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Die Provençalin

Historischer Roman | Die Fehde zweier provenzalischer Adelsfamilien

©2023 864 Seiten

Zusammenfassung

Romeo und Julia in der Provence: Der opulente historische Roman »Die Provençalin« von Frederik Berger jetzt als eBook bei dotbooks.

Wenn Liebe in Hass umschlägt … Die Provence in der Blütezeit der Renaissance: Die schöne Madeleine wird von vielen Edelmännern umworben, auch vom mächtigen Jean Maynier. Als sie ihn abweist, und einen anderen heiratet, so wie von ihr verlangt wird, kann er diese Schmach nicht hinnehmen – und beginnt, hasserfüllt Intrigen zu spinnen, die ihren grausamen Höhepunkt erreichen, als viele Jahre später sich ausgerechnet sein Sohn Pierre in Madeleines Tochter verliebt. Madeleine muss hilflos mitansehen, wie der fanatische Patriarch nicht nur das Leben ihrer Familie, sondern auch das seines einzigen Sohnes und Erben zu zerstören droht: Wird Rachsucht beide Familien ruinieren – oder kann am Ende die Liebe siegen?

Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der farbenprächtige Historienroman »Die Provençalin« von Frederik Berger wird alle Fans von Rebecca Gablé und Matteo Strukul begeistern! Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Leseprobe

Über dieses Buch:

Wenn Liebe in Hass umschlägt … Die Provence in der Blütezeit der Renaissance: Die schöne Madeleine wird von vielen Edelmännern umworben, auch vom mächtigen Jean Maynier. Als sie ihn abweist, und einen anderen heiratet, so wie von ihr verlangt wird, kann er diese Schmach nicht hinnehmen – und beginnt, hasserfüllt Intrigen zu spinnen, die ihren grausamen Höhepunkt erreichen, als viele Jahre später sich ausgerechnet sein Sohn Pierre in Madeleines Tochter verliebt. Madeleine muss hilflos mitansehen, wie der fanatische Patriarch nicht nur das Leben ihrer Familie, sondern auch das seines einzigen Sohnes und Erben zu zerstören droht: Wird Rachsucht beide Familien ruinieren – oder kann am Ende die Liebe siegen?

Über den Autor:

Frederik Berger (geboren 1945 in Bad Hersfeld) unterrichtete nach dem Studium der Literatur- und Sozialwissenschaften an einem bayerischen Internat, arbeitete anschließend als Literaturwissenschaftler und Journalist, lebte einige Zeit im englischen Cambridge und in der Provence, bevor er hauptberuflich Schriftsteller wurde. Neben Gegenwartsromanen, Sachbüchern und zahlreichen Aufsätzen verfasste er verschiedene historische Romane über den Glanz und den Schatten europäischer Adelsfamilien. Frederik Berger reist viel und ist begeisterter Fotograf. Er lebt mit seiner Frau in Schondorf am Ammersee.

Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine historische Romantrilogie »Das Siegel der Farnese« mit den Bänden »Die Geliebte des Papstes«, »Die Tochter des Papstes« und »Die Kurtisane des Papstes«. Außerdem erschienen seine opulenten historischen Romane »Die heimliche Päpstin« und »Die Provençalin«. Weitere Titel sind in Vorbereitung.

Die Website des Autors: www.frederikberger.de

Der Autor auf Instagram: www.instagram.com/fritzgesing/

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eBook-Neuausgabe August 2023

Copyright © der Originalausgabe 1999 Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin

Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Kiselev Andrey Valerevich, Yakutsenya Marina

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fb)

ISBN 978-3-98690-797-6

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Frederik Berger

Die Provençalin

Historischer Roman

dotbooks.

Kapitel 1

1515

Der erste Pfeil hatte den Keiler nur leicht verletzt. Mit dem zweiten Pfeil mußte Jean Maynier, Baron d’Oppède, einen seiner besten Jagdhunde töten, nachdem die Hauer ihm den Bauch aufgerissen hatten. Aber nun wurde der Keiler auf eine kleine Lichtung getrieben und eingekreist. Hechelnd verharrte das Tier, blutigen Schaum vor dem Maul. Jean Maynier spannte den Bogen, bis er zu brechen drohte. Seit Tagen schon jagte er den Keiler quer durch den Luberon, diesmal gab es für ihn kein Entrinnen mehr. Der Pfeil schwirrte von der Sehne, aber zu spät, einen Augenblick zu spät hatte er losgelassen. Der Keiler griff ihn an, der Pfeil steckte im Widerrist. Jean Maynier warf den Bogen zur Seite und riß den Sauspieß an sich, er wollte ihn gegen das heranrennende Tier richten, aber reagierte zu spät, er konnte sich nur noch zur Seite werfen, gerade noch rechtzeitig. Einen winzigen Augenblick verharrte er Auge in Auge mit diesem schwarzen, wutschnaubenden Abgesandten des Teufels, dann hetzte der Keiler an ihm vorbei und entkam ins Dickicht.

Keuchend richtete Jean Maynier sich auf, starrte auf die zerknickten Zweige und stieß einen wilden Fluch aus. Auf dem Boden die Blutspur. Schweiß rann ihm in die Augen. Benommen betrachtete er die blutenden Kratzer an Armen und Beinen, fühlte aber keinen Schmerz. Aufbrüllend griff er nach dem Spieß und rammte ihn in den nächsten Baumstamm. Aber es nützte nichts, er hatte den Keiler nicht töten können, obwohl er ihn in seiner Jagdgier bis zur Erschöpfung verfolgt hatte. Daß der Keiler jetzt langsam verenden würde, irgendwo in einem Dornengestrüpp versteckt, mit zwei Pfeilen im Rücken, bedeutete nichts als Schmach und Erniedrigung für ihn, den Jäger.

Jean Maynier hob den Bogen auf, zog den Spieß aus dem Baumstamm und stapfte, die Hunde im Schlepptau, zu seinem Rappen, der nicht weit entfernt ruhig graste. Noch immer rann ihm der Schweiß übers Gesicht, und Durst plagte ihn. Er schwang sich in den Sattel und gab dem Pferd die Sporen.

Nach einem kurzen Ritt durch das Vallon du Châtaignier näherte Jean Maynier sich zwei großen grauen Felsbrocken, zwischen denen ein schmaler Pfad zu einem im Wald versteckten Weiher hinabführte. Vor längerer Zeit schon hatte er ihn gemeinsam mit seinem Jagdgenossen, Kommilitonen und Freund Raymond d’Agoult entdeckt, und seitdem suchte er ihn immer wieder auf, wenn er nach der Jagd Erfrischung oder auch nur Ruhe zum Nachdenken brauchte. Obwohl er einen halben Tagesritt von seinem Heimatort Oppède entfernt auf dem Gebiet der Agoults lag, war er sein Lieblingsort im ganzen Gebirgszug des Luberon geworden. Doch hatte er hier seit der gemeinsamen Entdeckung nie mehr eine Person aus der Familie der Agoults getroffen, auch nicht seinen Freund.

Zur Zeit war dies ohnehin unmöglich, weil Raymond als schwerbewaffneter Ritter, in voller Rüstung und begleitet von einem guttrainierten Fußtrupp, mit dem König nach Italien zog, um Mailand zu erobern. Ja, im Gegensatz zu ihm war Raymond in der Lage, sich einen solchen Aufwand zu leisten. Als junger Herr von Lourmarin war er reich und konnte darauf hoffen, von François, dem jungen König, mit dem er eine Weile gemeinsam aufgezogen worden war, ein lukratives Amt zu erhalten und Ländereien, vielleicht sogar in dem kultivierten Italien, von dem alle schwärmten.

Jean Maynier band sein Pferd an einen Baum, riß sich seine Jagdkleidung vom Leib und stürzte sich ins Wasser. Ein paar Schwimmzüge lang tauchte er unter, schwamm dann prustend bis zum anderen Ufer und paddelte anschließend gemächlich zurück. Über ihm der Himmel in einem klaren Blau, die große Kastanie streckte ihre Äste weit ins flirrende Licht. Erfrischt von der Abkühlung, fühlte er seine Kräfte zurückkehren. Und auch die Wut verschwand. Niemand wußte von seiner Niederlage, zu beichten gab es nichts. Beim nächsten Keiler würde er nicht mehr zögern, er würde seinen Spieß ihm bis ins Herz rammen und ihn zur Hölle schicken, ohne Gnade.

Er ließ sich auf dem Wasser treiben und genoß die weiche Stimmung des späten Nachmittags. Er fühlte wieder die Stärke seiner zwanzig Jahre. Zwar konnte er sich nicht mit der Eleganz Raymonds messen, aber an Kraft übertraf er ihn bei weitem. Einmal hatte ihm Raymond seinen Harnisch leihen wollen. Es war ihm nicht gelungen, ihn anzulegen, weder Schultern noch Brust ließen sich hineinpressen.

»Du hast eine Brust wie ein Stier«, hatte Raymond bewundernd bemerkt, aber dann noch angefügt: »Bietest aber auch den Lanzen des Gegners ein größeres Ziel.« Und dann hatte er gelacht.

Plötzlich hörte Jean Maynier vom anderen Ufer her ein Knacken. Er wagte kaum zu atmen, ließ sich langsam unter einen überhängenden Zweig treiben. Vielleicht doch noch unvermutetes Jagdglück? Nein, Stimmen drangen herüber, von Beerensammlerinnen wahrscheinlich, Frauen und Mädchen aus den Dörfern der Agoults, die sich bis hierhin verirrt hatten. Auf den Wegen und an den Feldrändern begegnete er ihnen gelegentlich, aber selten blickte er in freundliche Gesichter. Schuldbewußt beugten sie ihr Haupt oder wandten sich ängstlich ab, – als hätte er den bösen Blick, als wollte er sie ins nächste Gebüsch zerren wie ein ausgehungerter Landsknecht, er, Jean Maynier, Baron d’Oppède, der Sohn des viel zu früh verstorbenen Accurse Maynier, des päpstlichen Gesandten in Venedig! Diese armseligen Waldenser, die auf verlauste Wanderprediger hörten, drehten ihm dem Rücken zu, bückten sich, als wollten sie etwas aufheben, er kannte sie, die Vollkommenen, die sich über andere Menschen erhaben fühlten ...

Helles, fröhliches Lachen! Durch das Unterholz brach eine Gruppe junger Mädchen in langen luftigen Gewändern, sie umringten eine Frau von siebzehn oder achtzehn Jahren, die sich nun die Spangen aus ihrem braunen Haar nahm. Lockig fiel es ihr über die Schultern. Ein Mädchen griff nach einer Schlaufe, ein anderes öffnete den Gürtel, sie streiften ihr tatsächlich das Kleid ab, die Riemen an den Sandalen wurden gelöst. Nun stand sie nackt am Ufer. Alle kicherten sie und schauten sich vorsichtig um, streiften ebenfalls ihre Kleider ab. Die junge Frau fuhr mit ihren Händen in ihre Haare, schüttelte lustvoll den Kopf, und die Mähne legte sich über Rücken und Brust.

Jean Maynier hielt die Luft an und drückte sich noch tiefer unter die Zweige. Er schielte nach seinen Pferd, das zum Glück hinter einem Baum graste, und zischte den Hunden zu, auf ihrem Platz zu bleiben. Aufrecht saßen sie auf ihren Hinterpfoten und beobachteten genau, was sich am gegenüberliegenden Ufer abspielte.

Die Nacktheit blendete ihn. Ein Teil der Mädchen plantschte schon im Wasser, nur die Herrin stand noch, ein Bein leicht angewinkelt. Ihm war inzwischen klar, wer ihn so blendete: Madeleine d’Agoult, Raymonds Schwester, die Großnichte des Marschalls von Trivulce und künftige Erbin von Cental. Mit ihrem Bruder gehörte sie zu einer der reichen Adelsfamilien, die die Fremden aus dem Piemont hergerufen hatten, das Waldenserpack, diese häretische Pest.

Einmal, als er mit Raymond von der Jagd nach Lourmarin zurückgekehrt war, hatte er Madeleine über den Hof huschen sehen. Später stellte Raymond sie ihm vor, und er durfte mit ihr ein paar Worte wechseln. Damals war sie noch jünger, eine Rosenknospe, aber heute war sie voll erblüht, eine Frau, die auf ihre Bestimmung wartete.

Vorsichtig steckte sie ihren Zeh ins Wasser und sprang zurück, als ihre Dienerinnen sie naßspritzen wollten.

Jean Maynier, gefangen von dem Anblick, suchte nach Worten für ihre Schönheit: Wie die Morgenröte brachte sie Licht in das Dunkel des Waldes, ihr Leib wie Elfenbein, die Haut wie Pfirsich, und runde, weiche Hüften hatte sie, die festen Schenkel von Susanna, von Bathseba, Brüste wie die Zwillinge der Gazellen ... Er suchte nach weiteren Vergleichen. Eine Göttin war sie, Diana ...

Madeleine stürzte sich nun in den Weiher, juchzte auf, das Geplätscher und helle Lachen verstärkten sich.

Was sollte er tun, wenn die Hunde anschlugen? Sollte er aus dem Wasser steigen, nackt wie Adam, und die schöne Madeleine bis auf den Tod erschrecken? Würde sie aufschreien, fliehen, ihn verfluchen? Würde sie sich rächen wollen und ihm ihren Bruder auf den Hals hetzen? Nein, den Bruder sicher nicht, denn er marschierte zur Zeit auf Mailand zu. Vielleicht ihren Cousin Louis?

Jean Maynier mußte ein Auflachen unterdrücken. Louis de Bouliers, wie er selbst Studiosus in Aix, war zwar Herr über La Tour d’Aigues und reiche Ländereien im fruchtbaren Süden des Luberon, aber als Frauenrächer denkbar ungeeignet. Wenn er wollte, könnte er Louis mit einem Schlag zu Boden strecken. Woran er aber nicht dachte, denn als Waffenbrüder des Geistes hockten sie gemeinsam in den juristischen Vorlesungen, repetierten abends ihre Skripte und gingen anschließend noch einen Becher Wein trinken in der Weißen Lilie. Vergnügten sich sogar gemeinsam im Badehaus der Rue Saint Jacques. Louis war kein Kämpfer, aber ein netter Kumpan. Genauso wie der meist fröhliche Raymond ein netter Kumpan war und sich zum Beispiel nie damit brüstete, daß die Grafen d’Agoult seit Jahrhunderten in der Provence ansässig waren und geholfen hatten, sie von den Sarazenen zu befreien – uraltes Blut im Vergleich zum Blut seiner Familie, die die Baronie von Oppède erst von Papst Alexander VI. erhalten hatte.

Die Mädchen stiegen wieder aus dem Wasser. Die schöne Madeleine wurde sorgsam abgetrocknet. Sie setzte sich auf einen Baumstamm, und eine ihrer Gespielinnen reinigte ihre Füße, eine andere kämmte die nassen Locken. Die nackten Körper wurden nun wieder von den Gewändern bedeckt, die Haare hochgesteckt und Zöpfe geflochten. Das lustige Geschnatter und Gekicher hörte nicht auf. Jean Maynier merkte, wie ihm kalt wurde, aber er wagte sich nicht zu rühren. Niemand durfte ihn entdecken, das Geheimnis dieser süßen Augenweide mußte er für sich behalten. Die schöne Madeleine. Die reiche Madeleine. Madeleine und Jean Maynier. Madeleine Maynier, Baronesse d’Oppède. Die Mutter vieler Söhne. Die Gattin des Herrschers über den Luberon. Mochten seine Eltern auch nicht mehr leben, seine Studien beider Rechte machten Fortschritte, die Professoren betrachteten wohlwollend seine Leistungen, er war nicht nur stärker als der mickrig geratene Louis, sondern lernte auch schneller. Vielleicht würde er später einmal die lange Robe anziehen und Recht sprechen am Obersten Gerichtshof der Provence. Oder in der kurzen Robe einer der Heerführer des Königs werden.

Zwischen seinen Brauen bildete sich eine tiefe Falte. Er, dessen Schwerthieb einen Baumstamm durchtrennte, der sein Pferd beherrschte wie kein zweiter und mit der Lanze jeden Gegner aus dem Sattel gehoben hätte, er hatte als Ritter dem König nicht nach Italien folgen können, um sich dort zu bewähren und Ruhm zu ernten. Und trotzdem würde ihm die Zukunft offenstehen. Sie mußte ihm offenstehen! Warum sollte er also nicht die schöne Madeleine begehren?

Er konnte sich nicht sattsehen an den langen, weichen Haaren, an dem heiteren Gesicht, an der glatten Haut. Eine solche Frau mußte gesunde Söhne gebären. Und mußte, auch wenn dies vor Gott vielleicht nicht wohlgefällig war, im Bett Freude bereiten. Heiratete er sie, wäre er Raymonds Schwager und angeheirateter Cousin von Louis – sie wären die drei Brüder aus dem Luberon und stark in ihrer Gemeinsamkeit. Der eine würde Erster Präsident des Obersten Gerichtshofs von Paris, der andere Konnetabel, oberster Heerführer, und der dritte Kanzler von Frankreich. Die Triumvirn aus dem Luberon würde das Königreich beherrschen!

Sein Körper zitterte inzwischen vor Kälte, und die Hunde begannen, leise zu jaulen. Der Rappe rupfte ungerührt die Gräser am Rande des Wassers. Am gegenüberliegenden Ufer war es ruhiger geworden. Er sah die fröhlichen Mädchen nicht mehr, hörte sie aber noch im Walde tollen.

Endlich konnte er das Wasser verlassen.

Er schob seinen Körper zum Ufer und mußte sich der Hunde erwehren, die an ihm hochsprangen. Schnell schlüpfte er in seine Kleider. Er merkte erst jetzt, wie zerrissen und schmutzig sein Jagdkittel war. Als er sich aufs Pferd schwingen wollte, warf er noch einmal einen Blick zum anderen Ufer hinüber.

Da stand sie plötzlich, die schöne Madeleine, die Göttin, stand allein zwischen zwei mächtigen Baumstämmen, ihr bis zum Boden reichendes Gewand unter dem Busen zusammengebunden, die Haare hochgesteckt, die Arme frei – und schaute zu ihm herüber. Sein Atem stockte.

Kurz hob sie die Hand und verschwand im Dunkel des Waldes.

Sie hatte ihn gegrüßt! Daran gab es keinen Zweifel. Und hatte sie ihn erkannt? Sie mußte ihn erkannt haben, den Freund ihres Bruders. Aber sie mußte ihn auch ohne Kleidung gesehen haben. Triefend vor Nässe, mit haariger Brust und ohne Lendenschurz. Sie waren sich, wie das erste Menschenpaar, nackt begegnet, im paradiesischen Zustand, und hatten einander erkannt!

Jean Maynier stand neben seinem Pferd. Er starrte auf den dunklen Schatten des Waldes, in dem Madeleine verschwunden war, und wußte, er war seiner Liebe, seinem Schicksal begegnet.

Kapitel 2

1515

Benedictus Dominus, Deus meus, qui docet manus meas ad proelium, et digitos meos ad bellum. Gepriesen sei der Herr, mein Gott, der meine Hände übt zum Kampf und meine Faust zum Krieg ...

Es war kalt in der Kapelle, in der sie für den Sieg des Königs in Italien beteten und für die gesunde Rückkehr von Raymond d’Agoult, der keine Kosten gescheut hatte, sich dem jungen Abenteurer François anzuschließen, der, kaum war der alte König gestorben, nicht umhin konnte, sein Glück im Kampf um Mailand und Italien zu suchen.

Madeleine saß zwischen ihrem Cousin Louis und Jean Maynier, der gebeten hatte, bei der Andacht dabeisein zu dürfen. Ihre Großmutter hatte sie neben Louis gesetzt, aber noch bevor ein anderer sich zu ihrer Linken niederlassen konnte, kniete dort schon Jean Maynier und vertiefte sich inbrünstig seufzend in sein Gebet. Kurz drehte Madeleine sich zu ihrer Großmutter um, zu ihren Eltern, die nun ebenfalls erschienen waren und die Stirn runzelten über den jungen Mann, der diesen Platz, der einem Gast nicht zustand, so ungeniert eingenommen hatte. Natürlich kannten sie ihn, den Baron d’Oppède, aber ...

Misericordia mea, et refugium meum: susceptor meus, et liberator meus. Du mein Erbarmer, meine Zuflucht, mein Schirmer Du und mein Erretter ...

Madeleine konnte sich schlecht auf Pater Julius’ Worte konzentrieren. Er leierte sein Gebet herunter, schien sie aber gleichzeitig zu beobachten. Noch am Abend zuvor hatte sie bei ihm beichten müssen und Ablaß erreicht nur durch viele Ave Marias und das Versprechen, eine Gans zu liefern und einen Taler für die heilige Mutter Kirche und ihren Kampf um Gerechtigkeit und Gnade ...

Protector meus, et in ipso speravi. Mein Hort, auf den ich baue ...

Sie zog ihre altmodische Haube, die sie nur noch bei der Messe trug, tiefer ins Gesicht und schlug sich ihr seidenes Tuch um den Hals. Wie ein drohender Gott hing der Gekreuzigte über ihr. Er schaute grimmig, obwohl er doch die Welt erlösen sollte, und Pater Julius, der so hieß wie der kürzlich verschiedene Heilige Vater, schaute nicht minder grimmig auf sie ...

... qui subdit populum meum sub me. ... der Völker mir zu Füßen legt.

Außerdem war die Kapelle der kälteste Ort im ganzen Schloß. Pater Julius liebte sie, er dehnte gewöhnlich die Beichte aus, bis sie ihm alles gestanden hatte, bis sie auch den letzten sündigen Gedanken aus den verschlossenen Kammern ihres Herzens hervorgeholt hatte. Er wollte jede Regung genau wissen, denn sonst, so drohte er, würde Gott der Herr seine Hand abziehen von seiner Magd, und die heilige Mutter Kirche ...

Domine, quid est homo, quia innotuisti ei? Was ist der Mensch, o Herr, daß Du Dich um ihn kümmerst?

Madeleine hatte ihm von der Begegnung am Weiher erzählen müssen. Sie fand nichts Sündiges dabei, an einem schönen Tag im Wald nach Beeren zu suchen und dann im Wasser den Körper zu erfrischen und zu reinigen. Aber Pater Julius sprach von unzüchtigen Gedanken, sprach von den Versuchungen der Nacktheit, von Jungfräulichkeit und Keuschheit.

»Aber wir haben doch nur im Wasser geplantscht«, entgegnete sie ihm.

»Domine, disperde suberbos«, flüsterte er, »zerstreu die Stolzgesinnten.«

Sie war nicht stolz, obwohl sie eine Agoult war und Bruder Julius aus einem verarmten Apter Geschlecht stammte, aber die Mönche hatten sich schon immer minderwertig gefühlt, weil ihre Brüder die Erben und Titelträger waren und sie ins Kloster abgeschoben wurden. Sie verdammten in ihren Predigten den Reichtum und häuften ihn in ihren Klöstern und Kirchen an, sie erhoben den Zehnten und Ablaßgelder und ließen sich alles bezahlen, sie predigten Keuschheit und ließen doch keine Gelegenheit aus ... Nein, Madeleine wollte es sich nicht vorstellen. Sogar in Rom, hatte Raymond ihr mit spöttischem Lachen erzählt, sollte es Huren geben, und nicht einmal die Kardinäle seien frei von Versuchungen ...

Aut filius hominis, quia reputas eum? Was ist ein Menschenkind, daß du es achtest?

Daß ein nackter Mann am anderen Ufer stand, hätte sie Pater Julius beinahe verschwiegen. Aber dies wäre wieder eine Sünde gewesen, und Gott sah sowieso alles. Sie erwähnte, einen fremden Mann am Weiher gesehen zu haben und dann schnell weggerannt zu sein. Vor Gottes Augen waren alle Menschen nackt, die Jungfrau Maria würde es ihr verzeihen, daß sie ... Sie erwähnte nicht, ihn erkannt zu haben, den Freund ihres Bruders. Sie sei sofort in den Wald zurück und nach Hause geeilt, erklärte sie in das begierige Schweigen hinein, und habe einen Rosenkranz gebetet.

Homo vanitati similis factus est: dies eius sicut umbra praetereunt ... Ein flüchtiger Hauch nur ist der Mensch: hinschwinden seine Tage wie die Schatten ...

Zum Glück hatten auch ihre Begleiterinnen nichts bemerkt. Nackt war er gewesen, breitschultrig, Arme wie Samson, – ob er sie ebenfalls unbekleidet gesehen hatte? Sie fröstelte. Jetzt saß Jean Maynier an ihrer Seite, in einem fleckigen Wams, das nicht mehr der Mode entsprach, mit wirren Haaren und Bartstoppeln, die der Pflege eines Barbiers bedurften. Trotzdem strömte er eine Wärme aus, gegen die sie sich am liebsten gelehnt hätte, während ihr Cousin Louis auf der anderen Seite zwar elegante breitmäulige Fußbekleidung aus feinstem Leder trug, seine Seidenstrümpfe aber die dünnen Beine kaum verbargen. Jean Mayniers Waden dagegen strotzten vor Kraft.

Domine, inclina caelos tuos, et descende: tange montes, et fumigabunt. Herr, neige deine Himmel, steig herab, berühr die Berge, daß sie rauchen.

Weil ihr ein Tropfen aus der Nase lief, holte sie ein Tüchlein und tupfte sie trocken. Aus Versehen ließ sie es fallen. Pater Julius hob die Stimme und donnerte auf sie herab: Fulgura coruscationem, et dissipabis eos: emitte sagittas tuas, et conturbabis eos! Laß zucken Deine Blitze und zerstreue sie, schieß Deine Pfeile, schrecke sie!

Blitzschnell hatte sich Jean Maynier gebückt und das Tüchlein mit sicherem Griff an sich gebracht, auch Cousin Louis bückte sich, doch zu spät. Louis war ein braver Bursche, ein wenig langsam, ein wenig schwerfällig, trotz seiner dünnen Waden, und noch nicht einmal ein guter Jäger, wie Raymond ihr erzählt hatte. Jean Maynier reichte ihr das Tüchlein, er lächelte und deutete eine galante Verbeugung an. Ein wenig steif zwar, aber saßen sie nicht in einer kalten Kapelle und mußten sich die Sprüche von Pater Julius anhören, der für den Sieg des Königs betete und für Raymonds Rückkehr? Es war ihr gleichgültig, ob der König Mailand eroberte oder nicht, aber Raymond durfte nichts geschehen.

Sie besaß nur einen Bruder und sie liebte ihn sehr. Raymond war nie schlecht gelaunt, sah gut aus und kleidete sich immer elegant. Außerdem konnte sie ihm alles erzählen, und er behandelte sie auch nicht wie einen zweitrangigen Menschen, nur weil sie eine Frau war, die zu dienen hatte. Raymond war am Hofe von Königmutter Louise erzogen worden, wie François, der König, wie Marguerite, die Schwester des Königs, und dort herrschte ein freier Geist, dort hatte man schon viel aus Italien gelernt. François, so erzählte Raymond, liebte und verehrte die Frauen, er war nicht nur ein guter Kämpfer, sondern auch ein Charmeur und ein Dichter. Ja, Raymond konnte schwärmen. Nein, Raymond durfte vor Mailand nicht fallen oder verwundet werden ...

Emitte manum tuam de alto, eripe me, et libera me de aquis multis: de manu filienorum alienorum. Streck von der Höhe aus die Hand, errette mich, und reiß mich aus den mächtigen Wassern; befrei mich aus der Hand der Fremden.

Noch immer starrte Pater Julius sie an. Sie hüstelte, und noch voller Angst wiederholte sie flüsternd seine Worte: »Eripe eum, libera eum, laß ihn wieder zurückkommen, ich werde auch jeden Abend einen Rosenkranz beten!«

Jean Maynier hielt ihr noch immer das Tüchlein hin und schaute sie fragend an. Sie nahm es und lächelte. Seine blauen Augen schienen sich in ihre Augen bohren zu wollen. O Gott, was sind seine Augen kalt, dachte sie, hätte Pater Julius solche Augen, nie könnte sie vor ihm etwas verheimlichen. Aber Jean Mayniers Lächeln war einnehmend. Er hielt ihr Tüchlein einen Augenblick länger, als es der Anstand verlangte, und berührte, wie aus Versehen, ihre Hand. De manu filienorum alienorum, wiederholte sie stumm. Jean Mayniers Gesicht hatte eine dunkle Röte überzogen, er wandte sich ab und bedeckte es mit seinen Händen wie zum schamvollen Gebet. Auch Louis hatte sich abgewandt, zog aber ein Gesicht wie nach einer verhagelten Ernte. Nach ihren Eltern und nach ihrer Großmutter wagte sie gar nicht zu schauen. Ihr Verhalten würde ohnehin wieder Vorwürfe nach sich ziehen. Jean Maynier galt in ihrer Familie als Hungerleider.

»Der Sohn eines Borgia-Günstlings«, hatte die Großmutter einmal gesagt, die selten ein Blatt vor den Mund nahm, »dieser Baron aus dem Rattennest von Oppède.«

Nur Raymond hatte ihn verteidigt: »Seine Familie vertrieb zwar nicht die Ungläubigen aus der Provence, aber er ist ein guter Christ, geradeheraus und rechtschaffen, ein hervorragender Jäger, ein Herkules, er rennt so schnell wie ein Pferd und ist ausdauernd wie kein anderer. Außerdem ist er im Kollegium der beste.«

»Wenn er so stark und schnell ist, warum begleitet er dann den König nicht nach Mailand, wie es sich für einen jungen Mann von Adel gehört.«

Raymond wurde unsicher: »Er hat sich bei der Jagd verletzt, sonst würde er ...«

Die Großmutter lachte ihn aus.

Quorum os locutum est vanitatem: et dextera eorum, dextera iniquitatis. Ihr Mund spricht Lug und Trug, gefüllt ist ihre Rechte mit Gewalttat.

Tatsächlich hatte Madeleine weder am Weiher noch jetzt in der Kapelle etwas von einer Verwundung bemerkt. Ein Feigling war Jean Maynier sicher nicht, dies würde er noch allen beweisen.

Details

Seiten
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2023
ISBN (eBook)
9783986907976
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2023 (August)
Schlagworte
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Titel: Die Provençalin