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Seitenwechsel

Roman

2015 436 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Manchmal ist Rache süß. Nach dreizehn Jahren Ehe hat Millie Verdell die Nase gestrichen voll. Sie kann die ewigen Betrügereien ihres Ehemanns Frederik nicht mehr ertragen. Als sie den Schuft in der Einfahrt stehen sieht, kommt ihr blitzschnell eine Idee: Wozu sind Landrover denn sonst auch gut …? Für die Polizei ist der Fall klar: Defekte Handbremse plus schwerer Wagen ergibt tragischen Unfall. Doch für Kommissarin Katja Bergheim geht die Rechnung nicht auf – schon weil der Überrollte niemand anderer war als ihr verflossener Liebhaber …

Über die Autorin:

Bevor Angelika Buscha Krimi-Komödien schrieb, arbeitete sie als Journalistin für diverse Magazine. Sie lebt in Hamburg.

Angelika Buscha veröffentlichte bei dotbooks bereits ihre Romane Mein Mann, der Liebhaber und der Tote im Garten
Wie der Tod so spielt

Die Autorin im Internet: www.facebook.com/angelika.buscha

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Neuausgabe Dezember 2015

Copyright © der Originalausgabe 2004 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, www.atelier-seidel.de

Titelbildabbildung: istockphoto/amenic181; Robert Klein

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-405-4

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Angelika Buscha

Seitenwechsel

Roman

dotbooks.

1. Kapitel

Millie Verdell hatte einen Mord begangen. Am 26. Juni 2001, mittags um zwölf Uhr sechsundzwanzig, hatte sie ihren Mann, den dreiundfünfzigjährigen Kunsthistoriker und Professor Frederik Mohnteufel-Verdell, mit dem Auto überfahren. Mit seinem Auto, einem Landrover mit Allradantrieb, den der Professor seit zwölf Jahren fuhr und dessen Handbremse tückisch hakte. Der Defekt war allgemein bekannt. Freunden ebenso wie den Mitarbeitern der Vertragswerkstatt und selbst Millie, die von technischen Dingen gemeinhin keine Ahnung hatte, war der Zustand der Bremse nicht verborgen geblieben.

Millie hatte lange Abende darüber nachgegrübelt, wie sie sich des Mannes entledigen konnte. Sie hatte in einschlägiger Fachliteratur nach Giften gefahndet, die nicht nachweisbar waren, diese Idee jedoch wieder zu den Akten gelegt, da sie sich außer Stande sah, exotische Gifte oder Giftpflanzen zu beschaffen, ohne Spuren zu hinterlassen. Für ein derart logistisch ausgefeiltes Unternehmen fehlte ihr das notwendige Quäntchen an Ausdauer und krimineller Energie.

Eine weitere Möglichkeit hatte sie in der Verabreichung einer Überdosis Schlafmittel gesehen, doch auch von diesem Vorhaben ließ sie ab, als ihr durch Recherchen in medizinischen Fachblättern klar wurde, dass schon so mancher potenzielle Selbstmordkandidat mit schaurigen Störungen des vegetativen Nervensystems überlebt hatte. Es war nicht auszuschließen, dass Professor Frederik Mohnteufel-Verdell als Pflegefall überlebte, und das wollte sich Millie auf gar keinen Fall antun.

An einem anderen Abend, es mochte Ende April gewesen sein und ein handfester Streit hatte mal wieder ihren Seelenfrieden ramponiert, hatte sie überlegt, ihm Luft zu spritzen, um dadurch einen Gehirnschlag herbeizuführen. Allerdings wusste Millie zum einen nicht, wie sie den Weinliebhaber dazu bewegen konnte, bis zur Besinnungslosigkeit zu trinken, damit sie ihm die Spritze unauffällig setzen konnte. Zum anderen war ihr der Gedanke unheimlich, mit einer Spritze zu hantieren. Sie hatte keine Ahnung, wie man eine Spritze setzt, und hätte üben müssen. Doch an wem? An sich? Im Leben nicht. Den Schmerzen eines unprofessionellen Stichs würde sie sich freiwillig niemals aussetzen. Schweren Herzens, denn irgendwie schien ihr diese Art des Sterbens sauber, effektiv und sicher zu sein, hatte sie auch diese Todesursache ausgeschlossen.

Und dann, ungefähr Mitte Mai, war ihr die Handbremse eingefallen – und Frederiks Marotte, nie den Gang einzulegen, wenn er sein Auto abstellte. Er zog einfach die Handbremse an. Sie verweigerte jedoch ein geschmeidiges Einrasten, weshalb man kräftig nachziehen musste, um sie festzustellen. Eine Macke, die der Rover von Beginn an besaß und die kein Werkstattmechaniker jemals in den Griff bekommen hatte.

Versäumte man diesen Ruck, konnte es passieren, dass sich das Auto verselbstständigte und losrollte. Nach dreimaligen Reparaturversuchen hatte Professor Frederik Mohnteufel-Verdell entnervt aufgegeben und sich damit abgefunden, dass sein Lieblingsauto einen Defekt besaß.

Millie hatte sich an jenem Abend im Mai sehr deutlich an einen fünf Jahre zurückliegenden Urlaub in Südengland erinnert, bei dem sie den Landrover auf einer leicht abschüssigen Straße in Southampton geparkt hatten, um spazieren zu gehen. Leider rollte ihnen das Auto hinterher und demolierte dabei einen Mini, indem er ihn auf einen VW Golf schob. Dessen Anhängerkupplung bohrte sich in den Kühlergrill des kleinen Gefährts und führte dadurch zu einem Totalschaden. Das Kühlaggregat war demoliert, der Motor ramponiert und die Karosserie komplett verzogen. Bei dem Golf war lediglich die Stoßstange eingedrückt. Der Schaden belief sich auf 4000 Euro, exakt die Summe, die der Mini nach Schätzung des Gutachters zum damaligen Zeitpunkt wert war. Der vierundsechzigjährige Besitzer wurde eine Stunde nach dem Unfall mit einem Nervenzusammenbruch in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Millie fand diese Reaktion reichlich übertrieben, denn wer außer einem Eigenbrötler oder Irren bekam von einem kaputten Auto schon einen Nervenzusammenbruch? Bei näherer Überlegung jedoch empfand sie eine gewisse Schuld an dem Zusammenbruch des Mannes. Er schien an seinem Auto so gehangen zu haben wie andere Leute an ihren Kindern oder an der ersten großen Liebe. Jedenfalls schloss Millie das aus dem Namen »Lovelady«, der in goldenen Lettern auf der Heckscheibe geleuchtet hatte, bevor der Landrover sie zertrümmerte. Schuldbewusst hatte Millie dem Mann am nächsten Tag einen prächtigen Blumenstrauß in die Klinik gebracht, war aber von der Dienst habenden Krankenschwester abgewiesen worden, da der Patient der Ruhe bedürfe und ihr Besuch ihn nur unnötig aufrege. Sie gab die Blumen in der Klinik ab. Die Versicherung war anstandslos für den Schaden aufgekommen und seither hatten sie nie wieder etwas von dem Mann gehört.

An jenem Abend im Mai also hatte sich Millie an die Geschichte mit dem Mini erinnert, und ihr war der Gedanke gekommen, Frederiks Landrover in die Tiefgarage unter dem Haus rollen zu lassen und ihn zu überfahren. Es war ihr einfach und nahe liegend erschienen. Als sie sich Frederiks entsetztes Gesicht vorstellte, wenn er erkennen würde, dass das Auto unausweichlich auf ihn zukam und sie am Steuer saß, lachte sie auf.

Allerdings hatte es noch fast sechs Wochen gedauert, bis sich eine passende Gelegenheit fand, wodurch Millies ohnehin nur mangelhaft ausgebildete Geduld auf eine harte Probe gestellt worden war. Sie musste einen ihrer freien Tage abpassen, an denen sie nicht im Büro weilte, und zugleich musste Frederik über die Tiefgarage das Haus betreten, was selten genug geschah.

An diesem Mittwoch nun, einem angenehm warmen Sommertag, kam Frederik mittags überraschend nach Hause und stellte das Auto auf der Zufahrt zur Tiefgarage ab, wie er es immer zu tun pflegte, wenn er noch einmal weg wollte. Er öffnete die Garagentür mit der Fernbedienung und eilte die abschüssige Zufahrt zur Garage hinab, um ins Haus zu gelangen.

Frederik bemerkte Millie nicht. Sie hockte am Ende des Grundstücks zwischen ihren Rosenbüschen und lockerte mit einer kleinen Forke die Erde. Selbstverständlich machte Millie sich auch nicht bemerkbar.

Kaum war ihr Mann in der Garage verschwunden, lief Millie entschlossen auf das Haus zu. Sie tauschte die Gartenclogs mit den Sandalen, die sie vor der Haustür zurückgelassen hatte, eilte zum Wagen, verschanzte sich darin, ließ das Fenster herunter, um besser zu hören, wann ihr Ehemann die Garage wieder betrat, und wartete auf sein Erscheinen.

Da Frederik glaubte, Millie wäre nicht daheim, würde er die Tür, die vom Treppenhaus zur Garage führte, beim Verlassen des Hauses verschließen. Bei so manch anderem Menschen hätte Millie sich vielleicht nicht darauf verlassen können, jedoch bei Frederik durfte sie sicher sein. Er war ein Pedant und ein Ordnungsfanatiker, was Millie zu Beginn ihrer Ehe noch fasziniert, sich aber zunehmend zu einem Ärgernis ausgewachsen hatte. Diesmal allerdings kam Millie die Pedanterie ihres Gatten gerade recht.

Dass Frederik Mohnteufel-Verdell glaubte, seine Frau wäre einkaufen, hatte sie dem Umstand zu verdanken, dass ihr eigenes Auto nicht in der Garage stand, sondern in der Werkstatt zur Inspektion war.

Theoretisch hätte Frederik es wissen müssen, denn Millie hatte ihrem Mann beim Frühstück von der Inspektion erzählt. Praktisch jedoch hatte er nicht zugehört. Da er von Zeit zu Zeit – und in den letzten Monaten immer häufiger – mit seinen Gedanken nicht bei Millie, sondern bei seiner Geliebten weilte, war ihm entgangen, was seine Frau gesagt hatte.

Frederiks Unaufmerksamkeit an jenem Morgen war nur eine von vielen Nachlässigkeiten, die Millie in den letzten Jahren ihrer Ehe zähneknirschend zur Kenntnis genommen hatte. Zu Frederiks Schaden wuchs sich diese Unaufmerksamkeit nun jedoch zu einem Fehler mit irreparablen Folgen aus, für den er allerdings selbst einzustehen hatte. Jedenfalls nach Millies Meinung.

Frederik hatte in seinem Leben viele Freundinnen verschlissen, und er gab diese Leidenschaft für Frauen auch nicht auf, als er Millie dreizehn Jahre zuvor heiratete. Er hatte es hoch und heilig versprochen, und sein Geist mochte willig sein, das testosterongesteuerte Fleisch jedoch war schwach. Für Millie eine Katastrophe, glaubte sie doch fest, Treue sei in einer Ehe unerlässlich. Mal abgesehen davon, dass eine Konkurrentin ein Tiefschlag für ihr Ego war.

Millie hatte Frederik in diesen dreizehn Jahren bereits dreimal mit einer anderen Frau ertappt, jedes Mal also einen Tiefschlag eingesteckt. Erwischte sie den Herrn Professor, führte das zwar jedes Mal zu heiligen Treueschwüren seinerseits, jedoch lediglich übergangsweise zu Handlungskonsequenzen.

Im Übrigen musste Millie nicht schnüffeln, um dem Herrn Professor auf die Schliche zu kommen. Sie konnte sich auf seine Pedanterie verlassen.– ein Charakterzug, der bei Frederik zu erheblichen Fehlern führte, als es darum ging, seine außerehelichen Freizeitbeschäftigungen erfolgreich zu tarnen. Frederik bewahrte nämlich sämtliche Rechnungen auf, um sie beim Finanzamt abzusetzen. Als er Millie eines Tages bat, seinen Aktenkoffer zum Schuster zu bringen, um eine aufgeplatzte Naht reparieren zu lassen, machte der Schuster Millie auf eine Rechnung aufmerksam, die sich in der Naht verfangen hatte. Eine Hotelrechung für ein Doppelzimmer. Das war die erste Affäre, von der Millie erfuhr. Das zweite Mal ließ Frederik zwei Rechnungen vom Blumenhändler unübersehbar auf seinem Schreibtisch liegen, um sie später beim Finanzamt als Werbungskosten zu deklarieren. Die Blumen waren definitiv nicht für Millie bestimmt gewesen. Frederik hatte Lilien verschenkt. Millie hasste Lilien und sie hatte auch nie welche bekommen.

Das dritte Mal hatte zwar nichts mit des Professors Pedanterie, allerdings eine Menge mit Dummheit zu tun, die in seinem Fall wohl aus einem gewissen verliebten Leichtsinn erwuchs.

Frederik begab sich nämlich Anfang des Jahres angeblich auf eine Dienstreise und Millies Busenfreundin Rosel sah ihn just an diesem Tag an einer Kreuzung in seinem Auto. Neben ihm auf dem Beifahrersitz saß eine attraktive Frau, die dem Professor gerade liebevoll durchs wohlfrisierte Haupthaar strich.

Als Millie davon erfuhr – und das war exakt drei Minuten, nachdem Rosel Frederik erkannt hatte –, rief sie ihn über sein Handy an und forderte, er solle sofort, aber pronto, nach Hause kommen. Dem Professor schwante Fürchterliches, und er kam, und zwar innerhalb einer knappen halben Stunde.

Hatte Millie ihn ertappt, verlor sie die Beherrschung, schäumte, tobte, weinte. Sie warf mit Weingläsern und drohte mit einem Buttermesser. Ja, sie hatte Frederik beim dritten Mal sogar eine geknallt, als der wie ein begossener Pudel ins Haus geschlichen kam. Vor Schreck war der Mann auf die Couch im Wohnzimmer gefallen und zusammengerutscht, die Beine wie ein Kleinkind an den Körper gezogen. Er rieb sich die Wange und starrte verstört durch seine Brillengläser.

Millies Schlag hatte ihn paralysiert, was Millie als Erfolg wertete, gelang es ihr doch nur selten, den Herrn Professor so in die Enge zu treiben, dass er sie anstarrte wie das Kaninchen die Schlange.

Millie rang ihrem Mann auch beim dritten Mal tapfer und unnachgiebig das Versprechen ab, diese Affäre umgehend zu beenden. Er versprach es wie stets, um sich wie stets nicht daran zu halten.

Zunächst einmal verbrachte er den Tag krank im Bett, was nicht gerade Lobenswertes über seine physische Konstitution verriet. Immerhin konnte er dadurch einen Tag Zeit schinden und nutzte diesen Aufschub nach Millies Meinung dazu, um sich einen Plan zu erarbeiten, denn nichts liebte der Herr Professor so sehr wie das Erstellen von Plänen. Millie mutmaßte also, Frederik habe sich genauestens überlegt, wie er es einrichten konnte, sowohl Millie als auch seine Geliebte zu behalten.

Das wurde Millie allerdings erst ein paar Wochen später klar, als er abends gegen acht Uhr nach Hause kam und zu ihrem Leidwesen nach »Miss Dior« roch. Sie stellte ihn zur Rede, ganz ruhig dieses eine Mal, denn inzwischen hatte sie entgegen ihrer impulsiven Art ebenfalls einen Plan geschmiedet.

Dieser Plan hatte allerdings nichts mit einer Trennung zu tun. Blauäugig und schwer verliebt hatte Millie einst einen Ehevertrag unterschrieben, bei dem sie sehr schlecht wegkam. Nach einer Scheidung müsste sie das gemietete Haus verlassen. Das konnte Millie tolerieren. Damit verbunden war jedoch, dass sie auch ihren Garten aufgeben müsste. Und das nahm sie nicht hin. Unter keinen Umständen. Mal abgesehen davon, dass ihr bescheidenes Gehalt ihr ein nur mäßig luxuriöses Leben sicherte. Außerdem empfand sie eine Scheidung als viel zu komfortabel für einen Mann, der ihr mit seiner Pedanterie und seinem Fremdgehen seit Jahren Qualen bereitet und sich zu allem Übel erdreistet hatte, ihr wiederholt vorzuwerfen, sie sei selbst schuld. Sie hätte sich mehr Mühe geben und ihn häufiger verführen müssen: »Du hättest dir eben Spitzendessous kaufen sollen, statt in dieser langweiligen Sportunterwäsche durch die Gegend zu laufen.«.

Millie empfand diese Aussage als das Demütigendste, was er jemals zu ihr gesagt hatte. Und das war schon nicht von schlechten Eltern gewesen, bezichtigte er sie doch in etwaigen Streits als intellektuelle Niete, die weder ihr Leben noch ihren Job im Griff hatte. Solche Attacken hatte Millie ja noch weggesteckt, wenn auch deprimiert. Aber dass ihre Unterwäsche schuld sein sollte an seinen Seitensprüngen, das ging entschieden zu weit. Zumal der Herr Professor – Liebschaften hin oder her – darauf bestand, jeden Samstag zwischen zweiundzwanzig und zweiundzwanzig Uhr dreißig mit ihr zu schlafen. Ganz so, als sei sie ein unaufschiebbarer Termin in seinem Organizer. Millie fand das abartig, gab sich jedoch auf Grund eines gewissen Phlegmas, das ihr angeboren war, und wohl, weil der Sex ihr gefiel, noch jedes Mal geschlagen. Hätte sie jemand nach den Gründen gefragt, hätte sie bei der Antwort kapitulieren müssen. Vielleicht wollte sie zumindest für diese halbe Stunde pro Woche glauben, zwischen ihr und Frederik liefe alles normal.

Jedenfalls war Millie im Verlauf der Zeit an jenen Punkt gelangt, an dem sie beschloss, Frederik müsste aus ihrem Leben verschwinden.

Genau darauf lief es an diesem Sommertag hinaus. Angetan mit ein paar handelsüblichen Latexhandschuhen, saß sie in Frederiks Landrover und wartete darauf, dass der Herr Professor durch die Garage zurückkam.

Millie harrte etwa zwanzig Minuten aus und wollte gerade aussteigen, um nachzusehen, wo ihr Mann geblieben war, als sie das Einrasten der schweren Brandschutztür hörte. Sie löste die Handbremse und der Wagen rollte auf der abschüssigen Zufahrt los. Fast geräuschlos näherte sich das grüne Ungetüm der Tiefgarage, die Frederik, gekleidet in einen seiner neuesten Sommeranzüge, in diesem Moment durchquerte. Da die Garage nur Platz für ein Auto bot, hatte Frederik keine Möglichkeit, dem Wagen auszuweichen, und so blieb er einen Lidschlag lang überrascht stehen, als er den Wagen auf sich zurollen sah. Er hob die Hände, als wollte er das Auto abwehren, doch der Landrover näherte sich ihm unaufhaltsam.

Frederik machte einen Schritt zurück und dann noch einen. Schließlich erstarrte er in der Bewegung, als sein Gehirn realisierte, dass Millie, seine Frau Millie, am Steuer seines Autos saß und – lächelnd und mit einer Hand winkend, während die andere den Rover lenkte – derart auf ihn zu fuhr, dass er unter eines der Räder geraten musste. Beziehungsweise unter zwei, erst unter das Vorderrad und anschließend unter das Hinterrad. So jedenfalls hatte es Millie geplant, und so geschah es nun auch, nachdem Millie in letzter Sekunde aus dem Wagen gesprungen war und sich dicht an die Garagenwand gepresst hatte. Sie lächelte noch immer, auch wenn das Lächeln zu einer Maske gefroren war.

Den Bruchteil einer Sekunde schloss Millie die Augen, als wollte sie dem folgenden Geschehen keinen Zugang in ihr Gedächtnis gewähren. Doch dann schaute sie hin. Gebannt, fast zwanghaft. Im Nachhinein schien ihr, als hätte sie sich vergewissern müssen, dass das Auto tatsächlich über Frederik hinwegrollte.

Der Rover riss Frederik um und fuhr mit seinen zwei Tonnen gnadenlos über den 85 Kilogramm schweren und 1,88 Meter großen Mann hinweg, um schließlich mitten in das Regal zu prallen, das an der hinteren Wand stand und all jene Dinge beherbergte, die man für ein Auto benötigte. Eine Großpackung jener Latex-Handschuhe, die Millie gemeinhin für ihre Gartenarbeit benutzte, lag neben einer elektrischen Reifenpumpe, Wachssprays reihten sich an Frostschutzmittel und Fliegenentferner. Schwämme und Putztücher lagen in einem ehemaligen Farbeimer aus Plastik, der gleich neben dem Handfegeraufsatz für den Gartenschlauch stand. Das Regal ächzte kurz und brach dann unter der Wucht des Aufpralls zusammen. Die Regalbretter fielen samt Inhalt heraus und verstreuten sich auf dem Boden. Plastikkappen lösten sich von den Spraydosen und stoben zusammen mit Poliermitteln, Schwämmen und Schutzmitteln über den Garagenboden. Das Auto prallte schlussendlich gegen die dahinter liegende Wand, um mit einem Ruck stehen zu bleiben.

Das war es.

Millie starrte auf das Regal, das durchaus eine Chance hatte, wieder aufgebaut zu werden.

Ihr Mann besaß keine Chance auf eine Reanimation.

Er war in Sekunden von einer Frau platt gemacht worden, die gerade mal 1,61 Meter maß und ihm mit ihren 55 Kilogramm körperlich ebenso unterlegen war, wie sie es seiner Meinung nach auch geistig stets gewesen war.

Vielleicht hätte Frederik diesen Eindruck nach dem Unfall revidiert, doch er starb schnell und relativ schmerzlos, wenn man davon absah, dass der Landrover erst die Beine erfasste, dann den Unterkörper, und Frederik in dem Moment, als der Rover über seine Genitalien walzte, noch bei vollem Bewusstsein gewesen war.

Millies Blick wanderte zu dem Rover. Vorsichtig, nicht zu schnell, als müssten die Augen dem Verstand eine Schonfrist einräumen, damit der Anblick Millie nicht zu Tode erschreckte.

Es war ein merkwürdiger Moment, als Millies Blick auf die Autoreifen und Felgen auf der ihr zugewandten Seite traf. Sie sahen aus, als käme der Wagen direkt aus einem Schlachthof, während sich in dem porösen Garagenboden, der schlicht zementiert war, das Blut festsetzte, vermischt mit den Knochensplittern, dem Urin und den Gedärmen des honorigen Herrn Professors. Millie hätte nie gedacht, dass ein Mensch so viel Unrat absondern konnte.

Millies Hände suchten in dem unebenen Putz der Mauer nach einem Halt. Dann aber stieß sie sich von der Wand ab und ging beherzt zwei Schritte nach vorn. Verdutzt schaute sie unter das Auto.

»Ach du Scheiße«, entfuhr es ihr, als sie der Schweinerei in ihrem vollen Ausmaß ansichtig wurde. Und schickte ein »Mist« hinterher, als ihr bewusst wurde, dass sie ihren Rachefantasien tatsächlich Leben eingehaucht hatte, indem sie ihrem Mann selbiges genommen hatte. Ein kausaler Zusammenhang, den der Herr Professor sicherlich mit größter Geduld analysiert hätte.

Millie war nicht bewusst gewesen, dass das Ableben ihres Gatten eine derartige Schweinerei nach sich ziehen würde, denn so genau hatte sie nicht über den menschlichen Körperbau nachgedacht. Außerdem hatte sie beileibe nicht vorgehabt, Frederik unerträgliche Schmerzen zu bereiten. Sie wollte ihn lediglich töten. Schnell und unkompliziert. Nun aber hatte sie, zumindest partiell, einen Fehlschlag produziert, was sowohl mit ihren mangelhaften medizinischen Kenntnissen als auch mit ihrer für dieses Unternehmen nur unzureichend entwickelten Fantasie zusammenhing.

Instinktiv wollte Millie sich erheben und die Flucht ergreifen, überlegte es sich im Bruchteil einer Sekunde jedoch anders. Zunächst einmal musste sie die Bremse wieder anziehen, und eine Flucht nutzte ihr nichts, befand Millie nach einem Moment des Nachdenkens. Sie musste die Polizei informieren, wie sie es geplant hatte, und zwar schnell.

Millie zog also vorsichtig die Bremse zurück in den Ausgangszustand, hoffte inständig, sie hatte sie nicht zu sehr angezogen, rannte ins Badezimmer und versuchte krampfhaft, zu weinen. Auch das hatte sie sich vorgenommen. Es musste sein. Für die Glaubwürdigkeit. Und als sie es endlich schaffte, im Gedenken an ihr verpfuschtes Liebesleben und die Schweinerei in der Garage einen Strom Tränen abzusondern, wählte sie eine Nummer. Jedoch nicht die der Polizei.

Millie rief ihre Mutter an. Sie fühlte sich plötzlich entsetzlich einsam und des Trostes ihrer Mutter bedürftig.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine der Stimme nach junge Frau. »Mildlund?«

»Mama? Mama! Ich bin es, Millie. Ich hab ihn umgebracht«, schluchzte sie mit heller Stimme ins Telefon, während ihre Mutter, Rosalind Mildlund, ihren Ohren nicht traute.

»Millie, hör auf mit dem Quatsch. Sag lieber, was los ist.«

»Hab ich doch«, antwortete Millie mit einem quengelnden Unterton, der Rosalind Mildlund an die Zeit von Millies Kindheit erinnerte.

Millie war als Kind nicht einfach gewesen. Vor allem nicht in der ersten Zeit ihrer Scheidung von Millies Vater Anton. Damals war Millie fünf Jahre alt und zog sich in ein großes Schweigen zurück. Allein ihrer haarlosen Gummipuppe Lora vertraute sie ihren Kummer an. Ihre Mutter aber schloss sie von ihrer Trauer aus.

Millies Mutter war ebenso ratlos gewesen wie Millies Großmutter Elisabeth Trautmann, die in jenen Jahren bei Rosalind und Anton im Haus gewohnt hatte. Millies Mutter überlegte, das Mädchen zu einem Therapeuten zu schicken, unterließ es aber nach einem Wutanfall von Großmutter Elisabeth, die meinte, das Mädchen käme schon allein zurecht, wenn man ihr nur genügend Zeit gewährte. Elisabeth Trautmann benutzte auf Grund einer Kinderlähmung im rechten Bein schon seit Jahren einen Stock, den sie bei der Auseinandersetzung durch die Luft schleuderte. Durch den Verlust ihrer Stütze war sie inmitten des Streits und mitten in der Küche wenig elegant zu Boden gefallen. Rosalind war über den fliegenden Stock, der die Küchenlampe demoliert hatte, und die am Boden hockende Elisabeth so erschrocken, dass sie den schlagenden Argumenten ihrer Mutter schließlich ohne Widerrede folgte. Solch ein Verhalten grenzte bei Rosalind Mildlund an ein Wunder, widersprach sie doch gern, häufig und derart automatisch, dass ihr Ex-Ehemann Anton an einen genetischen Defekt geglaubt hatte. Diese irreparable Fehlleistung hatte im Übrigen mit dazu beigetragen, dass er vor Rosalind schließlich die Flucht ergriff.

Rosalind hatte sich der Großmutter also widerwillig gebeugt und entschieden, Millie in Ruhe zu lassen.

Nach ein paar Wochen, in denen in dem Haus eine nervöse Stille herrschte, begann Millie, sich wieder wie ein normales Kind zu verhalten. Sie ging hinaus zu den anderen Kindern, spielte mit den Jungen der Nachbarschaft oder mit ihrer Freundin Rosel. Einzig ein vogelgleiches Trillern war Millie geblieben, das sie immer dann ausstieß, wenn sie hochgradig irritiert oder nervös war.

Während Rosalind Mildlund den Erinnerungen nachhing, wartete Millie am anderen Ende der Leitung auf eine Reaktion.

»Mama? Mama? Hörst du mich? Ich hab ihn erwischt!«

Rosalind schreckte aus ihren Gedanken.

»Kind«, entfuhr es ihr, »bleib wo du bist. Ich komme. Unternimm nichts! Hörst du? Gar nichts. Bleib im Haus, bis ich da bin. In Ordnung? Schaffst du das?«

Die Sätze prasselten aus Rosalind Mildlund heraus, während sie bereits nach dem Autoschlüssel griff und in ihre Schuhe schlüpfte.

Als Millie aufgelegt hatte, traf sie die Endgültigkeit von Frederiks Tod mit einer Heftigkeit, mit der sie nicht gerechnet hatte. Ihren Körper suchte ein heimtückisches Zittern heim, Beine und Knie verkamen zu einer wabbligen Gallertmasse. Es blieb Millie nichts anderes übrig, als den versagenden Beinen nachzugeben und in die Knie zu gehen. Den Telefonhörer noch in der Hand, hockte sie vor dem Tisch und weinte hemmungslos. Schließlich griff sie nach der Tischkante und zog sich schwerfällig hoch, als hätte Frederiks Tod sie im Zeitraffer altern lassen. Millie tastete sich an der Wand des Korridors entlang, schlurfte mit nach vorn geneigtem Oberkörper durch den quadratischen Hausflur, von dem eine Treppe ins obere Stockwerk abging, und trat in die gleißende Helligkeit des Hochsommertages. Instinktiv hob sie eine Hand, um ihre Augen zu schützen, und ließ sich auf die Bank fallen, die gleich rechts neben der Haustür auf einer kleinen Terrasse stand.

Dort wollte sie auf ihre Mutter warten.

Die zierliche und trotz ihrer zweiundsechzig Jahre noch immer attraktive Rosalind Mildlund fuhr zwanzig Minuten später mit quietschenden Reifen in die Auffahrt. In einem engen rosafarbenen Sommer-Kostüm und mit halbhohen, eleganten Schuhen entstieg sie dem Auto und rauschte auf das Haus zu. Die Absätze klackten hektisch auf den Platten der Zufahrt, während ihre dauergewellten, blond gefärbten Haare im Rhythmus der Schritte wippten.

Inzwischen lag Millie, der das Rumsitzen unerträglich geworden war, längst wieder auf den Knien und jätete das Unkraut unter ihren englischen Rosen. Sie trug auch längst wieder ihre Gartenclogs.

»Millie!« Wenngleich Millie ihre Mutter hatte kommen hören, zuckte sie bei Rosalinds Stimme zusammen, als wäre sie noch immer das kleine Mädchen, das erschrocken auf eine mütterliche Zurechtweisung wartete.

Millie blickte im Gegenlicht der Sonne blinzelnd auf und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Mama? Verzeih, ich fürchte, ich sehe etwas unordentlich aus.«

»Millie!«, entfuhr es Rosalind im gestrengen Ton einstiger Kindertage. »Was hast du dir nur bei diesem Anruf gedacht? Du hast mich zu Tode erschreckt.«

Millie antwortete nicht. Sie erhob sich, rieb ihre Hände mit den erdverschmutzten Handschuhen aneinander und bedeutete ihrer Mutter, sie möge ihr folgen. Sie ging schweigend und ohne zu zögern in Richtung Garagenzufahrt, vor der sie verharrte.

Rosalind Mildlund war ihrer Tochter gefolgt und blieb neben ihr an der Zufahrt stehen.

»Ja, und?«, fragte sie, als Millie mit der Hand nach unten wies, wo im diffusen Licht der Garage lediglich das Heck des Rovers zu erkennen war.

»Er ist da unten.«

Rosalind Mildlunds Schuhe trommelten hektisch auf den Platten, als sie die Zufahrt hinabeilte.

Das Klacken verstummte.

Rosalind starrte in die Garage, starrte über ihre Schulter hinweg auf Millie, die etwa drei Meter hinter ihr stehen geblieben war, und starrte erneut in die Garage. Sie dachte, das könnte nur ein übler Scherz sein. Oder ein Alptraum, aus dem sie sofort erwachen musste.

»Das kannst du nicht gewesen sein.« Vorsichtig, als könne sich das Auto in Bewegung setzen und auch sie verletzen, betrat sie die Garage. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen und näherte sich dem, was noch kurz zuvor ihr Schwiegersohn gewesen war.

Rosalind war auf diesen Anblick durch nichts vorbereitet.

Es war ihr auf dem Weg zum Haus ihrer Tochter nicht einmal in den Sinn gekommen, dass Millie ihren Mann tatsächlich umgebracht haben könnte. Noch dazu auf eine derart unappetitliche Weise. So etwas geschah vielleicht im Fernsehen, aber doch nicht in der Wirklichkeit. Zumindest nicht in der Wirklichkeit von Rosalind Mildlund, die ihr ganzes Leben lang Wert auf Konventionen und ihren guten Ruf gelegt hatte, weshalb sie sich nie hätte scheiden lassen. Doch das Verhindern ihrer eigenen Scheidung lag damals außerhalb ihres Einflusses, denn Anton, ihr Gatte, hatte sie wegen einer anderen Frau verlassen.

Rosalind musste sich übergeben. Sie drehte sich zur Wand, stützte sich ab und spie auf die weiß gekalkte Fläche. Tränen liefen über ihr Gesicht und zogen dünne Gräben durch das roséfarbene Rouge, das auf ihren Wangen lag. Als sie sich Millie wieder zuwandte, war sie unter ihrem Make-up mindestens ebenso weiß wie der unberührte Teil der Wand.

»Meine Güte, Millie! Wie konnte das passieren?« Rosalind richtete sich auf, zog ihren Rock zurecht und zupfte an den Enden ihrer Kostümjacke. Sie musste etwas tun, irgendetwas, und sei es noch so sinnlos. Sie hatte das unwiderstehliche Bedürfnis, in sich zusammenzusinken oder sich aufzulösen, bis nur noch ein Fettfleck von ihr übrig war.

»Er hat mich betrogen.«

In diesem Moment kam ihre Freundin Rosel gut gelaunt die Garageneinfahrt hinunter auf die zwei Frauen zugeeilt.

»Hallo, wie geht es euch? Ich habe eure Stimmen gehört.« Rosels Stimme erstarb. Die letzten zwei Wörter waren kaum noch zu verstehen. Sie presste die Hände vor den Mund.

»Hallo Rosel.« Millies Stimme klang fast normal. »Erschrick nicht. Frederik hatte einen Unfall.«

»Ach, hör doch auf. Das ist doch Unfug«, unterbrach Rosalind ihre Tochter trotz ihrer üppig fließenden Tränen. Sie nahm ein Taschentuch aus einer ihrer Jackentaschen, putzte sich die Hände ab und betupfte ihre Wangen, das ohnehin fleckige Rouge zu unansehnlichen Ringen verreibend.

Rosel schaute fragend erst zu Millie und dann erschrocken zu Rosalind, deren Tränenfluss abrupt endete.

»Nun gut. Ich habe ihn überfahren«, gestand Millie ihrer besten Freundin und hoffte, sie würde nicht schreiend weglaufen.

Rosel rannte nirgendwohin. Sie schrie nur laut und gellend. Rosalind sprang panisch auf sie zu und hielt ihr mit geübtem Griff den Mund zu.

»Beherrsch dich! Zähl bis zehn. Und dann hör auf. Du schreist ja die ganze Nachbarschaft zusammen.«

So plötzlich wie Rosel zu schreien begonnen hatte, verstummte sie. Sie nickte, und Rosalind nahm ihre Hand von Rosels Mund, aus dem nun ein angestrengtes Keuchen kam, während Rosalind mit sonorer Stimme begann, sich mit Millie zu unterhalten.

»Weshalb hast du das getan?«

»Er hat mich betrogen.« Rosel riss überrascht die Augen auf.

»Aber das ist doch kein Grund für einen Mord!«, erwiderte Rosalind. »Und außerdem haben Omili und ich dir immer gesagt, dass der Mann nicht viel taugt.« Rosalinds üppiger Busen, der in keinem Verhältnis zu ihrer ansonsten zarten Statur stand und bereits vor Jahr und Tag durch ein kostspieliges Silikonimplantat zu praller Größe aufgeblasen worden war, wogte unter einem viel zu engen T-Shirt auf und nieder.

»Es ist ein Grund. Doch! Er hat es immer wieder getan«, stieß Millie hervor. »Und dabei hatte er versprochen, mich nicht mehr zu hintergehen.«

»Meine Güte, Kind, dein Vater hat mich acht Jahre lang betrogen und ich plante trotzdem keinen …« – Rosalind stockte und schüttelte den Kopf – »… Mord.«

»Ich habe ihn nicht ermordet«, kam es störrisch aus Millies Mund.

»Und wie nennst du das hier?«

»Ich weiß es nicht.« Millie schluchzte auf. »Einen Unfall?«

Sie hob den Kopf und sah ihre Mutter Hilfe suchend an. Doch die hatte Rosel fest im Blick.

»Ich weiß doch auch nicht«, nuschelte Rosel. »Aber Sie sollten sich auf jeden Fall das Make-up richten. Sie sehen ganz verheult aus.«

»Das mag sein. Wir sollten einen Kaffee trinken. Oder besser einen Johanniskraut-Tee. Den haben wir, glaube ich, alle nötig.« Rosalind nahm Rosels Hand, drehte sich um und zog Rosel an Millie vorbei Richtung Haus.

Millie folgte ihnen.

Während das Teewasser kochte, richtete sich Rosalind im Bad her, wobei sie sich eine neue üppige Ladung Rouge und Puder gönnte, frei nach dem Motto »Viel hilft viel«. Sie übersah konsequent, dass weniger mitunter mehr war und die kreisrunden Rougeflecke mit den harten Übergängen sie wie einen Zirkusclown aussehen ließen.

Während ihre Mutter im Bad also mit Rougedose und Puderquaste kämpfte, ließ Millie sich auf einen der Küchenstühle fallen. Sie streckte die Arme über den Tisch aus und legte erschöpft ihren Kopf darauf. Rosel schwieg. Sie war zu verstört, um einen klaren Gedanken zu fassen.

»Was hast du dir bloß dabei gedacht«, begann Rosalind, nachdem sie aus dem Bad zurückgekommen war und den Tee aufgebrüht hatte. »Du kannst doch nicht einfach hergehen und deinen Mann überfahren.«

»Er hat mich gedemütigt.« Millie richtete den Kopf auf. Ein Sturzbach von Tränen lief ihr über das Gesicht.

Rosalind betrachtete ihre Tochter nachdenklich.

Sie fragte sich, was bei Millie schief gelaufen und ob sie noch ganz bei sich war. Nun gut, Millie war ein Scheidungskind. Aber das waren Tausende anderer auch. Und sie hatte es nicht leicht gehabt mit ihr, ihrer Mutter. Rosalind hatte die ganzen Jahre über als Krankenschwester gearbeitet. Sie hatte sich vielleicht nicht so um Millie kümmern können wie andere Mütter. Aber Millie bekam immer Hilfe, wenn sie sie brauchte. Fand jedenfalls Rosalind und kam zu dem Ergebnis, dass Millie dazu neigte, ein wenig überspannt zu reagieren, und dass es das Beste war, Millie zu einem Therapeuten zu schicken.

Natürlich zu gegebener Zeit. An diesem Nachmittag hatten sie andere Probleme zu lösen. Pragmatischere. Zum Beispiel, was man mit einem Schwiegersohn anstellte, der morgens noch putzmunter gewesen war und mittags platt gefahren in der Garage lag.

»Und was machen wir jetzt mit Frederik?«, fragte Rosalind.

Rosel schwieg. Millie zuckte ratlos mit den Achseln.

Nun, da sie die Tat vollbracht hatte, begriff Millie ihre Mordswut auch nicht mehr recht. Sie hatte geglaubt, sie würde Stolz empfinden über die Konsequenz, mit der sie ihren Plan verwirklicht hatte, gehörte Konsequenz doch nicht gerade zu ihren bevorzugten Charaktereigenschaften. Zumindest aber hatte sie ein Gefühl der Genugtuung erwartet, weil sie sich an einem Mann rächte, der sie über Jahre demütigte mit seinen Frauen und seiner hochmütigen Art. Schon allein, wie er sie angeblickt hatte, wenn sie ihn etwas fragte, was ihr unverständlich geblieben war. In solchen Momenten hatte sein Blick auf ihr geruht, als ob er sich in aller Stille fragte, welchen Grad von Schwachsinn seine Frau erreicht hatte.

Wider Erwarten jedoch empfand Millie nichts Erhebendes. Keinen Triumph, keine Genugtuung, kein Aufatmen, es endlich hinter sich gebracht zu haben.

Millie empfand Angst. Übermächtige, hinterhältige Angst fraß sich durch ihren Körper und vernebelte ihren Verstand.

»Ruf einen Krankenwagen.«

»Mama! Willst du, dass ich den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringe?« Millie war sich längst nicht mehr sicher, ob es eine schlaue Idee war, den Notarzt hinzuzuziehen, der garantiert die Polizei einschalten würde.

»Kind. Es sieht doch wirklich aus wie ein Unfall und das wird dir auch jeder glauben.«

»Und wenn nicht?«, insistierte die Tochter.

»Ja, und wenn nicht?«, fragte nun auch Rosel.

»Weshalb soll man ihr nicht glauben? Die Bremse ist defekt, Millie war im Garten und das Auto rollte los. Warum soll man ihr unterstellen, sie hätte etwas damit zu tun? Das ist doch völlig absurd.« Rosalind betrachtete die beiden Freundinnen und registrierte in deren Blicken Skepsis. Skepsis hatte es jedoch nicht zu geben, wenn Rosalind Mildlund einen Geistesblitz abschoss. Dennoch sah sie sich genötigt, ihren Joker auszuspielen. »Dann fahrt doch nach Ohlsdorf und fragt Omili, wenn ihr mir nicht glaubt.«

»Mama, ist ja schon gut«, erwiderte Millie, die die Empfindlichkeit ihrer Mutter bestens kannte. Wenn Rosalind mit der Großmutter auftrumpfte, dann hatte sie gerade einen besonders unleidlichen Moment, und man tat gut daran, ihr entweder Recht zu geben oder schnellstens das Thema zu wechseln. Deshalb fragte Millie: »Und wie soll ich begründen, dass ich die erst jetzt anrufe?«

»Du hattest einen Schock. Das wird jeder halbwegs psychologisch geschulte Polizist verstehen. Du hast erst mich angerufen und dann gewartet. Ich fand dich komplett paralysiert vor. Ist ja auch wahr. Und dann kam zufällig Rosel, und dann mussten wir sie beruhigen, und deshalb rufen wir eben jetzt erst an.«

»Meinst du, das klappt?«

Rosalind war sich nicht sicher, ob es klappte, sah jedoch keine Alternative. Sie empfahl Millie bündig, sich auf ihren ursprünglichen Plan zu verlassen. Habe Frederik doch immer gepredigt, oder? Und nun könne sie beweisen, dass sie seine Ratschläge ernst genommen habe.

Wozu wären Pläne sonst auch gut?

Während Mutter und Tochter noch diskutierten, zog sich Rosel erneut in ein beunruhigendes Schweigen zurück.

Schließlich griff Millie Verdell um dreizehn Uhr fünfunddreißig zum Telefonhörer und wählte die Rufnummer 110.

2. Kapitel

Katja Bergheim betrat die Hamburger Mordkommission wie jeden Tag in den letzten vierzehn Jahren um Punkt acht Uhr und stöhnte auf, als sie den Postberg auf ihrem Schreibtisch sah. Sie ignorierte ihn fürs Erste, ging hinüber zur Kaffeemaschine, die auf einem kleinen Bürotisch stand, und kochte eine Kanne Kaffee. Es war ein unausgesprochenes Abkommen zwischen ihr, ihrem Kollegen Franz Markwart und ihrer gemeinsamen Assistentin Marie Overlut, dass derjenige den Morgenkaffee kochte, der als Erster das Büro betrat. Meistens traf es Katja Bergheim.

Die Kriminalhauptkommissarin war ein Frühaufsteher, allerdings einer der unfreiwilligen Art. Es war relativ gleichgültig, wann sie abends zuvor ins Bett kam, ob um halb zwölf oder um zwei Uhr nachts. Pünktlich um sechs Uhr dreißig wurde sie von einem inneren Wecker geweckt, der so unbestechlich arbeitete, dass sie ihn manches Mal verfluchte. Sie hatte ihn auch heute früh verflucht. Gerade heute früh.

In der Nacht zuvor hatte Katja Bergheim nach dem Genuss einer ganzen Karaffe Rotwein betrunken und mit vornübergefallenem Kopf auf der weißen Couch in ihrem Wohnzimmer gesessen und jedes Benehmen, auf das sie gemeinhin sehr viel Wert legte, vermissen lassen. Wie sie da mit hängenden Schultern, derangierter Frisur und aufgeknöpfter Bluse sturzbetrunken auf dem Sofa lümmelte, sah sie nicht mehr aus wie Kriminalhauptkommissarin Bergheim, sondern ähnelte einem ausgewrungenen Putzlappen. Sie hatte sich auch so gefühlt, wenngleich die Kommissarin nicht hätte definieren können, wie sich ein ausgewrungener Putzlappen zu fühlen hatte, gehörten Hausarbeiten doch weder zu ihren Stärken noch zu ihren Leidenschaften.

Verantwortlich für dieses nächtliche Desaster war nicht der aktuelle Mordfall, an dem sie gerade arbeitete, sondern ein Mann. Noch dazu ein verheirateter. Katja, optimistisch, wie Frauen nun mal sind, hatte ihn als ihren Lebensabschnittspartner bezeichnet. Wenngleich sie einschränkend zugab, dass der Mann zeitlich und moralisch gebunden war.

Ihr Kollege Franz Markwart hatte den Mann ohne Umschweife als das geoutet, was er tatsächlich war – als Geliebten. Nun hatte der sich klammheimlich von Katja Bergheim verabschiedet, wovon ein Brief zeugte, den er auf der Kommode im Korridor hinterlassen hatte. Ein handgeschriebener Brief. Nachtblaue Tinte auf naturweißem Büttenpapier mit dem geprägten Signet seines Namens. Sehr vornehm. Das immerhin war sie dem Mann wert gewesen.

Keine Andeutung in den letzten Wochen oder Monaten hatte Katja auf den Schock, der sie nach ihrer Heimkehr am vergangenen Abend überrollte, vorbereitet. Vielmehr hatte sie sich in der Sicherheit einer ökonomisch organisierten Lebensgemeinschaft gewiegt, deren Höhen und Tiefen sie als ebenso unabwendbar hinnahm wie die Tatsache, dass der Mann weder für einen Urlaub noch für Wochenenden oder Feiertage zur Verfügung stand. Die gehörten seiner Frau und seinen Kindern Michel und Sonja.

Seinen kryptisch formulierten Briefzeilen entnahm Katja, dass der Herr Professor sie auf ewig achten würde und eine wunderbare Zeit mit ihr verbracht habe. Er habe sich jedoch entgegen seinem Willen entschieden, die Beziehung zu beenden, da seine Kinder ihn brauchten und er dauerhaft nicht auf zwei Hochzeiten tanzen konnte.

Als sie den Brief gelesen hatte, hatte Katja angenommen, ja, gleichsam gehofft, ihr Herz setze aus. Das Herz aber dachte gar nicht daran. Es schlug regelmäßig und kraftvoll. Also musste Alkohol her. So viel, wie sie vertragen konnte oder brauchte, um ins gedankenlose Nichts zu entgleiten.

Als Resultat des nächtlichen Besäufnisses war sie an diesem Mittwochmorgen mit einem Kopf erwacht, der vortäuschte, das Doppelte seines Normalmaßes zu besitzen, und mit dem Wunsch, den Tag in ihrer Biographie ausfallen zu lassen. Das ging nur nicht. Katja Bergheim mochte ihre Aussetzer haben, doch schlussendlich setzte sich ihr preußisches Naturell durch, und so stand sie mit bohrenden Kopfschmerzen an der Kaffeemaschine und hoffte, zumindest noch eine Viertelstunde lang allein zu sein, bevor ihr Kollege den Raum betrat.

Ihre Hoffnung erledigte sich, kaum dass sie die Kaffeemaschine vorbereitet und eine Packung Aspirin mit Vitamin C aus der Schublade ihres Schreibtischs gekramt hatte.

»Hallo, Katja«, begrüßte Franz Markwart sie. Sein Blick fiel auf die Packung Aspirin, die Katja in der Hand hielt. »Gestern gesumpft?«

»Frag nicht.« Katja wandte sich ab und ging ins Nebenzimmer, in dem die Assistentin Marie Overlut die Getränkevorräte in einem Wandschrank lagerte. Katja griff nach einer Flasche Mineralwasser. Sie warf zwei Aspirin in ein Glas, füllte es mit Wasser auf und starrte auf das einsetzende Sprudeln.

Franz Markwart war ihr gefolgt und in der Verbindungstür stehen geblieben.

»Was ist los? Schlechte Laune?«

Normalerweise war Katja Bergheim gut gelaunt und redselig. Doch an diesem Morgen schwieg sie beharrlich.

»Nun komm schon. Sag, was los ist. Hast du Stress?«

Als Katja das Wort Stress hörte, war es mit ihrer Contenance vorbei. Sie reagierte wie jede andere Frau, der das Herz gebrochen wurde, und weinte.

»Was ist denn? Mir kannst du es doch sagen.« Franz berührte Katjas Schulter. Sein Nikotinatem streifte ihre Nase. Dann erst nahm sie den dezenten Geruch seines Aftershaves wahr. Unwillig schüttelte sie die Hand ab und drehte sich zu ihm um.

»Ach du Scheiße«, entfuhr es ihm, als er die verweinten Augen bemerkte. Nervös fummelte er ein Papiertaschentuch aus seiner Hosentasche und reichte es seiner Kollegin. »Du und dein Typ, ihr habt also Stress«, stellte er fest.

Katja presste das Taschentuch an die Augen.

»Nein, haben wir nicht.« Sie schnäuzte sich. »Er ist weg.«

»Wie weg?«

»Na eben weg. Zurück an den heimischen Herd zu seinen Kindern und seiner Frau.«

»Einfach so?«

»Ja. Einfach so. Gestern.«

»Scheiße …« Franz überlegte. »Er muss doch was gesagt haben. Irgendeine Andeutung.«

»Hat er aber nicht.«

Zwischen Schnäuzen und Schluchzen gab sie ihm eine Kurzfassung der Ereignisse. Ihre Stimme klang, als sei ein Dackel in einen Mixer geraten.

»Geh nach Hause, Katja, ich bekomme das heute schon allein hin.«

»Und was soll ich da? Die Wände anstarren? Auf Möbeln Staub wischen, auf denen ich sowieso nie Staub wische, oder was?«

Die Stimme quietschte. Dem Dackel wurde gerade das Bein püriert.

Franz Markwart wunderte sich über die hysterische Tonlage seiner Kollegin. »Ja, aber in dem Zustand kannst du doch nicht arbeiten. Du bist ja völlig von der Rolle.«

»Und weshalb nicht? Diese tote Frau von gestern kommt mir gerade recht«, konterte Katja gereizt und fand zu einer normalen Tonlage zurück. Irgendwie war der unversehrte Rest des Hundes dem Mixer entkommen.

Franz ignorierte Katjas Zynismus. Langjährige Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass es mitunter weiser und nervlich wesentlich unaufwendiger war, ihre Gereiztheit zu übergehen.

Katja setzte das Glas mit dem aufgelösten Aspirin an und trank es in einem Zug aus. Sie schluchzte ein letztes Mal auf und schaute in den Spiegel, den Marie Overlut an der Innenseite der Schranktür angebracht hatte. Ihre Hände zitterten, als sie die verräterischen Mascaraspuren entfernte.

Franz stand dicht hinter Katja und betrachtete ihr Spiegelbild. Wer auch immer die These aufgestellt hat, die Augen seien der Spiegel der Seele, der hat groben Unfug erzählt, dachte er. Ihre Augen sahen verheult aus, aber es spiegelte sich nichts in ihnen.

»Ich kann heute sehr wohl arbeiten.« Katja schaute im Spiegel zu ihm.

»Wenn du meinst.« Franz wandte sich ab, ging zurück in das gemeinsame Büro und zündete sich eine Zigarette an.

Katja folgte ihm und setzte sich an ihren Schreibtisch.

»Und jetzt? Was willst du jetzt machen?«, fragte ihr Kollege zwischen zwei Zügen.

»Woher soll ich das wissen? Als Erstes werde ich den gerichtsmedizinischen Bericht über die gestrige Frauenleiche von Dr. Schalbach lesen.«

»Das meine ich nicht. Der ist auch noch gar nicht da. Ich habe Robert Schalbach eben getroffen. Er hat zwar eine Frühschicht eingelegt, braucht aber noch eine halbe Stunde für die erste Einschätzung. Britta schreibt den Bericht dann. Ich gehe nachher runter und hole ihn.« Franz sah sie an. »Es gibt doch diese Selbsthilfegruppe für verlassene Frauen. Stand neulich in dem Stadtteilmagazin. Erinnerst du dich?«

Die Hauptkommissarin erinnerte sich sehr wohl. Vor allem erinnerte sie sich, wie sie beide über Frauen gelästert hatten, die zu einer Selbsthilfegruppe gingen, um mit dem Verlassensein fertig zu werden.

»Franz …« Katjas Stimme nahm einen warnenden Ton an. »Hör auf mit dem Quatsch. Das ist bescheuert.«

»Aber vielleicht hilft es dir über die ersten Tage hinweg.«

»Ich soll mich zu einem Haufen frustrierter Frauen setzen und mir von denen auch noch die Ohren voll jammern lassen?« Katja schluckte. »Bist du plemplem?«

»Geh da hin. Mir zuliebe, ja?«

»Nein, tue ich nicht. Aber trotzdem danke für den Tipp.«

»Wirst du den Mann anrufen?«

»Ich weiß nicht. Ich denke nicht«, erwiderte Katja langsam. »Was soll ich ihm sagen? Komm zurück? Lass uns von vorn anfangen? Er hat eine Entscheidung getroffen. Und die sieht mich in seiner Lebensplanung nicht mehr vor.«

»Dass du so sachlich sein kannst!« Franz schüttelte den Kopf und paffte eine Rauchwolke in den Raum. »Vergiss übrigens nicht, dass wir nachher zum Chef müssen.«

»Ich weiß schon. Wegen dieser dritten Toten.« Katja kniff die Augen zu einem Spalt zusammen und rieb sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel, als wollte sie ein neuerliches Weinen wegmassieren. »Aber vorher muss ich noch meine Post durchsehen.« Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen und öffnete routiniert einen Brief nach dem anderen.

Gegen zehn Uhr klingelte das Telefon, und Marie Overlut erinnerte Katja daran, dass sie um elf Uhr einen Termin bei ihrem Chef Max Rennemaier hatten.

Katja bedankte sich und arbeitete schweigend weiter.

Franz Markwart beschloss, den gerichtsmedizinischen Bericht zu holen, bevor sie zu Rennemaier gingen. Er lief die fünf Treppen ins Kellergeschoss hinunter, in dem die Pathologie untergebracht war, und traf Doktor Robert Schalbach bei einem Kaffee an.

Der Rechtsmediziner hatte gerade den ersten, vorläufigen Bericht über die Tote, Magdalena Bleile, beendet und gönnte sich eine Pause.

Die Tote war die dritte Frauenleiche in den letzten acht Wochen. Die Presse machte inzwischen reichlich Dampf, weil sämtliche Ermittlungen bislang im Sande verlaufen waren. Der Innensenator persönlich hatte nach dem Auffinden einer zweiten Frauenleiche im Präsidium angerufen und darum gebeten, dem Fall höchste Priorität einzuräumen. Und nun das. Am Abend zuvor hatte ein Spaziergänger die dritte Tote gefunden.

»Hast du etwas Besonderes festgestellt?«, fragte Franz Doktor Robert Schalbach, den er seit elf Jahren kannte.

Schalbach nahm einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse und schüttelte verneinend den Kopf.

»Das Übliche. Keine Vergewaltigung, kein Sperma, keine Fingerabdrücke. Leichte Hautreizungen an den Handgelenken, die von Handschellen herrühren, und das Einstichloch einer Spritze. Die Blutuntersuchung ergab wieder ein Beruhigungsmittel. Rohypnol, wie bei den beiden anderen. Und wenn die Frauen weggedämmert waren, erfolgte der letale Schnitt.«

»Andere Fremdspuren? Haare? Spuren unter den Fingernägeln?«

Schalbach schüttelte verneinend den Kopf. »Klinisch rein.«

»Der Tod trat wieder am späten Nachmittag ein, wie bei den anderen beiden?«

»Zwischen sechzehn und siebzehn Uhr, nehme ich an. Auch wie gehabt. Wegen einer genauen Angabe musst du allerdings noch eine Weile warten.«

»Was meinst du, weshalb der Täter immer erst eine Spritze setzt, bevor er sie umbringt?«

»Na, jedenfalls nicht, um sie danach zu misshandeln. Wahrscheinlich nur, um sie ruhig zu stellen.«

»Aber die sind doch schon durch die Handschellen handlungsunfähig.«

»Vielleicht gefallen ihm schlafende Frauen. Vielleicht ist er ein Voyeur und zieht sich an dem Anblick hoch. Vielleicht will er ja auch, dass sie ihren Tod nicht mitbekommen.«

»Das ist aber doch völlig unüblich. Sexualstraftäter steigern ihre Aggression, steigern die Reize, die sie brauchen, um sich einen runterzuholen.«

»Vielleicht hat der eine ganz ungewöhnliche Selbstkontrolle.«

»Robert, bei allem Respekt: Wir haben es hier nicht mit Sexualstraftaten zu tun. Das glaube ich einfach nicht.«

Franz Markwart nahm den Bericht, den Schalbach ihm reichte.

»Katja glaubt das übrigens auch nicht«, setzte er hinzu, als er schon im Gehen begriffen war.

»Aber verliert dennoch nicht aus den Augen, dass die Frauen alle demselben Typ angehören.«

Markwart stutzte.

»Ende zwanzig bis Mitte dreißig, lange, glatte Haare, zirka einen Meter und siebzig groß, schlank, gut aussehend. Das wäre ein Indiz für eine Serie.«

»Du hast allein stehend vergessen.«

»Die dritte auch?«

Markwart nickte.

Einig waren sich sowohl der Rechtsmediziner als auch Katja Bergheim und Franz Markwart darin, dass es sich um ein und denselben Täter handelte.

Wie Dr. Schalbach erklärte, war das dritte Opfer wie die beiden ersten mit gezielt angesetztem Schnitt zum Durchtrennen des Kehlkopfes, der Luftröhre und der Halsschlagader getötet worden. Zudem bedeutete die einseitige Schwalbenschwanzbildung, dass die Tatwaffe ein Messer war. Die doppelte Ausziehung an nur einem Wundrand wiederum wies darauf hin, dass der Täter das Messer beim Herausziehen etwas gedreht hatte und es somit in einem anderen Schnittwinkel herausgezogen wurde. Dass die Opfer sich möglicherweise selbst bewegt hatten, schied durch den Einsatz des Schlafmittels aus.

Dr. Schalbach hatte anhand verschiedener Messerproben festgestellt, dass die Frauen mit demselben japanischen High-Tech-Messer, für dessen Preis andere Menschen einen Kühlschrank erstanden, getötet worden waren. Dieses handgefertigte Messer besaß eine Titan-Klinge, deren Schärfe und ausgeklügelte Rundung akkurat gesetzte Schnitte garantierte.

Trotzdem waren Katja Bergheim und Franz Markwart nicht einen Schritt weiter gekommen. Das Messer wurde in zwei exklusiven Hamburger Küchenläden geführt und außerdem über einen Edel-Katalog vertrieben. In den Küchenläden hatte in den letzten Monaten niemand ein solches Messer erstanden, und die zwei Kunden, die das Messer aus dem Katalog bestellt hatten, schieden als Verdächtige aus. Ein Besitzer war inzwischen für seine Firma nach China gegangen, und der andere, ein Drei-Sterne-Koch, hatte jedes Mal zur fraglichen Tatzeit in der Küche seines Restaurants gestanden.

Katja beugte sich neugierig über Dr. Schalbachs Bericht, den Franz ihr gegeben hatte, nachdem er ihn zunächst selbst überflogen hatte.

Die dritte Leiche war wie die erste an einem Wegrand im Stadtpark gefunden worden, während die zweite Leiche am Hafen auf einem Containergelände abgelegt worden war. In keinem der Fälle war der Fundort auch der Tatort gewesen, da es trotz der klaffenden Halswunde keinerlei Blutspuren gegeben hatte.

Jedes Mal, wenn Katja Bergheim den Fundort betrat, dachte sie, was für ein groteskes Bild die Frauen abgaben, die theoretisch im Blut schwimmen mussten, deren Körper und Kleidung jedoch nicht einen Blutspritzer aufwiesen. Die dritte Frau war wie die anderen bereits seit Stunden tot gewesen, als sie gefunden wurde. Als Tatzeit kam bei den ersten zwei Frauen ausschließlich der späte Nachmittag des vorangegangenen Tages in Betracht, bei der dritten Leiche derselbe Nachmittag. Wie Schalbach in seinen Obduktionsberichten schrieb, waren alle Frauen zwischen sechzehn und siebzehn Uhr ermordet worden. Darauf verwiesen die bereits eingetretene Leichenstarre zur Zeit ihres Auffindens sowie die rektal gemessene Körpertemperatur. Dr. Schalbach hatte Katja und Franz erklärt, dass bei normalen, mitteleuropäischen Temperaturen die Mastdarmtemperatur pro Stunde gleichmäßig um etwa einen Grad sinkt. Die hochsommerlichen Temperaturen hatten das Einsetzen der Leichenstarre zwar beschleunigt, dennoch kam für Schalbach nur der späte Nachmittag als Tatzeit in Betracht. Darüber hinaus hatte der Zustand der Totenflecke am Hintern der Leichen zu einer genaueren Bestimmung der Todeszeit beigetragen.

Als hätte der Täter eine Uhr gestellt. Bemerkenswerterweise hatte sich keine der Frauen gewehrt. Dr. Schalbach untersuchte die Leichen gründlich, fand aber dennoch keine fremden Hautpartikel unter den Fingernägeln oder irgendwelche Spuren von Gewalt an den Handgelenken.

Alle Opfer waren nach Eintritt des Todes sorgfältig gewaschen worden, einschließlich der Haare, und zwar mit demselben Shampoo. Katja Bergheim fand das ebenso seltsam wie die Tatsache, dass keine der Frauen vor ihrem Tod misshandelt oder missbraucht worden war.

Der Täter hinterließ an den Leichen keine verwertbaren Spuren. Kein Haar, keine Fingerabdrücke, keine Kleiderfusseln. Allerdings hatten die Polizisten einen frisch entkorkten Champagnerkorken in der Nähe der zweiten Leiche im Hafen gefunden, doch von den Champagnerliebhabern fehlte jede Spur. Auch ein paar Kondome hatten sie an einem der Container entdeckt, sogar zwei frisch benutzte. Und ein paar Fasern und Haare hatte die Spurensicherung dort ebenfalls sichergestellt. Sie hatten sogar männliche Fingerabdrücke an den Containern isoliert und mit ihren Karteien verglichen. Leider führten alle Spuren ins Leere.

Die Spurensicherung stellte die Wohnungen der ersten beiden Opfer, der siebenundzwanzigjährigen Sylvia Plausch und der zweiunddreißigjährigen Petra Burghardt, auf den Kopf. Sie fand in der Wohnung Haare und Fingerabdrücke von Männern, mit denen die Frauen befreundet gewesen waren, selbstverständlich die Haare und Abdrücke der Opfer und bei einem Opfer Fingerabdrücke und Haare ihrer Mutter. Das war es dann aber auch.

Sie hatten die Partner der ersten beiden Mordopfer aufgespürt, allerdings verfügten beide über unantastbare Alibis. Der eine war als Maler nachweisbar auf einer Baustelle gewesen, der andere, ein Anwalt, hatte an dem fraglichen Nachmittag Besprechungstermine mit Klienten gehabt.

Katja und Franz hatten Freunde, Hausbewohner und Bekannte der Mordopfer befragt, Kollegen am Arbeitsplatz aufgesucht. Doch niemand konnte Genaueres über den Aufenthalt der beiden ersten Mordopfer am Nachmittag ihres Todes sagen. Sylvia Plausch hatte an ihrem Todestag Urlaub gehabt, weil sie früh um neun Uhr dreißig einen Kieferchirurgen aufgesucht hatte, um sich einen Zahn implantieren zu lassen. Sie verließ die Praxis zwei Stunden später. Seither hatte sie niemand mehr gesehen.

Petra Burghardt besaß eine Boutique in Eppendorf, die sie wie jeden Nachmittag auch am Tag ihres Todes um vierzehn Uhr verließ. Sie tankte kurz danach an der gegenüberliegenden Tankstelle, kaufte beim Gemüsehändler an der Ecke Rucola-Salat und fuhr anschließend nach Hause. Ein Nachbar sah sie gegen halb drei in die Tiefgarage unter dem Wohnhaus einbiegen. Gegen halb vier verließ der Wagen die Tiefgarage. Wer ihn fuhr und wie viele Personen in dem Auto saßen, konnte der Nachbar nicht erkennen. Seither war das Auto nicht mehr aufgetaucht. Ebenso wenig wie der Wagen von Sylvia Plausch.

In den Wohnungen der Frauen fanden sich keine Blut- oder anderen Spuren, die darauf hingedeutet hätten, dass die Frauen dort ermordet worden waren.

Katja und Franz vermuteten, dass der Täter einen Ganzkörperanzug aus Latex oder Gummi getragen hatte. Dass er undurchlässige, dicke Gummihandschuhe übergezogen hatte, war den Beamten längst klar. Außerdem besaßen sie ein paar weitere Anhaltspunkte.

Bei allen drei Frauen hatten sich laut Dr. Schalbach dieselben Leichenflecke am Po entwickelt, was darauf hindeutete, dass die Frauen noch nach ihrem Tod stundenlang gesessen hatten.

Und keine der Frauen war in irgendeiner Form über den Erdboden zum Fundort geschleift worden. Vielmehr hatte der Täter im Stadtpark darauf geachtet, dass er die Leiche gleich neben einem der wenigen Kieswege ablegte, der sich um ein Rondell aus hohen Rhododendren zog. Jens Weber von der Spurensicherung hatte nur abgewunken, als Katja und Franz nach verwertbaren Spuren auf den Kieselsteinen fragten.

Katja Bergheim vermutete ebenso wie Franz Markwart, dass der Täter ein Mann zwischen fünfunddreißig und etwa fünfundfünfzig Jahren sein musste. Er musste sportlich und trainiert sein, da die Schnitte eine gewisse Kraft voraussetzten. Außerdem bewies die Akkuratesse des jeweiligen Schnittes, dass der Täter nur ein einziges Mal angesetzt hatte und entweder medizinisch geschult war oder als Jäger Erfahrung im Umgang mit Messern hatte. Der Mörder hatte, wie die glatten Ränder der Stichwunden bewiesen, bei den Schnitten keinen Moment gezögert. Er war überlegt und kühl vorgegangen und wusste genau, was er tat. Er hatte Zugang zum verschreibungspflichtigen Schlafmittel Rohypnol, wusste um dessen Wirkung und setzte Spritzen sicher und professionell.

Darüber hinaus ergaben Dr. Schalbachs Obduktionsbefunde der Frauenleichen, dass der Täter Rechtshänder war und die Schnitte von hinten erfolgt waren.

Die Hamburger Mordkommission hatte ihr Bestes getan. Die Spurensicherung vermaß und fotografierte die Fundorte der Leichen sorgfältig. Sie suchte den Umkreis nach Spuren ab, ja, sie saugte sogar unmittelbar neben und unter den Leichen, um im Labor in stundenlanger Detailarbeit zu recherchieren, ob sie einen Stoffpartikel oder ein Haar fanden. Doch bis auf die Haare und Fasern an den Containern hatten sie zwischen all dem Gras, dem Laub und der Erde nichts weiter Verwertbares aufgespürt. Alles andere lag bereits seit Tagen oder gar Wochen an den Fundorten.

Es war wie verhext. Sie hatten nichts Aufschlussreiches in den Händen.

Katja Bergheim hatte sich in den letzten Wochen manches Mal gefragt, was die Frauen kurz vor ihrem Tod empfunden hatten? Ob sie entführt worden waren? Ob sie gewusst hatten, dass sie starben? Vor allem aber fragte sie sich, weshalb sich keine der Frauen wehrte. Offenbar nicht einmal, als der Täter sie in seine Gewalt brachte. Katja widerstrebte es, sich vorzustellen, dass sich die Frauen wehrlos Rohypnol injizieren und fesseln ließen. Das war eine absurde Theorie und würde bedeuten, dass die Opfer den Täter gekannt hätten.

Die Hauptkommissarin biss sich an dem Gedanken fest, während der Schmerz in ihrem Kopf weiter rebellierte. Er zog sich nach wie vor vom Hinterkopf bis zu den Schläfen, hinter denen es unangenehm pochte.

Sie nahm das Aspirinröhrchen unbemerkt von Franz in die Hand, stand auf und ging über den Flur auf die Toilette zu.

Unterwegs zog sie auf dem Korridor einen Plastikbecher aus einem dort aufgestellten Wasserspender, schaute sich um, grüßte den einen oder anderen Kollegen, der an ihr vorbeiging, und nahm den Becher kurz entschlossen mit. Der lange Gang war belebt, und die Kollegen mussten nicht wissen, dass sie Kopfweh hatte. Sie füllte den Becher in der Toilette mit Wasser, wartete auf das einsetzende Sprudeln der sich auflösenden Tablette und betrachtete sich im Spiegel, der über dem Waschbecken hing.

Ihre Haut sah müde aus und blass, die Augen schauten erschöpft.

Wenn die Opfer den Täter gekannt hatten, dachte Katja, musste es Gemeinsamkeiten geben, Lebensumstände oder Lebensgewohnheiten, Hobbys oder Verpflichtungen.

Katja spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und tupfte es mit einem Papierhandtuch trocken. Sie nahm sich vor, noch einmal alle Akten und Vernehmungsprotokolle genau zu lesen.

Als sie in ihr Büro zurückkam, saß Franz noch immer über den Akten der ersten zwei Morde. Katja setzte sich an ihren Schreibtisch und studierte Dr. Schalbachs Obduktionsbefund der dritten Leiche.

»Weißt du was?«, fragte Franz.

Katja blickte auf.

»Ist dir eigentlich aufgefallen, dass die beiden ersten Opfer eine interessante Gemeinsamkeit hatten?«

Die Hauptkommissarin sah fragend zu ihrem Kollegen, der aber schwieg.

»Na los, sag schon!«

»Alle beide waren mit verheirateten Männern liiert. Genau wie du.«

»Hör auf mit deinen blöden Witzen.«

»Ich meine es ernst.«

»Und was willst du damit sagen? Das wissen wir doch längst. Die Männer hatten nachweisbar für die Tatzeit ein Alibi und nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun. Und die beiden Ehefrauen fielen aus allen Wolken, als sie erfuhren, dass ihre Männer fremdgegangen waren. Erinnere dich. Die Schmidtbauer ist laut heulend zusammengebrochen, und die andere, diese Frau Spier, hat in ihren Kaffee geheult, als wir sie vernommen haben. Und sie hatten für die Tatzeit Alibis. Und was ist an einem verheirateten Geliebten unnormal, wo doch laut Statistik zwei von drei Ehemännern fremdgehen?«

»Ich wollte es nur festhalten.«

»Meinst du wirklich, das könnte ein Motiv sein?«, hakte Katja nach. »Ich dachte vorhin auch, wir müssen Gemeinsamkeiten finden. Aber so etwas als Motiv?«

»Ein anderes haben wir nicht. Vielleicht sind da ganz andere Leute am Werk.«

»Nun komm mal runter«, versuchte Katja die Gedankengänge ihres Kollegen zu bremsen. »Wir haben hier keine amerikanischen Verhältnisse, wo man mal eben als Rächer betrogener Ehefrauen unterwegs ist. Zumal die Spier zur Tatzeit in der Volkshochschule war. Und die Schmidtbauer war im Fitnessclub. Wir haben es doch überprüft. Die Ehefrauen scheiden ebenso aus wie ihre liebreizenden Gatten.«

»Die Schmidtbauer war laut Computerauszug des Sportclubs bis halb neun in dem Club. Mit ihrer Freundin. Was macht man da eigentlich von drei Uhr bis halb neun? Vor allem, wenn das rechte Bein gelähmt ist?«

»Einen Wassergymnastik-Kurs. Dann waren sie bei der Massage und anschließend bei einer Kosmetikerin. Das weißt du doch alles. Die beiden hatten einen Schönheitsnachmittag eingelegt. Allerdings«, nahm Katja Franz’ Überlegung schließlich doch auf, »wenn sie eine dritte Person eingeschaltet haben, was dann?«

»Das ist absurd«, überlegte Franz laut. »Die müssten an denselben Auftraggeber geraten sein, und diese Frauen verkehren nicht mal in denselben Kreisen. Mal unabhängig davon, dass Frauen nicht ins Bild passen.«

»Wie kannst du das einfach so annehmen?«

»Sie kommen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und die Spier kannte die Schmidtbauer nicht. Woher auch? Es sei denn, Herr Spier hat bei den Schmidtbauers zufällig renoviert. Doch woher sollen sich dann die Ehefrauen kennen? Und außerdem neigen Frauen eher selten zu geplanten Verbrechen oder Auftragsmorden. Das weißt du doch. Die töten normalerweise im Affekt. Aus Eifersucht, ja, aber nicht von langer Hand vorbereitet. Die Abgebrühtheit besitzen sie nicht.«

»Wenn du meinst«, sagte Katja lächelnd und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, hinter der der Schmerz unerbittlich weiterpochte. Sie beschloss, Marie Overlut später, wenn Franz nicht im Zimmer war, nach einer Paracetamol zu fragen. Mit Aspirin bekam sie ihren Kater nicht in den Griff.

»Die Erfahrung besagt es jedenfalls«, beharrte Franz Markwart auf seiner Meinung.

»Du meinst, deine Erfahrungen mit Frauen besagen es. Aber ob die allgemein gültig sind, wage ich zu bezweifeln.«

Franz verdrehte die Augen und gab auf. Theoretisch. Praktisch wollte er als Erstes überprüfen, ob die dritte Tote auch einen verheirateten Geliebten gehabt hatte. Vielleicht brachte sie das weiter. Fast verzweifelt hatten sie bei den ersten beiden Morden nach Motiven gefahndet und finanzielle schließlich ausgeschlossen. Bei den ersten beiden Opfern erbten ausschließlich die Eltern. Die erste Tote, Sylvia Plausch, hatte eineinhalb Jahre vor ihrem Tod eine Kapital-Lebensversicherung abgeschlossen, für die sie jeden Monat 450 Euro zahlte. Die zweite, Petra Burghardt, hatte seit zwei Jahren ein Aktienportfolio besessen, in das sie monatlich eine Summe von 600 Euro einzahlte.

Weder die Lebensversicherung noch das Aktienportfolio waren etwas Ungewöhnliches. Dennoch hatten Katja und er die Liebhaber befragt, ob die Frauen sie erpresst hatten. Beide Männer hatten verneint. Die Überprüfung ihrer Kontobewegungen ergab ebenfalls keine Unregelmäßigkeiten, die auf Erpressung hindeuteten.

»Wie viele haben sich inzwischen eigentlich zu den ersten zwei Morden bekannt?«, fragte Katja nach einer Weile und schaute von ihrem Bericht auf.

»Ich glaube, einundzwanzig.«

»Und wie viele Frauen waren darunter?«

»Eine. Aber die hat sich nicht zu dem Mord bekannt. Das weißt du doch. Diese Verrückte, Ulrike Scheihauser, oder wie sie hieß.«

»Diese Drogentante, die drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn wir sie nicht anhören?«

»Richtig. Die war völlig durchgeknallt. Der haben die Drogen doch das Gehirn vernebelt.«

»Aber sie wusste, dass ein Messer im Spiel war. Nur von dem Champagnerkorken wusste sie angeblich nichts.«

»Katja, sie hatte die eine Frauenleiche mit klaffender Halswunde gesehen und den Fund nicht gemeldet. Das war doch eindeutig, und sie hat es ja schließlich zugegeben, als sie halbwegs ansprechbar war. Und du meinst doch nicht im Ernst, dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung von Champagner hat. So, wie die aussah!«

»Nach Champagner sah sie nicht aus, eher nach Billigrotwein. Da hast du Recht. Wie lange lag der Korken da eigentlich schon?«

»Die Spurensicherung sagt, nicht länger als vier, fünf Stunden. Der war noch nicht einmal ausgetrocknet. Dem haftete noch der Geruch an. Und die Fingerabdrücke der Frau stimmten nicht mit denen überein, die auf dem Korken sichergestellt wurden.«

»Aber kann sie nicht trotzdem was von dem Champagner wissen?«, hakte Katja Bergheim nach.

»Sie scheidet aus«, schnaubte Franz aufgebracht. Katjas Sturheit ging ihm langsam auf die Nerven.

»Sie hat die Leiche im Hafen morgens um zwei gesehen?«

»Weil sie da in der Nähe Drogen gekauft hat. Müssen wir das wirklich noch einmal durchkauen?«

»Wir sollten auf jeden Fall noch einmal mit ihr reden. Die kam doch in eine Klinik und muss inzwischen klar im Kopf sein.«

»Das glaubst du nicht im Ernst.«

»Vielleicht hat sie ja doch etwas mitgekriegt, was sie damals nicht präsent hatte.«

»Da fährst du aber allein hin. Auf die hab ich nämlich überhaupt keinen Bock.«

»Ist ja gut. Mach ich. Ich fahre heute Nachmittag mal vorbei. Wenn’s nichts nutzt, schaden tut es auch nichts.« Katja Bergheim wandte sich wieder dem Obduktionsbefund zu. Nach einer Weile blickte sie erneut auf.

»Was hatten wir der Presse eigentlich noch alles verschwiegen?«

»Die Marke des Messers und dass es sich um einen Rechtshänder handelt.«

»Tatort?«

»Wir haben gesagt, dass der Fundort nicht der Tatort war. Das war ja auch nicht zu übersehen.«

»Was ist mit den Autos der beiden ersten Toten?«

Franz zuckte resigniert mit den Schultern.

»Nichts. Nach wie vor verschwunden, wie die Papiere.«

»Diebstahl von Dritten scheidet aus?«

»Ist unwahrscheinlich. Die stehen sicherlich irgendwo rum und gammeln vor sich hin.«

»Dann müssen sie doch irgendwann gemeldet werden.«

»Abwarten, Katja. Sie sind jedenfalls nicht verschrottet worden. Das haben die Anfragen bei den Autohöfen ergeben.«

Franz stand auf und sah sich noch einmal die Fotos der drei Leichen an. Katja hatte sie gemeinsam mit den Aufnahmen von den Fundstellen und mit den Labortests auf eine Korkplatte gepinnt, die an der Wand hinter ihrem Schreibtisch hing.

Mit einem genervten Schnauben starrte Franz Markwart auf die Fotos. Die tiefen Schnitte am Hals hatten die Frauen quasi enthauptet. Ihre Köpfe lagen seitwärts gedreht und schienen nur noch über die Wirbelsäule mit den Körpern verbunden zu sein. Franz erinnerte sich gut an den Schock, der ihn beim Anblick der ersten Frau erwischt hatte. Der Hundehalter, der die Leiche unter einer Rhododendrenhecke im Stadtpark entdeckt hatte, musste sogar ins Krankenhaus eingeliefert werden. Nachdem der Mann die Polizei über sein Handy informiert hatte, war er neben der Toten weinend zusammengebrochen. Die Diagnose lautete massiver Schockzustand. Der Mann war zwar am folgenden Tag aus der Klinik entlassen worden, jedoch hatte man ihm einen psychologischen Berater an die Seite gestellt.

»Wir müssen los«, forderte Katja ihren Kollegen auf.

Franz reagierte nicht.

»Komm endlich, Rennemaier wartet«, holte Katja ihren Kollegen aus seinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit.

Die beiden hielten nicht besonders viel von ihrem Chef, der für sie ein pedantischer Sesselfurzer war. Aber Chef blieb nun mal Chef. Wahrscheinlich hatten sie sich eine Standpauke abzuholen, da sie in den drei Mordfällen im Trüben fischten und der Kriminaloberhauptkommissar um seine Reputation beim Innensenator und bei der Presse fürchtete. In den letzten achtzehn Jahren hatte Max Rennemaier noch jeden Innensenator ausgesessen. Dank seiner effektiv arbeitenden Mordkommission galt er als unersetzlich. Diese Beurteilung änderte sich jedoch gerade. Die Presse hatte sich seit dem zweiten Mordfall auf Rennemaier eingeschossen.

Katja und Franz hörten den Mann toben, noch bevor sie auf dem langen Flur des sechsten Stocks im Landeskriminalamt auch nur in die Nähe seines Zimmers gekommen waren. Rennemaier war ein Choleriker, und wer auch immer ihm zu Zeiten seiner Anfälle in die Schusslinie geriet, dem machte er eine seiner gefürchteten Szenen.

Als sie das Vorzimmer erreichten, knallte Rennemaier gerade den Hörer auf die Gabel. Er erschien in der Tür zu seinem Zimmer.

Rennemaier war ein übergewichtiger Mann mit abfallenden Schultern, stämmigen, kurzen Beinen und einem Bauch, der sich oberhalb der Gürtellinie kraftvoll gegen den Hemdenstoff stemmte. Er hatte eine Art Hamstergesicht mit einer kurzen Nase, deutlichen Tränensäcken und nach unten gezogenen Mundwinkeln, die seinem Gesicht einen ewig schmollenden und zugleich ernsthaften Ausdruck verliehen. Seine Wangen durchzogen dutzende kleine geplatzte Äderchen als Kennzeichen seines zu hohen Blutdrucks. Ein paar lange, dünne Haarsträhnen hatte er vom linken Ohr nach rechts quer über den Kopf gekämmt. Der Rest des Kopfes glänzte rund und haarlos zwischen merkwürdig zierlichen Ohren.

Hochrot lockerte Rennemaier die Krawatte und öffnete den obersten Hemdenknopf.

»Da haben Sie uns eine schöne Scheiße eingebrockt!«, fluchte er. »Verdammt! Diese dritte Leiche hätte es nicht geben dürfen!« Seine Stimme schrillte durch den Raum. »Ich will Ergebnisse. Schnellstens! Sonst macht uns der Innensenator eine Riesenszene und die Presse die gesamte Arbeit unserer Abteilung nieder. Das haben wir vor allem Ihnen beiden zu verdanken.«

Katja blickte zu Franz. Der wusste genau, was sie dachte. Als sei es ihr auf die Stirn tätowiert. Katja hatte schon so manchen Morgen darüber sinniert, ob sie ihrem Vorgesetzten nicht einfach in sein Heiligtum treten und ihn k.o. setzen sollte. Sicher, sie würde suspendiert werden. Aber das ganze Kommissariat würde ihr bis an ihr Lebensende jede Woche Blumen schicken. Oder Prosecco. Wie sie wollte. Bedauerlicherweise eigneten sich Blumen oder Prosecco nicht als Zahlungsmittel.

»Wir tun unser Bestes«, lenkte Franz ein. »Dennoch fehlt uns nach wie vor jedes Motiv.«

»Und außerdem«, ergriff Katja das Wort, »geht der Täter sehr gerissen und mit einem klaren Konzept vor. Er betäubt die Frauen und tötet sie dann an einem abgelegenen Ort. Jedenfalls nicht am Fundort der Leichen. Er wäscht oder duscht sie nach ihrem Tod, also müsste in der Nähe des Tatorts ein Badezimmer oder Waschkeller zu finden sein. Er tötet nicht im Affekt, sondern setzt seine Schnitte gezielt und professionell an. Wir haben keinen Hinweis darauf, dass die Frauen etwas miteinander zu tun hatten.«

»Und was soll mir das sagen? Dass Sie immer noch im Dunkeln tappen?«

»Herr Rennemaier, Sie wissen doch, dass alle Kollegen im Einsatz waren und sogar im Milieu nachgeforscht haben, ob irgendjemand etwas über den Ankauf eines solch speziellen Messers weiß. Ohne Erfolg.«

»Vielleicht taugen eure Informanten ja nichts!«

»Bislang haben die immer ausgepackt, wenn wir sie befragten«, erwiderte Katja gereizt.

»Hören Sie«, ergriff Franz Markwart das Wort, »vielleicht gibt es einen Zusammenhang, den wir bislang nicht beachtet haben. Die ersten zwei Frauen hatten ein Verhältnis mit einem älteren, verheirateten Mann und in ihren Wohnungen haben wir jeweils eine Echthaarperücke gefunden. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es bislang nicht. Bei der dritten Toten werden wir das alles recherchieren. Alle drei allerdings sind um die dreißig und blond.«

Max Rennemaier zupfte nervös an seiner Krawatte.

»Wollen Sie mir etwa erzählen, jemand geht los und bringt mitten in einer Großstadt Geliebte um, die Perücken tragen?«

»Kann doch sein.«

»Das ist doch Schwachsinn. Wir leben im dritten Jahrtausend, nicht 1950. Heute hat doch fast jeder Mann eine Geliebte.«

»Sie auch?« Katjas Zunge hatte es mal wieder eiliger als ihr Verstand und führte die Hauptkommissarin unverdrossen in einen Fettnapf von der Größe einer Gulaschkanone. Damit hatte Katja zwar Erfahrung, doch sie beleidigte nicht gedankenlos irgendeinen Kollegen oder Verdächtigen, sie beleidigte ihren Vorgesetzten, und der kochte an diesem Morgen ohnehin am Siedepunkt seiner Geduld. Katja wusste das, kannte sie Rennemaier doch lange genug. Deshalb zuckte sie zwar zusammen, als er losbrüllte, wie sie auf diese Idee käme. Überrascht war sie nicht.

»Ich glaube, wir sollten uns den Fundort noch einmal genauer ansehen«, schaltete sich Franz ein, ergriff Katja schmerzhaft am Arm und zog sie mit sich Richtung Tür.

Katja stöhnte auf.

»Ja, ja, schützen Sie Ihre liebreizende Kollegin nur!«, rief Rennemaier hinter ihnen her.

Franz Markwart hatte keine Lust auf einen weiteren Affront, zog Katja zügig aus dem Zimmer und über den Korridor zum Fahrstuhl, mit dem sie hinunter in die Kantine fuhren, um einen Kaffee zu trinken. Unterwegs faltete Katja ihren Kollegen zusammen, weil er sie wie ein störrisches Kind behandelt und ihre Autorität vor Rennemaier untergraben habe.

Franz schüttelte resigniert den Kopf.

»Du wirst es nie lernen, Katja. Man muss wissen, wann man aufhört, wenn man schon nicht weiß, was man sagt.«

Katja schwieg beleidigt, derweil sie sich in die Reihe derer einfügten, die am Selbstbedienungsschalter Kaffee, Tee, Wasser oder Ähnliches aus dem Automaten holten.

Nach der kurzen Kaffeepause wollten sie sich auf den Weg zu dem Mann machen, der die dritte Leiche am Abend zuvor im Stadtpark gefunden hatte.

Sie kamen nicht dazu.

Marie Overlut, die pummelige Assistentin, stürzte mit kurzen, trippelnden Schritten durch die Kantine auf sie zu.

»Wir hatten vor zwanzig Minuten einen Anruf! Autounfall mit Todesfolge. Der Mann verunglückte in seiner eigenen Garage. Ihr müsst dahin. Parkallee 9. Schalbach ist schon unterwegs.«

Franz Markwart zog genervt die Brauen hoch.

Katja entfuhr ein »Scheiße« und schon war sie unterwegs zu ihrem Auto.

Franz rannte hinter ihr her.

»Du fährst nicht, ist das klar?«

Katja nickte im Laufen. Sie verspürte keine Lust auf eine weitere Diskussion.

3. Kapitel

Die Parkallee lag in Harvestehude, einem Stadtteil, dessen Mieten für den Durchschnittsbürger gemeinhin unerschwinglich blieben und in dem sich zahlreiche zahlungskräftige Anwälte, Ärzte und Medienleute angesiedelt hatten. Zumeist in Eigentumswohnungen oder netten, kleinen Stadthäusern. Als fürchteten Bettler und Obdachlose die makellose Vornehmheit des Viertels, sah man sie nur selten. Verglichen mit anderen Stadtteilen, gab es wenig Raubüberfälle, dafür eine Zeit lang umso häufiger Einbrüche und regelmäßig Autodiebstähle. Kein Wunder, bei den Nobelkarossen, die dort reihenweise vor den Haustüren parkten.

Die Parkallee führte direkt auf den kleinen Innocentiapark, den alte Kastanien und eine dicht wuchernde Hecke wie einen Schutzwall umgaben. Der Park war nicht größer als ein Fußballfeld, wurde jedoch von seinen Besuchern innig geliebt. Hundebesitzer führten ihre Lieblinge dorthin, Mütter ließen sich auf den Bänken vor einem gepflegten Spielplatz nieder und plauderten, während ihre Kinder, ungestört von Verkehrslärm und Abgasen, schaukelten oder im Sandkasten buddelten. Frühmorgens und abends zogen Scharen von Joggern in den kleinen Park und umrundeten ihn auf einem breiten Spazierweg.

In Franz Markwarts Auto war es zunächst drückend heiß, doch als die beiden nach etwa zehn Minuten in die Parkallee einbogen, hatte die Klimaanlage längst für eine halbwegs erträgliche Temperatur gesorgt. Franz’ BMW ruckelte über das Kopfsteinpflaster der von mächtigen Linden gesäumten Straße, an denen sich ein prächtiges Stadthaus an das nächste reihte.

Schon von weitem sahen sie den Krankenwagen auf der Straße stehen.

Franz parkte sein Auto unter einer der Linden auf einem schmalen Parkstreifen gleich vor dem Nachbarhaus.

»Deine Scheiben werden nachher verklebt sein«, bemerkte Katja, doch Franz winkte ab.

»Ich fahre jetzt nicht extra bis zum Innocentiapark. Es muss sowieso in die Waschanlage.«

Katja nickte und wartete, bis Franz den BMW verschlossen hatte.

Gemeinsam gingen sie zur Nachbarvilla, deren Fassade weiß in der Sonne glänzte.

In der Einfahrt stand Rosalind Mildlunds Fiat Punto. Zwei Rettungssanitäter saßen auf einer Bank im Schatten des Eingangsbereichs und sahen sehr blass aus, während Dr. Schalbach mit einer älteren Frau vor dem Haus stand und ihnen winkte.

Als die kleine, gepflegte Dame Katja Bergheim die Hand zur Begrüßung reichte und sich als Rosalind Mildlund vorstellte, wusste Katja, dass sie etwas Ungewöhnliches erwartete. Die Frau war kreidebleich und ihre Hände waren feucht und zitterten.

Nachdem die Kommissare Dr. Schalbach mit einem Nicken begrüßt hatten, wies Rosalind Mildlund mit dem Finger in Richtung der Tiefgarage, die rechts neben dem Eingang unter dem Haus lag.

»Dort entlang. Er ist dort unten«, sagte sie mit brüchiger Stimme.

»Was ist denn eigentlich passiert?«, fragte Franz.

»Mein Schwiegersohn liegt dort. Unter dem Auto«, erklärte Rosalind und verbarg die zitternden Hände hinter dem Rücken.

Die Sonne blendete Katja und so betrachtete sie die Frau vor sich mit zusammengekniffenen Augen.

»Wann ist es passiert?«, fragte sie blinzelnd.

»Eben, vorhin«, begann Rosalind. »Ich weiß nicht genau. Meine Tochter, die mit ihrer Freundin im Haus ist, hat mich vor etwa einer knappen Stunde angerufen. Sie hat den Wagen rollen sehen. Vom Garten aus.«

»Und weshalb haben Sie nicht gleich den Notarzt angerufen?«

»Sehen Sie, mein Schwiegersohn war tot, als ich kam, und wir standen alle unter Schock«, erwiderte Rosalind, betete inständig, dass die Kommissarin ihr glaubte, und zitterte einen Deut mehr.

»Kommst du mit?« Katja sah Franz fragend an.

Die beiden gingen mit Dr. Schalbach hinunter zur Tiefgarage, wo der Polizeifotograf, Matthias Platzeck, bereits etliche Fotos geschossen hatte. Seine Ausrüstung, ein schwerer Koffer sowie ein Stativ, standen am Eingang.

Eine Hüfttasche für die Digitalkamera baumelte am Gürtel seiner Hose. Die Kamera hielt er in der Hand. Er winkte den beiden zu, wandte sich dann sofort wieder um und verrichte seine Arbeit. Katja blinzelte erneut. Das aufflammende Blitzlicht blendete sie.

Von der Spurensicherung fehlte jede Spur.

Rosalind Mildlund war an der Zufahrt zurückgeblieben.

Katja verharrte einen Moment unter dem Garagentor, das an der Decke hing. Es war schlimmer, als sie befürchtet hatte. Sie hatte in ihrer vierzehnjährigen Tätigkeit als Kriminalkommissarin schon einiges gesehen. Unfälle, Selbstmorde, Gewaltverbrechen. Doch auch ihr begegneten nicht eben häufig Leichen, die derart zugerichtet waren.

Sie starrte auf den Mann, dessen Beine unter dem Auto hervorlugten. Das linke Bein war zerquetscht, die unverletzten Füße waren jeweils nach außen gekippt, als wolle sich der Mann nur eben zu einem entspannten Mittagsschläfchen niederlegen. Der Rest glich einer undefinierbaren Masse, die mehr an frisches Hack als an einen Menschen erinnerte.

Katja bückte sich – und sah das unversehrte Gesicht mit der goldgefassten Brille, die schief auf der Nase des Mannes saß. Die Hauptkommissarin wurde kreidebleich, wandte sich um und stützte sich an der Garagenwand ab. Gleich unterhalb der Stelle, an der sie Halt suchte, hatte sich zuvor Rosalind Mildlund übergeben. Es roch säuerlich. Katja schluckte.

»Ein Unfall?«, fragte er. »Wie soll das denn passiert sein?«

»Die Handbremse ist defekt, sagte mir die Mutter«, erklärte Dr. Schalbach.

»Ach, und zufällig sitzt die Ehefrau daheim? Ist ja perfekt«, sagte Franz.

»Tja, was soll ich sagen«, erwiderte Dr. Schalbach.

»Katja? Alles in Ordnung?«, fragte Franz, als er bemerkte, dass seine Kollegin an der Wand lehnte und sich zusammenkrümmte. Er berührte ihre Schulter, doch sie schüttelte ihn ab.

»Lass mich. Es geht gleich wieder.« Sie hielt den Kopf gesenkt und bemühte sich, das flaue Gefühl im Magen unter Kontrolle zu halten.

Niemand außer Franz nahm wahr, dass die gestandene Hauptkommissarin beim Anblick des Toten Mühe hatte, ihre Gefühle zu beherrschen. Franz schaute auf den kaum merklich zuckenden Rücken seiner Kollegin und wunderte sich über ihre Reaktion, denn normalerweise hatte sich die Kriminalhauptkommissarin in der Gewalt.

Doch das, was Katja Bergheim sah, war nicht normal.

Vor ihr lag ein Toter, den sie kannte. Bestens kannte. Ein Mann in den besten Jahren, Professor für Geschichte, Ehemann und Vater zweier Kinder. Lebensabschnittsgefährte, Liebhaber, Vollidiot.

Es war der Mann, der sie einen Tag zuvor sitzen gelassen hatte.

Katja Bergheims flaues Gefühl hielt an. Kein Wunder, bei dem Kater, dem Schock und einem Magen, der am Abend zuvor im Alkohol fast ersoffen wäre und an diesem Vormittag nichts anderes als Aspirin und Kaffee zu verdauen gehabt hatte. Das hätte gerade noch gefehlt, dass sie sich hier, mitten unter ihren Kollegen, übergab.

Franz Markwart nahm sein Handy aus der Tasche und rief die Spurensicherung an.

Er lauschte dem Mann am anderen Ende der Leitung, der sich beschwerte, weil ihm nicht einmal eine Mittagspause vergönnt sei. Franz bat ihn zu kommen und beendete das Gespräch mit einem »Ich weiß, ich weiß«. Er drehte sich zu Katja um, die sich inzwischen etwas gefangen hatte. Professionell, dachte sie, du musst hier professionell sein.

Franz blickte Katja an, sah ihre rot geäderten Augen und wies mit dem Kopf in Richtung Garageneinfahrt. Er warf Matthias Platzeck ein »Wir kommen gleich wieder« zu und ging zu Rosalind Mildlund zurück. Katja folgte ihm mit Dr. Schalbach, der mit leiser Stimme anbot, ihr ein Beruhigungsmittel zu geben. Sie lehnte ab.

»Ihre Tochter ist da drinnen?«, fragte Franz Rosalind und wies auf das Haus.

Sie nickte. »In der Küche, gleich im Parterre.«

Franz und Katja gingen zum Haus hinauf und an den zwei Sanitätern vorbei, die noch immer auf der kleinen Terrasse saßen.

»Ihr könnt ihn mitnehmen, sobald die Spurensicherung da war«, sagte der Kommissar, und der eine, ein schmächtiger Junge von vielleicht fünfundzwanzig Jahren, nickte, während der andere, er mochte so um die fünfunddreißig sein, seine Zigarette auf dem Mauerwerk der Terrasse ausdrückte.

Im Hausflur griff Franz nach Katjas Arm.

»Was ist los?«

Sie schüttelte die Hand ab.

»Lass mich.«

»Nein, ich lass dich nicht. Du bist kreidebleich, weißt du das? Und du hast geweint. Und selbst Schalbach hat mitbekommen, dass irgendetwas nicht mit dir in Ordnung ist.«

Katja lehnte sich an die Wand des Korridors. »Es ist Frederik.«

Franz Markwart dachte, er höre nicht richtig.

»Dein Frederik? Dieser Mohnteufel-Verdell?«

Sie nickte und biss sich auf die Unterlippe.

»Mensch, Scheiße! Hat Marie den Namen nicht gesagt?«

»Wir hatten es so eilig, dass wir nicht richtig hingehört haben. Oder sie war zu aufgeregt und hat ihn gar nicht genannt.«

»Und die Adresse hat dir nicht zu denken gegeben?« Franz senkte die Stimme zu einem Flüstern.

»Sicher weiß ich, dass Frederik in dieser Straße wohnt. Doch die Hausnummer habe ich nicht im Kopf. Immerhin war ich nie Gast im trauten Heim des Herrn Professors und ich habe einfach keine Verbindung gesehen.« Auch Katja flüsterte.

»Du musst hier weg. Sofort. Du kannst hier niemanden befragen. Nicht in dem Zustand. Nicht mit der Geschichte. Ich bestelle dir jetzt ein Taxi, und du machst, dass du nach Hause kommst.«

»Nein, auf keinen Fall.«

»Mensch, Katja, Rennemaier zieht dich eh von dem Fall ab. Und in deinem Zustand kannst du diese Millie Verdell unmöglich befragen.«

»Lass mich, bitte.«

Franz Markwart schüttelte den Kopf und gab nach. Frauen. Soll die noch einer verstehen, dachte er und klopfte an die erstbeste Tür, die den Wohnbereich vom Korridor trennte.

Rosel öffnete.

»Sind Sie von der Polizei?«, fragte sie.

Die zwei nickten unisono, nannten ihre Namen, und Rosel bat sie herein.

»Rosel Hülsmann«, stellte sie sich vor. »Frau Verdell ist in der Küche. Sie hat eine Beruhigungsspritze bekommen«, erklärte sie und führte die beiden durch ein geräumiges Wohnzimmer in eine große Wohnküche, die nach Süden lag und auf ein Gartengrundstück hinausging.

Millie Verdell saß im Gegenlicht der hoch stehenden Sonne an einem alten Bauerntisch und hielt eine Tasse in der Hand. Sie war kleiner und unattraktiver, als Katja erwartet hatte. Sie hatte sich Millie Verdell groß und schlank vorgestellt. Mit einer perfekten Ausstrahlung und in perfekter Garderobe. Sie hatte geglaubt, die ganze Familie müsse der Rama-Familie aus der Werbung ähneln. Sonnabends holte der Gatte frische Brötchen, derweil eine nett zurechtgemachte Ehefrau den Tisch deckte und im Garten lachende Kinder tobten.

Am Küchentisch saß jedoch eine zierliche Frau mit mausbraunem, halblangem Haar, das ihr wirr ins Gesicht fiel, und einem angeschmutzten T-Shirt, das ihr um den Körper schlabberte. Katja Bergheim registrierte erstaunt die schmutzigen Ränder unter den Fingernägeln ihrer Ex-Konkurrentin und dunkle Schweißränder unter den Achselhöhlen. Als Millie aufstand, um die beiden Beamten zu begrüßen, bemerkte Katja die fleckigen Jeans, aus denen staubige Füße hervorlugten.

Franz Markwart stellte Katja und sich vor und bat Millie, ein paar Fragen zu beantworten. Millie nickte resigniert.

Katja glaubte inzwischen zu wissen, weshalb der Gatte in ihre Arme geflüchtet war. So, wie die Frau aussah, mochte man sie nicht einmal mit der Kneifzange anfassen.

Millie hatte andere Sorgen als die ihres Aussehens. Sie hatte ihrem Mann übel mitgespielt und nun die Polizei im Haus. Millie fragte sich deshalb nicht, wie ihr Aufzug auf die Beamten wirkte, sondern sie fragte sich besorgt, ob Frederiks Tod als Unfall durchging.

»Wollen Sie sich nicht setzen?« Rosel wies auf die Stühle am Küchentisch.

Franz und Katja setzen sich, und Franz bat Millie zu erzählen, was passiert sei.

»Ich war im Garten, als Frederik nach Hause kam. Er rief mir zu, er hätte etwas vergessen und käme gleich wieder. Es dauerte eine Weile, und ich wunderte mich, weshalb er fast zwanzig Minuten in der Wohnung blieb.« Millie machte eine Pause, fummelte mit lethargischer Behäbigkeit ein halb aufgelöstes Papiertaschentuch aus ihrer Jeans und putzte sich die Nase. »Ich wollte ihm gerade ins Haus folgen, als ich hörte, wie unten die Brandschutztür ins Schloss fiel. Deshalb wartete ich hier oben auf ihn. Doch dann rollte das Auto los. Und ich … ich war einfach nicht schnell genug …« Millie schluchzte auf. »Ich war nicht schnell genug am Wagen, um die Tür zu öffnen, hineinzuspringen und die Bremse anzuziehen.«

Katja fragte, ob Frederik Mohnteufel-Verdell regelmäßig über Mittag nach Hause kam, und Millie schüttelte verneinend den Kopf.

»Betrat er das Haus immer über die Garage?«

Millie verneinte erneut und erklärte mit schleppender Stimme: »Höchstens, wenn er ein Fliegenspray oder Glasspray brauchte. Oder die Felgen säubern wollte. Oder so etwas.«

»Und wissen Sie, weshalb er heute durch die Garage ging?«

»Nein, wie ich schon sagte, haben wir nur kurz miteinander gesprochen. Uns nur begrüßt, weil er es eilig hatte.«

»Hatten Sie schon öfter Probleme mit der Handbremse?«, mischte sich Franz Markwart in das Gespräch und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Rosel sich an der Kaffeemaschine zu schaffen machte.

Millie nickte und blickte in ihre Tasse, die sie in den Händen drehte. Tränen liefen ihr über die Wangen.

»Könnten Sie uns sagen, welche?« Katja Bergheim schaute Millie erwartungsvoll an.

Millies Nerven lagen bloß und sie hatte einen Frosch im Hals. Sie konnte sich keinen Patzer erlauben. Das Gespräch kostete sie mehr Kraft und Konzentration, als sie sich vorgestellt hatte.

Millie schluckte, räusperte sich und erzählte mit zitternder Stimme von dem Unfall in England. Das nervöse Vibrieren ihrer Stimme war echt. Katja hatte Zeit, die Frau zu beobachten. Ob sie jemals geahnt hat, dass ihr Mann fremdging?

»Und Sie haben das nie beheben lassen?«, fragte Franz Markwart erstaunt.

»Doch, sicherlich«, antwortete Millie. »Der Wagen war dreimal zur Reparatur, doch immer kam er mit derselben Macke zurück. Schließlich haben wir uns damit abgefunden.«

»Ist er schon einmal die Auffahrt hinuntergerollt?«, wollte Franz wissen.

Millie schüttelte den Kopf. »Nur während des Urlaubs in England ist er hinter uns hergerollt.«

Franz Markwart stellte eine Frage, von der er wusste, dass sie blödsinnig war, doch er wollte Millies Reaktion sehen.

»Hatte Ihr Mann Feinde?«

Millie schaute auf. Die Augen verweint, stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Eines von der deprimierten Sorte.

»Feinde? Vielleicht Neider unter Kollegen. Er war Professor für Geschichte, wissen Sie? Und er war bei seinen Studenten beliebt.«

»Und sonst? Hatte er vielleicht eine Freundin?«

»Hören Sie, was soll das?«, schaltete sich Rosel ein. »Wie kommen Sie darauf?«

Franz drehte sich zu ihr.

»Das ist doch nichts Ungewöhnliches. Ein Professor in den besten Jahren und eine junge Assistentin.«

»Ach, kommen Sie«, erwiderte Rosel und sah den Mann an. »Verschonen Sie uns mit solchen Klischees. Nicht in einem solchen Moment. Frederik und Millie waren ein ausgesprochen reizendes Paar. Und außerdem hätte er für eine Freundin nicht genügend Zeit gehabt.«

Wenn du wüsstest, dachte Katja, fragte aber dennoch routiniert: »Wo sind eigentlich Ihre Kinder?«

»Welche Kinder?«, gab Millie die Frage erstaunt zurück und hob den Kopf. »Wir haben keine Kinder.«

Diese Information lähmte einen Moment Katjas Verstand. Dafür setzten die Nebennieren einen Adrenalinschub frei. Ihr Herz pumpte nervös, die Haut an ihren Händen prickelte. Sie schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln. Damit hatte sie nicht gerechnet.

Der Kaffee war inzwischen durch die Maschine gelaufen und Rosel bot den beiden Kommissaren eine Tasse an. Die zwei lehnten ab. Sie würden jetzt erst einmal gehen, sagte Franz. Er bat Millie und Rosel am nächsten Tag auf das Kommissariat zu kommen, um ein Protokoll aufzunehmen.

Millie nickte. Sie war todmüde und erschöpft, sowohl von der Beruhigungsspritze als auch von den Ereignissen. Sie wollte nur noch schlafen. Dann aber besann sie sich und riss sich zusammen.

»Weshalb muss ich zur Polizei? Ich war doch im Garten!« Ihre Stimme zitterte.

»Regen Sie sich nicht auf, Frau Verdell«, beschwichtigte Franz sie. »Eine reine Formsache, da Sie die einzige Zeugin des Unfalls sind.«

»Brauche ich einen Anwalt?« Millies Stimme glitt eine Oktave höher und nahm eine hysterische Färbung an.

»Frau Verdell, Sie können natürlich einen Anwalt mitbringen. Aber wir wollen lediglich ein Protokoll anfertigen. Nichts weiter.«

Millie hatte alles Mögliche einkalkuliert – dass sie zum Beispiel die Bremse nicht lösen könnte oder aber Frederik irgendwie rechtzeitig zur Seite spränge. Niemals aber hatte sie bedacht, dass sie eine Aussage bei der Polizei machen müsste.

Ihre Hände schwitzten. Sie verbarg sie unter dem Küchentisch.

Katja Bergheim registrierte es. Sie verabschiedete sich von den beiden Frauen mit einem Nicken. Franz Markwart tat es ihr gleich.

Als die beiden die Küche verlassen hatten und Rosel die Wohnungstür ins Schloss fallen hörte, schaute sie Millie erleichtert an.

»Du warst ziemlich überzeugend, wirklich.«

Millie umklammerte die Teetasse und heulte wieder los. »War schlimm genug. Ich dachte, die gehen nie mehr und fragen bis in alle Ewigkeit«, antwortete sie.

»Aber sie scheinen die Geschichte doch zu glauben. Ich weiß nicht … ich dachte immer, Bullen kann man nicht belügen.«

»Dachte ich auch. Deshalb war mir ja ganz schlecht. Und wie ging es dir?«

Rosel zuckte mit den Achseln.

»Die haben so komische Fragen gestellt«, fuhr Millie nach einer Pause fort. »Ob er Feinde gehabt hat …«

»Klang seltsam«, gab Rosel Millie Recht. »Aber vielleicht sind das Routinefragen.«

»Und was sollte das mit den Kindern?«

»Das war wirklich merkwürdig. Aber sicherlich auch eine Routinefrage. Wenngleich …«

»Was wenngleich?«

Rosel schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und überlegte, die Stirn in Falten gelegt. »Die Kommissarin sah ziemlich überrascht aus, als du die Frage verneint hast.«

»Vielleicht findet sie, dass man in dem Alter Kinder haben muss.«

»Das glaube ich nicht. Das ist doch eine Karrierefrau.«

Während die beiden Frauen in der Küche über die Ereignisse der letzten Stunde sprachen, hatten Franz Markwart und Katja Bergheim noch einmal die inzwischen abgesperrte Garage betreten, in dem die Spurensicherung nun ihr Werk verrichtete.

»Und, wie sieht es aus?«, fragte Katja.

Jens Weber, der Kollege von der Spurensicherung, schaute von einem Reifen hoch, den er gerade inspizierte.

»Nichts Besonderes. Keine sichtbare Manipulation an der Bremse, ein paar Fingerabdrücke am Lenkrad, aber da müssen wir erst die vergleichenden Laborergebnisse abwarten. Tja, und der Typ hier …« Er ließ den Satz in der Luft hängen und sah Dr. Schalbach an.

»Keine sichtbare Fremdeinwirkung, wenngleich das bei solchen Unfällen immer schwierig zu beurteilen ist«, erklärte der Rechtsmediziner geduldig. »Der Kopf sieht jedenfalls normal aus. Keine Prellung, die auf einen Schlag hinweist. Aber Genaueres kann ich erst sagen, wenn ich ihn auf dem Obduktionstisch habe.«

»Also ist er nicht betäubt worden, bevor er von dem Wagen überrollt wurde?«, wandte sich Katja an den Mediziner.

Dr. Schalbach schüttelte den Kopf.

»Auf den ersten Blick nicht. Aber auch da müssen wir die weiteren Untersuchungen abwarten.«

»Und wie lange liegt der schon hier?«

»Ich würde sagen, wenn ich die Hitze berücksichtige, zirka eine Stunde. Höchstens.«

»Also ist es so, wie die Frauen erzählt haben«, stellte Franz fest und schaute Katja an. Sie streifte sich gerade Latexhandschuhe über, beugte sich zu dem Mann hinunter, der noch ein paar Tage zuvor das Bett mit ihr geteilt hatte, und kramte in seiner Jackentasche.

Sie zog eine Quittung hervor. »Restaurantquittung für zwei«, murmelte sie und setzte ein leises »Arschloch« hinzu.

»Was sagst du?«

»Ach, nichts.« Katja wandte sich ab und ging die Auffahrt hinauf.

Oben blieb sie blinzelnd in der Sonne stehen und sah sich nach Rosalind Mildlund um. Katja fand sie im rückwärtigen Teil des Gartens, wo Millies Mutter zusammengesunken und erschöpft in einem Sessel unter dem Fliederstrauch saß. Katja ging auf sie zu und bat sie, am nächsten Morgen gemeinsam mit ihrer Tochter in das Kommissariat zu kommen. Rosalind Mildlund schaute hoch und nickte.

Katja drückte ihr Beileid über das Ableben ihres Schwiegersohnes aus und bemerkte, wie die Frau um Fassung rang. Allerdings rang Rosalind aus einem anderen Grund um ihr seelisches Gleichgewicht, als Katja annahm. Die Kommissarin glaubte natürlich, die Schwiegermutter sei geschockt und trauere.

Rosalind Mildlund versagten jedoch lediglich die Nerven. Die polizeiliche Untersuchung dauerte ihr entschieden zu lange und es tummelten sich für ihren Geschmack entschieden zu viele Menschen auf dem Grundstück. Schließlich war sie nicht mehr die Jüngste und ihr Nervenkostüm schwächelte von Zeit zu Zeit.

Rosalind hatte angenommen, mit dem Besuch der beiden Kommissare und dem Abtransport der Leiche wäre ihre Rolle in dem ganzen Affenzirkus beendet. Doch nein, nun sollte sie weiterhin die trauernde, vom Schock gezeichnete Schwiegermutter spielen, weshalb sie sich zu allem Übel auch noch konzentrieren musste.

Nun gut, sie stand unter Schock. So irgendwie. Immerhin war es nicht alltäglich, mit einem toten Schwiegersohn konfrontiert zu werden. Noch dazu mit einem derart verstümmelten. Und traurig war sie auf irgendeine Weise natürlich auch. Aber inzwischen war sie in erster Linie wütend. Und zwar auf Millie, die mal wieder ihr Temperament nicht im Zaum gehalten hatte und unbedingt ihren Mann ins Jenseits befördern musste.

Rosalind Mildlund verstand die Generation ihrer Tochter nicht. Hätte sich Millie nicht scheiden lassen können wie jeder normale Mensch, der von seinem Partner die Nase voll hatte? Aber nein, Millie musste unbedingt ihren eigenen Weg gehen und demonstrieren, dass sie schlauer war als andere, vor allem schlauer als sie, ihre Mutter.

Die Situation zehrte an Rosalinds Kräften. Eigentlich hatte sie für den Nachmittag eine gemütliche Shoppingtour mit ihrer alten Freundin Paula geplant. Mit einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte als krönendem Abschluss. Das fiel nun ins Wasser. Dank ihrer Tochter, der dummen Nuss.

Als Katja Rosalind die Hand zum Abschied reichte, schluckte sie. Sie fühlte sich elend. Am liebsten hätte sie sich zu Rosalind gesetzt, die Frau in die Arme genommen und gemeinsam mit ihr geweint.

Hätte Katja geahnt, welche Gedanken und Gefühle Rosalind tatsächlich plagten, hätte sie ihr wohl eher Handschellen angelegt und sie abgeführt. Juristisch gesehen waren Rosalind und Rosel immerhin an der Vertuschung eines Mordes beteiligt.

Aus nahe liegenden Gründen weinte Katja natürlich nicht. Immerhin stand sie hier als Profi, dem der Anblick sowohl von Leichen als auch von trauernden Hinterbliebenen vertraut zu sein hatte. Deshalb tätschelte sie kurz Rosalinds Hand und ging zurück zu Franz, der an der Hausecke stand und die Szene skeptisch verfolgt hatte. Seine Augenbrauen standen auf halb acht. Er wollte etwas sagen, doch Katja kam ihm zuvor.

»Ich denke, ich fahre jetzt zurück. Du machst das hier schon, oder?«

Franz Markwart nickte. Trotz seiner jugendlichen Erscheinung in T-Shirt, Jeans und Leinenjacke war der Mann Kommissar aus Leidenschaft. Er war zweiundvierzig Jahre alt, 1,88 Meter groß, fast hager. Und auch wenn seine ganze Erscheinung leger und locker wirkte, ging er in seinem Beruf mit großer Akribie vor. Im Laufe der Jahre war er für Katja ein Garant dafür geworden, dass die Untersuchung eines Tatorts gründlich und perfekt ausgeführt wurde.

»Das war ja echt ein übler Anblick«, bemerkte Franz jetzt. »Sah aus wie eine Hinrichtung.«

»War es aber nicht.«

»Weshalb bist du so sicher?«, hakte Franz nach.

»Hast du dir seine Frau angesehen? Diese kleine, graue Person? Du meinst doch nicht im Ernst, die überfährt ihren Mann absichtlich! Dazu fehlt der die Energie.«

»Wenn du dich da mal nicht täuschst. Auch graue Mäuse können eine schwarze Seele haben.«

»Vor allem dreckige Finger und durchgeschwitzte T-Shirts.«

»Jetzt wirst du unsachlich. Die hat im Garten gearbeitet.«

»Na und?«

»Katja, jetzt begib dich nicht auf dieses Primitivniveau. Überlass das anderen Frauen. Es passt nicht zu dir.«

Die Kommissarin fühlte sich ertappt und schaute verlegen zur Seite.

»Was ist mit der Freundin, dieser Rosel Hülsmann?«, half Franz ihr, die Verlegenheit zu überspielen.

»Die kam erst später.« Katja sah ihren Kollegen dankbar an. Wenngleich sie schon viele Jahre zusammenarbeiteten, überraschte sie sein diplomatisches Verhalten in verzwickten Situationen stets aufs Neue. »Das weißt du doch. Aber überprüf das heute Nachmittag vorsichtshalber. Und auch das Alibi der Mutter. Gibt es sonst irgendeinen Anhaltspunkt, der auf Fremdeinwirkung deutet?«

»Er ist fremdgegangen.«

»Franz, ich bitte dich. Auf die Art Humor kann ich jetzt gar nicht.«

»Ich werde mal die Nachbarn fragen, ob sie irgendetwas gesehen haben. Und ob die beiden eine gute Ehe führten.«

»Soll das ein Witz sein?«

»Routine. Weißt du doch.«

Katja biss sich auf die Lippen. Franz hatte Recht. Ein solches Vorgehen gehörte bei Unfällen wie diesem zum allgemein üblichen Procedere.

»Okay, mach das, wenngleich es kaum etwas bringen wird. Sieh dich hier nur um: Hecken, Bäume, Büsche. Die Garageneinfahrt ist von der Straße her ebenso wenig zu sehen wie von den Nachbargrundstücken aus. Aber versuch dein Glück.«

Katja verließ das Grundstück mit eiligen Schritten und nahm Franz’ Wagen, der mit den Kollegen von der Spurensicherung oder im Krankenwagen zurückfahren wollte. Katjas Sicht behinderte klebriger Lindennektar, der die Frontscheibe mit einer Schicht feinster Tropfen übersät hatte. Sie schaltete den Scheibenwischer ein. Trotz mehrerer Sprühgänge blieb ein schmieriger Belag zurück, in dem sich die Sonne brach.

Als sie das holprige Pflaster entlangfuhr, kam ihr ein Auto entgegen, das sie bestens kannte. Es gehörte Fred Lenmark, einem freiberuflichen Journalisten, der für mehrere große Tageszeitungen arbeitete und einen anonymen Draht zum Kriminalkommissariat unterhielt. Er tauchte immer weit vor dem Rest der Meute an den jeweiligen Unfall- oder Tatorten auf.

Früher oder später allerdings war der Haufen komplett, und was das bedeutete, wusste Katja nur zu gut.

Der Unfall würde morgen die Lokalseite so mancher Tageszeitung beherrschen.

Katja bremste ruckartig, als sie das Jungfrauenthal erreichte, und fuhr an den Straßenrand. Jetzt, wo sie allein im Auto saß, erschütterte sie der Tod ihres Ex-Liebhabers bis in die Grundfesten.

Sie umklammerte das Lenkrad wie eine Ertrinkende, hämmerte schließlich darauf herum und weinte. »Scheiße! Scheiße! Warum musste das passieren?«

Frederiks Tod sah für sie wie ein Unfall aus. Das sagten ihr der Hergang und, was bedeutend entscheidender war, ihr Gefühl.

In den vierzehn Jahren ihrer Arbeit bei der Mordkommission hatte sich Katja Bergheim nur einmal grundlegend getäuscht. Doch das war lange her und ein besonders schrecklicher Mord gewesen, bei dem der Stiefsohn seinen Stiefvater umgebracht hatte. Sie hatten wochenlang die Schwester verdächtigt. Dabei war sie nur eine verzickte Schlampe mit einer Kodderschnauze, die ihren jüngeren Bruder deckte. Und zwar aus Versehen. Die Schwester hatte angenommen, die Mutter hätte den Mann umgebracht, und versuchte ihre Mutter durch einige Falschaussagen zu schützen. Geschützt hatte sie dadurch jedoch den Bruder, den sie eigentlich als Schlappschwanz verachtete.

Obwohl Katja sich also sicher war, dass es sich bei Frederik Mohnteufel-Verdells Tod um einen dieser aberwitzigen Unfälle handelte, von denen man immer mal las und die man kaum glauben mochte, beunruhigte sie ihre Reaktion auf den Tod ihres Ex-Geliebten. Normalerweise entwickelte sie eine Menge Energie und Tatkraft, wenn es um die Aufdeckung von Merkwürdigkeiten und Ungereimtheiten ging. Diesmal allerdings hatte sie sich beim Anblick des Toten ausgebrannt und leer gefühlt, und sie wünschte sich, die nächsten sechs Wochen in einem Rutsch durchzuschlafen. Nichts hören, nichts sehen und bloß nicht nachdenken. Schon gar nicht über sich selbst.

Sie sah aus dem Fenster auf die hohen, gepflegten Jugendstilhäuser, die das Jungfrauenthal säumten. Tränen stiegen ihr in die Augen.

Ich muss weiter, dachte sie. Zurück an meinen Schreibtisch. Ich sollte mich um die Frauenmorde kümmern, bevor Rennemaier endgültig ausrastet. Und heute Nachmittag kämen die Eltern der dritten Toten, Magdalena Bleile, um sie zu identifizieren. Katja sah auf die Uhr. Es war kurz nach drei Uhr und sie musste sich beeilen.

Sie legte den Gang ein und fuhr los in Richtung Alsterdorfer Straße, wo sich das Landeskriminalamt befand.

4. Kapitel

Als Katja kurz darauf die Kantine betrat, um sich einen Salat zu holen, schlugen ihr undefinierbare Speisegerüche entgegen. Prompt rebellierte ihr Magen. Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zum Fahrstuhl, um in den vierten Stock zu fahren.

Das Vorzimmer war leer. Wahrscheinlich durchstöberte Marie Overlut mal wieder ein paar der umliegenden Boutiquen nach Schnäppchen, dachte Katja und ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen. Die Luft im Zimmer war abgestanden und stickig. Katja erhob sich und öffnete das Fenster. Sie hätte ebenso gut eine Backofentür öffnen können. Die Temperatur war auf über dreißig Grad angestiegen. Auf der Straße schoben sich die Autos Stoßstange an Stoßstange von einer Ampel zur nächsten, stinkende Abgase ausstoßend, die zu ihr hinaufkrochen.

Katja starrte aus dem Fenster in die flirrende Hitze des Hochsommernachmittags und grübelte. Sie nahm nicht wahr, dass sie erneut zu weinen begann. Ihre Schultern zuckten.

Sie hatte die Nase voll von ihrem Job und ihrem Leben. Ob beruflich oder privat, sie stolperte von einer Leiche zur nächsten.

Gestern Magdalena Bleile und heute ihr Ex-Liebhaber. Was für ein Scheißleben.

Hektisch kramte sie in ihrer sackförmigen Umhängetasche, die sie eine Stunde zuvor in der Eile in ihrem Büro liegen gelassen hatte, nach einem Taschentuch. Ich darf nicht weinen, dachte sie. Auf keinen Fall. Nicht auf dem Kommissariat. Ihr Leben war in Ordnung. Sie musste es sich nur immer wieder sagen. Sie besaß eine Wohnung mit einem schönen Balkon, einen Job, den sie sich schon als Kind erträumt hatte, ein Auto, das sie liebte – und mehrere verflossene Liebhaber. Eigentlich nicht die schlechteste Bilanz.

Sie putzte sich die Nase und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Irgendwann würde sie einen neuen Mann kennen lernen – und zwar keinen verheirateten. Das versprach sie sich. Nie wieder wollte sie eine Ex-Geliebte sein. Und irgendwann käme sie auch über Frederiks Tod hinweg. Hoffentlich und hoffentlich bald.

Was für ein merkwürdiges Zusammentreffen, dachte sie. An einem Tag verließ Frederik Mohnteufel-Verdell sie und am nächsten Tag war er tot. Was wohl Rennemaier sagte, wenn sie ihm das erzählte? Und das musste sie. Es ließ sich nicht umgehen. Erführe er durch Zufall von ihrer privaten Verwicklung in den Fall Mohnteufel-Verdell, bekäme er einen Tobsuchtsanfall und zöge sie sofort ab. Es war erstens seine Pflicht und zweitens ließe sich der Mann das durch nichts nehmen. Katja war sich sicher.

Resigniert schloss sie das Fenster, setzte sich an ihren Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand. Ihre Wange fühlte sich nach wie vor feucht an.

Weshalb hat Frederik von Kindern erzählt, dachte Katja und schnäuzte sich. Wohl, um sich der Verantwortung ihr gegenüber besser entziehen zu können, wenn er Schluss machen wollte. Und hätte ja auch prima geklappt. Die Nummer mit den Kindern wäre nie aufgeflogen, wenn der Mann nicht verunglückt wäre.

Fairerweise musste sie sich eingestehen, dass sie in letzter Zeit selbst darüber nachgedacht hatte, das Verhältnis zu beenden. Vor allem an den verregneten Wochenenden im späten Frühjahr, als sie einsam in ihrer Wohnung gesessen und sich das eine oder andere Mal vor Augen geführt hatte, dass Franz Markwart in allem Recht hatte und sie, die großartige Hauptkommissarin, eine Dauergeliebte geworden war. Eine bescheuerte Gelegenheitsgeliebte ohne Ansprüche und Rechte. Zumal eine von der nachgiebigen und verständnisvollen Art.

Sie war damals zu der Einsicht gelangt, dass sich der Mann nach fast zwei Jahren außerehelicher Annehmlichkeiten niemals von seiner Familie trennen würde. Weshalb auch? Die Ehefrau glänzte durch Ahnungslosigkeit, Katja durch Toleranz, und der Sex war okay gewesen. Für Frederik. Katja hatte innerlich so manches Mal aufgestöhnt. Der Mann war für sein Alter in Bestform gewesen. Sicherlich. Aber leider besaß er letztlich eine reichlich unterentwickelte Fantasie.

Doch trotz aller rationalen Gründe, die für eine Trennung sprachen, hatte Katja die Kraft gefehlt, die Beziehung aufzugeben.

Frederik und seine Kinder! Wie hatte sie sich verladen lassen. Sie, eine studierte Kriminalhauptkommissarin.

Niemals war ihr in den Sinn gekommen, in der Personalabteilung der Uni anzurufen, um sich den Familienstatus des Herrn Professors bestätigen zu lassen. Stattdessen hatte sie ihn unterstützt, wenn er vorgab, von einem seiner moralischen Tiefs heimgesucht zu werden. Er solle sich mehr um seine Kinder kümmern, sie bräuchten ihn, hatte Katja ihn geradezu beschworen und sich souverän, integer und achtenswert gefühlt.

Sie biss die Zähne zusammen. Die Gegenwart von Frederik Mohnteufel-Verdell hatte ihren Intelligenzquotienten regelmäßig auf Zimmertemperatur abgesenkt. Daran gab es keinen Zweifel.

Und jetzt konnte sie nicht nur auf eine glanzlose Vergangenheit als Geliebte zurückblicken, jetzt war sie auch noch eine verlassene Geliebte. Wahrscheinlich hatte sie der werte Herr Professor für eine Jüngere sitzen gelassen. Was sonst bedeutete die Restaurantrechnung? Der Mann war ja wohl kaum mit seiner Frau zum Essen im Vier-Sterne-Restaurant gewesen.

Katja erinnerte sich gut, wie Frederik zu Beginn ihrer Liaison auch sie in edle Restaurants geführt und ihr weitschweifig erklärt hatte, wie sehr er bedauere, dass seine Frau keinen Wert auf erlesene Speisen lege.

Sie war eine Idiotin gewesen, keinen Deut besser als irgendeine dumme Schnepfe. Millie Verdell mochte keinen besonderen Wert auf delikate Menüs legen, nur ließ auch Katja Bergheim dergleichen ziemlich kalt und einzig ihrem Geliebten zuliebe war sie in diese Fresstempel gegangen. Ihr wären Matjes mit Bratkartoffeln ebenso recht gewesen.

Sie schluckte. Sie war dem Mann nicht einmal die Wahrheit wert gewesen. Aber weshalb hatte er sie ausgerechnet gestern verlassen, weshalb nicht zwei Wochen zuvor?

Katja blickte erneut aus dem Fenster auf den gemächlich dahinziehenden Verkehrsstrom. Sie fand keine Antwort auf ihre Frage und wollte sich gerade eingestehen, dass sie wohl auch nie eine finden würde, als die Tür geöffnet wurde.

Im Türrahmen stand Max Rennemaier.

»Was ist denn mit Ihnen los?«, fragte er und Katja zuckte zusammen. Hastig versuchte sie, mit dem Taschentuch ihre Wangen zu trocknen.

Rennemaier machte ein paar Schritte in den Raum und blieb an Franz Markwarts Schreibtisch stehen. Gedankenlos nahm er einen Ordner auf und blätterte darin.

»Ich, äh, ich bin etwas durcheinander«, verteidigte sich Katja schwach.

»Und würden Sie mir sagen, weshalb?«

Rennemaiers Stimme klang angespannt. Er wusste nicht, weshalb, doch immer, wenn er sich in der Nähe von Katja Bergheim befand, ergriff ihn eine fast unkontrollierbare Nervosität. Eine von der unangenehmen Sorte. Die Frau nervte und provozierte ihn. Kurz gesagt, sie stieß ihn ab.

Katja Bergheim war für den konservativen Max Rennemaier zu unabhängig und gleichzeitig nur schwer zu durchschauen. Sie besaß eine Art von Humor, dem er nicht traute und den er mitunter auch nicht verstand.

Außerdem war sie erfolgreich. Rennemaier war zwar einerseits froh, sie in seinem Team zu haben, mochte aber andererseits zu viel Erfolg bei Frauen nicht, weshalb seine eigene Frau brav zu Hause saß und sich zu Tode langweilte. Was ihn wiederum langweilte, ja inzwischen geradezu nervte, weshalb auch der Chef der Kriminalabteilung von Zeit zu Zeit Trost und Abwechslung in fremden Betten suchte.

Mit anderen Worten: Max Rennemaier saß in einer typischen Machofalle fest.

»Franz Markwart und ich waren vorhin routinemäßig in der Parkallee. Ein Unfalltoter, wie wir annehmen.«

Rennemaier winkte ab. »Ich weiß.«

»Ich kannte den Mann.«

»Näher?«, fragte Rennemaier und sah von dem Aktenordner auf.

Katja nickte.

»Wie nahe?« Er legte den Aktenordner zurück auf Franz Markwarts Schreibtisch und sah der Kommissarin in die Augen.

Sie wandte den Blick ab. Auch sie saß in der Falle. In der Untergebenenfalle.

»Nun?«

»Sehr nahe.« Unter Rennemaiers Blick schoss ihr die Röte ins Gesicht. »Er war ein Freund von mir.«

»Da hat aber doch seine Ehefrau die 110 informiert, wenn ich mich recht erinnere.«

Scheiße, dachte Katja, der weiß auch immer alles.

Laut sagte sie: »Ja, er war verheiratet.«

»Und Sie waren also die Freundin, wenn ich Sie recht verstehe.« Rennemaiers Stimme hatte einen ironischen Unterton angenommen.

Katja sah ihrem Vorgesetzten ins Gesicht.

»Ich war seine Geliebte, wenn Sie es genau wissen wollen. Seit zwei Jahren. Und gestern Abend hat er mit mir Schluss gemacht.« Ihre Stimme klang gereizt. Der Mann konnte sie mal kreuzweise.

»Ein klassisches Motiv«, erwiderte Rennemaier trocken.

»Erstens bin ich Kriminalbeamtin. Und zweitens wissen wir ja noch nicht einmal, ob es nicht tatsächlich ein Unfall war, wofür einiges spricht.«

»Dagegen spricht, dass der Mann fremdging. Sie haben ein Motiv, weil er Sie verlassen hat, und seine Frau hat ein Motiv, weil er sie betrogen hat. Ich denke, Sie wissen, was das bedeutet.«

»Dass ich nicht ermitteln darf.«

»Genau. Sie werden von dem Fall abgezogen. Sie haben damit ab sofort nichts mehr zu tun. Das überlassen Sie schön Ihrem Kollegen Markwart. Sie kümmern sich nur noch um die Morde an diesen drei Frauen. Ist das klar? Und danke für die Presseerklärung, die Sie gestern Abend geschrieben haben.«

Katja nickte.

Rennemaier drehte sich um und verließ den Raum. Katja sah ihm nach und dachte nicht zum ersten Mal, wie unvorstellbar ihr vorkam, dass sich irgendeine Frau in dieses Nilpferd verliebte. Der Mann war kleinwüchsig, hatte zu kurze Beine, dafür jedoch einen stattlichen Bierbauch und einen ebenso stattlichen Hintern.

Zweifelsfrei jedoch gab es genügend Frauen, die auf üppige Fettpolster standen, und eine von ihnen schien Marie Overlut zu sein. Sie hatte sich, und das war nicht nur Katjas Eindruck, schon vor Jahr und Tag in Rennemaier verliebt. Gut, die Frau war ebenfalls kleinwüchsig und rundlich und hatte ihre besten Jahre hinter sich. Dennoch wunderte sich Katja, dass sie auf einen Choleriker wie Rennemaier stand.

Kaum hatte ihr Vorgesetzter die Tür hinter sich geschlossen, klingelte Katjas Telefon.

»Ich bin es, Franz. Es gibt keine Zeugen für den Unfall. Nur einen etwa vierzehnjährigen Jungen, der im Nachbarhaus wohnt und zufällig mit seinen Skatern in der Einfahrt saß, als Mohnteufel-Verdell nach Hause kam.«

»Wieso saß der da?«, unterbrach ihn Katja.

»Einer der Schnappverschlüsse war nicht richtig geschlossen. Gesehen hat er nichts weiter.«

»Auch nicht, dass die beiden sich begrüßten?«

»Nein. Als Mohnteufel-Verdell kam, hatte der Junge den Verschluss gerade geschlossen. Er grüßte, stand auf und fuhr weiter. In dem anderen Nachbarhaus wohnt eine ältere Dame, die ebenfalls nichts gesehen hat. Kann sie durch die Hecken auch nicht. Und das Alibi für die zwei Frauen stimmt nach den ersten Befragungen, und ich denke, das bleibt auch so.«

»Und hast du gefragt, ob die beiden eine gute Ehe führten?« Die Kommissarin hoffte, ihr Kollege hätte das Gegenteil herausgefunden.

»Ja, führten sie. Jedenfalls nach Auskunft von Mutter, Nachbarin und Freundin.«

»Na, klasse. Wann kommst du zurück?«

»Jetzt gleich, wir sind hier so weit fertig. Die Leiche ist schon auf dem Weg ins Leichenschauhaus und diese Rosel hab ich für morgen ebenso zu uns bestellt wie die Mutter. Um die müssen wir uns noch mal kümmern. Irgendetwas stimmt da nicht. Ich kann das riechen.«

»Ach, komm. Du riechst doch sowieso nie was. Ist doch bei allen Männern gleich. Männliche Geruchsnerven sind unterentwickelt. Prinzipiell und von Natur aus.«

»Na, zumindest hast du deinen Humor wieder.«

Katja hatte ihren Humor nicht wieder. Sie befand sich eher am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Sie legte auf, nachdem Franz Markwart ihr gesagt hatte, er wäre in einer guten Viertelstunde im Kommissariat.

Sie fuhr mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss in die Kantine, um sich einen Liter Milch zu holen. Ihr übersäuerter Magen rebellierte und brauchte dringend etwas Beruhigendes, weshalb sie die Gerüche in der Kantine diesmal ignorierte.

Im Gegensatz zu ihrem Kollegen fuhr die Kommissarin stets mit dem Lift. Franz lehnte es gemeinhin ab, innerhalb des Landeskriminalamts den Fahrstuhl zu benutzen. Er betrachtete das Treppensteigen als kostenlose Fitnessstunde. Und wo bekam er die schon umsonst, hatte er Katja augenzwinkernd gefragt, als sie sich das erste Mal schlicht weigerte, die zwei Treppen bis zu Rennemaier mit hinaufzugehen.

Als Franz Markwart fünfzehn Minuten später mit einem Kaffeebecher in der Hand den Raum betrat, brütete Katja über den Fotos der drei Frauenleichen. Irgendetwas mussten sie übersehen haben. Das dachte sie schon seit dem Abend zuvor, als sie am Fundort der dritten Leiche gewesen waren. Allerdings konnte sie sich nicht auf die Fotos konzentrieren.

»Ich komme nur kurz vorbei«, sagte Franz, als Katja aufschaute. »Ich fahre gleich noch einmal in die Uni und erkundige mich nach diesem Mohnteufel-Verdell, und dann gibt es noch eine Großmutter, Elisabeth Trautmann, die in Ohlsdorf in einem Seniorenheim lebt. Oder residiert. Jedenfalls heißt das Ding ›Residenz am Park‹. Vielleicht kommt dabei etwas heraus, was wir noch nicht wissen.«

»Tu das«, erwiderte Katja tonlos und blickte weiter gebannt auf die Fotos.

»Wann kommen eigentlich die Eltern dieser Bleile? Die solltest du noch mal befragen. Sie haben gestern doch unter Schock gestanden. Sie müssen etwas wissen. Hast du dir eigentlich schon die Sachen angesehen?«

Katja schüttelte den Kopf, während sie erwiderte, dass die Eheleute Bleile in zwanzig Minuten da sein würden. Die Papiersäcke mit den Kleidern und Besitztümern der Toten hatte Dr. Schalbach zwar noch am gestrigen Abend zu ihnen hochgeschickt, doch Katja hatte bisher keine Zeit gefunden, sich genauer damit zu beschäftigen.

Franz schüttelte den Kopf. »Das hättest du sofort tun müssen.«

Sie blickte auf. »Und du? Hast du gestern …?«

Die Frage blieb in der Luft hängen. Franz wandte sich seinem Schreibtisch zu und wühlte in seiner Ablage herum. »Hast du ein Formular für mich?«

Katja reichte ihm eines über den Schreibtisch.

»Ich nehme es mit und schreibe den Bericht über den Unfall heute Abend zu Hause.«

»Also doch meiner Meinung?«, fragte Katja und lächelte müde.

»Nicht ganz, aber ich kann nichts beweisen. Ist es übrigens okay für dich, wenn ich nach den Befragungen gleich zu mir fahre? Ich bin todmüde.«

Katja nickte und winkte Franz aus dem Zimmer.

Franz und sie waren bereits den Abend zuvor bis kurz vor zweiundzwanzig Uhr damit befasst gewesen, einen Bericht über die dritte Leiche anzufertigen. Anschließend hatte Katja noch eine Pressemitteilung geschrieben, die Rennemaier ursprünglich an diesem Vormittag verlesen wollte. Schließlich hatte sich ihr Chef jedoch umentschieden und die Pressekonferenz auf den Nachmittag verlegt.

Katja blickte auf ihre Armbanduhr. Es war kurz vor halb vier. Um vier begann die Konferenz.

Sie war gespannt. Die Journalisten würden Rennemaier in der Luft zerreißen, weil er keine konkreten Hinweise auf einen Täter geben konnte. Franz Markwart, Max Rennemaier und Katja Bergheim hatten gemeinsam beschlossen, ihre Vermutungen auch diesmal nicht an die Presse weiterzugeben. In diesem Stadium ihrer Ermittlungen würde es sie eher behindern als weiterbringen. Vorsichtshalber hatten sie sich mit dem leitenden Staatsanwalt Ulf Friedrich beraten. Auch er hatte dafür plädiert, so wenig wie möglich an die Medien weiterzugeben.

Die Journalisten würden ziemlich genervt reagieren und Katja gönnte Rennemaier das von Herzen.

Nachdem ihr Kollege gegangen war, nahm sie sich den Papiersack mit den Sachen der dritten Toten vor. Sie zog sich Latexhandschuhe über, schüttete den Inhalt auf dem Schreibtisch aus und betrachtete das Durcheinander.

Ein buntes Leinenkleid, Größe achtunddreißig, rote Sandalen, ein weißes Höschen mit passendem BH und eine Handtasche. Wie bei den anderen zwei Leichen fand sie keine Autopapiere. Sie fand auch keinen Schmuck, nicht einmal eine Armbanduhr. Das wunderte Katja, denn normalerweise trugen Frauen um die dreißig doch alle irgendwelche Ketten, Ohrringe oder Piercings. Katja betrachtete das Kleid. Völlig normal. Kein teures Leinen, keine besonders edle Verarbeitung. Sie schaute auf das Label. Mittelklasse, wie sie gedacht hatte. Sie vermutete längst, dass den Frauen die Bekleidung, in der sie gefunden wurden, nicht gehörte. Bislang hatte sie das jedoch für sich behalten. Dem tadellosen Zustand der Kleidung nach zu urteilen war keine der Frauen in dem Kleid ermordet worden, in dem sie sie aufgefunden hatten.

Katja nahm die Handtasche und entleerte sie. Der übliche Schnickschnack. Zwei braunrote Lippenstifte, kleiner Spiegel, Haarbürste, Tempotaschentücher, Mundspray. Kein Autoschlüssel. Kein Handy. Wie bei den anderen Opfern.

Katja klopfte die Nebenfächer der Tasche nach einem Handy ab. Die Tasche war leer.

Die Kommissarin sah die Frau vor sich. Wahrscheinlich besaß sie eine Zweizimmerwohnung in der richtigen Gegend, ein Auto von der richtigen Größe und ein offizielles Kostüm in der richtigen Farbe. Solche Frauen hatten auch ein Handy, dachte Katja Bergheim.

Sie nahm ein dickes Portemonnaie in die Hand und öffnete es. Sie wunderte sich nicht, dass die Euroscheine wohlbehalten im Fach steckten. Im vorderen Geldscheinfach entdeckte sie diverse Tankquittungen, Taxirechnungen und zwei abgerissene Kinokarten von Mai. In einem Seitenfach fanden sich Führerschein und Ausweis. Den hatte Katja am Abend zuvor schon gesehen, als sie beim Fundort der Leiche gewesen war. Sie hatten noch am frühen Abend die beiden Polizisten Fred Schwerter und Clemens Kochel abgestellt, damit sie die Eltern der Toten und einige Nachbarn befragen konnten. Irgendwo musste doch deren Bericht liegen, dachte Katja und fluchte leise. Sie fühlte sich überfordert. Den Bericht der beiden hätte sie gleich heute früh lesen müssen. Aber wo war er?

Sie wühlte vergeblich in ihrem Poststapel. Wahrscheinlich war der Umschlag mit dem Bericht am Morgen auf einem anderen Schreibtisch gelandet. Es wäre nicht das erste Mal. Sie hoffte, dass er nicht bei einem Kollegen lag, der ausgerechnet heute freihatte oder unterwegs war. Das fehlte ihr gerade noch.

Zunächst aber beschäftigte sich Katja mit dem Kartenfach des Portemonnaies. EC-Karte, Bahncard, Mastercard, die Karte der Krankenkasse und fünf Visitenkarten. Eine vom Friseur, eine von einem Orthopäden, eine von Michael Herbholer, Immobilienmakler – wohl der Freund –, und die letzte von einem Verein namens »Frauen in Not e. V.«.

Katja hatte noch nie von einem Verein namens »Frauen in Not« gehört und fragte sich, was das sein sollte. Sie wählte die angegebene Nummer.

Eine Frauenstimme vom Band verwies sie darauf, dass das Telefon erst ab siebzehn Uhr besetzt sei.

Katja legte auf und fuhr hinunter zur Poststelle.

Sie hatte Glück. Ein brauner Umschlag lag einsam in ihrem Fach. Als sie ihn öffnete, fiel ihr der Bericht von Fred Schwerter und Clemens Kochel entgegen.

Die beiden Streifenpolizisten wirkten stets etwas gehemmt, erledigten aber ihre Aufträge immer prompt, zuverlässig und gewissenhaft. Katja Bergheim arbeitete bei Zeugenbefragungen am liebsten mit ihnen zusammen. Besonders schätzte sie ihre Sensibilität im Umgang mit Hinterbliebenen von Gewaltverbrechen. Das hatten die beiden quasi mit der Muttermilch eingesogen.

Dem Bericht entnahm sie, dass die Tote Magdalena Bleile vor sechs Wochen einunddreißig Jahre alt geworden war. Sie wohnte noch bei ihren Eltern in Barmbek in einem Reihenhaus. Also doch keine Zweizimmerwohnung, dachte Katja. Eher ein ewiges Nesthäkchen.

Die Eltern, die Rentner Rüdiger und Erika Bleile, hatten ausgesagt, Magdalena hätte als Fremdsprachenkorrespondentin bei einem internationalen Versandhandel gearbeitet. Und sie hätte einen Freund gehabt. Einen verheirateten. Sie war mit dem Mann seit vier Jahren zusammen. Zunächst hätte sie wohl nicht gewusst, dass der Mann verheiratet war. Doch dann musste er es ihr wohl irgendwann gesagt haben. Und seitdem hätte sie immer in der Hoffnung gelebt, er würde sich scheiden lassen. Hatte er aber nie getan. Die Eltern hatten den Mann an einem Mittwochnachmittag vor zwei Jahren kennen gelernt. In welchem Monat, das wussten sie nicht mehr. Aber es war ein Mittwoch gewesen. Daran erinnerten sich beide genau. An dem Tag gingen sie zum Kegeln, weshalb sie den Freund ihrer Tochter nach einer knappen Stunde bitten mussten zu gehen. Seither hatten sie ihn nie wieder gesehen. Sein Name war übrigens Michael Herbholer.

Katja suchte die Visitenkarte des Immobilienmaklers hervor. In schwarzen Lettern hob sich der Name Michael Herbholer von einem champagnerfarbenen Untergrund ab. Sie lächelte resigniert. Sie hatte mit ihrer Vermutung Recht gehabt. Doch was nutzte es ihr oder der Toten schon?

Dem Bericht zufolge besaß Magdalena Bleile keine Perücke, was Katja erstaunte. Sie nahm sich vor, die Eltern noch einmal danach zu fragen.

Die Eltern und Magdalenas älterer Bruder, Cornelius, hatten laut Protokoll häufiger versucht, Magdalena davon zu überzeugen, ihren Freund fallen zu lassen. Sie habe allerdings ihren eigenen Kopf gehabt und auf niemanden gehört.

Noch so eine dumme Nuss, dachte Katja – und heulte los. Die Tränen tropften auf den Bericht, galten aber nicht der Toten, sondern ihrem eigenen, verpfuschten Liebesleben.

Ich bin ein Profi, hämmerte es in ihrem Kopf. Die Tränen scherten sich nicht um Professionalität.

Verzweifelt blickte Katja auf die Uhr. Jeden Moment mussten die Eltern dieser Bleile hier erscheinen. Unbeeindruckt flossen die Tränen weiter. Katja wurde wütend auf sich selbst. Sie verachtete heulende Frauen, und an diesem Tag hatte sie reichlich Anlass, sich selbst zu verabscheuen.

Der Abscheu half. Die Tränen versiegten langsam.

Sie stand auf und ging nach nebenan, wo Marie Overlut einen kurzen Blick auf Katjas verquollene Augen warf und sich dann hastig zu einer ihrer Schubladen hinunterbeugte. Sie wollte Katja die Peinlichkeit ersparen, beim Weinen ertappt zu werden. Die Kommissarin ging zum Waschbecken und richtete sich flüchtig her, während Marie Overlut übel wurde. Sie hatte einen zu hohen Blutdruck, und diese Kopfüber-Haltung bekam ihr nicht, zumal ihr Magen unter dem Druck des nach vorn gebeugten Oberkörpers rebellierte und einen Schwall Magensäure durch die Speiseröhre schickte. Marie Overlut schluckte und fuhr ruckartig in die Höhe, was ihrem Befinden erst recht nicht bekam. Sie griff nach einer Tasse Tee, während Katja Bergheim das Zimmer verließ, ohne sie zu beachten.

Katja hatte Glück. Rüdiger und Erika Bleile kamen zehn Minuten zu spät, weil sie die U-Bahn verpasst hatten, wie sie verlegen erklärten.

Die Kommissarin lächelte die beiden mit roten Augen an, bat sie in ihr Zimmer und rief Marie zu, Clemens Kochel und Fred Schwerter sollten doch bitte zu ihr kommen.

Es war stets bedrückend für Katja, mit den Hinterbliebenen von Mordopfern zu sprechen. Sie wusste, wie hilflos und deprimiert Angehörige waren, die ein Kind verloren hatten – auch wenn das Kind längst erwachsen war.

Sie bat die beiden, auf den Besucherstühlen Platz zu nehmen, sprach ihnen ihr Beileid aus – und kam sich kalt und herzlos vor, als sie erklärte, dass es genügte, wenn einer die Tochter identifizierte. Einer von ihnen beiden müsste es tun. Leider. Sonst könnten sie keinen Totenschein ausstellen.

Rüdiger Bleile sah seine Frau kurz an. Sie saß schluchzend auf dem Besucherstuhl, die verquollenen Augen, umrahmt von dunklen Ringen, schienen über den rundlichen Wangen verschwinden zu wollen.

»Es ist zu viel für sie. Ich mach das schon«, erklärte Rüdiger Bleile mit trostloser Stimme. Trostlos auch hing das Jackett auf den Schultern seiner schlaksigen Gestalt, die gürtellose Hose saß schräg auf der Hüfte und das Hemd zipfelte aus dem rechten Hosenbund. Dennoch erweckten die zwei den Eindruck, sie hätten sich für den Besuch auf dem Kommissariat ihre Sonntagskleider angezogen.

Katja nickte zustimmend, während sie Clemens Kochel, der inzwischen mit seinem Kollegen das Zimmer betreten hatte, flüsternd bat, der Frau ein Glas Wasser oder einen Kaffee anzubieten. Gemeinsam mit Rüdiger Bleile fuhr Katja hinunter in die Pathologie.

Sie fürchtete sich jedes Mal vor einer Identifizierung. Sie hatte Angehörige zusammenbrechen sehen oder gellend schreien gehört. Sie hatte hilfloses Stammeln erlebt und verhaltenes Schluchzen.

Doch am schlimmsten traf es sie immer dann, wenn Angehörige starr vor Entsetzen vor den Toten verharrten und zu keiner Reaktion fähig waren.

Rüdiger Bleile hielt die Luft an, als sie den neondurchfluteten Saal betraten, in dem Dr. Schalbach sie bereits erwartete.

Der Rechtsmediziner hatte noch am Abend zuvor mit der Autopsie der Frau begonnen. Als Erstes untersuchte er zusammen mit seinem Assistenten Ulf Andresen genauestens jedes Kleidungsstück, beschrieb dessen Zustand und verstaute es dann in einem großen Papiersack. Während Dr. Schalbach die Leiche eingehend betrachtete, fotografierte Ulf Andresen die Frau aus jedem erdenklichen Winkel. Dr. Schalbach sprach seinen Bericht wie immer in ein Diktiergerät. Er untersuchte und beschrieb alle besonderen Merkmale und jede noch so winzige Hautabschürfung. Wie bereits bei den ersten beiden Toten besaß auch Magdalena Bleile helle Flecke am Gesäß, hatte also noch nach ihrem Tod gesessen. Aufgefunden worden waren die drei Frauen jedoch auf dem Rücken liegend. Ein weiterer, eindeutiger Beleg dafür, dass die Leichen erst weit nach ihrem Tod zum Fundort transportiert worden waren.

Verantwortlich für die blutleeren Flecke war der sinkende Blutdruck, der das Blut an die tiefsten Stellen des Körpers presste. Lediglich dort, wo das Körpergewicht auf dem Gewebe lastete, presste der Druck das Blut heraus, sodass sich die verräterischen, hellen Hautflecke bildeten.

Magdalena Bleile lag auf einem Tisch aus rostfreiem Edelstahl. Eine verstellbare, grell leuchtende OP-Lampe tauchte sie in ein kaltes, violettes Licht, als Dr. Schalbach das Tuch von ihr zog.

Rüdiger Bleile starrte seine Tochter an, den Rücken durchgedrückt, die Finger ineinander gehakt. Die Fingerknöchel traten weiß hervor. Die Lippen zitterten. Im Rhythmus der bebenden Schultern hob und senkte sich das Jackett.

Er wandte sein schmales Gesicht zu Katja, die hinter ihm stand. In der kalten Neonbeleuchtung schien es hohlwangig und von durchscheinender Blässe.

Er nickte ihr zu und verließ aufrecht, doch schlurfenden Schrittes die Pathologie.

Katja folgte ihm. Als sie ihn erreichte, legte sie ihm eine Hand auf den Arm. Der Mann blieb stehen und sah sie an.

»Ich verstehe Ihren Schmerz«, sagte Katja und kam sich dumm vor.

»Nein. Sie verstehen ihn nicht.«

Sie streichelte ihm kurz über den Oberarm. Rüdiger Bleile wischte ihre Hand fort und ging weiter.

»Meine Frau, wissen Sie, meine Frau …«, erklärte er schließlich, »wird nicht darüber hinwegkommen. Magdalena war ihr Ein und Alles.« Rüdiger Bleile blieb stehen und fummelte aus seiner Hosentasche ein großes Baumwolltaschentuch mit blaurotem Rand. Er putzte sich die Nase, atmete tief durch, zog die Schultern mit kräftigem Ruck zurück und ging bestimmten, dennoch schlurfenden Schrittes zum Fahrstuhl.

Katja folgte ihm erneut.

»Lassen Sie sich Zeit«, sagte sie.

»Es geht nicht um mich. Ich muss mich um meine Frau kümmern, Frau Bergheim.«

Katja nickte. »Rufen Sie mich an. Jederzeit, wenn Sie oder Ihre Frau Hilfe brauchen. Ich kann Ihnen den Schmerz nicht nehmen, aber ich kann Ihnen zuhören. Oder Ihnen die Adresse eines Therapeuten geben, der auf die Hinterbliebenen von Gewaltverbrechen spezialisiert ist. Oder die Telefonnummer eines Selbsthilfevereins, der einen exzellenten Ruf genießt. Denken Sie darüber nach.«

Rüdiger Bleile nickte. »Später, vielleicht.«

Zurück in ihrem Zimmer, winkte Katja Fred Schwerter und Clemens Kochel aus dem Raum.

Sie wollte mit den Eltern allein sprechen.

»Sie müssen verzeihen, wenn Ihnen die Fragen, die ich Ihnen jetzt stellen werde, bereits von meinen Kollegen gestellt wurden. Doch ich halte es für richtig, wenn wir noch einmal ganz von vorn anfangen«, leitete Katja ihre Vernehmung ein. Sie schaltete das Tonbandgerät ein und nahm einen Bleistift und einen Notizzettel, um sich wichtige Aussagen zusätzlich notieren zu können. Nur so konnte sie sie jederzeit parat haben, ohne die ellenlangen Vernehmungsprotokolle jedes Mal erneut lesen zu müssen.

Frau Bleile warf ihrem Mann einen fragenden Blick zu. Er erwiderte ihn und nickte.

Vorsichtig tastete sich Katja Bergheim mit ihren Fragen voran. Sie erkundigte sich nach den Gewohnheiten ihrer Tochter, den Hobbys, den Freunden.

»Magdalenas beste Freundin war Marisa Elser«, antwortete Herr Bleile. »Sie arbeitete bei demselben Versandhaus wie Magdalena.«

Katja schaute zu Frau Bleile, die zustimmend nickte, und notierte sich den Namen.

Sie fragte nach bevorzugten Cafés und Restaurants. Die Eltern schüttelten ratlos den Kopf. Ihre Tochter sei abends zwar häufiger weg gewesen, doch meistens war sie mit irgendwelchen Freundinnen oder Bekannten ins Kino oder zum Essen gegangen. Mehr wussten sie nicht.

Katja fragte, ob Magdalena Bleile jemals eine Perücke getragen habe. Die Eltern schauten die Kommissarin erstaunt an und verneinten. Das seien sie schon gefragt worden. Magdalena habe wunderbares, langes blondes Haar gehabt.

Natürlich fragte Katja Bergheim nach Michael Herbholer. Doch anderes, als sie einen Tag zuvor bereits Clemens Kochel und Fred Schwerter erzählt hatten, konnte auch Katja dem Ehepaar nicht entlocken. Sie wussten nicht viel über den Liebhaber ihrer Tochter.

Doch Cornelius, den ältesten Sohn, den könnte sie gerne befragen. Er käme noch am selben Abend aus Berlin, um den Eltern beizustehen.

Völlig unbekannt war den Eltern der Verein »Frauen in Not«.

»Wo hat Ihre Tochter ihren Freund denn immer getroffen?«, wollte Katja wissen, doch auch darauf konnten weder Vater noch Mutter antworten.

»War Ihre Tochter in den letzten Wochen nervös, fühlte sie sich bedroht? War sie häufiger als sonst unterwegs?«

Frau Bleile senkte den Kopf und blickte auf ihre Hände, die sie im Schoß verschränkt hatte.

»Sehen Sie, meine Tochter machte sehr viele Dinge mit sich selbst ab.«

»Wirkte sie besonders unruhig, leicht gereizt, fahrig? Verhielt sie sich anders als sonst?«, präzisierte die Kommissarin ihre Frage.

»Nein«, antwortete Rüdiger Bleile statt seiner Frau.

Details

Seiten
436
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958244054
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310735
Schlagworte
eBooks Krimi Komissarin Humor Seitensprung Ehe Frauenunterhaltung Ironie Witz Rache

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Titel: Seitenwechsel