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Enwor - Band 6: Die Rückkehr der Götter

Die Bestseller-Serie

2015 302 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

ENWOR: Kriegsgeboren und vom Feuer getauft – eine postapokalyptische Welt voller Gefahren.

Die Gesichtslosen Predigern haben den Satai-Krieger Skar in jahrelangen Schlaf verfallen lassen. Doch nun ist er erwacht und muss erfahren: ENWOR ist nicht mehr zu erkennen. Die ehrenhaften Satai haben sich mit ihren schlimmsten Feinden verbündet und überziehen das Land mit Terror. Flucht scheint die einzige Rettung vor den entfesselten Horden. Doch Skar wird ein Ausweg gezeigt, der ihm eine entsetzliche Entscheidung abverlangt: Muss er seinen Sohn opfern, um ENWOR zu befreien?

Über den Autor

Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist Deutschlands erfolgreichster Fantasy-Autor. Der Durchbruch gelang ihm 1983 mit dem preisgekrönten Jugendbuch MÄRCHENMOND. Inzwischen hat er 150 Bestseller mit einer Gesamtauflage von über 44 Millionen Büchern verfasst. 2012 erhielt er den internationalen Literaturpreis NUX.

Der Autor im Internet: www.hohlbein.de

Bei dotbooks veröffentlichte Wolfgang Hohlbein die Romane FLUCH – SCHIFF DES GRAUENS, DAS NETZ und IM NETZ DER SPINNEN, die ELEMENTIS-Trilogie mit den Einzelbänden FLUT, FEUER UND STURM und die große ENWOR-Saga; eine chronologische Übersicht der einzelnen Romane finden Sie am Ende dieses eBooks.

Wie wird es mit den Kriegern Skar und Del weitergehen? Finden Sie es heraus im nächsten Roman der ENWOR-Saga: ENWOR – Band 7: Das schweigende Netz. Eine Leseprobe finden Sie am Ende dieses eBooks.

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Neuausgabe November 2015

Copyright © der Originalausgabe 1987 bei Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-437-5

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Wolfgang Hohlbein

ENWOR

Band 6: Die Rückkehr der Götter

Roman

dotbooks.

PROLOG

»Du hast dich also entschieden.«

Es war etwas im Klang dieser fünf Worte, was ihn frösteln ließ. Die Stimme des greisen Predigers verlor sich fast in der Leere des fensterlosen Raumes und rief – wie überall im Inneren des ausgehöhlten, aus Schweigen und Dunkelheit und erstarrter Zeit erschaffenen Berges – keine hörbaren Echos hervor, sondern versickerte irgendwo zwischen den Ritzen der Realität.

Es war nichts Neues für ihn, aber der Effekt erschreckte ihn jedes Mal genauso wie am Anfang. Der Berg war groß genug, eine Stadt aufzunehmen, und manche der Hallen, die durch ein Labyrinth finsterer Gänge und Treppen miteinander verbunden waren, hätten einem kleinen Dorf Platz geboten: man erwartete Echos und verzerrten Widerhall, das Wispern und Flüstern der Leere, das Tropfen von Wasser und das leise Klicken und Schaben fallender Steine, all die Geräusche und Laute, die untrennbar mit der Vorstellung unterirdischer Höhlen und Katakomben verbunden waren.

Das genaue Gegenteil war der Fall. Der Tempel der Gesichtslosen Prediger war ein Ort der Stille, des Schweigens und der Ruhe, einer Ruhe, die tiefer und allumfassender war als alles, was er je zuvor erlebt hatte. Jeder Laut, jedes Geräusch, alles, was von draußen kam – er begann das Wort schon auf die gleiche, abwertend spöttische Art zu denken, in der es die Gesichtslosen Prediger aussprachen – verlor hier drinnen seine Bedeutung, verschwand ohne Spuren und Echos.

Er hatte sich unwohl hier drinnen gefühlt, vom ersten Augenblick an, und es lag nicht allein an der sonderbaren Umgebung oder den Geschichten, die man sich über die verrückten Prediger erzählte. Es war etwas Körperliches, und es flößte ihm körperliches Unbehagen ein. Ein dumpfer Druck lastete auf seinen Ohren, vielleicht eine Folge der bizarren Akustik dieser Welt aus Stein, und er hatte ständig Durst.

In jeder der letzten fünf Nächte hatte er länger geschlafen als in der vorangegangenen, und trotzdem war ihm das Aufstehen immer schwerer gefallen, und er ertappte sich tagsüber immer öfter dabei, in einen Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachen zu versinken. Er war immer müde. Kraftlos. Vielleicht, dachte er matt, war es wirklich so, wie man sich erzählte: vielleicht fraß dieser Tempel seine Kraft, saugte seinen Körper und seinen Geist gleichermaßen aus. Vielleicht, dachte er mit einer Spur von Hysterie, würde sich sein Körper auflösen, wenn er zu lange hierblieb. Er würde schwach und kraftlos werden und irgendwann verblassen, bis er schließlich –

Skar verscheuchte den Gedanken. »Ich habe mich entschieden«, sagte er. Er versuchte gleichzeitig gelassen wie selbstsicher zu klingen, aber seine Stimme schwankte und sagte das Gegenteil dessen, was seine Worte behaupteten: daß er sich nicht entschieden hatte, weil eine Entscheidung nicht nötig und wahrscheinlich nicht einmal möglich war, und daß er gar keine andere Wahl hatte, als es zu tun. Daß er vielleicht mit dem einen, logischen Teil seines Denkens begriffen hatte, daß es sein mußte, aber trotz der tagelangen geduldigen Erklärungen des Predigers noch immer nicht genau wußte, was dieses es überhaupt war. Und daß er in Wahrheit Angst davor hatte, es zu erfahren. Der Prediger bewegte sich. Skar war sich nicht sicher, ob das papierne Rascheln, das er dabei hörte, von seinen Kleidern oder der Haut des Alten stammte. Sein Blick verharrte einen Moment auf den gebeugten Schultern des Predigers, löste sich von ihm und suchte den steinernen, nur mit wenigen Büscheln aus getrocknetem Stroh gepolsterten Trog; den einzigen Gegenstand außer dem Gebetsstein und dem gemauerten Feuerloch in der Wand, der die strenge rechteckige Geometrie des Raumes durchbrach. Die Schatten schienen dort hinten tiefer, dunkler und das Schweigen fester. Er war schon nicht mehr ganz Teil dieser Welt, sondern mit dem Prediger verbunden, hinübergeglitten auf eine andere, erschreckende Stufe des Seins, auf der sie lebten, dieser Alte und die anderen.

Ein seltsames Gefühl breitete sich in Skar aus. Er wußte nicht was es war.

»Hast du Angst?«

Skar schüttelte den Kopf, schwieg, sah den Prediger unentschlossen an und nickte schließlich. »Ja.«

»Das ist gut«, sagte der Alte. Vielleicht war er auch nicht alt; nicht wirklich. Seine Stimme schien die eines jungen Mannes, obwohl er niemals laut genug sprach, um mehr als zu flüstern.

Nein – Skar wußte nicht, ob er wirklich alt war. Sein Gesicht war so zeitlos wie die strengen Rechtecke und Geraden, aus denen der Tempel zusammengefügt war, von tiefen Falten und Linien durchzogen und so bleich, wie das Gesicht eines Menschen nun einmal war, der niemals die Sonne sah. Aber Skar war sich nicht sicher, daß es Linien waren, die das Alter hineingegraben hatte. Vielleicht war es etwas anderes. Wenn, so wollte er nicht wissen, was es war.

Der Prediger wandte sich um, trat an den Gebetsstein und tat etwas, das Skar nicht erkennen konnte. Als er sich wieder zu ihm herumdrehte, waren seine Hände nicht mehr leer.

»Es ist gut, daß du Angst hast, Satai«, sagte er noch einmal, und zum ersten Mal, seit Skar ihm begegnet war, glaubte er etwas wie eine menschliche Regung in seiner Stimme zu erkennen. Mitleid. Mitleid? »Nur wer die Furcht kennt, kann sie auch bezwingen. Trink.«

Skar nahm gehorsam die Schale aus den Händen des Alten entgegen. Sie war schwer und so kalt, daß seine Finger zu prickeln begannen. Langsam setzte er sie an die Lippen. Aber er trank noch nicht. Plötzlich, als schrien alle seine Sinne verzweifelt auf und griffen – ein letztes Mal – gierig nach der Welt, von der sie während der letzten Tage Stück für Stück abgeschnitten worden waren, nahm er alles um sich herum mit einer übernatürlichen Klarheit und Schärfe wahr. Die Kälte, die Böden, Wände und Decke verströmten wie einen eisigen Atem, die winzigen Unebenheiten unter seinen nackten Füßen, die dunklen verzweigten Linien im Gesicht des Predigers, den sterilen Geruch nach Erde und Stein, der den unterirdischen Tempel erfüllte, das Knistern der Flammen im Feuerloch, die kühle Glätte der Schale in seinen Fingern, und tausend andere Dinge.

Sein Blick suchte noch einmal das steinerne Bett am anderen Ende der Kammer, und das Gefühl in ihm, von dem er noch immer nicht wußte, was es war, verstärkte sich zu quälendem Schmerz.

Das Kind lag reglos, als schliefe es, obwohl seine Augen offenstanden. Zu Anfang hatte es viel geschrien und mit den Beinen gestrampelt, aber seine Bewegungen waren jedes Mal, wenn Skar kam und es sah, matter geworden, sein Schreien kraftloser und leiser. Vielleicht war es tot.

»Ihr habt ihm … einen Namen gegeben?« fragte er stockend.

Der Prediger lächelte. »Es braucht keinen Namen, Skar. Niemand, der hier lebt, braucht einen Namen. Auch ich habe keinen.«

Skar nickte, setzte die Schale abermals an die Lippen und senkte sie wieder, ohne getrunken zu haben. »Es wäre mir lieber, wenn es einen Namen hätte«, sagte er. Er wußte selbst nicht genau, warum er diese Worte sprach. Und trotzdem war es vielleicht das erste Mal, seit er hier herunter gekommen war, daß er etwas mit Nachdruck sagte.

Der Prediger blickte ihn aus seinen unergründlichen Augen an. »Sein Name ist Tod, Satai.«

Zorn flammte in Skar auf, aber nur für einen Moment. »Ich bin hier, damit es nicht so kommt«, sagte er. Es fiel ihm schwer, aber er hielt dem Blick des Alten stand; diesmal.

»Es geht nicht«, sagte der Prediger. »Wie könnten wir ihm einen Namen geben, wenn wir nicht wissen, wer er ist? Namen engen ein. Sie sind schädlich. Sie legen Dinge fest, die noch nicht bestehen. Sie formen das Ungeformte. Unser Glaube verbietet uns, Namen zu tragen, und es ist eine weise Entscheidung. Du kannst ihm einen Namen geben, wenn alles vorüber ist.«

Für einen Moment regte sich noch einmal Widerstand in Skar, aber er erlosch auch diesmal so schnell, wie er kam. Er war nur noch müde. Er wollte es hinter sich bringen, so schnell er konnte. Er hatte zu lange gekämpft.

»Ich verstehe dich, Satai«, fuhr der Prediger fort. »Glaube nicht, daß wir grausam sind. Ich weiß, daß die Menschen Angst vor uns haben und uns für grausam und böse halten. Aber das stimmt nicht. Ich begreife deine Qual, und ich teile sie. Du hast ihm das Leben gegeben, und du hast gekämpft wie nie ein Mensch zuvor, um es zu schützen. Jetzt wirst du es vielleicht töten müssen, obgleich es ein Teil deiner selbst ist. Alles, was du ihm noch geben zu können glaubst, ist ein Name.«

Skar starrte den Alten verwirrt an. Las er seine Gedanken? Oder war es so leicht, sie auf seinen Zügen zu erkennen? Er erschrak. Wieder spürte er diese Schwäche, eine Erschöpfung, die nichts mehr mit körperlicher Müdigkeit zu tun hatte. >Sein Name ist Tod<, hatte der Prediger gesagt. Aber war das nicht in Wahrheit sein eigener Name? Standen nicht Furcht und Angst in den Augen der Menschen, wenn sie über ihn sprachen? Vielleicht war das, was er bisher immer für Ehrfurcht und Respekt gehalten hatte, in Wahrheit nichts anderes als nackte Angst.

Ohne ein weiteres Wort setzte er die Schale an die Lippen und leerte sie in einem einzigen Zug. Die Flüssigkeit war eisig, kälter noch als Eis, und die Kälte ließ sie geschmacklos werden und betäubte das Brennen, mit dem sie seine Kehle herabrann. Der Prediger hatte versprochen, daß es fast schmerzlos sein würde. Und plötzlich hatte er keine Angst mehr. Er fühlte sich frei, ein Mann, der alles getan hatte, was er tun mußte. Es gab nichts mehr, was auf ihn wartete. Seine ganze Sorge hatte dem Kind gegolten, in den letzten dreieinhalb Monaten, aber auch das war vorbei. Ruhig gab er dem Alten die Schale zurück.

»Wie lange wird es dauern?«

»Niemand weiß das, Satai. Stunden, Wochen, Jahre – vielleicht Jahrhunderte. Für dich wird keine Zeit vergehen. Du wirst einschlafen und wieder aufwachen.«

»Vielleicht.«

»Vielleicht.«

Skar schwieg. Die Spur dumpfer Betäubung, die die Flüssigkeit in seiner Kehle zurückgelassen hatte, .wich langsam einem schmerzhaften Prickeln und Brennen, aber gleichzeitig breitete sich, von seinem Magen kommend und im Rhythmus seiner Herzschläge, ein Gefühl wohltuender Betäubung in seinem Körper aus. Es würde ein Wettlauf werden, aber wenn überhaupt, dann würde er nur für sehr kurze Zeit Schmerzen ertragen müssen. Er fürchtete sich nicht davor. Der Schmerz war sein Bruder. Er hatte gelernt, ihn zu lieben.

»Was«, murmelte er, »wenn ich … wenn ich verliere?«

»Wir werden dir helfen«, antwortete der Prediger. »Wir und Er.«

Er. Skar schauderte. Der Gesichtslose Gott. Der Gott ohne Namen. Warum hatte er plötzlich Angst, Angst vor einem Begriff, einem Gott, der nur aus einer Idee bestand, wie all die anderen Götter auch? Wovor hatte er Angst, gerade er, der Unbesiegbare, der stärkste Mann, der jemals den fünfzackigen Stern der Satai getragen hatte? Er, der die Existenz von Göttern und Dämonen stets verleugnet und ihnen ins Gesicht gelacht hatte?

»Du bist stark, Satai«, sagte der Prediger und fügte nach einer Weile des Schweigens hinzu: »Und wir werden dir beistehen.«

»Stark …« Skar lächelte bitter. Die Taubheit breitete sich schnell in seinem Körper aus und begann seine Gedanken einzulullen. Es war ein angenehmes Gefühl. »Vielleicht bin ich stark, aber er –«

»Hat die Macht eines Gottes?« Diesmal lachte der Alte wirklich, und zum ersten Mal, seit Skar dieses unterirdische Reich des Schweigens betreten hatte, glaubte er ein Echo zu hören, nicht mit seinen normalen menschlichen Sinnen, denn sie zählten hier unten nicht, sondern mit seiner Seele: ein leises, vielleicht spöttisches, möglicherweise höhnisches Lachen, mit dem … Etwas auf seine Worte reagierte. Der Gesichtslose Gott mochte keinen Namen haben, aber er war nicht stumm.

»Vielleicht hat er sie«, fuhr der Alte ernsthaft fort. Das Brennen in Skars Kehle wurde stärker und fast unerträglich. »Aber du bist sein Vater, Satai. Kann er ein Gott sein, wenn ein Sterblicher ihn gezeugt hat?« Wieder lachte er. »Du fürchtest ihn, Satai, und du tust recht daran, ihn zu fürchten, denn sein Name ist Tod, und er ist ein Kind des Hasses. Aber du hast ihn schon einmal besiegt.«

»Er war jünger. Gerade geboren und … unsicher. Und ich habe ihn nicht besiegt. Darum ging es nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Zerstören ist leichter als Erschaffen, alter Mann.«

»Nicht Erschaffen. Formen. Du wirst er, und er wird du. Kämpfe nicht gegen ihn. Forme ihn. Denke daran, daß es unmöglich ist, ihn zu vernichten. Du kannst ihn töten, aber damit würdest du alles nur noch schlimmer machen.«

Skar wollte antworten, aber seine Stimme versagte ihm plötzlich den Dienst. Die Woge der Lähmung erreichte seine Knie. Er wankte, griff zitternd nach dem Prediger und fiel, als seine Finger nicht mehr die Kraft hatten, zuzupacken.

»Wehr dich nicht, Satai«, sagte der Prediger. »Es geht schneller, wenn du dich nicht wehrst. Aber ich fürchte, das kannst du nicht. Dazu bist du zu stark. Und Stärke wird leicht zum Fluch.«

Er sprach noch weiter, aber Skar verstand nicht mehr, was er sagte. Ein dumpfes, immer unangenehmer werdendes Brausen und Rauschen war mit einem Mal in seinen Ohren, und dann, ganz plötzlich, war der Schmerz da. Ein entsetzlicher Schmerz, der von Augenblick zu Augenblick schlimmer wurde. Der Alte hatte ihn belogen. – es tat weh. Sehr.

Aber nicht einmal mehr diesen Gedanken dachte er zu Ende.

1. Kapitel

Er war nicht allein, und es war dieses Gefühl, das ihn weckte: Jemand war bei ihm.

Skar versuchte die Augen zu öffnen, aber im ersten Moment ging es nicht. Auf seinen Lidern lag ein schwerer, nicht einmal unangenehmer Druck, ein Gefühl wie von weichen Fingern, die sich auf seine Augäpfel preßten, und in seinen Gliedern war jene betäubende Schwere, die von langem Schlaf kündete. Überhaupt hatte er das Gefühl, sehr lange geschlafen zu haben; und sehr, sehr tief. Trotzdem fühlte er sich wohl. Da war nichts von der Benommenheit, dem schlechten Geschmack und dem Druck auf Kopf und Schläfen, der das Erwachen aus zu langem Schlaf normalerweise begleitete; Skar fühlte sich allenfalls ein bißchen matt.

Und er spürte, daß er nicht allein war.

Es war ein Gefühl von fast körperlicher Intensität, und es war sehr unangenehm. Wer immer in seiner Nähe war, war nicht sein Freund. Er konnte die Augen noch immer nicht öffnen, denn seine Lider waren vom langen Schlaf verklebt, und er hatte noch nicht den Willen, den kleinen Schmerz in Kauf zu nehmen, den die Überwindung des. Widerstandes bedeutet hätte. Aber er spürte, daß etwas da war, und daß dieses Etwas auf unangenehme Weise lauernd und bedrohlich zu sein schien.

Skar lauschte.

Er hörte … nichts.

Um ihn herum war Stille, ein absolutes, fast stofflich wirkendes Schweigen, in dem die einzigen Laute das gleichmäßige schwere Schlagen seines Herzens und seine eigenen Atemzüge waren, und obwohl sein Erinnerungsvermögen noch nicht zurückgekehrt war, war dies doch etwas, worauf er sich besann. Die Stille. Die allgegenwärtige, lastende Stille, die in dieser unterirdischen Welt aus quadratischen Räumen und rechteckigen Gängen herrschte. Eine Stille, wie es sie nur im Herzen eines Berges geben konnte, in einer Welt tief unter der Welt. Für einen Moment blitzte dieses Bild vor seinem geistigen Auge auf. Aber vielleicht war es auch genau umgekehrt: Vielleicht implizierte der Kokon aus Schweigen, in den er eingesponnen schien, auch nur diese Vorstellung, und alles war ganz anders.

Dann kam die erste konkrete Erinnerung: Er hatte ihn belogen.

Skar wußte nicht, wer ihn belogen hatte, geschweige denn wie. Trotzdem war dieses Wissen ganz deutlich in ihm, wie etwas von so großer Wichtigkeit, daß es sich unauslöschlich in sein Bewußtsein eingegraben hatte. Das waren drei Tatsachen, die er wußte: Es war still, jemand hatte ihn belogen, und er war nicht allein.

Aber wenn jemand bei ihm war, warum hörte er dann nichts? Er verscheuchte den Gedanken, entspannte sich ganz bewußt und versuchte noch einmal, die Augen zu öffnen. Es tat ein bißchen weh, aber nicht sehr, und dann konnte er sehen.

Im ersten Moment.

Dann kam die Übelkeit, warnungslos und hart wie ein Schlag in die Magengrube und so schnell, daß er gerade noch Zeit fand, sich zur Seite zu drehen, ehe er sich übergab; würgend und von krampfartigen, immer schneller kommenden Schmerzen gepeinigt. Das Stechen in seinem Nacken steigerte sich zur Raserei. Er schrie, verschluckte sich an seinem eigenen Erbrochenen und hatte für Sekunden das entsetzliche Gefühl, ersticken zu müssen. Bittere Galle lief in seinen Rachen, und der Geschmack verstärkte die Übelkeit noch.

Dann, so plötzlich, wie sie gekommen waren, ebbten Schmerzen und Übelkeit wieder ab. Skar ließ sich zurücksinken, hielt sekundenlang den Atem an und wartete darauf, daß seine Eingeweide abermals zu revoltieren begannen. Aber es geschah nicht. So lange er ruhig lag, fühlte er nichts.

Der Trank, dachte er. Der Gedanke stand völlig isoliert in seinem Bewußtsein, wie ein Wort, das man auf ein weißes Blatt Papier geschrieben hatte.

Erst jetzt merkte er, daß er keine Erinnerungen hatte. Dort, wo sie sein sollten, gähnte eine entsetzliche Leere.

Es war nicht etwa so, daß er das Gedächtnis verloren hätte. Sein Bewußtsein war nicht leer. Alles war da, säuberlich geordnet und aufgereiht wie in großen, schon ein bißchen staubig gewordenen Regalen, aber jedesmal, wenn er versuchte, nach einem Teil seiner Erinnerungen zu greifen, war da etwas, das seine Hand beiseite schlug.

Nein, korrigierte er sich in Gedanken. Auch das war nicht richtig. Er …

Zum Teufel, es war, als hätte er verlernt, wie man sich erinnerte!

Aber konnte ein Mensch das Denken verlernen?

Skar stöhnte. Der Laut hallte gebrochen und sonderbar dumpf von den Wänden zurück. Das Echo verriet ihm, daß er sich in einem sehr großen Raum befand; und in einem, der beinahe leer sein mußte.

Der Tempel. Wieder ein Wort, um das leere Blatt zu füllen. Die Gesichtslosen Prediger. Der Namenlose Gott, die …

Es ging schnell, jetzt. Wie Wasser, das sich beharrlich seinen Weg durch ein Hindernis gräbt, sickerten die Erinnerungen in sein Bewußtsein zurück, ein dünnes, tröpfelndes Rinnsal scheinbar zusammenhangloser Begriffe zuerst, das aber rasch zu einem Bach, dann zu einem reißenden Strom wurde. Es war, als hätte es allein der Erkenntnis bedurft, daß er sich nicht erinnerte, um die Erinnerungen zurückzuholen. Die Türen in seinem Geist waren nicht verschlossen. Er hatte nur vergessen, wie man sie öffnete, und jetzt, als er es wieder wußte, war es wie ein Sturmwind, der sie alle gleichzeitig aufstieß.

Skar lag still, bewegte sich nicht, atmete flach und gleichmäßig und versuchte an nichts zu denken. Er versuchte nicht, die Erinnerungen zu greifen, einen Zusammenhang herzustellen, sondern wartete, bis sich Bilder und Namen zu einem Ganzen formten. Er sah … Dinge. Den Dronte. Gowenna. Del, der nicht Del war, und Helth, der sich in ein Ungeheuer verwandelt hatte. Feuer. Überall Feuer. Der Daij-djan. Die Sternenbestie …

Skar stöhnte, als die Erinnerungen allmählich die Intensität von Schmerzen erreichten. Da war irgend etwas in ihm, das sich dagegen aufbäumte; ein Teil seines Bewußtseins, das sich nicht erinnern wollte, weil es Angst davor hatte. Angst vor dem, was aus den Abgründen seiner Seele emporsteigen mochte, was …

Sein Dunkler Bruder. Ausgelöscht. Fort. Und dann:

DAS KIND!

Der Prediger hatte ihn belogen. Er hatte gesagt, es würde nicht weh tun, und er hatte gesagt, daß sie ihn beschützen würden, aber es hatte weh getan, ganz entsetzlich weh sogar, und wenn das, was sie getan hatten, Schutz sein sollte, dann verstanden sie herzlich wenig von ihrem Handwerk.

Skar erinnerte sich noch nicht an alles: es war da, aber die Reihenfolge stimmte nicht. Was er in seinem Kopf fand, waren Teile eines zerbrochenen Glasbildes, wild durcheinandergewürfelt und mit scharfen Kanten, an denen er sich schnitt, wenn er versuchte, sie zu ordnen. Aber er wußte jetzt, daß er sehr lange geschlafen hatte, und nicht traumlos. Etwas Fürchterliches war geschehen in dieser Zeit, und was immer es gewesen sein mochte, es war die Hölle.

Skar versuchte erneut, die Augen zu öffnen. Ganz instinktiv spannte er sich, denn er rechnete damit, daß das Licht die Übelkeit und die Schmerzen zurückbringen würde. Aber es geschah nichts. Ein ganz kleines bißchen wurde ihm schwindelig, aber das war vermutlich normal, nach all der Zeit, die er geschlafen hatte. Er wußte jetzt, daß es Tage gewesen sein mußten. Vielleicht Wochen.

Er versuchte sich zu erinnern, wie er hierhergekommen war, in diesen Raum – wie beinahe alles hier unten ein schmuckloser steinerner Würfel, aber anders als die Kammer des Predigers von geradezu gigantischen Ausmaßen. Seine Augen funktionierten noch nicht richtig, so daß es ihm unmöglich war, die Höhe der steinernen Decke zu schätzen, die sich wie ein Himmel aus grauem Fels über ihm spannte – aber der Raum mußte gewaltig sein. Obwohl er nirgendwo eine Lichtquelle entdecken konnte, war es nicht dunkel: Ein sonderbarer, fast unheimlicher grüngrauer Glanz hing im Raum, aus keiner bestimmten Richtung kommend, sondern allgegenwärtig, als bringe etwas die Luft selbst zum Glühen. Schatten waren da, die ihm irgendwie nicht richtig erschienen: wie die Schatten von Dingen, die es gar nicht gab.

Und er war eindeutig allein.

Vorsichtig setzte Skar sich auf. Er war nicht auf einem Bett erwacht, sondern auf einem gewaltigen, monolithisch anmutenden Block aus nachtschwarzem Basalt, der ihn auf sehr unbehagliche Weise an einen Altar (er konnte gerade noch verhindern, in Gedanken das Wort Opferstein zu verwenden) erinnerte. Er war nackt, das merkte er erst jetzt, und der Stein war empfindlich kalt, wo er nicht von seinem Körper erwärmt worden war. Skar schauderte. Eine Gänsehaut breitete sich auf seinen Unterarmen und seinem Rücken aus. Er widerstand im letzten Moment der Versuchung, seinen Bizeps mit den Händen zu massieren, um sich selbst aufzuwärmen. Er hatte das sichere Gefühl, daß er für jede hastige Bewegung bitter bezahlen würde.

Statt dessen setzte er sich behutsam ganz auf, schwang – noch immer sehr langsam – die Beine über den Rand der steinernen Liege und ließ die Schultern nach vorne sinken. Mühsam hob er den Arm, fuhr sich mit dem Handballen über die geschlossenen Augen und preßte die Lider so fest zusammen, bis grellgelbe Sterne vor seinen Augen erschienen.

Dann hob er abermals die Lider.

Er sah immer noch nicht sehr viel mehr, aber das lag wohl eher daran, daß es einfach nicht viel zu sehen gab: der Raum, in dem er erwacht war, war ein steinerner Würfel mit exakt gleich langen Kanten, und er war vollkommen leer bis auf den altarähnlichen Tisch und ein flaches Wasserbecken, das daneben stand, auf einem steinernen Sockel ruhend und vor so langer Zeit ausgetrocknet, daß sich Staub auf seinem Grund angesammelt hatte. Der gleiche graue Staub hing wie körniger Nebel in der Luft, und als Skar die Füße auf den Boden setzte, spürte er die Kälte, die der Stein ausstrahlte.

Er hätte nicht kalt sein dürfen. Die Erinnerung, die sich am tiefsten in sein Gedächtnis gegraben hatte, war die an die stickige Wärme, die überall in der unterirdischen Festung der Gesichtslosen Prediger herrschte. Aber der Fels war kalt, und die Luft, die er atmete, brannte in seinen Lungen. Und das bedeutete …

Etwas in Skar schreckte davor zurück, den Gedanken zu Ende zu denken.

Lange Zeit saß er einfach so da, dachte an nichts und wartete, daß das Leben in seinen Körper zurückkroch. Es war möglich, dachte er. Er hatte nie davon gehört, aber es war möglich – die Gesichtslosen Prediger standen im Ruf, Zauberer zu sein, und wenn Skar auch nicht an Zauberei glaubte, so wußte er zumindest, daß es eine Menge Dinge gab, die vielleicht nichts mit Magie zu tun hatten, im Ergebnis aber ebenso erschreckend waren. Und war das, was ihn hierhergebracht hatte, nicht letztlich gerade das gewesen, was man sich über die Gesichtslosen Prediger erzählte?

Er verschob die Lösung dieses Problems auf später, atmete tief ein und aus und noch einmal ein – und stand auf.

Seine Fußsohlen begannen zu prickeln. Kälte kroch wie die Berührung einer eisigen Hand in seinen Beinen empor; für einen Moment wurde ihm schwindelig. Aber er hatte sich jetzt schon wieder weit genug in der Gewalt, um das Gefühl niederzukämpfen.

Vorsichtig, mit halb ausgebreiteten Armen und gespreizten Fingern, um einen eventuellen Sturz abzufangen, machte er einen Schritt, atmete abermals tief durch und machte einen zweiten, dritten, vierten. Es ging besser, als er erwartet hatte. Statt sich schwach zu fühlen, gewann er im Gegenteil mit jedem Schritt an Kraft zurück, als wäre sein Körper eine Maschine, die sehr lange Zeit nicht mehr benutzt worden war, jetzt aber schnell in ihren gewohnten Rhythmus zurückfand.

Langsam durchquerte er den Raum, blieb unter der einzigen Tür stehen und sah noch einmal zurück, ehe er sie aufstieß. Es gab nichts, was er mitnehmen mußte. Der Raum war leer. Einen Moment lang erinnerte er sich noch an das bizarre Gefühl, nicht allein zu sein. Dann lächelte er – auf dem Boden lag Staub, nicht sehr dick, aber unberührt. Ein Traum. Ein Stück seines Traumes war ihm in die Wirklichkeit gefolgt, um ihn noch einen Moment zu narren. Mehr nicht. Mit einem Ruck wandte er sich um, trat unter der niedrigen Tür hindurch und richtete sich auf der anderen Seite wieder auf.

Er war in einem Teil des Tempels, den er nicht kannte. Aber das besagt nichts, denn obwohl er fast eine Woche in diesem unterirdischen Labyrinth verbracht hatte, hatten seine Gastgeber doch streng darauf geachtet, daß er sein Quartier nicht verließ, und wenn doch, so nur auf genau festgelegten Wegen, von denen er niemals abgewichen war, ohne sofort freundlich, aber mit großem Nachdruck zurückgeführt zu werden.

Skar fragte sich allerdings bald, welche Geheimnisse die Gesichtslosen Prediger wohl so sorgsam vor ihm beschützt haben mochten – der Tempel war leer. Er durchquerte ein Dutzend Räume lind Hallen, die alle nichts anderes als Staub und Leere enthielten, und irgendwie hatte er das bestimmte Gefühl, daß er auch nichts anderes finden würde, wenn er den ganzen Tempel durchsuchte. Es war sehr still: Die einzigen Laute, die er hörte, waren die Geräusche, die er selbst verursachte; und dann und wann ein dumpfes, schweres Mahlen und Knacken, das ihm immer wieder in Erinnerung brachte, wie viele Tonnen Sand und Gestein sich über seinem Kopf türmten. Sie hatten ihm die Augen verbunden, lange bevor er den Tempel betrat, aber er hatte die Stufen gezählt, als sie ihn in die Tiefe geführt hatten – es waren weit über tausend. Wenn er bedachte, daß der Eingang des Tempels am Fuße des Berges lag, dann mußte über ihm eine Meile massiver Granit sein.

Und vor ihm vielleicht hundert Meilen leerer Gänge und Hallen. Was, flüsterte eine dünne boshafte Stimme in seinem Kopf, wenn die Gesichtslosen Prediger vielleicht nur einen kleinen Teil eines Labyrinthes von Gängen und Stollen bewohnten, das sich unter dem gesamten Gebirge dahinzog? Denn wenn der Tempel viel, viel größer war, als er angenommen hatte, und wenn er sich verirrte, vielleicht geradewegs in die falsche Richtung lief? Was, wenn …

Skar verscheuchte den Gedanken, blieb einen Moment stehen, um sich zu orientieren, und zuckte hilflos die Achseln. Wo alles gleich aussah, gab es nichts, woran man sich orientieren konnte. Er beschloß, einfach geradeaus zu gehen. Auf diese Weise würde er wenigstens den Rückweg finden, sollte es nötig sein.

Zumindest überwand er seine Schwäche jetzt zusehends: seine Muskeln arbeiteten wieder geschmeidig und mit der gewohnten Mühelosigkeit, und im gleichen Maße, in dem er die Kontrolle über seinen Körper zurückgewann, wuchs auch seine geistige Disziplin: Es gelang ihm jetzt, die Kälte vollends zu ignorieren und auch den stechenden Schmerz in seinem Nacken niederzukämpfen, bis er zu einem kaum mehr spürbaren Pochen wurde.

Dafür meldeten sich auch die natürlichen Bedürfnisse seines Körpers: Er bekam Hunger, und kurz darauf – was schlimmer war – Durst. Den Durst konnte er stillen, denn er fand Wasser, das aus einem Riß in der Decke sickerte und in einem steinernen Becken auf halber Höhe der Wand aufgefangen wurde. Es schmeckte abgestanden und nach Metall, und es hinterließ einen widerwärtigen Nachgeschmack auf seiner Zunge, aber es stillte wenigstens seinen Durst.

Skar rastete eine Weile unter dem Becken. Da er nackt war, hatte er keine Möglichkeit, etwas von dem Wasser mitzunehmen, und so trank er, so viel er nur konnte, auch wenn der schlechte Geschmack in seinem Mund dabei so intensiv wurde, daß er fast fürchtete, sich abermals übergeben zu müssen.

Eine Weile spielte er mit dem Gedanken, zurückzugehen und eine der zahlreichen Abzweigungen zu nehmen, an denen er vorübergekommen war, verwarf die Idee aber wieder. Das einzige, was er damit erreichen würde, wäre, sich gründlich zu verirren – und das war nun weiß Gott das Letzte, was er sich leisten konnte.

So ging er schließlich weiter.

Seine Geduld wurde belohnt. Der Gang weitete sich plötzlich zu einer gewaltigen, würfelförmigen Halle, und als er sie zur Hälfte durchquert hatte, erkannte er sie wieder: er war in jenem Teil des Tempels, in dem seine Kammer lag. Die Halle gehörte zu dem Weg, den er fast täglich zurückgelegt hatte, um den Oberpriester zu sehen.

Aber auch sie hatte sich verändert, auch wenn Skar den Unterschied im ersten Moment nicht in Worte zu fassen vermochte. In einer Umgebung, die ohnehin fast vollkommen leer war, waren Veränderungen schwer zu bemerken.

Aber gerade das war es:

Bisher war der Tempel fast leer gewesen. Jetzt war er es wirklich.

Die Fackeln, die in eisernen Haltern an der Wand gebrannt hatten, waren fort. Die Gebetsmühlen, die neben jeder Tür angebracht gewesen waren, verschwunden. Auf dem Boden lag Staub; nicht sehr viel, aber es war eine geschlossene Decke, halb so stark wie sein kleiner Finger und seit Wochen von keinem Fuß mehr berührt.

Skar erschrak. Wie lange hatte er geschlafen?

Für einen Moment drohte er die Beherrschung zu verlieren. Angst packte ihn, eine vollkommen irrationale Angst, die keinen Grund zu haben schien und gegen die er wehrlos war. Seine Hände und Knie begannen zu zittern. Er fuhr herum, so schnell, daß ihm abermals schwindelte, starrte aus weit aufgerissenen Augen in die Halle und stellte fest, daß er vergessen hatte, welche der zahllosen Türen zu seinem Quartier führte.

Mit aller Macht kämpfte er die Panik nieder, die der Furcht folgen wollte, schloß die Augen und zwang sich, an nichts zu denken. Aber es fiel ihm sonderbar schwer, obwohl er Satai war und eine Übung wie diese zu seinem täglichen Trainingsprogramm gehörte. Eine völlig irrationale, gräßliche Furcht packte ihn. Er schrie abermals auf, krümmte sich und ballte die Fäuste, bis jeder einzelne Muskel in seinen Armen und Schultern zu schmerzen begann.

Es half. Der Schmerz war schlimmer als die Furcht, und als die Panik verging, kehrten auch seine Erinnerungen zurück – natürlich wußte er, welchen Weg er nehmen mußte; schließlich war er ihn oft genug gegangen. Für einen Moment schien es ihm schlichtweg lächerlich, daß er vergessen haben sollte, welcher Gang der richtige war!

Aber er begriff auch, daß etwas mit ihm ganz und gar nicht in Ordnung war. Irgend etwas war mit ihm geschehen, während er schlief – geschehen oder getan worden – und wenn er auch nicht wußte was, so mußte er sich vorsehen.

Rasch, ehe sein Unterbewußtsein Gelegenheit bekam, ihm einen neuen bösen Streich zu spielen, durchquerte er die Halle, bückte sich ganz automatisch unter dem niedrigen Türsturz hindurch und betrat den Gang, an dessen Ende die kleine Felsenkammer lag, in der er zwei Wochen lang gelebt hatte.

Instinktiv hatte er erwartet, sie leer vorzufinden, aber zu seiner Überraschung standen auf dem Tisch ein mit Wachstuch verschlossener Wasserkrug und eine Schale mit verschrumpelten braunschwarzen Dingern, die einmal Früchte gewesen sein mochte, und einem Laib Brot.

Das Wasser war schal und trotz des Wachstuches mit einer dünnen, öligen Staubschicht bedeckt. Skar blies sie fort, trank und tauchte seine Fingerspitzen in den Krug, um seine Augen zu benetzen. Dann verschloß er den Krug sorgfältig wieder, streckte sich auf dem steinernen Bett aus und schloß die Augen.

2. Kapitel

Er schlief lange und ausgiebig, und es war eine andere Art des Schlafes als die totenähnliche Starre, in die ihn der Trank des Predigers hatte fallen lassen. Diesmal träumte er, und diesmal erinnerte er sich auch hinterher, was er geträumt hatte, wenn es auch im großen und ganzen nichts als krauses Zeug war, das keinen Sinn ergab: Träume, in denen er sich selbst sah, rennend und rennend und rennend, auf der Flucht vor einer Gefahr, die immer ein ganz kleines bißchen schneller war als er, ganz gleich, wie schnell er auch lief, dann wieder gegen ein gesichtsloses Monstrum kämpfend, ein Ding mit dem Körper eines alten Mannes, aber den Kräften eines Titanen. Ein paarmal sah er das Kind, aber irgend etwas stimmte nicht damit. Er wußte nicht was, aber es machte ihm Angst.

Trotzdem: Als er erwachte, fühlte er sich noch immer müde und benommen, doch auf eine sehr angenehme Art. Eine Weile lag er einfach mit halb geschlossenen Augen da und genoß das Gefühl, ganz allmählich vom Schlaf ins Wachsein hinüberzugleiten. Dann stand er auf, trank den kleinen Wasserrest, der sich noch im Krug befand, und untersuchte zum zweiten Mal den Obstkorb – mit dem gleichen Ergebnis wie beim ersten Mal. Das Obst war so verrottet, daß ihm allein der Geruch schon wieder Übelkeit bereitete.

Sein Hunger war mittlerweile so quälend geworden, daß er eine der Früchte sogar aufbrach, um vielleicht noch einen kleinen, halbwegs eßbaren Rest zu finden. Aber sie waren verdorben. So gründlich, als lägen sie seit Wochen hier.

Skar maß diesem Gedanken große Bedeutung zu: Bei der sorgsamen, fast überpräzisen Art der Gesichtslosen Prediger war es eigentlich unvorstellbar, daß sie etwas wie diese Obstschale vergessen sollten; dazu kam, daß der Tempel zwar leer, aber keineswegs fluchtartig verlassen worden war. Er machte eher den Eindruck eines Gebäudes, das von seinen Bewohnern in aller Ruhe geräumt worden war. Skar war fast sicher, daß dieser Krug mit Wasser und die Schale mit verfaultem Obst und steinhart gewordenem Brot alles waren, was er finden würde.

Und das – zusammen mit der Tatsache, daß sie in seinem Gelaß gestanden hatten – konnte eigentlich nur bedeuten, daß beides für ihn zurückgelassen worden war. Aber wenn das stimmte wie lange zum Teufel hatte er dann geschlafen?!

Der Gedanke beunruhigte ihn; weit mehr, als er sich eingestehen wollte. Irgend etwas Entsetzliches mußte geschehen sein, während er unter dem Einfluß der Droge dagelegen hatte …

Er verscheuchte den Gedanken, trank den letzten Rest Wasser aus seinem Krug und verließ die Kammer. Ganz kurz dachte er noch einmal an das Gefühl, das er beim Erwachen am Tage zuvor gehabt hatte: das Gefühl, nicht allein zu sein. Aber er mußte sich wohl getäuscht haben.

In den nächsten Stunden durchsuchte er den Tempel der Gesichtslosen Prediger so gründlich, wie er nur konnte, ohne zu riskieren, sich abermals zu verirren. Alles, was er fand, waren Staub und leere Kammern. Die Gesichtslosen Prediger waren fort. So spurlos, als hätte es sie niemals gegeben. Und mit ihnen das Kind.

Skar kehrte in die Kammer des Oberpriesters zurück, am Ende seiner ergebnislosen Suche. Sie war wie alle Räume hier – leer und kalt und voller Staub, aber sie schien noch ein bißchen leerer zu sein als die anderen; vielleicht, weil sie voller Erinnerungen war. Erinnerungen an den Alten, an all die Worte, die er nur zum Teil verstanden hatte – vielleicht, weil er es gar nicht gewollt und ihn der Teil, den er verstand, schon bis ins Mark erschreckt hatte – und Erinnerungen an das Kind, das …

Skar erschrak, als er begriff, daß es ihm unmöglich war, sich an seinen Sohn zu erinnern. So sehr er sich auch anstrengte – es ging nicht! Dabei war alles da – die Erinnerungen lagen vor ihm, säuberlich geordnet und ausgebreitet wie lose Blätter in einem Buch, aber es war wie gestern, nach seinem ersten Erwachen: jedesmal, wenn er danach zu greifen versuchte, schien eine unsichtbare Hand die seine beiseite zu schlagen; seine Erinnerungen waren wie Nebel, der stets vor ihm zurückwich, wenn er nach ihm griff. Aber gestern war es seine Benommenheit gewesen, die Tatsache, daß er nach Tagen und Wochen des Dahindämmerns selbst so grundlegende Dinge wie das Denken erst wieder mühsam lernen mußte. Jetzt … war es anders.

Auf eine sonderbar unkörperliche Art erschöpft, ließ er sich auf die Tischkante sinken, stützte die Ellbogen auf den Oberschenkeln auf und bettete das Kinn auf die verschränkten Fäuste. Eine schwer in Worte zu fassende Stimmung ergriff ihn, während er so dasaß. Er verspürte Zorn; eine fast kindische Wut auf die Gesichtslosen Prediger, die ihm Hilfe versprochen und ihn statt dessen allein gelassen hatten, aber auch Zorn auf Gowenna – Kiina, wie sie jetzt hieß – die ihn hierhergeschickt hatte, auf sich selbst, der auf ihren Rat gehört hatte. Ja, dachte er sarkastisch: es war eine Art Weltschmerz, gepaart mit einer gehörigen Portion Selbstmitleid, und auf eine Skar selbst völlig neue Art erleichterte ihn dieses Gefühl. Bisher war er einfach nur ratlos gewesen. Jetzt hatte er wenigstens etwas, auf das er zornig sein konnte; wenn auch nicht sehr, denn mit einem anderen, völlig selbständig arbeitenden Teil seines Bewußtseins begriff er sehr wohl, daß all dies weder Zufall noch Teil eines heimtückischen Planes war, sondern …

Sondern?

Sondern was? dachte er wütend. Was war hier geschehen?

In diesem Moment hörte er das Geräusch.

Skar fuhr hoch. Er hatte den Laut nicht bewußt wahrgenommen, aber seine Sinne waren scharf wie eh und je, und etwas in ihm reagierte, ohne daß es des Zutuns seines bewußten Denkens bedurfte.

Er sah einen Schatten aus den Augenwinkeln, ließ sich blitzschnell zur Seite fallen und rollte hinter den niedrigen Steinquader, der dem Prediger als Tisch gedient hatte. Dann schnellte er wieder in die Höhe, kampfbereit, mit leicht gespreizten Beinen, die Linke zur Faust geballt und vor dem Leib, die rechte Hand leicht gespreizt und in Höhe seines Kehlkopfes haltend.

Im nächsten Moment kam er sich so albern vor wie schon seit langer Zeit nicht mehr.

Seine Sinne hatten ihn nicht getrogen – er hatte Schritte gehört, und er hatte eine Bewegung in seinem Rücken wahrgenommen.

Aber es war kein Angreifer, der sich heimlich anschlich.

Hinter ihm stand ein schwarzhaariger Knabe von allerhöchstens acht Jahren, der ihn schreckensbleich und aus Augen anstarrte, die weit und dunkel vor Furcht waren. Seine Hände zitterten, und sein Mund stand ein wenig offen, als wolle er schreien. Trotzdem kam kein Laut über seine Lippen. Er starrte Skar nur an, mit einer Mischung aus Entsetzen und Erleichterung, wie sie Skar selten im Blick eines Menschen gesehen hatte. Seine kleinen Hände umklammerten einen Stock, ganz in der Art, in der ein Mann ein Schwert hielt, aber sie zitterten, und Skar sah die dunklen Linien in seinem Gesicht, die Furcht und Erschöpfung hineingegraben hatten. Skar sah auch, daß seine Knöchel und Knie blutig waren. Über seiner rechten Schläfe prangte eine große, erst halb verschorfte Wunde, und sein rechtes Bein war verbunden, mit mehr gutem Willen als Sachkenntnis. Sein Gewand, das mehr einem schmutzigen Sack glich als einem Kleid, klebte in dunklen Flecken an seiner Haut. Sein Atem ging sehr schnell. Er war gerannt.

Skar ließ langsam die Hände sinken, entspannte sich ein wenig und versuchte zu lächeln. Er selbst hatte den Eindruck, daß es ihm gelang, aber die Reaktion des Knaben bewies das Gegenteil: Der schwache Funke von Erleichterung in seinem Blick erlosch und machte jäh aufflammender Panik Platz. Und plötzlich schrie er doch: hoch und schrill und so spitz, daß Skar abermals erschrocken zusammenfuhr und unwillkürlich einen Schritt auf ihn zutrat.

»Warte!« sagte Skar hastig. »Ich –«

Der Junge wirbelte herum und rannte aus der Kammer, ehe er auch nur aussprechen konnte.

»Heda!« schrie Skar. »So bleib doch stehen! Ich tue dir doch nichts!«

Natürlich reagierte der Junge nicht. Im Gegenteil – Skar sah, wie er erschrocken über die Schulter zu ihm zurücksah und noch schneller lief, dann war er ganz aus der Kammer heraus und im Halbdunkel des Ganges verschwunden.

Skar schluckte einen Fluch herunter, sprang mit einem Satz über den Tisch und rannte hinter dem Jungen her, wobei er ihm unentwegt zuschrie, doch stehenzubleiben. Aber die einzige Antwort, die er bekam, war das verzerrte Echo seiner eigenen Stimme.

Der Junge hatte bereits einen gehörigen Vorsprung, als Skar aus der Kammer stürmte – er sah gerade noch einen Zipfel seines zerrissenen Gewandes in einem Seitengang verschwinden, dann war nicht einmal mehr das Echo seiner Schritte zu hören.

Skar hörte auf, nach dem Jungen zu rufen, und sparte sich seinen Atem dafür, rascher zu laufen. Der Junge war nicht sehr schnell, obwohl ihm die Angst zusätzliche Kräfte verleihen mußte, aber Skars Herz begann bereits nach wenigen Schritten schnell und hart zu hämmern, und in seiner Kehle erwachte ein dünner, stechender Schmerz. Er war wahrlich nicht sehr gut in Form.

Trotzdem verdoppelte er seine Anstrengungen, ihn einzuholen, bog mit gesenktem Kopf in den Seitengang ein und sah den Jungen plötzlich dreißig, vierzig Schritte vor sich.

»Zum Teufel – bleib endlich stehen!« schrie er. »Ich will nichts von dir! Nur deine Hilfe!«

Und tatsächlich blieb der Junge stehen und sah zu ihm zurück, wenn auch nur für einen Moment – dann wirbelte er abermals herum und verschwand in einer Tür. Skar fluchte ungehemmt, griff noch weiter aus und versuchte das Stechen in seinen Lungen zu ignorieren. Wenn er den Jungen in diesem Labyrinth von Gängen und Treppenfluchten aus dem Auge verlor, hatte er keine Chance mehr, ihn einzuholen. Der Tempel war groß genug, eine Armee zu verstecken. Kaum drei Schritte hinter ihm stürmte er durch die niedrige Tür.

Er sah die Bewegung im letzten Augenblick, aber diesmal kam seine Reaktion zu spät. Skar versuchte sich herumzuwerfen und gleichzeitig die Arme in die Höhe zu reißen, aber er war zu langsam. Etwas traf ihn mit der Wucht eines Hammerschlages im Gesicht und schleuderte ihn zu Boden.

Er fiel, versuchte den Sturz ungeschickt mit Händen und Knien abzufangen und prallte schmerzhaft mit der Schläfe gegen die Wand. Kreise aus blutrotem Schmerz drehten sich vor seinen Augen. Er spürte, wie seine Arme unter seinem Körpergewicht nachgaben, prallte mit dem Gesicht gegen den harten Boden und stöhnte ein zweites Mal vor Schmerz. Er konnte nicht mehr richtig sehen. Schatten umtanzten ihn. Er hörte Schritte, dann einen überraschten, hellen Schrei – nicht den einer Kinderstimme –, versuchte den Kopf zu heben und fühlte die Gefahr noch, dann traf ihn ein zweiter, sehr viel härterer Schlag gegen den Unterkiefer. Skar schrie vor Schmerz auf, riß ganz instinktiv die Arme über den Kopf und spürte, wie er irgend etwas traf, das unter seinem Hieb zurücktaumelte. Ein neuerlicher Schrei erscholl, gleichzeitig voller Wut und Schmerz, und dicht neben ihm stürzte ein Körper schwer zu Boden.

Skar wälzte sich stöhnend auf den Rücken, blinzelte die grellen Schmerzblitze vor seinen Augen fort und richtete sich auf. Auf seiner Zunge war Blut, sehr viel Blut, und Schmerz lähmte seine gesamte rechte Gesichtshälfte. Mühsam rappelte er sich hoch, spuckte Blut, ein Stück eines abgebrochenen Zahnes und noch mehr Blut und fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen.

»Beweg dich nicht!« sagte eine Stimme neben ihm. »Bleib, wo du bist, oder ich schlage dir den Schädel ein!«

Skar sah mühsam auf. In seinem Kopf drehte sich alles. Ihm war übel und schwindelig zugleich, und der Schmerz in seinem Kiefer wurde fast unerträglich. Er wäre nicht einmal in der Lage gewesen, sich zu wehren, wenn er es gewollt hätte. Und er konnte noch immer nicht richtig sehen. Vor seinen Augen wogten blutige Schatten.

Mühsam richtete er sich weiter auf, sah einen der Schatten sich bewegen und fuhr erschrocken zusammen. Der Schlag, auf den er wartete, kam nicht, aber die Stimme wiederholte ihre Warnung, sich nicht zu bewegen.

Skar spürte kalten Stein im Rücken, ließ sich gegen die Wand sinken und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Er fühlte Blut, das aus seiner aufgeplatzten Lippe quoll, und einen raschen, stechenden Schmerz.

Als er die Hände herunternahm, geronnen die Schatten vor seinem Blick zu den Umrissen zweier Menschen. Der eine war der Junge, den er verfolgt hatte. Er stand mit gespreizten Beinen da, den Stock, an dem jetzt Blut klebte, mit beiden Fäusten umklammernd und zitternd vor Angst, aber gleichzeitig auch sehr entschlossen.

Der andere war der einer Frau, und sie war es auch gewesen, die ihn vollends niedergeschlagen hatte, eine Frau von allerhöchstens fünfundzwanzig Jahren. Sie hockte vor ihm, halb auf ein Knie erhoben, und in ihren Augen stand die gleiche panische Angst, die er schon in denen des Jungen gelesen hatte. Ihre rechte Hand umklammerte den faustgroßen, kantigen Stein, den sie ihm ins Gesicht geschlagen hatte.

Skar versuchte etwas zu sagen, aber es ging erst, nachdem er einen weiteren Mundvoll Blut ausgespien hatte. Stöhnend hob er die Hand, fuhr sich über Kinn und Lippen und machte Anstalten, sich vollends zu erheben. Sofort hob die Frau den Stein drohend höher, und Skar erstarrte wieder. Aber er sah auch, daß ihre Hand zitterte. Der Ausdruck auf ihren Zügen war Panik, nicht Wildheit.

»Nimm den Stein herunter«, sagte er mühsam. »Ich bin nicht dein Feind!« Er stöhnte, berührte seine schmerzende Wange mit spitzen Fingern und fügte gepreßt hinzu: »Wenigstens noch nicht.«

Die Frau – nein, korrigierte sich Skar in Gedanken: das Mädchen – zögerte. Ihre Hand begann stärker zu zittern. Der Stein mußte sehr schwer sein. Und wahrscheinlich war sie halb wahnsinnig vor Angst. Aber es war die gleiche Angst, die ihr die Kraft gegeben hatte, ihn niederzuschlagen. Skar begriff plötzlich, daß er einfach Glück gehabt hatte – hätte der Stein seine Schläfe getroffen, statt seines Kiefers, wäre er jetzt wahrscheinlich tot.

»Nimm den Stein herunter«, sagte er noch einmal. »Bitte.«

Das Mädchen zögerte. Skar konnte den lautlosen Kampf, der hinter ihrer Stirn tobte, direkt sehen. Sie war noch immer halb wahnsinnig vor Angst, aber in ihrem Blick war auch die gleiche, vorsichtige Erleichterung zu erkennen wie zuvor in dem des Jungen. Trotzdem senkte sie den Stein nicht. »Wer … wer bist du?« stammelte sie. »Du gehörst nicht … nicht zu ihnen?«

»Ich habe keine Ahnung, wer sie sind«, antwortete Skar gereizt. »Aber ich glaube nicht, daß ich dazu gehöre.« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf ihre Hand, die den Stein hielt. »Wie ist es – darf ich aufstehen, oder zertrümmerst du mir den Schädel, wenn ich es versuche?«

»Glaub ihm nicht, Syrr!« sagte der Junge. Er hatte sich Skar von der anderen Seite genähert und war abermals mit gespreizten Beinen stehengeblieben. Den Stock hielt er nun wirklich wie ein Schwert. Und trotz der Angst, die in seinem Blick flackerte, schien er wild entschlossen zu sein, zuzuschlagen. Wäre der Schmerz in seinem Gesicht etwas weniger heftig gewesen, hätte der Junge ihm wahrscheinlich sogar gefallen.

»Syrr, so.« Skar richtete sich auf, fuhr sich noch einmal mit dem Handrücken über den Mund und verzog schmerzhaft das Gesicht. Dann deutete er mit einer Kopfbewegung auf den Jungen. »Wer ist das?« fragte er verdrossen. »Dein Sohn?«

»Mein … mein Bruder«, antwortete Syrr. Ihr Blick flackerte.

Skar sah, welche Kraftanstrengung es sie kostete, den Stein weiter drohend erhoben zu halten. Ihre freie Hand spielte nervös an dem groben Strick, den sie anstelle eines Gürtels um die Taille trug. Wie die des Jungen waren ihre Hände und die nackten Arme mit einer Unzahl kleiner, zum größten Teil erst halb verheilter Kratzer und Wunden übersät.

»Und wer bist du?« fragte sie unsicher.

»Jemand, der dir und diesem Knirps da gleich eine Tracht Prügel verabreicht, wenn du nicht sofort den Stein fallen läßt«, antwortete Skar drohend. Er hatte beinahe Lust, seine Ankündigung in die Tat umzusetzen, denn zu dem pochenden Schmerz in seinem Kiefer gesellte sich nun auch noch Zorn; allerdings wohl eher Zorn auf sich selbst, daß er sich von einem Knaben und einem Mädchen so hatte übertölpeln lassen.

Syrr wich erschrocken vor ihm zurück, als er auf sie zutrat, und Skar bedauerte seine groben Worte fast sofort wieder. Jetzt, als Skar ihr gegenüberstand, sah er, daß sie sehr klein war: selbst hoch aufgerichtet reichte sie ihm kaum bis zur Schulter. Sie war sehr schlank, beinahe dürr, und auf ihren Wangen lagen Schatten, die von einer überstandenen schweren Krankheit, vielleicht auch von Hunger kündeten. Ihr Haar war schwarz wie das des Jungen und unter einem tief in die Stirn gezogenen Kopftuch verborgen. Und wie der Knabe trug sie ein sackähnliches, zerschlissenes Gewand und keine Schuhe.

Statt Zorn spürte Skar plötzlich beinahe Mitleid – aber nur beinahe. Der Schmerz in seinem Gesicht war ein wenig zu stark, um nicht jeden aufkeimenden Funken von Sympathie für Syrr und ihren Bruder sofort zu ersticken.

Stöhnend hob er den Arm, preßte die Hand gegen seine schmerzende Wange und musterte Syrr und den Knaben finster. Aber sein Zorn wich mehr und mehr Verwirrung – und dem unguten Gefühl, daß Syrrs verzweifelter Angriff auf ihn mehr als ein Versehen gewesen war. Die beiden mußten eine Menge mitgemacht haben, dachte er. Sie würden einen Mann wie ihn nicht aus purem Übermut angreifen, oder gar, um ihn auszuplündern. Ganz davon abgesehen, daß es bei ihm nicht sehr viel zu plündern gab …

Skar verharrte mitten im Schritt, sah an sich herab und runzelte die Stirn. »Gib mir dein Kopftuch«, verlangte er.

Syrr zögerte, aber als er die Hand ausstreckte, hob sie fast erschrocken den Arm, zog das Tuch herunter und reichte es ihm. Skar nickte dankbar, faltete es ganz auseinander und knotete es zu einem primitiven Lendenschurz zusammen. Erst danach wandte er sich wieder an das Mädchen.

»Also«, begann er, noch immer in scharfem Ton, aber lange nicht mehr so grob wie bisher. »Wer seid ihr, und was soll das, mich hinterrücks niederzuschlagen?«

Syrr antwortete nicht. Ihr Blick glitt über seine Gestalt, blieb an seinem Gesicht hängen und begann unstet durch den Raum zu irren, als suche sie einen Fluchtweg. Skar spürte, wie es in ihr arbeitete. Vermutlich begriff sie allmählich, daß er wirklich nicht zu den Männern gehörte, vor denen sie und ihr Bruder solche Angst hatten. Trotzdem traute sie ihm noch nicht.

Und wie konnte sie auch? dachte er. Er hatte einen Blick wie den ihren zu oft gesehen, um nicht zu wissen, was er bedeutete: der Blick eines gejagten Tieres, das so lange auf der Flucht gewesen war, daß es schon nicht mehr wußte, was das Wort Vertrauen wirklich bedeutete. Dieses Mädchen und ihr Bruder hatten zu viel erlebt, um noch irgendeinem Menschen vorbehaltlos trauen zu können – und schon gar keinem nackten Mann, der unversehens in einer vermeintlich vollkommen leeren Festung vor ihnen auftauchte.

»Laß den Stein fallen«, sagte er, laut, aber trotzdem beinahe sanft. »Wenn ich das wäre, wofür du mich hältst, wärst du schon lange nicht mehr am Leben, glaube mir. Also –?«

»Glaub ihm nicht«, sagte der Junge. »Er lügt! Sie lügen immer. Er wird uns zurückbringen. Oder gleich hier ermorden.«

Skar seufzte, drehte sich langsam zu dem Jungen um und trat einen halben Schritt auf ihn zu. Der Junge erbleichte noch mehr, wich aber nicht weiter vor ihm zurück. Seine Hände begannen stärker zu zittern. Er biß sich auf die Lippe, so fest, daß ein einzelner Blutstropfen aus seinem Mundwinkel lief. Aber er wich keinen Zoll vor Skar zurück.

»Du hast Mut, Kleiner«, sagte Skar. »Aber das allein reicht nicht – siehst du?«

Der Junge keuchte, als Skar eine schnelle Bewegung machte und plötzlich den Stock in Händen hielt, ohne daß er auch nur recht begriff, wie ihm geschah. Skar schüttelte tadelnd den Kopf, zerbrach den Stecken ohne sichtliche Anstrengung in zwei Teile und warf sie zu Boden. Für einen Moment bereitete es ihm eine absurde Befriedigung, den Knaben so spielend entwaffnet zu haben. Dann begriff er, daß er sich selbst sehr kindisch benahm.

»Laß einen Mann niemals so dicht an dich herankommen, daß er dich entwaffnen kann«, sagte Skar. Er lächelte verlegen, obwohl er sich darüber im klaren war, daß es bei seinem geschwollenen Gesicht wohl eher einer Grimasse gleichkam, wandte sich wieder an das Mädchen und deutete auf den Stein in ihrer Hand.

»Du scheinst an diesem Ding zu hängen«, sagte er. »Behalte es meinetwegen, aber mach keinen Unsinn damit, ja? Also, Syrr – du und dein Bruder, wer seid ihr? Und was tut ihr hier?«

»Wir … wir haben uns versteckt«, antwortete Syrr stockend. »Talin und ich sind ihnen entkommen, aber sie haben uns verfolgt, und … und da haben wir die Höhle entdeckt, und … und wir dachten, hier unten wären wir sicher, aber dann … dann hörten wir Schritte und …«

Skar hob die Hand, um ihren Redefluß zu unterbrechen. »Nicht so rasch«, sagte er. »Wer sind sie, und warum verfolgen sie euch? Was habt ihr getan?« Er seufzte, ließ sich wieder zu Boden sinken und zog die Knie an den Leib. Sein Kiefer schmerzte so heftig, daß er nicht mehr klar denken konnte. Großer Gott, wie hatte er sich so übertölpeln lassen können – von einem Kind?

»Quorrl«, antwortete Syrr nach langem Zögern. »Die … die Quorrl, Herr!«

»Quorrl?« Skar sah auf, blickte das Mädchen ungläubig an und vergaß für einen Moment sogar den pochenden Schmerz in seinem Kiefer. »Sagtest du: Quorrl?« wiederholte er.

»Sie haben uns verfolgt, Herr«, bestätigte Syrr. »Seit drei Tagen fliehen Talin und ich vor ihnen, aber sie … sie haben Hunde dabei, und …«

»Warum erzählst du ihm das?« mischte sich Talin ein. »Er gehört zu ihnen, das weiß ich. Er wird uns verraten!«

»Sehe ich vielleicht aus wie ein Quorrl?« fragte Skar zornig.

»Es … es sind auch Menschen bei ihnen«, sagte Syrr. Ihre Stimme schwankte immer stärker. Und ganz plötzlich ließ sie den Stein fallen und begann zu weinen. »Es … es war so entsetzlich«, schluchzte sie. »Ich habe Angst, Herr. Bitte helft uns!«

Und dann tat sie etwas, womit Skar hätte rechnen müssen, was ihn aber vollkommen überraschte – sie trat auf ihn zu, fiel plötzlich neben ihm auf die Knie, warf sich an seine Brust und begann hemmungslos zu schluchzen.

Skar blickte hilflos auf sie herab. Er hob die Hand, wie um sie an der Schulter zu berühren oder ihr Haar zu streicheln, führte die Bewegung aber nicht zu Ende, sondern ließ den Arm wieder sinken. Syrrs Körper wurde von einem Weinkrampf geschüttelt. Ihre Fingernägel krallten sich schmerzhaft in seine Haut, und plötzlich spürte er ihre Tränen heiß an seiner Brust herablaufen. »Helft uns, Herr«, stammelte sie. »Ich flehe Euch an – macht mit mir, was Ihr wollt, aber helft meinem Bruder und mir. Ihr … Ihr könnt mich haben, aber bringt … bringt uns hier heraus. Laßt nicht zu, daß sie uns zurückbringen!«

Skar fühlte sich … hilflos. Kindern und weinenden Frauen gegenüber hatte er sich immer hilflos gefühlt, aber nun kam noch seine Verwirrung hinzu, und das Gefühl, daß alles von vorne begann. Sollte denn das Kämpfen und Fliehen niemals ein Ende haben? Außerdem verunsicherten ihn Syrrs Worte, denn wenn sie das bedeuteten, was er glaubte, gefielen sie ihm nicht. Gott, sie war ein halbes Kind!

Behutsam löste er ihren Griff, legte nun doch die Hände auf ihre Schultern und schob sie auf Armeslänge von sich. Syrr weinte noch immer, wenn sie sich auch jetzt alle Mühe gab, die Kontrolle über sich zurückzugewinnen. Ihr Haar hing aufgelöst in die Stirn und bis über ihre Schultern, und jetzt, als sie sich ganz nahe waren, korrigierte Skar seine Schätzung um ein gehöriges Stück nach unten, was ihr Alter anging. Sie war allerhöchstens zwanzig.

»Beruhige dich, Kind«, sagte er, so sanft er konnte. »Ihr seid sicher.« Er lächelte aufmunternd, schob sie mit sanfter Gewalt auf eine der steinernen Sitzbänke und ließ sich vor ihr in die Hocke sinken, bis ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren. Syrr sah ihn an, und sofort begannen die Tränen wieder heftiger über ihre Wangen zu laufen. Sie war ein Kind.

»Und jetzt erzähle«, sagte er. »Ich werde deinem Bruder und dir helfen, aber zuerst muß ich wissen, was überhaupt los ist – siehst du das ein?« Er lächelte erneut, verlagerte sein Gewicht ein wenig und hob die Hand, um sie sanft an der Wange zu berühren.

Syrr nickte schluchzend, aber Talin trat mit einem zornigen Schritt zwischen sie und Skar, schlug seine Hand beiseite und funkelte ihn haßerfüllt an. »Rühr sie nicht an!« fauchte er. »Wenn du sie anfaßt, bringe ich dich um, Alter!«

Alter? dachte Skar. Dann fiel ihm ein, daß er wirklich alt war gegen diesen Jungen – an die vierzig Jahre älter als er. Mit Mühe unterdrückte er ein spöttisches Lächeln, bewegte sich ein Stück zurück, ohne sich aus der Hocke zu erheben, und ließ sich schließlich mit untergeschlagenen Beinen zu Boden sinken.

»Wie du willst, du kleiner Held«, sagte er spöttisch. »Aber wenn ich euch helfen soll, müßt ihr mir wenigstens verraten, wie – und warum.«

Syrr wollte etwas sagen, aber wieder war ihr Bruder schneller. »Nein!« beharrte er. »Erst erzählst du! Wer bist du, und was tust du hier?«

»Laß ihn doch, Talin«, sagte Syrr matt. »Irgend jemandem müssen wir schließlich vertrauen, oder?«

»So wie Ghandrij ?« Talin zog eine Grimasse, spie aus und deutete anklagend auf Skar. »Er soll verschwinden! Wir haben bisher niemanden gebraucht, und wir brauchen auch jetzt keinen. Bisher sind wir ganz gut allein zurechtgekommen, oder?«

Skar beschloß, das einzige zu tun, was ihm sinnvoll erschien – den Knaben zu ignorieren. »Erzähle«, sagte er, an Syrr gewandt. »Wie viele sind es, und warum verfolgen sie euch?.«

»Erst du!« beharrte Talin. »Wer bist du?«

Skar seufzte. Für einen Moment wallte Ärger in ihm hoch; aber dann kam er sich einfach lächerlich vor bei dem Gedanken, sich mit einem Kind streiten zu sollen.

Resignierend zuckte er mit den Achseln. »Vielleicht hast du sogar recht«, murmelte er. »Mein Name ist Skar. Ich bin …« Irgend etwas hielt ihn davon ab, das Wort Satai auszusprechen; zumindest in diesem Moment. Vielleicht einfach die alberne Scham, von einem Kind niedergeschlagen und um ein Haar getötet worden zu sein. »Ich war der Gast der Gesichtslosen Prediger«, fuhr er fort.

Etwas an seinen Worten schien falsch gewesen zu sein, denn er sah, wie das alte Mißtrauen sofort wieder in Syrrs Augen aufflammte. Ihre Haltung versteifte sich. Ohne daß sie es selbst merkte, rutschte sie ein Stück vor ihm zurück. Und auch ihr Bruder versteifte sich. Seine Hände glitten an seinem Gewand herab, als suchten sie eine Waffe.

»Die Gesichtslosen Prediger?« wiederholte Syrr.

Skar nickte. »Das hier ist ihr Tempel.« Er blickte Syrr und Talin abwechselnd an. »Was ist falsch daran?«

»Du lügst!« behauptete Talin. Er fuhr herum, wandte sich an seine Schwester und deutete heftig gestikulierend auf Skar. »Ich habe es dir gesagt: er lügt. Er gehört zu ihnen!«

»Zum Teufel, was soll das?« fragte Skar ärgerlich.

»Sie … sie sind fort«, murmelte Syrr. »Sie sind geflohen, Skar, schon vor Wochen.«

»Vor Wochen?« Skar schwieg einen Moment. Die Worte des Mädchens überraschten ihn nicht sonderlich. Aber sie erschreckten ihn trotzdem, denn sie enthielten eine Wahrheit, die er zwar geahnt, gegen die er sich aber bis zu diesem Moment noch gesträubt hatte.

»Vor Wochen …«, wiederholte er. »Nun, das … das kompliziert die Sache.«

»Das beweist, daß du lügst!« sagte Talin.

»So?« Skar lächelte sanft. »Meinst du? Glaubst du wirklich, ich würde mir eine so offensichtliche Lüge aus den Fingern saugen, Talin?« Er schüttelte entschieden den Kopf. »Ich verstehe es selbst nicht. Ich kam hierher, weil ich ein … nun, ein Problem hatte«, sagte er zögernd. »Ich brauchte ihre Hilfe, und sie gaben mir einen Trank. Ich habe geschlafen. Aber ich wußte nicht, daß es so lange war.«

»Ich glaube dir nicht«, beharrte Talin. In seinen Augen blitzte ein Mut, wie ihn wohl nur Kinder aufzubringen vermochten. Skar war sicher, daß er sich auf ihn gestürzt hätte, hätte er eine Waffe besessen.

»Ich schon«, sagte Syrr. Sie schüttelte sanft den Kopf, als ihr Bruder abermals auffahren wollte. »Bitte, Talin – es spielt keine Rolle, ob er die Wahrheit sagt oder nicht. Wenn er lügt und zu ihnen gehört, sind wir sowieso verloren. Und wenn er die Wahrheit sagt, wird er uns helfen.«

Die eiskalte Logik dieses Gedankenganges überraschte Skar. Aber er sagte nichts, denn er spürte, daß er mehr erfahren würde, wenn er einfach schwieg und das Mädchen reden ließ.

»Talin und ich stammen aus Jeda«, begann Syrr mit leiser, zitternder Stimme. »Ihr werdet es nicht kennen. Es … es ist ein kleines Dorf, drei Tagesreisen von hier. Als die Quorrl kamen, sind die meisten von uns fortgegangen, aber ein paar sind geblieben; zumeist Alte und Kranke. Und … und wir auch.«

Quorrl? dachte Skar verwirrt. Wovon zum Teufel sprach dieses Mädchen?! Laut sagte er: »Und ihr? Ihr seid weder das eine noch das andere.«

»Unsere Mutter war krank«, antwortete Syrr. »Ich blieb, um sie zu pflegen. Talin habe ich mit den anderen weggeschickt, aber er ist ausgerissen und zurückgekommen.« Sie seufzte. Wieder liefen Tränen über ihr Gesicht, aber sie weinte jetzt still, und als sie weitersprach, war ihre Stimme sogar erstaunlich klar. Eine Kälte war darin, die Skar im ersten Moment fast erschreckte – bis er begriff, daß sie sich mit äußerster Kraft beherrschte. »In der Nacht darauf kamen die Quorrl. Es war … schrecklich, Skar. Sie haben alle getötet, die sich zu wehren versuchten, und dann alle, die ihnen zu krank oder zu alt waren, um von Nutzen zu sein.«

Skar verbiß sich im letzten Moment die Frage, ob ihre Mutter auch dazu gehört hatte. Er kannte die Quorrl.

»Die anderen haben sie verschleppt«, fuhr Syrr fort. »Auch meinen Bruder und mich. Aber wir konnten fliehen, als sie einen Moment unaufmerksam waren.«

»Ich habe einem von ihnen den schmutzigen Hals durchgeschnitten!« sagte Talin stolz. Skar sah ihn an, schwieg einen Moment und runzelte die Stirn. Die Wortwahl des Jungen gefiel ihm nicht. Aber jetzt war nicht der Moment, darüber zu sprechen. Er nickte Syrr aufmunternd zu.

»Sie haben uns verfolgt«, berichtete sie. »Ich weiß nicht, wie viele es sind – fünf, vielleicht sechs. Sie haben Pferde und Hunde, aber wir konnten sie abschütteln. Wir sind in die Wälder geflohen, und dann hierher in die Berge, aber die Hunde haben unsere Spur immer wieder aufgenommen. Und dann hat Talin den Eingang entdeckt. Wir … wir dachten, wir wären hier sicher.« Sie schluckte krampfhaft, um die Tränen zurückzuhalten. Es gelang ihr nicht. »Talin sagte, die Quorrl wären ein abergläubisches Volk, das sich niemals hier herunter trauen würde.«

»Damit hat er recht«, sagte Skar.

»Vielleicht.« Syrr lächelte bitter. »Aber sie haben die Hunde. Und es sind Menschen bei ihnen. Wir … haben Schritte gehört, und –«

»Und?« hakte Skar nach, als sie nicht weitersprach.

»Sie sind hier«, sagte Syrr schluchzend. »Ich habe niemanden gesehen, und auch Talin nicht, aber … aber ich spüre sie.«

Skar dachte an sein eigenes, beunruhigendes Erlebnis vom Vortage und schwieg. Vielleicht lag es einfach an diesem Tunnellabyrinth, dachte er. Diese Wände hatten so viel Magie und Zauberei erlebt, daß irgend etwas davon zurückgeblieben sein mußte. Sie sollten nicht hier sein. Niemand sollte das.

»Sprich weiter«, sagte er halblaut.

Syrr sah auf, blickte Skar aus weiten Augen an und versuchte vergeblich, das Zittern ihrer Lippen zu unterdrücken. Ihre Stimme wurde fast flehend. »Als … als ich sah, wie Ihr Talin verfolgtet, hielt ich Euch für einen von ihnen, Herr. Ich wollte Euch nicht verletzen, wirklich! Ich hatte nur Angst, und ich … ich dachte –«

»Schon gut«, Skar unterbrach sie mit einer Handbewegung und lächelte. Sein Gesicht schmerzte noch immer, und in den nächsten Tagen würde er wahrscheinlich begreifen, was das Wort Zahnschmerz wirklich bedeutete – aber er konnte das Mädchen verstehen. Er hätte nicht anders reagiert, in ihrer Lage. Und es gab Wichtigeres, als sich in Selbstmitleid zu üben oder gar dieses Kind mit Vorwürfen zu überhäufen, das nichts anderes getan hatte, als um sein Leben zu kämpfen.

»Quorrl, sagst du«, fuhr er fort. »Wieso tut der Herzog von Denwar nichts gegen sie? Hat er Krieger geschickt?«

»Krieger?« Syrr starrte ihn an, als zweifele sie nun ernsthaft an seinem Verstand. »Aber … aber was für Krieger denn? Orkala ist besetztes Land, Herr. Bisher haben sie uns in Ruhe gelassen, hier in den Bergen, aber … aber jetzt –«

»Besetztes Land?« unterbrach sie Skar. Seine Gedanken überschlugen sich. Ein eisiger, ungläubiger Schrecken breitete sich in ihm aus. »Du willst sagen, es ist Krieg? Mit den Quorrl

»Zwischen ihnen und den freien Ländern«, bestätigte Syrr in einem Ton, als habe er sie gefragt, ob die Sonne wirklich jeden Tag aufging. »Aber wißt Ihr denn nichts davon, Herr?« Das alte Mißtrauen flammte wieder in ihrem Blick auf, stärker als zuvor. Aus den Augenwinkeln sah Skar, wie Talin ein Stück vor ihm zurückwich.

»Vergiß den Herrn«, sagte er automatisch. »Und um deine Frage zu beantworten – nein, ich weiß nichts davon. Ich fürchte, ich war länger hier, als ich bisher angenommen habe.«

»Dann müßt Ihr … – du – sehr lange geschlafen haben«, stellte Syrr fest. Etwas in ihrer Stimme hatte sich verändert, registrierte Skar. Sie weinte nicht mehr. Und plötzlich begriff er, daß die schmale Brücke aus Vertrauen, die zwischen ihnen entstanden war, unter der Last seiner Fragen zusammenzubrechen drohte. Vielleicht begann sie sich einfach zu fragen, ob es nicht ebenso gefährlich war, mit einem Verrückten zusammen zu sein, wie mit einem ihrer Verfolger. Bei allen Göttern – was war geschehen? Wie lange hatte er geschlafen?

»Es muß wohl sehr lange gewesen sein«, sagte er rasch. »Ich war … krank. Schwer krank.« Er lächelte unsicher. Syrr starrte ihn an. Das Mißtrauen in ihrem Blick legte sich nicht. Es war jetzt nur von anderer Art.

»Vielleicht stimmt irgend etwas mit meinem Gedächtnis nicht«, sagte er. »Weißt du, gestern, als ich aufgewacht bin, konnte ich mich nicht einmal an meinen Namen erinnern. Krieg also?« Im Grunde waren Syrrs Worte nicht einmal so überraschend, wie sie sich im ersten Moment angehört hatten: Die Quorrl überschritten die Grenzen ihres Reservates in fast regelmäßigen Abständen, um plündernd und mordend durch die Welt zu ziehen. Und wenn er alles bedachte – die verzweifelte Hetzjagd, zu der ihn Vela gezwungen hatte, ihre Flucht vor Dronte und die fast zweimonatige Rückreise nach Enwor, dazu die Zeit, die er dagelegen und geschlafen hatte … ja, es mußte fast ein Jahr her sein, daß er das letzte Mal Gelegenheit gehabt hatte, sich um die Geschehnisse draußen in der Welt zu kümmern. Mehr als genug Zeit, um einen Krieg zu verschlafen …

Er lächelte bitter.

»Was ist so komisch?« fragte Talin.

»Oh, nichts«, seufzte Skar. Er streckte die Hand aus, wie um Talins Haar zu streicheln, führte die Bewegung aber nicht zu Ende, als der Junge erschrocken vor ihm zurückwich, sondern seufzte nur abermals, und sehr tief. »Weißt du, Knirps«, sagte er, »es gibt einen Spruch, nach dem die Götter die lieben, mit denen sie ihre Scherze treiben. Sollte es wahr sein, dann müssen sie unsterblich in mich verliebt sein.«

Er lachte, als er die Verwirrung auf Talins Zügen sah, und stand mit einer kraftvollen Bewegung auf. »Habt ihr Essen?«

Syrr schüttelte den Kopf. »Nein. Wir … hatten keine Zeit, Fallen zu stellen, und der Winter war sehr hart. Ich habe gehofft, hier etwas zu finden, aber …« Sie sah ihn fast hoffnungsvoll an. »Habt ihr … hast du etwas?«

Skar grinste. »Ja«, antwortete er. »Hunger. Ihr seid hier heruntergekommen – kennt ihr auch den Weg hinaus?«

Syrr nickte. »Warum?«

»Weil ich keine große Lust habe, in diesem Rattenloch zu verhungern«, antwortete Skar scharf. »Oder darauf zu warten, daß sie kommen und uns holen. Ich bringe euch raus. Zurück in euer Dorf, oder irgendwohin, wo ihr sicher seid.«

»Das nächste freie Land ist Lora!« protestierte Syrr. »Es sind zehn Tagesmärsche bis dorthin!«

»Wer sagt, daß wir zu Fuß gehen?« erwiderte Skar. »Wir brauchen Kleider, Waffen und Nahrung. Und Pferde. Könnt ihr reiten?«

Syrr nickte verwirrt. »Sicher. Aber wo … wo willst du Pferde herbekommen?«

»Woher schon?« sagte Skar leichthin. »Von den Quorrl natürlich.«

3. Kapitel

Die Ebene breitete sich unter ihnen aus wie ein mit zarten Farben gemaltes Bild: flach und scheinbar endlos, denn der Blick verlor sich schon auf halber Strecke zum Horizont hin in grauem Nebel, der wie Dampf aus dem Boden stieg. Der Himmel hing tief, und er war bedeckt mit schweren, bauchigen grauen Wolken, die so aussahen, wie die Luft roch: nach Schnee.

Skar blickte sehr lange auf das Bild herab, das sich ihm bot, ohne ein Wort zu sagen. Der Anblick der schneebedeckten Ebene vor den Bergen war nicht der erste Dämpfer, den sein neu erwachter Optimismus erhielt, seit er Syrr und Talin getroffen hatte – aber es war der gründlichste. Als er den Tempel der Gesichtslosen Prediger erreicht hatte, hatte der Sommer Einzug gehalten – und jetzt lag auf den Bäumen unter ihnen Schnee! Er mußte fünf, vielleicht sogar sechs Monate geschlafen haben! Die Vorstellung war zu erschreckend, als daß er sie jetzt schon verarbeiten konnte; wirklich begreifen. Aber ihn schwindelte, als er auch nur daran dachte, wie lange er reg- und hilflos dagelegen haben mußte, allem ausgeliefert, was mit ihm geschah.

»Dort unten!« Syrrs Worte rissen ihn abrupt in die Wirklichkeit zurück. Das Mädchen deutete mit der Hand auf eine Baumgruppe, nicht mehr als zwei oder drei Pfeilschußweiten entfernt. Mit der anderen bedeutete sie ihm gleichzeitig, sich möglichst still zu verhalten. Als sie weitersprach, war ihre Stimme zu einem hastigen hellen Flüstern geworden. Skar hätte ihr sagen können, daß man ein auf diese Art gesprochenes Wort fast ebensoweit hörte wie ein ganz normal gesprochenes; aber es war nicht nötig. Es waren keine Quorrl in der Nähe. Über einem Teil der Landschaft lag schon Dämmerung, und wie oft an früh zu Ende gehenden Wintertagen war alles irgendwie grau und verschleiert, so daß er nicht sehr weit sehen konnte. Trotzdem wußte er, daß die Fischgesichter nicht da waren. Er hätte sie gespürt. Er spürte sie immer.

Dann begriff er den Fehler in diesem Gedankengang. Bisher hatte er die Nähe von Quorrl immer gespürt. Vor seinem langen Schlaf. Er hatte keinen Beweis, daß es noch so war.

Wütend auf sich selbst ballte Skar die Faust und sah das Mädchen an. »Wo genau?«

»Ihr Lager liegt hinter diesen Bäumen.«

»Bist du sicher?«

Syrr zögerte, blickte noch einmal aus eng zusammengepreßten Augen zu der kleinen Baumgruppe hinab, deren Äste sich unter dem Gewicht des Schnees bogen, und zuckte hilflos die Achseln. »Wenigstens war es dort, als wir in den Tempel geflohen sind«, sagte sie. Sie sah Skar zweifelnd an. Obwohl sie sich nahe waren, konnte Skar ihr Gesicht nur als verwaschenen hellen Fleck ausmachen. Aber er sah das Blitzen von Angst in ihren Augen. »Glaubst du wirklich, du könntest sie besiegen?«

Skar antwortete nicht. Er wäre sehr froh gewesen, hätte er die Antwort auf diese Frage selbst gewußt. Vier oder fünf Quorrl, dazu noch ein, vielleicht zwei Krieger – und die Hunde. Das war selbst für einen Satai ein bißchen viel, auch wenn er den Vorteil der Überraschung auf seiner Seite hatte. Und er war – sehr vorsichtig ausgedrückt – nicht unbedingt in seiner Bestform. Während er Syrr und ihrem Bruder hier herauf gefolgt war, war er ein paarmal außer Atem gekommen. Sein Rücken schmerzte, und seine Beine schienen sich in einen einzigen Krampf verwandelt zu haben. Vielleicht war es ganz gut, daß er sich Syrr und Talin gegenüber noch nicht als Satai zu erkennen gegeben hatte, dachte er finster. Wahrscheinlich hätte er sich nur lächerlich gemacht mit dieser Behauptung.

»Ich habe nicht vor, mit ihnen zu kämpfen«, sagte er schließlich. »Aber wir brauchen die Pferde.«

»Sie werden dich töten«, behauptete Syrr. »Warum warten wir nicht, bis es dunkel ist?« Sie deutete in den wolkenverhangenen Himmel. »In einer Stunde geht die Sonne unter. Mit etwas Glück können wir uns davonschleichen, ohne daß sie es auch nur merken.«

»Bis zum Morgen, ja.« Skar deutete mit säuerlichem Gesicht auf den Schnee herab, der sich wie eine weiße Decke über dem Gras ausbreitete. »Sie sehen unsere Spuren, kaum daß die Sonne aufgegangen ist. Wie lange, glaubst du, brauchen sie mit ihren Pferden, um uns einzuholen?« Er schüttelte entschieden den Kopf, als nun Talin widersprechen wollte. »Wir haben keine Chance, wenn wir zu Fuß zu fliehen versuchen. Aber die Hunde machen mir Sorgen. Was sind es für Tiere?«

»Kampfhunde«, antwortete Talin an Syrrs Stelle. »Sie töten dich, wenn sie dich erwischen, Skar. Ich habe gesehen, wie sie einen Mann aus unserem Dorf zerrissen haben. Die Quorrl haben sie auf ihn gehetzt, nur aus Spaß.« Er zog eine Grimasse, die wohl Entsetzen verdeutlichen sollte, in Wahrheit aber einfach nur albern aussah. »Sie haben ihm hundert Schritte Vorsprung gegeben und die Tiere dann losgelassen. Und uns haben sie gezwungen, zuzusehen.«

Skar schwieg einen Moment, dann erhob er sich wortlos ein wenig weiter hinter dem Felsbrocken, hinter dem sie Deckung gesucht hatten, und hielt das Gesicht in den Wind, um seine Richtung zu prüfen. Ihre Glückssträhne schien zu Ende zu sein – der Wind kam von Osten, und das bedeutete, daß er einen großen Bogen schlagen und sich dem Lager von der entgegengesetzten Richtung her nähern mußte, um von den Hunden nicht gewittert zu werden. Selbst wenn alles gut ging, würde es dunkel sein, bis er zurück war.

Seufzend ließ er sich wieder auf Hände und Knie herabsinken, drehte sich herum und blickte zum Tempeleingang zurück. Selbst jetzt, wo er genau wußte, wonach er zu suchen hatte, fiel es ihm schwer, ihn auszumachen: es war nicht mehr als ein kaum mannsbreiter, schräger Riß in der Flanke des Berges, noch dazu so geschickt durch Felsen und genau berechnete Schatten getarnt, daß ein Ortsfremder auf Armeslänge daran vorübergehen konnte, ohne ihn auch nur zu sehen.

Für einen winzigen Moment glaubte er eine Bewegung in den Schatten wahrzunehmen. Sein Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Irgend etwas stand dort, etwas Kleines und Lauerndes und.

Dann wiederholte sich das Blitzen, und Skar sah, daß es nur ein Sonnenstrahl gewesen war, der sich auf vereistem Fels brach. Er unterdrückte ein erleichtertes Lächeln und schalt sich in Gedanken einen Narren. Der Tempel war so leer, wie er nur sein konnte. Er hatte genau auf Spuren geachtet, während er Talin und seiner Schwester nach oben gefolgt war. Dort war niemand. Es war nur seine eigene, überreizte Phantasie, die ihm einen bösen Streich spielte.

Skar versuchte, die Vorstellung zu verscheuchen und konzentrierte sich wieder auf die näherliegenden Probleme. Die Dunkelheit allein würde als Schutz nicht ausreichen, so wenig wie das Felsenlabyrinth der Gesichtslosen Prediger. Die Quorrl waren nicht allein auf das angewiesen, was sie sahen, überlegte er besorgt. Sie hatten die Hunde. Wenn er wenigstens eine Waffe hätte!

»Geht zurück«, sagte er. »Verbergt euch in der Höhle, bis es dunkel ist. Wir treffen uns eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, ein Stück westlich von hier, dort unten, wo die Felsen aufhören.«

»In die Höhle zurück?« Syrr erbleichte. Skar konnte ihr ansehen, wie unangenehm ihr die Vorstellung war, in das von Schatten und Furcht erfüllte Labyrinth zurückzugehen, und sei es nur für eine Stunde. »Und … und wenn sie uns suchen?«

Skar schüttelte entschieden den Kopf. »Es wird bald dunkel«, sagte er. »Hätten sie euch heute noch verfolgen wollen, hätten sie es längst getan. Sie werden in aller Ruhe abwarten, bis es hell ist. Der Tempel hat nur diesen einen Ausgang, und wahrscheinlich verlassen sie sich auf die Hunde.« Er lächelte aufmunternd, um seine Worte zu bekräftigen. »Jetzt geht, schnell.« Er machte eine auffordernde Handbewegung und registrierte zufrieden, wie sich auch Syrr und ihr Bruder erhoben.

»Talin«, sagte er.

Der Junge blieb gehorsam stehen und sah ihn fragend an.

»Wenn … ich nicht zurückkomme«, sagte Skar ernst, »dann gib auf deine Schwester acht, ja? Versucht euch irgendwie durchzuschlagen, und bleibt in den Bergen, so lange ihr könnt. Die Quorrl hassen Kälte.«

Talin nickte. »Ich verspreche es«, sagte er stolz. Dann drehte er sich herum und folgte seiner Schwester.

Skar sah den beiden lächelnd nach, bis sie im Schutz des Tempeleinganges verschwunden waren. Er wußte selbst nicht, warum, aber es tat ihm sonderbar gut, nach so langer Zeit wieder mit Menschen zusammen zu sein, die ihm nicht entweder nach dem Leben trachteten oder unentwegt über den bevorstehenden Untergang der Welt faselten. Und – ja, auch wenn es vielleicht noch zu früh war: er mochte die beiden.

Er verscheuchte den Gedanken, drehte sich abermals herum und blickte wieder zu den Bäumen herab, hinter denen sich das Lager der Quorrl verbergen sollte.

Was er sah, gefiel ihm nicht. Das Stück Weg von der Höhle hierher war leicht gewesen: der Hang war ein wahres Labyrinth zyklopischer Felstrümmer und –brocken, zwischen denen sich eine ganze Armee verstecken konnte, und die Quorrl waren sicher nicht sehr aufmerksam, denn sie rechneten mit einem Mädchen und einem Kind, nicht mit einem Krieger. Aber schon zwanzig Schritte weiter änderte sich das Bild total. Die Felsen, die ihm bis hierher Deckung gegeben hatten, gab es dort nicht mehr. Der Hang war so glatt, daß nicht einmal ein Hund darauf Deckung gefunden hätte, und auf dem gesamten Weg zu den Bäumen hin gab es nichts außer ein paar Sträuchern, denen der Herbst bereits alle Blätter genommen hatte.

Einen Moment lang überlegte Skar, einfach hierzubleiben, bis es dunkel geworden war, verwarf den Gedanken aber beinahe sofort wieder. Die Kälte würde ihn töten, wenn er noch lange so reglos hier hockte. Er spürte schon jetzt, wie seine Muskeln sich verkrampften. Seine Zehen und Finger prickelten vor Kälte. Und was das Verhalten der Quorrl und ihrer menschlichen Begleiter anging, war er nicht ganz so zuversichtlich, wie er Talin und Syrr gegenüber behauptet hatte.

Er beugte sich noch einmal vor, raffte eine Handvoll Schnee auf und rieb sie sich ins Gesicht, um die Müdigkeit zu vertreiben und den Schmerz in seinem Kiefer zu betäuben. Dann richtete er sich vollends hinter dem Felsen auf.

Geduckt schlich er los.

4. Kapitel

Skar hatte sich verschätzt. Es wurde dunkel, lange bevor er das kleine Wäldchen erreichte – was zum Teil daran lag, daß das Gelände noch weniger Deckung bot, als er geglaubt hatte, zum anderen daran, daß auch Syrr sich getäuscht hatte: bis zum Sonnenuntergang verging keine Stunde mehr, sondern kaum die halbe Zeit. Und als die Dunkelheit dann kam, war sie fast absolut. Die Sonne erlosch, und die dichtgeschlossene Wolkendecke verschluckte auch das letzte bißchen Sternenlicht. Skar konnte kaum weiter als zehn Schritte sehen. Wäre nicht fast unmittelbar nach Sonnenuntergang ein Feuer zwischen den Bäumen vor ihm angegangen, so hätte er das Lager vermutlich gar nicht gefunden.

Aber auch so erreichte er es mehr durch Glück als irgend etwas anderes. Ein paarmal stolperte er im Dunkeln über Hindernisse, die unter der trügerisch glatten Schneedecke verborgen lagen, und einmal – hinterher lachte er darüber, aber als es geschah, sprang sein Herz vor Schrecken bis fast in seine Kehle hinauf – fuhr er mit kampfbereit erhobenen Fäusten herum und spannte sich schon zum Sprung, ehe er sah, daß der vermeintliche Gegner, der so unvermittelt neben ihm aus der Nacht aufgetaucht war, nichts anderes als ein Baum war. Skar lächelte über seine eigene Dummheit. Aber er begriff auch, daß dieser an sich harmlose Irrtum eine Warnung war, die er besser beherzigen sollte: Nicht nur seine körperliche Leistungsfähigkeit hatte gelitten, während des vielleicht wochenlangen Schlafes.

Seine Reaktionen waren nicht mehr die eines Satai. Er reagierte noch immer schnell – aber vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben auch falsch.

Skar umging den kleinen Waldflecken in weitem Bogen, prüfte noch einmal die Windrichtung und vergewisserte sich, daß die Hunde seine Witterung nicht aufnehmen konnten, ehe er weiterschlich. Daß er beinahe nackt war, kam ihm jetzt zugute: Die Kälte war quälend, und obwohl er mit aller Macht dagegen ankämpfte, spürte er seine Beine bis zu den Knien hinauf schon nicht mehr. Aber seine bloßen Füße verursachten auf dem verharschten Schnee auch so gut wie kein Geräusch; und er hatte keine Kleider oder Waffen bei sich, die einen verräterischen Laut verursachen konnten.

Sehr vorsichtig näherte er sich dem Feuerschein, der durch das kahle Unterholz schimmerte. Er hörte Stimmen, ohne die Worte zu verstehen, dann das Schnauben von Pferden. Kein Hundegebell. Entweder waren die Tiere gar nicht hier, oder sie nahmen seine Witterung wirklich nicht auf.

Skar näherte sich dem Feuerschein, bis er die zusammengekauerten Schatten davor erkennen konnte.

Es waren Quorrl, wie das Mädchen gesagt hatte, und mindestens eine menschliche Gestalt. Sie unterhielten sich in einer Sprache, die Skar nicht verstand, und laut genug, um ihre Sorglosigkeit zu verdeutlichen. Die Pferde standen ein Stück abseits des Feuers, so angebunden, daß sie an den wenigen Blättern nagen konnten, die der Winter übriggelassen hatte, aber noch in Sichtweite der Quorrl. Skar zählte sie. Es waren vier. Also hatte Syrr sich verschätzt – zu ihrem Vorteil. Vier Pferde, das bedeutete vier Reiter. Und ein kleinerer, struppiger Schatten, der schlafend dalag, den Kopf auf die Pfoten gebettet und die Lefzen nach oben gezogen, so daß das unnatürliche Weiß seiner Fänge durch die Nacht blitzte wie eine stumme Warnung. Den Hund mußte er töten, wenn er die Pferde stehlen wollte, ohne entdeckt zu werden. Aber wie?

Skar unterdrückte einen Fluch. Was hatte er eigentlich getan, daß nichts, was begann, einfach sein konnte?

Aufmerksam sah er sich um. Der Wald war nicht sehr dicht an dieser Stelle. Die Bäume standen eng beieinander, aber es gab kaum Unterholz, und auf dem hellen Schnee mußte sich seine Gestalt deutlich abheben, ganz egal, wie leise er war. Es schien unmöglich, sich den Pferden zu nähern, ohne gesehen zu werden. Sein Blick glitt an den glatten Stämmen der Bäume empor, tastete über die schneeverhangenen, schweren Äste, dann wieder zurück zum Lagerfeuer …

Einer der vier Schatten bewegte sich. Für einen Moment lag sein Gesicht deutlich im roten Widerschein des Feuers.

Der Anblick traf Skar wie ein Schlag.

Er war noch immer sehr weit entfernt – zu weit, um die Züge des Mannes deutlich erkennen zu können. Aber er sah deutlich das schmale lederne Stirnband, das er trug, und den fünfzackigen silbernen Stern, der daran befestigt war.

Das Zeichen der Satai …

Etwas in Skar zog sich zusammen wie ein getretener Wurm. Ein Satai! Ein Satai, der zusammen mit einer Bande fischgesichtiger Quorrl Jagd auf zwei Kinder machte! Unmöglich! Das war unmöglich! Un-mög-lich!

Der Mann drehte den Kopf wieder zurück, und das Blitzen des fünfzackigen Sternes erlosch. Für einen Moment klammerte sich Skar mit aller Kraft an den Gedanken, daß er sich getäuscht hatte, daß es irgendein Schmuckstück gewesen war, billiger Tand, der nur zufällig dem heiligen Emblem der Satai ähnelte, vielleicht auch ein Beutestück, das der Kerl einem Toten abgenommen oder schlichtweg gestohlen hatte …

Aber das eine war so unmöglich wie das andere, und er wußte es. Niemand – niemand – würde es wagen, den heiligen Stern der Satai nachzuahmen. Und ein Straßenräuber, der sich mit dem Zeichen eines toten Satai schmückte? Ebensogut konnte er sich gleich selbst die Kehle durchschneiden – jeder Satai Enwors hätte ihn gejagt bis ans Ende der Welt und darüber hinaus.

Aber wenn der Mann wirklich Satai war …

Skar spürte ein Gefühl schrecklicher Hysterie in sich empor kriechen. War das überhaupt noch Enwor? War das noch die Welt, die er kannte? War er … ja – war er überhaupt erwacht?

Für einen Moment erwog er diese Möglichkeit allen Ernstes: nämlich die, daß er in Wahrheit noch schlief, daß all dies nichts als ein entsetzlicher Alptraum war, in den ihn der Trank der Gesichtslosen Prediger hineingezwungen hatte, und aus dem er nicht erwachen konnte.

Aber dann spürte er die Kälte, die seinen Oberschenkel emporkroch, den dumpfen Schmerz, der noch immer in seinem Gesicht wühlte, das Hämmern seines Herzens … wenn es ein Traum war, dann war es der realistischste, den er jemals geträumt hatte.

Und es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden …

Skar gab jede Vorsicht auf, ging weiter und trat mit einem entschlossenen Schritt aus den Schatten des Waldes hervor. Er wußte jetzt, daß ein Anschleichen unmöglich war. Der Satai änderte alles.

Die Reaktion der um das Feuer sitzenden Schatten bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Die drei Quorrl sprangen erschrocken hoch und griffen nach ihren Waffen; eine der plumpen Gestalten verlor gar auf dem schlüpfrigen Boden das Gleichgewicht und wäre um ein Haar rücklings ins Feuer gestürzt. Nur der Mann mit dem Stirnband der Satai blieb reglos und scheinbar unbeeindruckt sitzen. Er hob nicht einmal den Blick, aber auf seinen Lippen erschien ein dünnes, nicht sehr humorvolles Lächeln. Seine rechte Hand lag scheinbar gelöst in der Nähe des Schwertgriffes, der unter seinem Fellmantel hervorlugte.

Skar begriff, daß er seine Schritte schon lange gehört hatte, bevor er aus den Schatten heraustrat. Er war ein Satai!

Zwei der drei Quorrl sprangen mit erhobenen Waffen auf ihn zu, und in der Dunkelheit bei den Pferden bewegte sich ein weiterer Schatten. Ein dumpfes, kehliges Knurren erklang. Metall klirrte.

Skar wehrte sich nicht, als die beiden Quorrl ihn packten und grob auf die Knie stießen. Eine Schwertklinge berührte seinen Hals. Skar spürte einen leichten, brennenden Schmerz, dann lief warmes Blut an seiner Kehle herunter. Er unterdrückte den Impuls, sich zu wehren.

»Laßt ihn!«

Die Stimme des Satai war nicht sehr laut, aber von schneidender Schärfe. Der Quorrl, der seinen Arm gepackt und auf den Rücken gedreht hatte, ließ seine Hand los. Aber das Schwert blieb, wo es war, und der Quorrl drückte mit unbarmherziger Kraft zu. Skar bog den Kopf so weit in den Nacken, wie er nur konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, aber die Schneide folgte der Bewegung und ritzte seine Haut abermals.

»Tötet mich … nicht!« stöhnte er. »Bitte!«

Die unnatürliche Haltung, zu der ihn die Waffe zwang, ließ seine Stimme verzerrt klingen. Er hoffte zumindest, daß die Quorrl den Ton darin für Angst hielten.

Tatsächlich nahm der Druck der tödlichen Waffe um eine Winzigkeit ab; nicht genug, ihn etwa auf Gedanken an Widerstand oder Flucht kommen zu lassen, aber doch so weit, daß er zumindest wieder atmen konnte.

»Wer bist du, Kerl?« fauchte eine gutturale Stimme. »Was schleichst du hier herum?«

Skar antwortete nicht, sondern starrte den Quorrl nur aus weit aufgerissenen Augen an, der sich über ihn gebeugt hatte. Es war ein Riese, selbst für einen Quorrl – gute zweieinhalb Meter groß und mit Schultern, die den pelzgefütterten Mantel zu sprengen schienen, unter dem sie verborgen waren. Seine Augen waren klein und kalt und starr wie die von Fischen, und als er sprach, blitzte hinter seinen nur angedeuteten Lippen ein Gebiß, das einen Haifisch vor Neid hätte erbleichen lassen. Er unterstrich seine Worte mit einem ärgerlichen Ruck am Schwertgriff. An Skars Hals erschien ein dritter, blutender Schnitt.

»Laß ihn, Trash.« Der Mann mit dem Stirnband der Satai stand auf, kam mit zwei schnellen Schritten um das Feuer herum und drückte den Arm des Quorrl beiseite. Aufmerksam sah er Skar an. Er lächelte, aber seine Augen blieben dabei kalt wie die des Quorrl. Vielleicht noch kälter.

Skar richtete sich vorsichtig auf, hob die Hand und tastete mit spitzen Fingern über die blutigen Schnitte an seiner Kehle. »Ich … danke Euch, Herr«, sagte er stöhnend. »Ich wollte Euch nicht bestehlen, wirklich. Bitte tötet mich nicht.«

»So?« Der Satai lächelte erneut, ließ sich vor Skar in die Hocke sinken und musterte ihn eingehend von Kopf bis Fuß. »Was wolltest du dann?« fragte er. »Du schleichst schon eine ganze Weile hier herum, nicht wahr? Hattest du keine Angst, daß wir den Hund auf dich hetzen?«

»Den Hund?« Skar versuchte, seinen Schrecken möglichst überzeugend zu spielen – was ihm einigermaßen schwerfiel, denn er hatte sehr wohl registriert, daß der Satai in der Einzahl gesprochen hatte. »Ich … ich weiß nichts von Hunden. Ich sah das Feuer und … und hörte eure Stimmen, und da …«

»Und da dachtest du, du könntest ein bißchen Essen stehlen, wie?« unterbrach ihn der Satai. Er lächelte, löste die Hand vom Schwert und machte eine auffordernde Geste. »Gib es ruhig zu. Hunger ist keine Schande.«

Skar schüttelte hastig den Kopf, lächelte verlegen und tastete wieder über die Schnitte an seinem Hals. Die Wunden waren nicht sehr tief, aber sie taten weh. »Ich habe Hunger«, gestand er. »Aber ich stehle nicht. Und schon gar nicht von einem Mann wie Euch. Ihr seid … Satai?« Zögernd deutete er auf das Stirnband unter dem kurzgeschnittenen schwarzen Haar.

»Und wenn?« Die Augen des Satai wurden schmal. Skar begriff, daß er ihn töten würde, wenn er auch nur eine falsche Antwort gab.

»Seid Ihr Satai?« beharrte er.

In den Blick der dunklen Augen mischte sich Ungeduld. »Nimm an, ich wäre es, Kerl«, sagte er. »Was dann?«

»Dann ist alles gut«, erwiderte Skar mit übertrieben geschauspielerter Erleichterung. »Die Satai sind meine Freunde. Ihr werdet mir helfen.«

»Deine Freunde, so?« Etwas an der Art, in der der Mann das Wort Freunde betonte, gefiel Skar nicht. Er stöhnte, krümmte sich wie unter Schmerzen und verlagerte dabei unmerklich sein Gleichgewicht. Seine rechte Hand spreizte sich und suchte festen Halt im Boden. Gleichzeitig spannte er die Muskeln im linken Oberschenkel an.

»Was ist mit dir?« fragte der Satai. »Bist du verletzt? Wer bist du? Wo kommst du her? Und wieso läufst du fast nackt durch den Schnee?«

Skars Antwort bestand in einem dumpfen Stöhnen.

Der Satai schüttelte ärgerlich den Kopf und stand auf. »Bringt ihn ans Feuer«, befahl er. »Und gebt ihm eine Decke oder einen Mantel, bevor seine Zunge ganz einfriert.«

Skar entspannte sich. Der gefährliche Moment war vorüber, das spürte er. Der Satai hatte ihn nicht durchschaut – was Skar aber nun keineswegs dazu verleitete, ihn etwa zu unterschätzen. Aber zumindest würden sie ihn nicht gleich töten. Wenn er erst einmal zwischen ihnen saß, vielleicht in Reichweite einer Waffe … Der Mann mit dem schwarzen Haar war zweifellos wirklich ein Satai, aber das bedeutete nicht, daß er unverwundbar war.

Grob wurde er auf die Füße gezerrt und zum Feuer geschleift. Trash stieß ihn so derb nieder, daß er um ein Haar in die Flammen gefallen wäre. Skar fing den Sturz ungeschickt ab, rappelte sich hoch und kroch so dicht an das prasselnde Feuer heran, wie er nur konnte, ohne sich zu verbrennen. Die Wärme tat gut, aber sie tat auch weh: seine Finger begannen zu prickeln und zu stechen, während er sie über die Flammen hielt, und dort, wo ihn Syrrs Stein getroffen hatte, erwachte ein dumpf-hämmernder Schmerz in seinem Kiefer.

Eine Weile ließen sie ihn vollkommen in Ruhe. Der Satai nahm ihm gegenüber Platz, auf der anderen Seite des Feuers, während Trash und ein zweiter Quorrl sich ein Stück neben und hinter ihn setzten, so, daß sie ihn mühelos packen und niederringen konnten, sollte er zu fliehen versuchen. Der dritte Quorrl schließlich blieb am Waldrand stehen, als fürchte er, daß sich in der Dunkelheit noch mehr uneingeladene Gäste verbargen.

Schließlich ließ Skar sich zurücksinken, verbarg die Hände unter den Achselhöhlen und sah erst die beiden Quorrl zu seinen Seiten, dann den Satai mit einer Mischung aus Erleichterung und Furcht an.

»Ich … ich danke Euch, Herr«, sagte er. »Eine Stunde länger, und ich wäre erfroren.« Das Sprechen bereitete ihm Mühe. Seine Lippen waren noch immer taub, und die Wärme des Feuers ließ den Schmerz in seinem abgebrochenen Zahn zu neuer Wut aufflammen. Irgend etwas, eine Mischung aus Furcht und Erregung und immer größer werdender Unsicherheit, hatte sich in seinem Magen zu einem Klumpen geballt. Was, dachte er, wenn alles ganz anders war? Wenn er einen Fehler beging, einen entsetzlichen, nicht wieder gut zu machenden Fehler?

Der Satai hob die Hand. »Bringt ihm eine Decke«, sagte er. »Und heißen Wein.«

Widerspruchslos erhob sich einer der Quorrl, ging zu den Pferden hinüber und kam nach Augenblicken mit einem zusammengerollten Fellmantel zurück. Skar nahm ihn dankbar entgegen, rollte ihn mit zitternden Fingern auseinander und versuchte, ihn überzustreifen, ohne sich zu erheben. Er stellte sich dabei bewußt ungeschickt an, was Trash zu einem leisen, hämischen Lachen veranlaßte.

Der Satai lachte nicht. Zwischen seinen Brauen entstand eine tief eingegrabene Falte. Mißtrauen blitzte in seinem Blick auf. Aber er schwieg, bis sich Skar in den Mantel gewickelt und den Becher mit dampfendem Wein entgegengenommen hatte, den ihm der Quorrl reichte. Skar stöhnte vor Schmerz, als das heiße Getränk seinen lädierten Zahn berührte.

»Jetzt sprich!« sagte der Satai schließlich. »Wie ist dein Name? Wo kommst du her? Und was ist mit dir passiert?«

»Mein Name ist S… jar«, antwortete Skar. Das unmerkliche Stocken in seinen Worten mußte dem Satai auffallen, denn in seinem Blick blitzte es abermals mißtrauisch auf, aber er sagte nichts, sondern machte nur eine ungeduldige Geste, weiterzusprechen. »Ich bin fremd hier«, sagte er. »Ich wollte hinauf nach Thbarg, vielleicht an die Küste, aber ich wurde überfallen.«

»Überfallen? Von wem?«

Skar zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht, Herr«, sagte er. Er stöhnte, hob die Hand an seine schmerzende Wange und verzog das Gesicht zu einer Grimasse der Qual. »Es waren sieben oder acht. Straßenräuber, denke ich. Gesindel, das von dem lebt, was es von ehrlichen Männern wie mir stiehlt. Meinen Begleiter haben sie mit einem Speer durchbohrt, und mir selbst fast den Schädel eingeschlagen.«

»Und dann haben sie dich einfach so laufen lassen?«

Skar schüttelte hastig den Kopf. »Nein. Sie … sie haben mich ausgezogen und an einen Baum gebunden, damit ich erfrieren soll. Aber ich hatte Glück. Ich konnte die Fesseln lösen und entkommen. Ihre Wache hat geschlafen.«

»Soll das heißen, daß sie dich verfolgen?« fragte Trash mißtrauisch.

»Nein«, antwortete Skar, ganz bewußt eine Spur zu schnell, um überzeugend zu wirken. »Sie … sie halten mich sicher für tot. Ich bin den ganzen Tag gelaufen, nur um nicht zu erfrieren, und –«

»Wir sollten ihn davonjagen«, sagte Trash, an den Satai gewandt. »Bevor sie seine Spur aufnehmen und hierher kommen.«

Der Satai lächelte dünn. »Und?« fragte er. »Hast du Angst vor ein paar Wegelagerern?«

»Sie werden bestimmt nicht kommen, Herr!« sagte Skar hastig. »Und wenn, werden sie einen Mann wie Euch nicht angreifen. Ihr seid Satai!« Bei den letzten Worten bemühte er sich, seine Stimme bewundernd klingen zu lassen; und gleichzeitig auch mit einer Spur jener Unverschämtheit, die sich nur die Schwachen den Starken gegenüber erlauben durften. Und tatsächlich schien sich der Satai geschmeichelt zu fühlen, denn auf seinen Lippen erschien ein dünnes Lächeln.

Aber nur für einen Moment. Dann wurde er übergangslos wieder ernst.

»Und was erwartest du nun von uns?« fragte er. »Vielleicht eine Eskorte bis Denwar? Oder würde es reichen, wenn wir die Wegelagerer verfolgen und niedermachen?« Der Spott in seiner Stimme war unüberhörbar, aber Skar versuchte, den Ärger zu ignorieren, den seine Worte in ihm wachriefen.

»Wenn Ihr mir … Kleider geben könntet«, sagte er zögernd. »Und vielleicht etwas Proviant. Ich bin ein reicher Mann«, fügte er hastig hinzu. »Auch wenn es im Moment nicht so aussieht. Ich habe Verwandte in Denwar, die Euch entschädigen würden, sehr großzügig sogar.« Er deutete zum Waldrand. »Ihr habt zwei Pferde. Vielleicht könntet ihr mir eines verkaufen?«

Der Satai starrte ihn an – und begann schallend zu lachen. »Du bist ein Narr, Sjar – oder wie immer du heißen magst«, sagte er, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. »Ich bin Satai, kein Pfandleiher! Den Mantel da und Essen kannst du haben, aber du wirst wohl zu Fuß nach Denwar laufen müssen.«

»Ihr braucht die Pferde«, stellte Skar betrübt fest. »Ihr trefft Euch hier mit Freunden?«

Wieder lachte der Satai, und diesmal stimmten auch die beiden Quorrl in sein Gelächter ein. »Nicht unbedingt«, antwortete er amüsiert. »Sagen wir – wir sind auf der Jagd. Nach einem ganz besonderen Wild.« Er lachte abermals, beugte sich vor, um einen glühenden Ast aus dem Feuer zu angeln und damit zu spielen, und sah Skar mit schräggehaltenem Kopf an. »Du bist ein bißchen neugierig, findest du nicht, mein Freund?«

Skar antwortete nicht. Er hatte genug gehört – im Grunde mehr, als er hören wollte. Syrr und ihr Bruder hatten die Wahrheit gesagt.

Aber sie hatten ihm nicht gesagt, daß es Satai waren, die sie verfolgten …

Es fiel ihm noch immer schwer, die Tatsachen zu akzeptieren. Er hatte von abtrünnigen Satai gehört, die sich vom Orden und seinen Regeln losgesagt hatten – oder ausgeschlossen worden waren – und auf eigene Faust durch die Welt zogen, als Söldner für Geld oder auch einfach auf der Suche nach Abenteuern. Aber ein Satai, der mit Quorrl gemeinsame Sache machte?

Skar versuchte erst gar nicht, eine Lösung für dieses Rätsel zu finden. Aber er wußte, was er zu tun hatte. Der Satai hatte sein eigenes Todesurteil ausgesprochen, ohne es zu ahnen. Selbst wenn es anders gewesen wäre, wenn es Syrr und Talin nicht gegeben hätte – Skar hätte ihn töten müssen.

»Warum antwortest du nicht, Sjar?« fragte der Satai. »Hat es dir die Sprache verschlagen? Oder gibt es vielleicht irgend etwas, was du uns noch zu erzählen vergessen hast?«

»Ich … überlege«, gestand Skar mit einem verlegenen Lächeln. Er beugte sich ein wenig weiter vor, als suche er die Nähe des Feuers, und spannte sich. Anders als der Satai saß er nicht mit untergeschlagenen Beinen da, sondern in einer an sich unbequemen, halb hockenden Stellung. »Es ist ein weiter Weg bis Denwar, ohne Pferd. Habt Ihr wenigstens ein Paar Stiefel für mich? Und ein Schwert?«

Der Satai starrte ihn an, als zweifele er an seinem' Verstand. Seine Hand spielte weiter mit dem brennenden Ast. Die Linke lag auf dem Schwert, aber in falscher Haltung. Er würde Zeit brauchen, die Waffe zu ziehen. Bruchteile von Sekunden nur, aber Skar würde sie ihm nicht geben.

»Bist du verrückt geworden?« sagte er. »Wir haben keine Stiefel für dich.«

»Oh«, sagte Skar enttäuscht. Dann lächelte er. »Aber das macht nichts. Dann nehme ich deine.«

Er sprang.

Seine Bewegung kam selbst für den Satai zu schnell. Skar stieß sich mit aller Gewalt ab, flog mit weit ausgestreckten Armen wie ein lebendes Geschoß über das Feuer und packte ihn bei den Schultern. Der Satai schrie auf und prallte zurück; sein Knie kam hoch, um sich in Skars Leib zu bohren und ihn von sich herab zu schleudern. Aber Skar versuchte nicht, ihn zu Boden zu reißen und bei der Kehle zu packen, womit er wohl gerechnet hatte. Seine Hände ließen die Schultern des Satai los, kaum daß sie sie berührt hatten. Das Knie des Satai bohrte sich schmerzhaft in seinen Magen, aber Skar nutzte die Kraft des Hiebes im Gegenteil aus – er warf sich mitten im Sprung herum; seine Linke glitt zum Schwert des Satai herab und packte es, während die andere Hand tiefe blutige Furchen in seine Wange zog und sich in sein Haar krallte. Die Kraft seines Sprunges war noch immer groß genug, ihn weiter zu tragen. Er spürte, wie sein Leib und seine Oberschenkel über das Gesicht des Satai schrammten. Dann prallte sein Knie mit der ganzen Gewalt des Sprunges gegen das Kinn des anderen, warf seinen Kopf in den Nacken und brach sein Genick.

Skar fiel von dem Toten herunter, noch immer vom Schwung seines Sprunges getragen, rollte im weichen Schnee ab und riß sich die Schulter an einem Stein auf, der darunter verborgen war. Aber noch in der gleichen Bewegung zerrte er das Schwert des Satai vollends aus der Scheide.

Ein gigantischer Schatten wuchs über ihm empor. Quorrl-Stimmen begannen zu schreien. Metall blitzte. Skar rollte weiter, sah eines der gewaltigen Schuppenwesen über sich emporwachsen wie einen mörderischen Dämon und riß das Schwert in die Höhe. Die Klinge parierte die herabsausende Waffe des Quorrl und bohrte sich handtief in seinen Leib.

Skar sprang auf die Füße, ehe der zusammenbrechende Quorrl ihn unter sich begraben konnte. Blitzschnell steppte er einen Schritt zur Seite, packte den lederumwickelten Griff des Tschekal mit beiden Händen und schwang die Klinge in einem gewaltigen Hieb, blind und ungezielt und nur gedacht, sich die beiden Quorrl vom Leib zu halten, die noch am Leben waren. Trotzdem traf er etwas: kein Fleisch, sondern Metall, das unter dem Biß des Satai-Schwertes zerbrach wie Glas. Ein schriller, wuterfüllter Schrei erklang, und etwas Schweres stürzte zu Boden.

Skar wich mit zwei, drei raschen Schritten zum Waldrand zurück, wechselte das Schwert wieder in die Rechte und sah sich blitzschnell um. Trotz allem waren seit seinem Angriff erst Sekunden vergangen; Trash und der zweite Quorrl schienen noch gar nicht richtig begriffen zu haben, was überhaupt geschehen war – und das war wohl auch der Grund, aus dem er noch lebte. Sein überraschender Sieg war nur seiner Schnelligkeit zu verdanken; und der Tatsache, daß der Satai und die drei Fischgesichter mit allem gerechnet haben mochten, nur nicht mit einem Angriff.

Aber der Vorteil der Überraschung währte nicht ewig, und die beiden Quorrl waren kräftig und wohl auch erfahren genug, selbst einen Satai zu besiegen, wenn sie wußten, wem sie gegenüberstanden.

Trash näherte sich ihm mit wiegenden Schritten, während sein Kamerad noch versuchte, sich wieder zu erheben und an die Waffe des getöteten Quorrl zu kommen. Wenn es ihm gelang, und sie ihn gemeinsam angriffen, dann war Skar verloren. Die beiden Giganten würden ihn einfach niederwalzen, nur durch ihr pures Körpergewicht.

Er stürmte los. Diesmal war Trash vorbereitet. Als Skar auf ihn zufederte, kam seine Klinge hoch, mit einer leichten, fast spielerischen Bewegung, die den Meister der Schwertkunst verriet, der sich im Körper eines plumpen Titanen verbarg.

Ihre Klingen prallten funkensprühend aufeinander. Skar spürte den Schlag, der durch seinen Arm ging, und er fühlte die ungeheure Körperkraft, die hinter Trashs Hieb steckte – selbst ein einfacher Fausthieb dieses Giganten mußte tödlich sein.

Und Trash schien das ebensogut zu wissen wie er. Er schien auch zu wissen, daß er Skar mit dem Schwert allein nicht gewachsen war, denn er versuchte nicht, ein zweites Mal zuzuschlagen, sondern ließ es zu, daß Skars Klinge sein Schwert beiseite fegte und nach seiner Kehle züngelte. Aber im letzten Moment drehte er sich zur Seite, mit einer Behendigkeit, die Skar einem Wesen seiner Größe und Statur niemals zugetraut hätte, nahm einen tiefen blutenden Schnitt in die Schulter in Kauf und schlug mit dem Handrücken nach Skars Gesicht.

Der Hieb verfehlte ihn; nur Trashs Fingerspitzen streiften Skars Schläfe. Trotzdem reichte die Wucht des Hiebes, Skar von den Füßen zu fegen und sich drei-, viermal überkugeln zu lassen. Trash brüllte triumphierend, packte sein gewaltiges Schwert mit beiden Fäusten und setzte ihm nach. Als Skar auf die Füße kam, sah er die Klinge des Giganten wie einen stählernen Blitz auf sich herabsausen.

Er dachte nicht mehr. Etwas, das älter war als sein bewußtes Denken, übernahm die Kontrolle über seinen Körper; Reflexe, die er so lange trainiert und geschärft hatte, bis sie zu eigenständigem Leben erwacht waren, lenkten seine Bewegungen. Trashs Klinge sirrte herab, ein diagonal geführter, unglaublich schneller Hieb, aus fast drei Metern Höhe und so geführt, daß ihm weder Raum noch Zeit zum Ausweichen blieb. Selbst wenn er das Tschekal hochriß und die Götterklinge das Schwert des Quorrl zerschnitt, würde ihn der Faustschlag des Giganten töten.

Aber Skar versuchte nicht, auszuweichen. Statt dessen sprang er Trash entgegen, tauchte unter seiner grabschenden Hand hindurch und rammte ihm die Schulter in den Leib, mit aller Kraft, zu der er fähig war.

Es war, als wäre er gegen Fels gelaufen. Unter dem Mantel des Quorrl verbargen sich stahlharte Schuppen, und darunter Muskeln, die in der Lage waren, einen Menschen in Stücke zu reißen, ohne sich besonders anzustrengen. Skar keuchte, als ein betäubender Schmerz durch sein Schultergelenk zuckte, in seinem Arm explodierte und seine gesamte rechte Körperhälfte zu lähmen schien.

Aber auch der Quorrl wankte. Sein Hieb verfehlte Skar. Die Klinge bohrte sich mit einem saugenden Geräusch in den Boden und verkantete sich. Ungeschickt stolperte der Gigant einen halben Schritt zurück, kämpfte mit einem wild rudernden Arm um seine Balance und stürzte auf ein Knie herab.

Skar sah blitzschnell zu dem zweiten Quorrl zurück. Der Riese hatte das Schwert seines toten Kameraden aufgenommen und stürmte brüllend heran. Aber zwischen ihm und Skar lag noch das Feuer; er würde Zeit brauchen, es zu umgehen; nur ein paar Sekunden, aber genug für Skar.

Noch aus der gleichen Bewegung heraus wirbelte er herum, versetzte Trash einen Fußtritt vor die Schläfe und schlug nach seinem Waffenarm.

Er spürte, daß der Hieb zu schnell war, aber er kam nicht mehr dazu, die Klinge abzulenken. Er hatte auf das Handgelenk des Quorrl gezielt, aber Trash stürzte vollends nach hinten, als ihn Skars Fußtritt traf; das Tschekal trennte Trashs Daumen ab, schnitt durch den Schwertgriff wie durch weiches Wachs und beraubte den Quorrl noch des Zeige- und Mittelfingers, ehe es in einem fast eleganten Bogen wieder hochkam und sich dem dritten und letzten Quorrl zuwandte. Trash brach brüllend zusammen und wälzte sich im Schnee, während sein Kamerad auf Skar zustürmte, blind und schreiend vor Wut. Er umging das Feuer nicht, wie Skar geglaubt hatte – er rannte einfach hindurch. Unter seinen Füßen stoben brennendes Holz und Funken davon. Flammen züngelten nach seinem Mantel und setzten einen Zipfel in Brand, aber er schien es nicht einmal zu bemerken.

Skar sprang ihm entgegen, raffte noch einmal alle Kraft zusammen und stieß sich ab. Er sprang, drehte sich halb in der Luft, zog die Knie an den Leib und stieß dann mit aller Wucht zu. Seine Füße und der Schädel des Giganten befanden sich auf gleicher Höhe, als sie zusammenprallten.

Er spürte, wie das Genick des Quorrl brach, aber der Riese rannte einfach weiter, wie ein großes, dummes Tier, das einfach zu stur zum Sterben war, stampfte über die Lichtung und brach wie eine Lawine aus Fleisch und Panzerplatten durch das Unterholz, ehe er endlich gegen einen Baum prallte und zusammenbrach. Die Flammen, die an seinem Mantel züngelten, wurden ganz allmählich größer.

Aber auch Skar stürzte. Sofort versuchte er hochzuspringen, aber er war schlecht aufgekommen: als er sein rechtes Bein belastete, schoß ein entsetzlicher Schmerz durch seinen Knöchel. Er schrie auf, fiel zur Seite und umklammerte stöhnend sein Fußgelenk. Für einen Moment verschwanden der Wald und das Feuer hinter Schleiern aus rotem Schmerz. Trash! dachte er. Trash lebte noch! Und auch mit nur einer Hand war der Gigant durchaus in der Lage, ihn zu töten.

Skar kämpfte den Schmerz nieder, wälzte sich herum und blickte zu ihm hinüber.

Der Quorrl hatte sich auf eine Hand und die Knie erhoben und robbte durch den Schnee, wobei er hohe, fast lächerlich klingende Schmerzlaute ausstieß. Die verstümmelte Hand hatte er eng gegen den Körper gepreßt. Eine breite Blutspur markierte den Weg, den er zurückgelegt hatte.

Aber er bewegte sich nicht auf Skar zu, sondern kroch dorthin, wo die Pferde standen. Er floh!

»Bleib stehen, du verdammter Feigling!« brüllte Skar. »Stell dich« Er packte sein Schwert fester, versuchte noch einmal, aufzustehen und fiel mit einem abermaligen Schrei zurück in den Schnee. Für die Dauer eines Herzschlages blieb er benommen liegen. Der Schmerz hörte nicht auf, auch nicht, als er das Bein entlastete. Sein Fuß war verstaucht, vielleicht sogar gebrochen, dachte er bitter. Mit zusammengebissenen Zähnen stemmte er sich hoch und kroch hinter dem Quorrl her, das verletzte Bein wie eine tote Last hinter sich herschleifend.

Trash blickte zu ihm zurück. Sein Schuppengesicht glänzte im Widerschein der Flammen wie eine Maske aus halbgeronnenem Blut, aber Skar sah auch die Angst in seinem Blick – und noch etwas. In Trashs Augen stand ein Entsetzen, das mit seiner Verwundung und Skars Angriff allein nicht mehr zu begründen war. Unglauben, dachte Skar verwirrt. Er kannte diesen Blick! Er hatte ihn tausendmal gesehen, in tausend verschiedenen Augenpaaren und bei tausend verschiedenen Anlässen – Trash hatte noch gar nicht begriffen, was geschah! Sein Angriff auf Skar war ein bloßer Reflex gewesen, das Tier in ihm, das sich wehrte, wenn ihm Gefahr drohte. Aber selbst jetzt schien er sich noch zu weigern, wirklich zu begreifen.

Satai …«, gurgelte er. »Du Hund bist … bist ein Satai!« Sein Blick flackerte. Allein das Wort schien ihn mit grenzenloser Panik zu erfüllen. »Du Verräter!« keuchte er. »Du verdammter Verräter! Ich habe immer gewußt, daß man euch nicht trauen darf!«

Skar ignorierte seine Worte und verdoppelte seine Anstrengungen, den Quorrl einzuholen. Aber gleichzeitig wußte er, daß er es nicht schaffen würde – er war den Pferden näher, und er bewegte sich in spitzerem Winkel auf sie zu, aber Trash war viel schneller als er, und die Angst würde ihm zusätzliche Kräfte verleihen. Aber er würde ihn erwischen, wenn er versuchte, auf ein Pferd zu steigen. Er mußte es. Er mußte einfach, oder alles war aus. Und irgendwoher nahm er das feste Wissen, daß damit ganz und gar nicht nur sein Leben gemeint war.

Trash begann vor Schmerzen und Wut zu heulen, als er begriff, daß Skar dabei war, ihm den Weg abzuschneiden. Er kroch schneller, verlor plötzlich den Halt und stürzte mit einem schrillen Schmerzensgebrüll in den Schnee. Sein Gesicht war vor Angst verzerrt, als er sich wieder aufrichtete. Sein Blick flackerte wie der eines Wahnsinnigen. Rosafarbener, blutiger Geifer erschien auf seinen Haifischlippen. Er hatte jetzt kaum mehr Ähnlichkeit mit einem denkenden Wesen, sondern glich nun wirklich einem Monster, als hätten ihn Angst und Schmerz in das reißende Tier zurückverwandelt, aus dem sich die Vorfahren seines Volkes einst entwickelt hatten.

»Bleib stehen!« keuchte Skar. »Ich töte dich nicht, wenn … wenn du vernünftig bist!«

Trash stieß ein hohes, schrilles Geheul aus, grub einen faustgroßen Stein aus dem Schnee und schleuderte ihn nach Skar. Das Wurfgeschoß verfehlte ihn um fast einen Meter; trotzdem fiel auch Skar der Länge nach hin, als er eine erschrockene Bewegung machte.

Diesmal blieb er sekundenlang benommen liegen. Sein Herz jagte. Das Blut rauschte in seinen Ohren, und sein Bein schmerzte unerträglich. Der Wald drehte sich vor seinen Augen. Er konnte kaum mehr klar sehen. Trashs Riesengestalt wurde zu einem auseinanderfließenden Schatten. Er hatte sich überschätzt. Er hatte zu viel von sich verlangt. Etwas in ihm war noch Satai, sein Wille, seine Reflexe; die mühsam herangezüchteten und ebenso mühsam unter Kontrolle gebrachten Killerinstinkte, die die Satai zu dem machten, was sie waren – unbesiegbare Kampfmaschinen, deren bloßes Erscheinen Furcht und Schrecken verbreitete. Aber sein Körper war nicht mehr der eines Satai. Er war alt, und was immer die Gesichtslosen Prediger mit ihm getan hatten, es hatte ihn des größten Teiles seiner Kraft beraubt. Er war wie ein Werkzeug, das sich noch erinnerte, wozu es einmal gut gewesen war, jetzt aber stumpf und spröde geworden war. Ganz kurz schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß er ebensogut an einem Herzschlag sterben konnte wie an einem Fausthieb des Quorrl.

Die Vorstellung erfüllte ihn mit solchem Zorn, daß er weiterkroch.

Trash heulte wie ein geprügelter Hund, suchte nach einem zweiten Stein im Schnee und robbte weiter, als er keinen fand. Er war noch gute zehn Meter von den Pferden entfernt; doppelt so weit wie Skar. Und dann tat er das, was Skar insgeheim schon die ganze Zeit befürchtet hatte – er erinnerte sich daran, daß er Beine hatte.

Mit einem wütenden Brüllen richtete er sich auf, hob die verstümmelte Hand vor die Augen und starrte auf die beiden verkrümmten, blutbesudelten Finger, die er noch hatte. Er wimmerte; ein Laut, der Skar auf absurd erschreckende Weise an das Heulen eines jungen Hundes erinnerte. Seine starren Fischaugen weiteten sich. Einen Moment lang stand er wie erstarrt da, dann fuhr er herum, war mit ein paar grotesken, humpelnden Schritten bei den Pferden und löste etwas Großes, Dunkles vom Sattel eines der Tiere.

Skar erkannte im letzten Moment, daß es ein Speer war.

Verzweifelt ließ er sich zur Seite fallen.

Der Speer zischte mit einem ekelhaften Geräusch durch die Luft, grub eine brennende Linie aus Schmerz in seine Seite und bohrte sich tief in den Boden. Skar schrie auf, denn die jähe Bewegung ließ einen neuerlichen, grauenhaften Schmerz durch sein gebrochenes Bein schießen. Halb blind vor Qual drehte er sich herum, zog die Knie an den Leib und hob schützend das Tschekal. Er war sicher, daß Trash ihn jetzt töten würde.

Aber der Quorrl griff nicht an, obwohl er nun alle Vorteile auf seiner Seite hatte. Statt dessen beugte er sich herab, löste mit einer blitzschnellen Bewegung die Fußfesseln eines Pferdes und griff dann zur Seite. Seine unverletzte Hand näherte sich der Kette, die den tobenden Hund hielt.

Skar erstarrte vor Schreck. Der Hund! Er hatte den Hund vergessen!

Trash lachte schrill, öffnete den Verschluß der Kette und riß den Hund brutal zurück, als er sich unverzüglich auf Skar stürzen wollte. Ungeschickt richtete er sich wieder auf, das riesige, tobende Tier dabei scheinbar mühelos mit sich zerrend, bis der Hund vor lauter Atemnot auf die Hinterläufe stieg, dabei aber noch immer tobend und geifernd vor Wut. Skar sah, daß das Tier aufgerichtet beinahe größer als er selbst war, ein struppiger schwarzer Gigant mit Kiefern, die den Arm eines Mannes spielend zermalmen konnten. Trash lachte abermals, griff mit seiner verstümmelten Hand nach dem Sattelknauf und zog sich auf den Rücken des Pferdes. Das Tier versuchte auszubrechen, als es das Gewicht des Kolosses spürte, aber Trash brachte es mit einem brutalen Ruck am Zaumzeug zur Räson. Dann grub er ihm die Absätze in die Flanken.

Und gleichzeitig ließ er den Hund los.

Das Tier stieß ein schrilles, fast schmerzerfüllt klingendes Jaulen aus, stand einen endlosen Moment fast reglos da – und sprang los.

Skar riß das Schwert in die Höhe, als die Bestie auf ihn zufederte. Aber entweder hatte das Tier Erfahrung im Kampf gegen einen bewaffneten Mann, oder seine Reaktionen waren noch schlechter, als er angenommen hatte: statt den Hund aufzuspießen, schlitzte die Klinge nur sein Fell auf und fügte ihm einen armlangen, blutenden Kratzer zu; längst nicht tief genug, ihn ernsthaft zu verwunden oder behindern – aber gerade schmerzhaft genug, den Hund noch wütender zu machen.

Immerhin verschaffte ihm der Hieb für Sekunden Luft. Trashs Pferd verschwand mit einem gewaltigen Satz im splitternden Unterholz, während der Hund ungeschickt dicht neben Skar auf dem Bauch landete, mit einem schrillen Heulen wieder in die Höhe sprang und ein paar Schritte rückwärts ging, ohne Skar dabei aus den Augen zu lassen. Er jaulte vor Schmerz; aber gleichzeitig drang auch tiefes, drohendes Knurren aus seiner Brust. Aus dem klaffenden Schnitt in seiner Flanke tropfte Blut und hinterließ runde rote Löcher im Schnee.

Skar versuchte, den Blick des Tieres zu fixieren. Seine Augen waren klein und böse und blutunterlaufen, und quer über seine Nase zog sich eine erst halb verkrustete Schramme. Wahrscheinlich hatten die Quorrl das Tier geprügelt, um es noch wilder zu machen. Skar konnte seine Wildheit beinahe riechen – und es war ein Hund, wie er noch keinen zuvor gesehen hatte: eine Bestie von der Größe eines kleinen Kalbes, mit Sicherheit an die zweihundert Pfund schwer und nur aus Muskeln und reißenden Zähnen bestehend. Der Hund würde ihn zerreißen, und wenn er dabei selbst den Tod fand.

Skar begann ungeschickt rücklings vor dem Hund davonzukriechen, zur Mitte der Lichtung und dem Feuer hin. Das schwarze Ungeheuer folgte ihm, langsam, mit zögernden, aber ungemein kraftvollen Bewegungen, immer gerade außerhalb der Reichweite seines Schwertes, und ohne die Waffe auch nur eine Sekunde aus dem Blick zu verlieren. Es war nicht das erste Mal, daß der Hund einem Mann mit einem Schwert in der Hand gegenüberstand, begriff Skar. Wahrscheinlich war er lange und ausdauernd trainiert worden, um gerade mit solchen Gegnern fertig zu werden.

Skar kroch weiter, richtete sich vorsichtig auf und spürte Hitze wie eine schmerzhaft-prickelnde Berührung im Rücken. Er hatte das Feuer erreicht. Behutsam verlagerte er sein Körpergewicht, bis er halb aufrecht saß, das verletzte Bein schützend unter den Körper gezogen. Die Spitze des Tschekal deutete weiter auf einen Punkt direkt zwischen den Augen des Hundes, während seine freie Hand im Schnee grub, nach einem Stein oder irgend etwas suchte, was er nach dem Tier schleudern konnte, um seine Aufmerksamkeit für einen Sekundenbruchteil von der Waffe abzulenken. Eine Sekunde, dachte er verzweifelt. Er brauchte eine Sekunde, die Dauer eines Lidzuckens – oder eines schnellen, mit aller Kraft geführten Stiches.

Der Hund gab sie ihm nicht. Er knurrte drohend, bewegte sich vor Skar auf und ab und suchte nach einer Lücke in seiner Deckung, irgendeiner Blöße, die er sich gab. Seine Lefzen waren so weit hochgezogen, daß Skar sein rosiges Zahnfleisch erkennen konnte – und die fast fingerlangen, dolchspitzen Reißzähne, die nur darauf warteten, sich in seine Kehle zu graben. Die Pfoten des Tieres wühlten im Schnee, suchten nach festem Halt, um sich abzustoßen.

Hätte er noch die Kraft dazu gehabt, hätte er vielleicht gelacht – er hatte einen Satai besiegt und drei gigantische Quorrl, und dieser verdammte, Hund würde ihn jetzt töten, wenn kein Wunder geschah! Es war absurd.

Der Hund kam näher. Seine nackte Rute peitschte nervös. Geifer troff aus seinem Maul und vermischte sich mit dem Blut im Schnee. Jeder Muskel im Leib des Hundes war angespannt. Aber er sprang noch nicht. Er war klug, dachte Skar; viel klüger als jeder andere Hund, dem er bisher begegnet war. Der Mann, der ihn trainiert hatte, mußte ein wahrer Meister seines Faches gewesen sein.

Endlich ertastete seine suchende Hand Widerstand. Er spürte Hitze, zog die Finger instinktiv zurück und griff noch einmal zu, ohne auf den Schmerz zu achten. Der Hund legte zornig die Ohren an den Schädel, als er den brennenden Ast sah, den Skar aus dem Feuer zerrte. Er spürte die Gefahr.

Vorsichtig richtete Skar sich auf, so weit es sein verletztes Bein zuließ, breitete die Arme aus und schwenkte den brennenden Ast vor dem Gesicht des Hundes hin und her; gleichzeitig bewegte sich das Tschekal in seiner Rechten ein Stück nach oben, fort aus dem direkten Blickwinkel des Tieres und in eine Richtung, aus der es keinen unmittelbaren Angriff erwarten würde. Dann begann er, die improvisierte Fackel langsam von rechts nach links zu schwenken.

Der Trick funktionierte nicht. Der Hund fiel nicht darauf herein. Sein Blick folgte zwar dem brennenden Stock, aber er wich gleichzeitig ein Stück zurück – lange nicht so weit, daß er Skar nicht mehr mit einem einzigen Satz erreichen konnte, aber weit genug, um aus der Reichweite des Schwertes zu sein.

Skar fluchte lautlos in sich hinein. Wäre sein Bein in Ordnung gewesen, hätte er einen Sprung riskiert. Aber so …

Er senkte den brennenden Stock ein wenig. Der Hund knurrte, sprang auf ihn zu und prallte mitten in der Bewegung zurück, als Skar die Fackel wieder hob und nach seiner Schnauze stieß. Ein paar glühende Funken berührten seine empfindliche Nase. Das Tier heulte auf, sprang zur Seite – und federte mit einer schier unmöglichen, verdrehten Bewegung auf Skar zu, wie eine mißgestaltete Katze mit gekrümmtem Buckel direkt aus dem Stand hochspringend, die Vordertatzen weit ausgestreckt, um ihn zu Boden zu stoßen.

Skar warf sich zur Seite, bog verzweifelt den Kopf zurück und schlug gleichzeitig mit Stock und Schwert zu. Seine Fackel verfehlte den Hund, aber das Schwert traf seinen Hinterlauf und trennte ihn dicht über der Pfote ab. Aus dem aggressiven Knurren des Hundes wurde ein schrilles, schmerzgepeinigtes Jaulen. Warmes Blut besudelte Skars Beine.

Aber im gleichen Moment trafen seine Tatzen Skars Brust mit der Wucht von Faustschlägen. Ein gewaltiges, zahnbewehrtes Maul klappte vor Skars Augen zu wie eine Bärenfalle, dann begrub ihn der Hund mit seinem gesamten Körpergewicht unter sich, nagelte seine Schultern mit Pranken am Boden fest und schnappte abermals nach seiner Kehle. Diesmal rissen die mörderischen Zähne ein Stück Haut aus seinem Hals.

Skar ließ seine Waffe fallen, packte den häßlichen Hundeschädel mit beiden Händen und drückte ihn mit aller Gewalt zurück. Gleichzeitig versuchte er das Knie anzuziehen, um es dem Ungeheuer in den empfindlichen Leib zu stoßen; sein linker, unverletzter Fuß trat nach dem verstümmelten Hinterlauf des Ungeheuers. Aber der Hund war zu schwer, und sein gebrochenes Bein meldete sich mit wütenden Schmerzen.

Mit der Kraft der Verzweiflung drückte Skar den Kopf des Tieres zurück, mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger seine Lefzen zurückreißend, bis seine Mundwinkel rissen und Blut aus seiner Schnauze lief. Gleichzeitig versuchte er, mit den Mittelfingern nach den Augen des Hundes zu tasten, um sie auszudrücken. Die mörderischen Fänge waren noch zwei Handbreit von seinen Augen entfernt. Heißer, nach Aas stinkender Atem schlug Skar ins Gesicht. Der Hund brach immer wieder in den Hinterläufen zusammen, heißes, klebriges Blut lief an Skars Beinen herab; das des Hundes und sein eigenes, denn die unverletzte Tatze des Ungeheuers riß seine Haut auf wie mit Messern. Der Schmerz trieb ihn an den Rand der Besinnungslosigkeit.

Und er spürte, wie sich das geifernde Maul des Bluthundes wieder seiner Kehle näherte. Die Bestie tobte. Schmerz und Wut gaben ihr zusätzliche Kraft, und sie kämpfte wie ein rasendes Tier, das keine Rücksicht mehr auf sich selbst nahm. Langsam, aber unbarmherzig wurden seine Hände zurückgedrängt. Das Gewicht des Hundes begann ihm den Atem abzuschnüren.

Details

Seiten
302
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958244375
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309481
Schlagworte
eBook Fantasy Abenteur Action Dystopie Kultroman Helden

Autor

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Titel: Enwor - Band 6: Die Rückkehr der Götter