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Eine Weihnachtskatze zum Verlieben

Roman

2015 94 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Alle Jahre wieder ... Die junge Lehrerin Kim hat vor lauter Adventsstress überhaupt keine Lust mehr auf die bevorstehenden Festtage – und ihr Mann, der seit neustem sehr geheimnisvoll tut, ist leider auch keine große Hilfe. Muss Weihnachten dieses Jahr etwa ausfallen? Als Kims Schüler ein einsames Kätzchen auf der Straße auflesen, sind jedoch plötzlich alle Sorgen wie weggefegt: Ein solches flauschige Weihnachtswunder muss man doch einfach direkt ins Herz schließen! Kurzentschlossen nimmt sie die kleine Samtpfote mit nach Hause – und ahnt nicht, dass damit erst das wahre Chaos beginnt …

Zwischen Lebkuchen und Lametta: Ein herzerwärmender Glücksroman für die kuschligste Zeit des Jahres.

Über die Autorin:

Renate Fischach-Fabel (1939–2016) wuchs in Bayern auf. Schon als Kind dachte sie sich Geschichten aus und wollte »Gedichterin« werden. Mit 14 Jahren schrieb sie ihren ersten Roman über eine Reise nach Italien. Während ihrer Buchhändlerlehre beim Goldmann Verlag veröffentlichte sie zahlreiche Kurzgeschichten in Tageszeitungen und Frauenzeitschriften, unter anderem in der »Madame«. Dort arbeitete sie schließlich sogar als stellvertretende Chefredakteurin und verfasste viele weitere Romane.

Bei dotbooks veröffentlichte sie ihre Romane »Zwei Männer sind nicht genug« und »Der Duft von Sommerflieder« sowie »Ein Kater namens Rasputin« und »Kater Ludwig«.

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Aktualisierte eBook-Neuausgabe November 2020

Dieses Buch erschien bereits unter dem Titel »Prinzessin Mizzi« 2005 im Deutschen Taschenbuch Verlag und 2015 bei dotbooks.

Copyright © der Originalausgabe 2005 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der aktualisierten Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: dotbooks GmbH unter Verwendung eines Bildmotivs von adobe stock/oleg samoylov

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-95824-430-6

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Renate Fabel

Eine Weihnachtskatze zum Verlieben

Roman

dotbooks.

Kapitel 1
Verregneter Advent

Es würde ein trauriges Weihnachtsfest werden. Kim stand am Fenster ihres kleinen Reihenhauses, sah hinaus in den Garten, wo ein stürmischer Wind die Bäume zerzauste. Der Rasen triefte vor Nässe, so viel hatte es in den letzten Tagen geregnet. Und es sollte dem Wetterbericht nach so weitergehen. Weit und breit keine Kälte und kein Schnee in Sicht. Dabei war heute bereits der zweite Advent.

Kein Schnee und – was hundertmal schlimmer war – kein Kater Cherokee. Das erste Mal in Kims vierunddreißigjährigem Leben, daß sie Weihnachten ohne eine Katze feierte.

Zu Hause bei den Eltern hatten sie immer wenigstens einen Stubentiger gehabt, der das Haus mit Leben und – ja, manchmal leider auch – mit stolzen Beutestücken wie toten Mäusen oder Teilen von Blindschleichen füllte. Der noch vor der kleinen Kim die versteckten Ostereier fand und aufgeregt den frisch eingetroffenen Weihnachtsbaum umkreiste.

In Kims eigenem Haushalt hatte dann der wilde Kater Cherokee diese Aufgabe übernommen, zu ihrer eigenen und auch zu Christians vollster Zufriedenheit. Der sonst so kühle Physiker lächelte voller Stolz, wenn Rocky die Christbaumkugeln heftig zum Schwingen brachte und vergebliche Ansätze machte, den silbernen Vogel hoch oben auf der Baumspitze zu erbeuten. Nur wenn der Kater sich in Lametta verbiß, schaltete sich der Hausherr energisch ein. Aufhören, aber sofort. Wollte sich das dumme, vielgeliebte Tier unbedingt vergiften?

Und dann war Cherokee doch gestorben. Nicht an Lametta, sondern an einer Geschwulst auf dem geschmeidigen Rücken, die Kim während einer Schmusestunde erschrocken ertastet hatte. Die Geschwulst würde rasch wachsen und auf die kleine Lunge drücken, hatte die Tierärztin mit ernstem Gesicht gesagt. Am besten wäre eine erlösende Spritze ...

»Jetzt, auf der Stelle, sofort? Nein!« Kim war ganz blaß geworden. »Das ist völlig unmöglich. Wir wollen noch gemeinsam Weihnachten feiern. Ich habe auch schon ein Geschenk für den Kater. Und dann kommt der Frühling, den Rocky so liebt.« Ihre grünlichen Augen füllten sich mit Tränen. Sie fühlte sich wie in einem schlechten Traum.

»Damit verlängerst du nur sein Leiden«, hatte Christian mit heiserer Stimme zu bedenken gegeben. »Und deines auch. Von meinem ganz zu schweigen. Aber an mich denkt ja niemand.« In seiner Trauer mußte er einfach ungerecht sein.

Trotzdem – fast zwei Monate hatte Kim dem Schicksal noch abgetrotzt. Dann gab es endgültig keine Schonfrist mehr. Schweigend trugen Christian und seine Frau den starren kleinen Körper mit dem getigerten Fell nach Hause, ausgerechnet am Nikolaustag.

Es war ein schrecklicher Tag gewesen – dieser Mittwoch. Kim erinnerte sich an jede Einzelheit. Sie hatten der Tierärztin versprechen müssen, das tote Tier umweltgerecht zu »entsorgen« (was für ein fürchterlicher Ausdruck in diesem Zusammenhang!), aber Kim hatte davon ihre eigene Vorstellung. Ihr Kater sollte ein ordentliches Grab bekommen. Doch wo?

Bis vor kurzem hatte es den riesigen elterlichen Garten gegeben, in dem bereits einige Katzen ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Aber Kims Mutter war Anfang des Jahres in ein Seniorenheim umgezogen, weil ihr die Arbeit in Haus und Garten nach eigener Aussage über den Kopf wuchs. Der wahre Grund: Sie hielt nach dem Tod ihres Mannes das Alleinsein nicht mehr aus. So wurden Haus und Garten vermietet und schieden als letzte Ruhestätte für Cherokee aus.

Das Gartenstück, das sich hinter dem eigenen Reihenhaus erstreckte, war – wie die elf anderen rechts und links – schmal wie ein Handtuch, konnte zudem von allen Seiten eingesehen werden. Unmöglich, in dem liebenswürdigen Gewirr von englischen Rosen, französischem Lavendel, italienischen Zwergzypressen und wunderbar altmodischen deutschen Immortellen, Levkojen und Syringen von den Nachbarn unbemerkt den armen Cherokee zu vergraben.

Also hatten Christian und Kim sich an einem freien Nachmittag in einen entfernten Wald aufgemacht, um dort für ihren Liebling eine letzte Ruhestätte zu finden. Gar nicht so einfach. Überall stießen sie auf Fußspuren, die von einem Förster oder Waldarbeiter stammen konnten. Außerdem war der Boden steinhart. Trotz aller Mühe gelang es Kim gerade mal, unter einer einsamen Fichte ein bißchen Erde aufzuscharren.

»Laß mich mal. So wird das nie etwas.« Entschlossen warf Christian die blonde Haarmähne zurück, ergriff den Spaten und setzte sein ganzes Gewicht ein. Krrrr! Das Holz splitterte. Christian hielt den spärlichen Rest des Stiels in der Hand. Mit Müh und Not gelang es ihnen dann, eine angemessene Grube auszuheben und das Tier, mit dem sie acht Jahre ihres Lebens geteilt hatten, zu begraben.

Die Szene stand Kim noch plastisch vor Augen. Sie wickelte sich enger in ihre Strickjacke, trat einen Schritt vorn Fenster zurück. Sie hatte sich von Cherokee verabschiedet mit den Worten: »Ich komme dich auch bald besuchen.« Doch was mußte Christian darauf antworten? »Wenn ihn bis dahin mal nicht der Fuchs geholt hat.« Ja, Christian hatte tatsächlich von einem Fuchs gesprochen. Und das in dieser traurigen Situation. Warum mußte ihr Mann nur immer so schockierend realistisch sein? Wenn er mit seinen großen blauen Augen und der fein geschwungenen Nasenlinie auch etwas sehr Romantisches an sich hatte, so täuschte das. Als Naturwissenschaftler war er hauptsächlich vom Verstand bestimmt. Entsprechend nüchtern – Christian nannte das »normal« – war, wie Kim fand, sein Seelenleben.

Während sie selbst, trotz des praktisch kurzgeschnittenen Haars und der knabenhaften Figur, sich mit Vorliebe in Traumwelten flüchtete. Natürlich nur in ihrer Freizeit, nicht, wenn sie ihre Schüler unterrichtete oder Hefte korrigierte. Ihren Beruf nahm Kimberley Simonis sehr ernst. Doch auf ihren langen Spaziergängen oder bei der Arbeit im Garten ließ sie ihrer Phantasie freien Lauf, dachte sich die kuriosesten Dinge aus. Ein Wald war für sie zum Beispiel keine bloße Ansammlung von Tannen und Unterholz, sondern ein magisch verzauberter Ort. So wie sie es früher in Märchenbüchern gelesen hatte. Da gab es Elfen, die in Blütenkelchen dem Bachlauf entlang wohnten, Krönchen aus Tautropfen trugen und sich nur im Mondlicht zeigten. Trolle tobten zwischen Heidelbeerstauden herum, und Familie Mäusezahn besuchte mit Kind und Kegel die befreundete Familie Lampe.

Manchmal war Kims Phantasie aber auch weniger poetisch. Da sah sie sich bei ihren Streifzügen durch das Wäldchen gleich hinter dem Haus vorsichtig nach allen Seiten um, ob ihr auch kein Räuber auflauerte, überlegte, in welche Richtung sie am besten fliehen sollte. Oder durchsuchte einen Laubhaufen, unter dem sie einen gestohlenen Schatz – in Gold oder auch Euro – vermutete. Außerdem besaß sie, jedes Jahr ein bißchen mehr, eine Art Zweites Gesicht. So erahnte sie Dinge, die bald darauf wirklich eintrafen, träumte von Freunden aus früheren Tagen, die sich dann prompt bei ihr meldeten. Aber dieses Geheimnis behielt sie für sich. Christian nannte sie – auf liebevolle Art – auch so schon ein bißchen verrückt.

Ein bißchen verrückt und im Augenblick sehr unglücklich. Kim seufzte tief auf. Draußen war es dunkel geworden. Außerdem fröstelte sie. Sie würde ein heißes Bad nehmen – ohne einen Kater, der dabei auf dem Wannenrand balancierte – und dann ein paar Lampen anzünden. Ach nein, heute war ja der zweite Advent. Es würden also zwei Kerzen auf dem Adventskranz sein. Bis dahin würde auch Christian zu Hause sein, der einen Kollegen im Krankenhaus besuchte.

Kapitel 2
Endlich Schnee

Und dann geschah das Wunder – in der Nacht schneite es. Kim hatte schlecht geschlafen – sie hatte von Cherokee geträumt, der nach ihr rief. Und als sie aufwachte, lag der Garten dick überzuckert da. Die Welt war ganz still, wie gerade erst erschaffen, große schwarze Krähen saßen in den Bäumen, und ab und zu meldete sich zaghaft ein Amselpaar, das nach Futter suchte.

»Ich muß ihnen Körner ins Vogelhaus streuen«, nahm Kim sich vor. Jetzt gab es ja keinen Kater mehr, der so manchen Nachmittag im Vogelhaus verträumt hatte, die dicke Pfote nach unten gehängt, die Augen zu einem schwarzen Strich zusammengezogen. Der Garten war ohne Polizist. Sie lächelte, gleichzeitig wurde ihr das Herz schwer. Aber was war das? Quer durch das Grundstück führte eine Katzenspur, grafisch exakt in den Schnee gestochen. War Cherokee aus seinem Himmel zurückgekehrt? Unsinn. Sie rieb sich die Augen. Normal bleiben, wie Christian immer forderte. In der Nachbarschaft gab es genügend andere Katzen.

Christian, der mit feuchtem Haar aus dem Badezimmer trat, hatte die Spur ebenfalls gesehen. »Alter Stromer«, brummte er zärtlich. Als er merkte, daß er dünnes Eis betrat, wechselte er schnell das Thema. »Der Kaffee ist fertig, und ein Ei für jeden gibt es auch. Bitte, beeil dich. In spätestens einer halben Stunde müssen wir aus dem Haus.«

Jeden Morgen die gleiche Hetze. Kim schaffte es einfach nicht, pünktlich zu sein. Verlegen lächelte sie der Schülerlotsin in der grellgelben Schutzkleidung zu – sicher war sie wieder die letzte von den Lehrern –, als Christian sie genau sieben Minuten vor acht aus dem Auto ließ. »Mach's gut, Kimberley. Bis heute abend. Und was das Essen betrifft – über Palatschinken würde ich mich besonders freuen.« Er sah sie erwartungsvoll von der Seite an.

Und gerade die machten so viele Umstände. Aber für Christian tat Kim alles. Sie nickte, drückte ihm einen Kuß auf die Wange, griff nach ihrer Tasche, eilte davon.

Heute lag kein komplizierter Schultag vor ihr. In der ersten Stunde unterrichtete sie Rechnen, da würde sie mit dem kleinen Einmaleins weitermachen, danach kam Lesen (mit Sicherheit eine Vorweihnachtsgeschichte), und später wollte sie ein Thema für einen Aufsatz stellen. Warum nicht ›Der erste Schnee‹? Da wußte bestimmt jeder der Achtjährigen etwas zu erzählen. Sie brauchten ja nur aus dem Fenster zu schauen. Die Eindrücke lagen sozusagen zum Greifen nah. Wenn Kim auch nicht immer hundertprozentig mit ihrem Leben zufrieden war – sie liebte es, den Kleinen etwas beizubringen, bis zu einem gewissen Grad Verantwortung für ihre Schüler zu übernehmen, sie zu beschützen und zu leiten.

Für eigene Kinder fühlte sie sich noch nicht bereit. Genausowenig wie Christian, der erst mal – so lästerte er gern – eine Art Alternativ-Nobelpreis für Physik gewinnen wollte, bevor er sich voller Inbrunst in so »aufregende« Tätigkeiten wie Windelnwechseln und Bauklotz-auf-Bauklotz-Stapeln stürzte. Deshalb hatte er ja den unabhängigen Cherokee so gern gehabt. Aber jetzt ... jetzt gab es keinen Kater mehr.

Mit feuchten Augen – oder lag es an der scharfen Winterluft? – betrat Kim das Klassenzimmer.

»Guten Morgen, Frau Simonis«, tönte es ihr entgegen. Paula in der ersten Reihe hatte Schneespuren im Haar, und Marco versteckte etwas in den Händen. Wenn das mal kein Schneeball war! Sollte er, es gab Schlimmeres. Die Kinder hatten lange auf einen richtigen Winter warten müssen. Jetzt wollten sie ihn auch genießen. Kim lächelte, kündigte für übermorgen einen Besuch im Tierpark an. Dann begann der Unterricht, während draußen wattige Flocken durch die Luft wirbelten.

***

Mit Spannung nahm Kim sich am Nachmittag die Aufsätze der Kinder vor.

›Der erste Schnee‹. Der vorlaute Theo sah das ganz cool. Seine Gedanken kreisten darum, bei welchen Kältegraden es eventuell schulfrei geben würde. Außerdem brachten ihn die Schneeflocken auf die Idee, seinen Vater (Inhaber einer großen Werbeagentur, wie Kim wußte) zu einem Weihnachtsurlaub auf den Malediven zu überreden. Dort konnte man in der Sonne liegen und baden. Diese verwöhnten Wohlstandskinder! Kim schüttelte den Kopf. Aber Gott sei Dank waren nicht alle so. Sie las weiter. Der nächste Aufsatz war von Anne-Karine, ihrem heimlichen Liebling.

»Erst dachte ich, die Mama hätte unsere beste Damastdecke über den Garten gestülpt. Weil der so voller häßlicher Pfützen ist. Ich wagte gar nicht, auf das feine Tuch zu treten. Aber dann sagte die Mama: ›Anne-Karine, zieh deine Stiefel an.‹ Da ahnte ich etwas ...«

Die kleine Anka – so nannte Kim sie –, immer so behutsam, so voller Empfindsamkeit. Ähnlich war Tammi, eigentlich Tamara, die aus den Weiten Sibiriens kam. Trotz ihres erst kurzen Aufenthalts in der neuen Heimat Deutschland kannte sie bereits das Märchen von Frau Holle (vielleicht von ihrer deutschstämmigen Großmutter?) und verknüpfte es geschickt mit der Sage von Väterchen Frost. Jaja, die Mädchen. Besaßen wahrscheinlich doch mehr Gemüt. »Doucha«, wie man in Rußland sagt.

Kim rieb sich den Rücken, zündete eine Kerze mit Vanilleduft an. Sie mußte etwas gegen ihre Rückenschmerzen tun. Am besten ein Entspannungsbad, seit kurzem brauchte sie das immer häufiger. Aber vorher noch rasch den Aufsatz des kleinen Malinesen Sahoud. Sein Deutsch steckte leider voller Fehler. Doch was sollte man von einem Achtjährigen aus Afrika verlangen, dessen Vater verschleppt und dessen Mutter stark traumatisiert war? Kim hatte sie bei einem Elternabend kennengelernt, war von ihrer kerzengeraden Haltung und dem bodenlangen safrangelben Gewand beeindruckt gewesen. Nur die Augen wirkten wie erloschen.

»Ich wache auf und denke, winzige Sterne fallen von Himmel.« Richtig, es war Sahouds allererster Schnee. »Vielleicht sie tun weh, stechen in Gesicht, bin deshalb mit Schirm in Schule gerannt. In Hof sehe ich Kaze. Schwarz und weis. Ist Weis von Schnee? Und Schwarz von tote Zweige? Sie will mit mir sprechen, redet, redet. Viel, sehr viel. Hat vielleicht Hunger. Aber ich muß weiter, in Klassenzimmer hinauf. Sonst ist Frau Simonis enttäuscht von mir. Trotzdem – Kaze habe ich gestreichelt. Und ein bißchen von Sternenweis zwischen Hefte versteckt.«

Man sah es. Das Blau des Kugelschreibers war ausgelaufen. Dieser Sahoud. Kim lächelte. Was für eine Phantasie! Kreierte aus dem Schwarz und Weiß des Winters eine Katze. Damit hatte er endgültig das Herz seiner Lehrerin erobert. Sie gab ihm die Note zwei. Für seine Vorstellungskraft. Grammatik und Orthographie wollte sie nicht benoten, sonst nahm sie dem Jungen jeden Mut.

Christian schloß die Tür auf, müde von der langen Autofahrt. Der Verkehr war inzwischen fast völlig zum Erliegen gekommen, stellenweise ging es nur im Schrittempo vorwärts. Gleich morgen würde er die Winterreifen aufziehen lassen. Allerhöchste Zeit. Aber warum saß Kim im Kerzendunkel? Und machte ein so trauriges Gesicht? Immer noch der Schmerz um Rocky? Er ging zum Schrank, goß sich einen Fingerbreit Wodka ein. Beim Vorbeigehen strich er beruhigend über Kims kupferfarbenes Haar. Und jetzt – er strahlte übers ganze Gesicht – freute er sich so richtig auf den Palatschinken.

Palatschinken, also mit Marmelade gefüllte Pfannkuchen, das letzte, worauf Kimberley im Augenblick Appetit hatte. Außerdem war man beim Zubereiten dauernd in Aktion. Insgeheim hatte sie gehofft, Christian hätte sie vergessen. Aber nein. Und ihn zu enttäuschen wäre unfair gewesen. Also raffte sie sich auf, räumte die Hefte zur Seite, ging in die Küche, rührte einen Teig an. Außer Eier, Wasser, Milch und Mehl eine Prise Salz, etwas Vanillezucker, ein Hauch von Backpulver und geriebene Zitronenschale. Eines der wenigen Rezepte, die Kim wirklich beherrschte. Sie hatte es von ihrer Mutter, denn der Vater war genauso ein Fan von Palatschinken und Kaiserschmarrn gewesen wie Christian.

Als Kim eine Pfanne aus dem Schrank nehmen wollte, stolperte sie über einen von scharfen Zähnen markierten Gummiball, Rockys Lieblingsspielzeug. Ihre erste Reaktion war, ihn in den Abfall zu werfen. Doch dann legte sie ihn in eine Schublade. Irgendwann würde es vielleicht wieder einen verspielten Kater geben. Aber nicht so schnell. Die Wunde war noch zu frisch.

Sie deckte den Tisch, stellte drei verschiedene Marmeladen, ein Glas mit Heidehonig und die Schütte mit Streuzucker neben Christians Gedeck. Er wünschte sich – seine spezielle Marotte – Palatschinken in verschiedenen Variationen.

»Danke, Liebling.« Christian lachte. Er aß und aß. Und Kim eilte vom Herd zum Tisch zur Arbeitsplatte, dann wieder zurück zum Herd, verteilte Butterschmalz in der Pfanne, schöpfte flüssigen Teig ... Über eine Stunde lang. Sie selbst aß fast nichts.

Kapitel 3
Erste Begegnung

Am nächsten Tag war der Schnee hart und unansehnlich geworden, dafür war es sehr kalt. Kim, die wieder mal ihre Handschuhe vergessen hatte, rieb sich beim Sprint zum Schulhaus die Finger. Im Hof hatten die Kinder einen Schneemann gebaut mit einer Aubergine als Nase, einem kreisrunden rosa Deckel auf dem Kopf und giftgrün gefärbten Walnüssen als Augen. Ein Schneemann als Punk.

Der lange Gang roch nach Tannengrün. Am Vortag hatten die Schüler der beiden vierten Klassen das ganze Schulhaus weihnachtlich geschmückt. Höchste Zeit, überlegte Kim, mit »ihren« Kindern ein Weihnachtsspiel einzuüben. In den nächsten Tagen würde sie sich für ein Stück entscheiden müssen.

»Dein Aufsatz hat mir sehr gut gefallen.« Sie gab Sahoud mit ihrem nettesten Lächeln sein Heft zurück. »Aber wie bist du auf die Idee mit der Katze gekommen? Magst du Katzen so gern?«

Der Junge sah sie mit großen glänzenden Augen an. »Aber Katze war da. Gestern und vorher auch schon. Viele Tage. Katze läuft in Schulhof herum, bei den Abfalltonnen. Sprang sogar auf meinen Arm.«

Anne-Karine stimmte zu. »Sahoud hat recht. Es gibt eine Katze. Und sie hat großen Hunger. Ein paar Kinder haben sie mit Lebkuchen gefüttert. So was Dummes! Ich hab ihr die Hälfte von meinem Schinkenbrot gegeben. Das hat sie auf einen Satz hinuntergewürgt.«

»Aber es ist doch so kalt.« Kim schüttelte sich. Ihre Gedanken drehten sich um die arme Katze, während sie die Hefte austeilte. Immer dieses Tierelend, sie wurde noch ganz krank davon. Und die Mode hatte mal wieder nichts Besseres zu tun, als Pelzmäntel und Kragen aus echtem (Katzen-?)Fell zu propagieren – eine Unverschämtheit. Doch vielleicht handelte es sich ja nur um einen Streuner, der seinem Herrchen in einem unbewachten Augenblick entwischt war. Eine ihrer Katzen hatte das auch einmal getan, in einem Sommer, der völlig verregnet war, und sie kehrte wohlgenährt nach genau elf Tagen zurück, als sei nichts geschehen. »Bezaubernde, aber auch treulose Kreaturen«, wie Christian immer sagte. Wobei das mit »treulos« natürlich nicht stimmte. Es war wohl eher eine Mischung aus Fernweh und Abenteuerlust, die Katzen ab und zu von zu Hause wegtrieb, bis dann der Drang nach den geliebten vier Wänden (und den dazugehörigen Menschen) wieder die Oberhand gewann. Kim beschloß, Sahouds Katze im Auge zu behalten. Und wenn man sie nun ausgesetzt hatte?!

Es fiel ihr schwer, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Dauernd mußte sie an die Katze denken. Wie es ihr wohl ging? Gegen Ende der Pause – sie hatte sich um einen Schüler mit Nasenbluten kümmern müssen – hielt Kim es dann nicht länger aus. Wie gehetzt rannte sie hinaus auf den Schulhof, sah sich bei den Abfalltonnen um. Keine Katze, auch keine heraus gewürgten Lebkuchen oder ein fetter Schinkenrand, allerdings ein paar zierliche Tatzenabdrücke im Harsch. Aber da ... bewegte sich dort nicht etwas? Auf Zehenspitzen schlich Kim näher. Es war ein Eichhörnchen, das an einer Haselnuß herumknabberte. Das hatte, was es brauchte, während die Katze ... Am liebsten hätte Kim geweint, so aufgewühlt war sie.

»Immer nur Verluste«, klagte sie Christian abends ihr Leid. »Ich habe mit Katzen einfach kein Glück mehr.«

Der schüttelte den Kopf. »Aber du hast die Katze doch noch gar nicht gesehen. Vielleicht haben sich die Kinder sie nur eingebildet. Außerdem – willst du Cherokee so schnell ersetzen? Wir waren uns doch einig, diesen Winter einmal mindestens zehn Tage in die Berge zu fahren. Mit einer neuen Katze geht das nicht.«

»Aber sie braucht uns, ich fühle es.« Kim bekam ihren abwesenden Blick. »Ehrlich gesagt, habe ich diesmal Angst vor Weihnachten. Meine Mutter will auch nicht zu uns kommen, sondern im Heim bleiben. Wer feiert dann überhaupt mit uns? Alle lassen mich allein.«

»Ich gelte wohl gar nichts«, gab Christian etwas beleidigt zurück. Dabei verstand er im Grunde seines Herzens, was Kim meinte. Nur sollte sie das Leben etwas gelassener nehmen, die Dinge nicht immer so erzwingen wollen. Es kamen auch wieder bessere Zeiten.

Kamen die? Sicher wohl, aber wann? Geduld gehörte nicht zu Kims Stärken. Es verging kein Tag, an dem sie Sahoud nicht nach der Katze fragte oder selbst im Schulhof suchte. Aber Sahoud schüttelte den Kopf. »Keine Katze.«

Er hatte andere Sorgen. Kim hatte ihn ausgewählt, den größten der Zwerge in ›Schneewittchen‹ zu spielen – ein moderneres Weihnachtsspiel war ihr leider nicht eingefallen –, aber der Text machte ihm Probleme. Würde er sich vor den Zuschauern blamieren?

Auch gut, tröstete sich Kim. Vielleicht hat die Katze ja wieder nach Hause gefunden. Oder, was auch sein konnte, ein Angeberfahrer war mit seinem Angeberauto herangebraust und hatte sich einen Spaß daraus gemacht ... Sie zwang sich, den Gedanken nicht zu Ende zu spinnen. Nein, nein, nein, diesmal ließen sie ihre bösen Ahnungen im Stich. Der Katze ging es gut.

Und dann lief ihr eines Morgens Sahoud mit wichtiger Miene entgegen. »Frau Simonis, Katze wieder da.« Er packte sie aufgeregt am Arm.

»Wirklich, Sahoud? Danke für die Mitteilung.« Kim überlegte. Was sollte sie tun? Acht Uhr genau. Der Unterricht mußte beginnen. Unmöglich, die Klasse im Stich zu lassen. Andererseits – wenn ausgerechnet in diesem Moment ein Katzenfänger um die Ecke bog oder ein Kampfhund seinen Killerinstinkt ausleben mußte?

Sie faßte einen Entschluß. »Anka, könntest du den Zwergen noch mal erklären, wie sie mit Schneewittchen umgehen müssen?« Anne-Karine spielte die böse Stiefmutter im Weihnachtsmärchen. »Sie sind ja sozusagen ihre Schutzengel, wollen sie vor allen Gefahren bewahren. Dummerweise habe ich das Manuskript in meiner Manteltasche vergessen. Bin gleich wieder da.«

Schon war Kim an der Tür, lief, so schnell sie konnte, den spiegelblank gewienerten Gang entlang, schlüpfte hinaus in den Schulhof. Hoffentlich sah sie niemand von den Kollegen. Sonst müßte sie etwas von einem Armband schwindeln, das sie verloren hatte. Oder ein kostbarer Ring, ein Familienstück, das machte die Sache noch dringlicher. Endlich hatte sie die Abfalltonnen erreicht. Und dann sah sie die Gesuchte, die Katze, die ihre Phantasie so andauernd beschäftigte. Viel kleiner als Rocky, eher zierlich, trotz ihres sicherlich großen Hungers nicht abgemagert und auch nicht zerzaust, blickte sie Kim aus gelb verwaschenen Augen an. Nicht mißtrauisch, nicht ängstlich, sondern einfach prüfend. Vielleicht auch fragend. »Nimmst du mich mit?«

Es war eine dieser possierlichen schwarzen Katzen mit weißen Pfoten und einem weißen Schnäuzchen, wie man sie manchmal auf Pralinenschachteln findet. Sie war hübsch und gleichmäßig gezeichnet. Nur unmittelbar neben der Nase hatte sie einen schwarzen Fleck – so als sei dem Maler der Pinsel ausgerutscht. Ein kleiner, ein verzeihlicher Makel, aber eben ein Makel. Christian mit seinem ausgeprägten Schönheitssinn würde das stören. Christian ...

Doch noch hatte Kim die Katze ja gar nicht. Als sie sich bückte und »Miez, Miez, komm, kleine Miez« lockte, lief diese weg. Ein bißchen kokett zwar, als sei es nicht ernst gemeint, aber greifen ließ sich das Tier nicht. Zehn Minuten ging das so, dann wurde Kim ungeduldig. Ewig konnte sie die Kinder nicht sich selbst überlassen. Was tun? Einen Zettel mit einer Suchmeldung an die Wände der umliegenden Häuser kleben? »Wer vermißt schwarzweiße Katze mit kleinem Schönheitsfehler?« Rund um die Tonnen Trockenfutter ausstreuen? Ja, das wollte sie, gleich nach der Schule. Etwas erleichtert kehrte Kim in ihr Klassenzimmer zurück.

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