreibe welche«, sagte ich, und Unruhe kroch in meine Beine. »Und hier liegen vier Fotos.«

Meine Beine kribbelten. Ich sollte aufstehen und machen, dass ich hier raus und zu Josey kam.

»Du weißt, dass ein Mord ein Motiv braucht.«

»Eben«, sagte ich und stand auf. »Und die Frage ist, welches. Ich muss jetzt los.«

Ich war schon am Gehen. Dann drehte ich mich noch einmal um, stopfte die Fotos zurück in den Umschlag und nahm beide mit.

»Meine Güte, Clara. Kai war Scheidungsanwalt. Er vertrat keine Kriminellen, weder Mörder noch Wirtschaftsverbrecher. Es gab also niemanden, der ihn so hasste, dass er ihn tot sehen wollte. Vielleicht hatte er es mit ein paar durchgeknallten Ehemännern zu tun. Aber gemeinhin beruhigen die sich, wenn die Scheidungen durch sind. Und wenn nicht, bringen sie die Ex um, aber nicht den Anwalt. Jedenfalls hab ich noch nie davon gehört.«

Ich wandte mich ab. Ich wollte nur noch zu Josey. Ich musste sie hören, sehen, anfassen.

Ich rannte aus dem Café.

»Schalte zumindest die Polizei ein!«, rief Claus mir hinterher.

Ich drehte mich nicht um. Ich überlegte längst selbst, ob ich Mankiewisc oder Groß anrufen sollte. Sie hatten mir ihre Visitenkarten gegeben. Für alle Fälle, wie Groß gesagt hatte. Ich entschied, sie später zu informieren. Es gab Wichtigeres zu tun.

Kapitel 4

Ich lief an der Hundewiese entlang zum Parkplatz, während ich mein Handy aus der Tasche kramte und Patrizias Kurzwahl eingab.

»Sie spielen oben im Kinderzimmer«, antwortete Patrizia, als ich fragte, wo die Mädchen seien. Ich sagte ihr, sie solle sie um keinen Preis der Welt vor die Tür lassen, und legte auf. Ich hörte noch, wie sie fragte, was los sei.

Mein nachtblauer Range Rover stand eingekeilt zwischen einem schwarzen BMW und einem silberfarbenen Mercedes. Ich riss die Fahrertür auf, sie knallte gegen die Tür des Mercedes. Ich sah nicht nach, ob sie den Lack beschädigt hatte.

Ich brauchte eine gute Viertelstunde von der Außenalster in die Hochallee. Das lag weniger an der Entfernung als vielmehr an den Ampeln und der Baustelle. Wieder mal. In Hamburg wurden ständig irgendwelche Siele erneuert. Vor einem Jahr hatten sie die Alsterkrugbrücke aufgerissen. Zur Rushhour war da nichts mehr gegangen. Jetzt hatten sie den Harvestehuder Weg vor den Villengebäuden des traditionsreichen »Hoffmann und Campe Verlags« aufgerissen, und die Straße war nur noch einspurig befahrbar. Auch hier ging erst mal nichts mehr. Ich trommelte auf dem Lenkrad herum und wartete an der Ampel auf grünes Licht.

Josey war bei Patrizia Weiden in Sicherheit. Ich wusste das. Aber manchmal reicht das Wissen nicht. Manchmal muss man etwas sehen, etwas berühren, etwas riechen können, um sich davon zu überzeugen, dass man recht hat.

Patrizia wohnte in der Gründerzeit-Villa, in der sie aufgewachsen war. Ihre Eltern hatten dem hanseatischen Schmuddelwetter vor sechs Jahren den Rücken gekehrt und waren an den Comer See gezogen. Damals hatten Patrizia und Patrick sowohl das Haus als auch die Importfirma von Patrizias Eltern übernommen. Als Erstes hatte Patrick die Sicherheitsvorkehrungen im Haus auf den neuesten Stand bringen lassen. Seither waren sie über Videokameras und Bewegungsmelder mit einer Sicherheitsfirma verbunden. Außerdem gab es Personal: Köchin, Gärtner, Kindermädchen, Haushälterin. Meistens sah man sie nicht, aber sie waren tagsüber immer da und schliefen nachts in einem Nebengebäude, in dem jeder ein kleines Apartment bewohnte.

Genervt drückte ich auf die Hupe, als das Fahrzeug vor mir nicht anfuhr, obwohl wir längst Grün hatten.

Ein paar Minuten später fand ich meine Tochter lachend mit Melissa in Patrizias Küche. Lena, die Köchin, hatte ihnen gerade ein Omelett mit Salat und Kakao serviert.

»Hallo, meine Süßen«, rief ich schon in der Tür und winkte Melissa zu, während ich zu Josey ging und sie an mich zog.

»Mama«, sagte meine Tochter und entzog mir ihren Kopf. Sie hatte die Stirn in Falten gelegt.

»Komm«, sagte ich und wollte sie vom Stuhl nehmen. »Wir müssen los.«

»Wir wollten das Haus bauen.«

»Wir müssen«, beharrte ich.

»Ich will den Kakao noch trinken«, sagte sie und umklammerte den Becher.

»Ich mach dir zu Hause einen neuen.«

»Nein«, sagte sie. »Ich möchte noch hierbleiben.« Ihre Stimme hatte einen quengeligen Unterton.

Ich runzelte ebenfalls die Stirn und sah ratlos auf sie herab. Ich wollte sie zurechtweisen, ließ es dann aber. Josey konnte sehr dickköpfig werden. Zu gern würde ich die Schuld auf Kai schieben und behaupten, das habe sie von ihm. Doch das stimmte nicht. Kai war zwar konsequent, aber niemals dickköpfig gewesen. Er hatte immer nach einem Kompromiss gesucht. Das hatte schon sein Beruf verlangt. Aber vielleicht war er auch Scheidungsanwalt geworden, weil er glaubte, dass das Leben aus Kompromissen bestand. Dickköpfig, das war ich. Meine Mutter hatte früher immer gesagt, ich wollte mit dem Kopf durch die Wand.

»Ich bestell uns eine Pizza mit Salami«, sagte ich. Es war eine ihrer Lieblingsspeisen.

Die Bestechung nutzte nichts.

Ich hörte Lena mit ein paar Töpfen klappern. Ich drehte mich zur Spüle, sah jedoch nur ihren breiten Rücken, der in einen noch breiteren Hintern überging. Sie ließ Wasser über eine Pfanne laufen und schrubbte sie mit einer Bürste.

Ich schaute Patrizia an. Die zuckte mit den Achseln. Offensichtlich war sie immer noch sauer, weil ich sie bei der Milchausgabe alleingelassen hatte, und nun war ich auch noch Lena zu nahe getreten. Patrizia schätzte so ein Verhalten nicht besonders. Sie legte Wert auf gutes Benehmen, auf Contenance, auf Stil.

»Ich hab ihren Schulranzen oben. Ich hol ihn schnell«, sagte sie und verschwand aus der Küche. Ich rannte ihr hinterher und erklärte, dass ich eine Tote identifiziert hatte. Ich erzählte ihr nicht, dass es meine Mutter war, denn ich wollte sie nicht beunruhigen, und sie fragte nicht weiter nach. Dafür war sie zu diskret, und ich liebte sie dafür.

Ich ging zurück in die Küche und sah Josey zu, wie sie das Omelett mit der Gabel zerteilte.

Mein Handy klingelte.

»Beeil dich«, sagte ich zu Josephine und verließ die Küche. Im Flur ging ich ran.

»Frau Steinfeld? Hier spricht Peter Mankiewisc.«

»Was kann ich für Sie tun?«

»Claus Wernher hat uns angerufen.«

Ich biss die Zähne aufeinander. Ich liebte ihn. Er war mein bester Freund. Aber er hatte nicht über meinen Kopf hinweg die Polizei zu verständigen über eine Geschichte, die nur mich etwas anging.

»Bringen Sie uns die Fotos vorbei«, sagte er.

»Ich kann jetzt nicht.«

»Frau Steinfeld, das sind Beweismittel.«

»Für was?«, fragte ich.

»In einem Mordfall«, sagte er. »Oder glauben Sie allen Ernstes, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat?« Ich glaubte, eine gewisse Panik in seiner Stimme zu hören. Doch das passte nicht zu ihm. Dieser Mann war Kommissar mit mindestens 30 Jahren Berufserfahrung, und er hatte auf mich wie ein Fels in der Brandung gewirkt.

»Interessiert mich jetzt nicht«, sagte ich voller Abwehr und hätte mich ohrfeigen können. Ich hatte nicht vor, ihn schon wieder zu verärgern. Ich war nur eine so schlechte Taktikerin, wenn ich zu emotional war und mich nicht im Griff hatte.

»Wir wollen sie auf Fingerabdrücke und Spuren untersuchen.«

»Machen Sie sich nicht lächerlich. Es wird nur meine und die von Claus geben«, sagte ich und legte auf

Es klingelte kurz darauf noch mal. Ich ignorierte es.

Patrizia kam die Treppe herunter. Die Treppe war so weiß wie die Wände, so weiß wie die Fußbodenkacheln in der Küche, im Flur und im Bad. Ich hatte keine Ahnung, wie man mit einem Kind und einem weißen Fußboden klarkam. Wahrscheinlich ging das nur mit einer Haushälterin, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun hatte, als für Reinheit und Ordnung zu sorgen.

Ich ging zurück in die Küche. Meine Tochter hatte ihr Omelett aufgegessen.

»Können wir?«, fragte ich, und sie nickte.

Lena räumte die Teller vom Tisch.

»Danke«, sagte ich und reichte ihr die Hand. Sie lächelte. Es war ein Friedensangebot, als sie ihre warme, vom Abwasch noch feuchte Hand in meine legte.

Josey zog im Flur ihren Daunenparka und ihre Stiefel an. Sie trug hier im Haus keine Hausschuhe, denn es gab eine Fußbodenheizung.

Patrizia brachte uns zu Tür.

»Ist wirklich alles okay?«, fragte sie.

»Ja«, sagte ich. »Ich habe mir heute einfach frei genommen.«

Patrizia erwiderte nichts, aber ihrem Blick entnahm ich, dass sie mir nicht glaubte.

Ich nahm Josephine den Ranzen ab, und wir gingen raus auf die Straße zum Auto. Ich warf den Ranzen hinein, hielt ihr die Tür auf, und mit einem Satz sprang sie auf den Rücksitz. Ich schnallte sie an und fragte dabei, wie es in der Schule gewesen war.

»Hm«, sagte sie. Ich fragte sie, wie es beim Schwimmen gewesen war.

Sie zuckte mit den Achseln.

Ich fuhr los und fragte, ob sie ihre Mappe mit den gepressten Blütenblättern wiederbekommen hatte.

»Hm«, tönte es leise und gelangweilt, während sie den Kopf auf die Seite drehte und aus dem Fenster sah.

Ich parkte vor unserem Haus ein und fragte, welche Zensur sie bekommen hätte.

»Zwei«, sagte sie.

Ich hatte sie immer wieder im Rückspiegel angesehen. Normalerweise erwiderte sie meinen Blick, und normalerweise strahlte sie dann und konnte gar nicht aufhören, über die Schule zu reden. Schule, das war für sie nach diesen knapp drei Monaten immer noch ein riesiger, aufregender Abenteuerspielplatz. Sie liebte es nicht nur, dort zu sein. Sie liebte es, darüber zu sprechen, was sie alles neu gelernt hatte, was sie getan hatte und wie es gewesen war.

Sie war wirklich wütend auf mich.

Ich öffnete die Tür, und sie sprang hinaus. Ihren Ranzen zog sie hinter sich her.

Ein Mann schwankte auf uns zu. Ich nahm Joseys Hand und zog sie eng an mich.

»Lass mich«, sagte sie und versuchte, sich loszumachen. Es gelang ihr nicht. Sie war ein Kind und ich eine Mutter, die gerade von einer Ladung Adrenalin überschüttet wurde.

Er war unrasiert, ein Auge war entzündet und tränte. Er trug eine gefütterte Jeansjacke mit einem Kragen aus künstlichem Fell, das vor Schmutz starrte. Seine Jeans hatte einen langen Riss quer über dem Knie und war genauso abgenutzt wie seine schlammbespritzten Turnschuhe. Der Mann rempelte mich an. Ich versuchte, ihm noch einmal ins Gesicht zu sehen.

»Pass auf, du Schlampe«, nuschelte er und war auch schon vorbei.

Mein Herz raste auf der Überholspur.

Ich drehte mich dennoch um.

Es hätte mich nicht gewundert, wenn er nicht mehr gewankt wäre.

Er hielt sich an einem Baum fest und schaute auf die Straße. Erst nach links, dann nach rechts. Ich blieb stehen und sah ihm nach, wie er über die Straße taumelte. Josephine riss an meiner Hand.

»Ich will nach Hause«, sagte sie und sah zu mir hoch.

Es war nicht der liebe- und verständnisvolle Blick, den ich erwartet hatte.

Es ist ein Gerücht, dass Töchter und Mütter immer ein Herz und eine Seele sind. Manchmal brauchen Kinder einen Sparringpartner. Manchmal müssen sie einfach ihre Grenzen austesten oder verschieben. Und manchmal, wenn die Väter nicht greifbar sind, weil sie zu viel arbeiten oder getrennt leben, fechten die Mütter diese Kämpfe wieder und wieder und bis zur Erschöpfung mit den Töchtern aus – und ich saß gerade mitten in einem solchen Gefecht.

Es stimmt auch nicht, dass Kinder ihre Väter nach einer Weile nicht mehr vermissen. Sie arrangieren sich, finden sich ab. Doch sie leiden trotzdem. Manchmal fühlen sie sich schuldig, wenn die Ehe der Eltern zerbricht. Manchmal zerbrechen sie selbst. Das war eine meiner Sorgen. Dass ich vielleicht nicht stark genug war, vielleicht nicht gut genug, dafür zu sorgen, dass Josey nicht zerbrach.

Josey wusste so gut wie nichts über ihren Vater, und sie hatte auch keine Erinnerung an ihn. Kai und ich waren im Januar 1990, nur zwei Monate nach dem Mauerfall, nach Hamburg gezogen. Wir hatten uns im Westen bessere berufliche Chancen ausgerechnet, und da ich als Journalistin arbeitete, kam nur eine Großstadt mit starker Medienpräsenz in Frage. Kai hatte sich in Hamburg mit einer Kanzlei selbständig gemacht. Die ersten sechs Jahre war sie mehr schlecht als recht gelaufen, und wir hätten uns die Wohnung in Eppendorf nie leisten können, wenn ich nicht sehr schnell fest angestellt als Redakteurin gearbeitet und sehr gut verdient hätte. Die Kanzlei war erst zu einer wahren Geldgrube geworden, als ich im Gefängnis saß. Kai hatte sich nicht retten können vor Aufträgen. Mein Prozess war wie eine kostenlose Werbung für ihn gewesen. Kaum hatte man in der Zeitung veröffentlicht, dass ich mit einem Scheidungsanwalt verheiratet war, liefen ihm die Klienten die Tür ein. Besonders Frauen. Und obwohl mein Name immer nur mit einem Kürzel abgedruckt wurde, hatte es sich bald herumgesprochen, dass sich hinter der Kanzlei »Steinfeld & Co.« der Mann verbarg, dessen Frau den Entführer ihres Kindes erschossen haben sollte. Während meiner gesamten Haft hat Kai 60 Stunden die Woche gearbeitet. Meistens auch noch am Wochenende. Als Josey geboren wurde, hat er »Co.« eingestellt, eine 34-jährige Anwältin, die ihm einen Teil der Arbeit abnehmen sollte, damit er mehr Zeit für seine Tochter und mich hatte. Doch dann begannen die Streite. Etwa ein halbes Jahr später arbeitete er wieder bis spät in die Nacht, und wenn er zu Hause war, verkroch er sich in sein Arbeitszimmer. Es gab einen Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, allein mit meiner Tochter zu leben. Wäre da nicht seine schmutzige Wäsche gewesen, die ich am Wochenende wusch und bügelte, wäre mir der Unterschied nach seinem Auszug gar nicht aufgefallen. Als Kai uns verließ, hatte ich einfach nur weniger Arbeit.

Ich habe ihn manchmal angerufen und gefragt, ob er Josey nicht übers Wochenende holen möchte, und alle paar Wochen nahm er sie tatsächlich mal für einen Nachmittag mit in »Hagenbecks Zoo« oder fuhr mit ihr zu »Planten un Blomen« auf einen Spielplatz. Ein halbes Jahr nachdem er uns verlassen hatte, stellte er jeden Besuch ein. Er sagte, er könne das alles nicht mehr. Ich bat, ich bettelte, ich drohte. Es nutzte nichts. Er blieb weg. Das habe ich ihm nie verziehen.

Ich glaube, für meine Tochter war er nie mehr als ein Mann, zu dem man »Papa« sagte, aber damit nichts weiter verband als einen Fremden, der zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Paket ablieferte. Aber ich erinnere mich noch genau, wie ich mit ihr in einem Supermarkt vor der Käsetheke stand und sie einen Kunden vor uns am Hosenbein zupfte. Als er sich zu ihr in den Buggy hinunterbeugte, fragte meine kaum zwei Jahre alte Tochter mit ihren unschuldigen grünen Augen und dem freundlichsten Lächeln der Welt: »Möchtest du mein Papa sein?«

Ich weiß nicht mehr, was der Mann sagte. Doch ich weiß, dass ich weinte und auch dann noch weinte, als ich endlich an der Reihe war und ein Stück milden Gouda kaufte, den Josey damals mehr liebte als Kinderschokolade.

Jedes Kind vermisst einen Vater auch dann, wenn es niemals wirklich einen hatte. Das jedenfalls lehrte mich Josey, und manchmal wünschte ich mir allein um ihretwillen, einen großartigen, wundervollen Mann zu treffen, dem meine Vergangenheit egal war und der nur eines wollte: mich und Josey glücklich machen.

An der Haustür nahm ich Josey den Ranzen ab. Wortlos ließ sie es geschehen. Wir stiegen die Treppe nach oben in den vierten Stock, in dem unsere Wohnung lag.

Kapitel 5

Ich stellte den Ranzen im Korridor neben der Eingangstür auf einer schmalen Kommode ab. Der Flur war so groß wie mein Wohnzimmer und ausgestattet mit weißen vollgestopften Bücherregalen, für die ich in meinem Arbeitszimmer keinen Platz mehr hatte.

Josey rannte in die Küche. Ich rief ihr zu, sie solle ihre Schuhe ausziehen, während ich selbst in ein Paar bequeme Pantoffeln schlüpfte.

Ich hörte, wie sie den Kühlschrank öffnete und wieder schloss. Ich vermutete, dass sie sich einen Müsliriegel genommen hatte. Eigentlich mochte sie die nicht besonders gern. Sie waren ihr zu süß und klebrig. Nur wenn sie böse auf mich war, kam ihr ein Müsliriegel gerade recht, und ich ließ sie gewähren. Als ich in ihrem Alter war, rannte ich bei Kummer in den Keller unseres Hauses und machte mich über die riesigen Fünfzig-Liter-Kannen mit dem frisch geschleuderten Honig her. Ich fuhrwerkte dort mit meinem kleinen Zeigefinger in dem flüssigen Honig herum, bevor ich ihn in den Mund steckte und genüsslich abschleckte. Es hatte etwas von einem Ritual, das mir stets einen Großteil meiner Wut nahm, und Josey ging es mit ihrem Müsliriegel ähnlich. Wenn sie ihn aufgegessen hatte, hatte sie ihre Wut gleich mitverdaut.

Es läutete an der Haustür. Über die Gegensprechanlage meldete sich Mankiewisc. Ich drückte den Türöffner und hörte hinter mir Josey, die in ihr Zimmer rannte und die Tür hinter sich schloss.

Als Mankiewisc vor meiner Wohnungstür stand, war sein Gesicht nicht mehr rosa, es war tiefrot. Er hatte den Mund leicht geöffnet und keuchte. Es war das typische Keuchen übergewichtiger Menschen mit zu hohem Blutdruck und zu wenig Bewegung. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Groß kam hinter Mankiewisc. Er sah um einiges gesünder aus.

Groß drängte mich zur Seite. Nacheinander betraten sie die Wohnung und blieben im Korridor stehen.

Groß schaute erstaunt auf die Regale, dann wanderte sein Blick durch die geöffneten Türen in die Räume dahinter, als zählte er sie und schätzte die Wohnungsgröße. Die Türen führten zur Küche, zum Bad, zur Toilette, in mein Wohnzimmer, in das Schlafzimmer und in Joseys Kinderzimmer, die einzige Tür, die geschlossen war. Mein Arbeitszimmer lag hinter dem Wohnzimmer, getrennt durch eine große Schiebetür.

Ich bat sie weder in mein Wohnzimmer noch in die Küche.

»Geben Sie uns die Fotos«, sagte Mankiewisc barsch.

Ich nahm den Umschlag mit meinem Namen und den Originalen von der Kommode.

»Vorsichtig«, sagte Mankiewisc und streifte sich ein Paar Latexhandschuhe über, die er aus der Manteltasche zog. Aus der anderen zog er eine durchsichtige Plastiktüte.

Der Umschlag hing in der Luft an meinem Arm, als gehörte er nicht zu mir.

»Wir könnten Sie mitnehmen«, sagte Mankiewisc emotionslos, während er mir den Umschlag abnahm, die Fotos herausnahm und betrachtete.

»Weshalb?«, fragte ich.

»Behinderung bei der Aufklärung eines Tötungsdeliktes.«

»Kommen Sie mir nicht so«, sagte ich.

»Finden Sie es nicht eigenartig, dass die Fotos per Kurier in Ihrer Redaktion ankommen, während Sie gerade mit uns zusammen sind?«

»Finden Sie es nicht eigenartig, dass Sie mich unbedingt zu einer Verdächtigen machen wollen?«

»Das tun wir nicht«, sagte Groß.

»Hören Sie auf«, sagte ich.

»Wir haben unten einen Streifenwagen postiert. Er wird heute Nacht hierbleiben«, erwiderte Groß, den Stil seines Kollegen kopierend, der das Thema wechselte, wenn es ihm gerade gefiel.

»Sie haben mich doch nicht etwa in Ihr Herz geschlossen?«, fragte ich.

»Wir schützen Ihre Tochter.«

Ich beschloss, meinen Mund zu halten.

»Wir haben die Akten über Ihre Mutter angefordert. Weshalb haben Sie nicht gesagt, dass man dachte, sie wäre ermordet worden?«, mischte sich Mankiewisc ein.

»Wozu soll das gut sein?«, erwiderte ich. »Sie lebte. Mein Vater wusste es und ich auch. Und ihre Leiche beweist es ja nun.«

»Aber man verdächtigte Ihren Vater, sie getötet zu haben.«

»Na und?«, fragte ich. »Sie verdächtigen doch jeden. Und Sie schicken auch jeden in den Knast, wenn Sie nicht weiterwissen. Klappe zu, Affe tot.«

»Holla«, sagte Mankiewisc. »Höre ich da eine gewisse Verbitterung, Frau Reporterin?«

»Machen Sie sich nicht lustig«, sagte ich. »Sie reden hier über Dinge, von denen Sie nichts verstehen und ...«

»Man scheint zumindest angenommen zu haben, dass er dazu fähig ist«, unterbrach mich Mankiewisc.

Sie rollten alles wieder auf. Das Verschwinden meiner Mutter, die Vergangenheit meiner Mutter. Und dafür beschmutzten sie gerade den Namen meines Vaters.

Ich trat einen Schritt auf Mankiewisc zu. Ich war mindestens einen Kopf kleiner als dieser Hüne mit dem breiten Brustkorb und den buschigen Brauen.

»Reden Sie nie wieder so von meinem Vater«, sagte ich dennoch in einem aggressiven Ton, der mir das letzte Mal im Gefängnis über die Lippen gekommen war. »Es könnte sein, dass ich Sie eines Tages dafür zur Rechenschaft ziehe.«

»Wollen Sie mir drohen?«, fragte Mankiewisc und grinste.

»Ja«, sagte ich laut und deutlich und sah Mankiewisc herausfordernd in die Augen.

Wenn du dich auf gefährlichem Terrain befindest, mach es so kurz wie möglich und sei so bestimmt und selbstbewusst wie möglich. Einer von John Harts Ratschlägen.

»Ich kann Sie drankriegen«, sagte Mankiewisc. »Und wenn Sie etwas, aber auch nur irgendetwas mit dem Fall zu tun haben, kriege ich Sie auch dran.«

»Ich habe noch immer Kontakte, die Ihnen nicht gefallen dürften. Lassen Sie den Namen meines Vaters da raus. Nehmen Sie ihn nicht einmal mehr in den Mund.«

Wir standen uns gegenüber wie zwei Boxer, die nur auf den Anpfiff zur nächsten Runde warteten. Einer von uns hatte die falsche Gewichtsklasse erwischt. Nicht zurückweichen, keinen Zentimeter nachgeben, niemals Schwäche zeigen, hämmerte es in meinem Gehirn. Mein Gesicht war eine eisige Maske. Kein Muskel regte sich.

»Hey«, sagte Groß und klopfte Mankiewisc auf den Arm.

Mankiewisc trat einen Schritt zurück.

»Und Sie«, wandte ich mich an den Kleinen. »Tun Sie nicht immer so, als wollten Sie etwas schlichten. Sie sind keinen Deut besser als Ihr großer Chef.«

Ich drehte mich um, ging in die Küche und ließ mich auf einen honigfarbenen Lloyd-Loom-Sessel am Küchentisch fallen. Meine Universen begannen gerade sich zu vermengen. Was zum Vorschein kam, gefiel mir nicht. Ich wollte das nicht. Ich wollte nicht so sein. Man verbringt nicht Jahre in einem Gefängnis, ohne sich Überlebensstrategien aufzubauen. Eine war, immer schneller zu sein als der Gegner. Und eine andere: Zeig niemals Schwäche. Das lehrte mich John Hart, und weil ich eine gelehrige Schülerin war, geriet ich schon sehr bald nach meiner Überstellung in das Moorfleter Frauengefängnis nicht mehr in handgreifliche Situationen. Aber ich habe sie erlebt. Würde John noch leben, hätte ich ihn längst angerufen. Aber er hat sich umgebracht, und so kann ich nur noch seine Ratschläge befolgen, auch wenn sie ihm selbst nichts genutzt hatten. Er wurde 61 Jahre alt und hatte Prostatakrebs im Endstadium.

Ich wollte meine Ruhe. Ich hatte genug erlebt für mehrere Leben. Ich beruhigte mich.

»Ich weiß bis heute nicht, weshalb sie aus der DDR geflohen ist«, sagte ich einlenkend, als Groß in die Küche kam.

»Es gab einen Grund, und wir werden ihn herausbekommen«, sagte er.

»Und wenn das eine nichts mit dem anderen zu tun hat? Wenn es rein private Gründe waren? Ich persönlich glaube nicht, dass sie unbedingt aus der DDR wegwollte. Ich glaube, sie wollte so weit wie möglich weg von uns, von ihrer Familie.«

»Bei einem Tötungsdelikt geht man immer an den Punkt null zurück«, sagte Mankiewisc, der hinter Groß hereingekommen war. »Machen Sie doch in Ihren Reportagen auch so.«

»Sie lesen meine Artikel?« Ich war überrascht.

»Ich lese das ›Hamburger Blatt‹. Da komme ich wohl um Ihre nicht herum.«

»Hören Sie«, sagte Groß. »Wir machen hier nur unseren Job, wie Sie Ihren auch machen. Wir wollen ihn gut machen.«

»Ach du meine Güte«, sagte ich. »Bekommen Sie denn auch Kopfnoten für gutes Betragen und Fleiß?«

Mankiewisc setzte sich mir gegenüber an den Tisch. Ich sah ihn an.

»Ich weiß, dass Sie in den ersten Vernehmungen beteuert haben, Christian Bruchsahl nicht erschossen zu haben. Ich weiß auch, dass Sie behaupteten, dass Bruchsahl nicht der Entführer Ihrer Tochter war. Und ich weiß, dass Sie behaupten, Sie hätten sechs Jahre unschuldig gesessen.«

»Halten Sie den Mund«, fuhr ich ihn an. »Mein Anwalt hat einen Deal gemacht, und ich habe mich schuldig bekannt. Also hören Sie auf damit.«

»Erinnern Sie sich an Max Renner?«, fragte Groß.

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?« Max Renner war in dem Entführungsfall meiner Tochter Johanna der Leitende Hauptkommissar gewesen. Er war zwei Jahre nach meiner Haftentlassung in den Vorruhestand gegangen. So hieß das wohl.

»Reimer war mein Mentor«, sagte Groß.

»Dann haben Sie sich wohl von dem Ihr Mitgefühl abgeguckt.« Einen gewissen Zynismus konnte ich nicht unterdrücken.

Groß sah mich an. »Reimer hält Sie für unschuldig«, sagte er.

In mir explodierte eine Bombe, die da 13 Jahre lang gelegen hatte und nie entschärft worden war. Ich sprang auf und schnappte den Mann am Revers seiner Jacke. Meine Reflexe waren noch immer hervorragend. Seine nicht. Er hatte zu viel Zeit am Schreibtisch verbracht.

»Renner«, zischte ich. »Renner hat mich in den Knast geschickt, Sie Idiot. In einen, der bis heute als einer der schlimmsten gilt, wenn Sie über Ihr Gefängnissystem auch nur einigermaßen informiert sind. Ist Ihnen das klar? Ich habe mit Mörderinnen gesessen, mit Frauen, die ihre Kinder umgebracht haben, ihre Väter, ihre Mütter. Ich hab mit Frauen gesessen, die alte, hilflose Menschen getötet haben. Ich habe meine Zeit mit blutjungen Prostituierten verbracht, die ihre Freier erstochen haben. Und erzählen Sie mir nicht, diese armen Frauen seien weniger gewaltbereit als Männer. Sie wissen, dass das nicht stimmt.«

»Mami«, sagte Josey.

Keiner von uns hatte sie kommen gehört. Ich ließ Groß' Jacke los.

»War nur Spaß, Herzchen«, sagte ich.

Groß nickte und lächelte. Mankiewisc lächelte nicht, bewegte aber immerhin die Mundwinkel. Manche Menschen haben keine Übung in Freundlichkeit.

Josey hatte Tränen in den Augen.

»Das war kein Spaß«, sagte sie. Dann wandte sie sich zu Groß.

»Du bist böse.« Sie zeigte mit dem Finger auf Groß.

Mankiewisc grinste. Na bitte, dachte ich, geht ja doch.

Sie lief zu mir und drückte ihr Gesicht an meinen Bauch. Ich nahm sie auf den Arm und küsste sie. Ich legte mein Gesicht an ihren Hals und pustete dagegen. Sie kicherte und wand sich in meinen Armen. Ich liebte ihren Geruch, diesen süßlichen, sauberen Geruch, den nur Kinder haben und der ebenso unschuldig ist wie sie selbst.

»Sie sollten sie anderswo unterbringen«, sagte Groß. »Vielleicht nur ein paar Tage.«

»Nein«, sagte Josey und wand sich aus meinen Armen. Sie ging auf Groß zu, baute sich vor ihm auf und legte den Kopf in den Nacken. Ihre roten Haare fielen ihr über den Rücken.

»Man kann die Schule nicht schwänzen«, sagte sie ernst. »Wer fehlt, ist nicht gut.«

»Und du möchtest eine gute Schülerin sein.«

»Hm«, sagte Josey und kam wieder zu mir. Sie umklammerte mein Bein, wie sie es früher immer beim Kinderarzt getan hatte, legte ihren Kopf an meine Hüfte und sah Groß an. »Meine Mama und ich haben keinen Papa. Mein Papa ist nämlich tot. Und Mamas Papa auch. Und meine Schwester ist auch schon lange tot. Länger, als ich lebe.«

Da war es. Es traf mich mitten ins Herz, rauschte hindurch und hinterließ einen Riss von der Größe einer Gletscherspalte.

Ich bückte mich und küsste sie auf den Scheitel. Meine Augen klebten an Groß.

»Wir bleiben zusammen«, sagte ich. »Ich werde immer bei dir bleiben, okay?«

»Ja«, sagte Josey. »Ein Kind muss bei seiner Mama sein.«

»Gehen Sie«, sagte ich zu Groß. Der nickte, und dann gingen sie, und ich saß in meiner Wohnung wie eine Gefangene. Ich traute mich nicht aus dem Haus. Ich hatte Angst um Josey, und das erste Mal seit Jahren wünschte ich mir, Kai wäre bei mir. Er war so viele Jahre mein Fels in der Brandung gewesen, der Mensch, der mich stützte, wenn ich zusammenbrach. Der Mensch, der mich auffing und wärmte, als die Welt um mich herum zu einer Eiswüste erstarrte.

Als Johanna entführt worden war, brachte ich tagelang in einem eiskalten Nebel aus Beruhigungsmitteln und Alkohol zu. Ich wollte nur weg aus meinem Leben. Ich wollte nicht tatenlos herumsitzen, abwechselnd auf die Digitalanzeigen von Uhren, Handys und Stereoanlagen starren und mich fragen, wann die Entführer sich melden würden, wann die Geldübergabe wäre, wo sie wäre, wann meine Tochter zurückkäme. Und vor allem wollte ich mich nicht ständig fragen, ob sie überhaupt zurückkäme. Es hat so viele Kindesentführungen gegeben und so viele, bei denen die Kinder nicht überlebten. Das Wissen hängt wie ein Damoklesschwert über einem. In jeder wachen, bewussten Sekunde fragte ich mich, ob Johanna noch lebte. Selbst wenn man, wie wir damals, ein Lebenszeichen erhält, fragte ich mich schon fünf Minuten später, ob sie immer noch lebte oder ob die Entführer nur gewartet hatten bis zu diesem Telefonat, um danach meine Tochter umzubringen, das Geld zu nehmen und zu verschwinden. Anderthalb Stunden vor ihrem Tod sprach ich ein letztes Mal mit ihr. Sie war am Telefon, und sie hat geweint. Sie hat gebettelt, wir sollten sie nach Hause holen. Ihr sei kalt, sie habe Angst. Ich versuchte, sie zu beruhigen und sagte ihr, sie solle ihr Asthmaspray aus der Manteltasche nehmen. Sie konnte nicht mehr antworten. Die Leitung war tot.

Sie haben das Geld genommen. Zwei Millionen Dollar, keine D-Mark, keine nummerierten Scheine. Das verlangten sie, und David Plotzer hat bezahlt. Nicht wir. Oh, ja, sie waren sehr gut organisiert und hatten alles bedacht, nur nicht, dass meine Tochter Asthma hatte. Nur nicht, dass sie Kinder verwechseln konnten. Kaltblütig haben sie meine tote Tochter im Stadtpark abgelegt. Unter einer Gruppe hochgewachsener Ulmen, deren schlanke, kahle Äste anklagend in den grauen Himmel ragten. Sie war an einem Asthmaanfall gestorben. Das ergab die Obduktion, aber das hatte mir auch schon ihr Anblick erzählt. Es gab keine Spuren, keine Hinweise. So wie es auch keine Ankündigung, keine Vorzeichen für diese Katastrophe in meinem Leben gegeben hatte. Sie war lautlos und heimtückisch über mich hergefallen wie ein gedungener Killer in einer abgelegenen Gasse.

Kai, meine große Liebe, stand bis zu dem Moment zu mir, in dem er selbst zusammenbrach. Das geschah beim Anblick unserer toten Tochter. Ich habe nie wieder jemanden so verzweifelt weinen gehört. Während ich selbst innerlich zerbrach, zerbrach mein Mann vor meinen Augen.

Ich setzte von einem Tag auf den anderen Sedativa und Antidepressiva ab. Ich rührte keinen Tropfen Alkohol mehr an. Ich war besessen von dem Gedanken, meine Tochter zu rächen und meinen Mann. Den Mann, den ich geliebt und den ich geheiratet hatte. Nicht den, der nach ihrem Tod nächtelang in seinem Büro verbrachte und noch mehr arbeitete als je zuvor aus einem einzigen Grund: um nicht nach Hause zu müssen. Nicht den, der mir sonntags beim Frühstück schweigend gegenübersaß und nicht wagte, auf den Platz zu schauen, an dem Johanna gesessen hatte. Nicht den, der sich nachts schluchzend in ihrem Bett vergrub, bis ich ein Sperrmüllunternehmen kommen und alles abholen ließ.

Doch ich liebte den Mann, der noch einmal vor Glück weinte, als ich ihm sagte, dass wir ein zweites Kind bekämen.

Und dieses Kind war jetzt in Gefahr.

Ich rief Claus an und sagte, ich bräuchte unbezahlten Urlaub. Vorläufig bis zu den Herbstferien. Es waren noch zehn Tage.

Er machte keine Einwände.

Kapitel 6

Bis zum ersten Ferientag stand der Polizeiwagen vor meiner Tür. Zehn Tage lang fuhr uns der Streifenpolizist Stefan Lichtenberg, der die Frühschicht hatte, morgens in die Schule. Jeden Morgen empfing uns im Auto der dumpfe, süßliche Geruch von Bratenfett, Burgern und Pommes aus leeren Schachteln und Tüten, die unter dem Beifahrersitz hervorquollen. Stefan war jung, hatte eine blasse Haut und noch Akne im Gesicht. Doch er war Bester seines Jahrgangs auf der Polizeischule gewesen. In zwei Jahren wollte er sich für eine Ausbildung zum höheren Dienst bewerben und später zur Mordkommission gehen.

Vor dem Haupteingang der Schule blieb Stefan im Wagen sitzen, bis Josey mittags mit Melissa herauskam. Josey fand das cool. Manchmal ging ich von dort aus an die Alster, manchmal ging ich gleich nach Hause und setzte mich an meinen Schreibtisch, um das Konzept für einen neuen Roman zu entwickeln. Es half mir, mich abzulenken.

Das eine oder andere Mal, wenn mir zu Hause die Decke auf den Kopf fiel, blieb ich neben ihm im Wagen sitzen und wir unterhielten uns.

Mittags brachte er Josey wieder nach Hause, nachdem er Melissa abgesetzt hatte.

Doch es geschah nichts.

Claus kam manchmal nach Redaktionsschluss vorbei, dann tranken wir einen Wein und aßen zusammen. Meistens brachte er Sushi mit oder thailändische Kleinigkeiten, die er am Gänsemarkt bei »Essen und Trinken« besorgte. Er hielt nicht viel von meinen Kochkünsten. Ich hatte Verständnis dafür. Ich hielt auch nicht viel von ihnen. Ich konnte Kartoffeln und Blumenkohl mit einer Sauce Hollandaise zubereiten, Erbsen aus der Dose aufwärmen und Koteletts braten. Meine Spaghetti mit Tomatensoße aus der Dose, verfeinert mit gekochten Schinkenstreifen, waren der Hit. Jedenfalls für eine Sechsjährige, die die Nummer des Pizzadienstes seit ihrem vierten Lebensjahr auswendig kannte. Einen 44-jährigen Gourmet konnte ich damit nicht hinter dem Ofen hervorlocken.

Groß und Mankiewisc kamen zweimal vorbei, um mich auf dem Laufenden zu halten, wie sie sagten.

Das erste Mal kamen sie nach drei Tagen. Sie erzählten mir, dass es auf dem Umschlag bis auf Claus' und meine Fingerabdrücke keine Spuren gab, dass der Umschlag selbst ein ganz normaler Büroumschlag war, wie sie täglich zu Dutzenden gekauft wurden. Es war so gut wie unmöglich, auf diese Weise an den oder die Täter zu gelangen. Sie hatten jedoch den Kurierdienst zurückverfolgt. Ein Sechzehnjähriger hatte den Umschlag in der Zentrale abgegeben.

»Und haben Sie ihn gefunden?«

»Wir sind dran«, sagte Groß. »Aber der war vermutlich nur vorgeschickt. Wahrscheinlich ein Junkie vom Bahnhof. Die Zentrale liegt genau gegenüber auf der anderen Seite. Der Angestellte, der den Auftrag entgegennahm, hat mit einem unserer Techniker ein Phantombild gezeichnet. Damit gehen ein paar Kollegen von uns am Hauptbahnhof herum.«

»Glauben Sie wirklich, das bringt was?«

Groß zuckte die eckigen Achseln.

Sie hatten inzwischen versucht herauszubekommen, woher die Fotos stammten. Sie gingen davon aus, dass die Fotos mit einer Digitalkamera von älteren Fotos abfotografiert und über einen Heimdrucker ausgedruckt worden waren. Es war eine Spur, die zu nichts führte.

Bedauerlicherweise war das Handy meiner Mutter ein Prepaid-Handy, für das man keinen Anbieter brauchte. Der Speicher war gelöscht, und da weder die eingehenden noch die ausgehenden Anrufe von einem Provider gespeichert worden waren, hatten sie auch die nicht ermitteln können.

Die dritte Neuigkeit schließlich erschreckte mich zutiefst.

Mankiewisc zog einen Schlüssel aus der Jackentasche seiner schwarzen Daunenjacke und legte ihn mir in die Hand. Wir saßen in meiner Küche an dem kleinen Esstisch am Fenster. Es war ein Hotelzimmerschlüssel mit einem braunen Teakholzanhänger, auf dem die Nummer Acht in Gold eingraviert war.

Sie hatten auch im »Hamburger Blatt« ein Foto meiner Mutter veröffentlicht und einen Anruf von einem Privathotel erhalten. Der Besitzer hatte meine Mutter als Gast identifiziert.

Meine Mutter hatte das letzte halbe Jahr in diesem Privathotel in der Nähe der Außenalster verbracht. Ich kannte das Hotel. Es lag unweit der Rothenbaumchaussee in einer der vielen, ständig zugeparkten Nebenstraßen, nicht mal eine halbe Stunde zu Fuß von meiner Wohnung entfernt. Sie hatten dort ein Rad gefunden. Meine Mutter hatte ihr Leben lang alle Wege mit dem Rad gemacht, obwohl sie einen Führerschein besaß und meine Eltern seit 1974 stolze Besitzer eines Trabant-Kombis waren. Mein Vater hatte es geliebt, über Land zu fahren und Ausflüge zu machen. Meine Mutter hatte sich nur selten hinter das Steuer gesetzt. Sie schwor auf frische Luft.

Sie hätten in dem Hotel außerdem zwei Fotoalben, zwei Kreditkarten und eine EC-Karte gefunden, die beiden deutschen Karten auf den Namen Behrmann und eine Schweizer Karte auf den Namen Silberstein. Von einem der beiden deutschen Konten, die ursprünglich in Berlin eröffnet worden wären, würden auch die monatlichen Hotelrechnungen abgebucht. Die Konten wiesen einen Gesamtbetrag von rund anderthalb Millionen Euro auf.

Ich hatte den Betrag nicht richtig verstanden oder nicht verstanden, was er ausdrückte, und so dachte ich nicht weiter darüber nach, weshalb sie ihren Mädchennamen Behrmann in Berlin benutzt hatte.

Mankiewisc fragte, ob ich eine Ahnung hätte, woher sie die anderthalb Millionen gehabt hätte. Ich schüttelte den Kopf.

Als ich den Betrag das zweite Mal hörte und wusste, dass ich die Summe nicht missverstanden hatte, begriff ich gar nichts mehr. Anderthalb Millionen Euro. Woher hatte sie die? Hatte sie im Lotto gewonnen oder geerbt? Das konnte ich mir nicht vorstellen.

Meinen Eltern ist es nie schlecht gegangen, und sie hatten im Laufe ihres Lebens eine ordentliche Summe zusammengespart. Doch meine Mutter hatte kein Geld mitgenommen, als sie uns verließ. Geld interessierte sie nicht besonders. Und ich glaube nicht, dass sie im Westen so viel verdiente, dass sie anderthalb Millionen Euro, früher immerhin drei Millionen Mark, zur Seite legen konnte. Nein, das passte alles nicht zusammen.

Mankiewisc hatte weitergeredet. Ich hörte ihm erst wieder bewusst zu, als er erzählte, sie hätte nie Besuch gehabt und über das Hotel weder Telefonate geführt noch empfangen. Sie hätte das Haus allerdings jeden Morgen verlassen und wäre erst am Nachmittag zurückgekehrt.

Groß meinte, ich könnte jederzeit in das Zimmer gehen. Es wäre bis Ende Oktober bezahlt. Sie hätten es freigegeben. Ich schluckte. Ich wollte da nicht hin. Ich legte den Schlüssel in die Schublade, in der ich all meine Schlüssel aufbewahrte.

Sie hätten die Akte meiner Mutter aus Solthaven, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt in der Nähe von Lüchow-Dannenberg, erhalten. Es wäre etwas kompliziert gewesen, da der Fall schon 20 Jahre alt wäre und die Unterlagen in irgendwelchen Kellern gelegen hätten, von denen die meisten jungen Beamten wohl nicht einmal wussten, dass es sie gab. Der Fall sei 1990 nach einem Jahr abgeschlossen worden, weil man nie eine Leiche gefunden hätte. Weitere Hinweise gab die Akte nicht.

Als sie das zweite Mal kamen, saßen wir wieder in der Küche.

Es regnete, und der Wind peitschte gegen das Küchenfenster.

Josey saß schmollend in ihrem Zimmer und machte ihre Hausaufgaben. Ich hatte sie gemeinsam mit Stefan von der Schule abgeholt und ihr dann ein paar Tiefkühlkartoffelpuffer in Öl gebraten, sie mit Butter bestrichen und Zucker über die zerlaufene Butter gestreut. Ich fand, das reichte für ein Mittagessen.

Josey sah das anders. Sie wollte einen Pudding als Nachtisch. Da ich keinen im Kühlschrank hatte und Kochen nicht in Frage kam, war sie beleidigt. Melissas Lena hätte immer einen Nachtisch für alle, und außerdem schmeckte es bei ihr immer prima, maulte sie. Ich bestritt es nicht.

Ich kochte für uns drei einen grünen Tee.

»Wir haben den Junkie«, sagte Mankiewisc. »Leider tot. Überdosis. Die Spritze steckte noch im Arm.«

»Wo haben Sie ihn gefunden?«

»Wo wohl?«, fragte Mankiewisc und schnaufte kurz und verächtlich. »Wo sie immer liegen. In der Bahnhofstoilette.«

Ich muss wohl blass geworden sein, als Mankiewisc so ungerührt davon sprach. Der Junge wäre ein Ausreißer gewesen. Er kam aus einem kleinen Dorf im Emsland. Seine Eltern hätten schon zum dritten Mal eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Zweimal hätten sie ihn in Berlin aufgelesen, zweimal wäre er in einem Heim gelandet. Zweimal hätte er dort einen Entzug gemacht, zweimal wäre er nach ein paar Wochen getürmt. Nun, das dritte Mal war er also in Hamburg gelandet.

»Endstation Sehnsucht«, sagte Mankiewisc und nippte vorsichtig an dem frisch aufgegossenen Tee.

»Seien Sie nicht so zynisch. Er war ein Junge. Er hatte mal Träume, Wünsche, Hoffnungen.«

Mankiewisc sah mich an. »Er kam sogar aus einem, sagen wir mal, normalen Elternhaus. Vater Ingenieur, Mutter Hausfrau, drei jüngere Geschwister.«

»Seine Mutter?«

Groß verstand. »Sie hat ihn gestern identifiziert. Danach mussten wir einen Krankenwagen holen. Sie hat einen Herzanfall bekommen und liegt auf der Intensivstation.«

»Denken Sie, er ist umgebracht worden?« Ich versuchte, meiner Stimme einen professionellen Klang zu geben.

Mankiewisc nickte. »Denkbar. Wird aber schwer sein, das nachzuweisen. Da schützt jeder jeden, und keiner hat etwas gesehen. Immer dasselbe.« Seine Stimme klang monoton.

»Berührt Sie eigentlich gar nichts mehr?«, fragte ich.

»Lassen Sie das«, schnaufte Mankiewisc überraschend. »Ich sitze hier nicht auf der Couch. Ich mache meinen Job. Ich mache ihn seit 29 Jahren. Ich hab eine Menge gesehen, und ich habe Dinge gesehen, von denen Sie nicht einmal etwas hören wollen. Also, kommen Sie mir nicht auf die Tour.«

Ich stutzte einen Moment. Das war eine klare Ansage. Und sie lautete: Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß. Er hatte es nur höflicher formuliert.

»Und? Hat jemand beobachtet, ob er von jemandem den Umschlag bekommen hat?«, fragte ich.

Groß schaute zu Mankiewisc.

»Toller Tee«, sagte der.

»Tee Gschwenders am Jungfernstieg«, sagte ich. »Sehr zu empfehlen.«

»Es war vermutlich eine Frau«, fuhr Mankiewisc fort. »Größe eins siebzig, Alter zwischen fünfzig und sechzig, zirka sechzig Kilo. Attraktiv, gut gekleidet. Es könnten viele sein ...«

Seine Stimme blieb in der Luft hängen.

»... auch ich an einem schlechten Tag«, sagte ich. »Haben Sie von der auch eine Phantomzeichnung?«

Ich sah Groß an.

Der schüttelte den Kopf. »Niemand hat ihr Gesicht gesehen. Aber es könnte sein, dass die beiden sich kannten. Sie parkte in einem Auto vor dem Haupteingang, dort, wo die Taxis stehen. Sie hatte ein Behindertenschild im Heckfenster. Deshalb hat sich wohl kein Taxifahrer darum gekümmert und sie auch nicht weggescheucht, wie sie es sonst immer tun. Und sie hat ihn zu sich gewunken.«

»Was für ein Auto?«, fragte ich.

»Range Rover«, sagte Groß. »Dunkel, blau oder schwarz. Das wussten sie nicht mehr genau. Kennzeichen unbekannt.«

Mir wurde übel.

Mankiewisc beobachtete mich ungerührt unter den dichten Brauen. Ein langes Haar stand ab. Er pustete in die Tasse und schlürfte den Tee.

»Kennzeichen kann man stehlen oder manipulieren«, sagte er.

Ich wusste, was er meinte. Übel war mir trotzdem.

»Autos auch«, sagte ich schwach.

Sie kommentierten es nicht weiter, und ich fragte nicht. Mein Auto war nicht gestohlen worden.

Für die Nacht, in der meine Mutter umgebracht wurde, hatte ich kein Alibi, doch selbst Mankiewisc schien der Ansicht zu sein, dass das zu einfach war.

Außerdem war ich an dem Vormittag, als der Kurier beauftragt worden war, mit Mankiewisc und Groß in der Pathologie gewesen. Wasserdichter konnte ein Alibi nicht sein.

Trotzdem fühlte ich mich unwohl. Irgendjemand legte es darauf an, mich verdächtig erscheinen zulassen. Doch aus welchem Grund?

Ich hatte keine Zeit, meinen Fragen nachzuhängen. Groß informierte mich, dass die Leiche jetzt freigegeben sei.

Kapitel 7

Mein Vater war ein besonnener Mann gewesen. Als er starb, hatte er alles geregelt, was es zu regeln gab. Er hatte seine Zeitungen abbestellt, seine Mitgliedschaft in Imker- und Sportverein gekündigt, mir sämtliche Vollmachten für Konten und Versicherungen übertragen. Er hatte drei Wochen vor seinem Tod das Urnengrab gekauft, in dem er bestattet werden wollte. Es war ein Doppelgrab, und ich habe ihn nie gefragt, für wen das zweite Grab gedacht war. Ich hatte es auch so gewusst.

Als Groß und Mankiewisc an diesem Nachmittag gegangen waren, rief ich bei einem Bestattungsunternehmen in Solthaven an. Ich bevollmächtigte sie, alles in die Wege zu leiten, was für die Einäscherung und Beerdigung meiner Mutter nötig war. Ich bat sie außerdem, eine Todesanzeige in der »Solthavener Volksstimme« aufzugeben. Sie schickten mir ein Fax mit einer Vollmacht. Ich unterschrieb und faxte es zurück. Das Fax mit meiner Originalunterschrift steckte ich in einen Umschlag und schickte es mit der Post.

Ich dachte, es wäre nur anständig, wenn Menschen, denen meine Mutter etwas bedeutet hatte, von ihr Abschied nehmen konnten. Außerdem wollte ich mit ihrer Beisetzung auch dem letzten Zweifler klarmachen, dass mein Vater nichts mit ihrem Verschwinden zu tun hatte. Das war ich seinem Andenken schuldig.

Ich habe manchmal darüber nachgedacht, was für ein Spießrutenlauf es für meinen Vater in den ersten Jahren, nachdem sie fort war, gewesen sein musste. Er war unschuldig aufgrund des Fehlens einer Leiche. Schuldiger konnte man in einer Kleinstadt wie Solthaven kaum sein.

Mag sein, dass manch einer damals nur boshaft Gerüchte streute aus Neid darauf, dass sich zwei Menschen auch nach 30 Jahren Ehe noch so liebten wie am ersten Tag. Und meine Eltern haben sich bis zum Frühjahr 1989 geliebt. Er trug sie auf Händen, und sie tat alles für ihn. Jeden Freitagnachmittag kam mein Vater nach Hause und brachte meiner Mutter einen Blumenstrauß oder eine Schachtel Konfekt mit, und sie freute sich jedes Mal aufs Neue wie eine Königin. Jeden Freitag nach dem Mittagessen buk meine Mutter den Lieblingskuchen meines Vaters, und sie tat es auch dann, wenn sie ihr Kopfweh hatte. Während meiner gesamten Kindheit musste ich jeden Freitagnachmittag warten, bis er nach Hause kam, damit wir die Kuchenschüssel gemeinsam auslecken konnten. Denn noch köstlicher als der Kuchen war der frisch gerührte Teig, und so stellte sie die Schüssel auf den Küchentisch, deckte sie mit einem Geschirrtuch ab, und wehe mir, sie erwischte mich, wie ich heimlich schon vor seiner Heimkehr davon naschte.

Als sie verschwand, war ich hochschwanger und mutete mir die fünfstündige Zugfahrt von Jena nach Solthaven nur noch selten zu. Aber ich glaube, sie hat ihm bis zu ihrem Verschwinden die Kuchen gebacken, und er hat ihr bis zum Schluss Blumen mitgebracht. Dennoch gingen sie einander aus dem Weg. Mein Vater hat mir nie erzählt weshalb und jede Frage nach dem Grund im Keim erstickt. Aber er hat gelitten. Unter ihrem Verschwinden und unter den Verdächtigungen der anderen.

Kapitel 8

Nach zehn Tagen zogen sie Stefan Lichtenberg wie geplant ab. Es gab keine neuen Spuren oder Erkenntnisse, und da weder Josey noch ich nochmals bedroht worden waren, hielten sie eine weitere Observierung für unnötig.

Ich wusste, dass es nicht vorbei war. Mankiewisc wusste es auch. Aber es gab neue Fälle und nur ein begrenztes Budget. Sparen lautete die Devise schon seit Jahren, erklärte mir Mankiewisc und hatte dabei so etwas wie ein entschuldigendes Lächeln auf den Lippen. Hamburg war pleite wie die meisten deutschen Großstädte, und man versuchte alles, den Haushalt zu sanieren. Ganze Behörden wurden ausgegliedert und privatisiert. In erster Linie bedeutete dies Personalabbau, und er fand auch dort statt, wo man nicht privatisierte, wie bei der Polizei. Man schickte die Leute in den Ruhe- oder Vorruhestand und besetzte die Stellen nicht neu. So einfach war das, und es hatte ein halbes Jahr nach dem Tod meines Mannes auch Max Renner getroffen. Die Gerüchte besagten, dass sie ihn mit 62 Jahren gegen seinen Willen in den Vorruhestand geschickt hatten. Ich hatte da so meine Zweifel. Der Rest jedenfalls sammelte Überstunden an. Die Deutschen gehörten zur Welt-Elite der Überstundensammler. Ich nehme an, Groß und Mankiewisc hatten so viele Überstunden, dass sie den Rest des Jahres zu Hause bleiben konnten. Theoretisch. Praktisch bearbeiteten sie den Mordfall meiner Mutter, eine Schießerei in einer Eisdiele, bei der fünf unbeteiligte Gäste ums Leben gekommen waren, und eine Messerstecherei in einer Diskothek auf der Reeperbahn.

Am letzten Tag unter dem Schutz von Stefan Lichtenberg kamen er, Mankiewisc und Groß abends noch einmal zu mir in die Wohnung. Sie rieten mir, auf jeden Fall die Haustür abzuschließen. Auch tagsüber, nicht nur nachts. Ich versprach, ich würde mit den anderen Hausbewohnern sprechen. Mankiewisc empfahl mir außerdem noch einmal, Josey anderswo unterzubringen. Weit weg. Ich schüttelte den Kopf, und er bestand nicht darauf. Er hatte meine Tochter erlebt. Er versprach mir, dass er dafür sorgen würde, dass jede Stunde ein Streifenwagen an meinem Haus vorbeifahren würde. Das sei besser als gar nichts.

Ich bat sie, mir ein aktuelles Foto meiner Mutter zu beschaffen. Groß versprach, mir eines zu schicken.

Dann waren sie fort.

Kapitel 9

Endlich begannen die Ferien, und ich war froh, dass ich meinen Urlaub auf unbestimmte Zeit verlängert hatte.

Bereits am frühen Morgen regnete es in Strömen, und ein bleischwerer Himmel hing über der Stadt wie eine Drohung für einen weiteren trüben Tag, dessen Zwielicht an den Nerven zehrt. Josey und ich trugen ausgewaschene Jeans zu bonbonfarbenen Sweatshirts mit Micky Maus auf der Brust. Ich fand, der Tag konnte ein paar Farbtupfer gebrauchen.

Wir spielten Karten, und dann erlaubte ich ihr, »Mario Brothers« auf dem Game Boy ihres Vaters zu spielen. Kai spielte leidenschaftlich gern, und als ich nach seinem Tod seine Wohnung entrümpelte, suchte ich nach etwas, das sie an ihren Vater erinnern konnte. Damals war sie noch zu klein, aber an dem Tag, an dem sie eingeschult wurde, gab ich ihr den Game Boy und sagte ihr, dass er ihrem Vater gehört hatte und er sich ganz bestimmt sehr freuen würde, wenn sie ihn jetzt statt seiner benutzte.

Sie war ganz aufgeregt, als ich ihr erklärte, wie er funktionierte, und sie wollte ihn gar nicht wieder hergeben. Wir vereinbarten, dass sie jeden Tag eine halbe Stunde spielen durfte, wenn sie ihre Aufgaben erledigt hatte. Seitdem hielten wir es so. Seit zwei Wochen war sie besser als ich und in Levels unterwegs, die ich noch nie gesehen hatte. Mein Mario gab spätestens im dritten Level seinen Geist auf. Ihrer sprang und hüpfte locker im sechsten herum. Sie war wie alle Kinder intuitiver, cleverer und reaktionsschneller als Erwachsene, und es blieb mir nichts anderes übrig, als das neidlos anzuerkennen.

Kurz vor dem Mittagessen telefonierte ich mit Patrizia. Ich fragte sie, ob Josey am Nachmittag zu ihnen kommen könnte.

Josey war ganz aus dem Häuschen, dass sie endlich wieder zu Melissa durfte, und wie immer, wenn sie aufgeregt war, plapperte sie ohne Punkt und Komma, während ich ihr einen durchsichtigen Regenmantel über ihren blauen Daunenparka zog und den Reißverschluss schloss.

Sie plapperte auch noch, als wir vor Patrizias Haustür standen und ich auf die Klingel drückte. Ich hatte nicht genau zugehört, wie Eltern das manchmal tun, wenn die Kinder wie aufgezogen reden. Offenbar aber hatte Sven Melissa zu seinem Geburtstag eingeladen und sie auch. Sie blickte ehrfürchtig zu mir hoch, als sie sagte: »Er ist nicht mehr böse auf mich, weil ich ihn und Mellie umgeschubst habe. Er wohnt in einem Haus mit einem großen Park, und er hat zwei Zimmer ganz allein und eine Köchin wie Lena. Und es wird grünen Wackelpudding mit Streuseln geben. Und Bratwürstchen von einem Grill. Ja.«

Ein Regentropfen lief über ihre Wange. Eine feuchte, rote Haarsträhne hing aus der Kapuze heraus und fiel ihr über die Stirn. Sie schob sie zur Seite, mit einem ernsten Ausdruck im Gesicht. In dem Augenblick sah sie aus wie Kai, von dem sie die roten Haare und die grünen Augen geerbt hatte, und mich durchschoss ein überwältigendes Gefühl. Einfach so. Aus heiterem Himmel und ohne besonderen Grund.

Ich hatte meine erste Tochter verloren und meinen Mann. Ich hatte sechs Jahre in einem Gefängnis verbracht. Es war erst sechs Jahre her, dass mein Vater gestorben war, und vor zehn Tagen hatte ich meine Mutter ein zweites Mal verloren. Jedes Mal war ich zu Boden gegangen, jedes Mal war ich wieder aufgestanden und hatte weitergemacht. Doch als ich Josey in diesem Augenblick ansah, wie sie ihre Augen aufriss und versuchte, streng wie eine Erwachsene zu gucken, weil wir keine Köchin hatten, da wusste ich, dass es einen Verlust geben konnte, von dem ich mich nie wieder erholen würde.

Ich dachte an meinen Vater. Ich dachte daran, wie er gesagt hatte: »Such sie.« Und ich dachte daran, dass er mit gebrochenem Herzen gestorben war.

Ich würde nicht an gebrochenem Herzen sterben.

Ich sah auf meine Tochter hinunter.

»Ich werde mir ein Kochbuch kaufen«, sagte ich. »Ich werde mich bessern und häufiger kochen.«

Aus Joseys Gesicht wich jeder Ernst und machte etwas Platz, das ich noch nie gesehen hatte: Es war blankes Entsetzen. Dann kicherte sie los. So viel zu dem Vertrauen, das meine Tochter in meine Lernfähigkeit setzte.

Patrizia öffnete die Tür und begrüßte uns. Ich gab Josey einen Kuss, und sie rannte aufgeregt die Treppe hinauf zu Melissa, die sich in der ersten Etage über das Geländer gebeugt hatte.

Ich lief durch den Regen zurück in die Wohnung, nachdem ich Patrizia noch einmal versichert hatte, dass ich Josey spätestens um sechs abholen würde.

Obwohl Patrizia nur 200 Meter von meiner Wohnung entfernt wohnte, hatte ich sie erst kennen gelernt, als die Mädchen in die Schule kamen. Ich fragte mich manchmal, wie man in einem Stadtteil wohnen kann, in denselben Läden einkauft und sich dennoch niemals über den Weg läuft. Denn obwohl ich inzwischen fast 20 Jahre in der Wohnung in der Hochallee wohnte, hatte ich weder Patrizia noch Patrick Weiden jemals zuvor getroffen. Ich hatte sie von dem Augenblick an gemocht, als ich während der Einschulung in der Aula neben ihr und Patrick saß und sie sich nicht beherrschen konnte und losweinte. Er reichte ihr sein gebügeltes Taschentuch, legte seinen Arm um ihre Schulter und flüsterte ihr beruhigende Worte ins Ohr. In dem Moment weinte auch ich los, und nichts konnte meine Tränen eindämmen. Ich weinte weniger, weil Josephine jetzt in die Schule gekommen war und sie damit den ersten Schritt in ein eigenes, selbstständiges Leben gemacht hatte; ich weinte vielmehr, weil mich der Anblick dieser beiden Menschen bis ins Mark traf und mir so verzweifelt bewusst wurde, wie einsam ich war und wie sehr ich Kai vermisste. Und weil es mich dort wie ein Hammerschlag traf, dass meine schöne, bewundernswerte, liebevolle Tochter ohne ihren Vater groß wurde, ohne ihre Schwester, und dass sie außer mir niemanden mehr besaß, der sie aus tiefstem Herzen liebte.

Kapitel 10

Ich holte zu Hause den Umschlag mit den Fotokopien aus dem Schreibtisch, in den ich ihn gelegt hatte, nachdem Mankiewisc und Groß beim ersten Mal gegangen waren. Ich hatte ihn seitdem nicht mehr angerührt. Ich zog die Fotos heraus und breitete sie nebeneinander aus. Ich ging in die Küche und holte den Hotelschlüssel.

Ich weiß nicht, weshalb ich das tat. Vielleicht hoffte ich auf ein Wunder, eine innere Stimme, die mir den Zusammenhang erklären würde. Doch es gab kein Wunder und keine innere Stimme.

Resigniert steckte ich den Hotelschlüssel in meine Tasche und zog mich an. Ich musste mich endlich dem stellen, was von meiner Mutter übrig geblieben war.

Ich war schon auf dem Weg zur Wohnungstür, als das Telefon klingelte. Es kam aus der Küche. Ich eilte hinüber und schaute aufs Display. Es war eine unterdrückte Nummer. Ich ließ es läuten. Nach dem achten Mal schaltete sich der Anrufbeantworter ein. Ich hörte meiner Stimme zu. »Josephine und Clara Steinfeld sind nicht zu Hause. Doch wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, rufen wir Sie gern zurück.« Der Anrufer hinterließ keine Nachricht. Er hatte aufgelegt. Die Uhr auf dem Display zeigte an, dass es 13 Uhr 24 war.

Nur eine Minute später verließ ich das Haus. Der Himmel war noch immer bleischwer, ein kalter Wind pfiff durch die Straße, und der Regen hielt unvermindert an. Ich spannte den Schirm auf. Auf der Straße folgte ein Auto dem nächsten so dicht nach, dass die Scheinwerfer aufgefädelt wie auf einer Schnur an mir vorbeizogen. Das Wasser spritzte unter den Reifen auf, die Scheibenwischer schlugen hektisch von links nach rechts. Ich wartete, bis ich die Straße überqueren konnte. Ein schwarzer Range Rover parkte auf der anderen Straßenseite und blockierte die erste Spur.

Eine Frau saß hinterm Steuer. Sie hatte halblange, dunkle Haare. Ihr Gesicht stach hell aus dem Wagenfenster hervor und starrte mich durch die Scheibe an. Jedenfalls kam es mir so vor.

Ich dachte nicht nach, mein Unterbewusstsein befahl mir zu rennen, und so rannte ich über die Straße, ohne den Verkehr zu beachten. Der Schirm klappte um und flog an meinem abgewinkelten Arm wie ein Segel hinter mir her, Regen peitschte in mein Gesicht. Bremsen quietschten, neben mir hielt ein Auto, der Fahrer ließ das Fenster herunter und brüllte mir »dumme Schnepfe, lebensmüde Idiotin« hinterher. Ich achtete nicht darauf, ich schrie selbst: »Warten Sie, um Gottes willen, warten Sie! Ich muss mit Ihnen reden!«

Ich fixierte den Range Rover, der in dem Augenblick anfuhr, als ich ihn erreichte. Ich rannte hinter ihm her, sprang durch Pfützen und versuchte, das Nummernschild zu erkennen. Es hatte eine OD-Nummer. OD irgendetwas. Die letzte Ziffer war eine 6. Jörn Bruchsahl hatte in der Nähe von Bad Oldesloe in einem winzigen Dorf gewohnt. OD stand für Bad Oldesloe.

Ich tobte innerlich. Ja, ich war kurzsichtig, ich brauchte schon länger eine Brille. Doch noch nie in meinem Leben war mir das so zu einem Hindernis geworden wie an diesem nasskalten, düsteren und verregneten Tag.

Ich drehte mich um, trottete zurück auf den Bürgersteig und ging nach Hause.

Ich musste mich umziehen und meine Haare föhnen. Meine Jeans war durchweicht vom Regen und dem aufspritzenden Wasser der Autos, und die Haare troffen.

Ich zwängte mich aus der Jeans und wickelte mir ein Handtuch um den Kopf. Dann rief ich Claus an. Schon während ich es ihm erzählte, kam ich mir dumm vor: Ein schwarzer Range Rover mit einem OD im Nummernschild parkte vor meinem Haus, in dem sich im Souterrain ein Reisebüro befindet. Eine Frau sah zu mir herüber und fuhr los, während ich schreiend wie eine Irre über die Straße hastete. Claus dementierte meine Einschätzung der Situation nicht. In Hamburg fuhren jeden Tag Hunderte mit diesem Kennzeichen durch die Stadt, Pendler, Geschäftsleute, Selbständige oder Menschen, die Hamburg zum Einkaufen nutzten. Er fand mein Verhalten dämlich, neurotisch oder hysterisch. Ich konnte es mir aussuchen.

Ich redete mir ein, dass sie nur eine Kundin gewesen war. Irgendeine neureiche Mutter und glückliche Ehefrau, die in Hamburg shoppen war und für die zweite Woche der Herbstferien ein Last-Minute-Angebot in die Türkei oder auf die Bahamas gebucht hatte.

Ich föhnte meine Haare, zog mich um, kochte mir prophylaktisch einen Erkältungstee und fuhr los.

Es hatte in der Zwischenzeit aufgehört zu regnen. Dennoch lag ein düsterer Wolkenhimmel in tiefstem Granitgrau über der Stadt, und der böige Wind fegte das letzte Laub von den Bäumen.

Im Foyer des Hotels »Belle Époque« brannten bereits die beiden Lüster, deren Licht sich in Hunderten von Kristalltropfen brach. Es war ein kleines Privathotel mit 16 Zimmern, für das man zwei Gründerzeitvillen entkernt und zu einem einzigartigen Gebäudekomplex umgebaut hatte. Eine schlanke Empfangsdame in dunkelblauem Kostüm und gestärkter weißer Bluse empfing mich. Ihr Kragen war so scharf gebügelt, dass er jedem Messer Konkurrenz machen konnte. Ich sagte ihr, wer ich war. Die Frau schaute mich erstaunt an. Ihr Gesicht war mindestens ebenso glatt gebügelt wie der Kragen. Ich tippte auf Botox, denn trotz des erstaunten Blicks regte sich in dem Gesicht kein Muskel. Sie sprach mir ihr Beileid aus und bat mich dann leise, doch bitte diskret zu sein. Todesfälle seien nun einmal keine gute Werbung für Hotels.

Sie erklärte mir den Weg zum Zimmer Nummer 8. Erste Etage, dann links die zweite Tür.

Mir zitterten die Beine, als ich die Zimmertür hinter mir schloss. Das also war das letzte Zuhause der Frau gewesen, die mich geboren hatte.

Ich stand in einem Vorraum mit Garderobe und eingebauten Schränken rechts, links ging das Badezimmer ab. Ich knipste das Licht an und steckte den Kopf hinein. Ein großzügiger Spiegel, eine Wanne, eine Duschkabine, ein Bidet. Viel grauer Marmor und auf alt gemachte Armaturen. Ein weißer Bademantel aus ägyptischer Baumwolle hing auf einem gepolsterten Bügel, weiße, flauschige Handtücher hingen an den Haltern. In alle war das Hotelmonogramm BE gestickt. Ich warf einen Blick auf die Kosmetik meiner Mutter. Sie war so erlesen wie das Ambiente. Dior, Shiseido, Guerlain – nur das Teuerste.

Ich ging in das erste Zimmer. Es war ein Wohnzimmer, wie man es sich wünschte, wenn man auf Laura Ashley stand. Alles in Blau und Gold, mit Seidentapeten, einer üppigen Couch, einer Leseecke mit zwei tiefen Sesseln und einem Schreibtisch. Ich wanderte durch das Zimmer und stellte mir meine Mutter hier vor. Es gelang mir nicht. Meine Mutter war kein Luxusweib. Jedenfalls nicht, als ich sie kannte. Ich ging zum Schreibtisch und blätterte in der Schreibmappe, die dort lag wie in jedem Hotel der Welt. Nichts wies auf meine Mutter hin.

Ich öffnete die Schreibtischschubladen. In der obersten linken lag einsam eine Bibel. In den anderen Fächern lagen ein paar Romane: Krimis und das letzte Buch von Stephen King. Ich wusste gar nicht, dass meine Mutter auf Horror stand, und war trotz allem fast ein bisschen amüsiert, während ich zugleich bedauerte, dass sie nie erfahren hatte, dass ich selbst Krimis schrieb. Zu gern wüsste ich, was sie von meinen Büchern gehalten hätte.

Aus der zweiten oberen Schublade zog ich zwei in rubinrotes Leder gebundene Fotoalben.

Ich setzte mich in einen Sessel, öffnete das erste und blätterte es durch. Meine Mutter als Baby 1929, als Schulkind mit anderen Kindern 1936, als junges Mädchen 1943. Klassenfotos mit Menschen, die ich nicht kannte. Fotos von Ausflügen mit Freunden, die mir nichts sagten. Fotos von ihrer Heirat 1953. Mein Vater und meine Mutter lachend bei ihrer kirchlichen Trauung. Meine Mutter strahlend während ihrer Schwangerschaft 1964, lachend mit einem Kinderwagen 1965. Meine Mutter und mein Vater im Urlaub 1967 ohne mich.

Unter jedem Foto standen die Jahreszahlen. Mehr nicht.

Ich schlug die Seite um und stutzte. Meine Mutter am Arm eines Mannes, den ich schon einmal gesehen hatte – in dem Medaillon, das ich in der Pathologie in den Händen gehalten hatte. »1946« stand unter dem Foto. Sie war 17 Jahre alt. Sie trug ein tailliertes Tweedkostüm, er einen doppelreihigen Anzug. Er war etwas älter, vielleicht Anfang zwanzig, und einen Kopf größer als sie, und sie strahlte ihn an, während er lächelnd zu ihr hinabsah.

Meine Mutter beim Tanzstundenabschlussball 1947 eng umschlungen mit demselben Mann. Es war selbst auf den Fotos unübersehbar: Sie war in diesen Fremden verliebt gewesen.

Das war in dem Alter natürlich nichts Besonderes. Doch für mich war es etwas Besonderes. Meine Eltern hatten mir erzählt, dass sie sich seit der Kindheit kannten, dass sie sich im letzten Jahr in der Schule ineinander verliebt hatten und es niemanden sonst in ihrem oder seinem Leben gegeben hatte. Sie war seine erste und einzige Liebe und er ihre. Doch offensichtlich stimmte das nicht.

1951 war sie auf einer Beerdigung. Die anderen Menschen auf dem Foto kannte ich nicht. Meine Mutter trug eine Rose in der Hand. Eine rote Rose. Das konnte man selbst auf dem Schwarzweißfoto erkennen. Jemand, der sich gerade abwandte, stand neben ihr und hielt ihren Ellenbogen. Sie schaute so, wie sie auch früher geschaut hatte, wenn sie kurz davor stand zu weinen.

Auf dem zweiten Foto der Beerdigung sah ich meine Mutter, wie sie weinend und verzweifelt von zwei Männern gestützt und weggeführt wurde.

Das dritte Foto zeigte einen Grabstein. »Johann Paulsen. Geboren 1. Dezember 1924, gestorben 3. April 1951. Geliebter Sohn.« In den Grabstein war ein Engel graviert.

Das war alles.

Ich warf einen letzten Blick auf den Grabstein und legte das Album zur Seite. Dann dämmerte etwas aus meinem Gedächtnis herauf.

Ich kannte diesen Engel, und ich kannte auch das Grab. Als kleines Mädchen hatte meine Mutter es mit mir regelmäßig besucht, wenn sie zum Grab ihrer Großeltern gegangen war. Jedes Mal steckte sie vor diesem Engel frische Blumen in eine braune Vase und betete, er möge den Toten beschützen.

Langsam, doch klar stieg eine Szene in mir hoch.

Ich sah meinen Vater, wie er zwischen den Grabreihen mit einer Hand sein schwarzes Fahrrad auf uns zuschob. Mit der anderen winkte er mir zu. Er lächelte. Meine Mutter hielt meine Hand, und ich spürte noch heute, wie sie zu einer Säule erstarrte. Sie atmete kaum, sondern sah meinem Vater mit unbewegtem Gesicht entgegen. Er hob mich hoch und küsste erst mich und dann sie auf den Mund, wie er es immer tat, wenn er nach Hause kam. Die Hand meiner Mutter umklammerte meine wie eine kalte, eiserne Faust. Er bat sie, sein Rad zu halten, und meine Mutter ließ mich endlich los und hielt das Rad mit beiden Händen fest. Mein Vater ging zum Grabstein, nahm die Blumen aus der Vase und reichte sie ihr.

»Lass die Toten endlich gehen«, sagte er.

Dann schwang er sich aufs Rad und fuhr zwischen den Grabreihen davon. Meine Mutter warf die Blumen weg und weinte den ganzen Weg nach Hause. Wir gingen nie wieder zu diesem Grab.

Ich sah mir noch einmal das Foto von meiner Mutter und Johann Paulsen an, als sie siebzehn war. Sie hatte ihn geliebt, und sie hatte ihn immer noch geliebt, als sie mich 13 Jahre nach seinem Tod zur Welt gebracht hatte. Sie hatte nicht aufgehört, ihn zu lieben.

Und sie hatte meinen Vater geliebt.

Ich nahm das zweite Album. Es enthielt die Fotos, die ich bereits kannte, und viele mehr von Kai und mir, von unseren Kindern, von meinem Prozess. Alle Bilder dokumentierten, was ich bereits geahnt hatte: Meine Mutter war die ganzen Jahre über an meiner Seite gewesen, ohne dass ich es gewusst und ohne dass sie sich jemals bei mir gemeldet hatte.

Ich durchsuchte das gesamte Zimmer, ich durchsuchte das angrenzende Schlafzimmer. Ich durchsuchte die Kleiderschränke im Vorraum. Sie waren vollgestopft mit Kleidung und Schuhen erlesener Qualität. Ich tastete jede Bluse ab, jede Jacke, jede Hose. Ich fand nichts mehr.

Das war alles, was von ihr geblieben war. Sündhaft teure Kleidung, zwei Fotoalben, irgendwo im Keller des Hotels ein Fahrrad und zwei Konten mit anderthalb Millionen Euro.

Aber da war noch etwas. Ich stand vor dem Kleiderschrank und dachte fieberhaft nach. Irgendwo musste meine Mutter persönliche Unterlagen haben, Rechnungen, Bankauszüge, Garantien. Sie war jedes halbe Jahr zur Krebsvorsorge gegangen und mindestens einmal im Jahr zur Zahnkontrolle. Sie war da sehr gewissenhaft. Irgendwo musste etwas liegen. Sie war immer systematisch gewesen – und sie hatte die Rechnungen oder Bankauszüge nie weggeworfen. Alles hatte bei ihr seinen Platz, nichts blieb dem Zufall überlassen, und so manches Mal waren wir uns während meiner Jugend in die Haare geraten, weil ich alles herumliegen ließ und nichts wegräumen wollte. Sie mochte ihr altes Leben abgelegt haben, aber niemals ihre fast pedantische Ordnungsliebe.

Irgendwo musste es auch einen Fotoapparat geben. Ich schaute mich noch einmal in dem Zimmer um. Gut, die Polizei war hier gewesen, und sie hatten bereits alles durchsucht. Doch sie kannten meine Mutter nicht. Entweder hatte sie irgendwo noch eine Wohnung, oder sie hatte einen Safe oder einen Container für ihre privaten Sachen und Unterlagen gemietet. Ich klopfte die Fußbodenleisten ab, ich suchte in den Lampenschirmen, griff unter den Schreibtisch, unter das Bett, das Sofa, die Sessel. Nichts. Resigniert gab ich auf.

Ich nahm die Fotoalben mit, als ich ging. An der Tür drehte ich mich ein letztes Mal um.. »Tschüss«, sagte ich zu dem Zimmer, in dem meine Mutter unter einem falschen Namen die letzten sechs Monate ihres Lebens verbracht hatte. Ich würde nicht noch einmal herkommen.

Ich bat die Empfangsdame, die Sachen meiner Mutter nach Belieben zu entsorgen. Ich wollte nichts damit zu tun haben. Ich hinterließ meine private Visitenkarte mit Adresse und Telefonnummer und bat sie, mir die Rechnung für das Entsorgen der Kleidung zu schicken. Ich war mir sicher, dass ich keine bekäme und das Personal die Kleidung mit Kusshand nahm.

Die Scheckkarten lagen bei Mankiewisc. Die Konten hatten sie noch nicht freigegeben. Ich hatte keine Eile, das Geld zu erhalten.

Ich wollte schon gehen. Dann drehte ich mich noch einmal um.

»Wo hat meine Mutter eigentlich gegessen?«, fragte ich.

»Meistens hier«, sagte die Empfangsdame. »Wir haben ihr jeden Morgen das Frühstück raufgeschickt, und abends hat sie fast täglich hinten im Restaurant gesessen. Fragen Sie Bennie. Er ist an der Bar.«

Ich nickte, und dann ging ich in das Restaurant.

Es war leer. Hinter der Bar stand ein junger Angestellter mit einem Milchgesicht und lockigen blonden Haaren und putzte die Gläser. Das also war Bennie. Als ich eintrat, schenkte er mir ein Lächeln, das ebenmäßige weiße Zähne freilegte.

»Kann ich bitte einen Milchkaffee haben?«, fragte ich, setzte mich an den Tresen und legte die Alben vor mich hin.

Er nickte und machte sich an einer italienischen Espressomaschine zu schaffen.

»Dauert einen Moment«, sagte er. »Wir haben eigentlich noch nicht auf.«

Ich sah auf die Uhr. Es war kurz vor fünf.

»Ihre Mutter?«, fragte er und zeigte mit dem Kopf auf die Alben.

»Woher wissen Sie das?«

»Sie hat hier manchmal wie Sie jetzt gesessen, wenn noch kein anderer Gast da war. Manchmal hatte sie eines der Alben dabei. Und sie hat um diese Zeit immer einen Milchkaffee getrunken. Allerdings mit Karamell.« Er lächelte mich an.

»Machen Sie mir auch etwas Karamell rein«, sagte ich und lächelte zurück. Ich war dankbar, endlich jemanden zu treffen, der sie leibhaftig gekannt und mit ihr gesprochen hatte.

»Sie sind die Frau auf den Fotos«, sagte er und drehte sich zu mir. Er stand an der Espressomaschine und ließ den Kaffee in eine Tasse laufen. Dann schäumte er die Milch auf.

Ich nickte. »Ja.«

»Die Polizei hat uns alle vernommen«, sagte er und schöpfte den Milchschaum vorsichtig auf den Espresso.

»Ich weiß«, sagte ich. »Aber Sie wussten ja alle nichts.«

Er sah mich einen Augenblick forschend an und zuckte mit den Achseln.

»Zeigen Sie mir noch einmal das Album mit Ihren Fotos.« Er stellte den Milchkaffee vor mich hin.

Ich öffnete das Album, und er blätterte schnell vor bis zu den letzten Fotos von mir.

»Sie hat immer zu mir gesagt, ich sei jetzt so alt wie ihre tote Enkelin.«

»Sie wäre jetzt neunzehn«, sagte ich.

»Ich weiß«, sagte er und legte seine jungenhafte Stirn in Falten. »Es tut mir sehr leid für Sie und Ihre Familie.«

»Danke«, sagte ich und musterte ihn aufmerksam.

»Sie sind doch Ihre Tochter, oder?«, fragte er mich noch einmal, und ich nickte und wies auf das letzte Foto, das sie von mir gemacht hatte. Es war nur ein paar Wochen alt. Es zeigte mich und Josey beim Verlassen der Schule. Josey trug ihre große Schultüte und sah gerade lachend zu mir hoch.

»Es ist nur so«, sagte er und kratzte sich die Stirn. Dann beugte er sich zu mir. »Ich soll Ihnen was geben, hat sie gesagt.«

»Mir?«, fragte ich überrascht, und er nickte, wobei sich unsere Nasen fast berührten, so dicht hatte er sich zu mir gebeugt.

»Sie hat gesagt, sie sei ja schon älter, und vielleicht passiere ihr etwas. Und dann will sie nicht, dass irgendjemand etwas bekommt, das Ihnen gehört.«

»Und was sollen Sie mir geben?« Ich konnte eine nervöse Unruhe in meiner Stimme nicht unterdrücken.

»Warten Sie einen Moment, bitte.«

Er kam hinter dem Tresen vor, ging durchs Restaurant und verschwand hinter einer Schwingtür, die in die Küche führte. Die Tür schwang noch ein paarmal hin und her, und ich vernahm das leise Klappern von Geschirr.

Als er zurückkam, pfiff er leise vor sich hin. Etwas wölbte seine bodenlange weinrote Schürze.

»Sie ist ermordet worden, nicht wahr?«, fragte er.

Ich nickte. »Aber es gibt bislang keinen Verdächtigen.«

Er schaute sich um. Dann zog er einen wattierten, gelben Briefumschlag im DIN-A5-Format unter der Schürze hervor, steckte ihn in das offene Album und klappte es zu.

»Vielleicht war sie eine Spionin.«

Ich lachte für mich selbst überraschend laut auf.

»Bestimmt nicht.«

Sein Gesicht überzog ein Anflug von Enttäuschung.

»Sie hat mir gesagt, ich soll diesen Umschlag nur ihrer Tochter geben. Niemand anderem.«

Meine Hand langte zu dem Album. Seine Hand legte sich auf meine. Sie war warm und kräftig.

»Schauen Sie es sich zu Hause an«, sagte er.

Ich zog meine Hand unter seiner fort.

»Was wissen Sie von meiner Mutter?«, fragte ich.

Er war jung, viel zu jung für die Geheimnisse einer alten Frau. Aber wer weiß. Vielleicht hatte sie ihn ja wirklich in ihr Herz geschlossen, weil er so alt war, wie Johanna jetzt gewesen wäre. Vielleicht war sie auch einfach nur einsam gewesen und dankbar, ab und zu mit jemandem plaudern zu können.

»Ich mochte sie«, sagte er. »Sie konnte sehr komisch sein. Sie hatte einen wirklich guten Humor. Nur in den letzten zwei Wochen war sie irgendwie anders. Sie sagte immer, sie sei müde, wenn ich sie fragte. Sie sei eben eine alte Frau. Aber ich glaube, es war etwas anderes. Sie war nervös. Man konnte es sehen, wenn sie glaubte, niemand beobachtete sie. Dann pulte sie an den Servietten, oder sie nahm sie auseinander und legte sie sorgfältig wieder zusammen. Und einmal sah sie so aus, als würde sie gleich weinen. Sie saß da hinten. Ich hab mich weggedreht. Sie dachte, ich könnte sie nicht sehen. Aber ich habe sie hier im Spiegel über der Bar gesehen. Ich hab Gläser poliert, und sie hat dort drüben am Fenster gesessen. Und ich glaube, sie hat geweint.«

Er nickte, mehr zu sich selbst als zu mir.

»Wissen Sie eigentlich, was in dem Umschlag ist?«

»Ja«, sagte er, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. »Es ist ihr Hausschlüssel. Sie hatte draußen in Horststätt ein Haus.«

Ich stöhnte auf. Horststätt, das konnte nicht sein. Ich stützte meinen Kopf in die Hand. Horststätt lag eineinhalb Kilometer von dem Wasserturm entfernt, in dem Johanna die letzten Tage ihres Lebens verbracht hatte.

»Ist Ihnen nicht gut?«, hörte ich seine Stimme an meinem Ohr.

Ich schaute auf. »Geben Sie mir einen Cognac«, sagte ich, und er schenkte mir einen ein.

»Ich war mal mit ihr da« sagte er. »Sie hatte ja hier kein Auto. Ein schönes Haus. Mit allem, was man so braucht. Sogar mit einem Fischteich draußen im Garten.«

»Sie ist mit Ihnen dahin gefahren?«

Meine Stimme klang aggressiver, als ich es meinte. Ich kippte die Hälfte des Cognacs in mich hinein, als würde ich das jeden Tag tun.

Der Junge sah mich irritiert an. »Sie hat mich darum gebeten. Und sie hat mich bezahlt. Nur durfte ich niemandem etwas davon sagen.«

»Und das haben Sie natürlich auch nicht.« Ich dachte darüber nach, wie verrückt es war. Sie hatte mich und meinen Vater verlassen, als ich 25 Jahre alt war. Sie hatte alle meine Lebensstationen aus der Ferne begleitet, aber sie hatte mir nicht vertraut. Denn hätte sie das, dann hätte sie sich gemeldet. Doch diesem Grünschnabel hatte sie vertraut. Mehr als mir, ihrer Tochter. Vielleicht hat sie ja den Jungen immer mehr vertraut als den Erwachsenen. Vielleicht hing das mit ihrem Beruf zusammen. Vielleicht tut das ja jeder Lehrer.

»Ich mochte sie«, sagte er in meine Gedanken hinein, und so etwas wie Trotz lag in seiner Stimme. »Sie war schrullig. Sie hatte ein tolles Haus und zog hier in dieses Hotel. Aber sie hat mich immer sehr gut bezahlt. Und sie hat mich auch bezahlt, damit ich mit niemandem außer Ihnen darüber rede. Ich wollte ihr Geld nicht, aber sie sagte, das sei nur fair. Sie habe Geld, ich nicht. Deshalb würde sie alles, was ich für sie tue, bestens vergüten, und das hat sie dann auch getan.«

»Hat sie gesagt, weshalb sie nicht in dem Haus wohnt?«

»Sie wollte da ja wieder hin. Sie sagte, sie müsste nur hier in Hamburg etwas erledigen. Danach wollte sie wieder in ihr Haus ziehen.«

»Aber sie hat nie gesagt, was es war, oder?«

Der Junge sah mich an.

»Doch«, sagte er. »Sie wollte beweisen, dass Sie diesen Bruchsahl nicht erschossen haben.«

Einen Moment lang saß ich nur da. Ich starrte in den Spiegel hinter dem Tresen.

Der Junge schwieg.

»Sie heißen Bennie?«, fragte ich, um überhaupt etwas zu sagen.

»Ja«, sagte der Junge und wies auf das Schild, das an seinem Hemd steckte.

»Sorry«, sagte ich und trank den Rest Cognac aus.

»Ich kann Sie auch hinfahren«, sagte Bennie. »Ich hab morgen frei.«

Ich schüttelte den Kopf

»Ich weiß, wo Horststätt liegt.«

Als ich das Hotel verlassen wollte, stand eine Frau auf der anderen Straßenseite. Ich sah sie bereits durch die Glastür, bevor ich hinaustrat. Sie trug einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut, den sie tief in die Stirn gezogen hatte. Einen dunklen Schal hatte sie sich so um den Hals gewickelt, dass er den Mund verdeckte. Sie blickte zum Hotel. Als ich aus der Tür trat, drehte sie sich um und ging weg. Ohne Eile und ohne Hast. Es war durchaus möglich, dass sie die Frau aus dem Auto war. Ich lief auf den Bürgersteig und sah ihr nach. Nach knapp 200 Metern bog sie um die Ecke und verschwand in einer Nebenstraße, die zur Rothenbaumchaussee führte.

Ich ging noch einmal zurück ins Foyer und fragte die Empfangsdame, ob in der letzten Stunde vielleicht eine Dame in einem schwarzen Mantel nach mir oder meiner Mutter gefragt hatte.

»Ich hätte es Ihnen selbstverständlich gesagt. Doch nein«, sagte sie und versuchte zu lächeln. Das Lächeln erstarb in den Mundwinkeln. Das sah doch nicht nach Botox aus. Das war die Folge eines Generalliftings. Ich warf einen flüchtigen Blick auf ihren Hals über dem steifen Kragen. Er hatte die schlaffe Haut einer Gans, die man fürs Rupfen der Federn überbrüht hatte. Ihr Hals war mindestens 60 Jahre alt. Ich wusste nicht, ob ich sie bemitleiden oder bewundern sollte.

Ich ging raus zu meinem Auto und nahm den Weg, den die Frau genommen hatte. Ich erwartete nicht, sie noch einmal zu sehen. Dennoch trieb mich mein Instinkt, diesen Weg nach Hause zu nehmen. Als ich in die Rothenbaumchaussee einbog, blinkte links der neongelbe Schriftzug des NDR auf einem lang gezogenen Gebäudekomplex aus den 1960er Jahren. 100 Meter rechts leuchteten die gelben Aufsätze von drei Taxen, die an einem Taxistand auf Kunden warteten. In das erste stieg gerade eine Frau in einem schwarzen Mantel.

Ich weiß nicht genau, was mich ritt, aber ich hupte mehrmals, als ich an dem Taxi vorbeifuhr. Der Kopf des Fahrers drehte sich in meine Richtung. Die Frau sah vom Rücksitz aus zu mir hinauf. Sie konnte es sein oder auch nicht. Ich lächelte und winkte ihr zu. Abrupt wandte sie das Gesicht ab. Hinter mir fädelte sich das Taxi in den Verkehr ein.

Kapitel 11

Pünktlich um sechs Uhr klingelte ich bei Patrizia. Josephine rannte die Treppe hinunter auf mich zu und umarmte mich stürmisch. Ich drückte ihr einen Kuss aufs Haar und fasste nach ihrer warmen, weichen Kinderhand, während sie aufgeregt erzählte, was sie am Nachmittag erlebt hatte. Patrick war früher aus dem Büro gekommen, und sie hatten zu viert »Mensch ärgere dich nicht« gespielt. Zweimal hatte er gewonnen, dann Mellie und schließlich sie.

Als wir zu Hause ankamen, knallte ich die Haustür hinter mir so laut zu, dass Josey zusammenzuckte und das Geräusch selbst in meinen Ohren widerhallte wie ein Schuss. In der ersten Etage öffnete sich die Tür. Elizabeth Mayer, ehemalige Assistentin eines Geschäftsführers, seit drei Jahren im Ruhestand und mit jedem Jahr etwa zehn Kilogramm reines Fett mehr auf dem einst schlanken Körper, steckte den Kopf über das Treppengeländer.

»Alles in Ordnung?«, rief sie fragend herunter. Ich sah nach oben und entschuldigte mich, die Tür sei mir aus der Hand gefallen.

»Stimmt doch gar nicht«, flüsterte Josey. »Ich hab es genau gesehen.«

»Pst«, machte ich, drehte mich zu ihr und legte den Finger auf den Mund.

Wir hörten, wie über uns die Tür zuging.

»Man soll nicht lügen. Dann bekommt man eine lange Nase und kurze Beine«, sagte Josey ernst.

Mir war alles andere als zum Lachen, doch unwillkürlich musste ich lächeln, und dann prustete sie los.

Ich drehte den Schlüssel im Schloss herum, und wir stiegen die vier Treppen nach oben.

Mein Haus war ein so genannter Lückenbau. Wodurch die Lücke vor mehr als einem Jahrhundert entstanden war, konnte mir nicht einmal die Maklerin erklären, als Kai und ich die Wohnung vor zwanzig Jahren kauften. Dieser Lückenbau hatte jedenfalls zur Folge, dass das Haus auf jeder Etage nur eine etwa 110 Quadratmeter große Wohnung mit vier Zimmern besaß und für den Einbau eines Fahrstuhls nicht genügend Platz vorhanden war. Das jedoch sorgte dafür, dass der Quadratmeterpreis trotz der hervorragenden Lage im Rahmen geblieben war und den explodierenden Wohnungspreisen bis heute erheblich hinterherhinkte. Nur deshalb hatten Kai und ich uns diese Wohnung damals leisten können. Kai hatte von seinen Eltern zur Hochzeit 30 000 Mark bekommen, und ich ebenfalls. Das war der Grundstock unseres Kaufes gewesen. Den Rest hatten wir über einen Kredit finanziert, den ich allerdings längst abgelöst hatte.

Um sieben Uhr lag Josey im Bett und schlief, nachdem wir eine Pizza gegessen hatten und ich ihr das dritte Kapitel von »Die Abenteuer des Tom Sawyer« vorgelesen hatte. Tom Sawyer war momentan ihr großer Held. Davor war es »Der gestiefelte Kater« gewesen. Sie liebte eigensinnige Helden, die aufmüpfig waren und nicht immer das taten, was man von ihnen erwartete. Ich hatte ihr das Buch zu ihrem sechsten Geburtstag geschenkt und las es ihr nun schon zum zweiten Mal vor.

Ich setzte mich in mein Arbeitszimmer an den Schreibtisch, zog den Umschlag aus dem Album und riss ihn ungeduldig auf. Ich hatte auf einen Brief gehofft, auf eine Erklärung, auf irgendetwas. Doch da war nichts.

Ich schüttelte den Umschlag, und ein Schlüssel mit einem Anhänger fiel auf den Schreibtisch. Auf dem Anhänger stand in der Schrift meiner Mutter »Hügelweg 12, Horststätt«.

Es gab kein Entkommen. Jetzt nicht mehr. Angst kroch durch meinen Körper, und Hilflosigkeit drohte, meinen Verstand lahmzulegen. Einen Moment lang sehnte ich mich nach der inneren Taubheit, die einem Alkohol und Schlaftabletten schenkten. Doch ich hatte weder das eine noch das andere da.

Ich kannte Horststätt. Bruchsahl hatte in dem Ort gewohnt, der nur anderthalb Kilometer von dem Wasserturm entfernt lag, in dem Johanna gestorben war. Ich habe wohl eine knappe halbe Stunde in diesem Wasserturm gesessen, nachdem Dr. Bruchsahl mir an jenem Nachmittag erzählt hatte, dass Johanna dort gewesen war. Ich fand ihre Mütze und ihren Schulranzen. Als ich den Turm verließ, ließ ich sie liegen.

Jemand hatte Dr. Bruchsahl angerufen, als meine Tochter ihren Asthmaanfall hatte. Als er zu ihr kam, war es zu spät. Er konnte ihr nicht mehr helfen, und sie starb in seinen Armen. Er sagte, er hätte sofort einen Rettungshubschrauber rufen müssen. Sofort, aber als der Anruf kam, hatte er die Situation verkannt.

Er wollte mir nicht sagen, wer ihn angerufen hatte. Aber er hatte mir versprochen, dafür zu sorgen, dass sich die Leute stellten. Ich hatte ihm prophezeit, dass das ein Hirngespinst ist. Er hatte mich um einen Versuch und 24 Stunden Zeit gebeten. Die hatte ich ihm gegeben. Danach würde er der Polizei und mir die Namen nennen. Doch diese Leute hatten ihn getötet, und manchmal denke ich, auch ich habe ihn auf dem Gewissen. Dr. Bruchsahl nämlich war ein zutiefst überzeugter Philanthrop. Er glaubte wirklich, die Entführer würden bereuen und die Sühne für den Tod meiner Tochter auf sich nehmen. Ich jedoch, die große Reporterin, ich hätte es besser wissen müssen. Die wenigsten Menschen sind bereit, sich dem zu stellen, was sie angerichtet haben.

Ich nahm noch einmal die Alben meiner Mutter und blätterte sie durch.

Wir hatten beide etwas Unersetzliches verloren: Sie die erste große Liebe ihres Lebens und ich meine erste Tochter. Wir hätten uns in unserer Trauer nah sein können. Doch sie hat es nicht gewollt.

Ich verstand es nicht. Es war mir unbegreiflich.

Ich blätterte durch die Seiten »meines« Albums.

Meine Mutter hatte Fotos von uns allen gemacht, und als ich die Seiten umschlug, wurde mir noch einmal bewusst, wie sehr sich meine beiden Töchter ähnelten, nur dass Johanna nicht Kais grüne, sondern meine graublauen Augen geerbt hatte.

Und dann tat ich etwas, das ich seit unendlich vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Ich erlaubte meiner Tochter Johanna, wieder in mein Leben zu treten. Meine sorgsam entworfenen Universen hatten sich ohnehin längst aufgelöst, durchdrangen einander und ließen sich nicht mehr trennen.

Ich ging an den Wandsafe, der hinter einer Werner-Tübke-Radierung hing, und holte das rosafarbene Fotoalbum von Johanna hervor. Auf der ersten Seite klebte ein durchsichtiger Plastikbeutel mit den ersten Haaren, die ich ihr abgeschnitten hatte. Es war eine dünne Strähne feinen, rötlichen Babyhaares. Sie war ein Dreivierteljahr alt gewesen. Ich nahm die Haare heraus und schnupperte an ihnen, als wollte ich eine Spur aufnehmen. Doch da war nichts. Dabei hatte sie so süß gerochen, nach Babypuder, warmer Haut, Milch und Geborgenheit.

Ich schloss die Augen und versuchte mir vorzustellen, wie ich ihr die Strähne abgeschnitten hatte. Fassungslos stellte ich fest, dass es kein Bild in mir gab. Ich konzentrierte mich. Ich erwischte blitzartig ein Gesichtchen mit grauen Augen, das lachte und ebenso schnell verschwand, wie es aufgetaucht war.

Tränen sammelten sich in meinen Augen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich angefühlt hatte, wenn ich sie badete, wickelte, küsste. Ich fühlte sie nicht und ich sah sie auch nicht. Ich sah Josephine mit ihren grünen Augen, und es kam mir vor wie ein Verrat. Ich versuchte es mit Johannas Taufe, ihrem ersten Kindergeburtstag, mit dem ersten Weihnachtsfest.

Ich blätterte weiter. Ich sah Johanna auf den Fotos, doch ich konnte sie nicht mehr spüren, empfinden, riechen, nicht mehr vor meinem inneren Auge sehen. Es kam mir vor, als hätte die Zeit mein kleines Mädchen in meinem Inneren ausgelöscht.

Alles, was ich von ihr sah, war dieses weiße, verzerrte Gesicht mit den schreckensweit geöffneten Augen und dem offenen Mund, der wie eine Wunde in ihrem Gesicht klaffte. Ich sah sie tot. Ich spürte die Kälte ihrer Haut auf meiner Hand, als ich ihr Gesicht gestreichelt hatte. Ich spürte die eiskalte Feuchtigkeit des Parkas unter den Fingern, als ich im Stadtpark neben ihrer Leiche gekniet hatte. Ich spürte, wie die Feuchtigkeit an meinen Knien durch die Hose drang – und ich spürte noch immer Renners Hände an meinem Oberarm, als er mich wegzog. Doch ich spürte meine Tochter nicht mehr, wie sie sich als Baby an mich kuschelte, ihre Milch trank und glücklich gluckste, wenn sie die Brustwarze in ihrem Mund hatte. Ich weiß, dass sie das alles getan hat – und es ist weg.

Ich nahm ein Foto von Johanna und Kai aus dem Album. Ich nahm eines von meiner Mutter aus dem anderen Album. Ich legte ein Foto von meinem Vater dazu und das Foto mit dem Grabstein von Johann Paulsen.

Vor mir lagen fünf Menschen, die nicht mehr lebten. Jeder von ihnen hatte eine Geschichte. Jede dieser Geschichten hatte zu viele lose Enden, und es war an der Zeit, diese Enden zu entwirren.

Wer, was, wo, wie und warum.

Ich würde diese fünf Fragen lösen. Für jeden einzelnen von ihnen. Ich war Reporterin. Ich wusste, wie man recherchierte. Ich beherrschte das Handwerk. Ich hatte es beim »Hamburger Blatt« von der Pike auf gelernt.

Kapitel 12

»Man geht immer an den Ausgangspunkt zurück«, hatte Mankiewisc vor einiger Zeit zu mir gesagt. Das galt für Reportagen ebenso wie für Mordfälle.

Wenn ich an den Ausgangspunkt zurückwollte, dann musste ich als Erstes nach Horststätt und als Zweites nach Solthaven. So deprimierend und traurig der Anlass auch war, traf es sich doch gut, dass die Urne mit der Asche meiner Mutter in zwei Tagen beigesetzt wurde. Ich hatte ein Zimmer im einzigen Hotel der Stadt gebucht, und Josey und ich würden am nächsten Tag losfahren.

Josey war ganz aufgeregt. Während wir am frühen Nachmittag ihren Rucksack und meinen Trolley packten, erklärte ich ihr, dass wir zu einer Beerdigung fuhren. Ich sagte ihr nicht, dass es ihre Großmutter war. Sie hatte sie nie keimen gelernt. Sie fragte mich, was eine Beerdigung ist und ob sie Angst haben müsste.

Ich erklärte es ihr, während sie auf dem Bett saß und mit den Beinen baumelte. Als ich fertig war, sprang sie herunter und rannte wortlos aus dem Zimmer.

Sie kam mit ihrer grauen Schmusekatze Sandy zurück und stopfte sie oben in den Rucksack. Darunter lagen ihre Jeans, zwei Sweatshirts, Unterwäsche und Socken und Schuhe zum Wechseln. Dann rannte sie noch einmal ins Kinderzimmer und kam mit Kais Game Boy wieder. Sie steckte ihn in eine Seitentasche.

Sie setzte sich zurück auf die Bettkante und hob den Kopf. Ihre grünen Augen sahen mir ins Gesicht.

»Wird es wie bei meinem Papa?«, fragte sie.

Mir schossen die Tränen in die Augen, und ich drehte mich um. Sie zerrte an meinem Arm.

»Mama, wird es wie bei meinem Papa?«

Verstohlen wischte ich mir die Tränen ab und hockte mich vor sie. Sie war dreieinhalb Jahre alt gewesen. Sie hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren nie mit mir darüber gesprochen, und so hatte ich angenommen, sie hätte es vergessen oder nicht verstanden. Doch ich hatte mich geirrt.

»Was meinst du?«, fragte ich hilflos. Ich bin selten hilflos, doch diese Frage hebelte mich aus, und so tat ich das, was Gesprächsprofis in solchen Situationen empfehlen, ich gab die Frage an meine Tochter zurück.

»Alle haben geweint. Es war sehr traurig. Und es war sehr dunkel und kalt. Und eine Frau hat mit dir geschimpft. Ganz laut. Und nur dort, wo die Lichter waren und die Musik, da war es schön.«

Kai war im Februar verunglückt. Es hatte an dem Tag geschneit, die Straßen waren vereist und glatt gewesen. Er war in Berlin gewesen, und auf der Rückfahrt hatte es an einer Baustelle diesen Stau gegeben. Fünf Tage später haben wir ihn beerdigt. An einem düsteren, grauen Februartag, nachmittags um zwei Uhr auf dem Solthavener Friedhof. Seine Eltern, Josephines Großeltern väterlicherseits, hatten es so gewollt. Seither hatte ich sie nicht mehr gesehen.

»Meinst du, wir können zwei von deinen Steinen von der Ostsee mitnehmen?«, fragte ich sie. »Wir könnten dort auch das Grab von deinem Papa besuchen, und dann schenken wir ihm die Steine zur Erinnerung.«

Josey lächelte glücklich, und dann rannte sie zum Regal, in dem das Glas mit ihrer Steinsammlung stand, kramte zwei besonders hübsche hervor und legte sie mir in die Hand.

Meine Familie hat keine jüdischen Wurzeln, doch ich liebe diesen Brauch, einen Stein auf einen Grabstein zu legen als Gruß der Lebenden an die, die vor ihnen gegangen sind.

Gegen halb zwei hatten wir unsere Sachen gepackt, und ich ging zum Briefkasten. Seitdem auch die Deutsche Post sparte, kam der Briefträger nie vor eins zu uns, und es war ständig ein anderer.

Ich war nervös, und je weiter ich die Treppe hinunterging, desto unruhiger wurde ich. Ich wartete auf das Foto meiner Mutter, das Groß mir versprochen hatte, und ich wartete täglich auf einen neuen Drohbrief.

Denn natürlich schloss niemand tagsüber die Tür ab. Jeder Bewohner hatte es mir versprochen. Doch niemand dachte daran. So war das eben im richtigen Leben. Die Leute hatten alle ihre eigenen Probleme, und sie hatten es immer eilig. Für jeden Fremden war es ein Leichtes zu klingeln und darum zu bitten, die Tür zu öffnen, damit er Werbung oder Ähnliches einwerfen konnte. Niemand kümmerte sich darum. Man öffnete die Tür und ging danach schnellstmöglich seinem Tagesgeschäft nach.

Ich leerte den Kasten. Obenauf lag ein Brief vom Landeskriminalamt. Ich schlitzte den Umschlag mit dem Daumen auf und sah hinein. Groß hatte sein Wort gehalten. Der Umschlag enthielt ein Farbfoto meiner Mutter, das sie vermutlich in der Pathologie aufgenommen hatten. Sie hatte die Augen geschlossen und sah aus, als ob sie schliefe.

Hinter diesem Umschlag knüllten sich Werbeprospekte vom Supermarkt um die Ecke, vom Baumarkt, von irgendeiner Elektrokette und von einem Pizzadienst. Unter den Prospekten leuchtete mir ein weißer DIN-A4-Umschlag entgegen, mit meinem Namen und meiner Adresse, den ein Laserprinter ausgedruckt hatte. Kein Absender. Keine Briefmarke. Kein Kurierdienst. Diesmal nicht.

Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich den Umschlag mit zitternden Händen aufriss. Ich hatte darauf gewartet. All die Tage, die ganzen letzten zwei Wochen. Jedes Mal, wenn ich zum Briefkasten ging, schlug mir das Herz bis zum Hals. Jedes Mal, wenn ich den Schlüssel umdrehte, schickte ich ein Gebet zum Himmel, jemand möge mich und meine Tochter beschützen. Und jedes Mal, wenn nichts als Rechnungen oder Prospekte in ihm gelegen hatten, hatte ich erleichtert aufgeatmet.

Ich zog ein Handy und ein DIN-A4-Blatt heraus. Wieder war ein Foto darauf: Josey und ich, wie wir aus dem Haus kommen. Sie trug den Parka und den Regenmantel. Das Foto war einen Tag alt.

»Informieren Sie nicht die Polizei. Wir werden es erfahren, und Ihrer Tochter werden dann unangenehme Dinge geschehen. Wir erwarten genau zwei Millionen Dollar aus dem Erbe Ihrer Mutter. Sie haben vier Tage Zeit. Wir werden uns auf dem Handy melden. Tragen Sie es immer bei sich und benutzen Sie es nicht für andere Zwecke.«

Ich stöhnte auf.

Meine Beine versagten, und ich sackte auf die erste Treppenstufe. Ware ich bei Verstand gewesen, hätte ich einen Schock diagnostiziert. Aber ich war nicht bei Verstand oder mein Verstand nicht bei mir. Nur meine Instinkte arbeiteten noch, losgelöst von meinem Bewusstsein. »Wenn du in der Klemme steckst, kontrolliere deinen Atem. Unter allen Umständen.« Auch das hatte John mir wieder und wieder gesagt. In irgendeiner Ecke meines Gehirns lagerte dieser Rat und erkämpfte sich im Alleingang die Herrschaft.

Ich atmete tief ein, atmete aus. Langsam einatmen, langsam ausatmen, repetierte eine Stimme in meinem Kopf, und mein Atem folgte ihr.

Es war der vertraute Geruch dieses Treppenflurs, der mir bewies, dass ich nicht träumte und hier, in meinem Zuhause, trotzdem in einem Alptraum gefangen war.

Einen Moment lang nahm ich nichts anderes wahr als diesen Geruch. Nichts, was ich kannte, glich ihm. Er war eine Mischung aus dem Eichenholz der Treppe, aus längst nicht mehr benutzten Putzmitteln und abgestandener Luft, über der etwas Undefinierbares lag, als hätte jeder, der dieses Haus jemals betreten hatte, seinen unverwechselbaren Geruch hinterlassen. Er hatte sich mit allen anderen vermischt zu einer Symphonie von Düften, die niemand mehr einzeln identifizieren konnte, doch die sich zu einem unverwechselbaren Eigengeruch zusammengefunden hatten. Diesen gab es nur in diesem Haus, wie es in jedem anderen ebenfalls immer einen speziellen Geruch gab. Dieser Geruch umgab mich nun wie ein schützender Mantel.

Ich hatte Johanna verloren, als sie so alt war wie jetzt Josey. Das war etwas Undenkbares, etwas ganz und gar Unvorstellbares, für das es früher nicht einmal in meinen düstersten Fantasien einen Raum gegeben hatte. War Johanna mal nicht pünktlich nach Hause gekommen, hatte ich an einen heimtückischen Asthmaanfall gedacht und an eine Klinikeinweisung, vielleicht an einen Unfall. Aber doch nie daran, dass mein Kind vor mir sterben würde. Das geschah in Büchern, in Filmen. Es geschah vielleicht anderen Eltern, deren Kinder an Krebs starben, an Leukämie, an Kindstod oder durch Verkehrsunfälle. Aber so etwas geschah einem niemals selbst. Kinder hatten Träume, und diese Träume waren von Klarheit und Reinheit, und sie waren es wert, verwirklicht zu werden. Dazu brauchten Kinder Zeit. Johanna hatte diese Zeit nie gehabt. Doch Josey würde sie bekommen – und ich würde dafür sorgen.

Wer auch immer mir diese Drohbriefe schickte, er würde mir keine Angst mehr machen.

Ich steckte das Handy in die Gesäßtasche meiner Jeans und das Blatt zurück in den Umschlag. Ich lief die Treppe hinauf in meine Wohnung.

Sie hatten mir vier Tage gegeben. Und einer Kuh, die man melken will, tut man gemeinhin nichts. Dennoch ging ich an den Safe in meinem Arbeitszimmer und holte die Glock 29 heraus, die dort seit meiner Haftentlassung lag. Sie hatte keine Seriennummer, natürlich nicht. Niemand konnte jemals zurückverfolgen, wem sie gehörte oder woher ich sie hatte.

David Plotzer hatte sie mir kurz nach meiner Haftentlassung ohne Kais Wissen aufgedrängt. Er hatte mir prophezeit, dass es nicht vorbei war. Ich erwartete mein zweites Kind, und ich wollte die Vergangenheit los sein. Ich wollte ihn los sein. Ich warf ihn aus der Wohnung und den Schuhkarton mit der Waffe hinterher. Er drehte sich nicht einmal um, als der Karton hinter ihm die Stufen hinunterpolterte. Als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, blieb mir nichts anderes übrig, als den Schuhkarton zu holen und ihn in meinen Kleiderschrank zu den anderen zu stellen. Dort, so wusste ich, würde Kai niemals nachschauen, und als er dann ausgezogen war, legte ich die Glock in den Safe. Ich wollte nicht, dass Josey sie zufällig fand.

Selbstverständlich besaß ich keinen Waffenschein, und als ehemaliger Häftling würde ich auch nie einen erhalten. Aber ich konnte seit meinem Studium mit Waffen umgehen. Jedes Erstsemester war in der DDR zu meiner Zeit für sechs Wochen in ein so genanntes vormilitärisches Lager gegangen. Alle Mädchen und alle Jungen, die nicht bei der Deutschen Volksarmee gewesen waren. Wir hatten dort unter militärischer Anleitung Erste-Hilfe-Kurse absolviert, wir hatten gelernt, wie man sich bei einem Atomschlag verhält, und wir hatten gelernt, mit Waffen umzugehen. Unser Ausbilder hatte mich ein Naturtalent genannt, auch wenn ich beim Schießen immer das falsche Auge schloss. Ich traf dennoch punktgenau ins Schwarze. Am allerletzten Tag hatte er uns den Rat fürs Leben gegeben: Sollten wir jemals in eine gefährliche Situation geraten, sollten wir vergessen, was er uns gelehrt hatte. Wir sollten uns nicht mit dem exakten Zielen aufhalten. Wir sollten auf die Körpermitte zielen und abdrücken, bis das Magazin leer war. Alles andere wäre etwas für Profis, und das wären wir nun mal nicht und wir würden es auch nie in unserem Leben werden.

Die Glock lag noch immer in dem Schuhkarton, in dem ich sie bekommen hatte. Ich wickelte sie aus dem ölgetränkten Lappen, entsicherte sie, klickte die Trommel heraus, ließ sie über meine Hand gleiten und überprüfte, ob die Kammern geladen waren. In jeder steckte eine Patrone.

Ich hatte mir an dem Tag, an dem ich Jörn Bruchsahl fast getötet hatte, geschworen, nie wieder eine Waffe zu benutzen. Doch Umstände ändern sich, und dann sollte man auch seine Einstellung ändern. Hier ging es nicht mehr nur um mich. Hier ging es um Josey.

Ich holte meine schwarze Handtasche und steckte die Glock hinein.

Jetzt würde ich das tun, was ich mir für den Nachmittag vorgenommen hatte: den Blumenstrauß für die Beerdigung meiner Mutter abholen.

Ich rief Josey im Kinderzimmer zu, sie möge sich anziehen, wir müssten noch mal los.

Einen Augenblick später klingelte das Telefon aus der Küche. Ich rannte hinüber und hielt es ans Ohr.

»Groß hier. Wir sind in ein paar Minuten bei Ihnen.«

»Ich wollte gerade weg«, sagte ich überrascht.

»Bleiben Sie zu Hause«, sagt er.

Es war keine Bitte, und er erwartete auch keine Antwort. Er hängte ein.

Ich legte das Telefon zurück auf den Küchentisch. Ich sah nach Josey, die sich in ihrem Zimmer gerade mit dem Reißverschluss ihres Daunenparkas mühte. Ich winkte ihr zu und sagte, wir bekämen noch kurz Besuch und sie könne sich Zeit lassen.

Dann ging ich ans Wohnzimmerfenster. Ich spähte hinter den Vorhängen nach unten. Es regnete wieder in Strömen. Fast hätte ich erwartet, unten die Frau mit dem Range Rover zu sehen. Doch da parkte kein Rover. Ich sah den Audi auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorfahren. Groß sprang auf der Fahrerseite aus dem Auto und öffnete einen Automatikschirm. Mankiewisc stieg auf der Fahrbahnseite aus und hastete über die Straße.

Ich ging zur Wohnungstür und drückte den Türöffner.

Ich hörte, wie unten die Haustür ins Schloss fiel und die beiden die Treppe heraufkamen.

Ich erwartete sie in der Tür.

Groß sah auf mein pinkfarbenes Micky-Maus-Sweatshirt. Er grinste und schob mich zur Seite. Das kannte ich schon.

»Wir haben eventuell eine Spur«, sagte er und ging in die Küche. Mankiewisc folgte ihm, ein Taschentuch in der Hand, mit dem er sich über den zurückweichenden Haaransatz fuhr und die Stirn trocknete. Ob sie vom Regen oder von Schweiß feucht war, war nicht auszumachen Er keuchte. Ich schloss die Tür und lehnte einen Moment den Kopf an das kühle Holz. Ich war erschöpft, ausgelaugt und müde.

Meine Beine entwickelten ein Eigenleben, und ich ging den beiden Männern schließlich hinterher.

»Setzen Sie sich«, sagte Mankiewisc. Er saß längst. Das Taschentuch war verschwunden, seine schwarze Daunenjacke hing über der Stuhllehne.

Ich fiel auf den Stuhl am Fenster. Mankiewisc saß mir gegenüber und sah mich an. Groß saß neben ihm. Auch seine schwarze Jacke hing über der Lehne. Sie hatten ihre Jacken zuvor nie abgelegt, und so ging ich davon aus, dass das Gespräch dauern konnte.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte Mankiewisc.

»Machen Sie es nicht so spannend. Sagen Sie mir einfach, was los ist und was Sie haben.«

»Sie sind ganz blass.«

»Haben Sie für heute die Rollen getauscht? Sind Sie heute der Gute? Sagen Sie, was los ist. Ich breche schon nicht zusammen.«

»Ihre Mutter hat von 1989 bis 1996 unter ihrem Mädchennamen in Berlin eine Wohnung gehabt und als Englischlehrerin in einer privaten Sprachschule gearbeitet«, begann er und sah mich an.

»Behrmann«, sagte ich leise, und er nickte.

»Im Mai 1996 zog Ihre Mutter aus und kündigte den Job. Neuer Aufenthaltsort ist unbekannt. Allerdings ...« Mankiewiscs Stimme brach ab.

»Allerdings?«, fragte ich.

Groß räusperte sich.

»Wir haben den Bankberater gefunden, bei dem Ihre Mutter in Berlin bereits 1989 zwei deutsche Konten eröffnete. Das eine benutzte sie für normale Ausgaben und Einnahmen, Gehalt, Miete, Versicherungen und so weiter. Auf das zweite zahlte sie kurz darauf bar 250 000 Mark, also 125 000 Euro ein. Er erinnerte sich so gut, weil es auch für eine Großstadt wie Berlin äußerst ungewöhnlich war, dass eine Durchschnittsfrau einen so großen Betrag bar einzahlt. Es erstaunte ihn nicht minder, dass sie das Geld nur einen Monat später wieder abhob. Bar, wohlgemerkt. Er erzählte uns außerdem, dass sie seither an jedem Ersten eines Monats 1500 Euro auf das Konto überwiesen bekam und es von diesem Konto abhob. Niemals mehr und niemals weniger. Er hat für uns nachgesehen. 1996 endeten die Zahlungen, und beide Konten wurden aufgelöst.«

Meine Gedanken überschlugen sich, etwas wollte an die Oberfläche.

»Wie haben Sie ihn gefunden?«, fragte ich. Ich wollte nicht denken, was sich da gerade einen Weg bahnte.

»Wir sind nicht blöd«, sagte Mankiewisc, »auch wenn Zeitgenossen wie Sie das gern unterstellen, nur weil unsere Büros nicht so schick sind wie Ihre und weil Sie mehr verdienen.«

»Höre ich da eine leise Verbitterung?«, konnte ich mich nicht enthalten zu fragen.

»Lassen wir das«, sagte Groß. »Wir haben den Angestellten über die Berliner Bank gefunden, bei der Ihre Mutter das Konto besaß. Den Aufenthaltsort haben wir dann ganz unspektakulär übers Einwohnermeldeamt ermittelt, und da sie dort normal versteuerte, wussten wir auch schnell, dass sie an einer Sprachschule unterrichtete.«

»Toll«, sagte ich. Was sollte ich auch sagen. In meinem Kopf arbeitete es. Im Oktober hatte meine Mutter eine große Summe Geld erhalten. Meine Tochter war im Januar darauf entführt worden. Ich wischte den Gedanken beiseite. Er war zu absurd.

»Wir haben auch das Schweizer Konto Ihrer Mutter überprüft. Die Antwort hat eine Weile gedauert.« Mankiewisc schwieg einen Moment, als müsste er sich für das, was er sagen wollte, sammeln.

»Und?«, fragte ich in die Stille.

»Ihre Mutter hat das Schweizer Konto 1996 bereits unter dem Namen Silberstein eröffnet.«

Ich zuckte betont lässig mit den Achseln.

»Sie zahlte dort ebenfalls Geld bar ein.« Er sah mir in die Augen. Seine Augen waren von einem wässrigen Hellblau und leicht gerötet. Ich registrierte es, während er weiterredete. »Anfang März 1996 nicht ganz zwei Millionen Dollar. Knapp drei Wochen, nachdem David Plotzer für Ihre Tochter zwei Millionen Dollar gezahlt hatte und drei Tage nach Bruchsahls Tod.«

Mir wurde schwindlig. Es war keine körperliche Übelkeit. Es war in etwa so, als verselbständigte sich mein Inneres und hebe dabei die Gesetze der Schwerkraft auf. Es durchbrach meine Haut, taumelte erst durch die Küche, stieß sich am Küchenschrank, stolperte über seine Beine und stieg im Steigflug an die Decke, von wo aus es die Szenerie neugierig beobachtete. Ich kam mir vor wie mein eigener Geist, der sich anschickte, mit anderen Geistern zu verhandeln.

»Hey«, sagte Groß und wedelte mit einer Hand vor meinem Auge herum.

Mein Geist kehrte von seinem Deckenausflug zurück, und jetzt war mir körperlich übel.

»Das kann nicht sein«, sagte ich leise. »Sie wollen doch nicht ernsthaft unterstellen, dass meine eigene Mutter in die Entführung meiner Tochter verwickelt war.« Meine Stimme wurde lauter, kälter, schneidend. »Das meinen Sie nicht ernst. Das ist unglaublich.«

»Wir können es nicht ausschließen«, sagte Groß. »Tut uns wirklich leid, Frau Steinfeld. Aber so, wie die Dinge liegen, hatte Ihre Mutter vermutlich eine ganze Menge mit der Entführung zu tun.«

»Es muss ein Zufall sein«, beharrte ich.

»Frau Steinfeld«, sagte Mankiewisc. »Denken Sie nach. Hier geht es nicht um Ihre Gefühle, hier geht es um Tatsachen, und nur mit denen kommen wir weiter.«

Mankiewisc irrte. Nicht Gefühle übermannten mich oder stritten in mir um die Vorherrschaft. Ich bestand nur aus einem Gefühl: aus reiner Hysterie und nichts anderem. Mein Verstand hatte kapituliert. Er war so einsam, vereist und leer wie der Mount Everest.

Diese Männer saßen vor mir und behaupteten, meine Mutter hätte etwas mit dem Tod meiner Tochter zu tun.

Nein, nein, nein. Ich sprang auf und krallte mich an der Stuhllehne fest. Hysterie half mir nicht weiter. Nur ein klarer Verstand. Das kannte ich doch. Ich lauschte meinem Atem. Ich zählte bis zehn, bis zwanzig, zurück, dann bis dreißig. Mein Puls beruhigte sich, mein Verstand klarte auf wie die Luft nach einem heftigen Gewitterregen im Hochsommer.

Mankiewisc und Groß beobachteten mich schweigend.

»Geht es Ihnen besser?«, fragte Groß, als sich mein Atem wieder beruhigte.

Ich nickte und setzte mich.

»Das, was Sie vorbringen, läuft allem zuwider. Jeglicher Erfahrung, jeglichem Sinn für Menschlichkeit, jeglichem Sinn für Familie«, sagte ich.

»Das Letzte können wir abhaken«, sagte Mankiewisc ruhig, lehnte sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Arme auf dem stattlichen Bauch, der drohte, die Knöpfe seines blauen Anzughemdes zu sprengen.

»Das können Sie doch nicht einfach so behaupten. Sie hat uns verlassen. Gut. Aber weshalb? Was sind die Gründe?« Ich fragte es mehr mich selbst als ihn.

»Überdruss, Langeweile, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden.«

Ich schüttelte den Kopf. Das alles stimmte nicht. Sie hatte keine Langeweile. Sie war Lehrerin. Das war ein Fulltimejob, wenn man ihn ernst nahm. Meine Mutter hatte ihre Arbeit ernst genommen. Sie hatte ihre Schüler ernst genommen. Und sie wäre nur ein paar Wochen später Großmutter geworden – darauf hatte sie sich gefreut. Diese Gedanken schossen durch meinen Kopf. Sie konnten ebenso die Wahrheit sein wie Mankiewiscs Motive Überdruss und Langeweile. Oder die Sehnsucht, endlich, endlich, endlich, nach 40 Jahren, dem eisernen Vorhang zu entkommen, den die DDR zum Rest der Welt errichtet hatte. Sie wäre nicht die Einzige.

»Hören Sie, Frau Steinfeld. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Aber Ihre Mutter war offensichtlich sehr wohl fähig, Sie und Ihren Vater aus sehr eigennützigen Motiven zu verlassen. Doch im Moment ist diese Flucht aus der DDR für mich nur insofern relevant, als sie danach offensichtlich hier festgestellt hat, dass man für das große Abenteuer Freiheit Geld braucht. Auch wenn sie dazu sieben Jahre gebraucht hat.« Mankiewisc sprach aus, was ich nur Minuten zuvor zum ersten Mal selbst gewagt hatte zu denken.

Ich schwieg. Ich wusste einfach nicht mehr, wer meine Mutter war. Doch ich hatte genügend Lebenserfahrung, um zu wissen, dass nichts unmöglich war. Es waren zumeist die engsten Angehörigen von Mördern oder Gewaltverbrechern, die keine Ahnung hatten, mit welchen Monstern sie Jahre oder gar Jahrzehnte unter einem Dach gelebt hatten. Die perfidesten Sexualstraftäter waren oftmals hilfsbereite Nachbarn, aufmerksame Ehemänner, nette Väter.

Aber das Ganze war absurd. Wir waren eine intakte Familie gewesen, eine normale Familie mit normalen Menschen. Nun gut, wir hatten Macken und Schwächen wie andere auch. Doch in meiner Familie hatte es niemals ein Gewaltverbrechen gegeben. In keiner Generation.

»Ich habe privat mit Max Renner gesprochen, und wir haben uns auch Ihre Aktenkommen lassen«, sagte Groß in das Schweigen, das die Küche gefüllt hatte. Es traf mich wie ein Schlag auf den Solarplexus.

Da war sie. Meine Vergangenheit. Ich wusste von vier Ordnern. Rund 1200 Seiten Ermittlungsberichte, Zeugenvernehmungen, Prozessprotokolle, Gutachten, Gegengutachten, Tatortberichte, Obduktionsberichte, eidesstattliche Erklärungen und mein Urteil mit der Urteilsbegründung.

Als Groß weitersprach, klang seine Stimme wie aus weiter Ferne.

»Renner hatte zunächst vermutet, dass es mehrere Täter gegeben hat. Er konnte es nur nicht beweisen. Alle, die mit Jörn Bruchsahl befreundet waren oder mit denen er gearbeitet hatte, alle, die er nur flüchtig kannte, hatten sie unter die Lupe genommen. Doch alle hatten für den Tag der Entführung Ihrer Tochter ein Alibi. Und der Einzige, der keins hatte, war Jörn Bruchsahl.«

»Er ist es nicht gewesen«, sagte ich und sah Mankiewisc herausfordernd an.

»Das haben Sie anfangs behauptet«, sagte er. Die Stimme klang nicht mehr fern. »Und es hätte Ihnen sehr gut in die Verteidigung gepasst. Denn damit wäre Ihr Motiv zusammengebrochen.«

»Bruchsahl hatte während seiner Kindheit Asthma«, sagte ich stur. »Er wurde Arzt, weil er sich selbst und anderen helfen wollte. Und obwohl er über 20 Jahre lang keinen Anfall mehr hatte, hatte er immer ein Asthmaspray dabei. Verstehen Sie mich? Er kannte die Symptome und die Vorboten eines Anfalls. Er hätte meine Tochter nicht sterben lassen.« Meine Stimme war eine Spur zu schrill. »Meine Güte, er war Arzt.«

»Das hat er Ihnen erzählt?«

Ich nickte.

»Davon steht nichts in den Akten«, sagte Mankiewisc nüchtern.

»Ich weiß«, sagte ich. »Es hat ja kaum einer aus seiner Umgebung gewusst. Die, die es gewusst haben, haben dem wahrscheinlich keine Bedeutung beigemessen. Er hatte ja schon seit seinem Studium keinen Anfall mehr.«

»Es bedeutet dennoch nichts«, sagte Mankiewisc. »Es kann nämlich sein, dass er nicht dabei war, als sie den Anfall hatte.«

»Darum geht es ja. Er hatte mit der Entführung nichts zu tun.«

»Oder er hat Sie eingewickelt. Oder Sie lügen und haben ihn tatsächlich erschossen. Dann wäre nur noch interessant, weshalb Sie seitdem behaupten, Sie wären unschuldig. Aber vielleicht haben Sie ja auch mit Ihrer Mutter und Bruchsahl zusammen die Entführung geplant, und dann ist sie aus dem Ruder gelaufen, als irgendjemand von Ihnen Ihre Tochter statt Katharina Plotzer entführte.«

Ich ballte unter dem Tisch meine Hände zu Fäusten. Mankiewisc glaubte mir nicht, hatte mir nie geglaubt. Jetzt hatte sogar ich mit der Entführung meiner eigenen Tochter zu tun. Ich kam mir vor wie eine Idiotin. Ich hatte ihn trotz seiner barschen Art inzwischen fast nett gefunden.

»Was hat Bruchsahl Ihnen noch erzählt?«, mischte sich Groß ein. »Sie hatten im Prozess von Ihrem Schweigerecht Gebrauch gemacht. Sie mussten nichts sagen, was Sie selbst belastete. Sie haben auch nie gesagt, woher Sie die Waffe hatten, mit der Bruchsahl erschossen wurde. Also ...« Seine Stimme hing in der Luft.

Ich senkte den Kopf. Tränen füllten meine Augen. Diese Dummköpfe. Das alles wurde mir zu viel.

»Die Waffe tut nichts zur Sache«, erwiderte ich leise. »Bruchsahl sagte mir nur das, was ich Ihnen gerade erzählt habe.« Ich suchte in meiner Jeanstasche nach einem Tempo.

Mankiewisc schüttelte den Kopf. »Entweder Sie sind hoffnungslos naiv oder gerissener, als ich vermutete.«

»Hören Sie. Sie verschweigen uns etwas, und wir wissen es«, sagte Groß. »Ihre Mutter wurde ermordet. Ein Junkie ist tot, und Ihre Tochter wurde bedroht. Reden Sie mit uns.«

»Vielleicht waren die Fotos ja nur ein dummer Scherz«, erwiderte ich lahm und putzte mir die Nase. Ich wusste es besser. Jemand zermürbte mich und wartete darauf, dass ich zusammenbrach. Jemand wollte mich am Rand des Nervenzusammenbruchs sehen. Die Frage war, warum.

»Reden Sie endlich«, forderte auch Mankiewisc.

»Ich bin doch für Sie sowieso die Mörderin.«

»Totschlag«, sagte Mankiewisc. »Wir wollen doch genau bleiben.«

Der Mann zitierte mich gerade. Das hatte ich ihm fast wörtlich bei unserem ersten Treffen gesagt. Mankiewisc hatte kein menschliches Gedächtnis mit Löchern und Lücken. Er besaß einen Datenspeicher als Gehirn, der dem eines Hochleistungsrechners glich.

»Weshalb«, sagte ich, »hätte ich die Waffe liegen lassen sollen? Halten Sie mich für so blöd? Haben Sie alle sich das jemals gefragt?«

»Renner hat es sich gefragt«, sagte Mankiewisc, »und ich mich auch. Ich tippe auf Hysterie, weibliche Hysterie. Sie wissen doch, was ich meine, oder?«

Ich schloss die Augen. Ich hatte genug von diesem Mann. Am liebsten hätte ich die beiden rausgeworfen. Aber ich musste Ruhe bewahren.

»Die Konten meiner Mutter bleiben eingefroren, oder?«, fragte ich und kannte bereits die Antwort.

»Bis der Fall geklärt ist«, nickte Groß und warf Mankiewisc einen Blick zu. Der zuckte kaum merklich mit den Achseln.

Groß beugte sich nach hinten. Er fummelte in der Innentasche seiner Jacke herum. Als seine Hand wieder zum Vorschein kam, hielt er ein zerknittertes Foto in der Hand und legte es vor mich auf den Tisch. Es war schwarzweiß und etwas körnig. Trotzdem waren die beiden Gestalten gut zu erkennen.

»Hören Sie«, sagte Groß. »Sagen Sie uns endlich, was Sie über die Entführung wirklich wissen.«

Ich dachte an die Glock in meiner Handtasche und an das Handy in meiner Jeans. Dann traf ich eine Entscheidung und betete, dass es die richtige war.

»Es gibt nichts zu reden«, sagte ich. »Sie sind auf dem Holzweg. Sie und Ihre geschätzten Kollegen, allen voran Ihr Mentor Renner«, wandte ich mich an Groß, »haben schon einmal versagt. Ich verlor meine Tochter, und es hat mich sechs Jahre meines Lebens gekostet. Und wissen Sie was? Sie sind schon wieder auf dem Holzweg. Meine Mutter hätte niemals zugelassen, dass ihrer Enkelin etwas geschieht oder ich ins Gefängnis gehe. Deshalb kann sie nichts mit der Entführung zu tun haben, und über mich wollen wir hier besser nicht reden.«

Die beiden Männer sahen mich verdutzt an.

Ich schaute zurück. Ich hoffte sehr, ich hätte Eis in den Augen.

Nachdem Johanna entführt worden war, ging bei David Plotzer ein anonymer Anruf mit der Lösegeldforderung ein und mit der Warnung, keine Polizei einzuschalten. Wir taten es trotzdem.

Sechs Tage lang unternahm die Polizei fieberhaft alles, was in ihrer Macht stand, um meine Tochter zu finden. Aber das, was in ihrer Macht stand, reichte nicht. Nicht für Johanna. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, und sie hatten ihn bravourös verloren.

Die Hamburger Kriminalpolizei hatte noch in der Nacht der Entführung eine Sondereinheit gebildet. Meiner damaligen Meinung nach arbeitete die ebenso effektiv wie jede andere Spezialeinheit der westlichen Welt. Davon war ich zutiefst überzeugt, auch wenn mir das später, in meinem eigenen Gerichtsverfahren, niemand mehr glaubte.

Doch es gab im Entführungsfall meiner Tochter keine Zeugen, keine brauchbaren Spuren, keine verwertbaren Hinweise. Der Leitende Hauptkommissar Max Renner und seine Leute gingen jeder noch so winzigen Spur nach. Doch alle führten ins Leere. Sie war das letzte Mal gesehen worden, wie sie am Eppendorfer Baum in einer Drogerie ein rotes Haargummi mit einer kleinen Ente und Füllfederhalter-Patronen für ihren Schulfüller kaufte. Danach schien sie vom Erdboden verschluckt worden zu sein. Niemand erinnerte sich an ein Mädchen in einem blauen Daunenparka mit einer roten Mütze auf dem Kopf.

Auch als wir sie fanden, gab es keine Spuren, bis auf ein paar Fasern, die man später einem Jackett von Jörn Bruchsahl zuordnete. Andere Spuren gab es nicht. Nicht an ihrem Körper, nicht an ihrer Kleidung und auch nicht in diesem trostlos anmutenden Park unweit der Hamburger Innenstadt, in dem sie lag. Das Tauwetter hatte alle Spuren, die es vielleicht einst an diesem Ort gegeben hatte, beseitigt. Es gab nichts, nur das Wissen um eine Verwechslung.

Der letzte Anruf erreichte mich am 27. Januar 1996, mittags um 11.42 Uhr in meinem Wohnzimmer im Beisein von Kai, zwei Kriminaltechnikern und einem Kriminalisten, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Um 11.44 ging ein identischer Anruf im Landeskriminalamt ein. Eine digital verzerrte männliche Tonbandstimme erklärte mir und zwei Minuten später Max Renner in seinem Büro in drei kurzen Sätzen, wo Johanna zu finden sei. Der Anruf war von einer Telefonzelle mitten in der Innenstadt ausgegangen. Ein Streifenwagen fand die Telefonzelle um 11.51 Uhr leer vor. Befragungen von Passanten nach einem Mann, der von dort aus telefoniert hatte, führten zu nichts. Überwachungskameras gab es an dieser Stelle nicht, obwohl man schon seit längerem ein Netz von Kameras über die Stadt gelegt hatte.

Kapitel 13

Als Groß und Mankiewisc gegangen waren, stand ich im Badezimmer und ließ mir kaltes Wasser über die Unterarme fließen. Ich betrachtete mich im Spiegel. Ich sah meine halblangen braunen Haare. Ich sah die feinen Linien an den Augen und die beiden Falten zwischen den Brauen.

Ich war eine Kämpferin. Die war ich immer gewesen. Niemand würde mich einschüchtern. Keine Polizei und keine Erpresser. Und niemand würde meiner Tochter etwas antun. Niemals.

Wir hatten vier Tage Zeit. Vier Tage waren wir halbwegs in Sicherheit. Ich würde die Zeit nutzen.

Ich fuhr mit Josey in die Stadt und holte die Blumen für die Beerdigung ab.

Es war ein wundervoller üppiger Strauß, und ich stellte ihn zu Hause in eine Bodenvase.

Dann tat ich etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es noch einmal tun würde.

Ich suchte in meinem Telefonverzeichnis nach der Nummer von David Plotzer und rief in seinem Büro an. Ich sagte, wer ich war, und bat seine Assistentin, mich mit ihm zu verbinden. Ich lauschte den Klängen einer Bach-Kantate und wartete in der Leitung.

»Hallo Clara«, sagte er. »Wie geht's?«

Ich ließ die Frage im Raum stehen. Sie war rhetorisch und ohne Bedeutung.

Ich räusperte mich kurz, und dann sagte ich es schnell und hastig »Ich brauche deine Hilfe.«

»Was kann ich tun?«

»Nicht am Telefon«, erwiderte ich.

»Soll ich vorbeikommen?«

»Nein«, sagte ich.

»Ich schicke dir einen Wagen. Wir treffen uns bei mir zu Hause.«

Noch bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er aufgelegt.

Kapitel 14

Der Wagen, ein schwarzer 7er BMW, wartete 20 Minuten später unten vor der Tür.

Hazel lehnte an der Kofferraumhaube, die Arme über der Brust verschränkt. Er hatte sich in den letzten Jahren kaum verändert. Er war fast zwei Meter groß und wog an die 100 Kilo. Er musste Mitte sechzig sein.

Ich lächelte, als ich ihn sah, und er lächelte zurück. Das Lächeln saß so schief in seinem breiten Gesicht wie seine Nase.

Er war mal Boxer gewesen in einer Zeit, als Muhammad Ali Anfang der Siebziger bewies, dass das ungeschriebene Gesetz des Boxens »They never come back« für alle anderen galt, doch nicht für ihn. Hazel war nur nie über billige Boxbuden und Spelunken hinausgekommen. Davids Vater, Peter Plotzer, hatte ihn Mitte der Achtziger in einer dieser Boxbuden gesehen. Abgewrackt, versoffen, kaum fähig zu kämpfen. Mit seinen 38 Jahren war er am Ende. Er war zu langsam, besaß nicht genügend Schlagkraft und hatte eine schlechte Technik. Doch unter all den Defiziten schimmerte ein ungebrochener Kampfgeist, der ihn Schläge einstecken ließ, die andere auf dem Boden festgenagelt hätten. Das hatte Davids Vater beeindruckt. Er hatte ihn zu den Anonymen Alkoholikern geschickt und ihn als Fahrer und Leibwächter eingestellt. Als David in die Baufirma seines Vaters eingetreten war, hatte Peter ihn an den Sohn weitergereicht. Seither war Hazel Davids privater Personenschutz.

Josey und ich saßen auf dem Rücksitz. Sie kuschelte sich eng an mich, und wir blickten beide aus dem Fenster. Es war warm in dem BMW, der Motor schnurrte so leise wie eine Katze.

Wir fuhren denselben Weg wie damals, vorbei am Grindel mit seinen schaurigen Hochhäusern, die eine Zeitlang die höchste Selbstmordrate der Stadt aufwiesen, rechts in Richtung Elbe abbiegend, schließlich vorbei am Altonaer Rathaus, dann rechts in die Elbchaussee hinein, die dem Stromverlauf der Elbe kilometerlang folgt.

Schließlich standen die Bäume dichter, die Grundstücke wurden größer, weitläufiger, und die Häuser waren von der Straße aus nicht mehr zu sehen. Wir fuhren dorthin, wo das alte hanseatische Vermögen sich in Prachtvillen auf den dazugehörigen exklusiven Anwesen und Landsitzen hinter dichten Hecken verschanzte.

Die Plotzers hatten sich als eine der wenigen »neuen« Familien Mitte der fünfziger Jahre in dieser Gegend auf einem Landsitz angesiedelt, der einst einer hanseatischen Bankiersfamilie gehört hatte. Nachdem die beiden einzigen Söhne im Krieg gefallen waren, hatten die Eltern Bank und Anwesen 1957 schließlich verkauft und waren in die Schweiz gezogen. Der Bauunternehmer Plotzer hatte das Areal erworben, weil er zutiefst überzeugt war, dass Land das Einzige war, das niemals an Wert verliert und schon gar nicht in so exklusiver Lage mit Elbblick.

Als wir in die Zufahrt einbogen, wanderte mein Blick die Eichenallee entlang. Statuengleich standen die kahlen Bäume vor dem grauen Himmel. In einiger Ferne stand auf einem Hügel das Familienmausoleum. Beim Anblick dieses düsteren Marmormonumentes legte ich unwillkürlich meinen Arm um Josey.

Für Peter Plotzer hatten die Gesetze Normalsterblicher noch nie gegolten, und wenn er sich etwas in den Kopf setzte, dann setzte er es auch durch. Als seine Frau Marianne an Krebs starb, hatte er über dubiose Verbindungen und Kanäle eine Sondererlaubnis erhalten, auf seinem Grundstück ein Familienmausoleum zu errichten.

Inzwischen lagen dort zwei Frauen. Marianne und Davids Frau Claudia, die sich ein Dreivierteljahr nach der Entführung meiner Tochter umgebracht hatte. Sie war 36 Jahre alt und hinterließ ihre siebenjährige Tochter Katharina, Johannas beste Freundin und jenes Mädchen, das eigentlich gekidnappt werden sollte. Es war damals ein offenes Geheimnis, dass Claudia seit einem schweren Reitunfall ein paar Jahre zuvor tablettenabhängig und alkoholkrank war.

Ich brauchte nicht zu klingeln. Als Josey und ich vor der Eingangstür des Herrenhauses standen, riss jemand die Tür so beherzt auf, als wollte er sie aus den Angeln reißen. Erschrocken zog ich Josey an mich.

Ein Angestellter mit dem zerknautschten Gesicht eines Bullterriers und den erlesenen Manieren eines Butlers entschuldigte sich, weil die Tür seit drei Tagen klemmte.

Er führte uns durch die Halle zu einer Treppe, die in die erste Etage führte. Am Ende des weitläufigen Flurs lag Davids Arbeitszimmer.

Mein Herz schlug eine Spur zu schnell, als der Butler die Tür öffnete.

Die Einrichtung verriet hanseatisches Understatement. Kein Prunk und Protz, aber dennoch unverkennbar teuer und erlesen. Zweifarbiges Kassettenparkett, auf dem ein echter Gobelin mit einer Jagdszene lag, ein sandsteinfarbener Marmorkamin mit einer Galerie von Familienbildern, schwere Seidenvorhänge, englische Möbel und englische Messinglampen, deren Schein den Raum an diesem späten Nachmittag in ein warmes, gelbes Licht tauchte.

In einem dunkelblauen Kaschmirpullover, aus dem die Ecken eines weißen Hemdes ragten, erhob David sich hinter einem schweren Mahagonischreibtisch. Auf dem Schreibtisch standen zwei vergoldete Bilderrahmen, ein Flachbildschirm und eine Tastatur.

Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Ruckartig drehte ich den Kopf. In einem Sessel am Kamin saß Katharina in Jeans, nabelfreiem T-Shirt und Sweatshirt Jacke, deren Reißverschluss sie nervös ein paar Zentimeter hoch- und dann wieder hinunter-, hoch- und hinunterzog. Ihr Gesicht war schmaler und kantiger als das Kindergesicht, das ich in Erinnerung hatte. Doch noch immer leuchteten die graublauen Augen in dem blassen Gesicht, das von schokoladenbraunem Haar umrahmt wurde.

Oh Gott, dachte ich, hilf mir bitte! Ich knipste mein professionelles Lächeln an. In mir brannte eine Sehnsucht, mit der ich das Haus hätte heizen können.

Johanna wäre jetzt so alt wie sie. Sie könnten hier gemeinsam sitzen, sich über Jungs unterhalten, über ihre Lehrer meckern und über die neuesten CDs reden, wenn das Schicksal es nicht anders gewollt hätte.

»Hallo, ich bin Josephine.« Josey ließ meine Hand los und ging auf Katharina zu. Sie strahlte über das ganze Kindergesicht, und immer wenn sie strahlte, war es so, als fielen diese Strahlen direkt in mein Herz, wärmten es und rissen jeden Kummer mit sich.

Katharina lächelte zurück, doch es war etwas Gequältes in diesem Lächeln, und dann füllten sich ihre Augen mit Tränen, sie sprang auf, rannte auf Josey zu und riss sie in die Arme.

Katharina war schlank und groß, viel größer, als ihre Mutter je war.

Ich stand wie ein Zementblock im Raum, mein Blick huschte von den beiden Mädchen zu David, der wie ich erstarrt war. Ich war unendlich traurig, und ich war unendlich glücklich, diese beiden Mädchen hier zu sehen. Ich hatte nicht damit gerechnet, Katharina hier anzutreffen. In keinem Moment der Fahrt hierher hatte ich daran gedacht, dass ich nicht nur David Plotzer, sondern vielleicht auch seiner Tochter begegnen könnte.

Nach Johannas Tod war Katharina in psychiatrischer Behandlung gewesen. Weder David noch Claudia noch ich oder Kai hatten ihr jemals gesagt, dass sie entführt werden sollte. Doch Kinder haben einen sechsten Sinn, oder sie sind nur schlauer, als wir Erwachsenen uns das immer zurechtlegen. Kai und ich waren ein paar Tage nach Johannas Beerdigung an einem Sonntagmittag bei David und Claudia zum Essen eingeladen. Es quälte uns hinzugehen und Katharina zu sehen. Doch dann gingen wir. Es war ein bleischweres Essen, obwohl wir uns alle bemühten, unbeschwert und höflich zu sein. Doch wie soll man nach dem Tod eines Kindes unbeschwert sein? Ich glaube, Kai und ich trugen ihren Tod wie ein unsichtbares Banner vor uns her.

Details

Seiten
543
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958242043
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309460
Schlagworte
eBooks Spannung Kriminalroman Angst Verlust Tod Entführung Gewalt Mord Ermittlung

Autor

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Titel: Die Frau, die durch die Schatten ging