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Das Geheimnis des Ketzers - Teil 1

Roman

2015 65 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Spanien im 15. Jahrhundert – eine gefährliche Zeit für alle, die nach der Wahrheit suchen. Nach jahrelangen Bemühungen ist der Forscher Adam Quintero endlich am Ziel: Er kann die Existenz einer höheren Macht beweisen! Doch er ist sich sicher, bei dieser kann es sich nicht um Gott handeln … und diese frevelhafte Behauptung macht ihn zum verfolgten Ketzer.

Wird er es schaffen, dem grausamen Zorn der Kirche zu entkommen? Und hat die gefährliche Entdeckung womöglich sogar die Kraft, die Zukunft zu verändern?

Der spannender Thriller auf zwei Zeitebenen jetzt als fesselndes Serial: Band 1 von 8

Über den Autor:

Mattias Gerwald ist das Pseudonym des Erfolgsautors Berndt Schulz, dessen Kriminalreihe rund um den hessischen Ermittler Martin Velsmann ebenfalls bei dotbooks erscheint: Novembermord, Engelmord, Regenmord und Frühjahrsmord. Er lebt in Frankfurt am Main und in Nordhessen.

Unter dem Namen Mattias Gerwald veröffentlichte er historische Romane, in denen entweder eine außergewöhnliche Persönlichkeit oder ein ungewöhnliches historisches Ereignis im Mittelpunkt steht. Er gilt als Experte für die Geschichte der europäischen Mönchsritterorden.

Für die Tempelritter-Saga schrieb Mattias Gerwald folgende Bände:

Die Tempelritter-Saga – Band 5: Die Suche nach Vineta
Die Tempelritter-Saga – Band 8: Das Grabtuch Christi
Die Tempelritter-Saga – Band 9: Der Kreuzzug der Kinder
Die Tempelritter-Saga – Band 18: Das Grab des Heiligen
Die Tempelritter-Saga – Band 20: Die Stunde des Rächers
Die Tempelritter-Saga – Band 24: Die Säulen Salomons


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Überarbeitete Neuausgabe Dezember 2015

Die überarbeiteten Neuausgaben der Romane »Das Geheimnis des Ketzers« von Mattias Gerwald, die bei dotbooks in acht Bänden erscheinen, beruhen auf dem Roman »Der Ketzer«, der erstmals 1998 bei Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach, veröffentlicht wurde.

Copyright © der Originalausgabe 1998 bei Autor und Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung des sog. Erpho-Kreuz aus der Ausstellung »Das Reich der Salier (1992)«

ISBN 978-3-95824-559-4

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Mattias Gerwald

Das Geheimnis des Ketzers – Band 1

Roman

dotbooks.

Die handelnden Personen:

1493

Adam Quintero, Arañador der katholischen Könige Spaniens

Eva, seine Frau

Ferdinand II., König von Aragon und Sizilien

Isabella, Königin von Kastilien

Luis de Santangel, Schatzmeister von Kastilien

Gabriel Sanchez, Schatzmeister von Aragon

Diego Lopez de Losa, Maler

Tomas de Torquemada, Großinquisitor

Abbo de Cuenca, Mönch des Hieronymiten-Ordens

Christophorus Columbus, Entdecker

Don Santiago, alter Müller in Aranjuez

Der Adelantado des Königs

Jerónimi, Gitano

Cesar de Cortez, Großmeister des Santiago-Ordens

Fray Antonio de Montesino, Mönch

Juan Pérez, Abt von La Rábida

Ferdinando, Portero der Alhambra

Matias, Hausbesorger

Moreno, Moslem

Don Ibn Amid, königlicher Beauftragter

Hidalgos, Folterknechte, Kardinäle, Priester, Padres, Meuchelmörder, Ermordete, Staatsbeamte, Wollhändler, Kaufleute, Flagellanten, Soldaten, Hieronymiten, Franziskaner, Benediktiner, Dominikaner, Conquistadoren, Päpste, Gitanos, Juden, Morisken, Mauren, Conversos, Ketzer, Santiagoritter, Tagelöhner, Bürger, Inquisitoren – und Kreuzspinnen.

1993

Eluard van Endles, deutscher Informatiker

Rita, seine Frau, Biologin

Alf Quint, Computerkünstler

Vera Quint, seine Frau, begabtes Medium

Aramov, Sibirjake

Baumeister, Spionageexperte

Dr. Ulert, Schweizer Astrophysiker

Dr. Scriba, Schweizer Astrophysiker

Dr. Kern, Deutscher Astrophysiker

Pater Marcellinus, Abt von Seligenthal

Agenten, Hotelbesitzer, Journalisten, Firmeninhaber, Wissenschaftler, Computerspezialisten, Gläubige, Ungläubige – und Kreuzspinnen.

1. Kapitel
Die Entdeckung

(Oktober 1992 – Mitte April 1493)

»Nach meiner festen Überzeugung kann es nicht sein, daß diese Welt, so wie sie uns gegenübertritt, wirklich existiert. Zu dem uns bekannten Sein muß es noch eine andere, spiegelgleiche Hälfte geben, eine übergeordnete Gegenwelt, die uns in Ruhe läßt und uns beobachtet. Welche Resultate diese Gegenwelt – und ich kann sie nicht das Reich Gottes nennen – aus der Beobachtung zieht, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß wir wahrgenommen werden; alles, was auf der Erde geschieht, wird zum Material für »die anderen«. Nur so ist das Gefühl der Bedeutung zu erklären, daß uns Menschen heute, im Jahr 1493 befällt. wenn wir uns unseres Tuns innewerden.«

Adam Quintero
(aus dem Vorwort zu seinen Aufzeichnungen »Die Spinnen von Aranjuez«. Palos de la Frontera, 1493)

Träume

In dieser Nacht des Bebens der Alten Welt lag das Ehepaar Quintero in den schweren, seidenen Kissen des Klosterpalastes von Aranjuez. Und es träumte den gleichen Traum.

Die Menschen standen kurz vor der erdgeschichtlichen Katastrophe. Zu lange waren sie wie ein Korken auf dem unergründlichen Strom der Zeit mitgeschwommen. Sie hatten getanzt und gescherzt, den heißen kastilischen Sommer im Schatten der dicken Mauern von Aranjuez genossen und den maurischen Winter verträumt, das Leben war weitergegangen. Sie hatten allesamt nicht nachgedacht, es hatte ihnen ausgereicht, einfach zu sein. Sie hatten sich in ihren Körpern zu Hause gefühlt – ein naives, gefährliches Gefühl der Geborgenheit. Man hatte gespielt, und selbst die Nachdenklichen waren zu keinen anderen Schlüssen gekommen, als die Welt in ein buntes Kaleidoskop aufzulösen, die zersplitterten Formen ans Licht zu halten und »Ah!« zu rufen wie Kinder.

Sie gingen über die duftenden Wiesen, und in ihren Gedanken und Herzen entfaltete sich ein warmes Gefühl, das vom Sonnenschein kam; sie sahen Blumen und Menschen, selbstgenügsame Frauen, eitle Männer, überall die Farben des schwülstigen spanischen Lebens im Überfluß Inmitten des schönen Scheins ging man weiter und weiter, bis an den Rand der Jahre. Es war das Zeitalter der Auflösung aller Gewißheiten. War die Erde wirklich eine Scheibe? An einer fernen Küste weit im Westen betrat ein Mann mit einem geheimgehaltenen Auftrag das rätselhafte Land Guanahani. Das Ende des Jahrhunderts konnte nicht mehr weit sein.

Bis zum Horizont kein anderes Geräusch als das Summen der Natur und die Seufzer der Frömmigkeit.

Adam Quintero nahm seine Frau an die Hand, Eva Quintero schloß die Augen und ging vertrauensvoll mit ihm. Sie verließen die königlichen Mauern und betraten den Garten der Königinmutter. Sie mußten nichts sagen, sie verständigten sich mit Gedanken und Gesten. Die Luft war schwer und süß vom Duft des Sommers auf dem Land, wo sie soeben angekommen waren. Sie hätten nicht sagen können, woher sie gekommen waren. Aber war das nötig? Wozu fragen? In einem Traum fragt man nicht. Wichtig war nur: Sie waren endlich da.

Nein, die Neue Zeit war noch fern. Das war zu spüren. Die Zeit befand sich in diesem selbstgewissen Zustand der Kinderjahre, in denen hinter dem kleinen, sichtbaren Ausschnitt, in dem man sich bewegt, nichts ist. Unter der Obhut der allmächtigen Könige der spanischen Welt und ihrer geistlichen Berater aus den umliegenden Klöstern war das Zeitalter der Inquisition angebrochen.

Die Quinteros spazierten in diesem Traum körperlos durch dichtbevölkerte, stinkende Städte auf den Hochflächen Neukastiliens, die in der Sonne dösten. Jenseits der Städte, im Grünen, zwischen Gruppen von eitlen Flaneuren und deren stolzen Frauen, ereignete sich das wahre Leben. Kehlige maurische Laute und helles spanisches Lachen waren das einzige, was die geheimnisvollen Geräusche der ewig webenden Spinnen und der vibrierenden Getreidefelder unterbrach. Hier draußen, jenseits der kühlen Mauern des Palastes, hier war nichts ungewiß, es gab keine Dunkelheit, alles war hell und klar. Hier besaß die Kirche keine Macht! Und man blickte mit fremdem Blick zu den Wundern des Firmaments auf, die den Alltag begleiteten.

Vernetzte Programme mußten entwickelt werden, mit denen die Menschen zueinander sprechen konnten. Die ganze Welt mußte neu vermessen werden. Und Quintero wußte auch schon, wie das zu geschehen hatte.

Ja, er würde alle Rätsel lösen. Es wurde Zeit. Was war naheliegender, als in den von Kirchendogmen und Vorurteilen vermessenen Lebenskreis, in diese Vorstellung einer Welt, die Jenseits oder Hölle oder Paradies hieß, ein neues Gedankensystem einzuschreiben. Dazu waren sie gekommen. Sie, das Ehepaar Quintero. Und sie verfügten über Millionen von Helfern. Kleine, krabbelnde Handwerker, die im Unsichtbaren blieben, fleißige, anspruchslose Bestien.

Es ging um die greifbare Wirklichkeit, es ging um Farben, um das Grün am Ufer eines Flußlaufs, um die Farbtöne nackter Körper im Sommerlicht, um das Braun der Barken des Weltumseglers auf seiner Fahrt nach Guanahani, Hispaniola und Kuba und in eine neue Zeit. Das durfte nicht nutzlos vergeudet werden, man mußte erfassen, systematisieren, vermessen, errechnen. Jetzt war die Zeit.

Allerdings war dabei nicht zu vermeiden, daß die bisherige Harmonie der Welt Ecken und Kanten bekam. Netze, in denen etwas Geheimnisvolles summte, würden die Wiesen in ein paar Jahrhunderten anders aussehen lassen, als bisher gewohnt; die Töne der Flöten, Vihuelas, Lauten, Gitarren und Cymbeln würden sich dann gänzlich anders anhören. Am besten, darüber war man sich im klaren, waren die flachen Landschaften, die endlos ausgedehnten Ebenen der Mancha, die das Licht zurückwerfen wie helle Haut. Dort würde man anfangen, dann in die tiefen Wunder der Canyons von Cuenca wechseln, an die unbotmäßigen katalonischen Küsten mit ihrem wilden Leben gehen, zu den hitzeflirrenden Bergregionen Andalusiens vorrücken, und am Schluß kamen die dunklen Wälder und Hügel der fremden östlichen Mittelgebirge, die Plateaus, die Hochebenen, die Einsiedeleien und die hochmütigen Klöster im Frankenland.

Arkadien war zu Ende, das Paradies bis an seine Grenzen ausgedehnt. Man hatte nur genommen und nicht gegeben. Die Katastrophe drohte. Das verrieten die alten Texte. Deshalb war der Genuese von Palos de la Frontera aus aufgebrochen, mit dem Vorwand, Indien zu bereisen. Das Ehepaar Quintero träumte, daß er den Auftrag besaß, aus der Neuen Welt den Schlüssel zu holen, der die Katastrophe abwenden konnte. Die Formel. Den Beweis.

Die Quinteros träumten diesen Traum. Und in diesem Traum spürten beide ihren Ekel vor der dumpf in sich ruhenden, gedankenlosen Daseinsfülle in diesem Jahrhundert der ängstlichen Gebete ohne Begehren nach Veränderung. Nein, so konnte es nicht weitergehen, so würde es nicht weitergehen.

Sie verließen mit dem Palast die Ränder des Wissens und tauchten ein in den Mittelpunkt des Daseins, hier am Mittelpunkt der Erde, im Klostergarten der königlichen Sommerresidenz von Aranjuez. Und sie machten sich an die Arbeit.

Das war der Traum, den das Ehepaar Quintero in dieser heißen kastilischen Nacht träumte. Jeder träumte seinen Teil. Und schon nach Sekunden war der Traum zu Ende.

Spinnen

In diesem Moment erinnerte sich Endles an eine Geste seiner Mutter, und die Erinnerung traf ihn mit solcher Wucht, daß er über eine knorrige Wurzel stolperte, die aus dem Waldboden ragte. Wenn er als Kind Fieber gehabt hatte, kam sie, um zu messen, und dabei legte sie ihm ihre Lippen auf die Augen, erst auf das linke, dann auf das rechte. Die Zärtlichkeit dieser Berührung machte ihn für immer zum Kind.

»Was ist?« fragte Rita. »Was hast du?«

Endles lachte verlegen. Er hatte seine Haltung wiedergefunden. »Nichts«, sagte er, »nur so ein tückisches Ding.«

Das Waldstück, durch das sie gingen, wich einer ausgedehnten Hochfläche, auf der die Wiesen der südlichen Eifel unter der schrägstehenden Sonne eigentümlich glänzten. Rechter Hand schnitt die Kyll ihren tiefen, dunklen Graben in die Felder, dort ging es hinab in die schattige Welt der Mühlen und alten Gehöfte, die sich in das Tal duckten, als wollten sie unbemerkt überleben. Links auf deinem Bergrücken aufgereiht ein Dorf mit einer gewaltigen gelben Kirche, die wie ein Zeigefinger in den Himmel stieß. Vor ihnen lag die stille Natur im Licht eines wunderschönen Frühherbstes.

Sie gingen schon seit einer Stunde. Rita hatte ihrem Mann ein Gehöft in Wellkyll zeigen wollen, das zum Kauf anstand, Ein verlassener Bauernhof mit einer eigenen kleinen Kapelle, im Schutz des Bergrückens gleich dahinter, davor der Fluß. Rita war begeistert, Endles zögerte. Er sagte, er würde ihren Wunsch gern erfüllen, das Anwesen sei ihm aber zu romantisch, irgendwie unsinnig veraltet. Seine Frau blickte ihn an, wie nur sie es vermochte: aus verengten Augenwinkeln, aber auf den Lippen ein Lächeln ohne jeden Argwohn.

»Nein«, sagte Rita, »ich bin nicht so sentimental, wie du meinst. Aber wir könnten mit diesem Haus neu anfangen. Ein Nest für uns.«

Endles sah zu den Krähenschwärmen empor, die weit über die tiefstehende Sonne hinausflogen. Leise Panik regte sich in ihm. »Das war damals«, sagte er heftig schnaufend, weil der Pfad gerade steil empor führte. »Vielleicht ist es mein Beruf, der mich so verändert hat. Ich kann mir eine solche Zurückgezogenheit mit dir kaum noch vorstellen. Ich fände es besser, wir würden uns nach draußen öffnen.« Er lachte. »Dieses Tal da unten ist so verschlossen.«

»Ach, du weißt doch nicht, was du redest!« Rita ging wütend voraus. Sein Blick umfaßte von hinten ihre schlanke Gestalt in Jeans und roter Bluse, die sich behend bewegte. Wo er schon kurzatmig wurde, lief sie noch wie ein Mädchen. Er hatte plötzlich das Gefühl, sie sehr zu lieben, und er ertappte sich dabei, wie er die Hand nach ihr ausstreckte. Es war eine unbewußte Geste, mit der er spüren wollte, daß er nicht allein war.

In seiner Phantasie hatte er sie schon oft auf eine ganz eigene, sehr intime Weise berührt. In seiner Phantasie war ihm alles möglich, und unter ihrem lange verweilenden, prüfenden Blick versank er dann in eine stumme Zwiesprache mit ihr. Aber sie wußte, sie verstand seine Phantasien nicht, für sie blieb er nur stumm.

Für einen kurzen Moment war sie hinter der Hügelkuppe verschwunden. Als er oben war, sah er sie in das Tal hinablaufen.

»Rita!« brüllte er. »Warte doch!«

Sie drehte sich um. »Du wirst alt, Endles!« rief sie mit überraschend heller Stimme. Dann lachte sie. Er strengte sich an, spürte alle Muskeln in seinem schwer werdenden Leib, die Glieder schmerzten. Er rannte in ihre ausgebreiteten Arme.

Es war ein Moment des Glücks. Dann sagte sie: »Hör mal, ich muß mit dir reden.«

»Mmh«, brummte er.

»Ich muß dir was erzählen.«

»Na los.«

Eine Pause entstand. Dann sagte Rita: »Ich hatte einen Traum, von dem ich glaube, daß er meine Situation wiedergibt. Soll ich ihn erzählen? Dürfte dich interessieren.«

Ohne seine Zustimmung abzuwarten, begann sie sofort zu reden. Endles hörte zu. Er schirmte die Augen mit der flachen Hand vor der Sonne ab. Er hörte, was sie sagte und war doch mit seinen Gedanken ganz woanders. Er mußte an das junge Ehepaar denken, das sie am Abend zuvor in Bitburg getroffen hatten. Merkwürdige Leute, bei deren Anblick er nach einer Weile ein unerklärliches Ekelgefühl bekommen hatte; vielleicht kam das aber auch nur vom vielen Bier an diesem Abend …

Er hörte entfernt, wie Rita ihren Traum erzählte. Wie sie von jenem heiligen Rock Jesu Christi sprach, in den sie sich eingewickelt fand, mit jenen seltsamen Blutungen an Händen und Körper; diesem Rock, der nun nach vierzig Jahren wieder einmal zur öffentlichen Verehrung im Dom zu Trier ausgestellt wurde, und darin sie, halbnackt, den Blicken preisgegeben … Endles hatte das Gefühl gehabt, als sähe der junge Mann in seiner Bitburger Stammkneipe ihn auf eine völlig unbeteiligte Weise durchdringend an, wie ein Automat, der eine Tomographie von ihm erstellen mußte, aber das war natürlich Unsinn. Und doch, diese Ähnlichkeit des Gesichts mit seinem hatte ihn sehr berührt; die ganze Gestik, bis in die Spleens hinein, etwa wenn er sich mit dem Handgelenk über die Nase wischte, stimmte überein – ein unangenehmes Gefühl hatte ihn beschlichen … Und Rita fuhr fort, von ihrer Scham zu reden, die sie im Traum befallen hatte, als sie sich tiefer in den Rock wickeln wollte und dieser vor aller Augen zerbröckelte; wie er seine jahrtausendealte Konsistenz verlor, sich auflöste in rostroten Staub, der sie nicht mehr bedecken konnte; wie sie entblößt dastand in dieser mit Wallfahrern gefüllten Kirche und plötzlich etwas mit ihr geschah, das mit Licht zu tun hatte, mit einer unvergleichlichen Helligkeit, die sie unendlich erleichterte … Ja, dachte Endles, und erst die Frau. Sie hatte tatsächlich, das konnte er beschwören, ausgesehen wie Rita vor 20 Jahren; dasselbe Lächeln, derselbe Gang, diese burschikose Stimme, nur etwas fehlte. Aber was war das? Endles zermarterte sich, das merkte er jetzt, schon den ganzen Tag den Kopf darüber. Was fehlte dieser Frau?

»Ja, das war der Traum. Merkwürdig, nicht? – Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?«

Er erschrak. Ein Sonnenstrahl traf ihn direkt ins Auge und löste in seinem Kopf einen kleinen Schlag aus.

»Hast du verstanden, was ich dir erzählt habe? Du hörst nie richtig zu.«

»Ich hör dir zu, Liebes. Weißt du nicht, daß Informatiker alles können? Vor allem zuhören. Wir hören ein halbes Dutzend Stimmen gleichzeitig.«

»Und was sagst du zu meinem Traum?«

»Großartig! Sehr bezeichnend!«

»Meinst du?«

»Klar.«

»Und weshalb?«

Endles zögerte. »Du willst dich zeigen, alle sollen dich lieben; du willst dich der ganzen Welt hingeben, den Männern, allen. Das Weibchen-Syndrom.«

»Warte du!« schrie sie auf. Lachend rannte Endles vor ihr her. Sie verfolgte ihn mit gespielter Wut. Als sie ihn nach einer Weile einholte, umarmten sie sich so heftig, daß sie das Gleichgewicht verloren und stürzten. Sie wälzten sich einen Moment lang auf dem Boden, dann standen sie wieder auf und klopften sich gegenseitig den Staub von den Kleidern. Für einen Moment standen sie ein wenig verlegen herum.

Wieder meldete sich diese Panik in seinem Inneren. Es gelang ihm nicht, sie zu vertreiben. Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her.

Rita hatte sich plötzlich abgewendet. Sie hatte etwas entdeckt.

»Schau doch mal«, sagte sie mit ungläubiger, ganz weicher Stimme. »Sieh dir das bloß mal an.«

Endles trat näher.

»Da«, sagte Rita. Sie deutete mit dem ausgestreckten Finger über die Wiesen, die sanft zum Horizont hinaufliefen. Plötzlich schien es totenstill zu werden, nicht einmal die Lerchen waren mehr zu hören. Aber von den Wiesen her erhob sich ein eigenartiger Ton. Ein leises, saugendes Geräusch, eigentlich das Gegenteil eines Geräusches, eher ein Laut, der die Töne über die Erdoberfläche auffangen und ersticken wollte.

Endles schaute. Dann zuckte er die Schultern.

»Aber sieh doch«, sagte sie. Ihre Stimme klang seltsam verwundert.

»Was?«

Er hatte das Gefühl, sie sei weit weg, in der Gewalt einer Einbildung, die ihn ausschloß.

»Die Netze dort. Die Spinnennetze. Überall. Siehst du? Bis ganz hinten, den Berg hinauf. Und rechts und links, überall Spinnennetze.«

Endles sah jetzt, was seine Frau meinte. Die Wiesen waren überzogen von dicht geknüpften Fäden, sie bedeckten den gesamten Untergrund, so weit man sehen konnte.

»Ja, Spinnengewebe«, sagte er, »wir haben Altweibersommer.«

»Endles!« Sie sah ihn an. »Schau doch richtig hin, ich habe so etwas noch nie gesehen.«

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Titel: Das Geheimnis des Ketzers - Teil 1