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Bernd, der Sarg und ich

Roman

2015 150 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Die einen wollen Arzt werden, die anderen Germany’s Next Topmodel – aber niemand, wirklich niemand hat Lust, die lieben Verstorbenen unter die Erde zu bringen. Gerda ist trotzdem Bestatterin geworden. Nicht aus Berufung, sondern eher aus Versehen – und nun will sie diesen extravaganten Job so schnell wie möglich wieder loswerden. Eine lebensbejahende Frau wie sie kann doch unmöglich Totengräberin sein. Noch dazu geschehen in ihrem Umfeld neuerdings allerlei mysteriöse Unfälle. Und auch das unerwartete Ableben von Ehemann Bernd kommt denkbar ungelegen …

Über die Autorin:

Monika Detering wollte Schiffsjunge, Malerin oder Schriftstellerin werden. Die letzteren Wünsche waren den Eltern zu unseriös (vom ersten ahnte niemand etwas).

Sie arbeitete viele Jahre als Puppenkünstlerin mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland (z.B. Washington, Philadelphia und New York). Durch weitere lange Aufenthalte an der Nordsee ist das Meer ihr Sehnsuchtsort geworden. Sie war als freie Journalistin tätig und entschied sich später ganz für das belletristische Schreiben.

Die Autorin ist verheiratet und hat drei erwachsene Töchter.

Monika Detering ist Mitglied bei den »Mörderischen Schwestern« und den »42erAutoren«.

Bei dotbooks erschien gemeinsam mit Silke Porath Venusbrüstchen.

Die Website der Autorin: www.monika-detering.de

Die Autorin im Internet: www.facebook.com/monika.detering, http://schreibhaus.blogspot.de/, http://langeooger-liebestoeter.blogspot.de/

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Originalausgabe November 2015

Copyright © 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de

Titelbildabbildung: Thinkstockphoto/mastaka

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-333-0

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Monika Detering

Bernd, der Sarg und ich

Roman

dotbooks.

Kapitel 1

Ich lebte in einem alten winzigen Viertel von Westholdermoor. Und die Gemeindeverwaltung hatte den Neubau eines Erlebnishotels mit angegliedertem Museum in die Wege geleitet. Als wollten sie eine Großstadt aus der Erde hervorbuddeln, vielleicht war hier Atlantis versteckt – oder zumindest das Bernsteinzimmer. Bisher war es hier sehr grün gewesen, mit Wiesen, Büschen und Bäumen. Nun war nichts mehr von dieser Idylle vorhanden, stattdessen eröffnete mir mein Fenster den Blick auf eine Mondlandschaft mit Sand, mit Geröll und Tausenden Steinen.

Das Haus, das ich mit drei anderen Parteien bewohnte, stand etwas geduckt. Seine Mauern wurden von einem dichten grünen Gesträuch überzogen. Wilder Wein und Jasmin. Das sah gemütlich aus, nach Großeltern, nach Apfelkuchen und Sonntagnachmittagen. Das Haus besaß Persönlichkeit und sollte wie eine vom Aussterben bedrohte Art geschützt werden.

Mein Name ist Gerda. Gerda Geier. Gern wäre ich Natalie oder so gerufen worden. Gerda? Darunter stellt sich doch jeder eine Neunzigjährige mit Rundrücken und Dutt vor. Gegen Neunzigjährige habe ich nichts. Nur: Das bin ich eben nicht.

Die Idee mit der Namensänderung kam mir, als ich vor dem frischen Grab von Bernd Geier stand. Bernd war mein Mann. Er starb plötzlich – sehr plötzlich. Dafür konnte ich nichts, für diesen frühen Tod. Glauben Sie mir, es war ein Unfall! Die Sache mit der Schmierseife und dem offenen Sarg … Da dachte ich, dass ich die Bestatterin Gerda Geier nicht mehr sein wollte. Nur Bestatterin, aber nicht das andere.

Deshalb ging ich sofort aufs Amt. Ich schiebe nicht gern etwas auf.

Als ich sagte, was ich vorhatte, erklärte die Frau hinter dem Schreibtisch, da müsse ich zum Standesamt. Erster Stock, Zimmer 412.

In 412 erklärte ich mein Anliegen.

»Aber warum?«, fragte eine dürre Brünette.

Etwas genervt wiederholte ich, dass ich meinen Mädchennamen wiederhaben wollte. Lorra. Und aus Gerda sollte ›Gerta‹ werden. Gerta klang irgendwie edel.

Die Brünette nuschelte: »Das geht nicht einfach so … das geht gar nicht. Ich muss erst das Gesetz dazu lesen.«

Sie las wirklich. Und teilte mir verwundert mit, dass es tatsächlich möglich sei, wenn ich alle Papiere beibrächte – inklusive Bernds Sterbeurkunde.

»Damit gehen Sie zur Bürgerberatung, haben ein biometrisches Foto dabei, die Kollegin stellt den Antrag, dann gibt es den vorläufigen Ausweis, bis der endgültige neue Ausweis kommt.« Als sie den Satz beendet hatte, guckte sie demonstrativ auf ihre Armbanduhr.

Ich verstand. Es war sechs, Dienstschluss. Ich verließ das Büro und ging zum Aufzug. Davor stand eine Putzfrau und hielt eine Flasche mit Schmierseife in der Hand.

Seit dem Unfall mochte ich das Zeug nicht mehr sehen …

***

Dieses Gebäude war ein Labyrinth. So viele Flure, Türen und Treppen. Zu selten war ich hier gewesen, ich fand mich nicht zurecht. Weil ich schnell raus wollte, verhedderte ich mich in den Gängen und entdeckte keinen Hinweis auf einen Ausgang.

Endlich sah ich eine Treppe, eilte die Stufen herunter, und eine Tür mit dem roten Schild ›Notausgang‹ leuchtete mir entgegen. Ich öffnete die Tür, schloss sie und befand mich in einem sehr engen Raum, wie in einem Schacht. Mir gegenüber war eine weitere Tür, ich drückte die Klinke herunter. Abgeschlossen! Auch die Tür, durch die ich gekommen war, ließ sich nicht öffnen. Ich zog mein Handy hervor, es zeigte ›Kein Empfang‹ an. Aber die Uhrzeit: Es war nach achtzehn Uhr. Also hatte das Rathaus jetzt geschlossen.

Mir wurde es eng. Wie kam ich hier heraus?

Bei diesen Gedanken musste ich wieder einmal an Bernd denken.

Alles wäre anders verlaufen, wenn es keine Schmierseife gegeben hätte. Oder wenn ich Wahrsagerin geblieben wäre. Aber als ich mich entschlossen hatte, dieses Leben zu beenden, kam Bernd. Erst als Kunde: Er wollte die Zukunft wissen, und mir wurde klar, seine Zukunft, die war ich. Bernd war ein bekannter Bestatter in Westholdermoor. Bestattungen – ich war in einer österreichischen Zeitung während eines Urlaubs über den Begriff Pompfüneberer  gestolpert, hatte gestutzt, nachgeschaut und gedacht, das wäre auch ein Beruf mit Anspruch für mich. Es schien eine Fügung zu sein, dass ich den Bestatter Bernd kennenlernte. Ich hätte wieder mit Menschen zu tun, wenn auch mit Verstorbenen, und mich reizte auch die Herausforderung, angemessen mit Trauernden zu sprechen. Bernd war der Ansicht, ich sollte mir sein Geschäft und die Gegend einfach mal anschauen. Niemand soll glauben, ich sei geblieben, weil Bestattungen ein einträgliches Geschäft seien. Ich blieb, weil ich mich in Bernd verliebt hatte. Vielleicht auch in die Gegend, denn sobald ich Friesland hörte, hatte ich vor Begeisterung gestrahlt. Ich hatte sogar vor einiger Zeit friesisches Platt gelernt, damals, als ich noch regen Mailkontakt zu zwei Freundinnen hatte, die eine wohnte hier im Norden, die andere im Süden. Bernd lebte also in Westholdermoor, nicht weit von der Nordseeküste entfernt. Unsere gegenseitige Zuneigung wuchs beträchtlich. Ich hatte ja im Westfälischen mein Häuschen mit dem Fachwerk, den Kotten, wie man dort alte bäuerliche Gebäude auch nennt. Ich konnte es für einen ordentlichen Preis verkaufen. Das freute Bernd. Also das Geld, das ich für den Verkauf erzielt hatte. Ich ließ mich zur Bestatterin ausbilden. Mein Vorleben als Wahrsagerin hatte durchaus Vorteile in diesem Metier, denn sehr gute Menschenkenntnis brauchte ich auch bei den Trauer- und Verkaufsgesprächen. Vor zwei Jahren, nach meinem siebenunddreißigsten Geburtstag, heirateten wir. Danach nutzte sich leider unsere Liebe ein wenig ab. Durch die Arbeit, durch die ewigen Gespräche darüber und am Ende durch die permanenten Nachforderungen des Finanzamts. Bernd sah nicht ein, dass er noch mehr Steuern zahlen sollte, schrieb böse Briefe und nannte die Beamten in dem Augenblick ›schmierig‹, als er mir und dem Sarg auf der Schmierseife entgegenglitt. Schon dachte ich wieder an die Schmierseife.

Die hatte ich an jenem schicksalsreichen Tag auf die linke Seite unseres Sarglagers geschüttet. Dabei gab es eigentlich gar nichts zu wischen, denn das hatte unsere Frau Müller schon mehr als sorgfältig erledigt. Aber ich wollte es besonders gründlich haben, weil sich das Finanzamt zur Prüfung der immer noch ausstehenden Einkommens- und Gewerbesteuernachzahlungen angekündigt hatte.

Jedenfalls kam Bernd von links ins Sarglager gerannt. »Sie kommen!« Er konnte nicht mehr anhalten, die Schmierseife …! Er schlug mit dem Kopf gegen die Kante des aufwendig verzierten Deckels in Eiche hell, massiv. Unser teuerstes Modell, das er gestern Frau Otten verkauft hatte. Ihr Mann, der Landrat, war verstorben.

Gerade wollte ich ihm aufhelfen, da zog sich Bernd von alleine hoch, griff mit den Fingern fest um den Rand des Sargs, verlor das Gleichgewicht und fiel hinein.Und ich dachte noch: Jetzt ist die Sargmatratze hin.

Im selben Moment hörte ich von rechts Schritte und Stimmen. Wie ferngesteuert hob ich den schweren Deckel hoch und legte ihn auf den Sarg, setzte mich darauf und empfing die Leute vom Finanzamt. Ja, es waren die von der Steuerfahndung. Über die ziemlich lange Diskussion vergaß ich den lieben Bernd – und seine ausgeprägte Klaustrophobie.

Dass ich nun ausgerechnet in diesem Rathaus-Schacht daran denken musste, war fatal. Ich fühlte mich mit einem Mal an Bernds Stelle und glaubte, ich wäre es, die ersticken müsste. Panisch blickte ich um mich und entdeckte einen runden roten Schalter. ›Nur bei Lebensgefahr zu öffnen‹. Ein Unglück, dass der Sarg nicht über die gleiche Ausstattung verfügte wie das Rathaus! Was war ich erleichtert, wieder den Duft der Freiheit zu schnuppern!

Kapitel 2

Zu früh gefreut. Denn schon befand ich mich wieder in einem engen Raum. ›Untersuchungshaft‹ nennen sie das. Wo doch Bernd schon seit Wochen tot war. Was gruben die in der alten Geschichte rum? Mein Anwalt sagte, dass die Polizei durch diesen Namensänderungsantrag den dummen Unfall mit der Schmierseife genauer untersuchte.

Und ich, ich hieß noch immer Gerda Geier. Kam einfach zu nichts mehr.

Das Schlimmste war nicht das Essen oder die Enge oder der Betonvorsprung, der ein Bett sein sollte – nein, es waren das ›Sanitäre‹ und mein Aussehen. Meine rosigen Wangen wurden fahl und dann auch meine Haare. Die vertrugen die Gitterluft nicht. Ich kämmte nach vorn, nach hinten, zur Seite, kämmte schräg und mittig – sie sahen in keiner Version nach irgendetwas aus. Sie waren nur platt und flusig. Einen Fön gab man mir selbst auf mein Drängen hin nicht.

Noch viel schlimmer, als Tag für Tag auf ein Edelstahlklo gucken zu müssen, und auch viel unangenehmer als mein Haarproblem allerdings war die Putzerei. Nicht, dass ich ein Problem damit gehabt hätte, meine Zelle auszuwischen. Aber drei Mal die Woche kam ich so mit der gefährlichen Schmierseife in Berührung. Obwohl ich der Aufseherin deutlich sagte, ich könne das Zeug weder riechen noch sehen. Ungerührt stellte sie mir immer wieder aufs Neue diese Flasche hin. Die Frau muss sadistische Neigungen haben.

Letztendlich waren diese Lappalien aber zum Glück meine größten Probleme. Sehr viel wichtiger war, dass man mir im Zusammenhang mit dem unglücklichen Tod meines Mannes nichts nachweisen konnte. Als Bernd in den Sarg fiel, habe ich einfach überreagiert. Ich hörte die Stimmen der Steuerfritzen, wollte nicht, dass Bernd sich mit den Beamten lauthals zankte, deshalb die Sache mit dem Sargdeckel und dem Daraufsetzen. Ich hatte immer wieder dasselbe ausgesagt. Wieso hätte ich planen sollen, den Bernd …? Ich mag es nicht aussprechen.

Ich saß also auf dem Deckel, verwünschte die vom Finanzamt, aber sie gingen nicht. Sie sagten, ich sollte zusammen mit ihnen ins Büro gehen. Zur Akteneinsicht.

Nur damals hatte ich nicht geahnt, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits zu lange auf dem Sargdeckel gesessen hatte.

***

Nun war ich endlich wieder zu Hause in Westholdermoor. Mit Fön und ohne Schmierseife – gutaussehend und ohne Unfallrisiko. Die Nachbarn sorgten sich rührend um mein Wohlergehen. Der lange Hinnerk von nebenan lud mich zu einem Segeltörn auf der Ostsee ein. »Wenn du Segel hisst, vergisst du die elende Geschichte. Wir machen einen schönen kleinen Törn von der Schlei nach Fehmarn, zur Insel Poel, nach Wismar, Warnemünde und so weiter. Kostet auch nicht viel.«

Ich dachte sofort an meinen nervösen Magen – obwohl ich das Angebot toll fand. Rein theoretisch. Aber ich sagte ab.

Und dann kam Dirk, ein alter Freund meines Mannes. Zu Bernds Lebzeiten hatten die Männer jeden dritten Dienstag bei ›Hansen‹ ihren Jour fixe abgehalten. Im Klartext: ihr regelmäßiges Besäufnis. Dirk war im gleichen Gewerbe tätig, nur zwei Ortschaften von uns entfernt. Viel mehr wusste ich über ihn auch nicht. Er erschien mir nett, wenn auch ein bisschen weich in den Konturen – aber ich brauchte ihn ja nicht anzufassen.

Er wollte mir sein Sommerhäuschen zur Verfügung stellen. Es befand sich auf einem kleinen Grundstück direkt am Wasser, an der Nordsee. Dirk erklärte, dass in dem Sommerhäuschen alles drin sei, was man so brauchte, wie zum Beispiel fünfzig Gläser Schnippelbohnen.

»Nicht, dass ich dich drängen will, aber nutz nun das Häuschen. Es ist doch frei.« Dirk fand immer – egal worüber wir gerade sprachen – zurück zu diesem Thema.

»Das weiß ich«, war fast schon meine Standardantwort.

»Im Juli ist die schönste Zeit auf Nordstrand.«

Auch das wusste ich. Ein wenig Erholung würde mir nach dem Schock guttun. Das Bestattungsunternehmen wusste ich auch in guten Händen: Für die paar Tage führten es Johanna und Hansi Hamann weiter. Bisher hatten beide ausgeholfen, wenn gut zu tun war. Auch machten sie keine Bemerkungen zu jener Angelegenheit mit Bernd. Sie fanden nur sein plötzliches Ableben sehr traurig. Und zu meinem Aufenthalt im Gefängnis sagten sie nichts. Wo hat man schon solche loyalen Mitarbeiter?

Mir waren die Hamanns wichtig. Es hatte ja genügend über mich und den armen Bernd in der Zeitung gestanden. So etwas wurde ja fürchterlich aufgebauscht – mit grausigen Schlagzeilen und noch grausigeren Fotos – jedenfalls von mir, als ich käsigblass das Gefängnis verließ, dabei ziemlich abwehrend und giftig guckte. Ich merkte doch, dass manch Alteingesessene in Westholdermoor hinter mir hersah. Für eine Geschäftsfrau war das wenig vorteilhaft. Inzwischen guckte ich wieder freundlich, grüßte laut und deutlich nach allen Seiten. Meine Selbstbeherrschung war immens. Ich hoffte, dass die Bewohner unserer kleinen Stadt diese Geschichte bald vergessen würden.

Es gab doch so viel anderes.

Dirk besuchte mich einmal die Woche, wahrscheinlich in Erinnerung an Bernd. Nur blieb er immer so lange. Die leeren Bierflaschen stellte er ordentlich neben den Sessel. Er trank die gleiche Marke Bier, die auch Bernd so geschätzt hatte. Und er saß in dem Sessel, in dem Bernd oft gesessen hatte. Das war schon ein komisches Gefühl: ein gewohnter Anblick und doch so ganz anders.

»Du als Witwe solltest endlich das Leben genießen!«

Wollte Dirk mich wirklich angraben? Das konnte nicht sein Ernst sein! Bernd war erst ein paar Wochen kalt, und schon wollte sich sein Freund in das gemachte Nest setzen?

Aber dann dämmerte mir langsam, was der gute Freund meines verstorbenen Mannes eigentlich im Schilde führte: Er wollte sich nicht ins private Nest setzen, sondern ins geschäftliche!

Ich dachte nicht im Traum daran, an Dirk zu verkaufen. Der wollte doch nur einen Bestattungskonzern daraus machen und die Toten aus Westholdermoor samt der Umgebung sozusagen in der Hand haben.

Dass ich ihn und seine Hinterlist durchschaut hatte, ließ ich Dirk nicht wissen. Vielmehr spielte ich mit und nahm jetzt das Angebot mit dem Sommerhaus dankend an.

»Selbstverständlich zahle ich dir auch Miete.« Ganz so bestechlich war ich ja nicht …

»Dafür brauchst du nichts zu zahlen. Das bin ich dem Bernd schuldig. Bedenke aber, dass auch du nicht jünger wirst.«

»Du auch nicht«, murmelte ich. Und was hatte das eine mit dem anderen zu tun?

***

Dirks Häuschen lag fantastisch, direkt in der Nähe des Deiches. Er hatte es selbst ausgebaut, denn er war ein Tüftler – so wie einst der Bernd. Ich konnte aufs Wattenmeer schauen und Wasservögel beobachten. Ich sah ihr Kreisen und ihre Suche nach allem Möglichen. Das Grün stimmte mich heiter, und ins Dorf kam ich mit dem Fahrrad. Gräser, Wasser, Muscheln, Krebse und dicke Wolken. Hier hatte ich endlich meine Ruhe.

Das Häuschen war praktisch aufgeteilt. Unten Wohnen, oben Schlafen. Verbunden waren diese beiden Etagen über eine steile Leiter ohne Geländer. Leider gab es oben kein Licht, aber ich hatte ja meine LED-Taschenlampe mitgebracht. Gut, dass mich niemand beim Hochklettern beobachtete. Es muss schrecklich ausgesehen haben. Außerdem guckte ich dabei ziemlich starr, ich war nicht schwindelfrei.

Nach ein paar Mal hoch und runter hatte ich die ,Treppe‘ im Griff, wusste genau, wo ich hintreten und mich festhalten musste, wenn ich mich von der letzten Stufe auf den Dachboden hievte. Und dann – dann begann diese verdammte Leiter zu wackeln.

Zuerst bemerkte ich, wie das Knarzen des Holzes langsam zu einem regelrechten Beben wurde. Ich schaute nach, woran das liegen könnte. Ich fand nichts, stieg noch einmal nach oben und wieder nach unten – und dann wankte sie. Mir war, als wäre ich betrunken. War ich aber nicht.

Die Treppe war schon pfiffig gemacht: An ihrem oberen Ende war ein Holm senkrecht in einen waagerechten Schnitt im Boden eingeschoben. Und auf diesen Holm musste ich mich immer abstützen, wenn ich die letzte Stufe verließ.

An diesem Abend traute ich mich zum Schlafengehen nicht nach oben. Ich legte mich auf das kurze Sofa im kleinen Wohn- und Esszimmer, träumte von Holmen und Stufen – und vom lieblich grinsenden Dirk, der sich zu mir legte.

Am nächsten Morgen dauerte es, bis ich mich von den Traumbildern befreien konnte. Mit Kaffee setzte ich mich nach draußen, und die leicht salzig schmeckende Luft beruhigte mich ungemein. Das war Freiheit pur! Mit frischem Kopf untersuchte ich diese Stiege, den Holm da oben samt Schnitt und Schlitz mit der Taschenlampe, um besser sehen zu können.

Ich ruckelte gewaltig daran und musste dabei aufpassen, dass ich nicht runterstürzte. Schließlich hing ich da oben mit einem Achtel Spagat, und so gelenkig war ich nun auch wieder nicht. Nichts passierte. Alles schien wie immer. Ich ruckelte und zerrte noch einmal. Da aber begann sich der Holm zu neigen. Geistesgegenwärtig sprang ich herunter – und dann kippte die Treppe nach vorn, donnerte gegen die Wand, schwang ein wenig zurück und zitterte hin und her. Wie konnte das passieren, fragte ich mich, und befand, dass ich großes Glück gehabt hatte. Wäre ich da oben geblieben … Nicht drüber nachdenken. Es gibt so viel Unheil in dieser Welt.

Nach einer Atempause holte ich die lange Trittleiter, die neben anderen Utensilien in einem schiefen Verschlag hinter der Hütte stand, und stieg vorsichtig hoch, bis ich den Holm vor mir hatte, beugte mich vor und schaute ihn genau an. Ich entdeckte nichts. Dann strich ich mit den Fingern darüber. Und da ertastete ich eine feine Vertiefung, kratzte und pulte graues Zeugs heraus. Holzmehl? Hatte Dirk schludrig gearbeitet? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Nachdenklich stieg ich die Leiter herunter und holte mir aus dem Kühlschrank die Flasche ›Nordstrand-Genever‹. Auf den Schreck brauchte ich jetzt ein Schlückchen. Um dem geheimnisvollen Treppenbeben auf die Schliche zu kommen, schnappte ich mir den Staubsauger, setzte dem Teil die schmale Düse auf und saugte den eben freigelegten, feinen Riss frei. Nun konnte ich alles deutlich sehen: Der Holm war fast durchgesägt!

Mir kam ein schrecklicher Gedanke: Konnte es sein, dass Dirk mich hierher gelockt hatte, damit ich runterkrachen und mir das Genick brechen würde? Hatte er den Holm angesägt und die Schnittstelle mit Holzmehl zugeschmiert? Dachte er, falls ich den Sturz überleben sollte, könnte er sich als getreuer Freund anbieten, mir vorschlagen: »Du Arme, ich mach das mit deinem Geschäft … Mit einem Notar habe ich schon gesprochen. Die Unterlagen sind hier, unterschreiben musst du noch …«

Ich suchte mir eine dickwandige Vase, füllte sie mit Sand – davon war ja draußen reichlich vorhanden – und ließ sie von da, wo sich der durchgesägte Holm befand, herunterfallen. Es gab ein dumpfes Plingplopp. Ich schaute nach. Die Vase hatte tiefe Risse. So würde es also meinem Kopf ergehen.

Der Hobbydetektiv in mir wurde wach. So leicht würde Dirk nicht davonkommen! Nach einigem Suchen fand ich in einem hübsch gearbeiteten Holzschränkchen jede Menge Werkzeug, sogar eine Handsäge. Ich hielt sie gegen das Licht und strich vorsichtig über das Sägeblatt. Da! In den Zacken hing etwas. Vorsichtig wischte ich es auf eins meiner tadellos gebügelten, weißen Taschentücher mit Monogramm. Holzmehl? Klar. Ich verglich es mit dem, was ich aus der Treppe herausgekratzt hatte. Tatsächlich – die Farbe und Konsistenz passten mit dem Schnitt oben am Holm überein. Um ganz sicher zu gehen, beugte ich mich darüber. Ja, da hatte jemand gesägt …

***

Es blieb mir allerdings nicht erspart, mich noch einmal auf den Schlafboden zu wagen: Jeans, Sweatshirt, Nachthemd und die grünen Sneakers, die Bernd mir zuletzt geschenkt hatte, lagen noch dort. Ich stellte die Treppe so gegen die Wand, dass ich mit ganz vorsichtigen Tritten hinaufkam. Griff nach meiner Tasche, die Gott sei Dank in Griffnähe lag, und warf sie nach unten. Zumindest an das Nachthemd und die Schuhe kam ich ohne größere Lebensgefahr und warf sie ebenfalls runter. Ich schob mich zurück, ertastete vorsichtig, zunächst nur mit einem Zeh, den oberen Tritt der Treppe. Sie wackelte. Ich sprang und rollte mich auf dem Boden ab. Wie gut, dass ich aktives Mitglied im Turn- und Sportverein Westholdermoor, Abteilung: Bodenturnen, war.

Zum Glück hatte ich den Rest meines Gepäcks gar nicht erst nach oben geschleppt. Ich begann zu packen und räumte auf. Ich wollte diesen Ort nur noch verlassen. Die Treppe aber ließ mir keine Ruhe mehr, und mir war sehr unbehaglich zumute.

***

Entschlossen rief ich gleich Dirk an und gab mich ängstlich. Faselte was von seltsamen Geräuschen am Tag und in der Nacht. »Kannst du bitte hierher kommen?«

Er war nett. Zeigte sich so hilfsbereit. Er sagte zwar, sofort ginge es leider nicht, aber in drei Tagen hätte er Zeit und würde vorbeikommen.

»Wenn es spät werden sollte, steig einfach die Treppe rauf und weck mich …«

Denn ich hatte einen Riesenzorn auf Dirk. Sollte er doch hochklettern und runterfallen. Ich würde nicht mehr da sein. Ein Denkzettel würde ihm nicht schaden und ein paar Beulen sicher auch nicht.

***

Ich musste aus Nordstrand raus, obwohl es mir hier gut gefallen hatte. Als ich fünf Tage später aus Büsum Hansi Hamann anrief, ihn fragte, wie es im Geschäft so laufe, klang er betroffen. »Wo steckst du? Weißt du es noch nicht?«

Aber nein. Natürlich wusste ich von nichts … woher auch?

»Du, ich wohne nicht mehr in Dirks Häuschen, hab Schiss bekommen. Draußen muss jemand rumgegeistert sein, da waren komische Geräusche. Aber was ist denn passiert?«, wollte ich wissen.

»Dirk liegt mit einem bösen Schädelbruch im Krankenhaus. Künstliches Koma. Dem geht’s nicht gut«, sagte Hansi.

»Oh!« Ich konnte in meine Stimme den notwendigen erstaunten und betroffenen Ausdruck legen.

»Dirk ist in sein Sommerhäuschen gefahren. Er hatte mich noch vorher angerufen und gefragt, ob ich wichtige Dinge für dich hätte, um sie ihm mitzugeben. Und hatte mir gesagt, du hättest ganz dringend um seinen Besuch gebeten. Aber er hat dich wohl nicht vorgefunden. Dafür allerdings einen Einbrecher. Und dieser muss sich furchtbar erschrocken haben, als plötzlich Dirk ins Häuschen kam.«

Meine Gedanken fuhren Karussell. Hansi seufzte bekümmert.

»Die Westholdermoorer Nachrichten haben sogar darüber berichtet, das musst du dir vorstellen. Ich habe dir die Ausgabe aufgehoben.« Hansis Stimme vibrierte vor wohligem Schauern, das manche Leute haben, wenn anderen etwas passiert ist und ihnen nicht. »Laut Zeitung muss es so gewesen sein: Dirk wollte den Einbrecher packen, beide Männer sprangen in der Dunkelheit aufeinander zu und knallten mit Karacho gegen die Treppe …« Hansi machte eine Pause. Sie klang bedeutsam.

»Und?«

»Die Treppe muss defekt gewesen sein. Jedenfalls kippte sie und knallte mit aller Wucht gegen Dirks Kopf. So ein kantiges Holzstück flog runter und traf den Einbrecher voll ins Gesicht. Nase, Augen, Mund. Alles vermatscht. Das Holz war der Knackpunkt …«

»Was für ein Knackpunkt?«

»Also, ein tragendes Element war durchgesägt.«

»Durch? Bei mir hat alles gewackelt. Deshalb habe ich Dirk doch gebeten, zu kommen.« Ich sagte ihm nicht, dass ich die desolate Treppe verschwiegen hatte. Aus gutem Grund.

Meine Güte, wenn ich nur daran dachte, angesägt und mit Holzmehl ganz primitiv gekittet. Ich hätte schon am ersten Tag runterstürzen und mir das Genick brechen können. Was hatte ich für ein Glück gehabt!

Hansi redete und redete. Hatte er nichts zu tun? Als er kurz nach Luft schnappte, musste ich es wissen:

»Wer hat die beiden, also Dirk samt Einbrecher, überhaupt gefunden?«

»Weiß ich nicht. Aber melde dich bei der Polizei!«

»Was soll ich der denn bloß sagen?«

»Du musst einen guten Instinkt gehabt haben«, sagte Hansi noch, »stell dir mal vor, wenn du zu dem Zeitpunkt noch im Häuschen gewesen wärst …«

»Und nachher heißt es noch, ich wäre eine Serienkillerin. Erst den Bernd und dann den Dirk …«

»Sei doch nicht so empfindlich, Gerda«, versuchte Hansi mich zu besänftigen.

***

Meine Erholung war sowieso dahin. Genau genommen: Erholt hatte ich mich noch gar nicht. Ich warf mein Gepäck in den Lupo, dachte dabei sehnsüchtig an diesen Segeltörn in der Ostsee, zu dem mich Hinnerk eingeladen hatte, und fuhr nach Hause, nach Westholdermoor.

Als Erstes besuchte ich die Polizeiinspektion. Man wollte mich dort sprechen, schließlich hätte ich zum Unfallzeitpunkt eigentlich am Unfallort sein müssen, und so hätte ich vielleicht auch was zum Unfallhergang sagen können. Also wurde ich befragt, musste meine Personalien herunterbeten, erzählte vom Leiterwackeln, den seltsamen, nächtlichen Geräuschen, soweit ich diese erklären konnte, und sagte mit tränenden Augen, dass ich mich nicht mehr sicher gefühlt habe, deshalb sei ich ausgezogen. Die Geräusche betonte ich, damit sie sich mit Dirks Aussage deckten. Dem hatte ich ja genau das erzählt. Und wenn ein Polizist dann fragen würde, warum haben Sie denn nichts von dieser Treppe erzählt, würde ich antworten, das habe ich in meiner Aufregung während des Telefonats mit Dirk vergessen. War doch verständlich. Oder? Ich ergänzte meine kurze Rede mit: »Wissen Sie, wie das ist, als Witwe alleine in einem einsam gelegenen Häuschen? Und meinen Vermieter, den Dirk, hatte ich ja gebeten, zu kommen. Aber er kam nicht. Ich fühlte mich einfach nicht mehr sicher. Nachher wäre ich noch runtergestürzt, das war doch sehr seltsam. Deshalb bin ich nach Büsum gefahren.«

Ich unterschrieb meine Aussage und verschwand mit einem: »Und danke für den Tee.« Höflich war ich. Meistens. Dass der Westholdermoorer Polizeihauptmeister mir noch sagte, dass er den Einbrecher ganz schön in der Mangel habe, beruhigte mich gewissermaßen. Nicht, dass der Polizist mehr als eine Zeugin in mir sah.

Dann – endlich! – fuhr ich zu meiner Wohnung, packte aus und sortierte meine Wäsche.

***

Zwei Wochen später kam Dirk zu mir. Ich hatte ihm sein letztes Bett fertig gemacht: Eiche massiv, dasselbe Sargmodell, in dem auch Bernd seine letzte Ruhe gefunden hatte. Mir machte es nichts aus, dass ich ihn anfassen musste. Nur den Blick in sein graubleiches Gesicht, den vermied ich. Bei der Trauerfeier legte ich einen sehr hübschen Kranz vor sein Grab. Schließlich war er einmal Bernds Freund gewesen. Ich drehte mich um, um dem Nächsten vor dem Grab Platz zu machen, ging – und stolperte über eine liegen gebliebene Schaufel.

Das Leben war gefährlich! Bei dem Sturz hatte ich mir die Bänder im Fußgelenk gerissen. War das gerecht?

Kapitel 3

So ein Bänderriss dauert. Ich blieb in der Wohnung, bis ich mich nach einigen Tagen wie ein gefangener Vogel fühlte, der zwar ein wenig in der Wohnung herumflattern konnte, aber doch angeleint war. Sozusagen. Ich musste raus. Meine Haare konnte ich mir auch nicht waschen. Eigen, wie ich damit bin, wollte ich zum Friseur. Mit Krücken humpelte ich rüber in ›Silkes Salon‹. Hier war es angenehm kühl, wegen der dicken Wände, denn der Laden befand sich in einem der alten Häuser von neunzehnhundertundetwas. Während Silke meine Haare ausspülte, hielt ich meine Brille und stieß gegen diesen Servierwagen mit Kämmen, Bürsten und den darin verkletteten Haaren aller Köpfe aus Westholdermoor. Dabei verabschiedete sich der linke Bügel meiner Brille. Ich sah mich verschwommen im Spiegel, während Silke fragte: »Ist’s recht so?« Ich nickte und hoffte, dass es mir so recht war. Ich musste zum Optiker, denn ohne Brille bin ich nix.

In Westholdermoor liegen die wichtigen Geschäfte alle nahe beieinander. Gott sei Dank. Optiker Obst wollte die Brille einschicken. Ich hatte gedacht, er hätte das passende Werkzeug, um den Bügel wieder am Gestell zu befestigen. Ohne Sehhilfe konnte ich nicht nach Hause. Herr Obst fragte milde lächelnd nach meiner Ersatzbrille. »Guter Mann«, fauchte ich, »die liegt zu Hause – ohne Gläser zwischen Aspirin und Voltaren.«

»Ich habe noch genau so eine Fassung, dann setze ich die Gläser da hinein«, sagte er, verschwand mit der roten Fassung, kam wieder zurück. »Schade, ich habe nur Blau auf Lager. Wissen Sie, Frau Geier, Blau ist eine harmonisierende Farbe und wirkt beruhigend.«

»Meinen Sie das im Hinblick auf meine Kunden?« Skeptisch betrachtete ich mich im Spiegel, trat vor und zurück, betrachtete mich von der Seite und wieder von ganz nah und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass mir Blau besser stand.

Schwungvoll verließ ich den Laden, humpelte zu meinem Geschäft, zögerte, überlegte, nein, ich würde nur von draußen gucken. Alles andere könnte Johanna als Kontrolle auffassen. Sie war in manchen Dingen empfindlich.

In aller Ruhe betrachtete ich mein Firmenschild mit der geschwungenen Schrift. ›Bestattungen Geier‹. In den Rillen der Buchstaben hing Staub, Straßendreck und sonst was. Es musste dringend poliert werden. Ich guckte durch das Schaufenster, entdeckte weder Johanna noch Hansi, aber neben und auf den Urnen fette tote Fliegen. So etwas machte sich wirklich nicht gut. Sah Frau Müller das nicht? Es müsste alles ausgeräumt und gesäubert werden. Aber wenn ich jetzt reinginge, ich kenne mich. Nein. Nein. Nein. Damit ich bei meinem ›Nein‹ auch blieb, hinkte ich zur Ersatz-Bushaltestelle. Die Hauptstraße wurde seit Wochen bis hin zur Hafenstraße umgemodelt. Es war tierisch laut, davon konnte man Tote wach kriegen, die Staubwolken nebelten mich ein, und von allen Seiten quietschte, rumpelte und rumste es. Unser Haus hatte schon ein paar Mal unangenehm gebebt und feine Risse bekommen.

Der Bus kam.

Zischend öffneten sich die Türen. Niemand stieg aus. Ich wunderte mich kurz, stieg vorsichtig durch die Mitteltür ein und sah erst jetzt, dass dort ein Rollstuhlfahrer wartete, der wohl raus wollte. Ich ging zur Seite. Von draußen rannte der Busfahrer rein. Er wirkte erhitzt und aufgeregt.

Ich ging noch mehr zur Seite. Der Busfahrer bollerte los. »Wie die Geier, wie die Geier.«

»Entschuldigen Sie bitte, meinen Sie mich?«, fragte ich.

»Blöde Kuh, einfach einsteigen, nicht aufpassen wollen, wo kommen wir denn hin, wenn das jeder machte? Behinderte einfach zu blockieren!«

Ich hielt mich an einem Griff fest. Wieder keifte der Mann.

»Warum bleiben Sie nicht draußen und warten, bis ich die Rampe ausgelegt habe? Hä?«

War mir das unangenehm. Ich wandte mich an den Rollstuhlfahrer, lächelte und sagte: »Ich wollte Sie nicht am Aussteigen hindern. Aber ich habe Sie einfach nicht gesehen!«

Der Mann guckte verlegen. Der Busfahrer fluchte weiter, und die Leute drehten sich nach mir um. Ich hatte doch nichts gemacht. Als der Rollstuhlfahrer draußen war, griff ich nach meinen Gehhilfen, drehte mich zu dem Busfahrer, der in der Zwischenzeit seinen Platz wieder eingenommen hatte. Ich humple lieber, entschied ich und stieg aus.

***

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich zu Hause war. Immer wieder musste ich zwischendurch stehen bleiben, um mich auszuruhen. Es war ein elender Weg durch das Baugelände. Huckel, Steine und Kuhlen. Dann aber sah ich den Riesenbagger. Beobachtete, wie der Greifer gigantische Betonteile vorsichtig, beinahe zärtlich hochnahm – und sie krachend an anderer Stelle fallen ließ.

Bagger.

Bagger prägte sich bei mir ein.

***

Seit dem Bänderriss war ich aus meinem stets so gut strukturierten Alltag gefallen.

Zum Lesen hatte ich wenig Lust, zum Musikhören auch nicht, zum Saubermachen fast gar nicht, und von zu Hause aus am Notebook meinen Lagerbestand verwalten, das mochte ich auch nicht. Ich saß im Sessel und dachte an Bernd und auch an Dirk. Was für Pechvögel! Zog ich das Unglück an? Wenn man wie ich mehr oder weniger ans Haus gefesselt war, kamen einem wohl komische Gedanken. Ich brauchte frische Luft, riss das Fenster auf, blickte mich um und auf diesen Bagger, der inzwischen stillstand. Es war nach fünf, Feierabend.

Bagger.

Bagger, jubelte ein inneres Stimmchen und schien vor Freude zu kreischen.

Unten kam der Bus, er musste langsam fahren, wegen des Staus, der sich vor ihm auftat. Ich beugte mich weit aus dem Fenster. Das war doch dieser unverschämte Busfahrer!

Bus. Bagger.

Nicht jetzt, schimpfte ich mit den hochblubbernden Gedanken. Sie wirkten wie Sektperlen, waren anregend und brachten meinen Kreislauf derart in Schwung, dass ich bei ›Bagger‹ anfing zu kichern.

Bagger. Baggerschaufel. Baggerhaken.

Um mich abzulenken, rief ich im Geschäft an und hatte Johanna am Apparat. Fragte, wie es so liefe. Johanna berichtete begeistert und sagte: »Mach dir keinen Kopf, wir kommen sehr gut zurecht.«

Soso.

***

Ich wollte mich im Forum der deutschen Bestatter einloggen und fuhr mein Notebook hoch. Wollte sehen, was es Neues gab. Doch stattdessen gab es nur Neuigkeiten von meinem Virenscanner, der mir eine Infektion mit unleserlichem Namen meldete und heftig blinkte.

Das war zu viel. Wut, Kränkung und einen Scheißvirus. Ich machte den Mailordner auf. Nix Besonderes. Werbung. Das Übliche, was die anderen auch immer bekamen. Gefakte Abmahnungen, gefakte Bestellungen.

Ich wollte meinen Frust loswerden, hatte schreckliche Langeweile wie schon lange nicht mehr. Also kümmerte ich mich wenigstens um das lädierte Bein: nahm die Gipsschiene ab und massierte vorsichtig Fuß, Knöchel und Unterschenkel. Es fühlte sich alles so schlank an, und die Haut sah schrumpelig aus. Ich cremte sie ein und versuchte die Übungen nachzumachen, die meine Physiotherapeutin mir gezeigt hatte, damit sich meine Muskeln kräftigten.

Ich musste etwas tun. Nur herumsitzen, das war nicht meins. Vorsichtig humpelnd, räumte ich also ein bisschen in der Wohnung um. Mein grüner Schreibtisch stand jetzt vor dem Fenster. Ich habe einbeinig geschoben und mit der Hüfte gegen das Möbelstück gedrückt. Mit diesem Schreibtisch, einem Erbstück, musste ich behutsam umgehen. Nicht, dass auch mit diesem eins meiner Unglücke passierte. Während eines Farbrausches hatte ich ihn vor Jahren mattwaldkräutergrün angestrichen. Heute wäre es mir sehr viel lieber, ich hätte das Holz naturbelassen und könnte es mit Bienenwachs und Terpentin bearbeiten. Aber an Bearbeiten war mit dem kaputten Fuß nun eh nicht zu denken. Und an Umräumen ehrlicherweise auch nicht mehr. Das konnte ich später mit zwei gesunden Beinen machen.

So reihten sich die Tage aneinander, verschwanden, und ich bemerkte es kaum. Alles war für mich wie eine endlose Schleife: aufstehen, Kaffee kochen, langweilen, sitzen, aus dem Fenster gucken, zu Mittag essen, langweilen, sitzen, aus dem Fenster gucken, einmal um den Block gehen, Abendessen, aus dem Fenster gucken, schlafen. Tag für Tag für Tag. Inzwischen parkte der orangefarbene Schaufelbagger nach ›Dienstschluss‹ auf einer kleinen Anhöhe. Das konnte ich von meinem Fenster aus beobachten. Etwas weiter unten hatte der Bus eine grob markierte Haltebucht, und es gab ein Halteprovisorium für ein paar PKWs.

Ich humpelte seit Tagen dorthin, der Weg zum Bagger war sozusagen meine tägliche Laufübung auf unebenem Weg. Ich liebte das knallige Gelb, die drehbare Fahrerkabine, die mächtigen Räder, die riesige Schaufel. Einmal hatte ich den Baggerführer noch angetroffen. Der Mann nickte mir freundlich zu. Ich grüßte laut zurück, gab irgendetwas von mir, was er sowieso bei dem Lärm nicht verstehen konnte, er winkte mir höflich zu. Er winkte so lange, bis ich begriff, dass ich mich vom Acker machen sollte. War ja auch eine holprige, gefährliche Ecke. Und auch das Bein meldete nun, dass es an der Zeit sei, wieder zurück in die Wohnung zu hinken.

Am nächsten Abend war es ruhig auf der Straße, fast schon gespenstig. Ich saß wieder am Fenster, guckte heraus, langweilte mich ein wenig und erfreute mich an dem leuchtenden Gelb des Baggers, das mich aus der Ferne anstrahlte. Man könnte sogar sagen: Es lud mich direkt ein, näherzukommen. Ich begann zu träumen. Wie es wohl war, da oben in der Fahrerkabine zu sitzen …? Nur gucken, nicht anfassen!, rief ich mich selbst zur Raison.

Es wurde ein elendes Unterfangen, und es grenzte beinahe an ein Wunder, dass ich den Tag ohne weiteren Schaden überlebte. Zumindest ohne weiteren Schaden an meinem Körper …

Details

Seiten
150
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958243330
Dateigröße
917 KB
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (November)
Schlagworte
Krimi Humor Cosy Crime Cosy Krimi Frauenunterhaltung Humor schwarzer Humor Tatjana Kruse Gisa Pauly Dora Heldt eBooks

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Titel: Bernd, der Sarg und ich