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Gefühle und andere Katastrophen

Kurzroman

2015 48 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Haben Eiszapfen Gefühle? Diese Frage stellt sich die Besatzung des Kreuzfahrtschiffes MS Splendido immer wieder – denn Unterhaltungschefin Linda ist zwar perfekt organisiert und findet für jedes Problem eine Lösung, gibt sich dabei aber unnahbar wie die Schneekönigin. Und ausgerechnet sie soll nun das traditionelle Weihnachtsessen organisieren? Das verspricht, eine freudlose Angelegenheit zu werden. Doch es kommt anders. Denn Linda entdeckt zu ihrer eigenen Überraschung die Fähigkeit, die Herzen ihrer Kollegen zu öffnen – und spricht selbst zum ersten Mal über jenes Fest vor vielen Jahren, das ihr Leben verändert hat …

Über die Autorin:

Hera Lind, geboren in Bielefeld, studierte Germanistik, Theologie und Gesang. Sie machte sich europaweit als Solistin einen Namen und war 14 Jahre lang festes Mitglied des Kölner Rundfunkchores. Während ihrer ersten Schwangerschaft schrieb sie ihren Debütroman »Ein Mann für jede Tonart«. Dieser wurde sofort ein Bestseller und erfolgreich verfilmt – eine Erfolgsgeschichte, die sich mit zahlreichen Romanen wie »Das Superweib«, »Die Zauberfrau«, »Das Weibernest«, Kinderbüchern und Tatsachenromanen bis heute fortsetzt. Hera Linds Bücher wurden in 17 Sprachen übersetzt und verkauften sich über 13 Millionen Mal. Hera Lind ist Mutter von vier Kindern und lebt mit ihrer Familie in Salzburg.

Hera Lind veröffentlichte bei dotbooks bereits die Romane »Ein Mann für jede Tonart«, »Frau zu sein bedarf es wenig«, »Das Superweib«, »Das Weibernest«, »Die Zauberfrau«, »Der gemietete Mann«, »Hochglanzweiber«, »Mord an Bord«, »Der doppelte Lothar«, »Karlas Umweg«, »Fürstenroman« und »Drei Männer und kein Halleluja« sowie die Kurzromane »Rache und andere Vergnügen« und »Hunde und Herzensbrecher« sowie das Kinder- und Vorlesebuch »Der Tag, an dem ich Papa war«. Außerdem erschienen bei dotbooks die Doppelbände »Ein Mann für jede Tonart & Frau zu sein bedarf es wenig«, »Mord an Bord & Der doppelte Lothar« und »Das Superweib & Die Zauberfrau«.

Die Autorin im Internet: www.heralind.com

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Überarbeitete und erweiterte eBook-Neuausgabe Dezember 2015

Dieser Kurzroman von Hera Lind erschien in einer älteren, kürzeren Fassung bereits 2010 unter dem Titel »Die Weihnachtshandtasche« in der Anthologie »Schneegeflüster«, herausgegeben von Uta Rupprecht, im Diana Verlag, München.

Copyright © der Originalausgabe 2010 Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Valentyn Volkov und Christian Jung

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-428-3

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Hera Lind

Gefühle und andere Katastrophen

Kurzroman

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Kapitel 1

Ihr Kinderlein kommet, dachte Linda und setzte ihr professionelles Lächeln auf, als sie an dem in die Jahre gekommenen Playboy und seiner attraktiven Begleiterin vorbeiging, die in Champagnerlaune aus einem der Wellness-Bereiche stolperten. Der Millionär hatte sein Vermögen mit Bankgeschäften gemacht, die man im Zweifelsfall »dubios« nennen musste, und einen Teil davon in die Generalüberholung seiner Gespielin investiert, die als »in Teilen eindrucksvoll« bewertet werden durfte. Linda schätzte die Blondine auf sechsundzwanzig Jahre, ihre überprallen Brüste auf wenige Monate. Ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk vielleicht? Wie reizend. Ob der Chirurg die Implantate mit einer roten Schleife überreicht hatte?

In Momenten wie diesen hätte Linda früher vermutlich einen Stoßseufzer gen Himmel geschickt. Aber das tat sie heute nicht mehr. Denn Linda war Profi, und private Ansichten oder gar Gefühle hatten für sie an Bord nichts zu suchen.

Das vornehme Luxusschiff MS Splendido befand sich am Heiligen Abend irgendwo in der Südsee. Tagsüber war man noch in Tahiti gewesen, morgen am ersten Weihnachtstag würde man bei strahlend blauem Himmel und dreißig Grad in Bora Bora anlegen. Linda Sandmann war als Kreuzfahrtdirektorin für das Entertainment der Gäste zuständig. Für diesen Tag hatte sie an Bord eine heilige Messe organisiert.

Nun, man musste bei der Wahrheit bleiben: eine Messe. Die Heiligkeit mochte sich dazu denken, wer wollte.

Es hatte sie mehrere nervtötende Telefonate gekostet, den Pfarrer von Papeete zu überreden, die Messe auf dem Schiff abzuhalten. »Wer am Heiligen Abend einen Gottesdienst besuchen will, soll gefälligst in meine Kirche kommen«, hatte der Geistliche gebrummt, dessen Name Tamatoa war, was Linda unweigerlich an eine Tomate denken ließ. Der Tonfall hätte eher zu einer beleidigten Leberwurst gepasst.

Linda ließ nicht locker: »Reverend Tamatoa, Sie müssen bitte verstehen, dass unsere Gäste nicht besonders gut zu Fuß sind. Aber sie möchten wirklich unbedingt eine christliche Zeremonie besuchen!«

»Sie sprechen von Menschen mit einer Behinderung«, fragte der Geistliche skeptisch.

»Unbedingt!«, flötete Linda im Brustton der Überzeugung.

In Wirklichkeit waren die vorwiegend amerikanischen Multimillionäre, die über Weihnachten auf dem Luxusliner zu kreuzen pflegten, nur zu einem kleinen Teil gehbehindert, aber allesamt sozial auffällig. Anders ausgedrückt: dermaßen verwöhnt, dass sie nur noch jene Angebote wahrnahmen, die man ihnen quasi vor die Nase setzte. Ein Fußmarsch durch den Hafen und am Strand entlang bis zur Kirche von Papeete wäre für viele von ihnen bereits als Zumutung empfunden worden. Es wäre auch zwecklos gewesen, den Transport mit Bussen oder Booten zu organisieren; kaum einer wäre eingestiegen. Diesen Fehler hatte Linda vor ein paar Jahren einmal und nie wieder gemacht. »Das ist unzumutbar!«, hatte eine erstaunlich faltenfreie Texanerin getobt, deren Stimme auf ein Geburtsdatum in den früheren 50er Jahren schließen ließ. Linda übersetzte dies in Gedanken mit Ich habe doch nicht mein Leben lang diesen Trottel von Ehemann ertragen, um jetzt mit ihm in einem klapprigen Bus zu sitzen! Nun, zugegeben, das war tatsächlich eine Leistung, die man bewundern musste, wie Linda nach einem Blick auf den Begleiter der glattgebügelten Amerikanerin einräumen musste.

In diesem Jahr wollte sie sich die vielen Beschwerdeschreiben auf ihrem Schreibtisch sparen, die bei einem Heiligabend-Ausflug unweigerlich dort landen würden. Die Gäste zahlten über tausend Dollar pro Person und Tag an Bord der MS Splendido, da musste es wohl im Preis inbegriffen sein, dass sich am Weihnachtstag ein Pfarrer an Bord bequemte.

Dank einer saftigen Dollarspende an die Kirchengemeinde der gesegneten Tamatoa-Tomate hatte es schließlich auch geklappt. Rechtzeitig zwischen Teezeit und Gala-Diner, genau um 18 Uhr, war der Priester samt einem kleinen Chor und einem Harmoniumspieler ins Theater des Luxusschiffes gekommen und hatte dort vor etwa zweihundert Gästen und ebenso vielen philippinischen Besatzungsmitgliedern die Messe abgehalten. Die Ehegattinnen präsentierten in den gepolsterten Clubsesseln ihren gesamten Schmuck, ihre steinreichen Männer je nach Verfallszustand sorgsam auftrainierte Muskeln oder angefressene Wohlstandsbäuche. Man trug Abendgarderobe, wobei das, was viele Damen und manche Herren dafür hielten, einen Modeschöpfer mit nachweislichem Stilgefühl vermutlich in den Freitod gezwungen hätte. Es war ein einziges Sehen und Gesehenwerden, wobei sich dies nicht zwangsläufig auf den christlichen Würdenträger bezog; ein Großteil der zahlenden Gäste hätte vermutlich genauso bereitwillig einem Feuerschlucker oder Jongleur zugesehen. Die Filipinos hingegen nahmen ernsthaft ergriffen auf der Empore und in den hinteren Reihen stehend beziehungsweise kniend am Gottesdienst teil. Linda musste unwillkürlich lächeln. Für diesen Teil der Besatzung hatte sich der Aufwand dann doch gelohnt.

Auch die Gäste waren letztendlich zufrieden, war der Chor doch in Landestracht erschienen und hatte nach einigen regionalen Festgesängen dann auch verlässliche Weihnachtslieder angestimmt, von Jingle Bells bis White Christmas, was bei den hochsommerlichen Temperaturen einen skurrilen Charme besessen hatte. Dass einer der Mitarbeiter vom Unterhaltungsensemble schließlich als Santa Claus aufgetreten war und unter lautem »Hohoho«-Rufen Werbegeschenke der Reederei unters Volk geworfen hatte, hatte den Pfarrer zwar verärgert, aber damit musste Linda leben. So wie er mit dem höflichen Applaus, der ihm am Ende der Zeremonie vom Publikum entgegenbrandete. »Nie wieder«, hatte er ihr zugezischt, als er von Bord gegangen war. Was in der Regel bedeutete: »Das nächste Mal zahlen Sie das Doppelte!« Natürlich stimmte es nicht, dass jeder Mensch käuflich war. Aber Linda hatte die Erfahrung gemacht, dass es bei der richtigen Summe nie ein Problem darstellte. In Krisenzeiten schon gar nicht. Und das sogenannte »Fest der Liebe« zählte eindeutig in diese Kategorie.

***

Seit zehn Jahren war Linda Sandmann nun als Entertainment-Managerin auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs. Gerade an Weihnachten legte sie großen Wert darauf, bloß nicht in ihrer norddeutschen Heimatstadt zu sein. Sie hasste Weihnachten. Sie hatte eine regelrechte Weihnachtsphobie. All das verlogene Getue um den Baum, das übertriebene Essen (»Ich kann wirklich nicht mehr …« – »Ach was, so ein kleines Gänsekeulchen geht doch immer noch!«), die Familie, die sich im Kerzenschein bemühte, den Emotionsterror der letzten zwölf Monate wegzulächeln, die Geschenke (»O wie schön, neue Salz- und Pfefferstreuer, jetzt habe ich acht!«), der Schmuck (»Dieses Jahr halten wir die Deko in Malve-Holunder, das ist der letzte Schrei – nein, die Kugeln in funkelndem Taupe-Metallic sind absolut out, out, out!«), die ewig gleichen Lieder, überhaupt der ganze grässliche Zwang zum kollektiven Glücklichsein war ihr zuwider.

Auf dem Schiff konnte sie dem ganzen Gefresse, Geglitter und Gesinge zwar auch nicht entfliehen, aber sich ganz ihrem Job widmen. Da war sie beschäftigt mit dem straffen Organisieren, dem Abspulen des Programms, das die Gäste wünschten. Auf diese Weise hatte Linda jeden Heiligabend seit jenem furchtbaren letzten Weihnachten zu Hause gnädig überstanden. Nie sah sie, wenn sie aus dem Fenster ihrer Kabine schaute, die Dunkelheit, den nasskalten Asphalt, die kahlen Bäume, den Schneeregen und die graue moderne Kirche ihres Hamburger Vorstadtviertels, an die sie sich so ungern erinnerte. Stattdessen plätscherte türkisfarbenes Wasser an einen Sandstrand, und im Hintergrund waren die hübschen kleinen bunten Häuschen einer Karibik- oder Südsee-Insel zu sehen. Wenn Weihnachten war, befand sich Linda am anderen Ende der Welt – und in ihrer ganz eigenen, in der himmelhochjauchzende Gefühle genau so wenig verloren hatten wie zu Tode betrübte.

Und das war gut so.

Kapitel 2

Um zwanzig Uhr fand für die Offiziere der MS Splendido ein gesetztes Essen in einem abgeteilten Raum des Restaurants statt. Auch diese traditionelle Weihnachtsfeier des Kapitäns mit allen wichtigen Streifenträgern hatte Linda organisiert. Was dummerweise auch bedeutete, dass sie ihr nicht fernbleiben konnte.

Die zahlenden Gäste tafelten in einem anderen Teil des mehrstöckigen Restaurants, unterhaltende Klaviermusik und Stimmengewirr perlten von dort herüber. Die höheren Offiziere durften heute, am Weihnachtsabend, ausnahmsweise unter sich sein. An jedem anderen Abend der Reise waren sie verpflichtet, mit den Gästen zu essen: Jeder von ihnen hatte einen eigenen Tisch, an den er immer wieder neue Gäste einladen musste, so dass jeder zahlende Kreuzfahrer am Ende der Reise mit mindestens vier verschiedenen Offizieren gespeist hatte. Für Linda galt dies nicht; da sie für das Bordentertainment zuständig war, musste sie das Kunststück beherrschen, überall gleichzeitig zu sein. Dies sorgte für unregelmäßige Essenszeiten – es gab immer etwas, was noch schnell hier und dort organisiert werden musste –, aber auch für eine gewisse Distanz zwischen ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen. Linda war dies recht so. Sie war hier, um zu arbeiten, nicht, um Freunde zu finden.

Und ganz sicher wollte sie keine Freundinnen finden.

Unter den Kolleginnen galt sie deswegen wahlweise als Eisprinzessin oder Spinne, die überall ihre Netze zog, ohne sich selbst je darin zu verfangen. Linda konnte mit beidem leben. Es prallte an ihrer gutpolierten, professionellen Fassade ab.

Der Raum, in dem das Essen der Offiziere stattfand, war recht ungemütlich, wie Linda fand. Alle übrigen Tische um sie herum waren bereits für das Frühstück eingedeckt. Ab sechs Uhr morgens würden sich hier wieder die hungrigen Reichen und Schönen am Buffet vorbeiwälzen und sich die Teller mit Eiern, Speck, Würstchen, Bohnen und Bergen von frischen Waffeln und Früchten vollladen. Im Lauf der Zeit hatte Linda eine gewisse Typologie entwickelt. Reisende mit »altem Geld«, die ihr Vermögen seit Generationen in der Familie hielten und vermehrten, nahmen sich meist nur das, was sie wirklich essen konnten und wollten. »Neureiche« der ersten Generation, die sich noch selbst hochgearbeitet hatten, neigten zum deutlich stärker gefüllten Teller, aßen aber auch alles auf; schließlich hatte man es sich verdient, und das Lachröllchen ging jetzt auch noch rein. Ihre Kinder hingegen gingen achtlos mit dem um, was ihnen angeboten wurde – sie nahmen alles mit, was sie bekommen konnten, ließen das meiste dann aber stehen. So etwas versetzte Linda immer einen Stich. Da waren ihr die Trophy-Wives, wie man die jungen Begleiterinnen vermögender Herren an Bord nannte, lieber. Auch wenn deren bescheidene Portionen vermutlich nur dazu dienten, die perfekte Bikinifigur zu halten; selbst kleinste Fettpölsterchen waren Zinsen, die man vermeiden musste, wenn das einzige Kapital die makellose Schönheit war.

Linda verscheuchte den Gedanken an die Reisenden wie ein lästiges Insekt, das ihren Kopf umschwirrte, und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den versammelten Streifenhörnchen … pardon … Streifenoffizieren zu. Alle zwölf, darunter Kapitän Jacques Delon, der Staff-Captain, der erste Ingenieur, der Hoteldirektor, der Arzt und der Zahlmeister, waren in ihren Uniformen erschienen. Die Herren waren frisch rasiert, ihre Jacken saßen tadellos, die goldenen Manschettenknöpfe mit dem Emblem des Luxusschiffes glänzten im Schein der Kronleuchter. Außer Linda saß nur noch eine weitere Frau am Tisch, die Hausdame aus der Ukraine. Ulyana trug ein dunkelblaues wadenlanges Kostüm und hatte ihr Haar zu einem Knoten streng nach hinten gebunden. Linda selbst hatte ein langes schwarzes Abendkleid angezogen, das dem ähnelte, das sie in ihrer Zeit als Chorsängerin in jenem norddeutschen evangelischen Vorstadtkirchenchor getragen hatte. Natürlich war es nicht dasselbe; das alte Modell war mit fast allem, was ihr damals gehört hatte, eingemottet oder weggegeben worden. Nur mit den Erinnerungen ging das leider nicht so einfach.

Der Tisch war festlich und geschmackvoll eingedeckt, wozu auch kleine, dezente Blumengestecke gehörten. An der Wand des ansonsten leeren Restaurants stand das genaue Gegenteil: ein riesengroßer Weihnachtsbaum, über und über mit roten Kugeln und bombastischem Schmuck beladen wie Schleifen, Ketten, kleinen Rauschgoldengeln mit merkwürdig starren Glupschaugen und einem ganzen Bataillon Lichtern. Für Lindas Geschmack war der Baum viel zu kitschig, aber die Amerikaner liebten es so. Das Dekoteam hatte in der Vergangenheit mit modischen Schmuckfarben und einem Hauch klassischem Understatement experimentiert, aber was in Hochglanz-Einrichtungsmagazinen vorgelebt wurde und in Privathaushalten gut ankam, war hier auf dem Schiff verpönt; der kleinste gemeinsame Nenner für Festtagsstimmung blieben nun einmal rote Kugeln und Opulenz. Gut, dass der Baum schon tot ist, dachte Linda bei sich. Sonst hätte er sich jetzt definitiv einen Bruch gehoben … Misstrauisch musterte sie außerdem ein paar der Rauschgoldengel, die in ihrer glänzenden Leblosigkeit einen irgendwie bedrohlichen Eindruck machten.

Die Offiziere begannen mit dem Aperitif, den die eifrig wieselnden philippinischen Weinstewards ihnen in perfekter Choreographie kredenzten. Linda nahm ihr Glas Champagner entgegen und hielt es wie alle anderen in die Runde: »Merry Christmas!« Das Berufslächeln war ihr bei solchen Gelegenheiten ins Gesicht gemeißelt. Linda wusste, dass es nach jahrelanger Übung unverbindlich und freundlich aussah; in Momenten wie diesen fühlte es sich aber etwas steif an. Emotionales Botox sozusagen.

Details

Seiten
48
Erscheinungsform
Überarbeitete Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958244283
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310740
Schlagworte
Humor Comedy Feelgood heiterer Roman Frauenroman Gaby Hauptmann Dora Heldt Petra Hülsmann Bestseller eBooks

Autor

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Titel: Gefühle und andere Katastrophen