Lade Inhalt...

Das Geheimnis des Ketzers - Teil 3

Roman

2015 78 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Spanien im 15. Jahrhundert – eine gefährliche Zeit für alle, die nach der Wahrheit suchen. Nach jahrelangen Bemühungen ist der Forscher Adam Quintero endlich am Ziel: Er kann die Existenz einer höheren Macht beweisen! Doch er ist sich sicher, bei dieser kann es sich nicht um Gott handeln … und diese frevelhafte Behauptung macht ihn zum verfolgten Ketzer.

Wird er es schaffen, dem grausamen Zorn der Kirche zu entkommen? Und hat die gefährliche Entdeckung womöglich sogar die Kraft, die Zukunft zu verändern?

Der spannender Thriller auf zwei Zeitebenen jetzt als fesselndes Serial: Band 3 von 8

Über den Autor:

Mattias Gerwald ist das Pseudonym des Erfolgsautors Berndt Schulz, dessen Kriminalreihe rund um den hessischen Ermittler Martin Velsmann ebenfalls bei dotbooks erscheint: Novembermord, Engelmord, Regenmord und Frühjahrsmord. Er lebt in Frankfurt am Main und in Nordhessen.

Unter dem Namen Mattias Gerwald veröffentlichte er historische Romane, in denen entweder eine außergewöhnliche Persönlichkeit oder ein ungewöhnliches historisches Ereignis im Mittelpunkt steht. Er gilt als Experte für die Geschichte der europäischen Mönchsritterorden.

Für die Tempelritter-Saga schrieb Mattias Gerwald folgende Bände:

Die Tempelritter-Saga – Band 5: Die Suche nach Vineta
Die Tempelritter-Saga – Band 8: Das Grabtuch Christi
Die Tempelritter-Saga – Band 9: Der Kreuzzug der Kinder
Die Tempelritter-Saga – Band 18: Das Grab des Heiligen
Die Tempelritter-Saga – Band 20: Die Stunde des Rächers
Die Tempelritter-Saga – Band 24: Die Säulen Salomons


***

Überarbeitete Neuausgabe Dezember 2015

Die überarbeiteten Neuausgaben der Romane »Das Geheimnis des Ketzers« von Mattias Gerwald, die bei dotbooks in acht Bänden erscheinen, beruhen auf dem Roman »Der Ketzer«, der erstmals 1998 bei Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach, veröffentlicht wurde.

Copyright © der Originalausgabe 1998 bei Autor und Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung des sog. Erpho-Kreuz aus der Ausstellung »Das Reich der Salier (1992)«

ISBN 978-3-95824-561-7

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren Lesestoff aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Das Geheimnis des Ketzers an: lesetipp@dotbooks.de

Gerne informieren wir Sie über unsere aktuellen Neuerscheinungen und attraktive Preisaktionen – melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an: http://www.dotbooks.de/newsletter.html

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.twitter.com/dotbooks_verlag

http://instagram.com/dotbooks

http://blog.dotbooks.de/

Mattias Gerwald

Das Geheimnis des Ketzers – Band 3

Roman

dotbooks.

Die handelnden Personen:

1493

Adam Quintero, Arañador der katholischen Könige Spaniens

Eva, seine Frau

Ferdinand II., König von Aragon und Sizilien

Isabella, Königin von Kastilien

Luis de Santangel, Schatzmeister von Kastilien

Gabriel Sanchez, Schatzmeister von Aragon

Diego Lopez de Losa, Maler

Tomas de Torquemada, Großinquisitor

Abbo de Cuenca, Mönch des Hieronymiten-Ordens

Christophorus Columbus, Entdecker

Don Santiago, alter Müller in Aranjuez

Der Adelantado des Königs

Jerónimi, Gitano

Cesar de Cortez, Großmeister des Santiago-Ordens

Fray Antonio de Montesino, Mönch

Juan Pérez, Abt von La Rábida

Ferdinando, Portero der Alhambra

Matias, Hausbesorger

Moreno, Moslem

Don Ibn Amid, königlicher Beauftragter

Hidalgos, Folterknechte, Kardinäle, Priester, Padres, Meuchelmörder, Ermordete, Staatsbeamte, Wollhändler, Kaufleute, Flagellanten, Soldaten, Hieronymiten, Franziskaner, Benediktiner, Dominikaner, Conquistadoren, Päpste, Gitanos, Juden, Morisken, Mauren, Conversos, Ketzer, Santiagoritter, Tagelöhner, Bürger, Inquisitoren – und Kreuzspinnen.

1993

Eluard van Endles, deutscher Informatiker

Rita, seine Frau, Biologin

Alf Quint, Computerkünstler

Vera Quint, seine Frau, begabtes Medium

Aramov, Sibirjake

Baumeister, Spionageexperte

Dr. Ulert, Schweizer Astrophysiker

Dr. Scriba, Schweizer Astrophysiker

Dr. Kern, Deutscher Astrophysiker

Pater Marcellinus, Abt von Seligenthal

Agenten, Hotelbesitzer, Journalisten, Firmeninhaber, Wissenschaftler, Computerspezialisten, Gläubige, Ungläubige – und Kreuzspinnen.

3. Kapitel
Das Geheimnis des Columbus

(April 1493)

»Beim Zerstören ist jeder ein Meister …«

Christoph Columbus
(in einem Brief)

Das Dekret

Die Fahnen flatterten und knatterten im Wind der Hochebene. Der Troß der Berittenen hatte unter einer mächtigen Zeder vor den Toren Granadas angehalten. Fanfaren verkündeten den Beginn einer Rede. Gespannte Erwartung legte sich über die noch grüne, weitläufige Landschaft am Fuß der Sierra Nevada.

Ferdinand II., König von Aragon und Sizilien, ordnete die Zügel seines Pferdes und ließ sich die Schriftrolle reichen. Sein Blick flog über das Anwesen. Die Menschenmenge stand bis weit in das Tal hinab, erregt vom glänzenden Schauspiel, das sich ihren Augen bot.

»… So müssen wir, aufgrund der Beharrlichkeit, mit der die Juden versuchen, den glauben der Christen ins Wanken zu bringen … dem Rat der Prälaten, Granden und Ritter unserer Königreiche und anderer weiser und verantwortungsbewußter Personen, die unser Vertrauen genießen, folgen und befehlen, daß alle diese Juden und Jüdinnen unsere Königreiche verlassen müssen.«

Die Worte standen wie gemeißelt in der heißen Luft. Der König hatte sie mit ruhiger, würdiger Stimme, in der keinerlei Gemütsbewegung zu erkennen war, verlesen. Sein Schatzmeister Santangel saß regungslos neben ihm auf seinem Hengst und starrte geradeaus. Er versuchte, sein Entsetzen zu verbergen.

»Wie viele Sephardime wird es betreffen?« flüsterte ein Grande in den hinteren Reihen der aufmarschierten Würdenträger einem anderen zu.

»Hunderttausend und mehr«, flüsterte dieser zurück. »Alle Männer und Frauen jüdischen Blutes, wie es heißt, auch wenn sie die christliche Religion angenommen haben. Es rettet sie nicht.«

»Man hört schon, daß die ersten Juden ihren Besitz verkaufen und verschleudern, daß sie alle Jungen und Mädchen, die das zwölfte Jahr erreicht haben, verheiraten, damit die Frauen unter den Schutz eines Ehemannes kommen. Es liegt Unfrieden und unselige Gewalt in der Luft unseres herrlichen Landes, Grande.«

Von der anderen Seite des Feldes, wo die Ritterschaft aufmarschiert war, erklangen Tamburine, Trompeten und Trommeln. Nach dieser Fanfare kehrte eine unnatürliche Ruhe ein, die nur vom Knarren des Sattelzeuges, vom Schnauben einzelner Rappen und vom Krächzen zweier Geier unterbrochen wurde, die von der Hinrichtungsstätte auf einer kleinen Erhebung vor den Mauern von Granada herübergeflogen waren.

Dann sprach der König weiter.

»Wir haben die Stadtmauern der Alhambra seit dem Frühjahr 1491 belagert, und unsere allerchristlichsten Truppen haben mit Gottes Hilfe diesen heiligen Ort im November desselben Jahres befreit. Am Neujahrstag sind Wir uns unsere Königin in einem festlichen Geleit in die Alhambra eingezogen. Und der letzte granadische Emir hat vor Uns kapituliert. Heute stehen Wir wieder hier, an gleicher Stelle, und verkünden den Sieg über unseren zweiten Feind, die Juden.«

Der Schatzmeister der kastilischen Könige, Luis de Santangel, war selbst Jude. Er war, wie seine Eltern und Großeltern auch, in Kastilien geboren. Man hatte seit drei Generationen in diesem Land gelebt. Und nun dieses Dekret! Das Grauen vor den Folgen schüttelte den Mann, der seit nunmehr zehn Jahren in Diensten der spanischen Herrscher stand und ihnen treu ergeben war. Der Höfling mit dem scharfgeschnittenen Gesicht, den klugen Augen und den tadellosen Manieren war offiziell Verwalter der Privatschatulle des Königs, ein Geschäftsmann mit persönlichem Vermögen und Mitschatzmeister der Santa Hermandad, eines Städtebündnisses zur Aufrechterhaltung des Landfriedens. Hatte er nicht diese heilige Bruderschaft zum Schutz und zum Ruhm seines Königs höchstpersönlich ins Leben gerufen? Hatte er nicht den Reichtum des Herrscherhauses stets zu mehren gesucht? Konnte man ihm irgend etwas vorwerfen außer seinen Glauben? Was würde jetzt geschehen?

Santangel sah nach links hinüber. Dort saßen die Vertreter der katholischen Kirche in ihren weißen Talaren und festlich geschmückten Pferden. Ihnen kam dieses Dekret natürlich sehr gelegen. Jetzt saßen sie, im übertragenen Sinne, noch fest im Sattel. Luis de Santangel sah über die Köpfe der Kirchenmänner hinweg zu den festlich geschmückten Stadtmauern von Granada, die noch die Spuren der Befreiungskriege trugen. Dahinter erhob sich den Berg hinauf die mächtige, jetzt schon seit einem Jahr leerstehende Burg Alhambra. Der Schatten einer dunklen Wolke legte sich in diesem Augenblick darüber. Es kam Santangel wie ein Fingerzeig vor, der etwas zu bedeuten hatte. Aber die Stadt selbst glänzte weiß und unschuldig wie nach dem Frühjahrsputz in der Sonne.

Der König sprach weiter, aber das interessierte Santangel nicht mehr, denn es betraf nur höfische Regularien. Er versank in ein angestrengtes Nachdenken, das ihn seiner Umgebung enthob. Jetzt war die Zeit gekommen, Vorsorge zu treffen. Er mußte handeln. Und vor allem durfte er sich keinen, nicht den kleinsten Fehler erlauben …

An die Sorgen seines Schatzmeisters dachte der König nicht. Das sonst so gesunde Gesicht des Regenten Ferdinand II. war müde, aber sein kräftiges, halblanges Haar wehte kühn im Wind. Die aragonische Samtmütze, die mit einem Kranz ovaler Diamanten verziert war, hatte er tief in die Stirn gerückt – es sah aus, als wolle er sich damit gerüstet zeigen für die Kämpfe der nächsten Zeit. Die mittelgroße Gestalt des Königs wirkte nicht so straff wie sonst, aber seine dunklen, meist fröhlichen Augen sahen seine Untertanen hellwach an. Er war gekleidet in das goldgewirkte Herrscherornat, das die Wappen der wichtigsten spanischen Königreiche zierte, Löwe und Turm als Embleme Kastiliens, Schild und Adler als Symbole Aragons und Siziliens, der Granatapfel als Wahrzeichen von Region und Stadt Granadas. An seiner Rechten trug er das Schwert des Emirs Boabdil mit Emaillekreuz und achteckigen Sternen von kunstvollem maurischem Goldfiligran. In den Elfenbeingriff des Geschenks des letzten maurischen Herrschers war ein Spruch eingraviert, der dem Schwertträger »Erfolg im Bemühen um die Erhaltung des Lebens« verhieß.

Santangels Blick war auf das Schwert gefallen. Ein beherzigenswerter Sinnspruch, dachte er. In unsren Zeiten wird ihm leider nicht immer gefolgt. Der König selbst ist mit diesem Dekret dabei, sich dagegen zu versündigen. Aber was bedeutete für den kastilischen Herrscher schon der Sinnspruch eines abgetretenen und besiegten maurischen Emirs.

Das Pferd des Königs war in diesem Moment den Kopf zurück und wieherte wild. Der reichgeschmückte Wallach trug trotz der Hitze eine Damastdecke aus Nordafrika mit den langen Kordeln aus orientalischer Seide. Das Pferd wurde gehalten von einem Pagen mit Schwert, dessen Füße in den dünnen Lederschuhen vom Schlamm der aufgewühlten Landstraße bis zu den Knöcheln beschmutzt waren. Der Page hatte Mühe, daß plötzlich aufgeregte Tier zu besänftigen.

Und die Königin? Santangel beugte sich leicht über die Kruppe seines Hengstes und sah hinüber. Die Königin saß an der Seite des Herrschers auf ihrem Schimmel. Die kastilische Krone bedeckte ihren Kopf mit den blonden Haaren. Die Pracht und Würde ihrer Erscheinung schlug den Betrachter einmal mehr in Bann. Ihr Pferd stand, wie es sich gebührte, einen Schritt hinter dem des Königs, und Isabella blickte ihren Gatten, während dieser sein Dekret verkündete, aus ihren blaugrünen Augen respektvoll an. Eine Spur von Zweifel am Inhalt dessen, was sie hörte, war in ihren auffallend hellhäutigen Gesichtszügen nicht zu entdecken. Und so war es immer gewesen, der König und seine Königin waren immer einer Meinung, auch in Staatsgeschäften. Sie boten ihrem Volk ein Bild vollendeter Harmonie.

Isabella war elf Monate älter, zudem größer als ihr Gemahl. Sie saß hochaufgerichtet auf ihrem rassigen andalusischen Schimmel, und in ihrem prächtigen Umhang glitzerten die Strahlen der Sonne Kastiliens. Sie trug ihr goldenes Staatsgewand, über dem ein geschlitzter schwarzer Samtumhang lag. Eine Kette aus Gold und rosettenförmigen Juwelen schmückte ihren Hals, und auf der Brust trug sie eine mit Rubinen und Perlen besetzte Brosche. Ihr Gürtel war mit einem faustgroßen Ballasrubin besetzt, den fünf Diamanten umgaben. Eine wahrhaft königliche Erscheinung!

Im Abstand von drei Metern dahinter saß der königliche Sekretär Hernando de Pulgar auf seinem Hengst. Des weiteren hatten sich hinter Isabella in einer langen Reihe ihre Ratgeber, ihr Beichtvater, ihre Leibwächter und ihre Mädchen versammelt. Alle machten feierliche Gesichter. Nur eine junge, zierliche Dame mit goldbesticktem rotem Käppchen und weißem Kleid flirtete mit einem jungen Edelmann an ihrer Seite, der ihr feurige Blicke zuwarf. Die beiden nutzten das politische Großereignis für einen Ausflug in private Gefühle.

Der ganze Aufzug wurde begrenzt von Wächtern aus dem Gefolge des Königs, die in ihren leuchtenden Umhängen mit angreifenden Löwen darauf dastanden, den linken Arm in die Seite gestützt und mit dem anderen drohend die Hellebarde gereckt. Mit dieser Pose zeigten sie deutlich, daß das Feld der Versammlung gegen jedes eventuelle Aufbegehren geschützt war.

Aber wer sollte hier schon aufbegehren? Die Feinde waren bereits mundtot gemacht. Die Supréma de la Santa Inquisición marschierte im Auftrag der Könige unangefochten voran.

Santangel blickte auf zum Himmel War es wirklich sein Wille dort oben, was hier geschah? War der Herr auf der Seite der Inquisition und ihre Häscher? Haßte auch er die Juden?

Der Himmel hatte sich unmerklich bedeckt, ein Gewitter schien sich anzukündigen. Dem königlichen Schatzmeister kam die ganze Szenerie, hier vor den Toren Granadas, plötzlich unwirklich vor. Wie ein lebendig gewordenes historisches Gemälde, dem ein großer, schwärmerischer Meister dramatische Kraft eingehaucht hatte. Aber er hatte auch einen leisen Unterton der Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns und der Hybris der Macht beigefügt.

Ketzerische Gedanken

Der Großinquisitor des kastilischen Königreiches, Tomas de Torquemada, verspürte ein Jucken in der Leiste, blieb aber unbeweglich sitzen. Sein Gesicht war versteinert von dem, was er soeben gehört hatte. Bei allem Prunk des Kirchenpalastes, inmitten der Gewißheiten des Reichtums hier im erzbischöflichen Palast von Burgos wehte ihn für einen Augenblick ein Grabeshauch an. Oder war es gar die Eiseskälte aus den Tiefen der Schöpfung? Der Großinquisitor wußte es nicht. Er mußte es nicht wissen. Er wußte nur eins: daß er sich in der Hand des Allmächtigen befand.

Tomas de Torquemada trug die Zeremonientracht der Bischöfe. Das Käppchen ruhte auf seinem Kopf, der trotz gerade erreichter 28 Jahre fast kahl war. Der spitze, tiefschwarze Vollbart lag auf dem hochstehenden Kragen der weinroten Cappa magna; das Brustkreuz glänzte im Sonnenlicht, das durch die Rosetten des Palastes hereinfiel. Das silbern bestickte Rochett des mächtigen Großinquisitors, der vor seiner Ernennung durch Papst Sixtus IV. im Jahr 1483 Prior des Dominikanerkonvents Santa Cruz gewesen war, fiel in Falten herab bis zur Erde. Seine langen, von Diamanten geschmückten Finger der linken Hand umkrampften wie eine Tarantel die Armlehnen seines Throns.

Der Großinquisitor wurde von beiden Seiten flankiert von je fünf Dominikanern, den zuständigen Untersuchungsbeamten der Supréma. Um ihn herum saßen an diesem heißen Vormittag die Konventualen aus dem angeschlossenen Kloster San Lorenzo. Die Hieronymiten waren von überallher gekommen, von Yute, Cuenca, Guadalupe. Die Männer der Seelsorge leiteten sich von Hieronymus von Stridon ab und lebten nach der Augustinus-Regel. Heute war der Tag, an dem sie aus den Schriften des Hieronymus Ergänzungen für ihren Alltag im Kloster vorschlagen wollten. Der Großinquisitor mußte es zuerst hören. Dann erst konnten die Eremiten, die seit jeher von der Kirche mit Mißtrauen beobachtet wurden, die neuen Regeln in ihren Kanon aufnehmen. Ein wichtiger Tag.

Ihr Sprecher, der graubärtige Abbo de Cuenca, hatte sich dem Hohen Würdenträger zu Füßen geworfen und den Saum seines Brokats geküßt. Dann hatte er sich wieder erhoben und nach kurzem Verschnaufen das Wort ergriffen. Er hatte gesagt:

»Mächtiger und geliebter Bischof und Großinquisitor! Wir holen uns heute Rat bei unser aller Lehrer, denn vor dem Glauben gilt keine Stimme des Eigensinns. So bitten wir um Anhörung. – Unser heiliger Gründer, der Pietro Fernandez Pecha von Gudalajara, ist nun vor mehr als hundert Jahren verschieden. Der ehrwürdige Vater Gregor IX. sprach ihn heilig und bestätigte unsere Lehre. In Memoriam versammeln wir uns heute vor Eurem Angesicht, um den Eremitenkongregationen im ganzen Land ein neues, noch weiterreichendes Wirken zu ermöglichen. Dazu mögt Ihr nun unser Anliegen hören.«

Das hatte der Abbo gesagt. Aber das war es nicht, was den Großinquisitor erschauern machte. Es war das, was der Abbo folgen ließ.

»In diesem Jahr, Anno 1493, wo ein von der Königin ausgeschickter Entdecker auf der Scheibe der Erde noch immer nach Westen segelt, um den Weg in ein fernes Land namens Indien zu suchen, und wo wir hören, daß er am Rand der Erdscheibe angekommen ist und in das Schreckliche hinabsieht – an diesem Tag gerät die Harmonie der Schöpfung aus dem Gleichgewicht.«

Die versammelten Konventualen an den vier Seiten des Kapitelsaals, in dessen Mitte die prunkvolle Säule des Meisters Bautista de Toledo d.Ä. stand, ließen ein Murmeln hören. Es klang wie das unterdrückte Keifen von Hausbesorgerinnen, die sich aus Angst vor Strafe mit geschlossenen Lippen über ihre Herrinnen ausließen. In diesem Moment verspürte der Großinquisitor seinen Juckreiz in der Leiste.

»Heute, an diesem Tag«, fuhr der Hieronymit aus dem Kloster San Lorenzo fort, »zerbricht unser alter Glaube. Es ist der Glaube daran, daß die Menschen erkennen können, ob die Wege des Herrn weise sind – oder nicht.«

Das Murmeln wurde lauter. Es glich jetzt schon dem Wind, der einem Gewitter auf den Hochflächen von Neukastilien vorangeht.

Der Großinquisitor hob die Hand. Augenblicklich verstummten alle Stimmen.

»Fahrt fort, Bruder Abbo«, sagte der Würdenträger mit tiefer Stimme. »Erläutert uns, was Ihr damit meint.«

»Ich weiß, ich weiß«, fuhr der Eremit fort. »Ihr mögt denken, daß ich von etwas rede, wovon ich kein Recht habe zu reden. Doch hört mir zu. Mir ist eine Botschaft zugetragen worden. Sie kommt direkt von Bord der Santa Maria, ihr wißt, eine der drei Caravellen, mit denen dieser Columbus und seine 88 Mann starke Besatzung nach Indien fuhren. Doch dort sind sie nicht angekommen. Stattdessen haben sie an jenem Ort, wo sie tatsächlich gelandet sind, angeblich etwas gefunden, was mich fürchten lehrt, die Welt werde noch in diesem Jahr unter den Hammerschlägen des Herrn zersplittern.«

Diesmal war es schon kein Murmeln mehr. Das Gewitter war ausgebrochen. Wortblitze zuckten von den steinernen Bänken der Eremitenkongregation her, unterbrochen vom Donner des Großinquisitors. Einigen der Anwesenden schien es, als würde der Palast in seinen Grundfesten erschüttert.

»Bruder Abbo de Cuenca! Unsere Geduld hat Grenzen. Ihr wolltet doch von der augustinischen Regel und Euren … äh, Verbesserungen sprechen. Deswegen sind wir hier zusammengeeilt. Es ist der Tag des Pecha de Gudalajara, Eures Gründers, der Tag der Neubesinnung Eures ehrwürdigen Ordens. Also halte er Uns kein Exerzitium, Mönch!«

»Vergebt mir, Eure Heiligkeit, vergebt mir, Großinquisitor! Ich bin mir dieses Tages bewußt! Doch was mir zugetragen wurde, stellt diesen Tag und unsere Absichten in Frage. Darf ich weitersprechen?«

Der Großinquisitor rutschte auf seinem mit weinroten Polstern ausgeschlagenen Thronsessel aus libyschem Zedernholz hin und her. Ihn plagten sowohl Hämorrhoiden als auch die ständig gegenwärtige Furcht vor ketzerischem Tun. Nach einem Augenblick des Nachdenkens donnerte er:

»Abbo de Cuenca! Ihr werdet zu begründen haben, worin Ihr Euch soeben in Andeutungen ergangen seid. Ich hoffe, Ihr wißt, wovon Ihr sprecht. Wenn Ihr Uns tatsächlich so wichtige Dinge mitzuteilen habt, wie Ihr behauptet, dann redet endlich. Kommt auf den Grund Eurer Bemerkungen zu sprechen.«

Der eisgraue Eremit holte tief Luft. Er zitterte am ganzen Körper. Doch als er seine Stimme erhob, war sie fest wie die Burg Gottes.

»Mich ereilt folgende Kunde. Aber um sie darzulegen, muß ich ein wenig ausholen …«

Der Großinquisitor schlug die Augen zum Himmel beziehungsweise zur Decke des Kapitelsaales auf, sagte aber nichts. So konnte der Abbo fortfahren.

»… Wie Ihr alle wißt, ehrwürdige Herren und Brüder, leben wir im Zeitalter der Siege des Glaubens. Kastilien und Aragon sind nach langen, unseligen Kämpfen, ja Brudermorden seit 13 Jahren vereint. Wie die großen Ströme durch Aufnahme von Nebenflüssen ständig anwachsen, vereinte sich unser Reich und wuchs mächtig durch die Heirat zwischen Ferdinand, dem König von Aragonien, und Isabella, der Königin von Kastilien. Die Macht des hochmütigen Adels ist gebrochen, das Königreich unter dem Segen der Kirche erstarkt wie der Glaube an Gott den Allmächtigen. Nun ist seit dem 2. Ennero des vorigen Jahres auch Granada zurückerobert; die 700jährige Herrschaft der Ungläubigen ist beendet, die Reconquista erfolgreich abgeschlossen. Boabdil und die Mauren haben sich in die Berge der Alpujarra zurückgezogen, wo sie zwar freie Religionsausübung verlangen, aber – das sehe ich voraus – bald bis auf den letzten Mann blutig aus unserem Land vertrieben sein werden.«

Zustimmendes Gemurmel von den Anwesenden. Die Spinnenfinger des Großinquisitors trommelten ein ungeduldiges, knöchernes Stakkato auf die Sessellehnen. »Nun, und!« grollte er.

Der Abbo überhörte es und fuhr fort:

»Umsonst gelebt zu haben, schmerzt jeden an der Neige dieses großen Jahrhunderts, deshalb ist es für die Christenheit ein so wichtiger Triumph, alle im Glauben wiedervereint zu sehen. Wir leben im Herrn. Die Kirche war nie mächtiger. Um so furchtbarer ist der Schatten, der nun über uns fällt. Es ist nicht mehr der Schatten der Morisken, es ist der Schatten des Antichrist selbst, der sich seit der Reise des Genuesen zu den Rändern der Erdscheibe über uns legt.«

Der Abbo machte eine Pause. Die Rede strengte ihn sichtlich an. Oder war es die Erregung über das, was er nun zu sagen hatte, die ihm den Atem raubte?

»Ihr wißt, daß die uns heute bekannten Wissenschaften und Techniken eine Domäne der Juden sind. In diesen Bereichen, so heißt es, sei der Antichrist am Werk. Mathematik, Chemie und Astronomie seien des Teufels. Die Kunde, die ich überbringe, ist in einer Schrift verewigt, welche ich bei mir trage. Ich werde die Botschaft vorlesen – und dann noch eine andere, noch erschreckendere.«

Der Eremit kramte eine Schriftrolle aus seiner Kutte. Er entrollte sie und las:

»… Später sahen wir nackte Leute, und der Admiral fuhr mit einem bewaffneten Boot an Land. Der Admiral rief Rodrigo Sanchez aus Segovia und Rodrigo de Escorbedo, den Schreiber der gesamten Flotte, und befahl ihnen, in gutem Glauben zu bezeugen, wie er vor aller Augen, im Namen des Königs und der Königin, von dieser Insel Besitz nahm. Plötzlich trat eine nackte weibliche Person auf ihn zu, schwarz wie die Nacht in Granada bei Neumond und stellte ein Gerät vor den Admiral. Und als er hindurchschaute, da glaubte er etwas zu sehen. Er sah … sich selbst, verkehrt herum auf dem Kopf, und er starrte sich selbst entsetzt an und wich zurück. Und die Frau deutete auf das Gerät und sagte etwas, das wie ›Foto‹ klang, ›Foto‹ …«

Die Unruhe in der Versammlung der Konventualen aus den Klöstern war nicht zu überhören. Das Wort »Foto« wurde immer wieder gewispert. Aber der Großinquisitor sagte kein Wort. Also fuhr der Abbo fort.

»Dann hielt die Schwarze plötzlich etwas in den Händen und überreichte es dem Christophorus Columbus. Und als er es ansah, wurde er bleich. Er befahl seinen Männern, die Musketen anzulegen. Denn auf dem gegerbten Antilopenleder, das er in den Händen hielt, befand sich eine Zeichnung. Und auf dieser Zeichnung war in Bildern alles genau abgebildet, war wir in den vergangenen 24 Monaten in der Heimat und danach während der Reise ans Ende der Welt erlebt und gesehen hatten … Ereignis für Ereignis, Tag für Tag …«

Die Stille, die nun einkehrte, war schmerzhaft. Sie kündete von einem Erschrecken, das mit Worten nicht zu betäuben gewesen wäre. Der Großinquisitor räusperte sich, dann sagte er langsam:

»Das ist unmöglich, Abbo de Cuenca!«

Der Abbo verbeugte sich demütig. »Ich weiß, Ehrwürden und Großinquisitor, es ist unmöglich. Aber doch ist es so gewesen. Ich weiß es deshalb, weil ich das Leder, von dem in der Schriftrolle die Rede ist, inzwischen besitze. Es ist eine erschreckend genaue Zeichnung in kunstvollster Ausführung, und dabei doch nur eine Bildergeschichte dieser Wilden, die nicht lesen und schreiben können. Sie nennen es ›Die Saga‹. Hier ist es.«

Bei diesen Worten war der Tumult nicht mehr zu verhindern. Die Mönche sprangen von den Sitzen auf und stürmten auf den Abbo zu. Alle wollten das geheimnisvolle Antilopenleder sehen. Vergeblich versuchte Tomas de Torquemada an Würde und Auftrag der Versammlung zu gemahnen. An diesem Tag war an eine Erörterung der klösterlichen Regeln der Hieronymiten von San Lorenzo de Losa nicht mehr zu denken.

Der Mönch

Im Gegensatz zum Kardinalspalast von Burgos, dem vorläufigen Zentrum der spanischen Macht und Ort von kirchlichen und weltlichen Intrigen aller Art, lag das Kloster San Pantalon de Losa im tiefsten Frieden.

Kirche und Mönchsgebäude waren weithin in der kastilischen Landschaft zu sehen. Die 300 Jahre alte Anlage befand sich auf einem hochaufragenden Felsrelief, das nach Osten hin schroff zu einer verkarsteten Wiesenlandschaft mit Wacholderbüschen und wildwachsenden Olivenbäumen abfiel. Im Tal schäumte ein Wildbach, aus dem die Hieronymiten ihren Vorrat an Fischen sowie an schmackhaften Bibern und Wasserratten bezogen, die, weil im Wasser lebend, als Fische galten. Eine feierlich anmutende Stille lag über der Landschaft, und das kleine Kloster auf dem Felsen ragte so weit in den Himmel, als sei es längst der Erde und seinen Alltagsgeschäften entrückt.

Aber das täuschte gewaltig.

Im Inneren herrschte an diesem frühen Morgen schon geschäftiges Treiben. Es hatte soeben sechs Uhr geschlagen, und die frommen Mönche waren bereits seit zwei Stunden bei der Arbeit. Ihr Tag war verplant und fest im Griff der liturgischen und auch er profanen Tätigkeiten. Die Matutin war längst vorüber, im nächtlichen Gebet hatte man sich versammelt und danach die seelsorgerischen Tätigkeiten der Mönche verteilt, die in den umliegenden Dörfern geleistet werden mußten. Die liturgischen Regeln des Klosters bestimmten nicht nur den Jahresverlauf mit seinen großen theologischen Höhepunkten, sondern jeden einzelnen Tag. Armut, Keuschheit und Gehorsam waren für die Mönche eine Selbstverständlichkeit. Aber nicht nur für das seelische, sondern auch für das leibliche Wohl mußte gesorgt werden. Der Speiseplan war streng festgelegt, die drei Mahlzeiten täglich mußten vorbereitet werden.

Die Stunden, Tage und Jahre in der Einöde verrannen im Dienste des Herrn und in der Besorgnis ums Überleben.

Der Abbo de Cuenca verließ soeben das Sommerrefektorium, in dem er die Schreibarbeiten überwacht hatte. Die Brüder übersetzten dort seit Anfang April die Bibel ins Aragonische. Der Abbo machte sich auf den Weg hinauf über die Treppe der Toten zur Kirche. Dort erwartete ihn ein besonderer Besuch.

Schwer schnaufend erklomm der Mönch die 68 ausgetretenen Stufen. Er erreichte das Tor der Tierkreiszeichen am Ende der Treppe und blieb einen Moment nach Atem ringend stehen. Sein Blick fiel auf die kunstvolle Steinmetzarbeit im Gewände des Tores, die drei Sternzeichen darstellte: Den Capricornus, den Sagitarius und den Scorpio. Der Abbo selbst war im letzteren Sternzeichen in der Mitte des November geboren. Und jedesmal, wenn er hier stand, wußte er, daß in seiner Sanduhr ein weiteres Korn des Lebens unwiderruflich ins Glas hinabgeronnen war. Unwiderruflich! Wieder ein Tag näher zum Herrn und der ewigen Seligkeit. Der Abbo bekreuzigte sich. Memento mori.

Der Hieronymit schritt mit feierlichem Gang durch das Tor hindurch. Er betrat den Innenraum der dreischiffigen Basilika. Leiser Gesang der Chorbrüder lag in der Luft, es roch nach Weihrauch und Myrrhe.

Der ehrwürdige Kirchenmann war schlicht gehalten. Das hohe Mittelschiff, durch das der Abbo jetzt ging, trug die Fresken der Leidensgeschichte, die Decke war in Weiß und Blau ausgemalt. Sonst gab es keinen Schmuck. Die beiden niedrigen Seitenschiffe der Basilika glänzten im Licht der Opferkerzen. Der Abbo liebte seine Kirche, sie war Heimat und Begegnungsstätte mit Gott, Ort der Gespräche mit den Brüdern und auch des stummen Zusammenseins mit seiner Ordensgemeinschaft. Hier war er einst, in der Andacht vertieft, auf die Gedanken gekommen, die ihm jetzt den hohen Besuch eintrugen.

Er bekreuzigte sich erneut und sank auf die Knie, verharrte einen Moment im Gebet und erhob sich wieder. Er verließ den Kirchenraum durch ein kleines Portal neben dem Chor und trat in den Kreuzgang. Hier in der atriumartigen, rechteckigen Anlage, die sich an die nach Osten ausgerichtete Kirche anschloß, stand schon sein Besucher. Er war gekleidet, ja fast unkenntlich gemacht durch die schwarze Kutte der Eremiten mit der Kapuze. Er wollte unerkannt bleiben, und das hatte seinen Grund. Es war der Großinquisitor.

Autor

Zurück

Titel: Das Geheimnis des Ketzers - Teil 3