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Karrieregeflüster

Roman

2015 470 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:
Nora kommt aus einer Familie, in der Schönheit alles zählt: der Vater Plastischer Chirurg, die Geschwister Models und Starlets. Nora dagegen hasst nicht nur ihre Nase … Statt der Schönheit und Eleganz ihrer Mutter hat sie einen klugen Kopf geerbt – und setzt ihn auch ein. Als Unternehmensberaterin startet sie durch und zählt bald zu den Besten ihrer Zunft. Wie clever sie wirklich ist, muss sie allerdings erst beweisen, als sie der Intrige eines eifersüchtigen Kollegen auf die Schliche kommt. Doch auch ihr Herz bekommt etwas zu tun: Plötzlich steht ihr früherer Liebhaber vor der Tür und will sie zurück. Nora muss sich entscheiden: Karriere oder Liebe – Kopf oder Herz?

Über die Autorin:
Annegrit Arens hat Psychologie, Männer und das Leben in all seiner Vielfalt studiert und wird deshalb von der Presse immer wieder zur Beziehungsexpertin gekürt. Seit 1993 schreibt die Kölner Bestsellerautorin Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher. Fünf ihrer Werke wurden für die ARD und das ZDF verfilmt.

Annegrit Arens veröffentlichte bei dotbooks bereits folgende Romane: »Der Therapeut auf meiner Couch«, »Die Macht der Küchenfee«, »Aus lauter Liebe zu dir«, »Die Schokoladenkönigin«, »Die helle Seite der Nacht«, »Ich liebe alle meine Männer«, »Wenn die Liebe Falten wirft«, »Bella Rosa«, »Weit weg ist ganz nah«, »Der etwas andere Himmel«, »Der geteilte Liebhaber«, »Wer hat Hänsel wachgeküsst«, »Venus trifft Mars«, »Süße Zitronen«, »Wer liebt schon seinen Ehemann?«, »Suche Hose, biete Rock«, »Kussecht muss er sein«, »Mittwochsküsse«, »Liebe im Doppelpack«, »Lea lernt fliegen«, »Lea küsst wie keine andere«, »Väter und andere Helden«, »Herz oder Knete«, »Verlieben für Anfänger«, »Liebesgöttin zum halben Preis«, »Schmusekatze auf Abwegen«, »Katzenjammer deluxe«, »Ein Pinguin zum Verlieben«, »Absoluter Affentanz«, »Rosarote Hundstage«, »Die Liebesformel: Ann-Sophie und der Schokoladenmann«, »Die Liebesformel: Anja und der Grüntee-Prinz«, »Die Liebesformel: Tamara und der Mann mit der Peitsche«, »Die Liebesformel: Susan und der Gentleman mit dem Veilchen«, »Die Liebesformel: Antonia und der Mode-Zar« und »Die Liebesformel: Ann-Sophie und il grande amore«.

Die Autorin im Internet: www.annegritarens.de

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eBook-Neuausgabe Dezember 2015

Dieses Buch erschien bereits 1997 unter dem Titel »Karrieregeflüster« im Marion von Schröder Verlag sowie 1999 unter »Seidenkatze mit Schlips und Kragen« bei der Paul List Verlag GmbH & Co. KG.

Copyright © der Originalausgabe 1997 by Paul List Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Marza

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-449-8

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Annegrit Arens

Karrieregeflüster

Roman

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Kapitel 1
Familienbrunch

Nora mochte München und den wunderschönen alten Kopfbahnhof, aus dem nun der Zug nach Köln rollte. Zugfahren mochte sie auch. Sie besaß eine Bahncard erster Klasse und hatte fast alle Intercityverbindungen zwischen den größten deutschen Städten im Kopf, einfach weil ihr Gedächtnis hervorragend war, und ihr Job als Unternehmensberaterin verlangte, daß sie oft reiste.

Den Schaffner, der jetzt die Glastür aufschob, kannte sie ebenfalls.

»Guten Morgen!« Sie überlegte, ob sie nach seinem Fuß fragen sollte, auf den ihm neulich ihr Hartschalenkoffer beim Herunterholen aus dem Gepäcknetz geplumpst war. Nicht einmal ein Trinkgeld hatte er annehmen wollen. Wenn sie gewußt hätte, daß sie ihn heute träfe, hätte sie ihm vielleicht eine Flasche Cognac mitgebracht. Aber womöglich mochte der Bahnbeamte sowas überhaupt nicht. »Trinken Sie gern Cognac?«

»Wir trinken nicht im Dienst!« Der Mann knipste ihre Fahrkarte ab. »Ihre Bahncard, bitte!«

Wußte er nicht mehr, wer sie war? Fühlte er sich beleidigt? Nora öffnete erneut ihren Aktenkoffer und wartete auf ein Wort des Erkennens. Es blieb aus. Sie starrte der Uniform nach und begegnete dabei ihrem eigenen Abbild in der Glasscheibe.

Der Hut war schuld. Wie sollte sie ein Mensch, der sie nur in Schlips und Kragen kannte, mit diesem verrückten Gebilde auf dem Kopf wiedererkennen, das mit sechs schillernden Federn rund um den flachen Deckel in Brombeerrot an eine mißglückte Geburtstagstorte denken ließ. Der Pelzkragen darunter tat ein übriges. Beides waren Geschenke ihrer Mutter, zu der sie unterwegs war, und die es wie immer schaffen würde, vier Wochen beruflichen Erfolg in ein löchriges Sieb zu verwandeln, bei dem überall das Kind durchschimmerte, das Nora einmal gewesen war und auf seltsame Weise wieder wurde, sobald sie die Schwelle ihres Elternhauses übertrat.

Vor zwanzig Jahren hatte sie sich zum ersten Mal gesträubt, die riesigen Servietten aus Damast zum Frackoberteil zusammenzufalten oder ihr eigenes Gardemaß wenigstens optisch zu mindern. Ein Teenager, der die eigene Mutter und die älteren Schwestern überragte und sogar Swen Konkurrenz machte, mußte in der Familie als genetischer Ausreißer gelten. Swen war ihr Bruder. Schon damals pfiff, fluchte und dachte sie besser als er. Heute war sie ihm außerdem zwei Zentimeter Länge, eine Schuhgröße und eine Stelle beim Gehalt voraus, das bei ihm Gage hieß. Dafür war er ein Bild von einem Mann.

Alle Dorns außer ihr selbst waren Hochglanzprodukte, was sich bei jedem Schritt und jedem Griff zur Kaffeetasse und wahrscheinlich noch auf der Klobrille offenbarte. Ihre Geschwister waren schön, ihre Mutter war von verblassender Schönheit, der Vater galt als Schönheitsexperte, dieser Hut war ein Kunstwerk.

Nora nahm das Gebilde in die Hände und stellte es sich abwechselnd in einem Museum für angewandte Kunst und auf den Köpfen der weiblichen Dorns vor. Das Arrangement würde hier wie dort überzeugend wirken. Sie spähte auf den Gang und blickte, nachdem sie sich vergewissert hatte, daß niemand ihr zusah, in den Spiegel an der Abteilwand gegenüber. Ein Alptraum in Brombeer. Darunter reichlich viel Nase und nervös zuckende Lippen. Der Rest war ein Silberfuchs mit Glasaugen. Selbst das ausgestopfte Tier schien sie verhöhnen zu wollen.

»Schuster, bleib bei deinen Leisten!« An den Spruch sollte sie sich halten und sich ihrer Zunft gemäß verpacken. Wobei ihre Zunft nicht ganz leicht zu beschreiben war, was weniger an der Materie selbst lag, sondern vielmehr an dem Drumherum mit dem man sich verkaufte, um mehr kassieren zu können. Gelegentlich hatte Nora den Verdacht, daß ihre Kollegen selbst an das aufgeblasene Geschwätz mit den immer längeren und unverständlicheren Worthülsen glaubten, bei denen der Auftraggeber aus Angst vor der Blamage nicht mehr nachfragte, sondern löhnte und von Glück reden konnte, wenn der erhoffte Aufschwung tatsächlich kam.

»Was machen Sie da eigentlich in Ihrem Job?« hatte noch letzte Woche die Wirtin der Kneipe »Am Gleis« gefragt und dabei ausgesehen, als bezweifelte sie, daß Nora noch lange das Futter für ihre Katze würde bezahlen können.

Nora hatte überlegt, wie sie ihren Beruf so beschreiben könnte, daß die Frau ein Bild davon bekäme, und sich für den Zapfhahn entschieden. »Stellen Sie sich vor, Sie zapften dieses Jahr genausoviel Bier wie im Jahr zuvor und stünden unterm Strich trotzdem schlechter da, dann könnten Sie uns beauftragen oder selbst herausfinden, was schuld daran ist.«

»Der Kölschpreis«, hatte die Frau eingeworfen, »und die Aushilfe hat uns gelinkt, 'ne Zeitlang war auch zuviel Paniermehl in den Frikadellen, das war, als ich die Ausschabung hatte. Und dafür, daß Sie sowas herausfinden, bekommen Sie Geld?«

»Natürlich sind die Unternehmen, die unsere Hilfe erbitten, größer als Ihre Wirtschaft, dementsprechend schwieriger ist es, die Quelle des Übels zu finden. Ihre guten Frikadellen heißen woanders etwa Traktoren, daran arbeite ich gerade, da kriselt es ausgerechnet jetzt, wo das neue Modell in die Produktion geht. Und warum? Weil die Arbeiter in Bayern nicht mit dem Betriebskonzept aus Japan klarkommen.«

»Kenne ich!« Die Wirtsfrau hatte umgehend Parallelen zu ihrer Küchenhilfe entdeckt, die nicht mit dem neuen Fleischwolf klarkam, obwohl der vollautomatisch war und in einer Minute doppelt soviel Hack produzierte wie der alte: »Sie hat keinen Bock, sich von der alten Maschine auf was Neues umzustellen, deshalb, und die Betriebsanleitung versteht sie auch nicht, weil sie kein Englisch kann.«

Erstaunt hatte Nora registriert, wie nah beieinander die Probleme von Miniaturbetrieb hier und Großkonzern dort tatsächlich lagen, es war geradezu frappierend. Ein Glück, daß niemand von Hochschulabsolventen praktischen Menschenverstand verlangte, hatte sie gedacht und erklärt, daß natürlich auch »betriebsexterne Gründe ein im Grunde solides Unternehmen« aushöhlen könnten.

Die Frau hatte verblüfft geschwiegen. Allerdings nicht lange genug, denn noch bevor Nora die Tür erreichte, schob sie ein »Meinen Sie damit meinen Karl?« nach.

Nora hatte ihren Koffer wieder abgesetzt, sie war gut in der Zeit gewesen. »Wieso sollte ich Ihren Karl meinen?«

»Weil der sich doch den teuren neuen Motorroller gekauft hat, auch noch 'nen Japs. Da jibt es doch nix mehr dafür, höchstens 'nen Appel un' 'n Ei. Kalle, hab ich jesacht, dat iss über unsere Verhältnisse ...«

Nora hatte zu dem Kauderwelsch, das den Grad persönlicher Betroffenheit anzeigte, genickt und auf das Ziffernblatt ihrer Uhr getippt: »Leider muß ich jetzt wirklich los, München, Sie verstehen?«

»Zu den Fleischpflanzerln, komischer Name, dabei schmecken die genau wie meine Frikadellen, wir haben mal Urlaub in Oberammergau gemacht.«

In der Kantine des Traktorenwerks hatte Nora dann tatsächlich zweimal »Fleischpflanzerl« gegessen, dabei jedesmal an die Wirtin denken müssen und überlegt, daß hier eigentlich nur noch ein über die Stränge schlagender Unternehmer fehlte, was in diesem konkreten Fall aber auszuschließen war. Die Geschäftsleitung des Traktorenwerks rekrutierte sich aus drei Brüdern, die sogar die privat entnommenen Briefmarken ausbuchten. Dafür hatte Noras Kollege, mit dem sie den Auftrag bearbeitete, wiederholt versucht, die Spesenrechnung in die Höhe zu treiben: »Den Lachsforellenzopf im Königshof sollten wir uns nicht entgehen lassen, punktgenau gegart, bei meiner Ehre.«

Weil Nora wußte, was sie von der Ehre dieses Spesenritters par excellence zu halten hatte, war es bei »Fleischpflanzerln« und orangefarbenen Kunststofftabletts in der Betriebskantine geblieben. Lothar Becker durfte sich daran noch eine Woche länger und sogar heute, am Tag des Herrn, laben. Während die Frau, der er den Namen »die Beißerin« angehängt hatte, in Familie machte, würde er auf ihre Anweisung hin ein Dutzend Meister auf Trab bringen, die unter der Woche unabkömmlich waren. Ein Glück, daß er nicht ahnte, wie ihr Biß mit jedem Kilometer schlaffer wurde, der sie dem rot bespannten Stühlchen mit zweierlei Beinen, das ihre Eltern sich zu ihrer Geburt hatten aufschwatzen lassen, näherbrachte.

Zwölfmal im Jahr war sie nicht »die Beißerin«, sondern nur die jüngste von vier Dorns, die sich pünktlich an jedem gottverdammten ersten Sonntag im Monat zum obligaten Familienbrunch einfinden mußte.

Als die Lautsprecherstimme Nora darauf hinwies, daß der Zug in wenigen Minuten Köln erreichen würde, suchte sie ihre Sachen zusammen, trat mit dem Hut vor den Spiegel, zögerte und stopfte ihn in den hintersten Winkel des Gepäcknetzes, bevor sie in den Gang trat.

Diesmal lächelte der Schaffner sie an, was sie als gutes Omen wertete. Sie stieg aus.

»Hallo!«

Nora wandte sich um, das Winken galt ebenfalls ihr, der Mann schien seine Unfreundlichkeit von vorhin wiedergutmachen zu wollen. Leicht übertrieben, wie Nora fand, aber auch rührend. Sie lächelte zurück, bis sie das Ding in der Hand des Bahnbeamten erkannte. Notgedrungen machte sie kehrt.

»Das ist doch Ihr Hut? Ein sehr schöner Hut mit echten Papageienfedern, was für ein Glück, daß ich immer noch einmal jedes Abteil kontrolliere.«

»Ja«, erwiderte Nora, »was für ein Glück!« Sie drückte sich den Hut auf den Kopf. Der Hut konnte ja nichts dafür.

***

»Sie sind wieder zurückgekommen.« Sabine Dorn streckte ihre Hände vor, die sehr schlank waren und makellos aussahen, jedenfalls bis auf diese beiden bräunlichen Flecken. »Du hast mir versprochen, sie blieben weg.«

»Sie sind keinesfalls zurückgekommen«, Fritz Dorn zwinkerte seinem Sohn über den Rand seiner Sonntagszeitung zu. »Sie sind neu.«

»Aber ich war nicht in der Sonne, keine Sekunde lang, es ist nicht die Zeit dafür.« Wie zum Beweis hielt die Hausfrau den Haselnußzweig hoch, den sie soeben zurechtschnitt.

»Es geht nicht um Pigmentflecken eines Teenies, Liebes.« Und zu Swen gewandt: »Damit haben die Beauties in eurem Tennisclub noch keine Moleste, wie?«

»Hundertprozentig nicht.«

»War heute früh etwas Lohnendes dabei?«

»Cara und Steff dulden keine Konkurrenz.«

»Hoffentlich sind deine Schwestern pünktlich. Du weißt, wie empfindlich deine Mutter ist, jetzt erst recht.« Der Ältere tippte sich auf den Handrücken.

»Ich könnte sie abholen.«

»Und an deiner Tennisbraut hängenbleiben, wie? Nichts da!«

»Heute hatte ich übrigens ein Match mit einem Kollegen von dir.«

Die Zeitung senkte sich, der Mann dahinter richtete sich auf: »An meine Ohren und meine Nasen kommt keiner heran, keiner.«

»Beruhige dich, er ist auf Brüste spezialisiert. Tolle Apparate, wenigstens wenn die Auslage seiner Begleiterin selfmade war.«

»Name?«

»Veronika.« Swen malte zwei üppige Gebilde in die Luft.

Sein Vater winkte ab. »Ich meine natürlich den Chirurgen.«

Schulterzucken antwortete ihm, begleitet von einem Grinsen: »Genaugenommen ist er auch ein Selfmade-Schnipsler, und seinen Namen hab ich mir nicht gemerkt, was soll ich als Mann damit?«

»Das ›auch‹ könntest du dir sparen, Sohn, schließlich lebt ihr alle nicht schlecht von meinem Geschnipsel. Was schluckt dein Neuer pro hundert Kilometer?«

»Um die acht Liter. Du tust gerade so, als ob ich keinen Job hätte.«

»Ich habe etwas von dreizehn Litern Super gelesen, die monatlichen Unterhaltskosten dürften immens sein. Wieviel bleibt dir bei allem, was du sonst noch in der Garage und im Kleiderschrank hast, zum Leben?«

»Dreizehn frißt er nur in der Spitze, du mußt nachher unbedingt 'ne Runde mitdrehen, wir lassen jeden Porsche stehen.«

»Mit acht Litern?«

»Topqualität hat nun mal ihren Preis, die Rechnungen für deine Schönheitsoperationen sind auch nicht ohne, stimmt's?«

»Achthundertdrei Mark und sechsunddreißig Pfennige pro Fleck«, tönte es aus dem Hintergrund, »dein Vater hat mir eine Rechnung für nichts gestellt.«

Die beiden Männer drehten sich zu der Frau um, die sich inzwischen umgezogen hatte. Die schmalen Ärmel des lagunenblauen Etuikleides reichten bis zum Knöchel.

»Die sechsunddreißig Pfennige erlaß' ich dir.« Der Senior kniff ein Auge zu.

»Das Blau da paßt sowieso viel besser zu den Veilchen«, ergänzte der Junior.

»Die Veilchen sind Hyazinthen. Eigentlich sollte ich ihm«, Sabine zeigte auf ihren Mann, »das Kleid hier als eine Art Wundverband in Rechnung stellen.«

»Teure Bandage.« Swen stand auf, umkreiste seine Mutter und nannte einen Designer.

Sie lächelte. »Immerhin kennst du dich mit Mode aus.«

»Und du mit Blumen, Mutter. Es bleibt mir ewig und drei Tage ein Rätsel, wie du für jeden Monat neue Arrangements findest.«

»Die jeweils passenden Möbel und das Porzellan und die Kleidung nicht zu vergessen.« Die Zeitung wurde achtlos beiseite gelegt, als der Hausherr nun aufstand. Rote Headlines, eine halbnackte Maid und ein gefoulter Fußballspieler sprengten die Harmonie des Wintergartens, in dem von den Markisen über die Rattanmöbel bis hin zu den grob gekalkten Wänden alles einheitlich in türkisgrün gehalten war. Nicht einmal die Grünpflanzen tanzten aus der Reihe, dafür sorgten die getönten Floraspots.

»Ich denke, du bist ein Ästhet?« Sabine Dorn sammelte die verstreuten Zeitungsblätter ein. »Wie ein halbwegs zivilisierter Mensch so etwas nur lesen kann!«

»Hoffentlich muß ich demnächst nicht noch die Presse aufkaufen, damit deren Layouts zu deinen Kreationen passen.«

»Dann operierst du eben ein paar Nasen mehr. Wie wär's mit Politikernasen, die hattest du noch nicht?«

»Nicht übel, gar nicht übel.« Während die Hausfrau den Tisch im benachbarten Eßzimmer passend zu ihrem Kleid und den Blumen eindeckte, erörterten Vater und Sohn halb im Scherz, halb ernsthaft die Möglichkeiten einer groß angelegten Werbekampagne für Nasenkorrekturen bei Politikern, die bekannt dafür waren, daß sie im Zweifelsfall den Staatssäckel mit ihren »Werbungskosten« belasteten.

»Da ist glatt noch ein zweiter SLK 230 für dich drin, Junge.«

»Einer reicht mir. A propos, hast du schon was über den Sylva Striker gelesen? Nur Fliegen ist schöner.«

»Quanta costa?«

»Neunundsechzigtausendneunhundertfünfzig.«

»Die neunhundertfünfzig erläßt du mir?«

»Logisch. Mutter ist wirklich eine Künstlerin, sieh dir das an!« Der Eßtisch vor der bunt verglasten Schiebetür, durch die es weiter in den Salon und von dort in die Eingangshalle ging, glich nunmehr einer Lagunenlandschaft. Das Blau der Decke zipfelte bis auf den naturfarbenen Granitboden, der an in der Sonne gleißenden Sand erinnerte, und die mit türkis-blau changierendem Chintz bezogenen sechs Stühle hätten mit etwas Phantasie Wellenbrecher sein können. Lediglich vier einzelne Stühle stachen aus dem Arrangement hervor, von denen einer mit roter Seide bespannt war und von zwei geraden und zwei abgespreizten Beinchen getragen wurde.

***

Erst als der Taxifahrer sich der »Affeninsel« näherte, wie weniger begüterte Bensberger den Schloßberg zu ihren Häuptern nannten, fiel Nora ein, daß ihr Hut verknautscht sein könnte. Die wenigsten Kunstwerke vertrugen es, wenn man sie irgendwo hineinstopfte. Zu spät kommen würde sie außerdem. Sie zupfte an den Federn, eine war abgeknickt, der Seitenspiegel auf der Beifahrerseite zeigte ihr das exotische Wippen von nunmehr fünf Spitzen und einem in der Mitte gekappten Kiel. Der Sekundenzeiger am Armaturenbrett schien zu rasen. Ihr Kopf pendelte hin und her, während der Wagen unbeirrt bergan fuhr, blinkte, in die ruhige Seitenstraße abbog und endlich vor dem Anwesen mit der doppelten Hausnummer anhielt.

»Nicht übel«, sagte der Fahrer, »da sieht man wieder mal, was an den Klagen von den Herren Medizinern dran ist, dabei gehören die HNOs angeblich zu den besonders stark Gebeutelten«, Fingerzeig auf das Taxameter, »macht achtunddreißigachtzig, so gebeutelt wär ich auch gern mal.«

»Fünfzig«, sagte Nora und hängte hastig ein »Bitte!« und die Versicherung an, keine Quittung zu benötigen. Dann stieg sie aus, blieb prompt am Türrahmen hängen und spürte Wut, hilflose Wut in sich aufwallen, als sie den brombeerroten Tortendeckelhut befreite und mit dem Bewußtsein einer Mittdreißigerin mit zu großem Kopf, zu großem Wuchs, zu großen Füßen und zu großem Trinkgeld zu sein, das Portal ansteuerte.

An dem unverhältnismäßig hoch bemessenen Trinkgeld war das große Schild schuld, auf dem »Dr. med. Fritz Dorn, Hals-Nasen-Ohren-Arzt«, stand, was offenbar dazu angetan war, einen ganzen Berufsstand in Mißkredit zu bringen. Dabei hatte Noras Vater die zweihundertachtzig Quadratmeter Wohnfläche auf rund tausend Quadratmetern Grund und Boden keineswegs der Behandlung von Rachenmandeln und Stockschnupfen auf Krankenschein zu verdanken, sondern der privat abgerechneten Korrektur von Nasen und Ohren.

Was gab denen da drinnen eigentlich das Recht, sich so aufzuspielen?

Wie zur Antwort öffnete sich die Tür vor ihr und gab den Blick auf eine Sinfonie in Orangetönen frei, die Nora ganz kurz an die Plastiktabletts der Kantine des Traktorenwerks denken ließ, obwohl vermutlich jeder einzelne Knopf an diesem Hemd, das an eine aufgeplatzte Blutorange erinnerte, mehr kostete als ein Dutzend Kantinentabletts. In Noras Kopf addierten sich blitzschnell Weste, Sakko und Hose aus Designerhand zum Preis einer kompletten Kantineneinrichtung, während sie sich gleichzeitig bemühte, die Ironie in den Worten ihres Bruders zu überhören. Leider kamen seine Formulierungen ähnlich treffsicher daher wie seine Garderobe und der Rest der Familie.

»Ein Unfall«, hörte sie sich sagen und überlegte, wie sie die Kollision der echten Papageienfedern mit einem Gepäcknetz erklären sollte.

»Mit dem Kopf?« Swen tippte gegen die Hut gewordene Geburtstagstorte. »Da wird Mutter sich aber freuen.« Die Botschaft von der verunglückten »Nina Ricci« erreichte die im Wintergarten um den Eßtisch versammelte Familie noch vor Nora selbst, denn Swen ging vor ihr her durch die Halle, den Salon und die Schiebetür, deren farbige Jugendstilverglasung nur die Umrisse der vier Personen dahinter freigab.

»Wißt ihr«, hörte Nora ihn fragen, »wann der letzte Luftangriff über Köln war?«

Obwohl alles in ihr gegen diese Inszenierung rebellierte, sagte Nora nichts, zog sich nur das Ding vom Kopf und überlegte, ob sie es noch rasch im Schutz dieser Schiebetür unter einem Kissen verstecken könnte. Leider entdeckte sie nichts, was Ähnlichkeit mit einem Polster besessen hätte. Ihre Mutter mußte erneut umdekoriert haben, denn im Januar gab es hier noch lose drapierte Stoffe die Fülle und eine Landschaft aus viereckigen, runden und rollenförmigen Kissen in allen Größen und Farben des Orients.

»Gesegnete Mahlzeit miteinander!« Nora versuchte, sowohl die suchenden Blicke hoch zu ihrem Kopf und dann hinab zu ihren Händen wie auch den leeren roten Stuhl mit den zweierlei Beinen zu übersehen. Sie fixierte das Gesteck aus gelben Kissenprimeln, blauvioletten Hyazinthen und Haselnußzweigen zwischen Fischen und Krustentieren auf blauem Geschirr. Das hob sich kaum von dem Tischtuch darunter ab, weshalb es so schien, als tummelten sich Blüten, Taschenkrebse und Aal direkt auf dem changierenden Stoff. Was Nora grundsätzlich nicht einmal für ausgeschlossen hielt, denn ihre Mutter war als Vorreiterin ästhetischer Arrangements für jede Überraschung gut.

»Du entschuldigst, wir haben schon angefangen, die ›molecche‹ vertragen keine längere Wartezeit.« Die Hand der Hausherrin wies auf den roten Stuhl.

Die »molecche« sollten Nora zusätzlich verunsichern, das war ihr auf Anhieb klar. Doch die Rechnung ging nicht auf, weil ihre Mutter die Nummer mit den »Babytaschenkrebsen« schon einmal im vergangenen Frühjahr inszeniert hatte, was ihr wohl entfallen sein mußte.

Trotzdem machte sich in Sekundenschnelle in ihr die Botschaft breit, zu spät, ungehobelt und fehl in dieser Runde zu sein, was ihr nie stärker auffiel als angesichts dieses Stuhls. Nichts als ein wackliges Möbel, jedenfalls bis sie darauf saß, denn dann begannen die Fetzen Seide zu leben und sie selbst zu schrumpfen. Noras Mutter war als letztes Kind ein im Zeichen des .Feuers geborenes, kapriziöses Geschöpf prophezeit worden, dessen Spiegelbild eben dieses Stühlchen mit zwei geraden und zwei schräg abgespreizten Beinen und dem knapp bemessenen Sitzpolster aus leuchtend roter Seide sein sollte. Das Feuerzeichen traf zu, denn Nora war im August geboren worden. Sonst stimmte nichts.

Nora zog an der Rückenlehne, die kaum weniger filigran als der Unterbau war und strengte sich an, die Kommentare ihrer Schwestern zu überhören.

»Hoffentlich behandelt sie die Seide nicht genauso wie ihren Hut!«

»Vielleicht sollte man ihr wieder eine Schutzdecke unterlegen!«

Während Nora vorsichtig Platz nahm und den Hut, den sie noch immer festhielt, auf ihrem Schoß deponierte, wünschte sie sich, dem inneren Kommando folgen und das ganze wunderbare Arrangement einer künstlichen Lagune mit Krustentieren und Familienmonstern sprengen zu können. »Steh auf! Bombardier sie mit ›molecche‹! Geig ihnen die Meinung oder hau ab!«

Sie blieb sitzen, es ging nicht anders, so als hätte dieses rote Seidenpolster einen Anspruch darauf, daß sie es einmal im Monat sonntags von zwölf bis zwei absaß und ihre Rolle als jüngste Dorn zumindest durch körperliche Anwesenheit ausfüllte. Mit ihren fünfundsechzig Kilo auf ein Meter achtundsiebzig tat sie das überreichlich, damit überbot sie sogar das Gewicht ihres Bruders und wahrscheinlich sogar das des Vaters, denn sowohl die männlichen wie auch die weiblichen Mitglieder dieser Familie verfügten über »Gazellenknochen« und ein Ebenmaß der Proportionen, das, wenn man den Schablonen des Schönheitschirurgen Fritz Dorn Glauben schenkte, allenfalls noch von Nadja Auermann erfüllt wurde. Nach seinen Rastern war sogar die Mona Lisa eine Fehlkonstruktion.

»Bedien dich! Du solltest trotzdem zuerst die ›molecche‹ kosten.«

Gerade als Nora den Arm ausstreckte, um zu beweisen, daß sie immerhin Taschenkrebse von Aal und Steinbutt und Languste unterscheiden konnte, piepste es. Ihre beiden Schwestern griffen synchron in die am Boden abgestellten Handtaschen desselben Fabrikats, ihr Bruder zog ein rotes Handy aus dem orangeroten Jackett, der Vater zückte einen gerade handtellergroßen Apparat, die Mutter sah sich zur Anrichte um, und Nora stand auf: »Wenn ihr mich kurz entschuldigt ...«

Es war ihr bis heute unerklärlich, wieso all diese Besitzer eines Mobiltelefons in Aufruhr gerieten, sobald es in einem Radius von zehn Metern piepste. Sie selbst wußte immer, woher das betreffende Geräusch kam. Diesmal aus ihrer eigenen Handtasche, und sie wußte ebenfalls, daß dieser Ton unzulässig war, es sei denn, die Firma ihres Chefs stünde in Flammen.

»Nora Dorn.« Noch während sie sich meldete, sah sie sich nach einem Ort um, wo sie unbelauscht reden könnte. Das neue Interieur ohne Dekorationen und Polster wirkte wie ein Verstärker, der Widerhall ihres eigenen Namens erschreckte sie, und sie stellte sich vor, wie jedes weitere Wort von ihr zu der Runde am Eßtisch hinübergetragen werden würde.

»Becker hier, sind Sie das?«

»Wer sonst?« zischelte Nora und klinkte ohne aufzusehen die Tür auf, von der sie wußte, daß sie in die Garderobe führte. Sie verzichtete auch darauf, den Lichtschalter zu betätigen, weil selbst der Anblick der Mäntel ihrer Familie sie daran hindern könnte, mit ihrem Mitarbeiter Klartext zu reden. Zum Glück roch es weder nach »Nina Ricci« noch nach »homme«, eher schon roch es nach Käse.

»Wieso sind Sie um ...?«, sie unterbrach sich und rückte das beleuchtete Zifferblatt ihrer Armbanduhr näher an die Augen, während sie gleichzeitig nach draußen lauschte und den Zeitplan von Lothar Becker memorierte. Keine Frage, seine Mittagspause begann frühestens in zwanzig Minuten.

»Sind Sie noch da? Man versteht Sie kaum!«

»Das könnte sich sehr rasch ändern«, erwiderte Nora, »fangen wir doch gleich einmal mit Ihrer Arbeitszeit an.«

»'türlich, es ist nämlich so ...« Angeblich hatte jemand den Aushang vom Schwarzen Brett entfernt und obendrein eine falsche Flüsterpropaganda in Gang gesetzt, mit dem Ergebnis, daß Coach und Schüler aneinander vorbeiliefen und er, der arme Becker, vergeblich im falschen Schulungsraum wartete: »... bis mir dämmerte, da stimmt etwas nicht.«

Diesmal mußte Nora nicht mehr ihre Uhr konsultieren, um zu wissen, wie abstrus diese Schilderung war. Einer mit Psychologiediplom in der Tasche wollte ihr weismachen, er habe hundertsechzig Minuten gebraucht um festzustellen, daß »da etwas nicht stimmte«. Die Dreistigkeit dieses Mannes erboste Nora um so, mehr, weil niemand besser als ihr Gesprächspartner wissen mußte, daß sie sich nichts vormachen ließ, weder aus Bequemlichkeit noch aus Eigennutz. »Und Sie glauben, das nimmt Ihnen einer ab?« Wie zur Bekräftigung klopfte sie auf das Hutbord, das sie nicht sehen konnte, von dem sie aber wußte, daß es sich unmittelbar links hinter der Tür befand.

Es quatschte. Irgend etwas quatschte, was ihre Empörung noch steigerte, weil ihr dieses Echo in direktem Verhältnis zu ihren Worten zu stehen und eine Bresche in ihre Autorität als rechte Hand von Mark Wagner zu schlagen schien. Ihr Chef hatte gewußt, warum er sie gegen den Protest von gut einem Dutzend gleich qualifizierter Kollegen an die Spitze seiner Crew gestellt hatte. Sie wußte es auch, jedenfalls außerhalb dieses Hauses.

»Ich habe einen Zeugen«, protestierte es in ihr Ohr, »der letzte von den Meistern, den ich noch gerade eben so erwischt habe.«

»Geben Sie mir den Mann!« Es wäre ein Kinderspiel, ihren Kollegen des willentlichen Arbeitsboykotts zu überführen, der das Traktorenwerk eine hübsche Stange Geld und die Unternehmensberatung ihren guten Ruf kosten könnte.

»Passiert ist passiert«, nuschelte es am anderen Ende der Leitung, »und die Absicht müßten Sie mir erst mal beweisen. Überhaupt war ich für die Firma ›Klotzblitz‹ in Hamburg eingeteilt.«

»Das dachte ich mir, daß Sie den schrillen Ladies von der Reeperbahn nachtrauern.«

»Schrille Turmschuhe, wenn überhaupt«, protestierte es, »und wozu habe ich schließlich die Outdoor-Fortbildung mitgemacht, wenn ich's nicht anwende?«

»Sie können gerne mit Ihren Meistern in Steinhausen outdoor vor der neuen Montagehalle trainieren.«

»Diese Leute sind Schrott und zu alt. Die raffen sowieso nicht mehr, was da aus Japan rüberschwappt, die spielen den Einpeitscher und rechnen sich ihre Rente aus und basta.«

»Irgendwie ist mir Ihr Alter entfallen, Becker?« Natürlich wußte Nora genau, daß der Kollege sechsundvierzig, somit elf Jahre älter als sie selbst und schon als Unternehmensberater für die Wagner GmbH tätig gewesen war, als sie noch die Schulbank drückte. Ebenso kannte sie alle relevanten Zahlen des Traktorenwerks in München. Das Durchschnittsalter der Meister dort, die passend zur neuen Technologie auf Teamarbeit umgeschult werden sollten, betrug vierundvierzigkommadrei Jahre. Sie erwartete nicht wirklich eine Antwort auf ihre Frage, trotzdem ließ sie bewußt das Schweigen zwischen ihnen wachsen und nachklingen.

Es roch tatsächlich nach Käse. Die Stille intensivierte den Geruch, der Nora in die Nase stieg und sie irritierte, weshalb sie von sich aus die stumme Marter abbrach: »Wissen Sie schon, wieviel Sie bekämen, wenn SIE demnächst in den Ruhestand träten, Becker?«

»Ich? Bis dahin sind es noch zwanzig Jahre, mindestens. Wollen Sie mich verarschen?«

»Höchstens neunzehn«, korrigierte Nora sanft, »und wenn Sie so weitermachen, sind's statt Jahren allenfalls Wochen. Ich hoffe, Sie haben unser kleines Gespräch nicht vergessen.«

»Sie sind eine Teufelin!«

»Weil ich Sie davor bewahre, Ihre Familie zu ruinieren?«

»Die fünf Mille jeden Monat zahle ich Ihnen heim, ich schwör's.«

»Sie haben die private Krankenversicherung vergessen, Becker!« Jedesmal, wenn sie in der Lohnbuchhaltung ihrer Firma auf diese, gemessen am Einkommen des Kollegen durchaus bescheidene Summe stieß, die seit nunmehr acht Monaten direkt auf ein Konto in den neuen Bundesländern ging, machte sich tiefe Zufriedenheit in ihr breit. Dieser Mensch hatte nach der Wende einen Auftrag in Cottbus ausgeführt und nebenbei eine Frau geschwängert, die im letzten Juni mit ihren Zwillingen bei der Firma Wagner aufgetaucht war. Nora hatte das für einen Fingerzeig des Himmels gehalten. Der Kollege war dort erwischt worden, wo es ihm weh und seinem Saatgut wohl tat.

Das Triumphgefühl machte Noras Stimme rund, sie hörte es selbst, gleichzeitig entspannte sich ihr Körper und griff Raum. Es quatschte erneut unter ihrem Handballen, etwas Weiches blieb haften. Das hier war eine Garderobe, verdammt! Nicht einmal ihre Mutter oder ihre Schwestern waren. so meschugge, sich nach Käse riechende Weichgebilde auf den Kopf zu setzen.

»Sind Sie noch dran?«

»Ja.«

»Ihre Stimme ist plötzlich so weit weg, ich versteh Sie kaum, vielleicht sollte ich doch lieber Hamburg übernehmen, ein Zimmer habe ich auch schon reserviert.«

Ist er nur dreist? überlegte Nora. Oder obendrein dumm? Ihre Stimme wurde scharf, sie hörte das »R« rollen und das »Z« zischen: »Hören Sie gut zu, Becker. Sie haben jetzt zwei Optionen.«

»Ich nehme Hamburg«, darauf er, »ich verspreche Ihnen, ich mache meine Sache gut, Mode schlägt voll in mein Fach, Sie werden staunen.«

Nora verzichtete darauf kundzutun, was exakt in sein Fach schlug. Egal nämlich, ob es wie in diesem Fall bloß um extravagante Schuhmoden auf der Reeperbahn oder eine als Schulungsmaßnahme getarnte Unterhosenparty auf Sardinien oder eine Beteiligung an den Nebeneinkünften der geleasten Schreibhilfen aus Prag ging, Lothar Becker war spezialisiert auf die Ausbeutung von Frauen. Am liebsten war es ihm, wenn eine sich wehrte, dann spielte er den Zuchtmeister. Es waren üble Dinge, die über ihn in Umlauf waren, doch leider war bislang keines der Opfer bereit gewesen, sich zu wehren. Die Angst oder das Schmerzensgeld, das er notfalls zahlte, waren zu groß. Im Fall von Hilde Halbritter aus Cottbus betrug es jetzt immerhin fünf Mille monatlich plus Krankenkasse, davor hatte er in seiner Lieblingswährung »Unterhalt« geleistet. »Sagen Sie ihm nicht, daß ich mit Ihnen gesprochen habe«, hatte die Frau bei jenem Besuch im Büro gefleht, »sonst schlägt er mich windelweich.«

Wenn einer staunen würde, dann Lothar Becker selbst.

»Okay«, setzte sie an und registrierte das voreilige Aufatmen am anderen Ende der Leitung, ehe sie fortfuhr: »Sie können entweder die Kosten für das heute durch ihr Verschulden ausgefallene Seminar übernehmen oder sich umgehend krank melden.«

»Ich bin freier Mitarbeiter, mein Fixum ist ein Witz und geht für Alimente drauf, was habe ich da von einem Attest?«

»Das brauchen Sie, um unsere Firma nicht in Mißkredit zu bringen.«

»Und wer bezahlt mir den Ausfall?«

»Sie selbst, das gilt natürlich auch für die Hotelkosten in Hamburg, falls ich nicht einspringe und selbst dort logiere. Wo haben Sie gebucht?«

»Im Elysee. Das darf doch nicht wahr sein, ausgerechnet Sie wollen ein paar Meter vom Babystrich entfernt Girlies beibringen, wie sie die Brikettsohlen von diesem Schuhfritzen unters Volk bringen?«

»Bei mir laufen die Girlies auf Steuerkarte und mit Versicherung und riskieren allenfalls einen gebrochenen Knöchel.«

»Bei mir hat sich auch noch keine das Schambein gebrochen.«

Der Typ war verrückt, pervers, einfach widerlich. »Passen Sie auf, daß ich Sie nicht mit meinem Schambein erschlage!«

»Nicht in meiner Anrichte, Nora, das geht zu weit!« Die Tür unmittelbar neben Nora blieb geschlossen, dafür klaffte nun am anderen Ende der höchstens drei Meter langen und zwei Meter breiten Kammer ein Spalt, ließ Licht hereinfluten, konturierte die Silhouette ihrer Mutter und eine Anrichte nebst Weinregalen, wo all die Jahre zuvor Mäntel, Hüte und Schals aufbewahrt worden waren. Es roch nach Käse, weil dort Käse stand, und das Quatschen unter ihrem Handballen eben stammte von der kuppelförmigen Kräuterfrischkäsetorte, der nun eine Ecke fehlte.

Diesmal eilte die Kunde von Noras Attentat auf den letzten Gang dieses Familienbrunchs vor ihr her in den Wintergarten. Inzwischen waren auch die beiden Schwiegersöhne eingetroffen, die regelmäßig um zwei Uhr die Runde ergänzten, wenn, wie gewohnt, vom Eßtisch zu der Sitzgruppe aus Rattan übergewechselt wurde, um das sonntägliche Treffen mit Kaffee, Dessert oder wahlweise Käse zu beschließen.

»Ein Krater wie von einer. Bombe«, hörte Nora ihre Mutter sagen. »Stundenlang habe ich für diese Käseterrine gebraucht, es war stockfinster in meiner Anrichte, mich hätte der Schlag treffen können.«

»Unsere Schwester berät vielleicht neuerdings die Luftflotte«, warf Swen ein, »und die rächen sich nun. Erst erwischt es Mutters Hutkreation und dann ihren Käsegang. Ich wußte allerdings nicht, daß in Friedenszeiten Verdunklung angesagt ist.«

»Und irgendwas war mit ihrem Schambein.« Das Lagunenblau direkt vor Nora vibrierte kaum weniger als die Stimme der Trägerin. »Sie hat gedroht, jemanden mit ihrem Schambein zu erschlagen.«

»Kein Wunder, daß sie keinen Mann abbekommt«, sagte eine Frauenstimme, die Nora unschwer Carola, genannt Cara, zuordnete. Ihre älteste Schwester hielt sich jede Menge darauf zugute, einen Schauspieler eingefangen zu haben, der obendrein noch erfolgreich Drehbücher schrieb und seit neuestem sogar Regie führte. Sie selbst wachte darüber, daß alle, vom Kabelträger über die Maske bis hin zum Produzenten unentwegt ihr Improvisationstalent und ihre Schönheit lobten. Angeblich war keiner von denen imstande zu begreifen, wie Cara diese Qualitäten der Öffentlichkeit vorenthalten konnte, woraufhin sie nach eigenen Aussagen zu erwidern pflegte, daß EIN Star im Duo »Dorn-Entemann« ihr genüge.

Wenn Nora eins wußte, dann, daß keines ihrer Geschwister genügsam war. Eher schon hatte Cara sich ausgerechnet, daß ihre Chancen auf der Bühne für die erste Liga nicht allzu gut stünden. Im Gegensatz zu der zwei Jahre jüngeren Stefanie, genannt Steff, war die Einundvierzigjährige nämlich schon an den Vierzeilern gescheitert, die sie zum Muttertag oder zu Weihnachten aufsagen sollte.

Für Einzeiler aus der eigenen Giftküche reichte es allerdings, wie dieser Ausspruch gerade bewies, der Nora traf, obwohl sie sich wie jedesmal sagte, daß ihre Karriere tausendmal mehr wöge als die Assistenzdienste für einen Ehemann, der obendrein fremdging.

»Sollten wir Nora nicht von einem grüßen, der sozusagen ihr erster Kunde war?« hörte sie nun besagten Ehemann soufflieren. Kurz nach der Hochzeit hatte Diddi sein Glück auch bei ihr versucht und natürlich eins auf die Finger bekommen. Seitdem neigte er dazu, seine ledige Schwägerin als karrieregeiles Mannweib zu karikieren.

»Stimmt ja«, tönte es jenseits von dem Lagunenblau und den türkis angestrahlten Palmwedeln vor der Sitzgruppe. Und dann lauter: »Nora, Schwesterherz, wir sollen dich auch ganz lieb von Friedrich grüßen.«

Nora schnellte vor, stieß dabei gegen den Ellbogen ihrer Mutter und wurde selbst von einem Farnblatt erwischt: »Spinn nicht rum! Ich dulde das nicht.«

»Sie duldet es nicht, hört ihr?« Es mochte Zufall sein, daß Caras Kostüm perfekt mit der Farbpalette des Raums harmonierte, jedenfalls bildete sie eine Einheit mit ihrem Umfeld, als sie sich nun den anderen zuwandte und verständnisinniges Lächeln einheimste, bevor sie die Story zum besten gab, wie einer, den »unsere Nora« um ein Haar dingfest gemacht hätte, es vorgezogen hatte, durchs Examen zu rasseln und ein Busenwunder zu heiraten: »Vielleicht sollten wir unserer Nora die Adresse von dem Busenschnipsler geben, was meint ihr?«

Die Stimmen schwirrten durcheinander, die »Mordstitten« wurden beschrieben, wie sie im Hüpfsprung nach einem Tennisball vibrierten, Noras Mutter protestierte, und ihr Vater trumpfte mit seinen Nasen und Ohren auf: »Gegen meine Beauties kommt keiner an, ich hab Noraken schon mehrmals eine neue Nase angeboten, wie heißt der Schnipsler denn nun?«

Es interessierte Nora nicht, daß der »Schnipsler« der Vater jenes Busenwunders war, das Fredder geheiratet hatte, mit Familiennamen »Schaller« hieß und über seine clevere Tochter – »sie wollte auch in Medizin machen, ist aber durchgefallen, immerhin hat sie jetzt die richtigen Connections« – ständig neue Ärzte verpflichtete, die entweder arbeitslos oder unterbezahlt oder verschuldet waren und im Auftrag des gelernten Chemikers Brustkorrekturen durchführten. In Noras Kopf mischten sich Brustlappen und blutige Skalpelle mit einem giftgrünen Ohr. Und obwohl die Geschichte mit Fredder nun zwölf Jahre her war, gab es Nora noch jetzt einen Stich, wenn sie damit konfrontiert wurde. Sie hatte Fredder geliebt, für ihn hatte sie sogar ihr Examen riskiert, aber ihr Professor hatte den Pfusch bemerkt, seine beste Studentin geschützt und Fredder durchfallen lassen. Das war's dann. Ihr Liebster vertrug keine Frau, die ihm stets eine Nasenlänge voraus war: »Laß uns einfach gute Freunde bleiben, okay?« Die Freundschaft hatte nicht einmal für eine Karte zum Geburts-Valentins-Freundschaftstag gereicht. Sie sah die Trennungsszene wieder vor sich, er hatte pausenlos an seinem Ohrläppchen gefriemelt, was zur Folge hatte, daß die Farbe von seinen Fingern daran haften blieb. Der letzte Schnappschuß in Noras Kopf zeigte einen gutaussehenden Studenten mit giftgrün koloriertem Ohr. Mit seinen Farbstiften war er sehr viel fleißiger gewesen als mit Lehrbüchern, insgeheim hatte er auf seine Entdeckung als Künstler gehofft: »Grafik ginge auch.« Nora hatte in all den Jahren niemals etwas von einem Friedrich Hügel gehört, der die Kunstszene eroberte.

Endlich erreichte sie die Stimme ihres Vaters: »Den Jungen hättest du dir mal besser nicht durch die Lappen gehen lassen sollen, Noraken, wenn das so ist!«

»So?« Ihre Stimme klang hohl, das hörte sie selbst, gleich würde ihr übel werden, dann läge sie da flach ausgestreckt auf dem glitzernden Granitboden, angestrahlt von türkisgrünem Licht, Marke Wasserleiche. Den Gefallen tat sie den Dorns nicht, nie! Wenn sie in die Knie ginge, dann outdoor. Ihr nächster Auftrag war outdoor, nur ein paar Meter weg von Hamburgs Babystrich, sie würde der Firma »Klotzblitz« auf Brikettsohlen so hoch wie ihr Handrücken zu neuem Ruhm verhelfen. Klotzblitzklotzblitzklotz ..., die Brikettabsätze wuchsen ins Gigantische, holten aus, das Karussell in ihrem Kopf stand still. A-u-s.

»Ob sie sich wegen ihrer Nase grämt?« fragte es über ihr. »Dabei habe ich ihr doch gerade noch eine neue angeboten, fühl mal einer den Puls!«

»Ich denke, du bist der Arzt!« Lagunenblau schob sich neben Karo, das zu ihrem Vater gehören mußte, weil niemand außer ihm so konsequent das Modediktat sprengte wie er mit seiner Vorliebe für großkarierte Sakkos. Nora blinzelte.

»Nicht mit 'nem Aperitif, zweierlei Wein und 'nem doppelten Grappa im Leib, der war gar nicht übel. Sieh mal einer nach dem Kind, ich finde den Puls nicht.«

Nora richtete sich auf. »Ist schon okay, lag wohl am Essen, ich muß dringend mal raus.«

Die aufgeregte Stimme ihrer Mutter verfolgte sie durch den Salon und die Halle, vorbei an der zur Anrichte umgemodelten Garderobe bis hin ins Bad. Es nützte nicht einmal etwas, daß Nora sich die Finger in die Ohren stöpselte. Die durch keinen Stoff und keinen Teppich gedämmten Räume trugen das Echo der Klage um die Dreistigkeit von Menschen zu ihr, die jede wohlmeinende Hilfe ablehnten und nicht einmal davor zurückschreckten, das eigene Elternhaus in Mißkredit zu bringen: »Schambein, sie hat wortwörtlich Schambein gesagt, und von meinen ›molecche‹ hat sie nicht einmalgekostet.«

»War auch besser so«, dröhnte die Stimme des Hausherrn, »für meinen Geschmack ist an diesen Babykrebsen eh nichts zum Beißen dran, ein ordentliches Steak wär mir lieber, und was das Schambein betrifft, solltest du dich nach vier Geburten wenigstens damit auskennen, das sitzt nämlich da!«

Der nachfolgende Aufschrei bewies Nora, daß ihre Mutter nun definitiv wußte, wo ihr eigenes Schambein saß. Im Spiegel sah Nora ihre fast zuckenden Mundwinkel. Lachte sie? Weinte sie? Sicherheitshalber wischte sie sich unter den Augen entlang, doch alles blieb trocken, und weil sie so gut wie kein Make-up benutzte, waren auch keine Farbrückstände zu befürchten.

Fredder hatte es gemocht, wenn sie Lippenstift benutzte, weil ihr Mund dann angeblich noch wollüstiger wirkte. Sie stülpte die Lippen vor, zog sie breit, spreizte sie, aber sie konnte wahrlich nichts Wollüstiges daran entdecken. In einem Dutzend Jahren mochte auch das verflogen sein, überhaupt machte es keinen Unterschied für einen, der soeben bei einem Busenwunder namens Veronika Schaller angedockt hatte, wie die Lippen einer Nora Dorn beschaffen waren. Diese Veronika kannte Nora ebenfalls, und es war nicht weiter erstaunlich, daß sie damals durchs Examen gefallen war. Eine, die nichts ausließ, um sich bei einem Möchtegern-Picasso einzuschleimen, hatte keinen Kopf für Humanmedizin, falls sie überhaupt einen denkfähigen Kopf besaß. Es hatte ihr schon immer genügt, Männer mit ihrem bloßen Anblick in hirnlos sabbelnde Lustmolche zu verwandeln, und offensichtlich hatte Fredder es vorgezogen, diesen Zustand festzuschreiben. Picasso ade! Nora sagte sich, daß sie froh sein sollte, daß sie ihn los und ihrem klugen Kopf gefolgt war.

»Dr. Nora Dorn«, sagte sie ihrem Spiegelbild vor, »Jahreseinkommen um die zweihundertvierzigtausend Mark, fickt durchschnittlich einmal die Woche im Traum und sehr viel seltener real und dann nur mit Kondom und minimalem Lustgewinn und niemals bei sich zu Hause.«

Sie stockte. Genaugenommen gab es nicht einmal ein Zuhause. Sie lebte aus dem Koffer, den sie in einem jener Hotels, die sich überall gleich waren, aufklappte und den sie nicht einmal in dem Schlupfloch auspackte, wo Pandora über einen Stapel Wäsche zum Wechseln und ein paar Erinnerungen wachte. Im Gegensatz zu Gott und aller Welt wußte Nora, daß Pandora keineswegs die Überbringerin von Unheil war, ganz im Gegenteil.

Ob Fredder wirklich mit dieser Veronika verheiratet war?

Kapitel 2
Neues vom Hochplateau

»Pandora, komm!« Nora lockte die Katze, die jedoch zu klug war, um zu glauben, daß die Stoffpuppe, die ihr hingehalten wurde, eine neue Spielrunde einleitete. Das Tier rührte sich nicht unter dem großen Bett hervor, das zusammen mit dem Schaukelstuhl und einer Unzahl von Puppen den Raum beherrschte.

Er war fünf Meter breit und drei Meter achtzig lang, davon ging nur das winzige Bad ab, es gab weder Küche noch Flur, dafür war die Dachterrasse großzügig bemessen. Von dort aus sah Nora auf ein Gewirr von Gleisen, die Bahnhofshalle und die beiden aufragenden Spitztürme des Kölner Doms. Sie liebte diesen Platz. Im Moment allerdings war ihr das Ticken der Wanduhr, die sie bloß wegen der Püppchen gekauft hatte, die sich dort im Zeittakt drehten, näher. Die ergötzten nämlich die Katze, die voll Verachtung auf echte Mäuse oder solche aus Gummi herabsah. Genaugenommen zählten für Pandora nur Puppen.

»Pandora, komm!« Nora griff in das Uhrwerk, um das Erscheinen des winzigen Eskimos zu forcieren, der jeden Morgen um sieben seinen Auftritt hatte. Um zwanzig nach ging Noras Zug, es wurde höchste Zeit, und sie wollte der Katze wenigstens noch einmal über das seidige Fell streicheln, bevor sie zum allmonatlichen Montagmorgen-Meeting mit dem Oberboß nach Frankfurt führe und von dort dann weiter nach Hamburg.

Pandora bewegte sich nicht.

Noch im Großraumwagen der ersten Klasse sah Nora die funkelnden grünen Augen vor sich, die das einzig Lebendige an dem Tier gewesen zu sein schienen, sein anthrazitgrauer Körper war statuenhaft starr geblieben. Kein Maunzen, kein Fauchen, Verachtung pur. Nora seufzte. Sie hätte es wissen müssen, sie war selbst schuld. Als sie vor nunmehr sechs Jahren beschlossen hatte, sich ein Haustier anzuschaffen, das pflegeleicht war und ihr die oft schlaflosen Nächte in ihrer Kölner Rumpelkammer verkürzte, hatte sie die Auswahl zwischen allen möglichen Kätzchen, eine niedlicher und verspielter als die andere, gehabt. Aber sie hatte nach Pandora gegriffen, die damals noch namenlos war und abseits saß. Der Züchter hatte sie sogar gewarnt, nicht einmal die Rassemerkmale stimmten, aber Nora hatte sich nicht beirren lassen. Mit dem Erfolg, daß sie sich nun von einem verhaltensauffälligen Wesen tyrannisieren ließ, das mit einer Hauskatze soviel gemeinsam hatte wie sie selbst mit ihren Schwestern.

Cara spielte noch mit einundvierzig überzeugend die Flippige. Edelflipp, versteht sich! Wogegen Steff die von Nora verfehlte Rolle des Nesthäkchens ausbaute und sich kapriziös gab. Nora kannte niemanden sonst, der eine durchsichtige Bluse und darunter nichts zu grünen Lederslacks und einem roten Stretchgürtel um die Puppentaille tragen konnte, ohne ordinär oder zumindest lächerlich zu wirken. Sie selbst war gestern schon durch einen brombeerroten Hutdeckel zur Lachnummer geworden.

Automatisch glitt ihre Hand an den Hals und überprüfte den Sitz der Krawatte, die von dem führenden Herrenausstatter stammte, bei dem sie fast alles kaufte. Nora hatte sich an das schwerere Tuch und die gerade Schnittführung gewöhnt. In Schlips und Kragen fühlte sie sich sicher.

***

»Guten Morgen, Frau Dr. Dorn!« Das Mädchen hinter dem Empfang zuckte hoch. Nora grüßte zurück und überlegte, wie sie der neuen Mitarbeiterin klarmachen sollte, daß sie nicht jedesmal ihre Arbeit unterbrechen und aufspringen sollte.

Noch während der nachfolgenden »Chefrunde«, die an jedem ersten Montag im Monat zusammentrat und somit stets unmittelbar auf den Familienbrunch der Dorns folgte, beschäftigte Nora sich mit dem Verhalten der jungen Frau, die eigentlich ziemlich selbstbewußt war, sich bereits mit einigen Kollegen duzte und bei niemandem außer bei Mark Wagner und ihr selbst wie ein aufgescheuchtes Kaninchen reagierte. Es würde sie kein bißchen wundern, wenn die soeben von ihr in Auftrag gegebene Änderung im Einsatzplan Fehler aufwiese. Zwar hatte diese Elke Schimmer genickt, aber das tat sie immer.

Nora behielt recht. Während der Chef nochmals den Vormonat Revue passieren ließ und dabei fast wörtlich die Formulierungen aus ihrer Vorlage benutzte, fand sie in ihrem Durchschlag zu den neuen Projekten lediglich Tippfehler anstelle der gewünschten Korrektur. Die Kleine reagierte nicht einmal auf ihr Zeichen, sondern turtelte am unteren Ende des Konferenztisches munter weiter mit Robert Züblin, den Nora schon seit geraumer Zeit im Verdacht hatte, mit Lothar Becker gemeinsame Sache zu machen.

»Wir kommen jetzt zu dem neuen Auftrag in Leipzig. Kollege Züblin, Sie hatten sich dafür eingetragen, wenn Sie so freundlich wären?« Noras Chef lehnte sich zurück. Es schien ihm nicht unlieb zu sein, das Wort abgeben zu dürfen, obwohl er sich normalerweise ganz gern reden hörte. Zur Zeit schonte er seine Stimmbänder wohl noch zugunsten der »Brauchtumspflege«. Hinter diesem steuerlich abzugsfähigen Posten verbarg sich seine Leidenschaft für den Karneval, der er seit dem Elften im Elften frönte, und die ihn zunehmend blind für allerlei Ungereimtheiten machte.

Robert Züblin unterbrach notgedrungen seinen Büroflirt. »Äh, ja, da wären wir also bei Leipzig ...« Es folgten Erläuterungen, die genauso auf hundert andere mittelständische Unternehmen hätten zutreffen können.

Schwätzbacke! dachte Nora. Viel interessanter war die Frage, was den Kollegen schon wieder nach Sachsen zog, obwohl er ansonsten Aufträge bevorzugte, die ihn ins Ausland oder wenigstens an Orte führten, wo der Nachtportier schon seine Vorlieben kannte und der Nachschub an willigen Ladies mit Ehering und echten Klunkern gewährleistet war. Von dem Ring versprach Robert Züblin sich freien Rückzug, und von dem Schmuck Entlastung seines Portemonnaies, jedenfalls meldete das die Gerüchteküche.

Was erhoffte sich Robert Züblin von den Ossis?

Nora bezweifelte, daß die paar Jahre seit der Wende ausgereicht hatten, um in Leipzig die Klunkerbräute zur vollen Blüte zu treiben. Dort boomte derzeit wohl noch eher das Baugewerbe.

»Das Leipziger Projekt klingt sehr interessant«, warf sie ein.

»Eine Bagatelle.« Der Kollege sah beifallheischend das Empfangsfräulein an, das daraufhin brav den Pferdeschwanz wippen ließ.

»Die vierte Bagatelle. Wie schaffen Sie das nur?« Nora blätterte in dem Ordner, der belegte, daß die Firma Meyerling mit Hauptsitz in Quickborn und Filiale in Leipzig in einem einzigen Jahr viermal von den schwarzen in die roten Zahlen und retour geschlittert war, was ähnlich häufig vorkam wie jedes Quartal ein gebrochenes Schienbein. Raus aus dem Gips und rauf auf den Berg und rein in den Gips, tolle Sache!

»Ich hoffe, Sie meinen das nicht persönlich?«

»Ich meine es wirtschaftlich.« Nora betonte das letzte Wort und sah zur Seite, von wo längst ein Abpfiff hätte erfolgen müssen. Nichts!

»Wirtschaftlich stellt sich die Sache simpel dar.« Robert Züblin schickte ein seifiges Lächeln zum Kopf des Konferenztisches, das aber genausowenig Resonanz fand wie Noras Blick zur Seite. »Na ja, machen wir's kurz. Der Senior zählt nur noch die Groschen und wartet auf seine Rente.« Eine abfällige Handbewegung begleitete das nächste Seifenlächeln: »Der Mann ist hoffnungslos überfordert, aber das regeln wir schon. Sein Sohn hat was los.«

Nora hatte gerade die Kurzvita gefunden, derzufolge der Senior der Firma Meyerling mit sechzehn Jahren in den elterlichen Betrieb gekommen und im Lauf der folgenden vierzig Jahre das Geschäftsergebnis kontinuierlich verbessert hatte. Sie verlas die Zahlen, die für sich selbst sprachen, und endete mit einem spöttischen »Überfordert?«

»Bis letztes Jahr mag das so gewesen sein. Aber dann ...«, die Hand des Kollegen simulierte einen Absturz: »Soll's ja geben, daß einer nicht Schritt hält, wie? Ist ja auch manchmal von Vorteil, andersherum wären wir arbeitslos, stimmt's?« Ein beifallheischender Blick in die Runde, etliche Köpfe nickten brav, einige spendeten sogar mit den Fingerknöcheln Applaus.

»Haben Sie einen besonderen Dreh, um unsere Dienste unabkömmlich zu machen?« fragte Nora, als endlich wieder Ruhe eintrat.

Die Hand am Tischende machte den Senkrechtstart: »Spitzenleistungen, Gnädigste, man fordert mich nicht umsonst persönlich an.«

Nora blätterte weiter. Tatsächlich wurde der Kollege Züblin namentlich angefordert, allerdings von niemandem, der im Briefkopf vorkam. »Hans Meyerling« mußte der Junior sein. Warum mußte der angeblich so hoffnungsvolle Nachwuchs sich vom Papa die Schecks unterschreiben lassen und saß nicht in der Geschäftsleitung? Der in Kopie angeheftete Überweisungsträger trug jedenfalls die Unterschrift »Walter Meyerling« .

»Vielleicht wäre dem Unternehmen«, sie betonte das personenbereinigte Wort, »eine große Spitzenleistung bekömmlicher als jedes Vierteljahr eine von Ihrer Sorte?«

»Die Kasse stimmt, fragen Sie den Boß!«

Nora mußte Mark Wagner nicht bei seiner Lektüre stören, um herauszufinden, daß vier Einsätze lohnender als ein einziger waren. Das galt ebenfalls für gebrochene Schienbeine, trotzdem sorgte jeder gute Chirurg dafür, daß die Bruchstelle solide heilte. Etwas war faul.

Nora sah erneut nach rechts. Was verdammt veranlaßte den Mann unmittelbar neben ihr, unentwegt auf seinem Schoß mit Papier zu rascheln und einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen, was hier lief? Es wäre an ihm, zu intervenieren, ebenso wie es nicht korrekt war, einerseits auf Pünktlichkeit zu dringen und dann wortlos das durch keinen auswärtigen Auftrag entschuldigte Fehlen von zwei Kollegen zu übergehen. Wenn so etwas Schule machte, fiel das nächste Geschäftsergebnis garantiert anders aus.

»Herr Wagner!« Ihr Ellbogen tippte gegen den seinen.

»Wie?« Er winkte ab. »Machen Sie nur, Mädchen!«

Nora straffte die Schultern. Die Order war unmißverständlich. In ihrem Kopf hatten sich längst ihr eigener Auftrag in Hamburg und der vierte Besuch bei der in Quickborn und Leipzig ansässigen Firma miteinander verzahnt. Sogar die passenden Zugverbindungen wurden schon eingespielt. Auf ihr Gedächtnis war Verlaß, und es bereitete ihr nachgerade Vergnügen, Robert Züblin zu »entlasten«: »Wo Sie sich doch extra für eine Woche Urlaub haben vormerken lassen!«

»Sie wollen zwischen München und Leipzig pendeln? Sind Ihnen über Nacht Flügel gewachsen?« Robert Züblin winkelte beide Arme an und flatterte mit den Händen, was ringsum mehr oder weniger verstohlenes Gelächter provozierte. Jeder wußte Bescheid. Die »Beißerin« litt unter Flugangst und legte selbst größere Strecken wenn irgend möglich mit dem Zug zurück.

Das Gelächter war infam. Sollte sie gegen dieses Johlen anschreien und kundtun, daß sie mit einem anderen Quertreiber getauscht hatte und die Entfernung zwischen Hamburg und Quickborn ein Klacks war? Sie hatte soeben beschlossen, ihre Recherchen in der Quickborner Zentrale zu starten, wo aus unerfindlichen Gründen noch niemand vorstellig geworden war. Sie schwieg.

Es passierte nicht oft, daß Nora bei einem Chefmeeting abschaltete. Genaugenommen nie und erst recht nicht, wenn Mark Wagner im Geist einen Elferrat befehligte, statt diesen Saftladen auf Trab zu bringen. Während Punkt für Punkt der Tagesordnung abrollte, focht sie weiter mit Beutegeiern, die sich über sie lustig machten. Ihre Nase mochte zu groß und ihr Körper zu lang sein, dafür stimmten die Proportionen ihres Oberstübchens. Analytisches Denken verband sich mit der Fähigkeit zum Handeln, sie galt als Künstlerin in der Verknüpfung von Sachverhalten, bei ihr schossen eben keine Hormone quer.

Ob Fredder wirklich mit diesem Busenwunder verheiratet war? Nora sah an sich hinab, die Krawatte verdeckte die »Mäuschen«. Im nachhinein war es nicht eben schmeichelhaft, daß er ihre Brustwarzen so genannt hatte, doch damals an der Uni hatte sie es gemocht, wenn er während einer Vorlesung verstohlen mit dem Ellbogen oder einem Finger darüberstrich, bis die »Mäuschen« sich aufrichteten und durch die Schlabberpullis bohrten. Bei Madame Megatitte konnte er sich Katz-und-Maus-Spiele sparen.

»Wollen Sie ein Hustelinchen?« Ein Bonbon schob sich auf ihre Hand zu, die ohne Order von der Kommandostelle immer aufgeregter die Stelle zwischen Krawatte und Knopfleiste massierte. Was sollte sie mit einem Hustenbonbon?

»Ich brauche nichts zum Lutschen.« Die männlichen Kollegen kicherten, während der Chef sich erneut in etwas vertiefte, was wie eine Bilanz aussah. Nora räusperte sich und sprach zur Sache. Sie war nicht konzentriert und so dauerte es eine Weile, bis alle mitbekamen, daß die »Traktoren« sich keineswegs mit den »Hochplateauschuhen« zu einem Konzern vereinigt, sondern lediglich Lothar Becker und Nora Dorn die Aufträge getauscht hatten.

Noch während sie die anzuwendende Outdoor-Technik erläuterte, rumorte in ihr der Ärger über einen Chef, der ihre Brust zwanghaft mit Bronchitis koppelte.

Mark Wagner las unbeirrt weiter.

***

»Ich dachte, die Großküche wäre längst abgehandelt.« Nora war Mark Wagner in sein Office gefolgt und zeigte auf den grünen Pappdeckel, den er sich unter den Arm geklemmt hatte. »Ist sie, ist sie.« Er legte die Mappe beiseite. »War noch etwas? Ich müßte nämlich gleich los.«

»Die Gesprächsführung eben hat mir nicht gefallen.« Milde ausgedrückt, dachte Nora und verdrängte energisch jeden Gedanken an »Mäuschen und Co«.

»Mädchen, Sie wissen doch, ich habe zuviel um die Ohren, lassen Sie den Kollegen doch das bißchen Spaß.«

»Meine Intuition und die Unterlagen sagen mir ...«

Die schlanke Hand des um die Taille nicht mehr ganz so schlanken Mittvierzigers winkte ab, das gebräunte Gesicht mit den verbindlichen Lachfältchen rückte näher: »Herzchen, Sie sind die Größte, aber manchmal denke ich mir halt, Sie sollten die Welt und Ihre Kollegen ein bißchen positiver sehen, so nach dem Motto ›Think pink!‹.«

»Ist das dieses Jahr das Motto im Karneval?« fragte Nora und tat einen Schritt zurück.

»Keine üble Idee, ich werd's dem Festkomitee vortragen, halten Sie derweil hübsch hier die Stellung, ich überlasse alles Ihren bewährten Händen. So long!« Mark Wagner ging an ihr vorbei.

Nora hörte vorne am Empfang das vertraute Stuhlrücken, ein launiges »Rühr dich, Mädchen!«, dann fiel die Tür ins Schloß. Sie griff nach dem grünen Ordner, einfach weil es nicht in Ordnung war, Bilanzen offen herumliegen zu lassen, auch wenn der Auftrag längst abgeschlossen war. Die Kunden hatten ein Recht auf Geheimhaltung ihrer Zahlen.

Es mochte ihre Intuition sein, die sie die Pappdeckel aufklappen ließ. Ein Funkenmariechen lachte sie an, zeigte Bein und Spitzenhöschen und »staatse« Kerle im Hintergrund. Kerle! Immerhin wußte Nora nun, was ihren Chef während der großen Montagmorgen-Besprechung gefangengenommen hatte. Die Narrensaison war angebrochen, er war sogar der Präsident von solch einem Verein, und sie war also die Spaßverderberin und Schwarzseherin. »Think pink!« Sie würde den Teufel tun. Sie würde ihnen allen schwarz auf weiß beweisen, was Sache war. »Mäuschen und Co« inklusive.

***

Auf der Weiterfahrt nach Hamburg hatte Nora Glück. Diese Strecke gehörte zu den wenigen, auf der die Deutsche Bahn AG den allerorts plakatierten Komfort auch wirklich anbot, und weil es bereits auf Mittag zuging, hatte sie das Konferenzabteil mit schwenkbarem Sessel, Tisch und Anschlüssen für elektronische Geräte sogar für sich allein. Damit dies so bliebe, drückte sie dem Schaffner einen Geldschein in die Hand, der sich daraufhin kurz an der Halterung für Reserviertschildchen zu schaffen machte, während sie bereits die Firma »Klotzblitz« in Hamburg anwählte. Es dauerte, bis sie endlich mit dem Inhaber verbunden wurde, dessen Stimme sich so anhörte, als wäre er gerade aus dem Bett getaumelt.

»Tut mir leid«, sagte sie, nachdem sie sich ordnungsgemäß vorgestellt hatte, »aber es wird wohl ein bißchen später mit unserem heutigen Termin.«

»Wieso heute?«

Sicherheitshalber schlug Nora den Einsatzplan mit dem angehefteten Vorbericht auf. Natürlich hatte sie sich nicht vertan. »Herr Becker hatte mit Ihnen ein Planungsgespräch für Montag, den dritten Februar, vierzehn Uhr, vereinbart.«

»Nix da, wir treffen uns erst morgen zum Outdoor-Match, kann ich jetzt weiterpennen?«

Nora hätte fast vergessen, nach Ort und Zeitpunkt einer vom offiziellen Plan abweichenden Verabredung zu fragen, die offensichtlich ihrem Kollegen einen »blauen Montag« bescheren sollte. Er würde sich wundern. Sie selbst sich möglicherweise auch, denn flippige Unternehmer, die um dreizehn Uhr dreißig nicht beim »Pennen« gestört zu werden wünschten, waren kaum ihr Fall.

Angeblich verdiente dieser Daniel Reiter sich eine goldene Nase mit den schrillen Stöckeln, die er für sein Szene-Publikum an der Alster entwarf. Lediglich die eher willkürlich zusammengewürfelte Belegschaft schien noch nicht so recht zum Schickimicki-Image zu passen, was sich nach ein paar Outdoor-Spielchen natürlich grundsätzlich ändern würde. Voll Empörung überflog Nora das Angebot Lothar Beckers, das dem aufgepeppten Schuster ein Team verhieß, das in Zukunft klotzblitzig auftreten-denken-fühlen-sich-den-Hintern-abwischen würde. Der Wortlaut war ein anderer, doch die Botschaft lautete genau so. Absurd!

Nachdem Nora die Hamburger Agentur, mit der sie gelegentlich zusammenarbeitete, um kurzfristige Überprüfung der Firma »Klotzblitz« gebeten hatte, tippte sie die Nummer des Großhändlers in Quickborn ein. Hoffentlich schlief der nicht auch noch.

»Bruno Meyerling KG.« Die Stimme klang wach, abgenommen wurde schon beim zweiten Läuten, bloß der Vorname störte Nora. Das war schon der dritte »Meyerling«. Immerhin wußte der Prokurist ihr zu sagen, daß Bruno der Firmengründer und verstorben wäre, wogegen Walter Meyerling sich nach der zweiten Hüftoperation endlich auf dem Wege der Besserung befände und sein Sohn Hans – hier glaubte Nora eine Veränderung der Stimmlage zu bemerken – wie üblich in Leipzig sei.

»Ich würde mir gerne auch einmal ein Bild von der Lage in Quickborn machen.«

»Jederzeit, wann kommen Sie?«

»Heute?«

»Ich reserviere Ihnen ein Zimmer im ›Michel‹.« Das Freizeichen ertönte. Das war's.

Trotz der zwei Schoppen Wein hatte Nora Mühe, in den Schlaf zu finden. Dabei war die Federkernmatratze nicht zu weich und nicht zu hart und auch Straßenlärm oder Neonlicht störten die Nachtruhe nicht. Vielleicht fehlte ihr die Großstadt, sinnierte sie. Oder Pandora? Oder ein Traum, der ihre »Mäuschen«, befreit von Schlips und Kragen, beruhigte? Das Schurkenstück, das zwischen Quickborn und Leipzig gespielt wurde, wirkte auch nicht gerade wie eine Schlafpille.

Zwar hatte sie noch immer keine Ahnung, wie es zu dem marktunabhängigen Auf und Ab einer Firma kommen konnte, die den Facheinzelhandel mit Haushaltsgeräten vom Staubsauger bis zum Tischgrill belieferte, doch eins stand nunmehr fest: Der Einkauf erfolgte zentral, die Buchhaltung desgleichen, die Relation von Umsatz, Warenbestand und Personaleinsatz stimmte hier wie dort, sogar die Kundenskonti waren dieselben.

Warum also gab es diese seltsamen Verluste in der Filiale?

Leider lagen ihr von Leipzig lediglich die fertigen Monatsabschlüsse vor, was bei weitem nicht so aufschlußreich war wie noch unbearbeitete EDV-Zahlen. Besonders in Familienbetrieben las sich alles, was noch nicht für das Finanzamt persilgereinigt worden war, vielfach wie ein Tagebuch des Chefs und manchmal sogar wie ein Thriller. Die meisten Unternehmer waren einfach zu lasch, um schon im Vorfeld sauber zwischen privater Nutzung und Geschäft zu unterscheiden.

Nora hatte gerade erneut das Licht gelöscht und eine Position gefunden, in der sie hoffte, wegdämmern zu können, als die Stimme des Prokuristen sie hochschießen ließ. Natürlich war der Mann nicht wirklich in ihr Zimmer eingedrungen, allein die Idee wäre absurd, weil Nora noch selten auf einen Menschen getroffen war, der soviel Wohlanständigkeit verkörperte. Einer, der sich vermutlich vierteilen ließe, wenn er damit seinem Chef, den er selbst vor vierzig Jahren ausgebildet hatte, ein stabiles Hüftgelenk bescheren und ihm alle Sorgen vom Leib halten könnte. Trotzdem war die rauhe Stimme zum Greifen nah, als sie etwas wiederholte, was eher beiläufig und erst ganz zuletzt gesagt worden war: »Allerdings gibt es hier bei uns in Quickborn keinen Direktverkauf an Privatkunden.«

Im Umkehrschluß hieß das doch, daß in der Leipziger Filiale andere Bräuche herrschten. Am liebsten hätte Nora sofort bei Erwin Brüderlin angerufen, was nach einem Blick auf die Uhr natürlich ein Unding war. Selbst Nachtschwärmer und Frühaufsteher hatten kurz vor drei Sendepause. Also geduldete sie sich bis sieben Uhr früh.

Sie hatte Glück, der Prokurist meldete sich selbst: »In meinem Alter braucht man nicht mehr so viel Schlaf. Ist etwas mit dem Hotel nicht in Ordnung?«

»Alles bestens«, versicherte Nora, dann hielt es sie nicht länger: »Wieso verkaufen Sie als Großhandel eigentlich an Laufkundschaft?« Sie verkniff sich den Zusatz, daß dies offiziell sowieso nicht statthaft war, denn erstens wollte sie den anderen ja zum Reden bringen, und außerdem fungierte eine Unternehmensberatung nicht als moralischer Zeigefinger. Jedenfalls nicht, solange die Verstöße gegen gesetzliche Bestimmungen sich im Rahmen dessen abspielten, was durch die Hintertür »allgemeiner Gepflogenheiten« quasi legalisiert worden war.

»Tun wir hier ja auch gar nicht«, lautete die lakonische Antwort.

»Okay, aber in Leipzig tun Sie's, wenn ich Sie recht verstanden habe.«

»Das habe ich so auch nicht gesagt.«

Es brauchte eine Weile, bis Nora den plötzlich sehr verschlossenen Mann immerhin soweit hatte, daß er einräumte, über die häufige Nachfrage von Privatkunden in Leipzig erstaunt gewesen zu sein. Er hatte es ein paarmal selbst erlebt. »Gab's in den ersten fünf Jahren nach der Wende nie. Neulich kam sogar einer mit einer defekten Mikrowelle an, die er angeblich bei uns gekauft hatte.«

»Ohne Quittung?« hakte Nora nach.

»Exakt.«

Es mochte an ihrer Übermüdung liegen, daß sie wenig später in dem Nahverkehrszug nach Hamburg Gespenster sah, genauer gesagt ein einziges. Kaum schloß sie die Augen, tauchte dieses Phantasiewesen auf, das statt Bettüchern einen topmodischen Mantel trug, der die Ausbuchtung in der Leibesmitte um so auffälliger machte. Obendrein ein Schwarzfahrer, denn als der Kontrolleur ihn nach seinem »Beleg« fragte, ging er laufen, wobei die Mantelschöße hochflogen und den Blick auf eine Mikrowelle freigaben. Der Mann stolperte, was kein Wunder war. Seine Schuhsohlen waren mindestens fünfzehn Zentimeter hoch und vergoldet.

***

»Irgendwie hatte ich Sie mir anders vorgestellt.« Der Schuhdesigner mochte Anfang bis Mitte zwanzig sein, im Gegensatz zu der gestrigen Kann-ich-jetzt-weiterpennen-Nummer wirkte er ausgeruht und eher unauffällig. Sogar sein Schuhwerk war normal. Er trug Turnschuhe.

»Ich Sie mir auch«, erwiderte Nora und sah sich um.

Sie hätte hinzufügen können, daß zwar Daniel Reiter nicht dem exzentrischen Bild entsprach, das sie sich von ihm gemacht hatte, dafür aber dieser Ort reichlich abenteuerlich wirkte. Es handelte sich um eine Lagerhalle mit einer unglaublichen Menge Gerümpel und vielen Frauen nebst kleinen Kindern darin. Die Kleinen krabbelten, krakeelten und stopften sich pausenlos alles mögliche in den Mund, während die Großen unbekümmert um dieses Tohuwabohu drauflos schnackten und dabei ebenfalls kauten, eine stillte sogar. Obwohl Nora wußte, daß die für das Outdoor-Training vorgesehenen Mitarbeiterinnen allesamt weiblich und sehr jung waren, hoffte sie, daß von ihr nicht auch noch Kinderbetreuung erwartet wurde. Mit Kindern kannte sie sich nicht aus, weder privat noch im Job, und wenn es nach ihr ginge, dürfte das auch so bleiben.

»Meinen Sie meine Schuhe?« Der Mann grinste und wehrte einen Latzhosenwurm ab, um seine Joggings zu präsentieren.

»Es stört mich nicht, daß Sie keine von Ihren Hochplateaustöckeln tragen«, versicherte Nora.

»Ihr Würger stört mich auch nicht. Wollen Sie 'nen Berliner?«

»Würger? Berliner?« Nora sah auf ihre bis gerade eben tadellosen Bügelfalten hinab, an denen sich nun das kleine Monster mit gezuckerten Patschfingern hochzog. Wenn sie beiseite träte, fiele das Monster womöglich um. Sie hatte keine Ahnung, wie standsicher Wesen mit einer Körperlänge von circa achtzig Zentimetern waren. Jedenfalls wußte sie nun, daß dieses Maß ausreichte, um Berliner Ballen futtern zu können.

»Ach so«, sagte sie, »Sie meinen Berliner zum Essen.

»Wären Ihnen andere lieber?« Er packte das Kind am Latzhosenhinterteil und hob es in die Luft. »Die hier sind jedenfalls mit Aprikose.«

Nora folgte dem Blick zu ihrem linken Hosenbein, wo sich Zuckerkrümel mit einem orangenen Klecks paarten. »Irgendwie scheinen Sie ein Outdoor-Training mit einer Krabbelgruppe zu verwechseln.«

»Das ist mein Sohn, die Dompteuse kann heute nicht. Sag mal ›Hallo!‹, Gulliver!«

»Muß wirklich nicht sein.« Diesmal tat Nora einen Schritt zurück, wobei sie fast den nächsten, kaum älteren Latzhosenträger umgestoßen hätte. »Sorry.« Sie bückte sich, um den schwankenden kleinen Körper zu stützen, was sie besser unterlassen hätte, denn schon hangelte sich das Geschöpf affengleich an ihr hoch. Nora hatte keine Ahnung, wie man so etwas hielt, von den Folgen für ihren Hosenanzug ganz zu schweigen. Nicht einmal ihr Schlips wurde verschont. »Dadada«, schon packte das Händchen zu. Offensichtlich gab es auch Berliner mit roter Füllung.

»Himbeer«, bestätigte Gullivers Vater, »für Ihren Würger wohl nicht ganz passend. Setzen Sie's mit auf die Rechnung.«

Wenn Nora nicht noch gerade eben bei der Agentur rückgefragt und die Auskunft erhalten hätte, daß Daniel Reiter tatsächlich innerhalb von zwei Jahren die Sattlerwerkstatt seines Vorgängers in eine Goldgrube verwandelt hatte, wäre ihr dieser Satz als der blanke Hohn erschienen. Immerhin wußte sie nun, daß mit dem »Würger« ihr Schlips gemeint und die chemische Reinigung desselben übernommen werden sollte.

»Eigentlich würde ich jetzt gerne anfangen, allerdings hatten Sie bloß acht Leute angemeldet, mit Ihrem Nachwuchs wird das schwierig.«

»Danke.«

»Wofür?«

»Daß Sie meinen Lenden so viel zutrauen.«

»Ich kenne Ihre Lenden nicht, aber zählen kann ich immerhin noch. Das sind dreizehn Frauen und sechs Krabbler.« Sie sah auf den schaukelnden Kinderwagen. »Plus der Inhalt von dem da.«

»Ziehen Sie Gullivers Krabbelgruppe ab, dann stimmt Ihre Rechnung sogar.« Er schickte ein Grinsen los, das unter normalen Umständen nicht einmal unsympathisch gewesen wäre, dann folgten ein Pfiff und die Order, sich flugs ins Freie zu verkrümeln: »Hier drin wird jetzt malocht.« Das Grinsen verbreiterte sich. »Oder bestehen Sie auf echtem Outdoor für Ihr Vor-der-Tür-Spielchen?«

Nora schüttelte den Kopf. Der Mensch nahm sie nicht ernst, wahrscheinlich nahm er rein gar nichts ernst, sie hatte sich noch selten so hilflos gefühlt bei einem Auftrag. Eigentlich nie. Sie würde ihm jedenfalls nicht den Gefallen tun, ihm die symbolische Bedeutung des Begriffs »Vor-der-Tür-Training« zu erklären. Er mußte sie ja kennen, wenn er diesen Unfug selbst geordert hatte.

Erstaunlicherweise wurde seinem saloppen Kommando auf Anhieb Folge geleistet, exakt sieben Frauen blieben zurück, die sich rein äußerlich allerdings kaum von den Jungmüttern unterschieden. Sie waren höchstens noch jünger und trugen ausnahmslos Brikettsohlen zu ihren Jeanshosen und Schlabberpullis. Es handelte sich um Girlies, die »eigentlich keine Schuhsohle von 'nem Schnitzel unterscheiden können, aber das wissen Sie ja längst«.

Nora blätterte erneut in ihren Unterlagen. Wenn sie eins wußte, dann, daß auf diesen wunderbar formatierten Bögen keine einzige nützliche Information stand und jetzt sie die Dumme war. Tolle Sache! »Wenn Sie mir vielleicht noch einmal ganz konkret sagen könnten, was Ihnen so vorschwebt?«

»Logo!« Und dann ging es los, Nora wollte ihren Ohren nicht trauen, als Daniel Reiter ihr sonnig lächelnd mitteilte, daß er sich von »all der Knete, die ich ausspucke« nicht nur die Zusammenschweißung zu einem echten Team, sondern auch noch einen »echten Knüller« verspräche: »Am vierzehnten ist die große Show, dann muß alles stehen.«

»Monat?« fragte Nora. Ihr schwante Übles.

»Diesen Monat, ist doch logisch, weil der Valentinstag nun mal am vierzehnten Februar ist.«

»Und was hat dieser Tag mit Ihren Hochplateausohlen zu tun?«

Eigentlich war die Sache ganz einfach, jedenfalls aus der Sicht eines Mannes, der gut und gerne zehn Jahre jünger als sie selbst war, sie zu Berlinern und Grog überredete und dabei DIE LIEBESNACHT schilderte, die sich ganz Hamburg unauslöschlich als die Nacht der Turnschuhe einprägen würde: »Das wird 'ne Affenshow!«

»Mit Affen statt Modells?« fragte Nora dazwischen.

»Die Mädels da tun's auch.« Normalerweise applizierten die Frauen Stoffreste, Pailletten, Fell, Lederflicken und »eben alles, was mir so in den Sinn und in die Hände kommt« auf die klobigen Stöckel, die Daniel Reiter mit Hilfe steinalter Maschinen vorfertigte. Lauter Unikate, wie er versicherte, auf denen »die Mädels da« im Gegensatz zu professionellen Mannequins nicht nur laufen, sondern sogar tanzen konnten. Nora erhielt umgehend eine Kostprobe dieses Könnens. Es nahm ihr schier den Atem, wie es vor ihren Augen auf Schuhtürmen, die nur noch vage Ähnlichkeit mit Bekleidungsstücken für den menschlichen Fuß hatten, sondern sie eher an Sprungschanzen für Minniemaus erinnerten, steppte und swingte.

»Und wozu brauchen Sie mich dann überhaupt noch?«

»Fürs Betriebsklima. Wissen Sie doch. Die Mädels da sind einfach Einzelgänger, da neidet eine der anderen 'nen Zentimeter mehr Stöckel. Bei der Produktion ist es das gleiche, das streßt total. Wie heißt noch mal Ihr Slogan?«

Nora schwieg. Sie würde nicht auch noch den Schwachsinn nachbeten, den gewisse Leute in Fettdruck zu Papier brachten.

»Jetzt hab ich's wieder. ›Einer für alle und alles!‹ Dann legen Sie mal los!«

Wie, verdammt? Sollte sie mit den Girlies zwecks Harmonisierung »Ringelrangelrose« tanzen? Fehlte nur noch, daß sie selbst auf Turmstöckeln mithüpfte. »Also, um ganz ehrlich zu sein, dieser Slogan stammt nicht von mir ...«

»Stimmt, ich hatte ja ursprünglich mit einem Lothar Becker zu tun. Ist er die treibende Kraft in Ihrem Laden? Aber wir beide machen das schon, wie wär's mit einem Turmschuh in der Höhe«, die Männerhand tippte gegen ihr Brustbein, »und der Länge?« Das Gesicht vor Nora tauchte ab. Plötzlich lag der Schuhdesigner flach vor ihr auf dem Boden, sprang sodann flugs wieder hoch und schaffte es, sie mit seiner Zirkusnummer restlos zu verwirren.

Immerhin verstand Nora soviel, daß er im Team aus acht Einzelteilen einen Turmschuh so lang wie er selbst und einen Kopf kleiner als sie bauen und am Valentinstag als den »Knüller« präsentieren wollte. Falls nicht auch das nur ein Joke war: »Spart mir glatt die Knete für den Dekorateur!«

»Meinen Sie das ernst? Ich habe keine Ahnung von Schuhen.« Nora wies auf die gängigen Outdoor-Übungen hin, für die es kinderleichte Anleitungen gab, nach denen so eine Gruppe ein Baumhaus oder eine Brücke aus vorgefertigten Elementen bauen und sich hinterher wie King Kong persönlich fühlen sollte. Besser gesagt wie ein Stück davon, weil es ja auf den Teamgeist ankam. Wo steckten überhaupt die Container, die schon gestern zugestellt worden sein mußten?

»Was soll ich mit einem Baumhaus oder 'ner Brücke zum Showdown?« unterbrach Daniel Reiter sie genau in dem Moment, als sie im Hintergrund der Halle die gesuchten Boxen entdeckte. »Der Schrott da paßt nicht mal auf die Bühne, denken Sie an meinen Knüller für den Valentinstag. Wir brauchen was mit Schuhen, dafür bin ich der Fachmann, und Sie übernehmen den Seelenschmus, okay?«

Nora nickte, was erst recht ein Fehler war. Kein Lehrer durfte den Schüler jemals in seine Rolle schlüpfen lassen, wenn er diesem nicht Nasenlängen im Stoff voraus war. Sie hatte keine Ahnung von dieser Materie und eher linke Hände, was sich schon vor zwanzig Jahren beim Falten von Frackmännern gezeigt hatte. Schuster bleib bei deinen Leisten! Sie haßte diese Vermengung von Kopf und Hand. Das war nicht ihr Ding. Es machte sie fix und fertig. Ihren Auftraggeber schien das allerdings nicht zu stören. »Wir machen das gut, zur Belohnung kriegen Sie noch 'nen Grog!«

Nora trank den Grog, warum wußten die Götter, und mischte sich ein. »Die Spitze paßt nicht!« Sogar sie sah, daß eine nach dieser Vorlage gefertigte Schuhspitze niemals zu der Schuhspange daneben passen würde, einfach weil der Vergrößerungsmaßstab nicht übereinstimmte. Hätte sie nur den Mund gehalten!

Die Schöpferinnen der von Nora kritisierten Schablonen gerieten sich prompt in die Haare. Schon ließen auch die übrigen fünf ihre Arbeit im Stich und feuerten die Kampfhennen an: »Gib's ihr!« Berliner flogen, zum Glück die beiden letzten, doch als Nora gerade überlegte, wie sie ihrem Chef die Balkenüberschrift »Outdoor-Keilerei« in der Regenbogenpresse erklären sollte, kippte der Fight in Kichern um.

Dann arbeiteten sie weiter, gerade so, als sei nichts passiert. Daniel Reiter blühte als Coach auf, Nora glitt in die Rolle der Assistentin, rührte Kleister an, zupfte Papier klein und erinnerte sich krampfhaft an die Kasperlepuppen und Krippenfiguren, die ihre Schwestern vor fast dreißig Jahren unter der Anleitung von Sabine Dorn kreiert hatten. Nora wünschte sich, etwas genauer hingesehen zu haben. Die Mansche geriet ihr entweder zu dünn oder sie pappte.

»Ich mach das schon.« Daniel Reiter war ein Tausendsassa, und sie nickte dankbar. Dabei konnte es natürlich niemals ihre Aufgabe sein, Kleister anzurühren. Trotzdem war sie ihm dankbar. Ganz besonders, als er irgendwann »Zapfenstreich!« rief.

»Tschüs!« Sieben Paar Brikettsohlen hämmerten hinaus und ließen Nora allein mit ihrem Auftraggeber in der Halle zurück. Es roch nach Schweiß und Grog und noch nach etwas anderem. Schlagartig wurde sie sich wieder der Flecken und Knitter auf ihrer Kleidung und eben dieses Geruchs bewußt.

Ob sie selbst ...? Sie schnupperte.

»Das sind nicht Sie!« Er grinste schon wieder auf diese besondere Art, die zugleich lieb und spöttisch war. »Das sind Gulliver und Co.«

»Ich denke, die Kinder sind längst weg?«

»Die Kids schon, aber nicht ihre Scheißwindeln. Diese Weiber vergessen regelmäßig, die Tonne zu leeren. Die legen's drauf an, daß irgendwann sowieso nur noch wir Männer fürs Windelwechseln und Rotznasenwischen zuständig sind.»

»Haben Sie keine ...?« Nora stockte. »Also, hat Gulliver keine Mutter?«

»Jedes Balg hat 'ne Mutter, Gulliver hat auch eine.»Der Mann setzte den Müllbeutel, den er gerade fest verknotet hatte, wieder ab und sah sie an. »Ich brauche eine Frau. Willst du?«

***

Erst viel später, als Nora allein im Bett eines der schönsten Zimmer im »Elysee« lag, erinnerte sie sich wieder an die Worte. Ohne sein Lächeln und das ungeschickte Nesteln an ihrem Schlips inmitten von zerschnipselter Pappe, bröseliger Modelliermasse, Berlinerkrümeln, Grogbechern und in Plastiksäcken zusammengequetschten Pampers klang dieser Satz sehr nackt.

»Ich brauche eine Frau!«

Und sie hatte eingewilligt. Warum, verdammt? Weil es wärmer war als ein Traum oder ein Fingerspiel pro Woche oder das, was herkömmlich als One-night-stand bezeichnet wurde. Aber genau das war es gewesen. Trotzdem hatte das warme Gefühl diesmal die spärlichen Minuten des Zusammenfindens überdauert. Ob das an dem verrückten Drumherum lag? Sonst waren nur Märchen verrückt. Ihr Leben war vernünftig und sollte so bleiben. Es tat trotzdem weh.

***

»Sie werden an der Rezeption erwartet, Frau Dr. Dorn«, meldete die Telefonistin. »Sie wüßten dann schon Bescheid.«

Nora bedankte sich und blieb noch einen Moment lang auf dem Stuhl mit den breiten Armlehnen vor dem Tisch sitzen, auf dem all das stand, was sie sich zum Frühstück hatte aufs Zimmer bringen lassen. Rührei mit Krabben, verschiedenerlei Brot und hauchdünn geschnittener Knochenschinken. Gegessen hatte sie davon allerdings kaum etwas, und auch die Wärme, die sie in sich aufwallen spürte, konnte keineswegs eine Nachwirkung des Kaffees sein, den sie irrtümlich bestellt hatte. Es war ihr zu spät eingefallen, daß sie in der Hansestadt grundsätzlich Tee nahm. Nun saß sie da mit dem stummen Telefonhörer in der einen und einem Stück kalten Toasts in der anderen Hand und überlegte, wie sie den zweiten Satz interpretieren sollte. Er paßte nicht zu einem Assistenten, den die Hamburger Agentur ihr schicken sollte. Er machte sie stutzig und ließ sie an jemanden denken, der eigentlich nicht wissen konnte, wo sie logierte.

Vielleicht hätte sie es ihm gegen all ihre Prinzipien doch gesagt. Nach dem ersten Kuß war sie sogar versucht gewesen, ihn mit hierher ins »Elysee« zu nehmen. Aber dann war alles sehr schnell gegangen, rasend schnell. Ihr Körper hatte sich nicht um den Ort gekümmert, der außer Tapeziertischen und Holzbänken nur nackten Estrich und einen Liegestuhl bot. Einen von der Sorte, wie es sie heute kaum noch gab, ein simples Holzgestell mit einem Stück Markisenstoff dazwischen. Gelb wie die Kissenprimeln ihrer Mutter, daran hatte sie ganz kurz denken müssen, als er sich mit ihr auf dieses wild schaukelnde Stück Stoff plumpsen ließ. Sie hatte protestiert, allerdings nur aus Sorge, der Stuhl könnte unter ihnen beiden zusammenbrechen. »Nicht bei dir Schlanklori«, hatte er erwidert und sie alles vergessen lassen, was an Sabine Dorn oder ihren Job oder eben ihre Grundsätze erinnerte. Die waren erst viel später zurückgekommen. Was für ein Glück, daß sie ihn nicht auch noch hierhin geschleppt hatte.

Nora sah sich um. Gepflegte Eleganz. Das Panoramafenster wies auf den Bahnhof, darauf legte sie Wert. Die Nähe zu diesem Bündel Gleise schlug die Brücke zu dem Moment, an dem sie wieder ihre Koffer packen und in einen der Züge steigen würde. Das beruhigte sie ebenso wie das Wissen, sich bei ihrer Abreise aus dem Hotel um nichts kümmern zu müssen als um die Begleichung der Rechnung.

Obwohl sie nun wußte, daß sie in der Hotelhalle erwartet wurde, ließ sie sich von ihrem Spiegelbild in dem deckenhohen Garderobenspiegel aufhalten, drehte und wendete sich und suchte nach dem Gegenbeweis zu jenem Wort »Schlanklori«.

Das Licht mußte schuld sein, es zeichnete sie weich, betonte die sehr langen Beine und schmalen Hüften und nahm sogar den für eine Frau außergewöhnlich geraden Schultern das Strenge. Blödsinn! Nora zog ihr Jackett vom Bügel, schlüpfte hinein, richtete die Schulterpolster und den Schlips, den er »Würger« getauft hatte, und befahl sich, umgehend mit diesen Spinnereien aufzuhören. Es war ein Witz gewesen. Bestenfalls eine flotte Nummer. Obendrein war er ein Lügner, weil nur Püppchen wie ihre Schwestern mit jenen grazilen Seidenäffchen mithalten konnten, die ihr Vater »Schlankloris« genannt hatte.

Der Besuch im Kölner Zoo hatte zu den Höhepunkten in Noras Kindheit gezählt. Für ihre Geschwister hingegen waren diese Ausflüge eher ein lästiges Übel gewesen, über das sie allenfalls der Sonntagsstaat und der Eisbecher hinwegtrösten konnten, den es nach dem Besuch bei »unseren Vorfahren« gab. Fritz Dorn war der einzige, der wie Nora ewig vor einem einzigen Käfig ausharren konnte und jedem Tier passend zu seiner Aufführung eine Geschichte andichtete. Die Affen waren ihnen beiden die liebsten. Der »Obergauner« war für sie »Onkel August«. Und das vorwitzige Affenfräulein, das dieser mit den Bananen umgarnte, die er seinen Kollegen stibitzte, hieß »Schlanklori«. Nora kannte weder den echten August noch jene Schlanklori persönlich, denn ersterer mußte noch vor ihrer Geburt »die Mücke« gemacht haben, und von letzterer ahnte Nora bereits damals, daß sie mehr als nur die Sprechstundenhilfe des Vaters war und diesem nicht nur bei der Behandlung von eitrigen Mandeln und Stockschnupfen assistierte. Zu jener Zeit gab es auch noch keine Villa in Bensberg und erst recht keine Schönheitschirurgie.

Und jetzt hatte einer, der von alldem nichts wissen konnte, sie »Schlanklori« genannt. Ein Wort, das lieb klang, aber vielleicht unter Männern in einem anderen Zusammenhang kursierte. Ihr Vater war wahrscheinlich mit solch einem Seidenäffchen fremdgegangen, und dieser Daniel Reiter trieb es als Vater eines kleinen Jungen mit ihr selbst auf einem Liegestuhl und nannte sie so. »Ich brauche eine Frau!« Das hatte er auch gesagt. Für einen Kerl, der Druck verspürte, reichten bekanntlich ein Pin-up-Foto im Spind oder ein Reizwort aus, um auf Touren zu kommen. Schlanklori. Sie, Nora Dorn, war's nicht und würde es nie sein. Es war geschmacklos, einen Menschen im Zustand hilfloser Verwirrung mit Begriffen aus der Tierwelt zu belegen. Schon einmal hatte jemand versucht, ihre »Mäuschen« zu locken, und als es ihm gelungen war, hatte er sich davongemacht.

»Auf welches Stockwerk darf ich Sie bringen?« fragte der Page.

»Ich hab's mir anders überlegt.« Nora trat hastig aus dem Aufzug und steuerte die Treppe an. Nur wer selbst ging, behielt die Fäden in der Hand.

***

»Hallo!« Die Stimme in Noras Rücken klang atemlos. »Sind Sie Frau Dorn?«

»Wie bitte?« Nora wandte sich um und sah auf die Frau vor sich, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.

»Frau Dr. Nora Dorn?« Die Fremde hob eine Visitenkarte hoch, die Nora vage bekannt vorkam. »Sie haben mich doch angefordert, oder etwa nicht? Ich heiße Bettina Herzgen.«

»Sie kommen von der Agentur?«

»Sicher, aber wenn Sie es sich anders überlegt haben, es war ohnehin sehr kurzfristig.«

Nora versicherte, daß sie immer sehr genau überlegte, was sie täte und wirklich dringend eine Unterstützung benötigte. »Ich habe nämlich quasi zwei Jobs am Hals und müßte unbedingt nach Leipzig. Ich bin wirklich heilfroh über Ihr Kommen, wir sollten dann wohl mal starten.«

Nora winkte dem Hotelboy, der umgehend auf ihr Signal reagierte, seinerseits ein Taxi vorwinkte, die Türen zum Fond aufriß, »Einen schönen Tag die Damen!« wünschte und genau jene Zuvorkommenheit an den Tag legte, die den Empfänger zu nichts außer einem höflichen Nicken nebst Trinkgeld verpflichtete.

Während der Fahrt informierte Nora die junge Frau über die allgemeine Konzeption von Outdoor-Projekten: »In diesem speziellen Fall ist alles noch leicht konfus, aber das wird schon noch. Jedenfalls ist die Grundidee immer dieselbe, egal ob wir die Crew eines Fernsehsenders zusammen eine Brücke bauen oder wie hier einen Jungunternehmer herausfinden lassen, wie er seine Belegschaft unter einen Hut bekommt.«

»Learning by doing?« fragte die andere. »Trial and error?«

»Exakt.« Nora nickte zufrieden, auf diese Agentur war Verlaß. Die Person begriff rasch. Je rascher um so besser.

»Und wie sieht die Sache konkret aus? Ich meine, mal abgesehen davon, daß jeder seinen gewohnten Arbeitsplatz für ein paar Stunden verläßt.«

»Drei Tage«, verbesserte Nora. »Die Motivation über die Hände dauert nun mal länger als die über den Kopf. Jedenfalls müssen alle ran, und wenn nur ein einziger patzt, stürzt die Brücke oder was auch immer ein. In diesem Fall ist es ein begehbarer Turmschuh. Der Chef kommt in die zwei Meter lange Brikettsohle, und seine sieben Mädels hopsen obendrüber.«

»Nicht übel! Inszenieren Sie auch Hochschulprojekte? Ich würde liebend gerne mal über meinen Professor hopsen, hauptamtlich studiere ich nämlich noch.«

»Will er nicht? Oder ist er verheiratet?« Nora musterte ihre Nachbarin, die sie bislang nur mit Jobaugen wahrgenommen hatte. Sie fand, daß Bettina Herzgen durchaus das Zeug hätte, ihren Professor schwach zu machen. Höchstens einssiebzig groß, eher kleiner, ein sehr herziges Gesicht mit Stupsnase und Haaren fast bis zum Steiß.

Männer liebten so etwas. Noras Schwestern hatten bereits in ihrer Kindheit einen Kult mit Zöpfen und Affenschaukeln und Pferdeschwänzen getrieben, für deren Schmuck unzählige Spangen und Samtbänder herhalten mußten. Sie selbst hatte in einem unbeobachteten Moment kurzerhand die Schneiderschere ihrer Mutter ergriffen und das Problem für sich gelöst. Seitdem war sie ihrem Pagenschnitt treu geblieben, obwohl ihr das Wort »Page« mißfiel. Ihre Frisur war so beschaffen, daß sie in Nullkommanichts allein damit klarkam, egal ob sie aus dem Bett oder vom Schwimmen kam.

»Ich weiß nicht, ob mein Prof Lust hätte, von mir behopst zu werden.« Bettina kicherte. »Ich hab's auch eher beruflich gemeint, er ist nämlich ein ziemliches Ekel. Machen Sie solche Übungen etwa auch privat?«

»Ich sowieso nicht«, protestierte Nora und sah rasch zum Fenster hinaus. »Wenn schon, dann meine Firma, und natürlich widmen wir uns ausschließlich gewinnorientierten Unternehmungen.«

Neben ihr kicherte es heftiger. »Na ja, gelegentlich soll so etwas ja auch ganz hübsch Knete bringen, oder?«

»Wir sind seriös, hundertprozentig.« Nora sah erneut aus dem Fenster, die Aussicht auf den verdreckten Kleinwagen in der Nachbarspur hatte sich nicht geändert, einfach weil die Ampel noch nicht umgesprungen war. Der Fahrer schien ihren Blick zu spüren, wandte ihr das Gesicht zu, vergaß einen Moment lang weiterzukauen, grinste und rief ihr etwas zu. Obwohl sie die Worte nicht verstehen konnte, war sie sich sicher, daß es etwas Anzügliches war. Passend zu dem Bild der Repräsentantin eines hundertprozentig seriösen Unternehmens, die in einer Lagerhalle auf ihrem, in einem Liegestuhl pendelnden, Kunden ritt.

***

»Und wer ist das?« Daniel Reiter hangelte sich aus dem Liegestuhl.

»Bettina Herzgen«, stellte Nora vor, »ebenfalls Psychologin.« Sie warf der zum Widerspruch ansetzenden Studentin einen warnenden Blick zu. »Wir arbeiten zusammen.«

»Seit letzter Nacht?«

»Unsere Agentur ...«, setzten beide. Frauen gleichzeitig an und verstummten ebenfalls synchron, was bei Nora daran lag, daß sie selbst spürte, wie aufgesetzt sich das anhören mußte. Überhaupt war sie diesem Mann keine Erklärung schuldig, daß er heute sogar das Doppelte für sein Geld bekäme. Sie wurde nicht für lange Reden bezahlt, sondern für die Durchführung eines innovativen Projektes, das gestern noch reichlich chaotisch gestartet worden war und nun mit Volldampf vorangetrieben werden würde, damit sie den letzten Zug nach Leipzig bekäme. Eine weitere solche Nacht im »Elysee« wollte sie nicht.

»Wo sind Ihre Mitarbeiterinnen?« fragte sie laut.

»Im Sandkasten«, antwortete er.

Bettina gluckste: »'Tschuldigung! Klingt irgendwie witzig.«

Nora hörte sich daraufhin zu einer ziemlich umständlichen Schilderung des Windelvolkes ausholen, das bereits am Vortag für Unruhe gesorgt hätte und womöglich schuld daran wäre, wenn die »Klotzblitz«-Performance am Valentinstag baden ginge.

»Das geht nicht!« Daniel Reiter stand immer noch neben der Liege.

»Das geht doch, wenn Sie nicht endlich Ihre Leute zusammentrommeln.«

Ein Pfiff, schon wiederholte sich das gestrige Manöver, diesmal allerdings auf dem zur anderen Seite gelegenen Hof. Jungmütter und Nachwuchs zogen erneut von dannen, sieben versandete »Mädels« marschierten herein. Der Lärm war ohrenbetäubend, der Konsum an Zigaretten und Cola gigantisch, mittags kamen Pizza und Hamburger dazu. Trotzdem schien mittlerweile allen klargeworden zu sein, daß sie sich an die Schablone halten mußten, die ihren eigenen Anteil an dem Riesenschuh auf den Zentimeter genau vorschrieb. Zwei waren sogar so pfiffig, die bessere Pappmachémischung der einen gegen perfekt gesetzte Drähte der anderen auszutauschen.

»Das läuft.« Nora setzte die beiden ersten im Rohbau fertigen Teile auf die Vorlage und kontrollierte sicherheitshalber noch einmal die Höhe und Dicke sowie den Anschluß von Fersenkappe und hinterer Sohle. »Paßt!«

Die Mädels jubelten. Daniel Reiter erhielt Küßchen und verschwand, um wenig später mit je zwei Flaschen Sekt rechts und links unter dem Arm wiederzukommen. »Das muß gefeiert werden.«

Warum sah er sie an? Nur sie? Der Korken knallte. Wahrscheinlich war das Zeug viel zu warm. Schaum schoß aus dem Flaschenhals, Plastikbecher wurden untergehalten, den ersten reichte er ihr. Warum ihr, verdammt? Nora wehrte ab. »Danke nein, ich muß heute abend noch nach Leipzig, da behalte ich lieber einen klaren Kopf.«

»Und seit wann weißt du das?«

»Ich bin praktisch mit zwei Aufträgen angereist. Paß auf, verdammt!«

Zu spät! Es plätscherte bereits über den Becherrand und auf seinen Turnschuh aus hellem Leinen, das sich nun dunkel verfärbte, immer dunkler. Sein Reaktionsvermögen war gleich null. Sein »Du« war verräterisch. Ihres auch. Es war zu still, keiner lachte, alle schienen auf die Fortsetzung von etwas zu warten, was es nicht gab.

»Und was ist mit meinem Auftrag? Ich habe dich gebucht.«

»Die Firma«, Nora stockte, »Sie haben die Firma Wagner gebucht, und Frau Herzgen wird wunderbar allein klarkommen, stimmt's?«

»Morgen früh müßte ich allerdings kurz zur Uni, den Termin muß ich einhalten. Mein Prof ist ein Ekel, Sie wissen ja ...«

»Egal. So prima wie das hier läuft, macht es nichts, wenn Sie eine halbe Stunde oder so weg sind.« Nora sah sich um, das Chaos lichtete sich, bis morgen abend würde Daniel Reiter seinen »Knüller« haben, für den er bezahlte. Sonst nichts.

***

Nora hatte es ihrem Auftraggeber zu verdanken, daß sie den letzten Zug nach Leipzig doch nicht bestieg. Er war keinesfalls bereit gewesen, auch nur auf eine halbe Stunde der von ihm bezahlten Betreuung zu verzichten und hatte hinzugefügt, daß es mit dem Flieger sowieso bequemer sei. Einen Augenblick lang hatte Nora tatsächlich geargwöhnt, er ziehe sie mit ihrer Flugangst auf, aber davon konnte er natürlich nichts wissen. Das Ende vom Lied war jedenfalls, daß Nora nun in eben demselben Bett wie gestern lag und darauf wartete, daß der Apparat auf dem Nachttisch oder ihr Handy loslegen und sie versuchen würden.

Es blieb still. Nora lag da, ließ den heutigen Abschied Revue passieren. Sie erinnerte sich an einzelne Wörter und Sätze und alles, was dazwischenlag.

»Also dann!« Angeblich hatte er Gulliver irgendwo abholen und ins Bett bringen müssen: »Ein paar trockene Latschen bräuchte ich wohl auch!« Dem Hinweis auf das Sektfußbad war Schweigen gefolgt, eines von der Sorte, das zwei Menschen im dichtesten Gewühl aneinanderzuspinnen vermochte. Beim dritten »Also dann!« hatte er sogar verstohlen ihre Hand gedrückt und etwas geflüstert, was sie nicht vollständig verstand. Ihr »Würger« kam vor, den er ihr am Abend zuvor mit für einem Mann unglaublich ungeschickten Fingern aufgeknotet hatte, statt ihn zu lockern und über den Kopf zu ziehen, wie das die meisten Schlipsträger taten.

Nora stand auf und knipste den Punktstrahler in der Garderobe an. Jetzt im Dunkeln erschien ihr das Licht sehr viel greller und zeigte eine Frau, die zu groß und seltsam statuenhaft war und in nichts den angestrubbelten Wesen glich, die wohl gemeinhin aus dem Bett stolpern und einen Mann dazu trieben, sie zärtlich aufzufangen.

»Und warum hat er dann alles getan, um mich noch ein paar Stunden hier zu halten?« Nora strich über die doppelt gesteppten Aufschläge des Herrenschlafanzugs. Von vorn sah es aus, als wäre sie flach, was keineswegs stimmte. Sie rollte den Stoff hoch und starrte auf die beiden runden Gebilde, die ihr seltsam hilflos erschienen. Vorhöfe und Brustwarzen hatten sich vollständig zusammengekrunkelt. Mäuschenscheu. Ihr war kalt.

»Warum er dich hierbehalten wollte?« Das Echo kam aus dem für eine Frau viel zu ausgeprägten Hinterkopf und lieferte auch gleich die Antwort: »Ist doch klar! Um dir zu zeigen, wer das Sagen hat und für den Fall, daß er diese Nacht wieder eine Frau braucht und nichts Besseres findet.«

Nora sah zu den beiden Apparaten auf der Glasplatte hin. Offensichtlich hatte er etwas Besseres aufgegabelt. Sie begann, diese Telefone zu hassen. Sie nahm den Hörer des Standgerätes ab. Es klickte, das Geräusch ging ihr durch und durch. Es meldete sich der Empfang: »Sie wünschen bitte?«

»Nichts, danke.« Nora legte hastig wieder auf. Sie wollte mit niemandem sprechen.

Ein Telefon hatte schließlich keine andere Funktion als die der Übermittlung von Botschaften über eine beliebige Entfernung hinweg. Es war ihr unbegreiflich, wie Menschen stundenlang mit einem Stück Plastik am Ohr Seelenmüll und Banalitäten und sogar Sexgeschichten absondern konnten und sich einredeten, der andere mache mit. Nora sah ihre Schwestern vor sich, wie sie als Teenies in randvollen Terminkalendern zu blättern vorgaben und einen Tanzstundenjüngling mit der Beschreibung ihres heißen Outfits anmachten, obwohl sie in Wirklichkeit gerade eine Gurkenmaske im Gesicht und eine Eipackung auf dem Kopf hatten. Da redete solch ein verliebter Tropf von seinen Sehnsüchten, und die beiden hielten sich die Seiten vor Lachen und verhackstückten hinterher jedes Wort. Nora hatte in der Zeit mit Fredder stets darauf geachtet, nichts Persönliches herauszulassen, obwohl das nicht immer einfach war, wenn er sie am anderen Ende der Leitung mit Fragen nach ihren »Mäuschen« oder der »Miau« neckte, und sie darauf lediglich »Funkstille« meldete. Woraufhin er gewöhnlich erst richtig loslegte und sehr anschaulich Abhilfe gelobte, was ihr dann die Röte ins Gesicht trieb und ihre Geschwister magisch in die Diele lockte, wo das Familientelefon stand: »Süß! Sie wird rot, Noraken wird rot! Was hat der Süße denn gesagt? Daß er sich nächstes Mal 'ne Trittleiter mitbringt?«

Schon damals hatte Nora Telefone verabscheut, obwohl ihr kluger Kopf ihr vorhielt, daß es kindisch war, etwas Totes mit Gefühlen zu bedenken, die in Wahrheit Menschen galten. Dieser cremefarbene Apparat auf dem Nachttisch ließ sie plötzlich an ihren Vater denken. Sein Arbeitszimmer war der einzige Raum in der Bensberger Villa, der vor der Verschönerungswut ihrer Mutter sicher war. Im Grunde hatte sich hier seit Noras Auszug nichts geändert, das galt auch für das Telefon. Cremefarben, behäbig und laut Sabine Dorn eine Geschmacksverirrung.

»Hallo, ich bin es, Nora!«

»So spät? Weißt du, wie spät es ist?«

»Ja. Eigentlich wollte ich auch nur kurz Vater sprechen.«

Schritte hallten über teppichlosen Steinboden. Die Stimme von Sabine Dorn trug die Klage über die Rücksichtslosigkeit der Tochter – »Welche? Natürlich Nora!« – weiter weg, andere Schritte näherten sich: »Bist du's, Noraken?

»Hoffentlich störe ich dich nicht?«

»Nur beim Üblichen. Ist was mit dir?«

»Ich wollte nur sagen, daß ich vielleicht am Freitag doch mit auf deinen Medizinerball kommen könnte.«

»Moment!« Und dann mit der Hand über der Sprechmuschel: »Bienchen, was ist mit Noras Ballkarte?«

Stakkato von hohen Absätzen, dann wechselte die Sprechstimme erneut: »Also Nora, ich will dir einmal etwas sagen, so geht das wirklich nicht! überhaupt haben wir deine Karte längst an eine liebe Patientin verschenkt, das hättest du dir eher überlegen sollen, angeblich bist du doch unabkömmlich in deinem München.«

»Hamburg und ab morgen Leipzig, ich dachte nur so ...«

»Bildest du dir ein, alles wartet nur auf dich? Du bist zu spät. Gute Nacht!« KLICK.

Nora horchte auf das seelenlose Tuten und sagte sich, daß sie erleichtert sein sollte. Es war eine hirnverbrannte Idee, auf diesen Karnevalsball mitgehen zu wollen. Seit Jahren drückte sie sich davor, etliche Stunden an dem für »Dr. Fritz Dorn« reservierten Tisch unmittelbar vor der Bühne im Gürzenich absitzen zu müssen. Natürlich hatte ihre Mutter spielend Ersatz für sie gefunden, einfach weil jeder es sich als Ehre anrechnete, von einem Mann eingeladen zu werden, der ihm eine neue Nase oder Ohren und manchmal sogar beides beschert hatte.

Nora knipste das Licht aus, doch die Lichter der Stadt durchdrangen den Vorhang und ließen das Cremeweiß auf dem Nachttisch im Dunklen aufschimmern. Der blanke Hohn. Nora zog die Schublade auf, bugsierte den Apparat hinein, schloß die Augen und öffnete sie wieder. Stecknadelgroße grüne Lichtblitze funkten auf sie zu. Stand by. Gesprächsbereit. Sie streckte den Arm aus ...

***

»Nora Dorn hier, hoffentlich störe ich nicht?«

»Niemals.« Die Männerstimme senkte sich. »Hör den Spökes auf, Mausi!«

»Ich wollte Sie nur darüber informieren, Herr Wagner, daß ich morgen weiter nach Leipzig fliege.«

»Viel Spaß denn, Mädchen! Grüß mir die Brüder im Osten schön.« Und leiser: »Mausi, das ist kein Weib, ich schwör's dir, geh schon mal vor in die Heia!«

»Sind Sie echt kein Weib?« Die fremde Frauenstimme gellte, etwas klatschte, es wurde laut am anderen Ende der Leitung.

»Nein, bin ich wohl nicht«, murmelte Nora und legte auf.

***

»Ich rufe nur kurz wegen Pandora an. Geht's ihr gut?«

»Prima, sie frißt auch schon wieder ordentlich, machen Sie sich da mal keine Sorgen, Frau Doktor!«

»Und sonst so?«

»Na ja, wie's auf Karneval hier nun mal so iss, in der Kneipe iss der Teufel los, nach Aschermittwoch geht's nach Mallorca.«

»Und Ihre Tochter kommt wirklich und kümmert sich ...?«

»Mer losse der Dom in Kölle«, die Musik schwappte Nora ins Ohr, leiser vom Band und dröhnend aus der Kehle eines Kneipenbesuchers, der sich wohl des Hörers bemächtigt hatte: »He, Frollein, kommste rüber? Hier iss nämlich Frauenmangel!«

»Ich bin keine Frau.«

»Un wat biste dann?«

Nora schwieg.

»He, Jungs, ich hab hier 'nen Zwitter in der Leitung. Wer will noch mal, wer hat noch nicht?«

Nora senkte die Hand mit dem Hörer. Nicht schnell genug, denn sie bekam noch mit, wie »der Zwitter« abgelehnt wurde: »Dann schon lieber noch so 'n lecker Hämmche!«

Gut zu wissen, sogar ein fettes Stück Schweinefleisch auf Sauerkraut wurde ihr vorgezogen.

»Zimmer dreihundertsechs hier, stellen Sie bitte keine Anrufe mehr durch!«

»Natürlich, Frau Dr. Dorn. Eine gute Nacht!«

Nora schaltete auch das Handy aus. Good bye!

Kapitel 3
Schwindel en gros

Obwohl in dieser Nacht das Barometer noch einmal unter Null gefallen war und Nora bei ihrer Abfahrt vom Hotel kaum die Hand vor Augen hatte sehen können, wurde der Flug nach Leipzig-Halle auf die Minute pünktlich aufgerufen. Zusammen mit anderen vorwärts drängenden Gestalten – vorzugsweise Herren mit Aktenkoffer, grau in grau, umhüllt von Aftershave, Tabakgeruch, Alkoholisches war auch dabei –, ging sie in Richtung »Abflug«. Sie drehte sich um.

Er winkte. Jedenfalls glaubte sie, daß es Daniel war, der ihr von dort hinten nachwinkte. Sein Gesicht war nicht mehr zu sehen, es gab nur noch diese Hand, die aus etwas Knallgelbem ragte. Es war kaum anzunehmen, daß noch jemand auf dem Hamburger Airport dottergelb gekleidet wäre.

»Spielst du Küken?« hatte sie ihn gefragt, als er sie heute früh in diesem puscheligen gelben Wams aus dem gelb bespannten Liegestuhl angrinste. Da hatte sie ihn noch gesiezt, was bis zu dem Moment galt, als ihre Assistentin verschwand, um aus einem Professor, über den sie »liebend gern mal drüberhopsen würde«, die Themen ihrer mündlichen Prüfung herauszukitzeln.

In gewisser Weise war diese saloppe Formulierung sogar daran schuld, daß es nun dieses dottergelbe Winken gab. Ohne die Psychologiestudentin war es plötzlich sehr still geworden, und Nora hatte drauflos geplappert, deren flockige Sprüche wiederholt und zu spät bemerkt, daß sie sich selbst verriet. Das Wort »drüberhopsen« war zweideutig und hatte ihr die Röte ins Gesicht getrieben. Daniel aber hatte lediglich nach ihrem Schlips gegriffen, als sie sich immer konfuser in Worten verstrickte.

»Sie meinte wirklich nur ›hopsen‹, so wie gehen, nicht daß Sie glauben ..., eigentlich wäre sie auch schon fertige Psychologin, jedenfalls wird sie das Finale hier bestens hinbekommen, hundertprozentig, dafür lege ich meine Hand ins Feuer ...«

Exakt bei dem Wort »Feuer« hatte sein Knöchel sich zwischen ihren Hals und den Hemdkragen geschoben, während die andere Hand an dem englischen Knoten zupfte: »Irgendwann erwürgst du dich noch mal. Hast du Schiß oder bist du über Nacht Nonne geworden oder ist dir mein Liegestuhl zu billig?«

Nora hatte protestiert und dabei glatt vergessen, darauf zu achten, ob eins von den Mädels in der Nähe war. Natürlich war nur diese Horrornacht daran schuld gewesen, daß sie plötzlich losheulte. Erst als sie neben ihm in einem obskuren Lieferwagen saß – »den brauch ich, um meine Stöckel auszuliefern!« – und sich zum Flughafen fahren ließ, hatte sie bemerkt, daß ihr Schlips-Würger noch immer lose auf ihre Seidenbluse baumelte und auch die obersten Knöpfe offenstanden. Ihre Hand war hochgerutscht und rasch wieder abgeglitten, als sie sein Grinsen von der Seite auffing.

Das Grinsen und das Gefühl, halb nackt zu sein, begleiteten sie durch die Sperre bis in das Flugzeug.

***

»Würden Sie bitte auch Ihren Gurt schließen!«

Nora zuckte zusammen. Sie sah in ein fremdes Gesicht und tastete gleichzeitig nach den beiden Strippen »pour homme«, legte sie übereinander und hielt inne. Etwas stimmte nicht. Ihre Finger versagten ihr den Dienst, sie mußte überlegen, ob sie wirklich mit dem schmalen Ende beginnen sollte. Jemand, der sie nicht kannte, könnte glatt annehmen, sie hätte noch nie zuvor einen Schlips geknotet. Die Fremde dort war eine Stewardeß.

»Your seat belt, please!«

»Sie können ruhig weiter Deutsch mit mir reden.«

Die Uniformierte nickte, wahrscheinlich war sie Ärgeres gewohnt, während Nora sich vor ihren Augen vorschriftsmäßig anschnallte und sich sagte, daß es dem Flugpersonal vermutlich sogar egal wäre, wenn sie mit nacktem Oberkörper Platz nähme. Hauptsache mit Gurt.

Gurt – seat belt – law and order. Gelber Markisenstoff war ihr lieber, viel lieber. Das dottergelbe Flauschhemd sollte sie daran erinnern: »So 'n Gelb wie bei unserer Lustwiese hatte ich leider nicht im Schrank, immerhin ist es gelb, ich fand's sehr schön mit dir. Zum Valentinstag mußt du wieder da sein, okay?«

Über dem Grübeln darüber, ob sie laut »ja« gesagt hätte, versäumte Nora die Demonstration der Sicherheitsvorschriften und auch das Anrollen und Abheben der Maschine. Erst als sich die Fensterluke neben ihr sonnengelb verfärbte, ihre linke Schulter wärmte und mit ihren dottergelben Sehnsüchten zusammenfloß, sah sie hinaus. Schwerelose Gebilde von bizarrer Schönheit tauchten ins Sonnenlicht, sie kniff die Augen zu, aber diesmal nicht aus Angst. Sie träumte sich in eine Welt, die gelb wie der Bezug eines Liegestuhls oder ein Eidotter oder die Sonne oder Wolken war.

»Bitte stellen Sie nun wieder das Rauchen ein, richten Ihre Rücklehnen senkrecht auf und ziehen die Sicherheitsgurte fest ...!«

Nora lachte mit geschlossenen Augen. Es war ein Witz, ob er sie auf den Arm nehmen wollte? Es wäre ihm zuzutrauen! Bei einem wie Daniel Reiter war es nicht einmal auszuschließen, daß er mit Glimmstengel in der Hand auf seinem mannshohen Klotzblitzturmschuh über die Wolken hopste. Mit Gurt? Nora suchte in ihrem Kopf nach dem Bild von ihm, wie er den Lieferwagen chauffiert hatte. Angeschnallt? Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie selbst ihrer Anschnallpflicht genügt hatte, obwohl sie bereits lange vor Inkrafttreten des entsprechenden Paragraphen nicht mehr unangegurtet gefahren war. Safety first!

»Ihr Gurt?«

»Wie?« Nora sah auf, es war dieselbe Stewardeß wie vorhin, auch ihr Lächeln war dasselbe, und noch ehe sie ihre Aufforderung erneut auf Englisch wiederholte, zeigte Nora ihr, daß sie noch immer angeschnallt war. Schließlich tat die arme Person nur ihre Pflicht und konnte nicht ahnen, daß Wolkenhopser keinen Gurt und kein Nikotin und keine Rückenlehne brauchten.

»Zum Valentinstag mußt du wieder da sein, okay?«

»Okay«, sagte Nora.

»Danke vielmals«, sagte die Stewardeß und zuckte ganz kurz zusammen. Anscheinend, dachte Nora, war ungeniertes Lachen doch mehr, als das Flugpersonal verkraftete.

Über dem Eingang stand groß in Neonlettern »Meyerling KG«, die Schrifttype und das Logo waren mit dem in Quickborn identisch, auch die Farben stimmten überein. Trotzdem hatte Nora bei ihrem Eintritt das Gefühl, als gäbe es hier noch immer die Mauer, die Wirtschaftswachstum und Protz hier von den »armen Brüdern und Schwestern« dort trennte. Bloß schienen diesmal die Seiten verkehrt worden zu sein, denn während der Großhandel im goldenen Westen sich ihr mit praktisch grünem Ölanstrich, Packtheke und emsig wuselnden Mitarbeitern in Kitteln präsentiert hatte, fühlte sie sich nun in einen jener Tempel versetzt, bei denen alles auf Boden, Wände und Lichteffekte reduziert war. Galerien versuchten so einen unverständlichen Pinselstrich aufzuwerten oder Banken eine Versicherungspolice zum Goldkorn in der Wüste. Auch die junge Dame in Shorts, die soeben am Telefon über einen neuen Kinofilm erzählte, sah nicht so aus, als würde sie gleich mit der Sackkarre losschieben, um Waren vom Lager zum Auto zu transportieren.

Nora vermerkte acht Minuten Wartezeit für einen potentiellen Kunden – schließlich war ihr die Unternehmensberatung nicht auf die Nasenspitze geschrieben – als endlich die Kernfrage »Wer schläft mit wem?« bezogen auf ein halbes Dutzend Leinwandstars wenigstens vorläufig abgehandelt war, der Hörer aufgelegt und sie selbst angepeilt wurde.

»Sie wünschen?«

»Den Chef.«

»Nicht da.«

»Vielleicht könnten Sie doch einmal nachsehen.«

»Haben Sie einen Termin?«

»Quasi.« Das war nicht gelogen, denn schließlich hatte Noras Kollege Robert Züblin sich für diese Woche im Namen der Unternehmensberatung Wagner angemeldet.

»Er ist trotzdem nicht da. Mittwochs spielt er mit seinem Internisten Tennis.«

Nora speicherte ab, daß die Angestellte gegenüber Wildfremden ausplauderte, wie ihr Chef sich die Zeit vertrieb. Ein Wunder, daß die Filiale noch nicht Pleite gemacht hatte, wenn das hier immer so lief.

»Gut, dann rufen Sie seinen Vertreter.«

»Wir sind 'n Großhandel, wissen Sie, gleich ist sowieso Feierabend, warum versuchen Sie's nicht im Tennisclub? Ich geb Ihnen die Adresse!«

»Spielt der Vertreter auch Tennis?«

»Weniger, jedenfalls nicht mit Bällchen fangen und so.« Die vollen Lippen vibrierten und erinnerten Nora spontan an die Mundstellung einer Schauspielerin bei der Kernfrage »Wer schläft mit wem?« in einem Film mit dem Titel »Rossini«.

»Dann würde ich gerne schon einmal allein einen Blick in die Bücher werfen.« Nora zeigte auf das Schild, demzufolge der Großhandel erst in einer Stunde und fünfzig Minuten schloß. Wenn sie dem netten Prokuristen in Quickborn Glauben schenkte, wurde es bei dem oft auch später: »Wir nehmen das nicht so genau, geht bei unserer Kundschaft auch gar nicht. Wenn die dringend einen Herd mit Oberhitze-Unterhitze-Grill-Mikrowelle-Automatik und allem Pipapo braucht, dann liefern wir notfalls auch nachts. Service ist bei uns alles, sonst haben wir keine Chance gegen die Großmärkte auf der grünen Wiese.« Anscheinend war diese Botschaft noch nicht bis zu der Leipziger Filiale vorgedrungen.

»Bücher? Wir arbeiten mit Computer.« Pause. »He, kommen Sie etwa vom Finanzamt?«

»Unternehmensberatung Mark Wagner.«

»He, Sie wollen mich wohl verkohlen? Den netten Herrn Züblin erkenne ich im Stockfinstern, mit dem haben Sie so viel Ähnlichkeit wie's Börsenblatt mit der Neuen Revue.«

»Hoffentlich.« Nora zeigte auf das Telefon. »Sie können gerne in Frankfurt rückfragen.«

»Main oder Oder?«

»Frankfurt am Main.«

»Geht nicht, für Ferngespräche muß ich den Chef fragen, und der ist nicht da, weil er ... Was machen Sie denn da?«

»Ich telefoniere.« Nora wußte, sie würde explodieren, wenn sie dieses Geschwätz noch weiter ertragen müßte. Ein paar Sekunden lang reizte sie zwar die Vorstellung, genau das zu tun, ungemein, es könnte herrlich sein, die reinste Wohltat, plotzblitzmäßig befreiend. Weil sie aber von jenem Wesen mit einem für eine Frau viel zu ausgeprägten Hinterkopf, das ihr glich, in letzter Sekunde daran erinnert wurde, daß solche Wohltaten sie nur zu rasch zweihundertvierzigtausend per annum kosten könnten und schon manch eine am Valentinstag dumm aus der Wäsche geschaut hatte, mußte dieser Kompromiß mit dem Telefon herhalten.

Ein kurzer Wortwechsel, dann reichte Nora ihr Handy an die junge Dame weiter: »Sie müssen nur reinsprechen und sonst nichts.«

Es war erstaunlich, welch eine Wirkung die Stimme des Prokuristen Erwin Brüderlin ausübte.

»Ja-nein-'türlich«-Gestammel, dann wurde Nora in ein Büro geführt. Der Teppichboden blieb derselbe wie draußen, ansonsten hätte es sich bei diesem Raum um einen Ableger aus Quickborn handeln können. Der Schreibtisch war wuchtig und keineswegs neu, die Platte bedeckte in der Mitte eine grüne Plastikmatte, vor der eine Schale mit sauber ausgerichteten Stiften stand. Lediglich der überquellende Postkorb paßte nicht ins Bild.

»Herr Brüderlin hat gesagt, ich soll Sie in sein Büro führen. Da ist der Computer.«

»Danke vielmals.« Nora verbiß sich den Zusatz, daß sie das typische Quartett aus Monitor, Rechner, Drucker und Tastatur kaum für eine Kollektion der Haushaltsgeräte gehalten hätte, die irgendwo in dieser Firma verkauft werden mußten. Fragte sich bloß, wo? Bislang hatte sie lediglich hochflorigen Teppichboden, aufwendig gerahmte Kunst an den metallisch schimmernden Wänden und an langen Drahtseilen pendelnde Leuchten zu sehen bekommen. Und natürlich Shorts am Empfang.

Mit Hilfe des Paßwortes, das der Prokurist ihr eben genannt hatte, gelangte Nora problemlos in das eigens auf diese Branche zugeschnittene Programm, und bald schon nahm eine Vielzahl von Artikeln sie gefangen, die ihr bereits aus dem Hauptsitz der Firma Meyerling bekannt waren. Aber während der Abverkauf dort allenfalls saisonal bedingt schwankte – wer kaufte schon im Hochsommer elektrische Schuhwärmer? stagnierten beliebte Winterartikel hier auch im gerade abgelaufenen Monat Januar, der an Eiseskälte nun wahrlich nichts zu wünschen übriggelassen hatte. Was ein Indiz für die schwache Kaufkraft in Leipzig hätte sein können, wenn es da nicht für haargenau dieselben Schuhwärmer-Heizdecken-Infrarotstrahler noch im November, der vergleichsweise mild ausgefallen war, einen bombigen Absatz gegeben hätte. Erst in der dritten Dezemberwoche setzte die Flaute ein, die für den erneuten Ruf nach Unternehmensberatung verantwortlich war.

»Was tun Sie da? Wer sind Sie?« Der Mann war ohne anzuklopfen hereingestürmt.

»Und wer sind Sie?«

»Der Chef. Wenn Sie nicht sofort ...«

»Der Chef der Meyerling KG hat uns engagiert, wenn's recht ist.« Wie sechsundfünfzig sehen Sie eigentlich nicht aus. Schnieke, dachte Nora, einer von der Sorte, die auf ihr Glück bei den Damen pochen. Bei »Damen« mußte sie automatisch an die Quizfrage ihres Kollegen Züblin denken: »Was unterscheidet eine Dame von einer Hure?«

»Ich habe ausdrücklich nach Robert Züblin verlangt.«

Nora überlegte, ob einer, der schon dreimal das Vergnügen mit Robert Züblin gehabt hatte, auch dessen Quizlösung kannte: »Bei 'ner Dame bezahlt der Gatterich den Klunker.« Sie musterte die Hände ihres Gegenübers. Einen Ehering trug er nicht. »Und ich habe den Kollegen Züblin in den wohlverdienten Urlaub geschickt.«

»Sie meinen richtigen Urlaub?«

Nora überlegte, ob der Juniorchef sich um ihren Kollegen sorgte, jedenfalls schwankte seine Stimme bei dem Wort »Urlaub«, gerade so, als wäre dies lediglich eine Umschreibung für etwas anderes, Unangenehmes. Dachte er an Rausschmiß? Hatte er Grund, so zu denken?

»Ich meine richtigen Urlaub. Könnten wir vielleicht jetzt kurz durchsprechen, wie wir weiter vorgehen? Herr Brüderlin hat mich zwar bestens präpariert, trotzdem wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir ein paar Fragen beantworten könnten. Fangen wir mit den Schuhwärmern an!« Sie zeigte auf den Monitor und umriß ihr Problem, das im Grunde seines sein sollte.

»Lächerlich«, sagte er, »gemessen an unserem Sortiment ist es einfach lächerlich, über Schuhwärmer zu reden. Haben Sie überhaupt Branchenkenntnisse?«

»Es geht um die Struktur, dabei ist es relativ gleichgültig, womit Sie handeln. Aber wenn Sie Heizkissen als Beispiel bevorzugen?« Nora klickte eine andere Artikelnummer an.

In der folgenden halben Stunde offerierte sie dem Mann auch noch Eismaschinen und Kühlboxen, die reine Sommerhits waren, jedoch in Leipzig unerklärlicherweise im Juli und August stagnierten, um dann in den September hinein wieder abzufließen. »Normal ist das nicht!«

Hans Meyerling bestand darauf, sich mit »solchen Peanuts« nicht abgeben zu wollen. »Das ist Kramladenmentalität, so können Sie heute nicht mehr kalkulieren, Ihr Kollege Züblin hat das auf Anhieb begriffen. Wir müssen komplett umdenken und einen exklusiven Kundenkreis erschließen, der liquide ist, uns wenig Lagerkapazität kostet und es uns erspart, dem Ladenbesitzer XY für jeden verkauften Schuhwärmer in den Arsch kriechen und obendrein für Beratung-Reklamation-Blödheit herhalten zu müssen. Ich sage nur Design, da verdienen wir an einem Pfefferstreuer mehr als an einer ganzen Palette von Ihren Schuhwärmern.« Die Hand kippte lauter imaginäre Schuhwärmer über die Schulter ins Aus.

»Bloß daß diese alltäglichen Kleinartikel dem Gesamtunternehmen im letzten Jahr einen recht ordentlichen Gewinn gebracht haben.« Nora unterbrach sich kurz, um die entsprechenden Verkaufszahlen auf den Bildschirm zu holen. »Die Gewinnspanne liegt sogar deutlich über derjenigen für Großgeräte und schlägt in der Gesamtkalkulation mit über sechzig Prozent zu Buche, wovon auf diese Filiale allerdings nur achtundzwanzig Prozent entfallen.«

»Wollen Sie den Leipzigern vorschreiben, wieviel Schuhwärmer sie brauchen?«

Nora zuckte die Schultern. »Ich frage mich höchstens, warum ein Leipziger im August kältere Füße zu haben scheint als im Januar.«

»Ich wußte, warum ich keine Frau hier haben wollte. Nina?«

Die Shorts marschierten auf und erhielten die Order, alles dicht zu machen. Rolläden glitten hinab, das dezente Rauschen der Klimaanlage verstummte, die indirekte Deckenbeleuchtung erlosch schlagartig, lediglich das violettfarbene Licht eines Floraspots und der Monitor bewahrten Nora davor, im Dunkeln zu sitzen.

»Danke vielmals.« Sie beendete das Computerprogramm und stand auf. »Bis morgen dann.«

»Sie finden wohl allein hinaus?« rief es hinter einer angelehnten Tür am Ende des Gangs.

»Bemühen Sie sich nicht!« Nora verspürte Hunger, sie hatte praktisch den ganzen Tag über nichts gegessen. Beim Frühstück nicht, weil die Horrornacht ihr den Hals zuschnürte. Im Flugzeug nicht, weil sie da über sonnengelbe Wolkengebirge hopste. Sie trat aus der Mädlerpassage und sah auf ein Restaurant mit Krokussen auf den Tischen. Gelbe Krokusse. Sie trat ein.

***

Auf der Speisekarte wurden »Fettbemmchen« und »Gosehäppchen« angeboten, die Getränkekarte las sich kaum weniger urig. Eine Biersorte nannte sich gar »Gottmannsgrüner«. Nora überlegte, ob sie jedem Risiko aus dem Weg gehen und Leipziger Sülze mit Remoulade und Bratkartoffeln nehmen sollte, das käme ihrem Wunsch nach einem sättigenden, gutbürgerlichen Essen sicher noch am nächsten. Die Krokusse auf den Holztischen hatten sie irregeführt, was ihr schon klargeworden war, als sie die drei Stufen hinabgestiegen und automatisch den Kopf eingezogen hatte, weil der Türrahmen und auch die Decke extrem niedrig waren. Trotzdem hatte sie nicht kehrtgemacht, ebenso wie sie nun beschloß, die Probe aufs Exempel zu machen. Nur, weil schräg gegenüber einer unsichtbare Schuhwärmer hinter Design versteckte, mußten ein paar Gerichte mit fremden Namen noch längst nichts Übles bedeuten. Sie entschied sich für die »Bemmchen« zu »Gose« aus dem sächsischen Dahlen, weil sie sich daran erinnerte, gelesen zu haben, daß schon der junge Goethe »Gose« in sich hineingoß und diese als die Liebeskraft förderndes Labsal pries.

Serviert wurden dann ein ordinäres Griebenschmalzbrot mit Gewürzgurke und ein gelblich-säuerliches Getränk, das ihr alles zusammenzog, was vielleicht auch besser so war, denn schließlich war sie zum Arbeiten hier, und bis zum Valentinstag waren es noch neun Tage und Nächte.

»Ich fand's sehr schön mit dir!« hatte er gesagt. Und sie? Während sie kaute und schluckte und gelegentlich an den Krokussen vor sich in dem Steinkrug zupfte, überlegte sie, was sie darauf geantwortet hatte. Ich auch? Wie banal, es gäbe tausend bessere Antworten, ein paar fielen ihr sogar auf Anhieb ein, bis ihr besserwisserischer Hinterkopf dazwischenfunkte und jene Botschaft »Ich fand's sehr schön mit dir!« zerfledderte.

Was konnte ein auf Horrorkinder-Flippweiber-Turmstöckel spezialisierter Grünschnabel schön daran finden, sich mit einer Frau, die allenfalls ein paar weibliche Chromosomensätze hatte, zu verlustieren?

Das Triumphgefühl, auch so eine herumzubekommen?

Den Kick von Schlips und Kragen?

Die Hoffnung, in Zukunft billiger oder gar gratis gemanagt zu werden?

Für und wider, Nora ließ das Griebenschmalzbrot gegen das nachbestellte »Gosehäppchen«, das sich als sauer eingelegter Camembert entpuppte, antreten, zählte »Ibendibendab-und-du-bist-ab« und nickte beschämt, als sie vom Hinterkopf die Message erreichte, daß es für eine Karrierefrau von Mitte dreißig höchst albern sei, in der Öffentlichkeit mit Kinderabzählreimen ihren Attraktionen als Frau auf die Schliche kommen zu wollen.

Nora orderte umgehend Wein, und als die Kellnerin mit dem sächsischen Akzent gegen elf auf Bezahlung drängte, weil gleich geschlossen würde, standen nicht nur zwei Teller mit Essensresten auf dem Tisch, sondern außerdem fünf leere Bier- und ebenso viele Weingläser. Trotzdem fühlte Nora sich weder potent noch müde, noch sehr wohl. Vielleicht taugte die Mischung nicht.

»Wein auf Bier, das rat ich dir!« dröhnte es in ihrem Schädel, doch das war ausnahmsweise nicht ihr Alter ego, sondern die Stimme ihres Vaters, der beizeiten entdeckt hatte, daß sein Nesthäkchen zwar nicht zu dem filigranen roten Gestühl und dem Rest der Familie paßte, dafür aber als einzige außer ihm »einen Stiefel« vertrug. Die heimlichen Trainingsrunden mit ihrem Vater waren Nora oft genug zugute gekommen, wenn gestandene Männer sich einbildeten, sie unter den Tisch trinken zu können. Es konnte somit nicht der Alkohol sein, der in ihr rebellierte. Hoffentlich wurde ihr nicht übel!

»Hätten Sie wohl noch einen Magenbitter?«

»Allasch!« erwiderte die Bedienung, sah auf ihre Uhr, kniff die Lippen zusammen und machte kehrt.

Nora war sich nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. Ob es sich am Ende um ein Schimpfwort handelte, weil sie der letzte Zecher war? Die Person war spurlos verschwunden. Es war nun fünf vor elf. Nora stellte sich vor, wie Schlag elf die Rechnung auf den Tisch geknallt wurde. In ihr rumorte es immer ärger. Fettbemmchen-Gose-Riesling-sauer, vielleicht half frische Luft? Wut mischte ebenfalls mit, gewöhnlich half in solchen Fällen der Ruf nach dem Geschäftsführer.

»Hallo?« Nora sah sich suchend um und schnipste, als niemand reagierte, zwei Finger gegeneinander. Im Gegensatz zu ihren Schwestern hatte sie schon als Kind die Kunst jener wortlosen Kommunikation beherrscht, die ihre Mutter der »Gosse« zuordnete, jedoch bei Noras Bruder hatte durchgehen lassen. Es hatte Swen zur Weißglut getrieben, wenn Nora lauter pfiff und weiter spuckte als er selbst. Lediglich beim Wettpinkeln waren ihr Grenzen gesetzt.

»Ihr Allasch! Fliegen kann ich noch nicht.«

Nora schlug noch einmal die Getränkekarte auf. »Allasch« war der Name eines Leipziger Kümmellikörs, sie hatte sich umsonst aufgeregt, wenigstens was ihren Status als solo auftretende Frau in einer Kneipe betraf.

Auch als sie eine halbe Stunde später mit Kneipenodeur und Handköfferchen die Halle des Hotels betrat, das unmittelbar neben dem Bahnhof lag und vom roten Läufer bis zu den Palmwedeln zwischen den obligaten Lederfauteuils internationales Flair signalisierte, gab es kein indigniertes Augenbrauenheben und erst recht nicht das Ansinnen, die Rechnung vorab zu begleichen. Der Osten schien den Umgang mit Frauen, die taten, was früher reine Männersache war, leichter zu verkraften.

Es mochte der Gose, dem Wein, dem Allasch oder der Mixtur aller drei Wirkstoffe zu verdanken sein, daß Nora wenig später in ihrem Hotelbett – man hatte ihr ein Doppelzimmer zum Preis eines Einzelzimmers gegeben – fast sofort einschlief. Sie kam nicht einmal mehr dazu, die Frage zu vertiefen, ob der Vormarsch der Frauen in ehemals männlich besetzte Domänen ihnen jemals zugleich die innere Sicherheit bescheren würde, von der Nora annahm, daß sie Männern gratis in die Wiege gelegt wurde.

***

Am Neonschild über der Firma Meyerling hatte sich über Nacht nichts geändert, dafür parkte nun ein Auto vor dem Eingang, von dem sie wußte, daß ihr Bruder damit liebäugelte. Die Lobhudeleien über diesen Boxster aus dem Haus Porsche, der neulich im Schloß Lerbach vorgestellt worden war, hatten sie ebenso genervt wie die technischen Daten, mit denen sie als überzeugte Bahnfahrerin sowieso nichts anfangen konnte. Lediglich Swens Appell an die Brieftasche des Vaters und sein Kummer über die endlos lange Vorbestelliste waren haften geblieben. Und der Preis. Sechsundsiebzigtausendfünfhundert für ein weiteres Spielzeug waren kein Pappenstiel. Hier in Leipzig mußte jemand über gute Connections neben dem Kleingeld verfügen.

»Guten Morgen, Frau Dr. Dorn, der Chef erwartet Sie schon, ich bringe Sie zu ihm, wenn's recht ist.« Das Hochschnellen erinnerte Nora an die eigene Empfangsdame in Frankfurt, heute fehlten auch die Shorts, die Person war wie ausgewechselt. Und der Chef war auch schon da, sieh mal einer an!

»Es ist recht«, erwiderte Nora und war gespannt darauf, was nun folgen würde.

Das Chefzimmer lag am Ende des mit Kunstobjekten gestalteten Ganges und ließ noch weniger als der Eingangsbereich vermuten, daß hier Haushaltsgeräte en gros verkauft wurden. Zwar erinnerte Nora sich, daß der Junior auf Designware setzte, trotzdem hielt sie es für ausgeschlossen, daß die Objekte an den Wänden und auf dem Boden hinter ihrem bizarren Äußeren einen praktischen Kern bargen, der zum Anheizen von Schuhen oder zum Eiswürfelmixen diente. Lediglich das Metallrohr neben einem überdimensionalen Keks aus orangefarbenem Kunststoff mochte tatsächlich einen mehr als nur dekorativen Zweck erfüllen. Nora war sich sicher, daß es aus diesem Rohr nach Kaffee duftete.

»Guten Morgen, guten Morgen!« Zwei Hände umschlangen ihre Rechte. »Gut geschlafen, meine Liebe? Sie müssen mir meine Unhöflichkeit gestern verzeihen, diese Mittwochnachmittage haben es in sich.« Die beiden Hände verweilten kurz leer in der Luft, als Nora die ihre energisch befreite, wiesen aber dann in einer fließenden Bewegung auf das Arrangement in der Sitzecke, die mindestens so groß wie das gesamte Büro des Prokuristen war. »Ich habe uns einen Kaffee und etwas Gebäck richten lassen.«

Abgesehen davon, daß Nora ausgiebig gefrühstückt hatte, widerstrebte es ihr, kostbare Zeit mit diesem Wendehals zu verplempern. Andererseits wußte sie aus langjähriger Erfahrung, daß sie gerade bei solchem Geplänkel oft an Zusatzinformationen kam, die kein Computer ausspucken konnte. Also akzeptierte sie, daß ihr »ein-Schälchen-Heeßer-wie-es-hier-heißt« eingeschenkt und Megaplastikkeks angereicht wurde, der nach Entfernung des ebenfalls als Keks getarnten Deckels den Zugriff auf Plätzchen erlaubte, die unsichtbar blieben, weil die Öffnung zu klein war.

»Vanillekipferl?« fragte Nora und dachte an Pandora, die außer ihren Puppen nichts so sehr liebte wie diese Kipferl. Mit unnachahmlicher Eleganz hangelte sie eins nach dem anderen aus den Cellophantütchen, in denen Sabine Dorn ihr Selbst gebackenes verschenkte.

»Ihr wißt ja gar nicht, wieviel Liebe und Arbeit in jedem einzelnen Plätzchen stecken!« hieß es unweigerlich im Begleittext solcher Gaben, und jedesmal hatte Nora wieder sich selbst vor Augen, wie sie als Kind mit dem ewig bröselnden Teig gekämpft und einmal voller Wut »Ich scheiß drauf!« ausgerufen hatte. Die Hölle war nichts gegen die Empörung ihrer Mutter gewesen, die Schlichtungsversuche des Vaters hatten nur Wasser auf deren Mühle gegeben, es war von der »Gosse« die Rede, in welcher Nora unweigerlich landen würde, und zuletzt sogar von der Abschiebung in ein Internat für höhere Töchter.

»Salzgebäck«, korrigierte Noras Gegenüber nun, »ich habe Sie eher auf etwas Herzhaftes eingeschätzt.«

»Riecht Salzgebäck in der Designvariante nach Vanilleschote?«

»Sehen Sie, Sie sind auch darauf hereingefallen. Riechen Sie mal an dem Deckel!«

Nora schnupperte und hörte zu, wie ihre am Vortag bekundete Vorliebe für praktische Beispiele den jungen Meyerling bewogen habe, ihr einen der von ihm favorisierten Kleinartikel in Aktion vorzuführen: »Ein Top-Design. Dieser synthetische Vanilleduft ist sozusagen das Tüpfelchen auf dem I, natürlich mit Haltbarkeitsgarantie. Bei dieser Ware hat der Kunde auf Anhieb ein Luxusfeeling. De Luxe, das ist der neue Trend, da können Sie Ihre Schuhwärmer glatt vergessen.«

»Kostenpunkt?«

»Um die hundert Mark, natürlich gibt es auch andere Farben, das Rosa riecht nach Himbeeren und das Gelb nach Zitronen, die Idee ist exklusiv, der Rohstoff kostet nur Pfennigbeträge, daran verdienen wir locker ...«

»Ich weiß«, unterbrach Nora, »mehr als an einer ganzen Palette voller Schuhwärmer. Allerdings glaube ich nicht, daß die Leute hier, die einen Kühlschrank auf Raten abstottern, mal eben einen Blauen lockermachen, um sich ihre Lebkuchen oder Paprikachips durch Vanillegeruch verderben zu lassen. Ich tät's nicht, obwohl ich's mir leisten könnte.«

Darauf erhielt sie keine Antwort, sondern erntete lediglich einen Blick, der sie zugleich als Konsumentin primitiver Snacks wie auch als »typisch Frau« diffamierte.

Sie kannte diese stumme Klage, welche die Frage beinhaltete, warum eine Unternehmensberatung bei solchen Tagessätzen ausgerechnet eine so pingelige Frau losschicken mußte. Aber es war einfach nicht zu leugnen, daß gerade die von ihr so beharrlich verfolgten »Peanuts« sich häufig zu Summen addierten, die einer Firma den Hals brechen konnten. Ebenso wie mancher grandiose Plan wie eine Seifenblase zerplatzte, wenn Nora vor Ort bewies, daß der »Hit« zwar ein solcher sein mochte, leider aber die passende Kundschaft dafür fehlte.

»Danke jedenfalls für den Kaffee«, Nora stand auf, »ich werde dann mal wieder Ihren Schuhwärmerverlusten nachspüren. Wie sieht es eigentlich mit Barverkäufen an Privatleute aus?«

»Wir verkaufen an den Facheinzelhandel.«

»Und wozu führen Sie dann ein Kassenbuch?« Die Frage war ein Versuchsballon, aber sie schien ins Schwarze zu treffen. Hans Meyerling druckste auf eine Weise herum, die Nora signalisierte, daß die Barkasse, die angeblich nur für nicht kreditwürdige Händler galt, ein wunder Punkt war. Die Sache wurde geradezu grotesk, als ihr Gegenüber auch noch vorgab, ihre eigene »wertvolle Zeit« nicht vergeuden zu wollen.

Nora blieb hartnäckig und siegte, jedenfalls was die Aushändigung dieses Kassenbuchs betraf. Der Inhalt war jedoch mehr als enttäuschend, denn selbst mehrmaliges Durchblättern ergab nichts weiter als die korrekte Eintragung von Haushaltsgeräten, die cash an solche Kunden verkauft worden waren, die infolge schlechter Zahlungsmoral nicht gegen Rechnung beliefert werden durften. Alle Bareinnahmen waren darüber hinaus ordnungsgemäß abgezeichnet. Die korrekten Initialen des Prokuristen wechselten mit einem zackigen Kürzel ab, das für alles mögliche stehen mochte und sich offenbar besser mit Großgeräten als mit Schuhwärmern & Konsorten vertrug.

Nora stockte, blätterte erneut und begann sich zu fragen, warum alles, was kleiner als ein ausgewachsener Elektroherd war, unter der Schirmherrschaft des wilden Kringels stagnierte. Das Lager mußte mittlerweile überquellen. Etwas riet ihr, mit der Inspektion desselben bis zur Mittagspause zu warten. Kurz vor zwölf signalisierten sich öffnende Türen und Wortfetzen, die um »Entenbraten mit Rotkraut und Kleeßen« kreisten, daß ihre Rechnung aufging. Anscheinend begab sich die – zumindest auf dem Papier – achtköpfige Belegschaft soeben geschlossen in den Ratskeller, um sich dort zu stärken. Für den Ansturm am Nachmittag?

Obwohl das Büro des Prokuristen unmittelbar hinter dem Eingangsbereich lag, hatte Nora bislang nichts gehört, was auf reges Kommen und Gehen hindeutete. Noch viel weniger hatte sie bemerkt, daß Ware zum Ausliefern in den Transporter mit der Aufschrift »Meyerling KG« geladen worden wäre. Statt dessen war ein silbriges Cabrio vorgefahren, dessen Fahrer aber kaum so aussah, als würde er mit Kühlschränken dealen. Nur einmal hatte Nora einen Kunden eintreten sehen, der zu dem Warenlager auf dem Computer paßte. Auch die Frage nach dem Staubsauger paßte. Dann jedoch war sie Zeugin geworden, wie der Mann wieder weggeschickt worden war.

»Nein, wir verkaufen nicht an Privatkunden«, hatte die auf klassischen Kostümlook umgestiegene Trägerin von Shorts lautstark erklärt und mit einem Blick auf die angelehnte Tür zum Büro des Prokuristen hinzugefügt: »Nie.«

Der enttäuschte Kunde schien anderer Meinung gewesen zu sein, denn er hatte lautstark protestiert: »Und was ist mit dem Dutzend Weihnachtsketten und vier Mikrowellen und meiner Provision?« Leider war an dieser Stelle die Tür vor Noras Nase energisch zugezogen worden. Alles weitere war unverständlich geblieben, bis gerade eben der Disput um den Mittagstisch den Stimmpegel wieder gehoben hatte, und Hans Meyerling ihr nach einem Proforma-Klopfen mitteilte, daß die Firma mittags von zwölf bis eins schlösse.

»Guten Appetit!«

»Sie wollen doch nicht etwa hierbleiben?«

»Ich will und ich werde.« Nora nickte. »Schließlich hat die Firma für ihr gutes Geld Anspruch auf gute Arbeit.«

Auch das schien dem Junior nicht zu gefallen. Im Hinausgehen teilte er ihr mit, daß selbstredend der Empfang besetzt bliebe, was sich glatt so anhörte, als ob er um seinen Warenbestand fürchtete. Natürlich wäre es schwierig für ihn, sie auf Anhieb des Diebstahls zu überführen, wenn sie etwa bei den Weihnachtsketten zugriffe, von denen sich dreihundertachtundsechzig Stück im Keller befinden mußten.

Als Nora zehn Minuten später – so lange hatte sie vorsichtshalber gewartet – den Eingangsbereich passierte, war dort alles verwaist. Wer auch immer das Telefon und sie beaufsichtigen sollte, mußte den »Kleeßen« oder anderen Köstlichkeiten erlegen sein. Niemand hinderte sie daran, die Treppe anzusteuern, die wie erwartet in den Keller führte. Das Untergeschoß unterschied sich von dem in Quickborn höchstens durch weitestgehend leere Metallregale, an denen lediglich die Beschriftung verriet, daß hier Schuhwärmer, Weihnachtsketten und andere Kleinartikel gelagert worden waren.

Nora fand noch genau drei Weihnachtsbeleuchtungen, die im Einkauf dreiundvierzig Mark und sechsundvierzig Pfennige das Stück kosteten, und im Schnitt für das Doppelte abgegeben wurden. Eine Einnahme von rund dreißigtausend Mark für die fehlenden Exemplare war jedoch nirgends verbucht, wie Nora sehr wohl wußte. Die einen Tag vor Heiligabend nachgelieferten und angeblich unverkäuflichen Schuhwärmer waren ebenfalls unauffindbar. In der Addition mit dem Baumschmuck hätte der Erlös gut und gerne ausgereicht, um einen nagelneuen Boxster aus dem Haus Porsche zu finanzieren. Weil sie sich nicht sicher war, wie dynamisch das Team der Meyerling KG beim Verzehr von »Kleeßen« war, begnügte sie sich damit, rasch die schmalen Gänge abzugehen und überall dort, wo winterliche Kleinartikel ausgeschildert waren, den Bestand zu überschlagen und zu notieren. Dann kehrte sie in das Büro des Prokuristen zurück.

Als wenig später lautes Lärmen die Rückkehr der Belegschaft ankündigte, huschte auch der mit Noras Beaufsichtigung beauftragte Auszubildende blitzschnell an seinen Platz am Empfang zurück, wo er ebenso geschäftig wie sinnlos mehrere Tasten der Telefonanlage gleichzeitig betätigte und es geschäftig summen und blinken ließ.

»Sie haben etwas verpaßt«, rief Meyerling junior ihr im Vorbeigehen zu, »hier werden Sie wenigstens noch satt für ihr Geld.«

Nora verzichtete auf eine Antwort. Das Jagdfieber hatte sie gepackt, die Indizien häuften sich, da kam weitaus mehr als ein Boxster zusammen, soviel stand fest. War es möglich, daß ihr Kollege bei drei Einsätzen übersehen hatte, was hier lief? Er mochte bequem sein, aber dumm war er nicht.

»Wir schließen jetzt, soll ich vom Chef sagen.« Das klassische Kostüm war einem Tüllröckchen zu Samtmieder und Goldkrönchen gewichen. »Wegen Weiberfastnacht.«

»Sieht eher nach Grimms Märchenstunde aus«, entgegnete Nora.

»Ich bin Prinzessin. Wenn Sie jetzt bitte voran machen.«

Nora horchte auf den kernigen Sound des Motors, der vor dem Haus angelassen wurde. Das war ein Porsche, damit kannte sie sich aus, ihr Chef gehörte zu demselben Fanclub. »Prescht sonst Ihr Prinz mit zweihundert Sachen davon?«

»Zweihundertvier PS, sagt der Chef, 'ne ganz neue Serie, er hat den ersten in ganz Leipzig bekommen.«

Es hupte. Gleichzeitig glitten wie am Tag zuvor die Rolläden nach unten. Die Deckenbeleuchtung erlosch. Nora stand auf, sammelte ihr Arbeitsmaterial ein und nickte: »Hier bin ich fertig.«

»Sie ist fertig, sagt sie!« Die Kostümierte trat als erste auf die Straße und verschwand mit dem Oberkörper in dem Fensterausschnitt des Boxster, der halbschräg auf dem Bürgersteig parkte. Nora sah auf das in die Luft stippende Hinterteil der Frau, die durch ihr Bücken ihre pinkfarbenen Netzstrümpfe mit Naht und darüber ein gleichfarbiges Spitzenhöschen zeigte und zu glauben schien, mit ihren Worten alle Probleme aus der Welt zu schaffen.

»Gut«, Hans Meyerling schob seine Angestellte beiseite und sah an dem wogenden Samtmieder vorbei Nora an, »dann können wir ja jetzt in Ruhe Karneval feiern. Grüßen Sie mir den Herrn Züblin schön.«

»Gern.« Nora stützte sich auf die warme Metallhaube, unter der es brummte.

»War noch etwas?«

»Es geht um meinen Abschlußbericht, ich habe da ein Problem ...«

»Ich schlage vor, Sie sparen sich die Arbeit und warten ab, bis der Züblin aus seinem Urlaub zurück ist, der Mann kennt sich aus.«

»In Ihrem Lager gibt es erhebliche Fehlbestände, wußten Sie das?«

»Geklaut wird überall, und solange keiner uns huckepack die Kühlschränke rausträgt, kalkuliere ich das in den Preis ein und basta. Helau und Alaaf!«

Nora löste ihre Hand und trat zurück. Dieser Mann war verflixt schnell mit seinen Erklärungen. Der Wagen startete, zwei weitere folgten mit ebenfalls kostümierten Gestalten, offensichtlich machte die fünfte Jahreszeit auch nicht vor den Brüdern und Schwestern im Osten halt. Nora überlegte gerade, daß sie heute wohl besser im Hotel äße und ansonsten auf ihrem Zimmer bliebe, als ein Mann auf der anderen Straßenseite ihre Aufmerksamkeit erregte. Heftig gestikulierend redete er auf eine Frau ein, die nun ebenfalls zu dem Neonschild »Meyerling KG« hinübersah und empört den Kopf schüttelte.

»Moment bitte!« Nora hastete auf die beiden zu. »Haben wir uns nicht eben da drin gesehen?«

»Gehören Sie etwa auch zu dem Club, der plötzlich nicht mehr weiß, daß ich Stammkunde bin und Prozente kriege?«

»Bestimmt nicht, ich bin nur auf der Durchreise.«

»Leidensgenossin, wie? Ich sag Ihnen, die Brüder haben 'ne Menge an mir verdient, und jetzt will mich keiner mehr kennen, das iss'n Ding.«

»Das ist ein Ding«, bestätigte Nora. Dann ging sie weiter Richtung Hotel, wo sie ihr Laptop öffnete und begann, einen Bericht zu schreiben, der es in sich hatte. Mark Wagner würde staunen, die Fakten sprachen für sich, und er gehörte mit Blindheit geschlagen, wenn er nicht das Komplott zwischen Meyerling junior und seinem eigenen Mitarbeiter witterte.

Kapitel 4
Großdeutsche Hitparade

Es war etwas anderes, auf Weiberfastnacht durch Köln zu streifen und darauf gefaßt zu sein, aus jeder Kneipe »jecke Tön« dröhnen zu hören, oder in Leipzig aus dem Aufzug in die Halle eines internationalen Hotels zu treten und mit »Meer sin kölsche Mädcher« begrüßt zu werden. Die Grölstimmen verfehlten zwar den rheinischen Dialekt und mischten sächsische Töne dazwischen, aber der allgemeinen Heiterkeit von bestimmt vier Dutzend Narren tat das keinen Abbruch. Soeben öffnete der Portier die schwere Glastür, um den nächsten Schwung Pappnasen und Hütchenträger hereinzulassen. Nora sah nun direkt auf den Bus, aus dem ein Radio den instrumentalen Hintergrund zu dem Lied beisteuerte:

Meer sin kölsche Mädcher,
han Spitzebötzcher an.
Meer looße uns nit dran fummele,
meer looße keener dran.

Zwei Männer mit Narrenkappen auf den kahlen Köpfen winkten ihr zu, aber Nora wollte weder mit Luftschlangen noch mit Konfetti in den Tumult dort einbezogen werden. Ihre Nase war auch ohne Pappaufsatz riesig genug, und für Spitzenhöschen kamen allenfalls Hinterteile wie die ihrer puppenhaften Schwestern in Frage. Nora hatte sich, wenn überhaupt, stets bis zur Unkenntlichkeit maskiert. Als Clown oder Zauberer war man vor unerbetenen Körperkontakten einigermaßen sicher. An diesen verrückten Tagen war nichts, was weibliche Formen ahnen ließ, davor sicher, befummelt und »gebützt« zu werden.

»He, du!« Die eine Narrenkappe scherte aus, verstellte ihr den Weg, etwas Sabbelig-Feuchtes streifte ihr Gesicht.

»Pfui Teufel!« Nora wischte sich voller Abscheu über den Mund und steuerte den Ausgang an, drängte sich durch das Gewühl auf dem Bürgersteig und schlug eine Richtung ein, die ihr stiller und halbwegs normal zu sein schien. Irgendwo mußte es doch ein Lokal geben, in dem sie in Ruhe etwas essen und trinken konnte, bevor sie in ihr Hotel zurückkehrte, hoffentlich traumlos schlief und am nächsten Morgen zurück nach Köln zu Pandora flog.

Sie würde einfach so tun, als ob es diesen Karneval nicht gäbe. Während Nora das Hochhaus der Universität, das Gewandhaus und den Konzertsaal passierte und in eine Straße abbog, die sie nicht kannte, malte sie sich aus, wie sie morgen gegen Mittag am Flughafen Köln-Bonn landen, in ein Taxi steigen, den Fahrer auf Schleichwegen an Schunkeln-Erbsensuppe-Kölle-Alaaf in der Altstadt vorbeilotsen und schließlich ihre Katze in den Arm schließen und ihr erklären würde, daß am Aschermittwoch alles vorbei sei.

So lange mußte Nora sich ohnehin gedulden, denn ihr Chef gehörte ebenfalls zu den »Jecken«, wenn auch in den höheren Rängen von Festkomitee und Elferrat. Eine letzte Chance für moderne Männer, mit dem Säbel zu rasseln, sich hoch zu Roß oder bequemer auf dem Prunkwagen durch jubelnde Menschenmengen zu bewegen und alte Burschenherrlichkeit aufleben zu lassen, zu der sich im normalen Alltag allenfalls noch ein paar Sonderlinge offen bekannten.

Fast wäre Nora gegen die Tafel gerempelt, die schräg in den nicht sonderlich breiten Bürgersteig ragte. »Hausgebeizter Schinken« kostete hier neun Mark sechzig, die gegrillte Schweinshaxe war noch billiger. Rinderfilet wurde mit dem Zusatz »für sie« als Hundertachtzig-Gramm-Portion angeboten, »für ihn« waren siebzig Gramm mehr vorgesehen. Das Herkunftsland Argentinien war dick unterstrichen.

Nora glaubte Fett zischen und einen dicken Brocken schieres Fleisch genau jene Konsistenz annehmen zu sehen, die unter dem Druck des Pfannenwenders weich federte und hinter der krossen Kruste tiefrot blieb.

Kurzentschlossen zog sie die Tür auf und trat in einen Speisesaal, der mit den mehrarmigen Messingleuchtern an der Decke und den uniformen Tischreihen darunter sehr groß und fast kahl wirkte. Was auch daran liegen mochte, daß nur ein einziger Gast bei ihrem Eintritt aufsah und dann weiterkaute, während er in einer Stockzeitung blätterte.

»Guten Abend!« sagte Nora in die Stille und überlegte, während sie vergeblich auf eine Antwort wartete, ob sie kehrtmachen sollte. Das Fleisch mit dem purpurnen Kern auf dem Teller des fremden Gastes und die mit kaum weniger geröteten Wangen hinter einer Schiebetür auftauchende Kellnerin bewogen sie jedoch zu bleiben. Immerhin hatte sie hier kein närrisches Treiben zu befürchten. Sie entschied sich für einen Tisch unmittelbar neben der Falttür, deren dunkle Holzpaneele die Leere und das grelle Licht milderten, und bestellte ein großes Steak. Die Kellnerin, die bis jetzt eher an dem dumpfen Möbelrücken nebenan interessiert gewesen zu sein schien, sah Nora nun direkt an, nickte und fügte »Englisch« hinzu. Sehr bestimmt und so als ob bei diesem Gast gar nichts anderes in Frage käme.

»Medium«, widersprach Nora. Es gefiel ihr nicht, auf diese Weise bevormundet zu werden, zumal die Gier auf scharf angebratenes und innen blutiges Fleisch sie höchst selten und eigentlich nur überkam, wenn jemand sie herausforderte. »Und ein Pils«, fügte sie laut hinzu.

Die Frau mit der sauber gestärkten weißen Schürze vor dem schwarzen Kleid nickte erneut und kehrte wenig später mit Besteck und einem großen Pils zurück.

Am liebsten hätte Nora den halben Liter zurückgeschickt. Sie war doch kein Kerl, der wie ein Stier säuft, sein Steak halbroh ißt und im Job über Leichen geht. Am schlimmsten war, daß niemand begreifen wollte, daß weder ihr scharfer Verstand noch ihre Trinkfestigkeit noch ihr Aussehen etwas daran änderten, daß sie eine Frau war. Keine »Schlanklori«, aber eben auch keine »Beißerin«, einfach nur sie selbst.

Sie haßte Betrug, und Hans Meyerling war ein Betrüger, der seinen Vater über den Tisch zog, kaum machte den sein Hüftleiden wehrlos. Ihr Kollege Züblin mußte ebenfalls seine Finger im Spiel haben, und dessen Kumpel Lothar Becker war der Obergauner schlechthin. Er betrog Frauen um ihre Selbstachtung und hatte versucht, seine Familie um den Unterhalt zu prellen, obendrein beschiß er die Unternehmensberatung nach Strich und Faden, egal wie oft Nora ihm seine Gaunerstücke schwarz auf weiß belegt hatte. »Kleiner Irrtum vom Dienst!« Damit war die Sache für ihn vom Tisch, und für den Fall, daß sie doch Ernst machte und den Chef informierte, hängte er ihr vorsorglich den Ruf einer »Beißerin« an. Wer glaubte schon einer Frau, die als Mittdreißigerin noch keinen Mann und trotz Schlips & Kragen nicht einmal eine Lesbe abbekommen hatte und nun aus lauter Frust Kollegen anschwärzte, denen das Glück und die Liebe hold waren?

Es hatte wider besseres Wissen wehgetan. Die Botschaft war im Büro nur zu willig aufgenommen worden, hatte ihre Autorität untergraben und Blüten getrieben, das letzte Meeting war der beste Beweis. Die Vorstellung, ihre beiden ärgsten Widersacher im Büro könnten die Köpfe zusammenstecken und auf ihre Kosten den nächsten Deal gemeinsam aushecken, putschte Nora auf.

Diesmal waren sie dran, der Gang zum Chef war das mindeste, eine Rasierklinge wäre besser. Ratsch! Ein kühner Schnitt, nicht zu rasch, damit sie etwas davon hätten und zusehen könnten, wie ihr »staatser Kerl« sich verabschiedete.

»Wie appetitlich!« Die Worte kamen stumm, voll Häme und aus ihr selbst. Per Selbstauslöser folgten Schnappschüsse, die sie als Monster zeigten. So ist keine Frau!

Aber vielleicht eine, die von »echten Kerlen« zu oft reingelegt worden war.

Fredder hatte auch dazugehört. Die Spötterin in Noras Innerem schubste ihn vor und malte ihr genüßlich aus, wie er drei Jahre lang auf dem Umweg über ihre »Mäuschen« von ihrem klugen Kopf profitiert und hinter ihrem Rücken an etwas Besserem gebastelt hatte. Als er durchs Examen rasselte und sie stellvertretend für ihn in Tränen ausbrach – schließlich hatte sie bereits für sie beide die Anstellung an der Uni so gut wie in der Tasche – zückte er seinen Vertrag über die Verwendung eines Kunststoffs, den man Kirchturmspitzen und Denkmälern wie ein Kondom überstülpte und sie damit gegen den Zahn der Zeit und Taubenkacke versiegelte. Von wegen! Das Zeug war porös geworden. Doch leider hatte sich Nora nicht mehr an ihrem Triumph über Fredders Dummheit weiden können, alldieweil er ihr gleichzeitig mit seinem Vertrag mit dem Vater dieser Veronika Schaller die private Kündigung hatte zukommen lassen: »Dieses akademische Blabla ist sowieso nicht meine Kragenweite! Laß uns einfach gute Freunde bleiben!«

Das hatte sie also von all ihrer Rücksichtnahme. Monatelang hatte sie zu den Freiheiten geschwiegen, die Fredder sich herausnahm, sogar ihre Dissertation hatte sie heimlich verfaßt, damit der Druck für ihn nicht zu groß würde. Sie war schon promoviert, als sie aus Sympathie mit einem, der dann trotzdem durchfiel, noch mal schnell eben die Klausur für den Magister mitschrieb, den sie so nötig brauchte wie ein Formel-eins-Fahrer die Zulassung zum Nürburgring. Jedenfalls hatte Fredder das so gesehen, der leider nun mal keine Frauen mochte, die ihm eine Nasenlänge voraus waren. Eine Busenlänge schon. Die Person mit den Mordstitten hatte er sogar geheiratet.

Nie mehr würde sie auf schöne Worte hereinfallen!

Nie mehr würde sie sich zur Steigbügelhalterin eines Kerls machen!

Nie mehr Bauchfell zeigen!

Nora griff nach ihrem Besteck und schnitt in das Steak »für ihn«, das weich nachfederte, saftete und den Tellerboden mit leuchtendem Rot überzog. Kannibalenrot. Die Kellnerin hatte ihr nicht abgenommen, daß sie ihr Fleisch »medium« aß. Oder die Botschaft ihres blutrünstigen Körpers war über unsichtbare Kanäle auf den Küchenchef übergesprungen. Sollte sie zwei Unschuldige für ihr Naturell verantwortlich machen?

Noch während sie kaute und schluckte, spürte sie den Gegendruck aus ihren Eingeweiden. Sie hob die Hand. »Haben Sie Allasch?

Noras Frage nach dem Leipziger Kümmellikör schien der Bedienung zu gefallen. »Das ist der beste«, sagte sie, »ich trinke selbst keinen anderen.«

»Dann trinken Sie einen mit mir«, schlug Nora vor und sah zu, wie die Frau bereitwillig ein zweites Glas holte, sich einschenkte und zum Dank erklärte, warum es heute so leer war: »Sonst gehen jeden Abend mindestens zweihundert Essen raus, heute wird's wegen Weiberfastnacht wohl nur ein Viertel davon, aber mir soll's recht sein.« Sie zeigte auf ihr orthopädisches Schuhwerk. »Der Beruf macht mir die Füße kaputt, früher war ich eine gute Tänzerin, da hätte es mich an solch einem Tag nicht gehalten.« Sie sah Nora beifallheischend an.

Nora überlegte gerade, wo die achtundvierzig Esser heute abend noch herkommen sollten. Der Blick der Frau irritierte sie. Sollte sie der Mittrinkerin im Gegenzug für deren Geschwätzigkeit etwa erklären, warum sie selbst es haßte zu tanzen?

Das hatte bei den Schuhen in Größe einundvierzig angefangen, die sich neben den zierlichen Modellen ihrer Schwestern und der Mutter wie Kähne ausnahmen, was gepaart mit den Blicken der Tanzstundenjünglinge, die bei jeder Damenwahl rasch die Augen abwendeten, um dem Zugriff der »langen Latte« zu entgehen, der blanke Horror war.

»Eins-zwei-drei«, das Schnapsglas klopfte den Walzertakt auf den Tisch, »jetzt geht es los.«

Nora sah auf das weiße Tischtuch und das Glas, das allenfalls ein rhythmisches Pochen erzeugte und nie im Leben für die Walzermelodie zuständig war, die sie hörte. Eins-zwei-drei, und dazu die Stimme einer Sängerin mit eindeutig rheinischem Zungenschlag. Es mußte sich um ein Karnevalslied handeln.

»Ist nebenan etwa ein Tanzschuppen?« fragte sie und versuchte, sich auf die schmale Gasse und das Nachbarhaus zu besinnen.

»Das ist Tradition«, erklärte die andere stolz, »früher hieß es natürlich nicht Karneval, aber getanzt wurde bei uns immer gern, jetzt haben wir sogar jeden Samstag ein Tanzvergnügen.« Die Hand pochte gegen die Holzlamellen und machte unmißverständlich klar, wo getanzt wurde.

Zum Glück war heute nicht Samstag, dachte Nora und zuckte zusammen, weil sich nun das Geräusch aufklatschender Sohlen, stöckelnder Damenabsätze und einander überlappender Sprechstimmen in die Musik mischte und gleichzeitig die Kellnerin an dem Metallgriff der Schiebetür zog und den Lärm aus dem hinteren Saal direkt hereinschwappen ließ. Helligkeit hier, bunt flirrendes Diskolicht dort, Nora kniff die Augen zu.

»Ich möchte dann zahlen«, sagte sie. Sie mußte ihre Bitte noch mehrmals wiederholen, weil der nächste Karnevalstitel sie übertönte.

»Müssen Sie nicht, gönnen Sie sich ruhig noch ein bißchen Spaß.« Der Blick der Bedienung blieb auf die Bühne nebenan gerichtet, der orthopädische Schuh wippte mit, für die Frau schien festzustehen, daß keiner so dumm war, die Einladung zum eintrittsfreien Tanzvergnügen auszuschlagen: »Die Kasse ist nämlich auf der anderen Seite am Nebeneingang, zwanzig Mark inklusive Verzehrbon, aber Sie hatten ja schon Ihr Steak.«

»Sehr nett«, setzte Nora an, »aber ich ...« Sie verstummte, die Stimme, die sie nun hörte, kannte sie nur zu gut, und den Mann, der soeben antwortete, kannte sie ebenfalls. Sie reckte sich von ihrem Sitz hoch.

»Junge, ich sage dir, bei der fallen 'nem Mann die Nüsse ganz von allein ab.«

»Liebchen, guck mal nach, ob sie bei mir noch dran sind!«

Nora hörte eine Frau kichern und protestieren, der genaue Wortlaut ging in der Ansage des DJ unter, trotzdem war eindeutig, daß es sich um die »Prinzessin« aus der Meyerling KG handelte, die es ablehnte, die Hoden ihres Chefs zu inspizieren. Sein Kumpel war eindeutig der beliebte Unternehmensberater, den sie, Nora, nett grüßen sollte.

Die Person, bei deren bloßem Anblick einem Mann sein Geläut abfiel, war wohl sie selbst.

»Soll ich mal gucken, ob ich Ihnen noch ein Plätzchen da vorn besorgen kann?«

»Wie?« Nora sah den schwarzen Ärmel aus glanzlosem Tuch an sich vorbeigleiten und eine Hand mit bräunlichen Flecken von der Art, die Sabine Dorn vergeblich mit Cremes und Laserstrahl bekämpfte, auf den großen Tisch unmittelbar vor der Bühne zeigen, wo drei Männer und drei Frauen saßen und noch zwei Stühle frei waren.

Den dritten Mann kannte Nora ebenfalls, daran änderte auch die schräg aufgesetzte Narrenkappe nichts. Korrekt hießen diese Dinger Schiffchen, und das Gesicht darunter gehörte korrekt in den Osten Münchens, wo noch bis zum Ende der Woche Facharbeiter zu schulen waren, deren Meister am letzten Sonntag vergeblich darauf gewartet hatten, in einer auf modernste Traktorentechnologie abgestimmten Menschenführung unterwiesen zu werden.

»Zwei davon sind sogar echte Rheinländer, genau wie Sie, dafür habe ich ein Ohr«, brabbelte es aus dem schwarzen Kleid. »Und den mit der Augenklappe kenne ich gut, ein Stammgast, der lebt hier wie die Made im Speck, die Prinzessin ist seine Tippse, und die Schwarze mit den echten Klunkern ist die Frau von einem bekannten Internisten und seine ›Na-Sie-wissen-schon. So ist das nämlich.«

»So ist das«, wiederholte Nora und ließ sich zurück auf ihren Stuhl sinken. »Ich glaube, ich nehme lieber noch einen Allasch. Zwei Allaschs, einen für Sie mit.«

»Recht haben Sie.« Die Bedienung verschwand kurz und kehrte mit der Flasche und zwei frischen Gläsern zurück. Ihr »Prost!« ging in dem nächsten Titel unter:

Meer sin kölsche Mädcher,
han Spitzebötzcher an ...

Der Refrain wurde aufgegriffen, die Stimmung war grandios, am lautesten verkündeten die Männerstimmen, daß sie kölsche Mädchen in Spitzenhöschen seien und niemanden daran oder darunter ließen:

meer looße uns nit dran fummele,
meer looße keener dran.

Wie auch? dachte Nora. Täter! Lügner! Erzgauner! Kerle! Sie sollte glücklich sein, alle drei auf einen Schlag ertappt zu haben, quasi in flagranti, notfalls diente die Kellnerin ihr als Zeugin. Später würde sie sehr glücklich sein und ihren Triumph voll auskosten. Spätestens am Aschermittwoch, wenn alles vorbei wäre und sie wieder normal mit ihrem Chef reden könnte. Der auch ein Mann war und sich auch für Spaßautos und Spaßfrauen und Säbelrasseln begeisterte. Zum Glück war er kein Gauner und wußte sein »bestes Pferd im Stall« zu schätzen.

Auf dem Weg zurück in ihr Hotel dachte Nora darüber nach, daß es ihr lieber wäre, wenn Mark Wagner sie nicht immer so nennen würde. Manchmal nannte er sie auch »Mädel», das war, wenn er zwischen ihr und den Kollegen zu vermitteln trachtete. Sie wollte bloß eine Frau sein. Eine, bei deren Anblick keinem echten Mann die »Nüsse« abfielen.

***

Der Raum wirkte dramatisch, was aber lediglich an dem schwarzblauen Anstrich von Wänden und Decke lag, der nahtlos in den Teppichboden überzugehen schien. Mobiliar gab es kaum, lediglich ein paar lose übereinander getürmte Polster und eine Stehlampe aus den fünfziger Jahren, die durch einen gelben und einen orangefarbenen Stoffschirm die beiden Menschen am Boden anleuchtete. Draußen dämmerte es schon, und nur wer Bescheid wußte, erkannte die Davidwache auf der anderen Seite des Platzes.

»Bißchen duster, wie?« Daniel Reiter sah sich um. »Vielleicht hättest du mal vorher fragen sollen, ob ich mit deiner Umpinselaktion einverstanden bin.«

»Weil du 'n Kerl bist?« Die Frau massierte sich das Kreuz.

»Weil ich zufällig auch hier wohne.«

»Jenny hat auch keiner gefragt, ob sie's dunkel mag.«

»Jenny? Wo ist eigentlich das Sofa abgeblieben?«

»Ich rede von Jennifer Anna Maria da drin.« Diesmal rieb die Frau sich die Bauchkugel. »Dein Scheißsofa konnte ich nicht mehr sehen, ich hab's den Emonsbrüdern geschenkt. Ich glaub, ich platze.«

»Bei Gulliver bist du auch nicht geplatzt, bald hast du's ja überstanden.« Daniel zeigte auf das Fenster. »Hör mal, das müssen die Jungs vom Tanzforum sein. Samba open-air, stand sogar schon was drüber in der Zeitung.«

»Samba bei zwei Grad über Null in der freien Hansestadt Hamburg, auf so was können auch nur Kerle kommen.«

»In neun Tagen ist Valentinstag, bis dahin müssen sie fit sein.« Daniel federte aus der Hocke hoch und trat ans Fenster. »Komischer Platz zum Üben, dein Salvatore ist übrigens auch dabei, vielleicht trommelt er ja nur zu deinen Ehren vor unserem Fenster.«

»Dein Trommelfeuer in meinem Bauch reicht mir.« Paola stützte beide Hände auf den Boden, kam langsam hoch, das Hinterteil zuerst, und trat neben Daniel. »Ich will wieder tanzen und arbeiten und zwanzig Kilo weniger wiegen, mindestens.«

»Hm!« Daniel klopfte den Takt mit, sein Turnschuh erzeugte nur ein schwaches Echo auf dem Boden, der Widerhall in seinem Inneren war sehr viel lauter. In neun Tagen war Valentinstag, heute war Weiberfastnacht, für ihn und diese Stadt kein Thema, für eine Nora Dorn vielleicht schon. Sie kam aus Köln, heute früh hatten sie im Radio solch ein Lied über Kölnerinnen gespielt. Seine Fußspitze wechselte den Rhythmus, sogar der Refrain fiel ihm wieder ein:

Meer sin kölsche Mädcher,
han Spitzebötzcher an ...

»Hat dir einer ins Hirn geschissen? 'ne Schunkelmelodie zu 'ner fetzigen Samba, ich raff's nicht.«

»Und was sagst du zu 'nem Italiener, der auf ›Olé!‹ macht?« Daniel zeigte nach draußen. Schließlich war er nicht blöd, dieser Salvatore war für Paola längst mehr als einer, mit dem sie bloß ihren Filmjob und die Bauchtanzgruppe teilte. Einem gebürtigen Neapolitaner, der in Pluderhosen den Hüftspeck kreisen ließ und im Rüschenhemd Samba tanzte, war alles zuzutrauen. Nicht einmal die national bedingte Kinderliebe nahm er dem Typ mehr ab, der war schlicht scharf auf die Mutter von zwei kleinen Kindern, bald waren es ja zwei, und sie markierte weiter die wilde Hummel. Okay, er hatte keine Spießerin gewollt, aber irgendwo gab's eine Grenze. Für alles weitere war sie verantwortlich. In neun Tagen war Valentinstag, die kölschen Mädchen in diesem Song trugen Spitzenhöschen, Nora Dorn wohl kaum. Am Valentinstag würde er klarer sehen, hoffentlich. Sie war eine ausgewachsene Frau und anders als alle, die er kannte. Der Countdown lief, er öffnete, die Lippen, das Lied schlug eine Brücke zu ihrer Stadt.

»Hör endlich mit diesem Scheiß auf. Der Text ist sowas von blöd, könnte glatt von dir stammen.«

»Ein Ohrwurm«, widersprach er, »spielen sie jetzt auch ständig im Radio.«

»Trotzdem idiotisch, weil Frauen, die solche Höschen tragen, es glatt aufs Befummeltwerden anlegen.«

»Schwachsinn.«

»Betreibst du deine Quellenstudien neuerdings an Funkenmariechen?«

»Ich hab neulich eine Kölnerin kennengelernt, falls du das wissen willst.«

»Eine mit solchen heißen Höschen?«

»Bestimmt nicht. Hundertprozentig nicht.«

»Interessant.« Paola rumste das Fenster zu. Dann legte sie los.

Es fiel Daniel schwer, seiner hochschwangeren Lebensgefährtin zu beweisen, daß dieses Statement zu den Dessous einer von ihm beauftragten Unternehmensberaterin keinesfalls bewies, daß er deren Unterwäsche tatsächlich aus eigenem Augenschein kannte: »Du hättest sie sehen sollen, mit Schlips und Kragen und total cool, natürlich zöge sie nie im Leben Spitzenhöschen an, das tun solche Frauen nicht, niemals.«

»Du redest zuviel! Vielleicht kommt Jenny heute schon.«

Während Daniel gut zuredete und massierte, zuerst den Rücken und dann den im Licht der Stehlampe sehr weißen und einsamen Bauch, der jenseits der dunklen Umstandshose und des ebenfalls dunklen, hochgekrempelten T-Shirts zu existieren schien, sann er über die Wäsche von Nora Dorn nach. Er kannte sie wirklich nicht, es war alles zu schnell gegangen, in seinem Kopf schwangen zwei lose Schlipsenden aus schwerer Seide und gelber Markisenstoff, hin und her, er stellte sich einen Slip mit hohem Beinausschnitt vor, schlicht weiß oder auch schwarz, kühle Baumwolle oder noch besser Seide. Die Vorstellung von reiner Seide auf dem nackten Körper, den er schon kannte, erregte ihn. Hoffentlich kam Paola nicht ausgerechnet am Valentinstag nieder.

»Für wann bist du ausgerechnet?«

»Für den einundzwanzigsten, solltest du wissen, aber Gulliver ist auch zehn Tage zu früh gekommen.«

Daniel nickte. »Das ist gut so.«

»War«, verbesserte die Stimme jenseits der weißen Kugel, in der es unter seinen auf und ab streichenden Händen pochte. »Dein Sohn ist vor zwei Jahren geboren worden, falls du das auch vergessen haben solltest.«

Daniel schwieg. Sollte er ihr sagen, daß es auch diesmal gut wäre, wenn sie zehn Tage früher niederkäme? Sie hatte beschlossen, diesmal auf eine Hausgeburt zu verzichten und sich eine Woche lang in der Klinik verwöhnen zu lassen. Am vierzehnten Februar war Valentinstag. Noch acht Tage.

***

Die Stimmung in Kölns ältestem Festsaal brodelte, einige Gäste standen schon auf den Stühlen, auf den weiß eingedeckten, langen Tischen bebten die Gläser im Schunkelrhythmus mit, beim Refrain übertönten die Stimmen aus dem Saal diejenigen auf der Bühne:

Meer sin kölsche Mädcher,
han Spitzebötzcher an ...

»Hast du?« raunte Swen dem Zimmerkätzchen ins Ohr, das vor ihm stand und in seinen Armen mitschwang, obwohl es eigentlich nicht an diesen Tisch gehörte.

»Besser.« Sie lehnte den Kopf mit dem Spitzenhäubchen zurück, stieß gegen seine Brust und gönnte ihm den Blick in ihr üppiges Dekolleté.

»Viel besser«, murmelte Swen, »jedenfalls wenn du untenrum genauso gebaut bist wie da.« Seine Hände lösten sich von der schmalen Taille und glitten tiefer. Nicht übel.

»He, ich bin 'ne verheiratete Frau.« Die beiden Kugeln unter dem lächerlich kurzen Röckchen vibrierten und drückten noch einmal gegen sein volles Leben, bevor sie auf Abstand gingen.

Ob sie es darauf anlegte? Swen überlegte, ob er nachrücken sollte. Verheiratete Frauen waren ihm sowieso am liebsten, das gab selten Scherereien. Allerdings war diese da angeblich noch in den Flitterwochen, eine heiße Nudel, wogegen ihr Friedrich eher zahm wirkte und so, als könnte er Unterstützung gebrauchen. Schon sein Aufschlag beim Tennis war eher lau. Swen rückte nach und spürte die Wärme und das Pochen. Eine heiße Maus, fürwahr!

»S-w-e-n!« Von hinten bohrte sich ein Finger in sein Schulterblatt.

»Autsch!« Swen drehte sich um, sah auf bräunliche Altersflecken und Rüschengeriesel, das zu dem historischen Kostüm seiner Mutter gehörte. Er hätte ihr gern gesagt, daß auch der beste Couturier nicht in der Lage wäre, das welkende Fleisch einer Sechzigjährigen so aufzuzäumen, daß ein Sonnenkönig an ihr Gefallen fände. Er selbst war siebenunddreißig und sein Schwanz stand ihm. Was wollte sie von ihm?

»Könntest du dich bitte um die Frau Kruse kümmern?«

»Kruse?« Kruse mußte die Nachgerichtete sein. Beim ersten Durchgang hatte sein Vater wohl gepatzt, jedenfalls hatte die Angetraute des Hundefutterfabrikanten aus Rodenkirchen nachher schlimmer ausgesehen als vorher.

»Pssst!« Sabine Dorn trat zur Seite und gab den Blick auf die nachgerichtete Nase im Kleopatrakostüm frei. Ihre Augen kommandierten: »Los!«

Swen wechselte notgedrungen den Platz und absolvierte die letzte reguläre Strophe und zwei Wiederholungsstrophen Arm in Arm mit einer Patientin, die jedem echten Kerl die Nüsse abfallen ließe, wenn sie ihn dran packte. Daran änderte auch die zweite Nasenkorrektur nichts, für die sie willig noch einmal gezahlt hatte und wohl zum Dank an diesen Ehrentisch auf dem Medizinerball gebeten worden war. Wo steckte der alte Kruse, verdammt? Wo war das Zimmerkätzchen mit den Mordstitten abgeblieben?

»Wie finden Sie meine Nase?«

Swen hörte auf zu klatschen. »Wie? Ach so! Sehr hübsch!«

»Nicht zu klein für mich?« Die unechten Wimpern senkten sich, das Kinn ruckte nach unten, das schwere Dekolleté ruckte mit, einen Moment lang befürchtete Swen, die Schulterspange könnte sich lösen und den gerafften Stoff loslassen. Nasen, die zu dieser Statur paßten, gab es derzeit in allen Kaufhäusern. In der Faschingsabteilung. Er hätte es ihr gern gesagt, aber seine Vernunft riet ihm, das neue Spaßauto von Porsche nicht aus den Augen zu verlieren.

»Und mein Kostüm, wie finden Sie mein Kostüm?« Weiß gefältelter Stoff drückte gegen ihn, schwarzes Kunsthaar kitzelte seine Wange, die neue Nase begann zu glänzen.

Swen spürte ein Zucken, diesmal allerdings in den Händen. Wenn er der Chirurg gewesen wäre, hätte er das Skalpell anders geführt, hundertprozentig, und die Menschheit hätte ihm Dank gewußt. Allen voran der brave Hundeleckerlifabrikant, der nichts ausließ, erst recht keine zweibeinigen Leckerlis. Wo verdammt, steckte der Hurenbock?

»Oder finden Sie mich zu alt für Kleopatra?«

Kokett, es gab nichts Schlimmeres als kokette Walküren jenseits des Klimakteriums. »Ich finde Sie hinreißend, gnädige Frau, aber ich müßte jetzt wohl mal eben nach meiner Schwester schauen.«

»Da sind sie doch, alle beide.«

»Ich habe noch eine, drei Schwestern, meine jüngste Schwester heißt Nora und ist etwas menschenscheu, in dem Gewühl hier ...«

Diesmal erwischt es ihn von allen Seiten. Niemand hatte ihn bislang darüber informiert, daß Nora nicht gekommen war, weshalb »unsere liebe Frau Kruse« eingesprungen wäre, die sich darüber riesig freute und nun aus lauter Begeisterung erneut Swens Arm ergriff, obwohl zur Zeit sonst niemand im Saal schunkelte. Die Kapelle spielte Tanzmusik.

»Und warum sagt mir das keiner?« Swen zog an seinem Arm.

»Du warst beschäftigt«, rief Cara ihm über den Tisch zu und strich sich wie zufällig über die Brüste.

»War das eben nicht die Tochter von dem Busenschnipsler?« ergänzte ihr Mann. »Die baue ich glatt in meinen nächsten Film ein, bei der ist die Oberweite beredter als bei mancher anderen eine Sprechrolle.«

»Wann kommt eigentlich dein erster Film ins Kino?« fragte Swen zurück. Sein Schwager sollte ja die Finger von der Kleinen lassen. Es reichte, wenn er sonst nichts ausließ. Als Schauspieler war er schon arrogant genug, sein Debüt als Regisseur ließ ihn Maß und Ziel vergessen, dabei war sein Œuvre noch nicht einmal angelaufen.

»Noraken hat noch einmal angerufen«, warf Fritz Dorn vom Kopfende ein. »Sie hätte vielleicht doch kommen können, nur war da schon ihre Karte weg, hinterher habe ich mich gefragt ..., aber da hatte sie schon aufgelegt.«

Das Kleopatra-Weiß geriet erneut in Wallung. »Hoffentlich nicht meinetwegen, nein, wäre mir das aber peinlich.«

Swen rückte vorsichtshalber mit seinem Stuhl zurück und erwischte den Plüschschwanz einer vorbeitanzenden Kätzin. Das Paar stoppte, die Frau sah nicht übel aus, gemessen an seinem entlaufenen Zimmerkätzchen obenherum zwar etwas mickrig, aber schließlich war ihr Partner auch kein Goliath. Eher schon ein als Clown maskierter David, der linkisch zusah, wie sich seine Tanzpartnerin abmühte, um das verlorengegangene Schwanzstück wieder an ihrem Fellimitat festzustecken. Latexfell, straff anliegend, Swen streckte die Hand aus: »Darf ich Ihnen behilflich sein?«

»Wir kommen schon klar, danke!« Der Clown stopfte sich den Plüschschwanz kurzerhand in die Tasche seines bunten Fracks und tanzte mit seiner Kätzin davon.

Swen zuckte die Schultern. Seine Schwester Cara kicherte. Was gab es da zu kichern? Sie sah dem Paar nach: »Ihn kennen wir, hat sich gemausert, der Junge, wie hieß er noch gleich?«

»David«, sagte Swen ohne weiter zu überlegen.

»Und du bist Goliath?« Caras Erheiterung explodierte, und es brauchte eine Weile, bis die nachblubbernden Laute ein Wort ergaben. »P-a-ß-t!« keuchte sie und schleuderte eine noch zusammengerollte Luftschlange so unvermittelt auf Swen zu, daß dieser sich einem natürlichen Reflex folgend duckte, was allgemeines Gelächter zur Folge hatte und die Aufmerksamkeit der Tischgesellschaft auf dieses idiotische Wortgeplänkel lenkte: »Wieso ist unser Swen ein Goliath?«

»Muß man nicht kapieren, wie?« raunzte Swen seine älteste Schwester an und versuchte, sie per Blickschuß zum Schweigen zu bringen. Das hinderte sie allerdings nicht daran, auf seine Kosten breitzuwalzen, daß er sich an diesem Abend gleich zweimal hintereinander von einem »David«, der in Wirklichkeit Friedrich hieß, die Beute hatte abjagen lassen: »Das Kammerkätzchen eben war seine Frau, und die Latexwildkatze seine Tänzerin-oder-so.«

»Der Clown gerade war der Fredder von unserem Noraken?« dröhnte Fritz Dorn quer über den Tisch. »Der Friedrich Hügel? Den hätt ich nicht wiedererkannt, ehrlich nicht, das iss ja 'n richtiger Kerl geworden, wie der sich den Stätz von der Kleinen in die Tasche gestopft hat und weitergewalzt ist, also das gefiel mir.«

Das wurmte Swen noch mehr. Der »richtige Kerl« war so fad, daß er ihn nicht einmal fünf Tage nach dem Treffen im Tennisclub auf Anhieb wiedererkannt hatte, und das lag nicht an der Clownsschminke.

Während die Familie überlegte, ob man damals die in diesem jungen Mann schlummernden Talente möglicherweise übersehen hätte und vielleicht rein zufällig einen Abstecher zu dem Tisch des »Busenschnipslers« machen sollte, der nun der Schwiegervater von Friedrich Hügel war, kam Swen nicht von dem Bild los, wie ein biblischer Mickerling namens David den großen Goliath mit seiner Steinschleuder besiegt hatte. Und er selbst hatte sich eben vor dieser blödsinnigen Luftschlange geduckt, passend zum Wortwitz seiner Schwester, dabei war seine Reaktion nichts als ein gesunder Reflex gewesen. Diese Gesellschaft war total kindisch, das war's. Nächstes Jahr bliebe noch ein Stuhl an diesem Tisch leer, das schwor er sich und ihnen. Dann fiel ihm wieder der Boxster ein. Es war nicht einfach, wahrlich nicht!

***

»Laß los, Juppes!« Elfi Stemmer wehrte den Stammgast, der ihr aus der Kneipe nach oben gefolgt war, mit den Ellbogen ab.

»Kölsche Mädcher könne bütze, haste selbst jesunge. Bütz mich, Elfi!«

»Nit hier!« Die Wirtsfrau zeigte auf die Katze, die sich nicht von dem breiten Bett rührte.

»Glaubste, ich hätt Angst vor dem Viech?« Der Mann versuchte, die als Pippi Langstrumpf verkleidete Frau zu umrunden.

»Nee, Juppes, äver die Katz iss nit normal.« Sie wollte schon hinzufügen, daß auch die Besitzerin von Pandora nicht ganz normal wäre, jedenfalls nicht nach herkömmlichen Maßstäben, weil keine Frau mit genug Geld sich eine Bruchbude wie diese nähme, aber dann schwieg sie doch.

Sie seufzte und schubste den Mann nach draußen. Er war nicht mehr ganz nüchtern, genau wie sie selbst, aber sie hätte gern mit ihm ein bißchen herumgeknutscht, bevor sie wieder das Kölsch servieren müßte, das ihr Mann unten in der Kneipe zapfte.

Anfangs hatte sie geglaubt, Nora Dorn hätte sich diese Mansarde als Absteige zugelegt, aber statt eines Liebhabers war bloß die Katze aufgetaucht, die sie selbst für gutes Geld betreute. Sie war eine ehrliche Haut, mindestens dreimal am Tag kletterte sie die Stiege hinauf und sah nach dem Tier. Ihr Karl meckerte schon, jedesmal, besonders jetzt über Karneval, wo sie nicht Hände genug hatte. Ein paarmal hatte sie versucht, Pandora mit nach unten zu nehmen, doch das Tier haßte den Rummel dort.

»Bützche!« krakeelte es hinter ihr.

»Pssst.« Zweimal ließ Elfi sich in dem engen Treppenhaus von Josef, den sie Juppes nannte, fangen und genoß die Hand, die einen roten und einen grünen Wollstrumpf hochtastete, die Strapse aus der Kaufhalle flitschen ließ und sie dort tätschelte, wo Karl nur noch zustieß. Rück-vor-fertig. Der letzte richtige Kuß von Karl mußte schon Jahre zurückliegen. Dafür besaßen sie jetzt diese Kneipe, in der sie früher beide nur angestellt gewesen waren.

»Ich künnt dich hier, jetzt und gleich, wat biste für e lecker Mädche!«

»E-l-f-r-i-e-d-e!«

Sie stand stocksteif, lauschte auf das Gläserklirren und Stimmengebrumm und nutzte die erneut einsetzende Musik, um rasch ihre Kleidung zu richten, auch die von Juppes zu kontrollieren und ihm ihre abgefärbte Schminke aus dem Gesicht zu wischen.

»Noch ein klitzeklein Bützche!« Juppes spitzte die Lippen.

»Nix da. Denk an dä Karl!«

Wie erwartet empfing Karl sie mit Vorwürfen. Es ging nicht in seinen Quadratschädel hinein, daß diese Katze sich nicht mit anderen Katzen vergleichen ließ, ebensowenig wie deren Herrin. Die beiden waren etwas Besonderes, sie spürte es immerhin, und wenn sie eins wußte, dann daß Karl mit seinem Verdacht auf dem falschen Dampfer war. Für ihn mußte eine Frau, die keinen Mann anschleppte und sich am liebsten in Schlips und Kragen präsentierte, eine Lesbe sein, natürlich eine, die den Kerl spielte: »Iss ja widerlich! Wenn die mir an die Nüsse packte, pfui Teufel!«

Dazu hatte Elfriede geschwiegen, obwohl sie tausend Eide hätte schwören können, daß eine wie Nora Dorn auf sein Geläut pfiffe. Sie selbst genaugenommen auch, wenn da nicht die gemeinsame Kneipe wäre. Es war ein Fehler gewesen, nicht auf ihrem Namen in der Urkunde zu bestehen, die der Notar ausgefertigt hatte. Karl hatte sie mit einer Perlenkette eingeseift, die nicht einmal echt war. »Majoricas« hatte der Juwelier erklärt, der ihr das Schloß reparierte. »Wat willste?« Karl hatte sie bloß ausgelacht. »Hängste dir dä Schmuck um dä Hals oder dat Zertifikat?« Er hatte gut lachen, das Notarsiegel war echt. Kerle!

***

Als Nora am Mittwochmorgen um neun Uhr das Office in Frankfurt betrat, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Zwar saß die neue Kraft vorschriftsmäßig auf ihrem Drehsessel, doch das war auch schon alles, was an ordnungsgemäßes Arbeiten denken ließ. Unmittelbar neben die Telefonanlage war ein Fäßchen Bier plaziert worden, und drumherum scharten sich vier Kollegen, die ihre erhöhte Sitzposition auf dem Empfangstisch nutzten, um der Kleinen auf die übereinandergeschlagenen Beine und das, was sich sonst noch bot, zu glotzen.

Spitzenhöschen, dachte Nora, und hatte erneut dieses idiotische Lied im Ohr, das sie sechs Tage lang verfolgt hatte. Diese Elke Schimmer trug natürlich keine Spitzenhöschen unter ihrem Lendenschurz, was aber nichts daran änderte, daß die Augen des Männerquartetts vom Fummeln sprachen. Fummelmelodie, fehlte nur noch das Playback.

Jemand summte. Nora schoß herum. Wie sie dieses Lied haßte. »R-u-h-e!« Mit dem ausklingenden »e« auf den Lippen starrte sie den Mann vor sich an. Das gab's ja nicht! War sie hier im Irrenhaus?

»Ich denke, Sie sind selbst ein echt kölsches Mädchen?« Mark Wagner hob ihr ein leeres Glas entgegen, ein Bierglas, an seinen Lippen klebte noch ein Rest Schaum. »Da versuche ich, ein bißchen rheinische Lebensfreude in die Fastenzeit zu schmuggeln, und Sie fallen mir in den Rücken.«

Nora spürte die Schadenfreude der anderen und wollte sie an sich abgleiten lassen, so wie sonst auch, wenn sie wußte, daß sie im Recht war. Heute funktionierte es nicht, das mußte an den letzten fünf Tagen liegen, die sie zusammen mit Pandora in der Einzimmerwohnung zugebracht hatte.

Sobald sie die Balkontür geöffnet hatte, war sie von dem Trommeln und Grölen von der Straße überfallen worden, die Musik aus der Kneipe unten war durch die Decke gedrungen, von allen Seiten hatten die Aufforderungen zum »Bützen« und »Fummeln« auf sie eingehämmert, zweimal war sie versucht gewesen, in Hamburg anzurufen. Sie hatte es nicht getan. Er hatte einen Sohn, zu dem es seinen eigenen Worten zufolge eine Mutter gab, einfach weil jedes Kind eine Mutter hatte. Nora hätte gern gewußt, wo Gullivers Mutter sich aufhielt. Bis zum Valentinstag war es noch endlos lange, und sie hatte sich nicht einmal mit Arbeit ablenken können. Kein Mensch vermochte auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen, wenn ringsum die Narren tobten. Sie hatte die Tage und Nächte und zuletzt sogar die Stunden bis zum Aschermittwoch gezählt. Und nun dies.

»Ich muß dringend mit Ihnen reden«, sagte sie laut und hob die Mappe mit ihrem Bericht über die Firma Meyerling hoch.

»Mädchen, sei nicht so ungemütlich!« Mark Wagner hielt ihr sein frisch gezapftes Glas Bier hin.

Nora schüttelte stumm den Kopf. Sie fürchtete, ihre Stimme könnte schwanken oder ihre Augen könnten tränen, sobald sie redete. Sie durfte ihre Autorität nicht aufs Spiel setzen.

»Als Beißerin?« höhnte es in ihr. Mit durchgedrücktem Kreuz passierte sie das Starren, setzte einen Fuß vor den anderen, Schuhgröße einundvierzig, einmal stolperte sie, dann hatte sie es geschafft. Hinter der zugedrückten Tür ihres eigenen Büros blieb sie stehen und horchte auf das Bumpern in sich selbst und den bierseligen Lärm dort draußen und wünschte sich, nicht da zu sein, obwohl sie doch seit Tagen darauf gewartet hatte, genau hier zu sein.

Da? Hier? »Ganz schön meschugge, wie?« Ihr Hinterkopf schwoll ins Ungeheure, verzerrte ihr Klugsein und ließ daraus eine Falle werden. Sie empfand nichts von dem, was die da draußen verband. Einen Moment lang war sie versucht, die Unterlagen, die ihren Triumph über zwei Betrüger besiegeln würden, in den Schlund des grauen Metallkastens zu stopfen und das Malmen in Gang zu setzen, das nur noch Konfetti übrigließ.

Als wenig später ihr Chef eintrat, saß Nora wie üblich vor ihrem Computer und arbeitete. Jedenfalls mußte es für jeden Außenstehenden so aussehen.

»Mädchen, Sie machen da einen Fehler.« Mark Wagner schob sein Gesäß auf eine Ecke ihres Schreibtischs und zog ihren Blick direkt auf seine dreist gespreizten Schenkel. So saß nur ein Kerl, dachte sie, daran änderte auch das elegante Tuch nichts. »Was haben Sie gegen ein Bierchen?« schob er launig nach, als er endlich eine ihm bequeme Position gefunden hatte. »Das richtet oft mehr aus als tausend Worte.«

Nora beobachtete die Hand, die sich von dem anthrazitgrauen Hosenstoff löste und auf die Mappe der Firma Meyerling klopfte. Zufall? Absicht?

»Dann kann ich mir ja vieles in Zukunft ersparen.« Gut zu wissen, daß ihre Arbeit weniger als ein ordentlich gezapftes Bier wog.

»Mädchen, Sie denken zu extrem. Was sagt der Lateiner so schön über das goldene Mittelmaß?«

»Das waren die Griechen.«

»Ich geb's auf, Sie sind mir zu klug. Wahrscheinlich wären Sie jedem Mann zu klug. Also, was wollten Sie mir denn so Wichtiges sagen?«

Entgegen ihrem Vorsatz, die Fakten für sich selbst sprechen zu lassen, platzte Nora damit heraus, daß nicht nur der Sohn des alten Meyerling für die Verluste der Firma verantwortlich sei, sondern gleich zwei ihrer Kollegen bei dem unsauberen Geschäft mitmischten: »Ich habe sie sozusagen alle drei in flagranti erwischt.« Sie legte eine Pause ein. »Beim Bier und Humbahumba.« Sie zeigte auf die Tür zum Empfang.

»Nun mal langsam!« Mark Wagner verlangte Beweise. Eine Weile schien es, als würde er seinem »besten Pferd im Stall« endlich glauben. Er unterbrach Nora lediglich kurz, um sich von der Buchhaltung bestätigen zu lassen, daß die Kollegen Züblin und Becker für Weiberfastnacht tatsächlich keinen Urlaub genommen hatten: »Die Burschen haben mir den Donnerstag in Rechnung gestellt, inklusive Spesen, das ist ein Ding!«

»Die Sache geht noch weiter.«

»Mir reicht's auch schon so. Die Brüder knöpfe ich mir vor, auf meine Kosten spielen die in Leipzig Prinz Karneval und reichen Quittungen aus Hamburg und dem Glottertal ein. Was treibt der Züblin da überhaupt? Wollte er nicht eine Woche Urlaub machen?«

»Eben.« Fast wäre Nora der Versuch erlegen, die Wut ihres Chefs zu nutzen und eine Vendetta gegen ihre beiden korrupten Kollegen zu starten, die es in sich hatte. Doch dann besann sie sich auf das Hauptdelikt, und das waren keinesfalls nur ein paar vorgetäuschte Spesen. Da ging es um mehr. Um viel mehr, und um dieses Komplott zu zerschlagen, müßten sie bei dem jungen Meyerling ansetzen, der hausbackene Kleinartikel unter der Ladentheke verkaufte und ähnliches im großen Stil unter dem Etikett »de Luxe« fortzusetzen gedachte. »De Luxe« paßte phantastisch zu dem Duo Becker und Züblin. Erst recht, wenn die Rohkosten nur Pfennigbeträge ausmachten. Nora witterte ein Riesending.

»Ich schlage vor, wir schenken erst einmal dem alten Meyerling reinen Wein über seinen sauberen Filius ein und rollen dann die Sache systematisch auf«, schlug sie vor.

»Von dem jungen Meyerling lassen wir hübsch die Finger, das ist zu heikel.«

»Wieso?« Nora sah auf den Rest Bierschaum an seiner Oberlippe. Es sah lächerlich aus, fand sie, unpassend. »Die Beweise sind erdrückend.«

»Mädchen, vergessen Sie die Stimme des Blutes nicht! Im Zweifelsfall ist Blut dicker als Wasser. Oder glauben Sie, der Firmenchef will öffentlich zugeben müssen, daß sein Filius ihm die Weihnachtsketten und Schuhwärmer unterm Hintern weg klaut?«

»In Zukunft klaut er dann vermutlich Design, das lohnt sich dann erst richtig.«

»Mein Gott, Sie sind doch sonst so pfiffig, arbeiten Sie halt etwas aus, was nicht speziell auf den Junior zielt, sondern alle potentiellen Langfinger in Schach hält. Die Idee, das Sortiment aufzupeppen, halte ich übrigens gar nicht mal für so schlecht, das liegt voll im Trend und weckt neue Kauflust. Jeder hat schon alles, der alte Toaster und das Regal Marke Eigenbau tun's notfalls auch noch zwei, drei Jährchen länger, also muß man den Kunden übers Design erwischen. Er muß sich förmlich schämen, noch so altmodische Hündchen bei sich daheim zu haben. Und wenn es nicht zur Designercouch reicht, so ist immerhin was Kleines drin. Kleinartikel ›de Luxe‹ sind der Renner der nächsten zehn Jahre, das flüstere ich Ihnen.«

»Haben Sie das zufällig auch schon mal laut Richtung Leipzig geflüstert?«

»Manchmal haben Sie wirklich eine sehr komplizierte Art zu denken. Leipzig oder Glottertal, spielt das eine Rolle? Nehmen Sie das Ganze doch mal von der praktischen Seite. Im Endeffekt werden alle dran verdienen und happy sein, da liegt was in der Luft, dafür habe ich einen Riecher.«

Seit wann? dachte Nora und beobachtete die munter vor und zurück pendelnde Schuhspitze ihres Chefs. Vielleicht war sein Pendeln etwas zu übertrieben, um ganz echt zu sein. Ebenso wie sein Bekenntnis zu luxuriösen Kleinartikeln zu flott daherkam, um Zufall zu sein. Dafür hatte sie selbst einen Riecher.

»Interessant«, sagte sie laut, »hätte ich nie gedacht, daß Sie ein Freund von Plastikdosen sind, die Ihre Vanillekipferl nach Greyerzerkäse riechen lassen oder umgekehrt.«

»Bourbonvanille.« Mark Wagner blieb stehen. »Und Gruyère ist der König des Raclettekäses, bitteschön. Diese synthetischen Duftstoffe sind der Knüller. Natürlich kann der Kunde zwischen unterschiedlichen Behältnissen für Süßes und Herzhaftes wählen, die Palette ist beliebig erweiterungsfähig, alles deutet darauf hin, daß sich hier eine Marktlücke auftut. Und was diese Firma Meyerling betrifft, so empfehlen Sie einfach die schrittweise Einführung von ›Cuisine de Luxe‹-Artikeln und eine Lageraufsicht gegen Langfinger.«

Weg war er.

Nora brauchte nicht lange, um herauszufinden, wer den guten Riecher ihres Chefs aktiviert hatte. Mark Wagner hatte nicht nur seit jeher ein Faible für Luxusgüter, sondern obendrein einen ausgeprägten Sammeltrieb, weshalb seine Sekretärin alles abheften mußte, was ihm irgendwann interessant erschien. Die unter dem Stichwort »Luxe, de« abgeheftete Anzeige datierte vom letzten Oktober und verhieß liquiden Kapitalanlegern eine Traumrendite. Unten rechts trug sie die handschriftlichen Initialen »L. B.«. Kein Fremder hätte die beiden Buchstaben entziffern können, die an einen Blitzeinschlag denken ließen. Nora allerdings war die Signatur nicht fremd, sie begegnete ihr allwöchentlich auf getürkten Spesenabrechnungen und lückenhaften Dossiers und stand für Lothar Becker.

»Übrigens, legen Sie mir Ihr Konzept für Meyerling dann bitte rein, ich erledige das schon selbst, okay?«

Nora sah hoch und bekam gerade noch das Schließen der Tür mit, die Sekunden zuvor ohne Klopfzeichen geöffnet worden war. Auch das war ein Omen. Ihr Thron geriet spürbar ins Wanken. Lediglich das verbindliche »Okay?« hinter einem unmißverständlichen Kommando trennten sie noch von dem Fußvolk da draußen.

Ihr Chef kannte das neue Sortiment, das auf der Luxuswelle segelte, soviel stand fest. Seiner Begeisterung nach zu urteilen hatte er sogar selbst investiert und hoffte nun, sich ebenfalls eine goldene Nase zu verdienen. Was ihm allerdings bislang entgangen zu sein schien, waren die Aktivitäten von drei stillen Teilhabern. War er wirklich so dämlich zu glauben, daß Lothar Becker ihn aus reiner Selbstlosigkeit auf diese Zeitungsanzeige hingewiesen hatte?

»Fragen wir uns doch lieber einmal selbst ...«, hub es in ihr an.

»Klappe!« raunzte Nora und stellte ihre ärgste Widersacherin ruhig.

Kapitel 5
Die größte Liebesnacht

Nora sah sich um, ob jemand sie beobachtete. Sie wollte sich der Rose entledigen, die ein Individuum in Pumphosen und Samtbarett vor dem Eingang verteilt hatte. Ihr »Danke, nein!« war in dem Schnattern durchweg junger Stimmen untergegangen. An diesem Abend fanden in dem Gebäude, das zum Universitätsgelände gehörte, gleich mehrere Veranstaltungen statt. Es gab den bunten Anschlägen am Schwarzen Brett zufolge Lesungen, Filme, Script-Readings, Musik und Events, alles unter dem Motto des Valentinstags.

Nora hielt sich nicht damit auf, den Namen »Klotzblitz« herauszusuchen. Das war überflüssig, weil Daniel Reiter sie bereits am vergangenen Mittwoch mit einem Handzettel versorgt hatte, der exakt über die Örtlichkeit informierte. Mittlerweile war das Blatt arg verknittert, was sowohl an dem Transport in unterschiedlichen Taschen wie auch an dem Umstand lag, daß Nora sich bei jedem Umsortieren nochmals davon überzeugt hatte, wo und wann sie den König des Turmschuhs wiedersehen würde. Die Vorstellung, ihm mit einer roten Rose in der Hand gegenüberzutreten, war ihr allerdings mehr als peinlich. Gerade, als sie hinter der nächsten Schwingtür etwas entdeckte, was ein Abfallbehälter sein könnte, kamen ihr Leute entgegen. Rasch senkte sie die Hand wieder und hoffte, daß niemand von dem Jungvolk auf die Blume achtete, die zum Valentinstag passen mochte, aber nicht zu ihr.

»Sie wollen bestimmt zur Liebesnacht?« fragte einer aus der Gruppe.

»Bestimmt nicht.« Nora nestelte an ihrer Tasche, wobei erneut die Rose in den Vordergrund rückte. »Hier, ich möchte zu der Show in Gebäude drei, erster Stock, großer Saal.«

»Das ist dasselbe«, sagte der Jüngling und grinste.

»Dasselbe wie was?«

»Wie die Liebesnacht.« Das Grinsen vertiefte sich.

»All you need is love!« ergänzte sein Nachbar.

»Immer da lang und dem Geruch nach.« Ein Arm zeigte geradeaus.

»Ein Mißverständnis«, stammelte Nora, »ich komme im Auftrag der Firma Klotzblitz, am besten schaue ich noch einmal unten am Schwarzen Brett nach.«

»Sie sind goldrichtig hier, der Danny turnt schon irgendwo da hinten mit seinen Girlies rum, der hat gleich die erste Nummer.« Der Arm zeigte beharrlich weiter in die eben gewiesene Richtung, und Nora gab nach. Sie hätte sich denken sollen, daß einer wie Daniel Reiter seine neue Kollektion nicht in einem normalen Kulturprogramm vorstellte.

Bei jedem Schritt vorwärts sah oder viel mehr roch sie klarer, was nicht zuletzt an dem penetranten Duft lag. Nach ihren jüngsten Erfahrungen mit Bourbonvanille oder Gruyèrekäse aus dem Reagenzglas hielt sie es nicht für ausgeschlossen, daß ein Studiosus der Chemie sich den neuesten Trend zunutze gemacht und diese geballte Ladung Rosenduft zu Ehren von St. Valentin komponiert hatte. Trendiges für verliebte Nasen, haltbar, lagerbar und vor allem preiswert, dort an der Doppeltür stand tatsächlich: »Die größte Liebesnacht!«

»Avanti!« drängte es hinter ihr. »Tut nicht weh, beißt nicht, wird wohl auch nicht das erste Mal sein, wie?«

»Meinen Sie mich?« fragte Nora und wußte, daß sie ihre gewohnte Kleidung hätte anziehen sollen. Schlips und Kragen hätten ihr derlei erspart. Aber sie hatte sich für Jeans entschieden, die sie sonst höchstens im Urlaub und bei Pandora trug. Das T-Shirt war neu, es klebte ihr am Körper und paßte nicht mehr zu der Versicherung der Verkäuferin, daß reine Seide den Freizeitschnitt edel mache.

»Hast du etwa noch nie?« Der Jüngling mochte Anfang zwanzig sein und stupste seine Begleiterin an, die brav loskicherte und etwas von »Blind Date Verlosung für ältere Semester« murmelte.

Nora sah nach vorn. Rucksäcke in Leder und Stoff, darüber Köpfe mit Zöpfchen, Rastalocken oder Hüten, ein paar kahlrasierte Schädel waren auch dabei, dazwischen schimmerte es rot. Rubinrot, blutigrot, kannibalenrot, rosenrot. An die tausend rote Rosen mochten auf der Bühne liegen, auf die soeben ein goldener Turmschuh rollte. Scheinbar führerlos, etwa halb so hoch wie ein normalwüchsiger Mann und genau so lang, daß der Schuhdesigner längs in die Sohle paßte.

»Na endlich!« murmelte es hinter ihr.

»Sie ist scharf auf ein blind date mit dem Goldklotz«, ergänzte die Mädchenstimme.

Diesmal grinste Nora. Vielleicht war der Freizeitlook doch nicht so übel, und es war allemal ein gutes Gefühl, vermutlich als einzige aus dem Publikum zu wissen, was diese Sohle barg. Sie schätzte Daniel auf siebzig Kilo, über ihm sollten zwei Girlies kauern, die eine hinter der Goldlasche und die andere verdeckt durch die hochgezogene Hacke, zusammen drückten also über drei Zentner auf die Rollen, die eine Spur in das Rot zogen und es zermusten. Nora nieste. Es roch morbide. Die Vorstellung, wie sich ihm mädchenhafte Knie und Handballen und alles, was dazwischen schwang, in die Weichteile drückten, gefiel ihr weniger gut.

»He!«

Nora reagierte nicht, bis jemand sie am Arm zog. »He, der Danny erwartet Sie schon. Ich soll sie abfangen und direkt zu ihm lotsen.«

Details

Seiten
470
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958244498
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310746
Schlagworte
Frauenroman Liebesroman Romantik Feelgood-Roman Unternehmensberaterin Humor Köln Sophie Kinsella Petra Hülsmann eBooks

Autor

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Titel: Karrieregeflüster