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Süße Zitronen

Roman

2015 433 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:
Für ihre große Liebe Denis hat Simone ihr altes Leben aufgegeben und ist nach Köln gezogen. Hier stellt sich ihr neuer Job bei einem Fernsehsender jedoch schnell als Seifenblase heraus, die jeden Moment platzen könnte. Als sie dann auch noch von Denis sitzen gelassen wird, ist Simone kurz davor, alles hinzuschmeißen und zurückzukehren. Doch dann trifft sie Rainer, einen Mann, der alles hat, wovon sie immer geträumt hat – Charme, beruflichen Erfolg und viel Zeit für sie. Das große Glück ist endlich da! Könnte es sich erneut als Seifenblase entpuppen?

Über die Autorin:
Annegrit Arens hat Psychologie, Männer und das Leben in all seiner Vielfalt studiert und wird deshalb von der Presse immer wieder zur Beziehungsexpertin gekürt. Seit 1993 schreibt die Kölner Bestsellerautorin Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher. Fünf ihrer Werke wurden für die ARD und das ZDF verfilmt.

Annegrit Arens veröffentlichte bei dotbooks bereits folgende Romane: »Der Therapeut auf meiner Couch«, »Die Macht der Küchenfee«, »Aus lauter Liebe zu dir«, »Die Schokoladenkönigin«, »Die helle Seite der Nacht«, »Ich liebe alle meine Männer«, »Wenn die Liebe Falten wirft«, »Bella Rosa«, »Weit weg ist ganz nah«, »Der etwas andere Himmel«, »Der geteilte Liebhaber«, »Wer hat Hänsel wachgeküsst«, »Venus trifft Mars«, »Karrieregeflüster«, »Wer liebt schon seinen Ehemann?«, »Suche Hose, biete Rock«, »Kussecht muss er sein«, »Mittwochsküsse«, »Liebe im Doppelpack«, »Lea lernt fliegen«, »Lea küsst wie keine andere«, »Väter und andere Helden«, »Herz oder Knete«, »Verlieben für Anfänger«, »Liebesgöttin zum halben Preis«, »Schmusekatze auf Abwegen«, »Katzenjammer deluxe«, »Ein Pinguin zum Verlieben«, »Absoluter Affentanz«, »Rosarote Hundstage«, »Die Liebesformel: Ann-Sophie und der Schokoladenmann«, »Die Liebesformel: Anja und der Grüntee-Prinz«, »Die Liebesformel: Tamara und der Mann mit der Peitsche«, »Die Liebesformel: Susan und der Gentleman mit dem Veilchen«, »Die Liebesformel: Antonia und der Mode-Zar« und »Die Liebesformel: Ann-Sophie und il grande amore«.

Die Autorin im Internet: www.annegritarens.de

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eBook-Neuausgabe November 2015

Copyright © der Originalausgabe 1998 by Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Artisticco

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-413-9

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Annegrit Arens

Süße Zitronen

Roman

dotbooks.

Kapitel 1
Wenn der Reißverschluß klemmt

Das rotierende Herz auf dem Flachdach scheint zum Greifen nah, doch das täuscht. Alle Parkplätze auf dem Studiogelände sind besetzt, Simone muß etliche Ehrenrunden drehen, und als sie endlich fündig wird, speien zwei Busse ihre Ladung aus und bremsen den Wettlauf gegen die Zeit. Pensionäre hier und Schüler dort, die beiden Gruppen mischen sich und blockieren die breite Treppe des Haupteingangs, bis ein Ordner sie zum Seiteneingang für Zuschauer dirigiert und Simone den Weg zu der großen Glastür freigibt, über der ein Band in leuchtender Digitalschrift die Namen der drei Produktionen durchlaufen läßt, die hier beheimatet sind: »Sag ja!« Die Show für Verliebte, bei der sie selbst mitwirkt, außerdem die Sendungen »Frag die Sterne!« und »Auf die Plätze, los!«

An diesem Tag Mitte April ist es windig, fast schon stürmisch. Simone faßt nach ihrem Kopf und stellt sich vor, wie ihr mühsam in Form geföhntes Haar lächerliche Höcker bildet. Dieser Stufenschnitt war ein Fehler, nicht der einzige, sie hat ein Talent dafür, ihren Kollegen vor Augen zu führen, daß sie aus einer anderen Welt kommt. Sie ist wütend auf sich selbst, gleichzeitig rebelliert alles in ihr gegen Mitarbeiter, die es wieder einmal nicht geschafft haben, einen simplen Metallhaken zu betätigen, der diese Tür davor bewahrt, bei jedem Windstoß hin und her zu schlagen und eines nicht mehr fernen Tages zu Bruch zu gehen. Bei jedem Kontakt mit dem ersten von einem halben Dutzend Stehtischen im Eingangsbereich macht es PENG, ein Geräusch, das ein paar verloren wirkende Gestalten mit Kaffeetasse in der Hand automatisch zusammenzucken läßt, während zwei Hostessen seelenruhig zusehen. So, als ob sie mit all dem nichts zu tun hätten. Nicht mit dem Inventar dieses neuen Studios, nicht mit den geladenen Gästen und im Grunde auch nichts mit der Show, die in einer Stunde und dreiunddreißig Minuten live aufgezeichnet wird.

Einunddreißig Minuten, verbessert Simone sich stumm, während sie die Glastür arretiert und dabei die Wanduhr mit den beiden Piepmätzen, die sich bei jedem Vorrucken des Minutenzeigers küssen, nicht aus den Augen läßt. Wobei sie sich selbst klarmacht, daß ihr Feilschen um Minuten absurd ist, weil es hier um mehr geht, um viel mehr. Als freie Mitarbeiterin ist sie jederzeit kündbar, vielleicht sucht man schon nach einem Vorwand, um sie loszuwerden. Trotzdem kommt sie nicht gegen dieses Schnäbeln im Sechzig-Sekunden-Takt an. E i n s – z w e i – d r e i. Laut Vertrag hat sie sich drei Stunden vor dem Dreh einzufinden und dafür Sorge zu tragen, daß weder der von ihr präparierte Freier noch sein Gefolge aus der Rolle fallen. Die Sendung heißt schließlich »Sag ja!« Das Happy-End ist vorprogrammiert, die Begegnung mit diesem Hund auf der Fahrt von ihrer Wohnung zum Studio ist ein Störfaktor, den jeder andere beiseite geschoben hätte. Sie nicht! Sie, Simone Prinz, hat wieder einmal die falschen Prioritäten gesetzt und einem wildfremden Köter den Vorzug vor der zwanzigsten »Sag ja!«-Show gegeben.

Die Show mit der zur Zeit höchsten Einschaltquote des Privatsenders, moderiert von der sonnigsten Person, der Simone je zuvor begegnet ist. Wie kann ein Mensch nur so strahlen, als ob er rund um die Uhr vor Glück aus den Nähten platzte?

Der Hund eben hat allerdings kein bißchen glücklich dreingesehen. Augen groß wie Wagenräder, der zitternde Körper flach auf das Straßenpflaster gepreßt, kein Herrchen weit und breit, Simone hat eine Ewigkeit gebraucht, um die Gegend nach jemandem abzusuchen, der mit einer Leine herumläuft, die zum Halsband ihres Findlings paßt.

Sie ist eine Stunde und neunundzwanzig Minuten zu spät dran.

»Hübsch, daß du auch mal kommst. Lovely Sonja weint schon Krokodilstränen.« Die grüne Spitzenkorsage zum Minirock aus grünem Satin signalisiert die Zugehörigkeit der Sprecherin zur weiblichen Crew der »Sag ja!«-Show.

»Eine Art Unfall.« Simone unterdrückt den Gedanken, daß ein paar Tränen der ewig lächelnden Sonja Ziems vielleicht sogar ganz gut zu Gesicht stünden. Sie selbst ist der Auslöser für den Frust der Moderatorin, sie muß sich vorsehen.

»Eine Art?« Das Lächeln der anderen wirkt maliziös. »Gibt's bei dir auch mal was Hundertprozentiges?«

Simone zuckt zusammen. Sie bezieht diese Anspielung sowohl auf die Tatsache, daß sie als Seiteneinsteigerin zum Team gestoßen ist, als auch auf ihren Status als Frau. Noch immer hat sie keinen einzigen Verehrer vorzuweisen, der sie öffentlich mit Blumen, Fan-Post oder Versprechungen zuschüttet. Seitdem sie vor gut einem halben Jahr ihren Job in der Redaktion eines ebenso angesehenen wie konservativen Verlagshauses in Aachen gekündigt hat, gibt es nicht einmal mehr einen unglücklich verheirateten Kollegen, der ihr den Hof macht.

»Sind alle komplett?« fragt sie ausweichend.

»Wie man's nimmt.« Die halterlosen Brüste unter der grünen Spitze, giftgrün wie ein Granny Smith, wippen Richtung Kaffeetrinker. Zwei Männer stehen im Mittelpunkt, der eine ist der von Simone präparierte Freier, der andere sein Vorgänger bei der jungen Frau, die heute wie schon neunzehn andere vor ihr zum »Ja!« vor laufender Kamera animiert werden soll. Der Rest gehört zur Belegschaft des Spediteurs auf Freiersfüßen und sorgt dafür, daß die Auserwählte bis zuletzt ahnungslos bleibt.

Katja Reblein soll glauben, sie beteilige sich an einer Wett-Show, deren Reinerlös einem wohltätigen Zweck zugute kommt. Acht Spediteure gegen ebenso viele Mitarbeiter der Post, freie Marktwirtschaft gegen Bürokratie, die Erfindung einer ebenso glaubwürdigen wie aktuellen Story gehört gleichfalls zu Simones Aufgaben. Der Umstand, daß in diesem Studio täglich drei grundverschiedene TV-Spektakel aufgezeichnet werden, unterstützt die Irreführung der zukünftigen Bräute. Sicherheitshalber werden diese obendrein vor der Sendung separat betreut, denn die Show steht und fällt mit dem Überraschungseffekt, zumindest behaupten das die Marketingexperten.

Simone zählt sieben Köpfe und atmet auf. »Alles komplett«, sagt sie und fügt mit einem Rundumblick hinzu: »Wenn man mal von unserem eigenen Empfangskomitee absieht.« Regulär arbeiten am Set sechs Hostessen, die sich um das Wohlergehen der Gäste kümmern sollen, ebenso viele Frauen wirken in der Produktion mit. Für »Drehbuch« und »Besetzung« zeichnet die Redaktion verantwortlich, zu der sie selbst gehört, ihr Mitstreiter kuriert gerade seinen Heuschnupfen aus, die Volontärin hat gekündigt. Die restlichen Jobs sind durch die Bank männlich besetzt und bedienen die aufwendige Technik, sie alle tragen uniformes Grün und sind freie Mitarbeiter der vom Sender geleasten Produktionsgesellschaft. Lediglich die Moderatorin besitzt einen festen Vertrag für zwei Jahre und unterliegt keinem Kleiderzwang.

»Alles komplett? Und wer sagt heute ›Ja!‹ bei ›Sag ja!‹?«

Eine törichte Frage, trotzdem greift Simone automatisch nach der Liste, in welche sich die Gäste unmittelbar nach ihrer Ankunft eintragen. Der Name »Katja Reblein« ist als einziger mühelos zu entziffern, die reinste Schulmädchenschrift. Simone atmet auf. »Logischerweise die Auserwählte von unserem Jungunternehmer.«

Sie versucht, sich das Gesicht der Speditionskauffrau zu vergegenwärtigen, die sechs Monate mit dem etwa gleichaltrigen Fahrer derselben Firma verlobt war, bis der sie von jetzt auf gleich sitzengelassen hat. Er ist heute ebenfalls mit von der Partie, ein hübscher Kerl, sofern man auf Muskelpakete und einen ausrasierten Hinterkopf steht. Ein Typ, der sich einprägt, das gilt auch für den bärtigen, rotblonden Besitzer der Spedition keinen Meter daneben, wogegen die junge Frau kein sehr einprägsames Äußeres besitzt, zumindest nicht auf den Fotos, die Simone zu sehen bekommen hat. Lieb, denkt sie, brav, und genauso hat der Spediteur seine zukünftige Braut auch beschrieben: »'ne Seele von Mensch, kann keiner Maus was zuleide tun, erst mal hat sie mir einfach leid getan, als unser Casanova vom Dienst sich 'ne Neue angeheuert hat. Aber dann hab' ich genauer hingeschaut und mir gesagt, die wird bestimmt 'ne prima Mutter, wo sie schon bei jedem Hundebaby ausflippt, und allmählich wird's Zeit für mich, 'nen Nachfolger anzusetzen. Hab' mir gedacht, ich köder' sie mit 'nem Cockerspaniel aus dem Wurf von meinem Nachbarn.«

»Der Hund«, entfährt es Simone, »ist etwa der Hund entwischt?«

»Das Vieh ist da, hat schon etliche Kabel und Schnürsenkel angenagt und zwei Bächlein fabriziert, außerdem fiept es zum Steinerweichen.«

»Der Arme.« Simone macht sich Vorwürfe, weil sie auf den Vorschlag ihres Kandidaten eingegangen ist. Tiere machen sich immer gut, steigern die Einschaltquote ebenso sicher wie Menschenbabys und Exoten, sie ist keinen Deut besser als ihre Kollegen, wenn sie ein Hundebaby diesem Tohuwabohu aussetzt.

»Bedauer dich lieber selbst. Ich habe nichts für Vierbeiner übrig, trotzdem steckte ich an deiner Stelle im Moment lieber in dem Fell von diesem Köter.« Das Lächeln ist nun eindeutig hämisch.

»Stimmt was mit dem Vorfilm nicht?« Simone überlegt, ob die Cutterin etwas durcheinander gebracht haben kann. Jede neue Sendung beginnt mit der Einspielung vom Honeymoon eines Paares, das in einer der vorangegangen Sendungen zueinander gefunden hat. Die Episoden werden aus Unmengen von Filmmaterial ausgesucht und zusammengeschnitten, nicht auszumalen, wenn sich Szenen eingeschlichen hätten, die keineswegs zum Vollzug eines Happy-Ends paßten. Sie hätte gestern abend doch warten und das fertige Video nochmals kontrollieren sollen, anstatt die Freikarte fürs Cinedom zu nutzen. »Untergang der Titanic«, so als ob sie nicht genug mit sich selbst zu tun hätte.

Simone wartet die Antwort der anderen nicht ab, ignoriert den Zuruf ihres Kandidaten und geht der Lachsalve nach, die nicht die erste ist. Ihr Hinterkopf hat das derbe Gelächter aus dem Hintergrund, wo Schneide- und Vorführräume liegen, längst abgespeichert, ohne sich etwas dabei zu denken. Es wäre nicht das erstemal, daß ihre Kollegen sich vor der Arbeit drücken und sich amüsieren, während Simone die Gäste bei Laune hält und dafür sorgt, daß alle binnen drei Stunden ihre Rolle repetieren, Maske und Sprechprobe durchlaufen und an der Kasse ihre Spesen abrechnen. Heute allerdings bleiben ihr nur noch eine Stunde und zwanzig Minuten für diese Prozedur.

Achtzehn Minuten, korrigiert der Zeiger der Wanduhr in Herzform. Die beiden einander kontaktierenden Schnäbel erzeugen ein Alarmsignal in Simones Kopf.

Das Licht ist ausgeschaltet, ohne die Notbeleuchtung über der Tür und die helle Projektionsfläche an der gegenüberliegenden Wand wäre es stockfinster, Simone kneift die Augen zusammen. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie die zuckenden Schultern und grölenden Laute unmittelbar vor sich von den laufenden Bildern dahinter zu trennen vermag, eine künstliche Zäsur, denn zweifelsfrei ist die Nahaufnahme des Kampfs von Rückenspeck und Metallzacken der Auslöser für die überbordende Erheiterung der Anwesenden.

»Gleich kommt's, gleich platzt die Verführpelle.«

»Und dann legt sie los«, ergänzt eine andere Stimme, »Junge, ist die geladen.«

»Und fett, der Junge kriegt das Doppelte zum selben Preis. Mit vierzig braucht die das Ehebett für sich allein. Von wegen Größe achtunddreißig, das ist ein Fall für die Zeltabteilung. Sieh dir die Keulenarme an, wie das schwabbelt, ich hätte drauf gewettet, sie knallt ihm eine.«

»Und dann?«

»Wär der Traum von einer Hochzeitsreise auf Kosten des Senders geplatzt, und Lovely Sonja hätte die Krise oder Streß mit dem Produzenten oder beides bekommen. Ganz schön clever, dieser hauptamtliche Kuckuckskleber, der hat die richtige Besänftigungsformel für seine Zukünftige gefunden, und dann natürlich unsere Fee der flinken Nadel, gleich kommt's, gleich wird die Fette für den Abspann repariert. Saubere Arbeit, muß man schon sagen.«

Simone starrt auf die Hände, die nun ins Bild treten, flink wie ein Wiesel hin und her gleiten, auftrennen und sticheln, bis sich der glänzende Stoff wieder über dem hektisch geröteten Fleisch schließt. Sie weiß genau, wer die Nadel führt und was bei der letzten Show nach dem »Ja« der Braut passiert ist, während für die Zuschauer im Studio eine Popgruppe sang. »Life is so beautiful, yeah«, und hinter der Kulisse ging es zur Sache, die Szene steht ihr gestochen scharf vor Augen. Um ein Haar hätte der »Köder« ihres letzten Kandidaten das Finale geschmissen.

»Für dieses Kleid täte sie alles«, hat der junge Mann im Vorgespräch behauptet und höchst plastisch beschrieben, wie seiner Freundin die Augen übergequollen sind, als sie das Prachtstück in einem Schaufenster entdeckte. »Immer wieder hat sie mich hingeschleppt«, hieß es weiter, »aber natürlich kann ich mir so 'nen Fummel als Gerichtsvollzieher nicht leisten, da hab ich mir gedacht, ich meld mich mal auf Ihre Annonce hin. Sie zahlen doch auch die Hochzeitsreise, woll?« Die klassische Aschenputtel-Geschichte, hat Simone bei der wöchentlichen Vorstellung neuer Kandidaten gesagt, woraufhin Talkmasterin Sonja spontan zugriff: »Cinderella läuft immer, kauf das Kleid und saug dir eine hübsche Ablenkungsstory für die Grazie aus dem Kohlenpott aus den Fingern.«

Wie sollte Simone ahnen, daß dieser Beamte die Kleidergröße seiner Liebsten gleich drei Nummern zu klein angibt? Das Traumkleid ist auf Figur geschnitten, die Übergabe vor laufenden Kameras hat der Auserwählten noch Tränen der Freude und ein begeistertes »Ja!« auf die entscheidende Frage hin entlockt, doch bei der Anprobe flogen die Fetzen. Letztlich weiß Simone bis heute nicht genau zu sagen, ob die Kunst der Näherin oder der Appell des Bräutigams »Denk an die kostenlose Hochzeitsreise, Schatz!« die Rettung gebracht haben. Dafür weiß sie hundertprozentig, daß sich hier jemand aus ihrem Team unerlaubt im Filmarchiv bedient und einen Jux erlaubt hat.

Jux? Simone schüttelt den Kopf. Am liebsten zahlte sie es dieser Meute mit gleicher Münze heim. »Man sollte euch alle ...«, weiter kommt sie nicht. Ihr will einfach nicht einfallen, wie sich wandelnde Garderobenständer bestrafen lassen, die mit den überschüssigen Pfunden ihrer Mitmenschen Schindluder betreiben. Und nicht nur damit.

» ... Sie gehören doch selbst dazu, oder?« Eine Frauengestalt löst sich aus der Dunkelheit, sie muß unmittelbar neben der Tür gestanden haben, das trübe Licht der Notbeleuchtung fällt auf ein Gesicht, das Simone vage bekannt vorkommt, obwohl es nicht besonders einprägsam ist.

»Ich?« wiederholt sie und folgt dem Blick der Fremden zu sich selbst hin. Sie trägt Grün, das giftige Grün ist verpflichtend, es markiert Männlein wie Weiblein und schweißt Simone mit den Lachern ringsum zusammen. Erst als die Tür hinter der Frau zuknallt, fällt ihr ein, woher sie dieses Gesicht kennt. Sie macht ebenfalls kehrt. Im Sturmschritt. Wenn diese Sendung platzt, ist sie dran, soviel steht fest.

***

»Nicht so stürmisch, Frau Redakteurin!« Zwei Arme umfassen Simones Schultern. Der Brustkorb des Mannes versperrt ihr Sicht und Weg, sein Aftershave erinnert sie kurz an das Meer, das sie so liebt, aber sie hat keine Zeit, sich vom Duftwasser des Werbeassistenten einlullen zu lassen. In letzter Zeit läßt er sich hier auffällig oft blicken.

»Ich muß weiter, lassen Sie mich gefälligst durch, sonst läuft mir die Braut für heute davon.«

»Lovely Sonja hat sie schon gecatcht, ihrem Liebreiz widersteht niemand, nicht mal eine widerspenstige Braut. Sie gefallen mir übrigens besser, diese Frisur steht Ihnen prima, das Rosige auch.«

»Der Wind«, Simone streicht sich über den Kopf, »fast schon ein Sturm«. Sie schämt sich für sich selbst. Was geht es diesen Menschen an, wie ihr das Klima dort draußen oder hier drinnen zusetzt? Das interessiert ihn nicht die Bohne, darauf wettet sie ihre letzte Mark. Auch wenn er einer der wenigen ist, die ihr gegenüber die Form wahren, weiß sie genau, auf welcher Seite er mitspielt. Seit ein paar Wochen schon versucht sie herauszufinden, ob er wirklich etwas mit »Lovely Sonja« hat. Vielleicht sieht die Talkmasterin gar nicht wegen ihrer rasanten Einschaltquote, sondern wegen diesem kaum weniger rasanten Werbemenschen so aus, als ob sie vor Glück platzen wolle ...

***

Simone vergißt das im Minutentakt schnäbelnde Vogelpaar ebenso wie die Gerüchte, die sich um Sonja Ziems und Rainer Schaller ranken, während sie all das nachholt, was vor einer Aufzeichnung zu erledigen ist. Sie hetzt von hier nach dort, assistiert selbst beim möglichst unsichtbaren Anlegen der Mikrofone, entschuldigt sich mehrmals bei den Tontechnikern und auch in der Maske für die Verspätung, wiederholt im Eildurchgang mit jedem einzelnen Gast seinen Text, den die Talkmasterin ausgedruckt vorliegen hat, und weiß, daß sie froh und dankbar sein sollte, weil ihr die Sorge um diese Katja Reblein abgenommen wird. Sie ist mit Sonja in deren Garderobe verschwunden, hinter der Tür bleibt alles leise, nur einmal ertönt ein leiser Protest gegen die Schminke, mit welcher Sonjas persönliche Visagistin der Kandidatin einen Hauch Farbe verleihen will. Man einigt sich auf Puder, das auch die Männer hinnehmen müssen, um nicht im Scheinwerferlicht wie Speckschwarten zu glänzen. Acht Spediteure gegen acht Postler, die Speditionskauffrau scheint noch immer an ein karitatives Wettspiel zu glauben. Fragt sich bloß, was passiert, wenn ihr die entscheidende Frage gestellt wird.

Ob der Welpe am anderen Ende des Korridors als Köder funktioniert?

Momentan schläft er, das Fell hat sich zusammengeschoben, sogar der runde Kopf wirkt verknautscht. Simone überlegt, wie sie reagieren würde, wenn einer ihr dieses weiche Fellbündel in den Schoß legte und sie gleichzeitig fragte, ob sie ihn heiraten wolle. Dabei sieht sie automatisch das Gesicht von Denis vor sich.

»Hab noch ein bißchen Geduld«, hat er immer wieder gesagt, »sobald es mit meiner Bewerbung in eine andere Stadt klappt, lasse ich mich scheiden.«

Es hat in Köln geklappt. Simone gräbt die Hand, mit der sie den schlafenden Cockerspaniel streichelt, tief in das warme Fell, mißachtet das Fiepen und sieht sich selbst, wie sie gestrahlt hat. Einen Monat später hat sie nicht mehr gestrahlt, da hatte sie bereits die Wohnung mit Blick auf den Rhein angemietet. Sie liebt das Wasser, nun hat sie die Aussicht auf den Strom und die Miete für sich allein, so gesehen sollte sie glücklich sein, diesen Job beim Fernsehen gefunden zu haben. Andere träumen davon, für »Joy« zu arbeiten.

***

JOY – die Digitalschrift flimmert über den mit zahllosen Herzen garnierten Hintergrund der Bühne und die Monitore, die überall im Studio plaziert sind. JOY. FREUDE. Dann gleitet die Tür am anderen Ende auf, die Köpfe von Pensionären und Schülern drehen sich zu der Frau um, an der einfach alles sonnig ist. Klatschen, einige trampeln sogar mit den Füßen, Sonja Ziems hat keine Anheizer nötig, die das Zeichen zum Applaus geben, sie reißt jung und alt durch ihre bloße Erscheinung mit.

Ob die Kandidatin der heutigen Show noch immer an ein Wettspiel glaubt? Sie sitzt jetzt allein in einer Kabine und hört die Stimme des Moderators von »Auf die Plätze, los!« Auch das gehört zum Ablenkungsmanöver. Gleich, wenn »Lovely Sonja« die Zuschauer im Saal und daheim vor den Fernsehern begrüßt und mit den richtigen Kostproben vom Happy-End einer alten Show eingestimmt hat, wird sie sieben echte Spediteure und acht falsche Postler hereinbitten und das Publikum auffordern, sich nichts anmerken zu lassen und die Brautwerbung des rotblonden Bartträgers zu unterstützen.

»Ist er nicht ein strammer Kerl?«

Klatschen. Ein paar Pfiffe von den Bänken, auf denen halbe Kinder sitzen, für die der Jungunternehmer ein Grufti sein muß. Er ist zweiunddreißig, für einen Teenager ist das so gut wie scheintot. Soeben folgen weitere Einzelheiten zur Vorgeschichte der wahren Lovestory, die zwischen Transportkisten und Laderampen begonnen hat und heute zum Ziel führen soll. Vor Ort gedrehte Videos werden eingeblendet, zeigen die sieben Männer dort vorn auf dem Podium unter den flimmernden Herzen bei der Arbeit. In voller Aktion während eines Umzugs, schnaufend und schleppend, der Kontrast zu dem schnieken Bild, das sie live im Studio bieten, kommt gut an. Das gilt nicht für den allzu langatmigen Exkurs des Bartträgers zu seinen Möbelwagenmetern und dem nagelneuen Außenaufzug. Unruhe kommt auf, woraufhin Sonja blitzschnell aufsteht und zu Katja Rebleins abtrünnigem Bräutigam überwechselt.

»Und Sie verspüren keinen Neid bei dem Gedanken, daß Ihre Ex-Verlobte heute nicht nur Ihren gemeinsamen Chef, sondern obendrein diesen tollen Möbelwagen mitsamt Außenaufzug ergattert?«

»Man muß auch gönnen können, und so'n Möbelwagen macht noch keinen ganzen Kerl aus, oder?«

Das Publikum applaudiert kräftig, allerdings für den Falschen.

Simone beobachtet fasziniert, wie »Lovely Sonja« es mühelos schafft, die Sympathien wieder auf den Bärtigen zu konzentrieren, indem sie ihm pünktlich zur Werbepause den Cockerspaniel auf den Schoß setzt.

Tiere kommen immer gut an, erst recht junge.

Die Braut wartet noch immer in ihrer Kabine.

Simone verteilt Wasserbecher an ihre Studiogäste, dicht gefolgt von den beiden Maskenbildnerinnen. Es wird nachgepudert und getrunken und gehüstelt, die Becher werden wieder eingesammelt, phosphoreszierende Fragezeichen gesellen sich zu den Flimmerherzen hinter dem Podium. Ein Tusch ertönt: Katja Reblein wird hereingeführt.

Noch immer ahnungslos?

Manchmal überkommen Simone Zweifel, ob ihre Bräute wirklich bis zuletzt im dunkeln tappen. Dann wieder sagt sie sich, daß sie selbst der beste Beweis dafür ist, wie leichtgläubig Menschen sein können. Oder gilt das nur für Frauen? Für verliebte Frauen?

***

Der Applaus verschreckt den Welpen. Er richtet sich auf, schüttelt den zu schwer wirkenden Kopf, kläfft und versucht, dem Griff des Mannes zu entkommen, der ihn festhält. Vergeblich. Kein schönes Bild, die Kameras schwenken zu der Kandidatin hinüber, die bis jetzt keinen Blick nach rechts oder links geworfen hat und hochgradig nervös wirkt. Sie schwitzt trotz Puder, das Kinn beginnt zu glänzen, die Halspartie verfärbt sich fleckig rot. Die Talkmasterin ergreift ihre Hand, zeigt auf die Spediteure auf der einen und die falschen Postler auf der anderen Seite und endlich auf den Welpen.

»Jetzt geht es um die Wurst, besser gesagt um den Hund, der Kleine entscheidet heute darüber, wer gewinnt.« Die Moderatorin zwinkert ins Publikum.

»Das ist Tierquälerei.« Das Rot am Hals vertieft sich, das Kinn wirkt noch speckiger. Simone sieht im Hintergrund die Maskenbildnerinnen die Augen verdrehen. Sonjas Teint beginnt, wenn auch schwach, ebenfalls zu glänzen, während sie die unglückliche Bemerkung auszubügeln sucht.

»Aber Sie werden den kleinen Liebling retten.« Ein Wink zu der Assistentin hin, die Sonja als einzige duzt. Schon wird der Welpe hinausgetragen, die beiden Mannschaften formieren sich zum fingierten Wettspiel, in den Gesichtern des Publikums spiegelt sich die Freude, der Kandidatin Nasenlängen voraus und Komplizen der Talkmasterin mit der zur Zeit höchsten Einschaltquote bei »Joy« zu sein. JOYJOYJOY.

Zwei Teams, die je acht Faltkartons bestücken, mit Hilfe eines Hebeaufzugs in eine Wohnkulisse transportieren und richtig einräumen müssen. Die Stoppuhr läuft, der Anblick von ordnungsgemäß zu verstauenden Bettpfannen und Dessous sorgt ebenso für Erheiterung wie der Anfeuerungsruf der Moderatorin: »Denkt dran, Jungs, die Post hat ein Monopol zu verlieren!«

Pünktlich zur nächsten Werbesequenz machen die Speditionsleute das Rennen. Ihr Chef darf den Cockerspaniel aus seiner allen Vorschriften genügenden Transportkiste befreien, das Publikum applaudiert und trampelt mit den Füßen. Simone verteilt erneut Wasser, dicht gefolgt von Einweg-Puderquasten. Im Grunde, denkt sie, ist es egal, wer bei diesen Scheinwettkämpfen siegt, das Finale wird davon nicht berührt. Sie sieht zu Katja Reblein hin und weiß, daß sie erleichtert sein sollte: Blaß, brav, die Braut hat sich in ihre Rolle geschickt, der Vorwurf der Tierquälerei eben war bloß ein Ausrutscher.

»Was willst du schon wieder mit dem Hund?«

»Tja«, der Bärtige lacht verlegen auf, »das ist sozusagen der Preis, nicht der einzige, ich hab mir gedacht, wo du so verrückt auf Tiere bist ...«

»Gib ihn schon her«, unterbricht ihn die junge Frau und spricht damit Simone aus der Seele, die am liebsten selbst vorgeprescht wäre, um das zappelnde Fellbündel zu befreien. Doch der Mann läßt nicht los. Seine großen Hände verharren plötzlich im luftleeren Raum, so als ob ihm etwas eingefallen wäre, er ignoriert die verzweifelt rudernden Pfoten.

»Moment mal.«

»Du quälst ihn, merkst du das nicht? Du hast kein Herz für Tiere, ich weiß noch genau, wie du die drei winzigen Kätzchen ...«

»Sie waren zu schwach, sie hätten sowieso nicht überlebt, und dann die neue Couch, hast du vergessen, wie meine alte Couchgarnitur von diesem Kater zugerichtet worden ist?«

»Ich hab nichts vergessen. Kurz darauf ist er verschwunden, angeblich hat es ihn beim Wildern erwischt, so als ob es bei dir nicht genug Mäuse gäbe.«

»Keine einzige Maus, gibt es mehr, das ist Rufschädigung ...«

»Stop!« Die Talkmasterin sprintet zwischen das Paar und lächelt in die Kameras, die auf sie geschwenkt werden. Sie erscheint leicht atemlos, was aber ihrem perlenden Lachen nichts anhaben kann, gleichzeitig legt sie dem männlichen Star der heutigen Show eine Hand auf den Unterarm, dirigiert seinen Blick auf sich, zieht ihn so in ihr Strahlen hinein und sagt endlich beschwörend: »Hast du nicht eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen, Jochen?« Und nochmals dramaturgisch wirkungsvoll an das Publikum gewandt: »Hat er nicht?«

Er hat. Der rotblonde Schopf nickt. Die Zungenspitze schnellt vor, ein Blinzeln zu seiner Crew, zu den leeren Faltkartons, ein Räuspern, die Spannung im Zuschauerraum steigt spürbar, riechbar, man bangt mit ihm und weiß doch: ein strammer Kerl, der das Rennen schon machen wird.

»Okay, logisch, also was ich noch sagen wollte ...«

Rhythmisches Klatschen setzt ein. Die flimmernden Herzen an der Kopfwand wechseln von zartem Pink zu glühendem Rot über, die mit Leuchtgas gefüllten Fragezeichen wechseln zwischen hell und dunkel, Musik wird eingespielt, erst verhalten, dann immer lauter. Simone kann die Augen nicht von dem Gesicht der jungen Frau wenden, die gleich »Ja!« sagen soll und zur Belohnung den Welpen ausgehändigt bekommt. Alles andere folgt später: Teilhabe am Möbelwagen, Außenaufzug, Faltkartons und dem anzusetzenden Nachfolger ...

»Willst du mich heiraten?« Der Cockerspaniel nickt erneut vor. Katja Reblein greift zu. Das Publikum tobt vor Begeisterung. Die Talkmasterin strahlt. Ein Tusch ertönt und überlagert beinahe die Worte der jungen Frau.

»Dich heiraten? Bestimmt nicht.«

»Aber du hast den Hund genommen.«

»Den behalte ich auch, du ersäufst ja sogar kerngesunde junge Katzen und ...«

»Ich habe ihn bezahlt, plus Versicherung und Futter.«

»Kannst du mit meinem Restlohn verrechnen, ich kündige fristlos.«

Stille, da hinein ein »Geil!« aus der Richtung, wo die Schüler sitzen, die Kameras schwenken von hier nach dort und bleiben an dem Gesicht der Talkmasterin hängen: hochrot trotz Schminke, glänzend. Auf dem Monitoren erscheint ein Werbespot für Schonkaffee.

***

Mechanisch stellt Simone Kaffeetassen zusammen, stapelt leere Schnittchenplatten aufeinander und räumt die Sektgläser weg, die heute zum erstenmal in fast fünf Monaten unbenutzt geblieben sind. Gewöhnlich stößt Sonja nach jeder Sendung auf das »Ja!« der Braut an, heute gab es kein Jawort und folglich auch kein Anstoßen mit den Gästen der Show. Diesmal hat sich auch keiner vom Set über eine schwergewichtige Braut oder einen tölpelhaften Bräutigam mokiert, sie alle haben sich mehr oder weniger leise aus dem Staub gemacht. Bis zuletzt hat Simone darauf gewartet, persönlich zur Rechenschaft gezogen zu werden. Umsonst, was jedoch nicht bedeutet, daß sie nicht als Sündenbock wird herhalten müssen, dessen ist sie sich so gut wie sicher. Während sie wie gewohnt noch einen letzten Blick in jeden Raum wirft und überall das Licht ausknipst, schwankt sie zwischen Selbstmitleid und Bewunderung für die junge Frau, die mehr Zivilcourage bewiesen hat als die zwei Dutzend Leute zusammen, die für diese Show arbeiten, sie selbst inbegriffen.

»He, was soll der Scheiß?«

Simone schrickt zurück, gerade hat sie das Licht im Büro der Talkmasterin gelöscht, von der dieser Protest allerdings nicht stammt. Eine Männerstimme, zu der sich umgehend ein Geruch gesellt, den Simone mit der Nordsee verbindet. Sie ist in Ostende aufgewachsen, und obwohl es kaum einen ungünstigeren Moment gibt, um sich Kindheitserinnerungen hinzugeben, wallt Sehnsucht in ihr auf. Sie hatte eine glückliche Kindheit, später ist sie von Aachen oft genug mit Denis übers Wochenende hingefahren, ein Katzensprung.

Sie tippt erneut auf den Schalter, verfehlt ihn, endlich wird es hell im Raum. Entgegen ihren Befürchtungen ist Rainer Schaller allein.

Bei ihrem Anblick lacht er kurz auf, aber es liegt kein Spott in diesem Lachen, eher schon wirkt es verlegen. »Ach, Sie sind es. Ich dachte schon, die Putzkolonne rückt an.«

»Die kommt erst morgen früh, tut mir leid, ich wollte Sie nicht stören, die Macht der Gewohnheit, also dann ...« Simone weiß selbst nicht, warum sie nicht endlich die Tür hinter sich schließt und verschwindet. Wartet sie auf seine Bestätigung, daß ihre Tage hier gezählt sind?

Der Werbeassistent hebt einen Ordner in die Luft, Fotos fallen heraus. Simone erkennt die Kandidaten der sendefertigen »eisernen Reserve«, die für den Fall existiert, daß eine Aufzeichnung ein Flop wird, so wie heute. »Hab mir gedacht, ich schau mal, wie wir Lovely Sonja unter die Arme greifen können. Sie war ziemlich down.«

»Am besten wohl mit einer neuen Redakteurin, die ihr sichere Bräute anschleppt.«

»War nicht Ihr Fehler heute, den Schuh müssen Sie sich nicht anziehen. Überhaupt kommt es immer darauf an, was man aus einer Sache macht.«

»Wahrscheinlich sind Sie der einzige, der das so sieht.« Simone dreht sich zur Seite, es muß nicht sein, daß er mitbekommt, wie nah sie an Wasser gebaut ist. Trotzdem nett, daß er sie trösten will, und das, obwohl er der Talkmasterin so nahe steht. Seine Anwesenheit in deren Zimmer ist ein weiteres Indiz dafür.

»Glaube ich nicht, ist ein eisernes Gesetz in meiner Branche: Hauptsache, man erregt Aufsehen, und dafür haben Sie schließlich gesorgt, zumindest intern. Ich überlege mir sogar, ob man nicht gerade dieses ›Nein!‹ einer Braut senden sollte.«

»Paßt nicht ins Konzept.« Und nicht zu Sonja Ziems, ergänzt Simone stumm.

»Da haben Sie auch wieder recht. Eigentlich schade, wie?«

Meint er das ernst? Simone ist sich nicht sicher, ob Rainer Schalter damit versteckt andeuten will, daß er den Auftritt einer Katja Reblein ebenfalls für bedeutsamer hält als eine künstlich angeheizte Brautwerbung nach Schema »F«, die sich im Grunde stets gleichbleibt, lediglich bei verschiedenen sozialen Schichten und Altersgruppen zugreift, das Erfolgskonzept vom »heiteren Beruferaten« mit dem von »Wetten daß ...« koppelt und oben drauf eine »Traumhochzeit« packt. Nicht einmal die ist eine eigene Erfindung.

»Ich weiß nicht ... eigentlich schon.« Sie verstummt, was auch besser so ist. Hat sie zehn Semester lang Kommunikationswissenschaften studiert, um jetzt keinen einzigen vernünftigen Satz zusammen zu bekommen?

»Vielleicht würden Sie unserer Sonja sogar einen Gefallen tun, wenn Sie bei Ihren Recherchen hier und da etwas Peppigeres untermischen.«

»Ich fürchte, dazu werde ich keine Gelegenheit mehr haben. Außerdem überschätzen Sie meine Möglichkeiten, letztendlich entscheidet immer Sonja, wer drankommt.«

»Da irren Sie, mit Verlaub, sogar gleich doppelt. Niemand ist wirklich unabhängig von Außeneinflüssen, davon lebt schließlich die Werbung, und was Ihren Verbleib bei ›Joy‹ betrifft, das lassen Sie nur meine Sorge sein.«

»Danke.« Simone ahnt, daß er Wort halten wird. Er ist nicht der Typ, der das Blaue vom Himmel schwindelt, eher schon färbt er den Himmel nach seinem Geschmack um, das erkennt sie am Ausdruck seiner Augen. Sehr direkt, fast schon kühl, was aber auch an der Farbe liegen kann. Ein ungewöhnlich helles Grün, das die dunklen Wimpern noch betonen. Seine Haare sind aschblond und geben eine eigenwillig vorgewölbte Stirn frei. Auch die Kinnpartie zeugt von einem festen Willen. Lediglich der Mund legt sich nicht fest, gibt sich mal weich und dann wieder energisch und bringt sie ganz kurz ins Schleudern. Sie blickt auf ihre Hände hinab, seit neuestem reißen ihre Nägel ständig ein, es sieht aus wie abgeknabbert. Was muß ein Mann von einer Frau denken, die kürzere Nägel hat als er selbst?

Simone kreuzt die Arme hinter dem Rücken und zwingt sich, an die nächste Miete zu denken, die in zwei Wochen fällig ist. Und an ihr Konto, dem drei Monatsmieten Kaution den Rest gegeben haben. Sie sollte ihrem Gegenüber auf Knien danken, wenn er wirklich ein gutes Wort bei der Talkmasterin für sie einlegt.

Wann wird er das tun? Wo? Sonja Ziems ist für ihre romantische Ader bekannt, neuerdings schwärmt sie auch fernab laufender Kameras von Kerzenschein und jubilierenden Geigen.

»Ein Königreich für das, was Sie gerade denken.«

»An meine Wohnung.«

»Bestimmt haben Sie da auch einen Hund. So, wie Sie sich eben um diesen Welpen gesorgt haben, müssen Sie einfach einen Hund haben.«

»Nein, habe ich nicht, noch nicht.« Dieser Nachsatz entschlüpft ihr einfach so und begleitet sie wenig später auf dem Heimweg. Ihre Wohnung liegt im Parterre eines Zweifamilienhauses. Der Garten ist den Besitzern zur alleinigen Nutzung vorbehalten, doch wenn sie die Tür öffnet, hat sie die Rheinauen vor sich. Wohnen am Strom, es gibt Schiffe und Möwen und Träume, die man mit auf die Reise schicken kann. Ein eigener Hund wäre wunderbar, immer vorausgesetzt, sie kann diese Wohnung halten. Sie will nicht schon wieder etwas aufgeben müssen.

***

Das Telefon klingelt beharrlich, doch Simone läßt sich Zeit. Draußen ist es noch hell, zu hell für verliebtes Geplänkel bei Kerzenschein. Vielleicht ist Sonja Ziems eingefallen, daß sie zuvor noch rasch die Kündigung einer gewissen Simone Prinz hinter sich bringen könnte.

»Prinz.«

»Ich bin's, Denis.«

»Aha.«

»Klingt nicht sehr begeistert, wollte nur mal rasch hören, wie's dir so geht.«

Bei dem Wort »rasch« denkt Simone zwangsläufig an seine Ehefrau, mit der er jetzt ein Haus in einem Kölner Vorort bewohnt. Ohne Blick auf den Rhein, dafür garantiert hochwasserfrei und mit hinreichend viel Platz für den Kinderwagen, den die beiden bald durch die Gegend schieben werden.

»Mir geht's gut. Prima. Allerbestens.«

»So hörst du dich aber nicht an. Bist du noch sauer? Du solltest dir vielleicht eine andere Wohnung suchen, etwas Zentrales. Was willst du mit drei Zimmern und ohne Auto dort draußen?«

»Ich habe wieder ein Auto.« Geht ihn das etwas an?

»Sieh mal einer an, da mußt du ja ordentlich verdienen, wenn du dir achtzig Quadratmeter für dich allein und obendrein ein Auto leisten kannst.«

»Ich werde nicht mehr lange allein sein.«

»Du willst? Du hast vor ...?« Er saugt Luft an und läßt sie in kleinen Schüben entweichen, Simone weiß, daß er sehr erregt ist, wenn er das tut. Bei einem Thriller im Kino, bei einer Berufung zum Ressortchef in einem Kölner Verlag, beim Eingeständnis der Vaterfreuden, denen er entgegensieht: »Ich kann meine Frau jetzt nicht im Stich lassen, das wäre einfach nicht fair, du wirst das verstehen, und eines Tages triffst du bestimmt jemanden, der noch viel besser zu dir paßt als so ein alter Ehekrüppel wie ich.«

Fürchtet er, daß sie schon Ersatz für ihn gefunden hat?

Fast bedauernd legt Simone den Hörer auf, das erregte Pusten verstummt. Es tut ihr gut, sich auszumalen, wie zur Abwechslung ihn die Eifersucht plagt. Falls sie sich das nicht nur einbildet wie so vieles zuvor. Gelogen hat sie jedenfalls nicht, auch wenn ihr zukünftiger Wohnungsgenosse bloß ein Vierbeiner sein wird. Immer vorausgesetzt, Rainer Schaller hält Wort.

Kapitel 2
Erwischt

Nirgendwo ist die Südstadt kölscher als auf dem knappen Kilometer zwischen Severinsbrücke und Chlodwigplatz. Das scheint auf den Mann abzufärben, dessen Arm Sonjas zierliche Taille umfaßt hält. Die Art, wie er sich plötzlich ausdrückt, irritiert sie ebenso wie dieses Milieu. Normalerweise führt er sie in Restaurants, die sie kennt, wenn sie nicht gleich in Sonjas Wohnung bleiben, die der Sender für sie besorgt hat. Eine schöne Wohnung, trotzdem wird es ihr immer öfter zu eng in diesen vier Wänden, die für eine Person bemessen sind. Daran ändert auch Kerzenlicht nichts.

Sie unterbricht seine Laudatio auf die sechste oder siebte Kneipe, die sie auf dieser Straße passieren. Es ist ihr gleichgültig, ob das »Häsgen« im 19. Jahrhundert eine Hähnchenschlachterei war und ob ein ihr unbekannter Detlef jetzt als Spüler in einem Hotel arbeiten muß.

»Ich würde doch lieber ins ›Palermo‹ gehen, glaube ich«, sagt sie.

»Denk an Monique, sie ist dort neuerdings Stammgast.«

Sonja sagt sich, daß sie in letzter Zeit viel zu viel an ihre Produktionsleiterin denken muß, und das hat keineswegs berufliche Gründe. Sie kann sich an zehn Fingern ausrechnen, was passiert, wenn ihr Verhältnis am Set ruchbar wird.

»Dann eben zu Marcel.«

»Weil er mit Strohhut auf dem Kopf serviert und dich ›chère Madame‹ nennt?«

»Nein«, sagt sie und denkt »vielleicht«, weil sie es mag, hofiert zu werden. Noch lieber allerdings ist sie mit diesem Mann zusammen, der ihr unter die Haut geht wie noch keiner vor ihm. Warum, weiß sie selbst nicht. Als Talkmasterin mit der höchsten Einschaltquote bei »Joy« könnte sie ganz andere haben. Allerdings schrumpft ihr Vorsprung. Die Sendung heute war wie der Blick in einen Abgrund. Dieser Stadtteil vertieft ihre Ängste, dafür hat sie sich nicht mühsam hochgearbeitet. Es macht Mühe, immerzu zu strahlen, aber genau das ist ihr Markenzeichen. Sie wendet sich rasch von dem in der Abendsonne blinkenden Spiegel eines Schuhladens ab, der noch geöffnet hat, weicht den Kästen mit den billigen Schnäppchen aus und tut einen Sprung, als ein riesiger Biertransporter unmittelbar neben ihr vorbei brummt. Sie lächelt mühsam, obwohl sie zu Tode erschrocken ist.

»Ich weiß einfach nicht, was ich hier soll«, sagt sie laut.

»Der Wagen ist von Bester, eine der letzten Brauereien, die noch nicht auf die grüne Wiese gezogen ist. Früher gab's allein in diesem Veedel siebzehn Sudhäuser.«

»Ich mag kein Kölsch.«

»Kann ich notfalls mit leben, Hauptsache, du bist bei mir.« Er nickt einer Frau vor einem Fingernagelstudio zu. Sie wirft ihm Kußhändchen zurück, sie hat hochtoupierte Haare und trägt Shorts aus Leder. Die Oberschenkel sind prall, fast schon dick, für Sonjas Geschmack entschieden zu dick für ein solches Kleidungsstück, doch die andere scheint sich wohl darin zu fühlen. Der Busen schaukelt mit, gemessen an Sonjas eigener Oberweite die reinsten Euter, auf dem Schild über der Ladentür steht »Karin Schmidt«.

Sonja Ziems überlegt, ob sie auf Dauer mit diesem Mann leben könnte, der nichts dabei findet, eine solche Person zu kennen.

***

Nach drei Tagen hat sich Simones Panik bei jedem Klingeln des Telefons gelegt. Auch der Gang zum Briefkasten fällt ihr wieder leichter, hinzu kommt die Verlängerung der Krankmeldung ihres Kollegen. Für die ausgeschiedene Volontärin ist auch noch keine Nachfolgerin in Sicht, eine Blitzkündigung erscheint ihr deshalb zunehmend unwahrscheinlich. Also widmet sie sich wieder ihrem Alltagsgeschäft, das sich nur zu einem geringen Teil im Studio abspielt, und fährt wie geplant nach München.

Letzte Woche sind Inserate im Süddeutschen geschaltet worden. Die Talkmasterin von »Sag ja!« legt großen Wert darauf, das Lokalkolorit der Brautwerbung ständig zu ändern, um nur ja keine Langeweile beim Zuschauer aufkommen zu lassen. Der Rücklauf an »typischen Bayern« ist allerdings eher bescheiden, und der einzige halbwegs originelle Typ weigert sich beharrlich, in den von Sonja gewünschten Seppelhosen aufzutreten, und wird auch keine Braut im Dirndl ehelichen: »Ist Dörte eh zu flach für, außerdem ist das nicht ihr Ding; die verpaßte mir vor laufender Kamera eine Watschen, wenn ich ihr in der Show mit so einem Staat ankäme.«

Bei dem bayrischen Ausdruck für »Ohrfeige« zuckt Simone so heftig zusammen, daß ihr der Kaffeelöffel scheppernd zu Boden fällt, ein Kellner bringt ihr umgehend einen neuen, der Service in diesem Nobelhotel ist ebenso aufmerksam wie erdrückend. Die Talkmasterin findet jedoch, die Gäste ihrer Show sollten in einem angemessenen Rahmen auf ihre Tauglichkeit hin getestet werden, schließlich geht es um eine Art »Traumhochzeit«.

Simone schwankt bis zuletzt, welches Paar sie beim üblichen Meeting am Freitag in den Vordergrund rücken soll, um ihre Schlappe von letzten Mittwoch wieder auszugleichen.

Das Original aus Schwabing?

Oder den Gastwirt aus Rottach, der so scharf aufs Fernsehen ist, daß er gleich mit Gamsbart am Hut und grünen Troddeln an den grauen Strickstrümpfen unter den ledernen Knickerbockern in den »Vier Jahreszeiten« zur Vorbesprechung aufmarschiert?

***

»Schwabing ist schon einmal gut«, befindet Sonja und streift Simone mit einem Blick, der weder besonders abweisend noch besonders freundlich, sondern eher gleichgültig ist.

Simone atmet kurz auf. »Ja, er besitzt auch jede Menge Mutterwitz, sein Job ist ebenfalls interessant, er stellt in der dritten Generation Laugengebäck her.«

»Paßt.«

»Allerdings möchte er keine Tracht tragen, wenn er eingeladen wird.«

»Und warum nicht? Ist doch kostenlose Werbung für den Mann.«

»Er hat etwas gegen Vereinsmeierei. Auf den ersten Blick ist er ein eher introvertierter Typ, dafür kommen seine trockenen Sprüche um so besser rüber.«

»Und weshalb hat er sich auf unsere Annonce gemeldet?«

»Die junge Frau, die er ehelichen will, hat ein Faible für ›Joy‹.« Simone sieht, wie Sonjas Gesicht in der bekannten Weise zu strahlen beginnt; natürlich bezieht sie dieses Faible auf ihre eigene Person, was jedoch unzutreffend ist. Die Vorliebe gilt einer anderen Moderatorin des Senders, der Laugenbäcker will auf dem Umweg über Sonja den Kontakt zur Astro-Show anbahnen. »Dörte macht einen in Astrologie«, hat er gesagt, »sie verpaßt keine einzige Sendung. Wenn diese Joana ein Kerl wäre, könnte ich glatt eifersüchtig werden.«

»Das hört sich doch wunderbar an.« Diesmal sieht die Talkmasterin Simone offen ins Gesicht. »Besonders nach der letzten Pleite, mit randalierenden Bräuten ist uns nämlich nicht gedient.«

Simone schluckt und denkt »Watschen«, sie räuspert sich: »Allerdings ...«

Zu spät, sie dringt nicht mehr durch, die Runde stürzt sich fast schon hysterisch auf das Paar und baut eine typisch bayrische Inszenierung auf, bei der lediglich die Seppelhosen für den Freier fehlen und Simones Ablenkungsstory zunehmend in den Hintergrund rückt. Dabei ist die Einbeziehung der Astrologin die einzige Chance, diese Dörte in Schach zu halten.

»Halt!« In Simone kommt Panik auf, das verleiht ihrer Stimme Nachdruck.

»Wieso halt?«

Gute Frage, die sie leider nicht offen beantworten kann, ohne die Talkmasterin vor versammelter Mannschaft vor den Kopf zu stoßen. Krampfhaft sucht sie weiter nach einem Rahmen für die Show, der es allen recht macht. Die Erfolgsformel des Werbeassistenten Rainer Schaller fällt ihr ein und paart sich mit bunten Bildern in ihrem Kopf. Sie ist ein Mensch, der plastisch denkt, bei ihr steht ein Haus, noch ehe sie den Keller angeht. Ihre Stimme überschlägt sich: »Warum bauen wir nicht einfach eine fiktive Hotline zu Ludwig II. auf, dessen Schlösser kennt jeder, das ist Romantik pur gepaart mit moderner Technik, Kontraste ziehen bekanntlich immer, und Joana schlüpft in jede Rolle, sie beschert selbst noch einer tragischen Gestalt wie diesem Bayernkönig seinen Honeymoon im Jenseits, und dem Laugenbäcker-Duo prophezeit sie dann schon hienieden sein Happy-End.«

»Das ist mir zu unseriös, überhaupt hat dieser Ludwig nachweislich Selbstmord begangen. Denken Sie sich da etwas anderes aus, Simone. Ein hübsches Wettspiel mit bayrischem Ambiente, Almabtrieb mit Zweibeinern oder Laugenbrezelwettessen, unser Axel ist ja bekanntlich stets zur Kooperation bereit.«

Simone versteht den Wink genau wie jeder andere an diesem Tisch. Sie hat wieder einmal den Unterbau vergessen, auf dem alle erfolgreichen TV-Sendungen basieren, äußerlich betrachtet handelt es sich dabei bloß um eine unscheinbare Zahl. Von Axel, dem Moderator der karitativen Wettsendung, hat Sonja keine Konkurrenz zu befürchten, wogegen Joana sehr wohl eine Gefahr bedeutet, in der letzten Woche ist sie haarscharf an die Einschaltquote von »Sag ja!« herangerückt. Es geht um die Number one.

»Ich fürchte, das geht nicht«, sagt Simone in die lautstarken Sympathiekundgebungen für Axel hinein. Sie erntet empörte Blicke, trotzdem muß sie weiterreden. »Genaugenommen fährt diese Kandidatin nämlich auf Astrologie ab, das wäre der einzig wirksame Köder.«

»Und was soll sie dann in meiner Show?«

Simone schweigt, die Antwort liegt auf der Hand. Soeben hat sie sich als Überbringerin schlechter Nachrichten erneut unbeliebt gemacht. Es schmeichelt einer Sonja Ziems wohl kaum, als Brücke zu ihrer ärgsten Konkurrentin benutzt zu werden.

»Gestrichen. Was haben Sie sonst zu bieten, Simone?«

Die Fotos des Gastwirts aus Rottach kommen gut an, die dazu gehörige Vita weniger.

Die Talkmasterin schüttelt erneut den Kopf, das Team folgt ihrem Beispiel. »Riecht nach zwei Trittbrettfahrern, die sich über uns kostenlose PR für ihr Lokal verschaffen wollen. Wo kämen wir denn da hin?«

»Sonst wäre da nur noch ...«

»Vergessen Sie's, ich gehe lieber auf Nummer sicher und greife den Tip Ihres kranken Kollegen auf Sie rufen ihn bitte umgehend an.« Trotz der Höflichkeitsfloskel handelt es sich eindeutig um einen Befehl.

Ganz kurz kommt Simone die Lust an, selbst zu kündigen.

***

Das Haus, in dem ihr Kollege wohnt, befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft des »Palermo«, wo sich zur Zeit die Mitarbeiter aller in Köln ansässigen Filmproduktionen und zudem etliche Sportstars die Klinke in die Hand geben. Sie selbst war noch nie hier, zumindest von außen gibt sich das Szene-Lokal eher bescheiden, das gilt auch für das Treppenhaus, über das sie die Wohnung von Willy erreicht. Fast schon ist sie geneigt, ihm seinen Anteil an der »Bayernhochzeit« zu gönnen. Wieviel er wohl für seinen Tip erwartet? Wie sicher ist sein Kandidat?

Die Tür im obersten Stockwerk ist angelehnt, dahinter hört sie Stimmengemurmel. Auf Simones Klopfen hin erfolgt keine Reaktion, sie pocht erneut gegen das Türblatt und kommt sich dumm vor, wie bestellt und nicht abgeholt, dabei ist sie auf die Minute pünktlich.

»Hallo? Ich bin's, Simone Prinz.« Sie tut einen Schritt vor. »Immer hereinspaziert, nur keine Scheu, die beiden Jungs hier fressen keine kleinen Mädels von der Ostsee.«

»Nordsee«, verbessert Simone und fühlt sich erst recht dumm, nicht dazu gehörig. Ist das hier eine Party am Krankenbett? Willy schaukelt auf einem kurios geformten Polstersessel mit vergoldeten Kufen, das Sektglas in seiner Hand wippt mit. Den leeren Flaschenkörpern nach zu urteilen wird hier mittags um eins bereits munter gebechert und geulkt, echter Champagner, auch die Einrichtung des riesigen Raums ist keineswegs spartanisch, ganz im Gegenteil.

»Ich will Sie nicht lange aufhalten, wenn Sie mir nur kurz Name und Adresse des Kandidaten in Süddeutschland sagen, damit ich ein Vorgespräch vereinbaren kann.«

»Vorgespräch? Überflüssig.« Und an die beiden fremden Männer gewandt: »Ich muß der kleinen Nordseekrabbe nur mal kurz unter die Arme greifen. Lovely Sonja hat ein SOS losgelassen, dem ich nicht widerstehen konnte, obwohl ich ja eigentlich todkrank bin.«

Simone überlegt, ob sie einfach kehrtmachen soll. Mit der »Nordseekrabbe« ist sie gemeint, das anzügliche Lachen der beiden Besucher bezieht sich wohl eher auf die Krankheit ihres Kollegen. Ob er nur simuliert? Menschen mit Heuschnupfen können bekanntlich kaum noch aus den Augen sehen, die seinen glänzen eher angesäuselt.

»Ohne Vorbesprechung läuft bei mir nichts«, sagt sie laut und erntet wieherndes Gelächter, das diesmal eindeutig ihr selbst gilt. Die zotigen Sprüche verfolgen sie auf ihrer Flucht durch die Diele, wo sie versehentlich die Tür zum Schlafzimmer erwischt, über dem Futonbett hängt in Postergröße die Abbildung eines nackten Männerhinterns. Knackig, im Grunde harmlos, trotzdem spürt Simone, wie sich alles in ihr zusammenzieht. Als sie sich umwendet, steht Willy vor ihr und versperrt ihr den Weg nach draußen.

»Nichts für ungut, Mädel, so langsam müßtest du dich doch an das flotte Mundwerk von unsereins gewöhnt haben. Zur Entschädigung lade ich dich zum Mittagessen ein, deinen Kandidaten kannst du dann gleich in einem interviewen, wenn's sein muß, der ist Stammgast im ›Palermo‹.«

»Ich denke, er ist Bayer?« Sie blendet das Poster über dem Bett aus, das geht sie nichts an.

»Logisch, aber momentan ist er halt in Köln am Rhein zu Besuch, sonst hätte ich ihn ja wohl kaum auf die Schnelle aufgegabelt, oder?«

Daran ist etwas, Simone hat sich schon gefragt, wie Willy vom Krankenbett an einen Kandidaten gelangen konnte, der die Moderatorin von »Sag ja!« auf Anhieb begeistert hat.

***

Sehr viel klüger fühlt Simone sich nach dem gemeinsamen Verzehr von »Spaghetti con le seppienere« und »Tiramisu« nicht. Wohlklingende Namen für Nudeln mit Tintenfisch und ein allseits beliebtes Dessert, die aber nichts an ihrer Skepsis gegenüber diesem Bayern ändern. Woher genau ihr Mißtrauen rührt, weiß sie allerdings nicht.

Der Name paßt, der Dialekt desgleichen, die Lebensstory könnte glatt aus dem Treatment für ein Drehbuch stammen, vielleicht ist es genau das: Josef Hubschmidt ist fast schon zu perfekt, um wahr zu sein. Lediglich bei der Beschreibung seiner Flamme zögert er, sogar deren Nachname scheint ihm nicht auf Anhieb einfallen zu wollen: »Jo mei, ich nenn' sie halt seit Jahren Steffi, aber hintenherum heißt's wohl Huber, hat übrigens auch ein ausgesprochen fesches Hinterteil, das Stefferl.«

»Und sie würde auch im Dirndl auftreten?«

»Logisch, für mich käm's auch nackert.«

»Das wird nicht nötig sein.«

»Also dann bis Mittwoch, pfüat euch alle miteinander, ich muß schon mal los.« Josef schwenkt höchst anzüglich seinen Steiß und winkt dem Padrone nur lässig zu, bezahlt hat er nicht.

»Drei Stunden vorher, mindestens«, ruft Simone ihm nach und merkt zu spät, daß sie sich damit bereits festlegt. Ein ungutes Gefühl beschleicht sie, das sich bei den Abschiedsworten ihres Kollegen wenig später noch verstärkt: »Die Hauptarbeit wäre ja dann erledigt, aber ich trete dir trotzdem die Hälfte vom Honorar ab.«

Die Hälfte ist ein Witz. »Und wer schreibt alles für Sonja auf? Und arrangiert die Ablenkungsstory? Und betreut die Bagage am Set?«

»Etwas mußt du ja auch noch zu tun haben, außerdem bin ich krank, ich muß dringend zum Arzt. Tschüs miteinander!« Weg ist er, seine beiden Kumpel sind nicht ganz so fix, sie palavern noch eine Weile mit einem der Kellner an der Bar. Simone schnappt »Dr. Hühnerfranz« auf, ein Name, der ihr auch ohne das schallende Gelächter der drei Männer merkwürdig vorkommt, ohne daß sie jedoch den Witz an der Sache durchschaut.

Als sie das Lokal ebenfalls verlassen will, stellt sich ihr der italienische Wirt mit einer ellenlangen Rechnung in den Weg. Fünfmal Spaghetti mit Tintenfisch, ebenso viele Desserts, dazu etliche Espressi und vor allem Vino. Obwohl der Verweis auf die ordnungsgemäße Ausstellung einer Spesenrechnung, bei der sogar schon »Joy« als Gastgeber eingetragen ist, ihr die spätere Erstattung ihrer Auslagen garantiert, fühlt sie sich über den Tisch gezogen.

Was hat der Sender mit den Freunden von Willy zu schaffen?

Warum hat er dann überhaupt erst behauptet, sie einladen zu wollen?

Der Brunnen in der Mitte des Platzes ist von Menschen umlagert, die meisten davon halten ein Eis in der Hand, andere ruhen sich lediglich auf den kühlen Stufen aus, Kinder kraxeln an den Steinfiguren hoch, ein paar Touristen fotografieren. Das bunte Treiben fällt ins Auge, lockt an, nur für die beiden Männer, die unmittelbar vor dem fröhlich plätschernden Brunnen zusammentreffen, scheint das nicht zu gelten. Der eine kommt von rechts, der andere von links, ohne aufzusehen biegen sie in eine der schmalen Altstadtgassen ab. Ihre Absätze klicken laut auf dem Kopfsteinpflaster, die Stimmen hallen von den Hauswänden wider.

»Es ist riskant, Stefan ins Fernsehen zu lassen. Was, wenn einer ihn erkennt?«

»Im Dirndl, mach dich nicht lächerlich, außerdem heißt er für die Show Stefferl, denk dran, Stefan mag er sowieso nicht mehr genannt werden.«

»Mir wäre wohler, wenn du für diesen Sketch jemand anders ausgesucht hättest. Der Bursche ist in gewissen Kreisen bekannt wie ein bunter Hund.«

»So'n Sender ist keine Travestie-Pinte. Deine Talktante weiß wahrscheinlich nicht mal, daß es so was gibt, die sieht aus wie persilgespült. Außerdem hatte ich nur einen halben Tag fürs Casting Zeit, und für Geld legt Stefan dir jede Rolle perfekt hin. Die Mäuse sind doch sicher?«

»Unser Auftraggeber zahlt, verlaß dich drauf.«

»Und deine Nordseekrabbe zahlt auch, ganz schön gerissen.«

»Man muß sehen, wie man sich durchs Leben wurschtelt, ohne sich ein Bein auszureißen.«

»Sehr weise. Weißt du auch schon die endgültige Rezeptur für die Bayernwurst? Soll Stefan alias Stefferl die Sendung nun hochgehen lassen oder nicht?«

»Unser Auftraggeber findet, es wäre noch zu früh. Er setzt darauf, daß unsere kleine Nordseekrabbe im Zustand der Unschuld den Boden für ihn präpariert, dann platzt die Bombe um so lauter.«

»Mir hängt deine Geheimniskrämerei langsam zum Hals raus. Ich will endlich wissen, wer hier die Fäden zieht. Ich denke, du und ich, mir kannst du schließlich vertrauen ...«

»Und du hast wirklich nichts mehr mit Stefan?«

»Ich steh nicht auf Titten.«

»Von Natur aus hat er ja keine.«

»Aber jetzt hat er welche, die reinsten Schweinsblasen, du bist mir lieber, glaubst du, ich hätte dich umsonst im ›Hühnerfranz‹ angequatscht?«

Die beiden Männer betreten eine Kneipe. Auf dem Schild über der Tür steht »Hühnerfranz«. Trotz des schönen Wetters drängt es sich in dem dunklen Raum. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob hier beide Geschlechter verkehrten. Man muß schon genauer hinsehen, um zu erkennen, was sich wirklich hinter Schminke und toupierten Haaren und BH-Schalen verbirgt.

***

Simone weiß nicht, ob es ein Zufall ist, daß sie an diesem Mittwochmorgen erneut dem Hund begegnet, dessen Ausreißmanöver vor genau einer Woche dafür gesorgt hat, daß sie zu spät ins Studio kam und die zwanzigste »Sag Ja!«-Aufzeichnung ein Flop wurde. Heute ist der Mischling sicher an einer neuen Leine, trotzdem hält sie an und steigt aus, vielleicht lockt sie auch nur das friedliche Bild der Rheinauen, und sie ist noch gut in der Zeit.

Der Hundehalter erkennt sie prompt. »Hab mir schon überlegt, ob Sie hier in der Gegend wohnen.«

»Warum?«

»Wollte mich halt dafür revanchieren, daß Sie mein Kalb gerettet haben. Erst ich, dann Sie.«

»Kalb paßt.« Simone sieht auf das schwarz-weiß gefleckte Fell, das sonst allenfalls zu einer deutschen Dogge paßte, doch dem widerspricht die Physiognomie, die eher an einen Schnauzer erinnert. »Und wovor haben Sie ihn gerettet?«

»Vorm Absaufen, ich hab ihm 'ne Holzplanke hingehalten.«

»Unten am Rhein?« Simone überlegt, wie lange sich ein Hund in diesem Gewässer halten kann. Es gibt gefährliche Stromschnellen, darauf weisen überall am Ufer Warntafeln hin.

»Nee, gleich hier oben auf der Hauptstraße.«

»Klar doch.« Sieht sie wirklich so aus, als ob man ihr jeden Bären aufbinden könnte? Hätte sie nicht von ihm gedacht ...

»Stimmt schon, ich mache Ihnen nichts vor. Man merkt, daß Sie nicht aus unserem Dorf sind.«

»Zufällig wohne ich hier.«

»Aber noch nicht lange genug, um beim letzten Jahrhunderthochwasser dabeigewesen zu sein. Gut ein Jahr ist das jetzt her, da konnten Sie mit dem Kahn zum Bäcker paddeln, die Leute kamen scharenweise hierher, um sich das neue Venedig auszuschauen. Ich war mit von der Partie, und dann trieb dieses Kalb auf mich zu, damals war er quasi noch ein Baby. Ich hab ihn Nostradamus getauft.«

»Und was ist mit seinem regulären Besitzer?«

»Hatte die Nase gestrichen voll, genauso wie seine Bude, er war gerade mit Abpumpen beschäftigt, aber genutzt hat das auch nicht mehr viel. Ich hab ohne lange zu fackeln den Hund und das Klavier von ihm übernommen, und weil mein Vermieter mit dem Zuwachs nicht klarkam, bin ich hierher gezogen und hab jetzt auch noch diese umgebaute Remise und das Pferd am Hals, es heißt ›Lili Marleen‹. Falls Sie mal Lust auf einen Ausritt haben ...«

»Im Moment muß ich eher machen, daß ich an die Arbeit komme.«

»Schade, ich hätte nämlich Zeit.«

»Sie sind zu beneiden.« Simone taxiert verstohlen seine Kleidung. Er sieht nicht so aus, als ob er es sich leisten könnte, dem Nichtstun zu frönen.

»Weiß ich nicht, ob man das so sagen kann, ich bin nämlich frisch gefeuert.«

»Tut mir echt leid.«

»Muß Ihnen nicht leid tun, immer nur Bier ist sowieso nicht mein Fall.«

»Sie waren Wirt?«

»So schlimm war's nun auch wieder nicht. Ich glaube, Sie sollten jetzt besser die Straße freimachen, die Knolleuse peilt gerade Ihr Auto an. Wir sehen uns später im ›Treppchen‹.«

Die Übersetzung des kölschen Ausdrucks erübrigt sich, das Hantieren der Person mit Strafzetteln und Scheibenwischern ist überregional verständlich. Simone bittet mit Engelszungen und darf weiterfahren, bevor es auch sie erwischt.

»Tschüs!« Noch ein kurzes Winken im Vorbeifahren, er winkt zurück, das »Kalb« namens Nostradamus kläfft. Die beiläufig eingeflochtene Lebensgeschichte des noch jungen Mannes, den sie auf höchstens Anfang dreißig schätzt, geht ihr nicht aus dem Kopf.

Wie kann jemand so impulsiv sein und sich einen Hund, ein Klavier, eine ständig vom Hochwasser bedrohte Bude und sogar ein Pferd zulegen, ohne vorab die Folgen zu bedenken?

Und die Ruhe bewahren, wenn er obendrein noch seinen Job verliert?

Das rotierende Herz auf dem Flachbau des neuen Studios wird bereits sichtbar, als Simone energisch die Frage beiseite drängt, ob dieser Mensch nun ein Lebenskünstler oder ein Idiot ist. Sie muß aufpassen, daß sie demnächst nicht ebenfalls auf der Straße sitzt.

***

»Gratuliere, Frau Redakteurin.«

»Wozu?« Simone ist erschöpft, ausgelaugt, in gewisser Weise fühlt sie sich auch übertölpelt.

»Ist doch alles bestens gelaufen, oder?«

»Kommt drauf an, wie man's nimmt, außerdem ist dieses glückliche Paar nicht auf meinem Mist gewachsen.« Und auch nicht in Süddeutschland, ergänzt Simone für sich.

Die ganze Zeit über ist sie sich wie der Betrachter einer Aufführung des »Heimatstadels« vorgekommen. Auch dieses Geschnäbel beim »Ja!« der Braut war für ihren Geschmack viel zu dick aufgetragen, noch etwas anderes an ihr war geradezu widernatürlich dick. Trotzdem haben die Männer von der Technik nicht versucht, sich etwa beim Verstecken der Schnüre fürs Mikrofon am Körper von Stefferl zu verirren. Nicht einmal hinterrücks wurde gelästert. Alle schienen sich vorgenommen zu haben, dieses Paar wie rohe Eier zu behandeln. Mit Erfolg, wenn es nach dem Applaus der Zuschauer im Saal geht, obwohl eine Busladung aus der Kaserne und eine zweite aus der Berufsschule nicht unbedingt repräsentativ sind. Das Lob des Werbeassistenten sollte Simone aufmuntern, doch das tut es nicht, ganz im Gegenteil. Fast verspürt sie Enttäuschung darüber, daß er auf eine solche Schmierenkomödie hereinfällt. Oder spricht aus ihr in Wahrheit nur der Neid über einen Erfolg, der nach ihren eigenen Worten nicht auf ihrem Mist gewachsen ist?

»Das dachte ich mir, daß dieser Kandidat nicht von Ihnen ausgeguckt worden ist.«

»Weil Sie mir keinen Treffer zutrauen?«

»Weil ich Ihnen nach unserem Gespräch neulich keine solchen Plattheiten zutraue, das heutige Spektakel könnte – unter uns gesagt – glatt als Vorlage für eine Heimatbühne in Oberbayern dienen. Immerhin wird es ausreichen, um die Einschaltquote von Lovely Sonja zu retten.«

»Und Sie glauben, damit ist sie zufrieden?«

»Ich verlasse mich da ganz auf Sie, ein paar kleine Widerhaken zur rechten Zeit, und die Show bekommt neuen Biß, die Bräute müssen ja nicht gleich reihenweise abspringen.«

»Und was haben Sie selbst davon, wenn Sie diese Show unterstützen?« Dumme Frage! Simone sieht Kerzen flackern, zwei sehnsüchtige Münder aufeinander zu rücken, wahrscheinlich täte er alles, um sich dieses ewige Lächeln zu erhalten. Am liebsten riefe sie »Stop!«

Rainer Schaller nimmt sich Zeit mit der Antwort, seine volle Unterlippe zuckt kurz. Die schwarzen Pupillen betonen den hellen Ring der Iris, der zum Rand hin dunkler wird, bei den meisten Menschen ist es genau umgekehrt. Immer, wenn Simone ihn anschaut, überlegt sie, wo ihr schon einmal ein solch helles Grün begegnet ist, doch bis jetzt ist ihr nur jener Priel am Strand von Ostende eingefallen, der ihr als Kind bald zum Verhängnis geworden wäre. Damals konnte sie noch nicht schwimmen.

»Liegt doch auf der Hand, meine Kunden lassen ihre Produkte nur da bewerben, wo wirklich die Post abgeht, und das sind bestimmt nicht die Wettspiele unseres lieben Axel. Eher schon macht Joana das Rennen.«

»Das sollten Sie besser nicht laut sagen.« Und nicht bei seinem Sonnenschein.

»Ich sag's Ihnen, nur Ihnen. Übrigens sollten Sie wieder mal hinaus in den Sturm gehen, das stand Ihnen gut.«

»Bei dem Wetter schwierig.«

Rainer Schaller lächelt, seine Lippen zucken, die Augen blitzen, so als ob der Ungehorsam der Natur lediglich eine weitere Herausforderung für ihn wäre. Er ist ein Macher, sie hat es von Anfang an gespürt. Unwillkürlich hebt sie die Hände Richtung Kopf, es ist nur den näherkommenden Schritten zu verdanken, daß sie sich nicht mit allen zehn Fingern in die heute korrekt sitzende Frisur fährt und Sturm spielt. Hastig tritt sie beiseite, um die Talkmasterin vorbei zu lassen, die aus ihrem Office kommt, wo sie vielleicht schon konkrete Zahlen zur heutigen Einschaltquote vorliegen hat, im Zeitalter der Elektronik geht das blitzschnell. Natürlich ist es ebenso gut denkbar, daß sie sich fragt, wo ihr heimlicher Liebhaber so lange bleibt, das erklärte auch ihre starren Gesichtszüge. Weit weg von dem Strahlen, das so unverwechselbar zu ihr gehört und noch eben beim obligatorischen Anstoßen die Gäste der heutigen Show begeistert hat. Falls nicht auch diese Begeisterung nur vorgetäuscht war.

»Rainer, ich möchte dich sprechen. Sofort.«

»Zu Befehl, Lovely.« Rainer Schaller läßt der Talkmasterin den Vortritt und nutzt die Gelegenheit, um Simone zuzuzwinkern.

Fast schon ungehörig, denkt sie und spürt, wie ihr warm ums Herz wird. Glücklicherweise bekommt er nicht mehr mit, wie sie sich durchs Haar wuschelt, es ist nur ein Reflex auf diese Ausstrahlung, der sie sich nur schwer entziehen kann. Zwischen ihm und einem Lebenskünstler, der sich willkürlich einem halben Zoo und der Sintflut und obendrein einem Klavier ausliefert, liegen Welten, soviel steht fest.

In welche Welt gehört sie selbst?

Auf die sichere Seite, keine Frage. Simone weiß, daß sie kein Auge mehr zutun würde, wenn sie plötzlich ohne Arbeit dastünde. Sie braucht einen Job und ein Heim, in dem sie sich wohl fühlt, das ist sozusagen die Startrampe.

Wofür?

Ihre Phantasie schwemmt eine Holzplanke an, daran klammert sich ein Hundebaby. Es steuert genau auf die Treppe zu, die hinab in ihre neue Bleibe im Untergeschoß eines Zweifamilienhauses mit Blick auf den Rhein führt. Sie lacht auf, das gilt ihr selbst, das laute Lachen hallt im Korridor des Studios, erschrocken preßt sie sich die Hand vor den Mund. Es fehlt noch, daß jemand mitbekommt, wie sie sich am hellichten Tag Hirngespinsten hingibt.

Egal, wann das nächste Jahrhunderthochwasser kommt, es wird ihr wohl kaum ein Hundebaby frei Haus anschwemmen.

***

»Wir liegen drunter. Ich hab's geahnt.«

»Mach dich nicht selbst verrückt.« Ohne Betonung eines einzelnen Wortes, dafür liebkost Rainer Schaller stumm das kleine Wörtchen »selbst«, sieht sie dabei fast liebevoll an und denkt, daß er dafür Sorge tragen wird, dieses allzu glatte Gesicht zu beleben. Er hat noch nie etwas für Schönheit aus der Retorte übrig gehabt, Frauen müssen Widerhaken haben, die sich in weiche Formen schmiegen und nur darauf warten, von ihm ertastet zu werden. Der Kontrast macht den Reiz aus, dieses Wissen läßt ihn in seinem Beruf allen anderen haushoch überlegen sein, natürlich gibt es auch bei »Joy« noch immer Leute, die das nicht begreifen wollen und sich an alte Zöpfe klammern. Noch ein paar kleine Tretminen, dann ist es soweit.

Er betrachtet Sonjas besorgtes Gesicht und fragt sich, wie es aussehen wird, wenn er seinen Plan voll durchzieht. Lebendiger, soviel steht fest. Hysterisch? Hoffentlich nicht, er hat nicht viel für dünne, hysterische Weiber übrig, die sind wie ausgedörrte Erde. Bei dieser Redakteurin mit dem in wollüstige Formen eingebetteten Kinderherz etwa ist er sich sicher, daß seine Lehre in ihr aufgeht, sie ist empfänglich für bunte Bilder, dafür hat er ein Gespür. Lehre ist gut, sehr gut. Seine Lippen zucken, er muß sich zwingen, nicht laut herauszuplatzen, die Vorstellung seiner selbst als Lehrmeister gefällt ihm.

Er, der Guru farbenprächtiger Widerhaken, in die Werbesprache übersetzt sind das Eyecatcher. Augenfänger. Geil!

»Du lachst, freust du dich etwa über den Erfolg von dieser Kaffeesatzleserin? Hast du ihr die große Werbekampagne für Kölsch zugeschanzt?«

»Kölschsorten gibt es in dieser Stadt wie Sand am Meer, in deiner Show gibt's auch einen Werbespot für Kölsch.« Er weiß, daß er ein Meister darin ist, unauffällig Produkte ins Fernsehen zu schmuggeln, ohne daß die Werbeabteilung dafür auch nur einen Penny kassiert, und das ist erst der Anfang.

»Ja, und die meisten verwechseln diesen Spot mit der Werbung für Schonkaffee. Ich brauche einen Sponsor von Format und nicht dieses Wischiwaschi. Sieh dir die letzten Sendungen an, dieser Schonkaffee verfolgt mich, und das nicht nur in den Werbeblöcken, jetzt hab ich die Packung mit dem Schonkaffee und das alkoholfreie Bier und den Haushaltszucker schon im Bühnenbild. Ich frage dich, wer schafft das Zeug da hinein?«

Er umgeht eine direkte Antwort, wittert Gefahr, versucht, sie umzupolen. »Die Leute mögen das. So etwas läßt sie in deinen Hochzeitsmärchen erst richtig heimelig werden, glaub mir.« Er überlegt, ob sie ihm auf die Schliche kommen kann. Und was dann? Sie ist nicht der Typ, der sich auf einen Deal einläßt. Was ihre Show betrifft ist sie noch unbeweglicher als ihre Mimik. Immer nur lächeln, scheußlich, widerlich, er hat von Anfang an gewußt, daß sie eine Fehlbesetzung ist.

»Aber ich mag es nicht, verdammt. Ich mache eine überregionale Show, ich bin nicht eure Frau Fußbroich, ich habe es satt, hörst du, satt. Wäre ich doch letztes Jahr nach Amsterdam gegangen.«

»Ob die da auch so hübsche Kameramänner haben?« Er beobachtet, wie eine steile Falte sich zwischen die beiden zarten Augenbrauen schiebt und das Gesicht aufbricht, sich wie der Sprung in einer Tasse ausbreitet, so gefällt sie ihm schon viel besser. Es macht sie interessant.

»Er ist nicht hübsch, nicht wirklich, er ist nicht einmal galant ...« Sie stockt.

»Probleme?«

Sie nickt, dann bricht es aus ihr heraus. Plötzlich scheint der Kampf um Einschaltquoten weit weg zu sein. »Er will allen Ernstes mit mir in die Südstadt ziehen, da ist eine Kneipe neben der anderen. Er kennt sogar die Betreiberin dieses Fingernagelstudios persönlich, eine unglaublich ordinäre Person.«

»Name?«

»Schmitz oder Schmidt, so heißt hier ja jeder zweite, warum willst du das wissen?«

Er betrachtet seine Nägel und läßt die beschriebene Person vor seinen Augen erstehen, das törnt ihn an, die Kombination dieses bürgerlichen Namens mit einem nuttigen Aussehen ist ein wunderbarer Kontrast, ausnahmsweise hat Lovely Sonja nicht übertrieben. Allerdings wäre es fatal, wenn ihr Liebster plötzlich einen Hang in diese Richtung entwickelte, es ist wichtig, ihn bis zum Countdown bei der Stange zu halten.

»Mein Gespür sagt mir, daß ein Flittchen namens Karin Schmitz oder Schmidt dir nicht gefährlich werden kann. Beruhige dich.«

»Rege ich mich etwa auf? Woher willst du wissen, ob ich ihn überhaupt noch will, ich weiß es ja selbst nicht mehr genau. Das kann mir beim Sender den Rest geben, und wofür? Für eine Bruchbude über einer ehemaligen Hähnchenschlachterei, in der jetzt Bier ausgeschenkt wird. Ich hasse Bier. Er hat diese Wohnung gemietet, ohne mich überhaupt zu fragen. Erst dieses fürchterliche Essen unten in der Kneipe und das Gerede mit Hinz und Kunz, dann kam die große Überraschung. Ich hätte kotzen mögen.« Das Wort »kotzen« klingt wie ein Fremdkörper aus ihrem Mund, sonst ist ihre Wortwahl für jemanden, der bei »Joy« arbeitet, eher gewählt.

»Du enttäuschst mich.« Das ist eine Lüge, ganz im Gegenteil bestätigt ihn dieser winzige Lapsus in seiner Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein.

»Das hat Dick auch gesagt. ›Hier haben wir beide Platz und sitzen nicht mehr auf dem Präsentierteller‹, hat er gesagt und mich dabei angesehen wie ein Kind, das gelobt werden will, aber er ist kein Kind mehr, er ist ein erwachsener Mann und obendrein mit meiner Produktionsleiterin verheiratet.«

»Du solltest keine Menschen enttäuschen, die dich lieben, so etwas zieht Kreise.« Der Griff nach dem Blatt mit dem Ausdruck der aktuellen Einschaltquoten erscheint zufällig. Das Papier vibriert zwischen seinen Fingerspitzen und neigt sich langsam abwärts, »erst recht nicht wegen solcher Äußerlichkeiten. Ich dachte, du liebst ihn wie keinen Mann vor ihm.« Er löst den Griff und weiß genau, was sie nun tun wird.

Sie gehorcht seinem stummen Impuls, sprintet vor und bewahrt das Blatt davor, den Boden zu berühren, sie ist abergläubisch, das weiß er auch. Den Bogen gegen die Brust gepreßt spricht sie von ihrer Angst und ihrer Verwirrung und dankt ihm zuletzt, weil er ihr Mut gemacht hat: »Manchmal überfällt mich einfach die Panik, ich könnte wieder irgendwer sein und mich abstrampeln müssen, um mir die nächste Dauerwelle leisten zu können, ich habe so dünne Haare, anfangs hatte ich deshalb sogar bei Dick Hemmungen. Aber er merkt nur, wie weich meine Haare sind, stell dir das vor.« Sie schnieft. Das Geräusch von Nasenschleim, der kräftig hochgezogen wird, bildet einen pikanten Widerspruch zu ihrem perfekten Make-up über den nicht weniger makellosen Gesichtszügen. In ihm wallt Triumph auf, als er ihr sein Taschentuch hinhält. Sie dankt ihm, es ist das zweite Dankeschön in wenigen Minuten, sie wird noch viel mehr Grund haben, ihm zu danken. Dafür opfert er notfalls auch einen Joker in dem Spiel, das ihn wenigstens materiell dafür entschädigt, noch nicht den Platz einzunehmen, der ihm zusteht.

Bald, denkt er, sehr bald.

***

Den Pfad, der am Rheinufer entlang führt, teilen sich Fußgänger und Radfahrer. Wie meist bei schönem Wetter ist hier abends viel Volk unterwegs. Am »Treppchen« ist der Andrang besonders groß, denn dieser Biergarten gilt seit Jahrzehnten als Institution, soviel hat auch Simone schon mitbekommen. Sie zögert noch, die paar Stufen zur Terrasse hochzugehen, bislang hat sie sich immer mit einer Bank in der Nähe begnügt, von der die Aussicht dieselbe ist, und nur für ein Bier mag sie dieses Gedränge nicht auf sich nehmen. Schulter an Schulter, die Arme angewinkelt, zu wenig Platz, um mit Anstand ein Glas an die Lippen zu führen, doch niemand scheint sich daran zu stören. Eine riesige Clique, in der jeder jeden kennt, so sieht es jedenfalls aus.

Soll sie sich trotzdem vorwagen?

Der Mann, von dem sie nicht einmal den Namen kennt, hat »bis später im Treppchen« gesagt, ein dehnbarer Begriff, wie sie wohl weiß.

Sie schaut sich um, tastet mit ihren Augen Windblousons und Strickpullis ab, sucht nach einem verschossenen Blau und einem Hund, dessen Fell an ein Kalb erinnert, wogegen der Kopf zu einem Schnauzer paßte. Das Gesicht des Mannes will ihr nicht einfallen, im Grunde ist es auch gleichgültig, wie er aussieht. Der einzige Berührungspunkt zwischen ihm und ihr ist sein Hund, nur deshalb ist sie hier.

Über kurz oder lang wird er einen neuen Job annehmen müssen, und was macht er dann mit seinem »Kalb«, von dem Pferd ganz zu schweigen? Sie könnten sich zumindest in Nostradamus teilen, auf diese Weise wäre ihnen beiden gedient. Es ist zu riskant, sich ein Tier ganz für sich allein anzuschaffen, solange sie nicht sicher weiß, ob sie bei »Joy« bleibt.

Es wäre auch gut, wenn sie ihrer Familie endlich etwas Neues erzählen könnte.

Jedesmal, wenn einer von ihnen anruft, und das ist mindestens zweimal die Woche der Fall, sagt Simone dasselbe, beteuert, daß es ihr gutgeht: »Alles bestens, schöne Wohnung, guter Job, wirklich.« Nach fast einem halben Jahr spürt sie, daß mehr von ihr erwartet wird. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann der erste Delegierte aus Hasselt bei ihr vor der Tür steht. Genau das will sie nicht, weil es sie in die Rolle zurückziehen könnte, der sie vor viereinhalb Jahren glücklich entschlüpft ist. Sie merkt, wie sie über das Wort »glücklich« stolpert, und fragt sich, ob der Wechsel nach Aachen wirklich die große Wende gebracht hat.

»Guter Witz!«

»Meinen Sie mich?« Der Fremde mit dem Kölschglas in der Hand sieht sie fragend an.

Sie bemerkt erst jetzt, daß sie weitergegangen ist, während ihre Gedanken noch die Vergangenheit abgrasten. Sie befindet sich nun am äußeren Rand des Gewühls. Natürlich meint sie nicht diesen Biertrinker, bis zu seiner Frage war ihr nicht einmal bewußt, daß sie laut gesprochen hat.

»Nein, ehrlich nicht.«

»Meine Witze sind auch eher bescheiden. Warum haben Sie nichts zu trinken?«

»Eigentlich suche ich nur jemanden.«

»Bißchen schwierig hier, wie? Wer soll's denn sein? Ich kenne die meisten.«

»Er hat ein Sweatshirt an, und sein Hund sieht aus wie ein Kalb, er nennt ihn Nostradamus wie diesen französischen Astrologen aus dem sechzehnten Jahrhundert.«

»Unser Heiliger Franziskus, sagen Sie das doch gleich, den hat vor ner Viertelstunde so eine kleine Pute abgeschleppt, die hat Rotz und Wasser geheult, wahrscheinlich weil der Hamster sich eine Pfote gequetscht oder der Kanarienvogel ein paar Federn verloren hat. Für die nächste Stunde können Sie Ihre Verabredung jedenfalls vergessen. Soll ich Ihnen solange ein Kölsch besorgen?«

»Danke, riesig nett, heute lieber nicht.« Simone macht kehrt, steuert hastig den vertrauten Platz auf der Bank an, die auf einer Böschung steht, von der es steil hinab zum Wasser geht, die Boote schaukeln im Abendwind.

Warum nimmt sie die Einladung nicht an und nutzt die Chance, endlich auch den Menschen hier näherzukommen?

Von Haus aus ist sie gesellig, doch seit der Trennung von Denis droht sie zur Einsiedlerin zu werden, die sich damit begnügt, in ihrer Freizeit die Möwen zu füttern und darauf zu warten, daß etwas passiert. Plötzlich findet sie dieses Warten selbst albern, diese Bank ödet sie an, der Blick auf ein Hausboot namens »Alte Liebe« ist ihr regelrecht peinlich. Sie springt auf und zögert erneut, weil die Aussicht auf hundert Quadratmeter Einsamkeit ihr kaum weniger zuwider ist.

Was ist los mit ihr?

Glaubt sie, daß Denis eines Tages bei ihr auf der Matte steht? Hier bin ich, du bist doch die Richtige für mich – glaubt sie das? Wünscht sie sich das?

»Guter Witz!« Diesmal reagiert niemand auf ihren Ausruf, außer ein paar Anglern ist niemand zu sehen, niemand stoppt den Geisterzug, der in einem kleinen Städtchen namens Hasselt losgefahren ist, viereinhalb Jahre in Aachen haltgemacht hat und nun seit fast einem halben Jahr hier in Köln auf dem Rangiergleis steht.

Simone springt auf, so als ob ihr plötzlich der Boden unter den Füßen brenne, rennt auf den ungepflasterten Pfad los, der immer am Ufer entlang führt. Ein Beobachter könnte sie für übergeschnappt oder gar lebensmüde halten, doch das hält sie nicht auf, genauso wenig wie die einbrechende Dämmerung und eine Gegend, die ihr fremd ist. Nur weg hier.

Ihre Brüste schaukeln, sie hat volle Brüste und runde Hüften. Seit sie bei »Joy« arbeitet, findet sie sich zu dick, ihre Familie hält sie für zu dünn, Denis fand sie »genau richtig«, der Teufel soll ihn holen. Simone schwitzt, das Hosenfutter klebt an ihren Schenkeln, am liebsten risse sie sich alle Kleider vom Leib. Der Pulli hat einen Reißverschluß, das Metall ratscht kurz über ihre Haut, hinterläßt einen roten Streifen, erinnert sie an stürmisch zugreifende Hände, erfahrene und ungeschickt suchende, sie hat früh angefangen, bei drei großen Brüdern war es kein Problem, Jungs kennenzulernen. Ihre Brüste drängen ungeduldig gegen das Gewebe, das sie zusammenpreßt, die Häkchen im Rücken sind widerspenstig, endlich lösen sie sich.

»Du solltest wieder hinaus in den Sturm gehen!«

Sie bleibt stehen, wie angewurzelt, kein Mensch weit und breit, trotzdem hört sie das Flüstern und fühlt sich von einem Augenpaar angesaugt. Schwarze Iris, hellgrüner Ring, sie atmet schwer, der Wind hat nun freies Spiel.

Was reizt einen Mann an einer Sonja Ziems, an der alles wie glattpoliert ist?

Der Wind dreht, pustet ihr die Haare ins Gesicht, irgendwo reden Leute, es riecht nach Essen, sie stülpt sich den Pullover über den Kopf und stopft den vergessenen BH in eine Hosentasche, sieht sich um, dann geht sie weiter. Gut hundert Meter weiter beschreibt der Fluß einen Bogen, eine Imbißbude taucht auf, drei Leute stehen an, ein anderer kaut bereits an einer Bratwurst. Plötzlich giert alles in Simone nach frisch ausgebackenen Fritten, knusprig braun und so heiß, daß sie ihr die Fingerspitzen und den Mund verbrennen, das gehört dazu, ebenso wie die Reue hinterher. Egal.

»Eine große Portion Pommes mit Mayo, bitte!«

Kapitel 3
Ärger mit der Quote

Über dem Fenster ragt die Terrasse der Hausbesitzer vor, das hindert die Sonne daran, schon in aller Frühe Simones Bett in einen Lichttümpel zu verwandeln. Dieser Vorbau erspart ihr glatt die Kosten für eine Jalousie. Natürlich könnte sie auch das zur anderen Seite gelegene Zimmer zum Schlafen benutzen, wo sich zudem der Einbauschrank mit ihren Kleidern und ein direkter Durchgang zum Bad befinden, doch das will sie nicht.

Warum nicht?

Als sie an diesem Morgen aufwacht, stellt sie sich genau diese Frage. Eine sinnvolle Antwort will ihr nicht einfallen. Wenn sie ehrlich mit sich selbst ist, gibt es seit ihrem Einzug hier kaum eine vernünftige Erklärung für irgend etwas in ihrem Privatleben. Alles ist noch genau so, wie es war, als am achtundzwanzigsten November letzten Jahres der Anruf von Denis kam. Ein Freitag, den ganzen Tag über hat sie vergeblich auf ihn gewartet, sie wollten zusammen neue Möbel und Vorhänge aussuchen, aber er kam nicht.

»Hast du eine Panne? Mit dem Auto?«

»Das Auto ist okay.«

»Und du? Ist was mit dir?«

»Nicht direkt.«

»SIE?«

»Es ist nicht so, wie du denkst.«

Simone hat nur geatmet und Leere in sich gespürt. Keine Wut, keine Verzweiflung, einfach nichts.

»Sie bekommt ein Kind, mein Kind, sie hat nie eins haben wollen. Ich kann sie jetzt nicht im Stich lassen. Sie hat es mir gesagt, als ich gerade abfahren wollte, du hättest sie sehen sollen, kalkweiß, sie hat gezittert wie Espenlaub, dann hat sie sich die Seele aus dem Leib gewürgt. Ich bin mit ihr zu ihrem Frauenarzt gefahren, er hat eine Ultraschalluntersuchung gemacht, da war so ein dunkler Fleck. Drohende Ablösung der Plazenta, hat er gemeint, bei so was verhungert das Kind im Mutterleib, dabei hat er mich angesehen. Weißt du, wie ich mir vorkam?«

»Und die Stelle hier in Köln?« Simone hat beiseite geschoben, was passiert sein muß, um es überhaupt soweit kommen zu lassen. Angeblich schlief er schon lange nicht mehr mit seiner Frau. Statt dessen hat sie sich an den Job geklammert, von dem sie wußte, daß er für ihn die letzte Chance war, sich von einem Verleger zu trennen, der mit ihm um jedes Semikolon und jeden Penny feilschte. Seine Versprechungen hat sie ausgeklammert, obwohl sie daran doch ihr ganzes Herz gehängt hatte. Sie hat ihm geglaubt. Sie wollte ihm glauben, mit jedem Jahr, das verstrich, ein wenig mehr.

Das wird ein völlig neues Leben, und du bist bei mir, Geliebtes, dieses Jahr feiern wir zusammen Silvester.

Das war vor dem achtundzwanzigsten November. Sie haben den Jahreswechsel nicht miteinander gefeiert, den Posten nahm er trotzdem an, er hat ihr genau erklärt, warum: »Schließlich habe ich unterschrieben. Ich werde uns ein kleines Haus mit Garten suchen, das ist für Kinder am besten. Bist du noch da? Warum sagst du nichts? Wenn wegen der Wohnung Kosten auf dich zukommen, das übernehme ich, sag mir Bescheid, am besten unter Postfach ...«

Die Nummer seines Postfachs ist an ihr vorbeigeglitten, und die von ihm angeführten Kosten für die Auflösung des Mietverhältnisses sind nie entstanden, einfach weil sie allein hier wohnen geblieben ist. Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad.

Sie steht auf, sieht sich um, so als ob es hier viel zu sehen gäbe.

Ihr Bett aus Aachen, ein Mal zwei Meter, bleiben neunzehn Quadratmeter, unmöbliert, wenn sie von der Stehlampe und dem Stapel Bücher auf der Erde absieht.

Simone geht weiter, der Fußboden ist kalt, es dauert, bis Steinfliesen sich erwärmen. Sie öffnet die Tür nach nebenan, sieht auf ihren alten Schreibtisch, den Drehsessel, die Klemmleuchte und an der Rückwand aufgereihte Faltkartons, die sie noch immer nicht ausgepackt hat. Kein Vorhang hindert den Blick auf die sanft zum Ufer hin abfallenden Rheinwiesen und das in der Sonne glitzernde Wasser.

Nimm so wenig wie möglich mit, wir kaufen alles neu, wir fangen noch einmal ganz von vorne an.

Simone macht kehrt, betritt das zum Vorgarten hin gelegene Zimmer, in dem es nur den Einbauschrank und einen großen Spiegel gibt, der ebenfalls fest zum Inventar gehört, vielleicht hat sie sich deswegen gegen diesen Raum zum Schlafen entschieden.

Soll sie etwa den Tag mit ihrem Spiegelbild beginnen?

Hi, hier bin ich, leider solo, meine tollen Titten und alles, was er sonst so mag, haben nicht gereicht, böse Falle ...

Spiegel gleich Falle. Viereinhalb Jahre lang war er ihr Freund. Denis hat ihr gezeigt, wieviel raffinierter die Liebe mit dem richtigen Zubehör und einem erfahrenen Mann ist.

Sieh hin! Sieh uns an! Das da bist du. Schau, wie meine beiden Freundinnen schwingen, ding-dong, beug dich tiefer, noch tiefer ...

Simone reckt sich, drückt die Schulterblätter zurück. Ihre Augen tasten zögernd von dem Rahmen aus heller Buche nach innen, gleiten auf und ab. Hi, Schwester!

Das gedämpfte Licht meint es gut mit ihr, zeichnet ihre Formen weich nach. Trotz der Fritten mit Mayo am Abend zuvor findet sie nichts an sich zu beanstanden, nicht einmal die Erinnerung an ihre mageren Kolleginnen bei »Joy« versetzt der aufkommenden Freude an ihrem Körper einen Dämpfer. Sie ist nackt, sie hat nackt geschlafen, fast hat sie vergessen, wie gut das tut. Zögernd streicht sie über Haut, die schlafwarm und weich ist, sie fühlt sich gut an. Sie verspürt Gier und endlich Lust auf ein ordentliches Frühstück. Sie keucht nun, als ob sie einen Marathonlauf hinter sich hätte.

In der Einbauküche, die es schon bei ihrem Einzug gab und die diese fünfzehn Quadratmeter zum am besten möblierten Raum macht, findet sie erwartungsgemäß nichts als Sesamknäcke, Roggenknäcke, Halbfettmargarine und einen Rest angetrockneten Honig, außerdem eine halbe Salatgurke, zwei Magerjoghurts und eine angebrochene Dose Sauerkraut, alles brav nach der Devise »Und führe mich nicht in Versuchung!«

Wut überkommt sie, Ekel, der Müllsack wird zum Komplizen, Rascheln und Scheppern, am liebsten wäre sie splitternackt zur Mülltonne gerannt. Bei dem Gedanken, wie Gustav Heinrichs auf diesen Anblick reagieren würde, muß sie kichern, wohlige Wärme macht sich in ihr breit. Das hat nichts mit dem Hausbesitzer als Mann zu tun, Gott bewahre, in dieser Funktion hat sie ihn noch nie wahrgenommen. Alles, was sie von ihm kennt, ist seine Vorliebe für karierte Schirmmützen beim Radfahren, im Job trägt er einen schwarzen Anzug, er ist Geschäftsführer eines Nobelrestaurants. Seine Frau besitzt einen Friseursalon und verläßt schon sehr früh das Haus, dem Paar bleibt nur der Sonntag, an dem sie beide frei haben, füreinander.

Simone überlegt, ob sie ihm etwas vom Bäcker mitbringen soll.

Der Gedanke an den Duft frischer Hefe beflügelt sie, es dauert keine halbe Stunde, bis sie den Laden gleich an der Hauptstraße betritt und am liebsten ihrer Bestellung alles hinzufügte, was ihr zu Puddingteilchen und Milchwecken, Roggenlaiben und Baguette-Stangen durch den Kopf schießt. Ein ungewohntes Mitteilungsbedürfnis bemächtigt sich ihrer, etwas von ihrer Begeisterung springt zu der Verkäuferin über: »Stimmt schon, wir haben ein großes Angebot und alles knackfrisch, Sie sind wohl neu hier im Viertel?«

»Quasi.« In gewisser Weise stimmt das sogar.

***

Simone überlegt noch, ob sie einfach bei den Heinrichs klingeln soll, als die Haustür zu der oberen Wohnung sich von allein öffnet. Das Lächeln des Mannes ist freundlich, ohne seine Kappe sieht man die Kopfhaut durchschimmern, er muß mindestens Mitte Fünfzig sein. Als Simone sich Anfang November die Wohnung angeschaut hat, die im Stadtanzeiger inseriert war, kam er ihr deutlich jünger vor.

»Ich dachte schon, meine Frau hätte was vergessen.«

»Mir war nur plötzlich nach Sündigen.« Simone hebt leicht verlegen die Tüte. »Wenn Sie mögen, es ist viel zuviel für mich allein, ich konnte einfach nicht widerstehen.«

Er sieht sie erstaunt an, so als ob sie soeben sein Bild von ihr über den Haufen geworfen hätte, dann bittet er sie hinein, besteht förmlich darauf, alles weitere für ein gemeinsames Frühstück beizusteuern. Bei dem Gedanken an die Einrichtung des Paares bereut Simone ganz kurz ihr Angebot. Überall dunkles Holz, vor lauter Bildern kann man den weißen Feinputz der Wände kaum noch erkennen, dabei ist ihr heute nach viel Licht und Sonne, andererseits will sie ihn nicht kränken.

»Wäre es Ihnen recht, wenn wir hinaus auf die Terrasse gehen?«

Simone ist nach Jubeln, daran ändern auch die kitschigen Wildrosen auf dem Keramikgeschirr und die schmiedeeisernen Gitterstäbe ringsum nichts. Laue Luft umfächelt sie, Vögel zwitschern, sie kann den nahen Fluß ahnen, ja sogar riechen. Ab und zu unterbricht ein Schiffshorn die Ruhe, und auf ihrem Teller liegt ein Milchbrötchen, dann das zweite. Das Krümeln zwischen ihren Fingern ist die reinste Liebkosung, die Berührung mit ihrem Gaumen ist Schwelgen und Kinderglück. Ab und zu tauscht sie ein Lächeln mit ihrem Gegenüber, das reicht, bis sie sich satt zurück lehnt. Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, mäh. Kinderreim, bei ihr daheim stand derlei hoch im Kurs.

»Machen Sie das immer so?« Ein fremder Finger zeigt auf Simones Teller, leer bis auf ein Häufchen Rosinen, die sie nach und nach herausgepuhlt hat.

»Ich mag keine Rosinen.«

»Und warum kaufen Sie dann keine Weckchen ohne Rosinen?«

»Macht der Gewohnheit, früher war ich verrückt auf Rosinen. Meine drei Brüder haben mir ihre immer noch dazu getan. Irgendwann war's zuviel, aber ich wollte sie nicht enttäuschen, außerdem mag ich noch immer den süßen Nachgeschmack im Teig.«

»Und ich habe gedacht, Sie sind ein megacooler TV Star.«

»Ich? Wie kommen Sie denn auf so was?«

»Na ja, man sieht und hört fast nichts von Ihnen, es ist fast so, als ob da unten gar keiner wohnte. Natürlich geht uns das nichts an, nicht, daß Sie mich falsch verstehen. Aber man macht sich halt so seine Gedanken, wenn eine hübsche junge Person nie Besuch hat und nie die Musik aufdreht, die Decken sind nämlich ziemlich hellhörig. Bis voriges Jahr hat unser Sohn da unten gewohnt, jetzt studiert er in Übersee. Wir mußten ihn ständig drosseln, da ging's manchmal zu wie in einem Taubenschlag. Sie habe ich nur ein einziges Mal in Begleitung gesehen.«

»Ja, das war ...« Simone zögert, sie weiß nicht mehr, wie sie Denis vorgestellt hat, als sie beide die Schlüssel für die Wohnung in dem Lokal abholten, wo ihr Vermieter arbeitet. Hat sie Denis überhaupt vorgestellt? Hat er nicht draußen im Auto gewartet? Er hat sich meistens im Hintergrund gehalten, dieses Versteckspiel war ihnen beiden schon in Fleisch und Blut übergegangen. Nur wenn er nicht dabei war, hat sie manchmal »mein Mann« gesagt. Im nachhinein ist es nur peinlich.

»Es spielt keine Rolle, geht mich auch nichts an, verzeihen Sie. Wir sind froh und dankbar, eine so ruhige Mieterin gefunden zu haben. Hoffentlich stört es Sie nicht bei der Arbeit, wenn ich abends den Fernseher aufdrehe. Meine Frau schimpft immer mit mir, das wäre zu laut, aber wenn sie ihre Schulungen für die Innung hat, und ich allein bin, passiert das schon mal.«

»Ja, das verstehe ich gut.« Komisch, denkt Simone, da haben sich in diesem Haus zwei Menschen getrennt voneinander allein gefühlt, sie unten und er hier oben. Zumindest glaubt sie, aus seinen Worten heraus zu hören, daß er sich ohne seine Frau einsam fühlt und Zuflucht bei der Glotze sucht. »Täte ich wahrscheinlich auch, wenn ich einen Fernseher besäße«, fügt sie hinzu.

»Sie wollen sagen, Sie haben gar keinen?«

Simone schüttelt den Kopf. In Aachen hat irgendwann der Portable von daheim den Geist aufgegeben. Ihre Tage waren auch so randvoll mit der Arbeit für den Verlag und den Stunden mit Denis und den Träumen von einer gemeinsamen Zukunft ausgefüllt. Nach dem Umzug hierher ist sie gar nicht auf die Idee gekommen, sich solch ein Gerät anzuschaffen. Bei »Joy« stehen sie dutzendweise herum, vielleicht deshalb.

»Das ist schon verdammt komisch. Sie arbeiten beim Fernsehen und gucken privat nicht in die Röhre.«

»Wahrscheinlich haben Sie recht, macht sich komisch bei dem Job. Ich muß übrigens wieder an die Arbeit, danke fürs Frühstück und so.« Simone steht auf, weicht in letzter Sekunde dem Gestänge der Markise aus, sie hat keine Lust, sich auf eine Diskussion über ihre Eigenarten einzulassen. Es ist verwirrend, sich mit den Augen dieses Mannes zu betrachten.

Hi, Schwester! Bist schon eine komische Nummer! Sieht er sie so?

»Ich habe Ihnen zu danken, und wenn Sie wieder mal Lust und Zeit haben, jederzeit.«

Simone ist schon wieder in ihren eigenen vier Wänden angelangt, als ihr einfällt, daß es für einen Mann, der vom späten Nachmittag bis früh um zwei arbeitet, eigentlich normal wäre, wenn er um diese Zeit noch schliefe.

Tut er das sonst?

Sie versucht, sich darauf zu besinnen, wann sie ihn üblicherweise über sich rumoren hört, doch rückblickend fließen die Stunden ineinander, werden nur skandiert von ihren eigenen Außenterminen und drei bis viermal die Woche vom Läuten des Telefons. Es gibt nicht viele Anrufer. Da ist Denis, der sich immer dann meldet, wenn er am Wochenende Dienst und die Redaktion quasi für sich allein hat. Und dazu ihre Familie, die sich um sie sorgt.

Es klingelt. Ganz kurz ist Simone sich nicht sicher, ob das Geräusch nur in ihrem Kopf existiert. Dann sieht sie auf ihre Armbanduhr, Tag und Zeit passen zu einer Nachfrage aus Hasselt. Sie zögert noch immer.

»Alles in Ordnung? Wir haben's schon ein paarmal bei dir probiert.«

»Ich war zum Frühstück bei meinen Vermietern eingeladen, Paps.«

»Ich denke, die Frau hat einen Salon und arbeitet wie ein Pferd.«

»Aber er hat tagsüber frei, weißt du doch.«

»Und dann schläft er nicht um diese Zeit?«

»Anscheinend nicht, ich bin ihm auch nur zufällig begegnet, ein netter Typ, würde dir gefallen.«

»Du paßt ja auf?«

»Er ist schon ziemlich alt und könnte mein Vater sein, keine Bange.«

»Denk an seine Frau und an die Nachbarn. Auf dem Dorf wird immer gern getratscht, weißt du doch, solch ein Vorort ist nicht viel anders.«

»Ich weiß, Paps.« Sie weiß mehr als er denkt, viel mehr, sein Nesthäkchen ist in dem Moment flügge geworden, als die Familie von Ostende nach Stevoort Hasselt zog. Landflucht; zum Glück gab es viele Klassenkameradinnen in der alten Heimat, die Simone fleißig einluden, andernfalls wäre sie in diesem Kaff durchgedreht. Elf Hektar Garten, eine Antiquitätenbörse, das Genevermuseum und jede Menge Verwandte. Der ganze Clan ihrer Mutter lebt dort, sie ist gebürtige Belgierin, dazu drei ältere Brüder und eine Schwester, Simone hatte keine andere Chance ...

»Und was gibt's sonst so? Deine Maman will wissen, ob du auch genug ißt.«

»Drei Rosinenweckchen, ich könnte platzen, die Wagners haben sogar dasselbe Porzellan wie ihr, Wildrose ...«

»Deine Mutter will es dir geben, weil sie doch jetzt das gute Porzellan von Agnès geerbt hat, wir bringen es dir dann mit.«

Simone sagt nichts. Hat sie richtig verstanden? Nur ihr Atmen ist zu hören. Wenn man etwas mitbringt, kommt man, das ist logisch, das sagt einem der gesunde Menschenverstand.

»Ich bin jetzt viel unterwegs, Paps.«

»Deswegen kommen wir ja extra an einem Feiertag. Der erste Mai fällt diesmal sehr günstig, du willst mir doch nicht erzählen, daß du neuerdings demonstrieren gehst.«

»Aber ...«

»Ein Spirituosengroßhandel in Köln will unseren ›Witteke‹ ins Sortiment nehmen. Wenn ich mit dem Lieferwagen komme, kann ich dir auch gleich in einem deine Möbel mitbringen, für die in Aachen kein Platz war. Du kannst doch nicht ständig fremde Sachen benutzen, egal ob deine Vermieter die nun selbst brauchen oder nicht.« Ein Moment der Stille, dann fügt er hinzu: »Wir sind alle schon sehr gespannt.«

»Ich bin nicht da.« Panik überrollt sie. Lieber zöge sie wirklich mit einem Transparent durch die Straßen und grölte Klassenkampfparolen, als daß sie ihre Eltern in ihre kahle Wohnung ließe. In ihren Schilderungen haben sich ein Einbauschrank und ein deckenhoher Spiegel zur vollständigen Einrichtung ausgewachsen, dabei wollte sie nur etwas haben, was sie diesen forschenden Fragen entgegensetzen konnte.

»Und wo bist du?«

»Wir haben da ein Problem mit der Show, sinkende Einschaltquote, wir müssen uns dringend etwas einfallen lassen, sonst sind wir weg vom Fenster, das geht blitzschnell. Ich zermartere mir das Hirn und laufe mir die Füße platt, um Kandidaten mit Pfiff und die passende Story zu finden, schließlich will ich hier keine Bauchlandung machen.«

»Du warst schon immer sehr ehrgeizig.« Leiser Tadel schwingt mit, aber auch Stolz. Im Gegensatz zu ihrer Mutter hat der Vater stets ein offenes Ohr für den beruflichen Ehrgeiz seiner Jüngsten gehabt, auch wenn sie deshalb als einzige von daheim fortzog. »Weißt du, daß wir dich seit fast fünf Jahren außer zum Jahreswechsel und in den Ferien kaum noch zu Gesicht bekommen?«

Ja, denkt Simone, das stimmt. Auf Silvester lud der Aachener Verleger traditionell seine leitenden Angestellten ein, paarig, dem konnte auch Denis sich nicht entziehen, ebenso wie er es sich nicht leisten konnte, mit seiner Volontärin den Urlaub zu verbringen. Andernfalls wäre sie vermutlich noch seltener heimgefahren.

»Ich komme zu Mutters Geburtstag.«

»Das ist gut, dann kann deine Maman endlich wieder ihren berühmten ›Croquant de légumes en millefeuille‹ machen. Für deine Schwester und mich lohnt der Aufwand kaum, und deine Brüder haben allesamt eifersüchtige Frauen, die es nicht mögen, wenn die drei bei uns essen kommen.«

»Ja.« Simone spürt, wie alles in ihr sich zusammenzieht. Ihre Stimme wird rauh, sie glaubt den Gemüsekuchen zu riechen und zu schmecken, für dessen Zubereitung ihre Mutter etliche Stunden in der Küche hantiert, sieht sich selbst wieder als Kind an dem blanken Holztisch sitzen und zuschauen und diesen Namen wie eine Zauberformel wiederholen: »Kuchen aus Gemüse an Schafgarbe«. Der echte Zauber erschließt sich erst mit den französischen Vokabeln. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, beherrscht das eine so gut wie das andere, trotzdem haben gewisse Namen nie ganz ihren Reiz für sie verloren.

»Und zum Nachtisch ›Beignets au chocolat‹, sag es ihr, bitte.«

»Du bist noch immer unsere kleine Naschkatze, stimmt's?« Wieder versöhnt, warm, sehr nah und zugleich weit weg. Er ahnt nicht, daß Simone noch nie sonderlich wild auf Schokoladenkrapfen oder Gemüsekuchen war, es sind die wohlklingenden Namen, die sie schon damals mitgerissen haben.

Nach dem Telefonat mit ihrem Vater fühlt Simone sich geradezu moralisch verpflichtet, sich in die Arbeit zu stürzen. Immerhin sind wenigstens die Probleme der »Sag ja!«-Show nicht frei erfunden. Bislang hat sie sich damit zufrieden gegeben, das umzusetzen, was bei den wöchentlichen Meetings am meisten Anklang fand, wochenlang hatten sie mit vor laufender Kamera überrumpelten Bräuten die Nase vorn, doch jetzt haben sie Durchhänger, und das liegt bestimmt nicht nur an einem einzigen »Nein!«

Sondern?

Simone sieht den Mann vor sich, dessen Steckenpferd Kontraste sind und von dem sie zu wissen glaubt, daß er eine Liebschaft mit Sonja Ziems hat, was ihn aber nicht davon abhält, seinen Charme auch anderswo sprühen zu lassen.

Sie sollten mal wieder hinaus in den Sturm gehen, das stand Ihnen gut!

Was hat das mit der gemeinsamen Arbeit für »Joy« zu tun?

Zu Befehl, Lovely!

Ein größerer Gegensatz als zwischen der Talkmasterin und ihr selbst ist kaum vorstellbar. Reizt ihn das?

Oder langweilt die andere ihn schon?

Ein gefährlicher Gedanke, ebenso brisant wie illoyal, Simone ermahnt sich, sachlich zu bleiben.

Rein objektiv betrachtet geht einen Werbeassistenten diese Show nichts an, sofern man von den Werbeblöcken absieht, die eher bescheiden sind.

Es ist Sache der Moderatorin, die Show gut herüberzubringen.

Es ist Sache des Teams, sie darin nach besten Kräften zu unterstützen. Das fängt bei der »Fee der flinken Nadel« an und hört bei der Produktionsleiterin auf, die alle Fäden in der Hand hält, nach Sonja Ziems ist sie die wichtigste Person am Set, auch wenn sie nicht diesen Eindruck vermittelt.

Simone hätte Mühe, sie zu charakterisieren. Alles, was ihr auf Anhieb zu Monique Winterschladen einfällt ist deren Größe, sie überragt sogar die meisten Techniker, auch ihre breiten Schultern würden jedem Mann zur Ehre gereichen. Es gibt nichts Verspieltes oder gar Überflüssiges an ihr, man könnte annehmen, sie geizte sogar mit ihren Worten. Ist das der Grund, warum sie keinen nachhaltigen Eindruck hinterläßt? Ganz bestimmt ist sie keine schüchterne Anfängerin, Simone weiß, daß sie schon seit etlichen Jahren für »Joy« arbeitet und sich beharrlich hochgearbeitet hat. Eine, die im Team aufgeht? In diesem bunt schillernden Haufen, wo sich keiner wirklich zuständig fühlt? Auch das paßt nicht, zumal Simone kein einziger näherer Kontakt der Produktionsleiterin zu einer ihrer Kolleginnen einfallen will. Ebenso, wie es keinen mitreißenden Vorschlag gibt, auf den sie sich besinnen kann. Keine vernichtende Kritik. Kein begeistertes »Das ist es!« Dafür Zeitpläne, technische Hinweise, Statistiken und Memos.

Noch neulich ist Simone solch eine Notiz in die Hände gefallen, in der Zurufe von Zuschauern protokolliert wurden, ein anderes Mal hat die Produktionsleiterin Briefe ausgewertet, die waschkorbweise zu jeder Sendung eingehen. Wer das las, hätte glauben mögen, im Mittelpunkt von »Sag ja!« stünden ein verrutschter Haarreifen der Talkmasterin, der aufgeribbelte Saum am Supermini ihrer Assistentin oder der Schluckauf, der neulich eine Braut beim »Ja!« überfiel.

Jener Haarreif war türkis, diese Reifen gehören zu Sonja Ziems wie ihr Lächeln. Bei jeder Sendung wartet sie mit einem neuen Modell auf Als eine der Hostessen den Vorhang zu früh fallen ließ, erwischte es die Talkmasterin, sekundenlang sah sie aus wie skalpiert. Die Hosteß flog hinaus, soviel hat Simone noch behalten, an die Sendung selbst hat sie nur noch eine schwache Erinnerung.

Dann die Sache mit dem Saum, auch das hatte Folgen, wahrscheinlich sprach es für Sonja, daß sie der »Blamage« ihrer Assistentin fast ebenso viel Bedeutung beimaß wie dem Malheur, das sie selbst ereilte, allerdings gab es in diesem Fall keinen Rausschmiß.

Zu dem Schluckauf bei der entscheidenden Frage des Kandidaten gesellt sich in Simones Erinnerung spontan das Gesicht der Braut, die zunächst eher farblos wirkte. Trotzdem war das die Show, bei der wie verrückt applaudiert wurde.

Drei kleine Ausreißer mit großer Wirkung. Simone gerät ins Grübeln, womöglich ist diese wortkarge Produktionsleiterin ihnen allen um Nasenlängen voraus und wittert, was die Zuschauer daheim wirklich serviert haben wollen. Keine glattgebügelte Idylle, sondern Kontraste, die eine Romanze erst lebendig machen.

Noch jemand predigt das, ein Zufall?

Simone beschließt, Monique Winterschladen gleich morgen um ein Gespräch zu bitten, schließlich ziehen sie alle am selben Strang, die guten Jobs liegen nicht auf der Straße, und wer reißt sich schon um jemanden, der an einem Quotentief mitgewirkt hat?

***

Am nächsten Tag versucht Simone vergeblich, die Produktionsleiterin auf dem Studiogelände zu erreichen. Sie überlegt, ob sie beim Pförtner eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf unter ihrer Privatnummer hinterlassen soll, doch dann entscheidet sie sich dagegen, weil es schwierig wäre, ihr Anliegen am Telefon zu formulieren. Sie kann dieser Frau, mit der sie kaum mehr als einen Gruß gewechselt hat, nicht Knall auf Fall vorschlagen, gemeinsam ein paar »Ausreißer« in die Sendung einzubauen, um die Einschaltquote wieder hochzujagen. Trotzdem muß dringend etwas geschehen.

Tags darauf findet wie jeden Freitag das große Meeting statt. Monique Winterschladen taucht jedoch erst auf, als alle anderen schon versammelt sind. Diesmal braucht Simone erst gar nicht zu versuchen, die mittelmäßige Story nebst kaum weniger mittelmäßigen Kandidaten vorzustellen, die sie in ihrer Not aus dem Fundus mit B-Ware ausgegraben hat. Kaum sitzen alle, ergreift die Moderatorin selbst das Wort und teilt mit, daß »jemand Prominentes« bereit sei, am nächsten Mittwoch vor die Kamera zu treten, den passenden Köder für seine Auserwählte habe er auch schon in petto, die Namen dürfe sie noch nicht verraten: »Aber ich sage euch, damit sahnen wir ab.«

»Und wie soll ich auf dieser Basis alles arrangieren?«

»Wie?« Sonja sieht zu Simone hin und scheint einen Augenblick lang überlegen zu müssen, wer das ist. Weil heute keine weite Bluse ihre üppigen Brüste kaschiert?

»Das Script für die Sendung, die Präparierung der Kandidaten, na, alles vom Köder bis zum Finale.« Simone spürt, wie die Blicke der anderen sich auf sie richten, auf das knappe T-Shirt. Sie zwingt sich, aufrecht sitzen zu bleiben. Etwas liegt in der Luft.

»Es reicht, wenn Sie sich um den Vorfilm kümmern. Und um die Farben, bei den Dekoleuten fehlen gleich zwei. Letztes Mal hat auch die Abstimmung mit dem Licht nicht funktioniert. Die Kulisse war der reinste Pfusch, ich muß mich darauf verlassen können, daß diesmal keiner patzt. Alles soll auf Orangetöne abgestimmt sein.«

»Wirklich alles?« Simone sieht automatisch zu der Produktionsleiterin hin, doch diese verzieht keine Miene. Warum nicht? Es wäre ihre Aufgabe, die verschiedenen Arbeiten am Set zu koordinieren. Fast könnte man aus den Worten der Talkmasterin Zweifel an den Fähigkeiten der wichtigsten Person nach ihr selbst herauslesen, die Memos von Monique haben schließlich schwarz auf weiß festgehalten, welche Gefahr aus ihrer Sicht von einer allzu perfekten Fassade ausgeht. Ist Sonjas Order in Wahrheit eine Kampfansage gegen jede Form von Kritik? Doch gleichgültig, was in ihrem Kopf vorgeht, im Moment scheint sie sich auf Simone eingeschossen zu haben.

»Brauchen Sie's schriftlich?« Bissig, zugleich mit einem leisen Tremolo in der Stimme, auch das kunstvolle Make-up der Talkmasterin scheint brüchig zu werden.

»Orange macht blaß.« Simone denkt bei dieser Bemerkung nicht weiter nach, gemessen an der vorangegangen Frage – die reine Provokation – erscheint sie ihr eher harmlos, trotzdem reagiert Sonja Ziems wie von der Tarantel gestochen darauf.

»Was soll das heißen? Sehe ich etwa aus wie ein Mehlwurm?« Eine Hand fährt durch das Gesicht und stoppt erst, als die Fingerspitzen den Haarreif erreichen, der heute aus schwarzem Samt ist. Eine helle Spur bleibt zurück, unter der abgewischten Schminke schimmert die Haut hell, leicht rötlich.

»Es tut mir leid, Sie verstehen das falsch ...«, Simone kann den Blick nicht von diesem Gesicht lösen. Clownesk, heute ist keine Aufzeichnung, diese Frau ist jung und hübsch. Warum spachtelt sie sich am hellichten Tag mit Farbe zu und reagiert derartig aggressiv? Von Lächeln keine Spur.

»Sie müssen Sonja ihre Heftigkeit heute nachsehen. Wir alle tun das zur Zeit.« Es klingt bedeutsam, sticht aus dem gewohnten Verhalten der Produktionsleiterin heraus und provoziert erneut den heftigen Widerspruch der Talkmasterin.

»Warum sollte sie oder irgendwer hier mir etwas nachsehen müssen? Habe ich Aussatz? Stimmt was nicht mit mir?«

Sonjas Assistentin mischt sich ein, umfaßt ein Handgelenk, das kaum dicker als bei einem Kind ist, streichelt es beruhigend: »Reg dich nicht auf, Sonnilein, das wird schon wieder, du hast bestimmt 'ne Grippe in den Knochen, deshalb bist du heute ein bißchen blasser und nervöser als sonst.«

Die Moderatorin nickt, nicht nur ihre Gelenke erinnern an ein Kind, ohne ihr sonniges Strahlen und mit diesem weißen Streifen quer durchs Gesicht erinnert sie tatsächlich an jemanden, der nur probeweise in die Erwachsenenrolle hineingeschlüpft ist. Sie steht auf und geht hinaus, einfach so, auch das hat es noch nie gegeben.

Einen Augenblick lang beschäftigt Simone sich angelegentlich mit ihren Unterlagen, heftet umständlich das Blatt ab, auf dem nur »orange!?« steht. Es ist ihr peinlich, Zeugin von etwas geworden zu sein, was nicht weit von einem Zusammenbruch entfernt war. Sie hat nicht viel für ihre Chefin übrig, trotzdem tut sie ihr jetzt fast leid. Es muß wirklich etwas passieren.

Das geplante Gespräch mit der Produktionsleiterin fällt ihr wieder ein, sie steht auf und steuert den Kopf des langen Konferenztisches an, zu spät. Monique Winterschladen war schneller als sie. Auch die Suche in ihrem Büro, in den Schneideräumen und in der Kantine bringt nichts: Monique ist wie vom Erdboden verschwunden.

***

Auf der Tür steht »Maske«. Das Paar tritt ein, er dreht den Schlüssel von innen herum, legt einen Finger vor die Lippen und zeigt auf den hintersten von drei Drehsesseln, die jeweils zu einem Schminktisch gehören. Heute ist keine Aufnahme, alles wirkt verwaist.

Die Frau lächelt leicht süffisant, folgt ihm aber dennoch. Unter den Mauerstürzen, in welche die Jalousien eingelassen sind, mit deren Hilfe sich drei separate Kabinen abteilen lassen, zieht sie jedesmal den Kopf ein. »Hältst du das nicht für leicht übertrieben?«

»Nicht hier bei Joy‹, hier haben die Wände Ohren. Außerdem beginnt die Sache, allmählich spannend zu werden.«

»Und prominent.« Die bis auf einen glatten Ehering schmucklose Hand schiebt ungeduldig Lippenstifte, Lidschatten und Puderquasten beiseite. »Ist die Nummer mit dem geheimnisvollen Promi auch auf deinem Mist gewachsen?«

»Hast du Angst, Lovely Sonja könnte noch einmal hochkommen?« fragt er zurück und läßt sie nicht aus den Augen. Zumindest ihre Gleichgültigkeit gegenüber allem, was sich auf der Glaskonsole breitmacht, ist echt. Noch. Er hebt eine Puderdose hoch, schraubt sie auf, hält das Kompaktpuder neben ihr Gesicht, der Spiegel betont den Kontrast von ungeschminkter Haut hier und Pfirsichton dort. »Wie wär's damit?«

»Spinn nicht herum.« Ihre Hand mit der breiten Sportuhr am Handgelenk wirbelt gegen seine, Puder stäubt auf, ganz kurz sieht es aus, als ob ihr das noch nicht genug wäre, dann findet sie zu ihrer kühlen, manchmal fast ruppigen Art zurück. »Hoffentlich ist diese neue Zirkusnummer, die du Sonja eingeflüstert hast, nicht genauso heikel wie die Bayernhochzeit davor. Der Braut sah man auf zehn Meter Entfernung an, wie sie gestrickt ist. Die Techniker haben gleich gerochen, wo der Hase begraben liegt, Silicon Valley ist nichts dagegen, und wenn dieses Schafgesicht ausplaudert, wer sie mit heißen Tips und warmen Bräuten versorgt, bist du dran. Ein Glück, daß der Hopper noch in den Staaten ist.«

»Sorgst du dich um mich? Rührend.« Ihm kann nichts passieren. Erst recht nicht von einem Produzenten, der seinem Spitznamen so viel Ehre macht. Einer, der von hier nach dort hopst, angeblich, um »Joy« permanent mit neuen TV-Knüllern zu versorgen, doch das ist keinesfalls das einzige Motiv, was allerdings die wenigsten wissen. Er schon. Er hat sich nach allen Seiten hin abgesichert, es beleidigt ihn nachgerade, daß sie ihn für so dumm hält. Ebenso, wie es ihn zu stören beginnt, daß sie ihren rüden Ton auch auf ihn ausdehnt.

»Ich sorge mich um den Job, den ich haben will, und um sonst nichts. Dein Productplacing wird übrigens auch immer unverfrorener. Demnächst drückst du der Braut noch pünktlich zum ›JA!‹ ein Paket Schonkaffee in die Hand. Du solltest dich wirklich vorsehen, mein Lieber. Nächsten Mittwoch ist der Hopper aus New York zurück.«

»Pünktlich zum Finale mit Prominenten. Dir zuliebe werde ich diesmal auf den Schonkaffee in der Kulisse verzichten.«

»Verzichte lieber gleich ganz drauf, mir brauchst du mit solchen Mätzchen in Zukunft gar nicht erst zu kommen.«

»Wir haben einen Deal.«

»Dabei bleibt's. Ich pflege mein Wort zu halten, halt du deines. Ich dulde deine Nebengeschäfte, solange meine Show nicht darunter leidet.«

»Noch ist es nicht deine Show, noch gehört sie Sonja.« Er wartet einen Moment, wartet darauf; daß diese kühle Maske aufbricht, doch sie gehorcht ihm nicht, also setzt er nach, sie zwingt ihn dazu. »Genau wie dein Mann.«

»Er wird es bereuen. Spätestens, wenn er merkt, daß meine Nachfolgerin auf der Straße sitzt und er für alles aufkommen muß, wird er's bereuen. Als freier Kameramann verdient er einen Hungerlohn, dazu die Arthrose im Handgelenk, das ist bei dem Job tödlich.«

»Könnte sein, daß du ihm Unterhalt zahlen mußt.«

»Niemals, eher ...«

»Die beiden haben sogar schon eine Wohnung in der Südstadt, ziemlich spießig, unten drunter war eine Hähnchenschlachterei, jetzt gibt's dort Kölsch vom Faß, und schräg gegenüber ein sogenanntes Fingernagelstudio. Steht dein Dick übrigens auf Nutten?«

»Er steht auf Kuscheln. Wenn's nach ihm ginge, vertrödelte man damit die halbe Nacht und das Wochenende sowieso.«

»Tja.« Er greift nach den Schminkutensilien, scheinbar willkürlich, doch das ist nicht der Fall. An der Reaktion der Frau, die fast so groß und breitschultrig wie er selbst ist, liest er ab, daß sie sein kleines Arrangement in den Lieblingsfarben von Sonja Ziems zu würdigen weiß. Sie ist nicht dumm, wahrlich nicht, nur kalt wie ein Fisch. Wetten, daß er das ändert? Nicht sofort, er geht systematisch vor, fürs erste reichen winzig kleine Widerhaken, in ihrem Fall müssen diese cremig wie dieser Puder und zart wie das Rouge daneben sein. Auch wenn sie sich noch wehrt, ist er sich so gut wie sicher, daß sie sich den Waffen ihrer größten Rivalin nähern wird, von magischen Fäden gezogen, berstend vor Haß und Ehrgeiz und erfüllt von dem Drang, Lovely Sonja auszustechen. Im Job. Beim eigenen Mann. Ein Zwei-Fronten-Krieg vom feinsten, und er führt Regie.

»Weißt du, was du bist?« Laut, viel zu laut, Stimme wie ein Schrapnell, gleichzeitig umschließt ihre Hand die perlmuttschimmernde Dose, holt aus. Er springt beiseite, der pfirsichfarbene Puderstein wirbelt haarscharf an ihm vorbei, fällt in der Nähe des Eingangs zu Boden, zerbröselt. Der weiß geflieste Boden erscheint nun rosa getupft, ihre Schuhe haben ebenfalls etwas abbekommen.

»Du mußt noch viel lernen, das trägt man nicht auf die Füße auf, und immer hübsch sachte, so wie eine echte Frau.« Es ist eine Kunst, zwei unscheinbare Worte so zu modulieren, daß sie zum Sprengsatz werden. »So wie«, leicht dahin gesagt, und was für eine Wirkung. Einfach genial.

Es ist lediglich dem Klopfen an der Tür zu verdanken, daß die Produktionsleiterin innehält, gerade noch standen Mordgedanken in ihren sonst so beherrschten Augen, jetzt wirkt sie wie erstarrt, ihre Stimme ist nur noch ein Krächzen: »Da ist wer.«

»Kein Wunder, laut genug warst du ja.« Auch er spricht nun fast lautlos, allerdings treibt ihn kein Wechselbad der Gefühle. Er bleibt Herr der Lage, das signalisiert auch seine Wortwahl. Mit Genugtuung registriert er, wie sie sich unter seiner zynischen Antwort duckt, ähnlich wie kurz zuvor unter dem Mauervorsprung.

Es klopft erneut. »Sind Sie da drin, Monique?«

»Was mache ich jetzt?« Ein ratloser Blick, fast panisch, herrlich anzusehen in diesem anfangs noch so überheblichen Gesicht.

Er zuckt nur die Schultern, betont damit das Gefälle zwischen ihnen beiden. Wo sie Bauchfell zeigt, genießt er den Kick eines Spiels, das solche kleinen Pannen nur schüren. Außerdem hat er längst die Stimme erkannt. Ein interessanter Ton, nicht so fiepsig wie bei den meisten Weibern hier, aber auch nicht annähernd so rauh wie das Organ von Monique. Noch läßt sich nicht definitiv sagen, wo dieses Wesen dort draußen hinsteuert.

Sie sollten wieder einmal hinaus in den Sturm gehen!

Wetten, daß sie mit seiner Hilfe den richtigen Kurs finden wird?

Er steuert die Tür an und dreht den Schlüssel herum, einen winzigen Moment lang ist er perplex, daran sind diese beiden Bomber schuld. Keck vorgereckt, spitze Nippel eingebettet in prallrundes Fleisch, der dünne Stoff des T-Shirts hat keine Chance gegen solch eine Attacke, das Nullachtfünfzehnhemd betont den exquisiten Inhalt noch. Ob sie das weiß? Ahnt? Was bringt sie dazu, sich nicht mehr hinter ihren Schlabberhemden zu verstecken? Hoffentlich kein Kerl, so etwas kostet Zeit. Frisch verliebt sind die meisten Weiber störrischer als Maulesel, und auch wenn sie nicht wirklich wichtig in seinem Plan ist, täte es ihm leid, auf sie verzichten zu müssen. Besonders SO. Er verordnet sich einen kühlen Kopf, gewisse Reaktionen sind von untergeordneter Bedeutung.

»Kommen Sie herein, Frau Redakteurin, wir haben nur rasch einen kleinen Kriegsrat abgehalten.« Er stoppt ihren Blick, der abwärts trudelt, nie hätte er gedacht, daß sie einem Mann gezielt dorthin schaut. Seine dünne Baumwollhose verrät mehr, als ihm lieb ist, blitzschnell sattelt er zum Gegenangriff um: »Hübsches Shirt, das Sie da tragen, nur ein bißchen knapp, oder?«

Simone sieht von der Puderspur am Boden auf. Die Frage, was hier passiert sein mag, wird angesichts dieses hellgrünen Leuchtfeuers bedeutungslos, nur mit Mühe kann sie sich auf den Grund ihres Hierseins besinnen. Ist ihr T-Shirt wirklich zu eng? Was geht ihn das an? Sie beschließt, die Bemerkung zu übergehen, das ist sicherer.

»Ich habe gedacht, also mir war so, als ob ich im Vorbeigehen Monique gehört hätte, und ich muß sie dringend sprechen.«

»Sie pudert sich gerade das Näschen.« Er folgt ihrem Blick zu dem rosa Staub auf den weißen Kacheln. »Sie muß noch üben, aller Anfang ist schwer«, und in die Richtung des hintersten Drehsessels gewandt, von dem im Moment nur der hohe Rücken aus cremefarbenem Leder und ein schwarzer Drehfuß sichtbar sind, fügt er hinzu: »Stimmt's, Monique?«

Zwei schwarze Schuhe lösen sich von dem Drehteil, das Möbel schwingt herum, die so Angesprochene steht auf, kommt näher. Besonders graziös war ihr Gang noch nie, doch diesmal stolpert sie fast über ihre eigenen Füße, auch ihr Mienenspiel verrät Aufruhr. Erneut fragt Simone sich, was hier vorgegangen ist.

Der Puder am Boden hat die Farbe von Sonja Ziems Lieblingspuder. Ob der Werbeassistent seine Liebste verteidigt und sich zum Lohn dieses Wurfgeschoß eingehandelt hat? Eine solche Erklärung paßte zu dem Tumult, der bis vorne hin zu hören war, andernfalls wäre Simone nie auf die Idee gekommen, Monique Winterschladen ausgerechnet in der Maske zu suchen. Dagegen spricht, daß diese Frau gewöhnlich die Selbstbeherrschung in Person ist.

Wir haben nur rasch einen kleinen Kriegsrat abgehalten.

Worüber? Über die nächste Show?

Simone sieht zum Fenster hin, Auslöser ist das knatternde Motorengeräusch, der kaputte Auspuff gehört zu einem Auto, das seit geraumer Zeit den Parkplatz umkreist, obwohl heute genug freie Plätze vorhanden sind. Jetzt fällt ihr auch wieder ein, woher sie den Fahrer kennt. Presseempfang für »Sag Ja!« Ein Riesenrummel, Vorstellung über Vorstellung, er ist kein besonders auffälliger Typ, erst recht nicht neben einer Riesin wie Monique.

Ob bei den Winterschladens privat etwas schiefgelaufen ist?

Wasserrohrbruch. Trauerfall. Kinder hat das Paar wohl keine, wenn Simone sich recht erinnert, sonst kämen auch noch Masern oder derlei in Frage.

»Ich wollte Sie wegen der Vorplanung für die nächsten Sendungen sprechen, mir ist da absolut nicht wohl in meiner Haut, und ich habe mir gedacht ...« Simone bricht ab, daran ist das Geknattere dort draußen schuld. »Natürlich verstehe ich, wenn Sie jetzt im Moment unter Druck sind, aber vielleicht können wir ja wenigstens schon mal einen Termin ausmachen.«

»Wie kommen Sie auf die Idee, ich könnte unter Druck sein?«

»Na, weil doch Ihr Mann auf Sie wartet.«

»Wo?«

»Draußen, er kurvt mindestens schon eine Viertelstunde ums Haus. Erst habe ich ihn gar nicht erkannt, aber jetzt ist es mir wieder eingefallen, Sie haben ihn mir im Dezember auf der Weihnachtsfeier selbst vorgestellt, er scheint es mächtig eilig zu haben.« Simone spürt, daß etwas nicht stimmt, nur was?

Als sie wenige Minuten später das Gebäude mit dem rotierenden Herzen auf dem Dach verläßt, hat sie einen Termin für Montag in der Tasche, trotzdem bleibt die Verwirrung über etwas, was sie nicht genauer benennen kann.

Hübsches Shirt, nur ein bißchen knapp!

Sie pudert sich das Näschen, aller Anfang ist schwer!

Knattern, Bremsen, einen Moment Stille, eine Wagentür wird zugeknallt. Der schäbige Kleinwagen mit den zahlreichen Blessuren im ehemals roten Lack steuert die Ausfahrt an. Nun sitzen zwei Personen in dem Gefährt. Der Mann von vorhin und eine Frau, doch es ist nicht seine Frau. Der Beifahrersitz hat keine Kopfstütze, andernfalls sähe man kaum etwas von der zierlichen Gestalt mit dem Haarreif aus schwarzem Samt.

Kapitel 4
Die Karawane zieht weiter

Das Gespräch am Montagmorgen dauert keine zehn Minuten, in denen obendrein mehrfach das Haustelefon dazwischenfunkt. Natürlich ist es die Aufgabe einer Produktionsleiterin, allen am Set Beschäftigten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, trotzdem wird Simone das Gefühl nicht los, mit Trick siebzehn hinauskatapultiert worden zu sein.

»Tut mir wirklich leid, Sie sehen ja, was hier los ist. Bescheren Sie Sonja halt ihren Traum in Orange, alles weitere findet sich schon.«

»Und wenn diese Sendung trotz Prominenz ein Flop wird?«

»Ist das nicht Ihr Problem, dafür verbürge ich mich.« Tür auf zum Gang, weg ist sie, und Simone starrt der Frau hinterdrein, die selbst auf flachen Schuhen größer als die meisten Männer und für manche Überraschung gut ist.

Bloß für welche?

Simone versucht vergeblich, sich einen Reim darauf zu machen, wie jemand es schafft, fast ein halbes Jahr lang ein kühler Schatten zu bleiben und auf dem Umweg über ein lautstarkes Intermezzo zwischen Puderquasten und Lippenstiften zu einer Form aufzulaufen, die nach Sieg riecht: Platz da, hier komme ich!

Diese Monique Winterschladen scheint sich sehr sicher zu sein, daß ihre Bürgschaft etwas wert ist.

Mehr als das Wort der Talkmasterin selbst?

Notgedrungen widmet Simone sich an diesem Vormittag dem Zubehör der nächsten Sendung, kümmert sich um Seidenblumen, einen Überwurf für das rote Ledersofa auf der Bühne, Hussen für die Stühle von Gästen, die sie ebensowenig kennt wie das Paar, um das sich alles drehen wird. Sie wirkt mit an einer Orgie in Orangetönen, sogar die Glühlampen in dem Baldachin über der Bühne werden ausgewechselt. Die neue Dekoration könnte glatt als Hintergrund für eine Szene im Sonnenstudio durchgehen, findet Simone und fragt sich, warum sie nicht einfach streikt.

Sie ist verantwortliche Redakteurin und kein Mädchen für alles.

Das Erscheinen ihres seit Wochen krank gemeldeten Kollegen kurz nach elf gibt ihr den Rest. Willy ignoriert ihre Plackerei in der Kulisse, plaziert sich lässig auf einem der Zuschauerplätze, macht sich mit seiner Allergie wichtig und ergeht sich in geheimnisvollen Andeutungen: »Unsere Sonja hat da ein paar klitzekleine Problemchen, aber wir schaukeln das Kind schon, keine Bange.«

»Du weißt nicht zufällig Näheres über das Programm für Mittwoch?« Sonja sieht Rot oder auch Orange, das läuft momentan auf dasselbe hinaus.

»Laß dich überraschen, Nordseekrabbe.«

»Deine Bayernhochzeit reicht mir.«

»Hast du etwas gegen Bayern?«

»Dieses Stefferl war so echt wie eine Kuckucksuhr made in Hongkong. Glaubst du eigentlich, jeder außer dir hätte Knöpfe auf den Augen?« Simone spürt, daß sie einen wunden Punkt erwischt hat. Das verrät ihr der Blickwechsel der beiden Elektriker, die gerade an dem Baldachin über der Bühne arbeiten, ebenso wie Willys betretenes Schweigen. Zwar dauert es nicht lange, bis er umschaltet, doch die kurze Spanne reicht aus, um sie in ihrem Vorsatz zu bestärken. Sie steht auf. Soll jemand anders sich überlegen, wie er diese Stühle mitsamt Armlehnen in orangefarbene Stoffutterale zwängt, die eindeutig zu knapp bemessen sind. Ihr Job ist das nicht.

»He, stop, wo willst du hin? Wenn du mit diesen Verhüterlis nicht klarkommst, helfe ich dir, ist doch klar.«

»Ich pfeife drauf« Sie läßt offen, ob sie damit ihn selbst oder nur den Stoff meint.

»Und wo willst du hin?«

»Tacheles reden.« Diesmal wartet sie seinen Kommentar gar nicht erst ab, verläßt das Studio und steuert zügig das Büro von Sonja Ziems an. Es ist leer. Ebenso wie das Zimmer der Produktionsleiterin nebenan, sogar der Werbeassistent bleibt heute unsichtbar, der Produzent wird erst in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch aus New York zurück erwartet. Schließlich erfährt Simone von Sonjas persönlicher Assistentin, daß die Talkmasterin heute und voraussichtlich auch morgen zu Hause bleibt: »Die Grippe hat sie erwischt, deshalb war Sonnilein auch am Freitag beim Meeting nicht so arg gut drauf.«

»Also fällt die Aufzeichnung übermorgen aus?«

»Auf gar keinen Fall, den Termin hat sie ausdrücklich bestätigt, eigentlich ist es eher ein Schnupfen, und jetzt, wo Willy auch wieder mit von der Partie ist, kann doch gar nichts mehr schiefgehen.«

Simone beschließt, heimzufahren. Bei der letzten Show hat Willy abkassiert, ohne einen Finger krumm zu machen. Soll er zeigen, was in ihm steckt, notfalls als Mädchen für alles, besonders männlich kam er ihr sowieso noch nie vor.

***

»Sieh mich an! Willst du mir mal sagen, wie ich mit diesem Gesicht auf die Bühne soll? Soviel Schminke gibt's im ganzen Sender nicht, um das abzudecken.«

»Geh endlich zu einem vernünftigen Arzt. Seit fünf Tagen doktorst du mit der Creme von diesem Quacksalber rum, davon wird's nur noch schlimmer. Wahrscheinlich hast du eine Allergie gegen irgend etwas. Ich fahr dich hin. Ich komm mit. Hinterher wirst du drüber lachen.«

»Ich will nicht.« Trotzige, rotzackige Male überziehen Sonjas Gesicht, sie sind erhaben und jucken. Beim Schlafen trägt sie jetzt wattierte Handschuhe, aber auch das nutzt nichts. Wenn er sie so wie jetzt im Arm hält und behutsam streichelt, möchte sie nachgeben, ganz weich werden und sich fallen lassen, aber es geht um ihre Karriere. Er ist Kameramann ohne festen Vertrag, sein Auto ist eine Rostbeule, diese Wohnung in der Südstadt ein Graus, was weiß einer wie er von dem Ehrgeiz, der in ihr brennt?

Denk dran, Lovely, am nächsten Mittwoch fallen die Würfel.

»Bitte.« Ihr Anblick tut ihm weh, greift ihm ans Herz. All die Liebe, die in seiner Ehe jahrelang zu kurz gekommen ist, für die er Ventile angesteuert hat, derer er sich heute schämt, drängt nun mit Macht aus ihm heraus. Er will ihr helfen. Warum wehrt sie sich?

»Es geht nicht.« Ob sie einfach etwas mehr von dieser Paste aufträgt? Angenehm kühlend, das Töpfchen stammt aus einer Apotheke, auf dem Etikett steht ihr Name, natürlich ist ihr Heilpraktiker kein Quacksalber, obendrein ist er verschwiegen. Es wäre fatal, wenn die Presse Wind davon bekäme, daß Sonja Ziems an Ekzemen leidet, die ihre makellose Haut auffressen, ihr berühmtes Lächeln verzerren, sie in ein Monster verwandeln.

Es juckt, nur mit Mühe kann sie der Versuchung widerstehen, sich mit ihren langen Nägeln durch das Gesicht zu fahren, kreuz und quer, bis die Haut blutig aufreißt. Sie starrt auf ihre Hände, schuppt sich jetzt nicht sogar schon die zarte Mulde zwischen Daumen und Zeigefinger?

»Autoaggressive Störungen«, lautet die Diagnose. Zu gut Deutsch heißt das, sie macht sich mit ihrer eigenen Angst kaputt. Sie hat es nicht glauben wollen, aber es stimmt.

Sie rückt ein Stück von dem Mann neben sich ab, weicht seinem Blick ebenso aus wie den gemusterten Tapeten der letzten Mieter und fixiert das Fenster des Zimmers, eine blaßblau wabernde Fläche, seit Tagen bleibt das Rollo geschlossen.

Schau vorwärts, Neider gibt es überall, am Mittwoch wirst du es Ihnen zeigen!

Der Werbefachmann ist klug, er kennt den Sender und die Menschen und sie, er will ihr helfen, sie muß es nur zulassen, dann kehrt auch ihre schöne Haut zurück.

»Dick, ganz ehrlich, findest du mich noch schön?«

Dick sieht sie an. Fleckig, die Haare dünn, jetzt weiß er, warum sie sich nie ohne Haarreif sehen lassen will. Darunter verschwindet der Ansatz der falschen Pracht, ohne die er ihre Kopfhaut durchschimmern sieht. Sogar auf ihrem Kopf gibt es jetzt diese Feuermale. Er geht zu ihr hin. »Wunderschön«, sagt er und zieht sie an sich. Ihr schmaler Körper sperrt sich, zittert, wird langsam ruhiger. Sein Brustkorb weitet sich vor Glück.

***

Diese Straße gefällt ihm, das Haus gefällt ihm, und das liegt nicht an der ehemaligen Hähnchenschlächterei, von der nicht einmal das Schild entfernt worden ist. Eher schon reizt ihn die Aussicht, die man – wie er weiß – von der Wohnung im ersten Stock hat. Eine höchst reizvolle Aussicht, für die manch einer teuer bezahlt, wenn auch aus anderen Gründen und nicht immer ganz freiwillig. So wie dieser Schlappschwanz, der sein kleines Herzchen an eine Frau gehängt hat, die die längste Zeit ein Star war. Es kann wirklich nicht mehr lange dauern, Lovely Sonja ist jetzt schon so gut wie am Ende.

Rainer Schaller sieht zu den drei schmalen Fenstern hoch, es gibt noch immer keine Vorhänge, links außen bleibt seit Tagen ein billiges Stoffrollo in einem verschossenen Blau unten, dort versteckt sie sich. Er hat sie nie einen der beiden angrenzenden Räume betreten sehen, dort macht sich nur gelegentlich Dick zu schaffen, er bedient sie mit Tee, ihren Lieblingskeksen, kalten Kompressen und den Zeitungen, die brav wiederholen, was man ihnen untergejubelt hat: »Knüller bei ›Sag ja!‹-Show. Talkmasterin hüllt sich in Schweigen. Ist Sonja schwanger?«

»Knüller« stimmt, dafür legt er seine Hand ins Feuer, nur alle weiteren Spekulationen verfehlen ihr Ziel. Lovely Sonja erwartet ebensowenig ein Baby wie einen illustren Talkgast, es sei denn, man siedelte die Hautevolee bei der Halbwelt an. Was, wie Rainer weiß, besonders dann ein fataler Fehler ist, wenn es die Wahrheit touchiert. Wer möchte sich schon im Fernsehen mit einem besseren Zuhälter auf eine Stufe gestellt sehen? Pardon, Clubbesitzer mit heißem Draht zu den Medien, die Lokalpresse wittert bereits einen zweiten »Rossini« oder den »König von St. Pauli« und rennt deshalb zur Zeit dem Betreiber des berüchtigten Kölner Clubs die Bude ein.

Der Mann ist auf dem besten Weg, ein Superstar zu werden, und du hievst ihn in deiner Show auf den Thron, Lovely! Auf dem Instrument rheinländischer Narreteien läßt sich hervorragend spielen, man macht es ihm leicht in dieser Stadt. Sie macht es ihm ebenfalls leicht. Sie hat es sofort geschluckt. Wie kann ein einziger Mensch nur so dumm sein?

Er lacht laut auf, fast hätte ihn seine Vorfreude unvorsichtig gemacht, denn gerade schlüpft der Ehemann der Produktionsleiterin von »Joy« aus der Haustür vis-à-vis, die gleichermaßen zu den Toiletten der Kneipe wie auch zu den Wohnungen in den oberen Stockwerken führt. Dieser Dick wirkt ehrlich besorgt und zunehmend nervös, es ist rührend anzusehen, wie er an dem roten Zeitungskasten herumfummelt, aufgeregt blättert und sichtlich aufatmet, weil noch kein böser Reporter den Ekzemen seiner Liebsten auf die Spur gekommen ist.

»Dick liebt mich wirklich, du solltest ihn sehen.«

Zu diesen Worten hat Rainer genickt und es genossen, daß sie nicht ahnt, wieviel er sieht, wie nah er ihr in diesen Tagen ist. Hautnah. Es ist die Zeit der Reifung. So ähnlich muß sich eine hochschwangere Frau fühlen, mit jeder Faser kostet er den Triumph aus, der übermorgen seinen Höhepunkt finden wird.

Ekzeme sind ein wunderbares Mittel, dieses penetrante Strahlen zu brechen. Was ist die Königin des Lächelns ohne ein solches?

Lovely Sonja, ade!

Ein Kinderspiel, wenn man so pfiffig wie er ist, in diesem Fall hat ihn der obligatorische Gesundheitscheck für alle Moderatoren inspiriert. Die Akte befindet sich im Vorzimmer des »Hoppers«, dessen Sekretärin ebenso eingebildet wie dumm ist. Er mußte ihr nur weismachen, jemand wolle sich auf dem reservierten Parkplatz, den sie während der Abwesenheit ihres Chefs benutzen darf, breitmachen. Weg war sie. Er nicht, er hat rasch geblättert: Alle Kinderkrankheiten absolviert, Zähne rundum saniert (er haßt Jacketkronen), die festgestellte Allergie gegen Kupfer war nur ein bedeutungsloses Nebenprodukt, bei »Joy« soll Lovely Sonja schließlich nicht mit Münzgeld spielen oder Kupferrohre scheuern. Er hat es sich trotzdem gemerkt, ein winziger Widerhaken in einem ehemals kerngesunden Körper, der nun unter dem übermächtigen Druck nachgibt. Im Wechselspiel mit einer labilen Psyche und einem leichtgläubigen Quacksalber und ein klein wenig konzentriertem Kupfernitrat, das sie täglich brav einmassiert.

Immer wenn es juckt, Lovely! Denk an Mittwoch, du mußt schön sein, noch schöner, am Mittwoch fallen die Würfel.

Nur noch zwei Tage!

Er sieht nochmals zu den drei Fenstern hoch, das Licht ist gelöscht worden, nichts rührt sich. Ob er sie anrufen soll? Die Angst schüren? Er entscheidet sich dagegen, es mindert den Genuß beim Finale, wenn sie schon vorher am Boden liegt. Statt dessen steuert er den Laden auf der anderen Straßenseite an, über dem »Nagelstudio Karin Schmidt« steht. Billig, herrlich ordinär, natürlich behauptet die Inhaberin, eine anständige Geschäftsfrau zu sein. Sie macht gute Geschäfte, weniger mit der Verschönerung von Fingernägeln, doch das stört ihn nicht, ganz im Gegenteil. Wetten, daß er sie bald soweit hat?

Rainer spürt, wie der Stoff seiner Hose spannt und schreitet zügiger aus. Während er die Straße überquert, fällt ihm ganz kurz seine kleine »Sturmbraut« ein, das ist sein Kosename für sie. Ob sie bemerkt hat, wie er ihm beim Anblick ihrer Bomber stand?

Meine Güte, ist er geil!

***

Wie immer fährt Simone die Rheinuferstraße entlang, hält an diversen Ampeln, reagiert automatisch auf Fahrzeuge, die aus Parklücken ausscheren, registriert die parallel fahrende Straßenbahn ebenso wie die zahlreichen Schüler, die auf ihren Fahrrädern zu Müttern heimkehren, die sie mit dem Essen und einem Sack voller neugieriger Fragen erwarten, so wie sie selbst es als Teenager in Hasselt erlebt hat. Sie denkt den Ortsnamen, ihre Gedanken sparen bewußt das Wort »zu Hause« für dieses Städtchen aus, wo sie nie mehr warten mußte, bis ihre Mutter Zeit für sie fand. In Ostende war das ganz anders, trotzdem ist die Hafenstadt bis heute ihr wahres Zuhause geblieben.

Von der Brücke der Blick auf unzählige Masten, die großen Fähren und das Meer, dahinter der Bahnhof, von dem ihre Mutter und ihre Geschwister wochentags jeden Morgen abfuhren, wo Rucksacktouristen aus Dover und Geschäftsleute aus Liège oder Brüssel sich kreuzten. Im Sommer kamen all die Leute dazu, die an die Badeorte entlang der Küste drängten. In der Bahnhofshalle gab es auch einen Stand mit nichts als Süßigkeiten, die auf einer großen Waage aus Messing abgewogen und in Papiertüten mit lauter kleinen Elefanten drauf abgefüllt wurden. Gelegentlich, wenn sie auf einen Koffer oder ein Rad aufpaßte, bekam sie ein paar Francs geschenkt, davon kaufte sie sich dort Toffees, immer nur Toffees, weil das ihre Lieblingssorte war. Dann war da das Haus gegenüber von dem Schiffahrtsmuseum, in dem ihr Vater arbeitete. Es war ein großes Haus mit häufig wechselnden Mietern, in der Waschküche durfte man nichts liegenlassen, weil es sonst geklaut wurde. Es gab Tage, an denen sie mittags nichts als diese Bonbons aus Weichkaramelle in Schokolade aß, hinterher war ihr leicht übel, trotzdem hat sie es genossen. Abends versammelte sich wieder die ganze Familie um den großen Tisch, hungrig und kreuz und quer palavernd, mit vollem Mund und lebhaften Gesten: »Und was hat unsere ›mignonne‹ so den ganzen Tag getrieben?«

Manches hat sie erzählt, nicht alles, erst nach dem Umzug nach Hasselt sind die Fragen und die Fürsorge zur Qual geworden. Es wurde immer schwieriger für sie, dem Bild vom »kleinen Liebling«, der sie bis heute für ihre Familie geblieben ist, zu entsprechen. Jetzt ist es leichter, es gibt nur noch zwei bis dreimal die Woche einen Anruf, zum Glück hat sie den Besuch am ersten Mai fürs erste abgewendet.

Es ist zu früh.

Plötzlich freut sie sich darauf, einen halben Tag nur für sich und ihr neues Zuhause zu haben. Ohne Arbeit, sie hat sich geschworen, keinen Finger mehr für den Sender krumm zu machen, ehe sie nicht ein klärendes Gespräch mit der Moderatorin oder wenigstens der Produktionsleiterin geführt hat.

Die Kirche von Rodenkirchen wird sichtbar, in der anschließenden Einkaufsmeile herrscht mittägliche Ruhe, an dem Feinkostladen wird gerade das Rollgitter hinabgelassen. Die Ampel vor Simone springt auf Rot, sie bremst und sieht aus der Toreinfahrt gleich neben dem Laden einen Radfahrer herauskommen und abbiegen, eine Sache von Sekunden. Ihr Kopf speichert den großen Korb vor der Lenkstange, zwei Satteltaschen und eine karierte Kappe ab, die sie spontan an ihren Hausbesitzer erinnert.

Guter Witz!

In nicht einmal drei Stunden wird Herr Heinrichs wie gewohnt im schwarzen Anzug in seinen anthrazitgrauen BMW steigen und seine Brigade auf Trab bringen. Wenn Simone sich richtig erinnert, unterstehen ihm Einkauf, Küche und Service des namhaften Gourmetlokals, über das sie noch unlängst im »Bilder-Bogen« gelesen hat, daß der Gast sich hier nach dem Umbau auf ein »junges, ambitioniertes Team« freuen darf: »Wir empfehlen unser täglich wechselndes ›Menu Surprise‹ mit sechs Gängen.«

***

Schon von weitem erkennt Simone die Automarke, welche die Einfahrt zur Garage der Heinrichs blockiert. Es ist die Marke, auf die Denis schwört, auch die Farbe wechselt er grundsätzlich nicht. Beim Anblick der dunkelblauen Karosserie durchzuckt sie die Frage, ob ihr ehemaliger Geliebter sein Auto passend zur Kleidung gekauft hat. Oder umgekehrt? Erst dann fragt sie sich, warum sie keine Panik verspürt. Monatelang hat es gereicht, an einem x-beliebigen Ort einen blauen VW Passat auftauchen zu sehen, um feuchte Hände und ein Flimmern vor den Augen zu bekommen. Nichts. Simone registriert es mit Erstaunen, in das sich Erleichterung mischt. Sie fährt zügig auf die Parklücke am Ende der Straße zu, wo auch die Container für Glas und Altpapier stehen. Bei diesem Wetter ist es gar nicht so einfach, in Rheinnähe fündig zu werden, nicht einmal unter der Woche und am hellichten Tag.

Wie viele Besitzer eines blauen VW Passat haben ein Aachener Kennzeichen und ein »No smoking«-Schild auf der Heckscheibe?

Zurück bis zu dem Haus, in dem sie wohnt, sind es vielleicht hundert Meter, sie läßt sich viel Zeit, horcht erneut auf ihren Herzschlag, der nun leicht beschleunigt.

»Ich dachte schon, du wolltest mich nicht sehen, so wie du an mir vorbei gebrettert bist.«

»Du blockierst die Garage des Hausbesitzers.«

»He, freust du dich nicht? Nicht ein winziges bißchen?«

»Worüber?« Simone horcht in sich hinein. Funkstille.

»Ich versteh ja, daß du noch sauer bist. Aber wenn es dich tröstet, ich bin auch nicht nur auf Rosen gebettet.«

»Das ist dein Problem.« Und dein Bett, ergänzt sie stumm und verbietet sich die Bilder, die ihn in einem Bett, das ihres sein sollte, zeigen. Paarig, bald zu dritt, in ihr rührt sich Wut. Was will er hier?

»Es ist nicht so, als ob ich dich vergessen hätte. Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn wir beide hier ...« Er nickt zum Eingang hin. » ... können wir nicht reingehen?«

»Nein.« Bestimmt, sehr bestimmt, die Einrichtung da drinnen spricht Bände. Es ist die falsche Geschichte, die diese achtzig Quadratmeter erzählen. Kahl bis auf das Nötigste, das Update befindet sich erst in ihrem Kopf, wartet noch auf seine Umsetzung. Gleich morgen legt sie los, packt die Faltkartons aus, entstaubt dieses Mausoleum.

Er sieht alt aus. Alter, als sie ihn sich eingeprägt hat. Der karierte Hemdkragen über dem dunkelblauen Lambswoolpulli wirkt spießig, seine Koteletten sind wie immer zu kurz geschnitten, nur die Hände durchbrechen die Fremdheit zwischen ihnen. Sehr schmal, eigentlich viel zu filigran für einen Mann, der zwar nicht dick, aber doch eher kräftig gebaut ist. Mit diesen Händen ging es los, eine davon hat sie erwischt, als sie sich mit einem ihrer ersten Artikel abmühte und er ihr den Stift entzog, mit dem sie »das Handwerk von der Pike auf« lernen sollte, bei ihm hieß das ohne PC, heute ahnt sie warum.

Der Stift machte einen sauberen Strich durch ihre »Lauschabwehreinsätze«. Das Wort gehörte zu einem Kommentar über ein Thema, das heute aktueller denn je ist, damals war es nur eins von vielen Sujets, an denen sie das Redakteurhandwerk erlernen sollte. Sie hat unter ihm gelernt, Bandwurmwörter zu meiden, sich kurz und prägnant auszudrücken und sich vorzubeugen. Ding-dong, laß meine beiden Freundinnen für mich schwingen, tiefer, bück dich tiefer! Diese Stellung war ihm auch dann noch die liebste, als er schon längst einen Schlüssel zu ihrem Appartement besaß.

Schau hoch! Schau in den Spiegel!

Ob er SIE auch in dieser Position geschwängert hat? Ding-dong!

»Wie wär's, wenn du dich zum Teufel scherst?« Simone drückt beide Schulterblätter durch, streckt den Rücken. Alles an ihr ist gespannt und gerade, kerzengerade. Nie mehr, das schwört sie sich und ihm und jedem ...

»Du zeigst sie jetzt gerne her, meine beiden Freundinnen, wie?«

»Hast du dich schon einmal gefragt, wie die Öffentlichkeit auf deine Ding-dong-Spielchen reagierte?« Sie wendet ihm den Rücken zu, straff, das Ziehen reicht bis in ihren Beckenboden, ihre Schritte sind hölzern. Die Suche nach dem Schlüssel wird zur Tortur, endlich hält sie ihn in der Hand, führt ihn in das Schloß, dreht und stößt zu, vor und zurück. Ihre Handflächen glitschen, dann merkt sie, daß sie den Schlüssel zur Waschküche erwischt hat.

Die Haustür schwingt auf. Sie ist in Sicherheit.

Ihr Schreibtisch, davor der Stuhl, an der Wand aufgereiht die noch immer halbvollen Kartons, sie stürzt sich darauf und beginnt, auszupacken. Bücher, Wäsche, Geschirr, der Einbauschrank ist zum Glück groß, auch in der Küche ist noch Platz genug, als sie den letzten Pappkarton zusammenfaltet und den Stapel hinaus zum Container trägt, wäre sie fast über ein Fahrrad in der Einfahrt der Heinrichs gestolpert.

Ein großer Korb vorne am Lenker, zwei jetzt leere Satteltaschen, die Haustür zur oberen Wohnung steht halb offen. Als sie zurückkommt, schiebt ihr Vermieter gerade das Fahrrad in die leere Garage, wo sonst sein grauer BMW parkt. Es ist schon nach sieben, aber er trägt noch immer seine karierte Kappe und sieht erschöpft aus.

Soll sie so tun, als ob ihr nichts auffiele?

»Ich habe nun endlich klar Schiff gemacht.« Sie zeigt ihre Hände vor.

»Ich habe nur ein paar Sachen ausgefahren und rasch den Florida-Salat kaltgestellt.« Die Adern auf seinem Handrücken sind geschwollen, seine Lider auch. »Mögen Sie zufällig Florida-Salat?«

»Lecker.« Verlegen dahingesagt. Ein paar Sachen ausgefahren? Es geht sie nichts an.

»Diesmal habe ich jede Menge übrig, viel zu viel für mich allein, der Florida-Salat war heute bei uns im Angebot, wirklich gut, trotzdem wollten die meisten Kunden Geflügelsalat und Heringstopf nach Hausfrauenart, das sind zur Zeit die Renner.«

»Und Ihre Frau? Sie mag doch bestimmt Florida-Salat.« Soll Simone fragen, ob er den Job gewechselt hat? Tut man das beim Abstieg vom »Menu Surprise« zum Heringstopf? Warum hat sie nicht gemerkt, was los ist? Der geänderte Arbeitsrhythmus, das fehlende Auto in der Garage, die einsamen Abende vor dem Fernseher, sie muß blind und taub gewesen sein.

»Meine Frau ist jetzt viel für die Innung unterwegs, dazu ihr eigenes Geschäft, ohne das hätten wir das Haus hier aufgeben müssen, und ohne Ihre Miete auch. Mein Job bringt nicht sonderlich viel.«

»Also sind Sie wirklich nicht mehr in diesem feinen Lokal?«

»Die haben den Besitzer gewechselt und setzen jetzt auf ein ›junges, ambitioniertes Team‹, da falle ich nun mal raus, im Herbst werde ich vierundfünfzig.«

»Ich könnte für Florida-Salat sterben.«

»Lebendig sind Sie mir lieber.«

Der Salat ist in einer Box aus durchsichtigem Plastik, dazu trinken sie eine Flasche Wein, sehen auf die Schiffe und den Strom, es ist ein leiser Abend, aber leer ist er nicht.

***

Jeden Dienstag läuft der Countdown für die »Sag ja!«-Show tags darauf. Ganz ohne Pannen geht das nie ab, nur äußerlich befindet sich das Studio dann noch im Dornröschenschlaf. Keine Busse, bis auf die paar Autos der Kollegen ist der Parkplatz so gut wie leer, die meisten erscheinen an diesem Tag entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit in Jeans und mit Badetasche, um nach vollbrachter Tat gemeinsam in die Sauna zu gehen und dort ihr Schönheitsprogramm zu starten. Simone ist noch nie mitgekommen, sie weiß auch nicht, ob sie es täte, wenn jemand sie dazu aufforderte, was bislang ebenfalls nicht der Fall war.

Ob sie heute zum Friseur gehen soll, anstatt sich wie sonst selbst die Haare zu waschen? Der Stufenschnitt überfordert sie, bringt jeden Wirbel zutage, ihre Haare sind wie Stroh und wollen sich partout nicht mit der Fönbürste stylen lassen, die man ihr ebenfalls für teures Geld aufgeschwatzt hat. Angesichts des für morgen angekündigten Prominenten verspürt sie das Bedürfnis, sich nicht gleich auf den ersten Blick als Außenseiterin zu erkennen zu geben. Es reicht, daß Willy seit seiner plötzlichen Genesung so tut, als ob er in sämtliche Details eingeweiht wäre und auf Geheiß der Talkmasterin alles an sich reißt.

Ist das so?

Gleich weiß sie mehr.

Sie winkt dem Pförtner in seinem Glashäuschen neben der Einfahrt zum Studiogelände zu. Die Schranke hebt sich. Simone beschließt, den Friseurbesuch vom Ausgang des Gesprächs abhängig zu machen, das sie gleich führen wird. Es bringt wenig, sich für die Oberaufsicht über orangefarbene Sessel und Glühlampen in Unkosten zu stürzen.

Soll sie es schlichtweg ablehnen, solche Dienste zu verrichten?

Und dann?

Sie setzt zügig in eine der vielen freien Parkbuchten, steigt aus, überfliegt das gute Dutzend kreuz und quer eingeparkter Autos ringsum. Das Cabrio von Sonja Ziems fehlt, der Jeep der Produktionsleiterin desgleichen, was nun? Simone sieht auf ihre Uhr, um diese Zeit sind sonst alle vollständig versammelt, in Anbetracht des Wirbels, der um die morgige Sendung veranstaltet wird und bereits in der Presse Spekulationen um einen »Knüller« bei »Sag ja!« ausgelöst hat, ist es absolut undenkbar, daß keine von den beiden Frauen zur Stelle ist.

Ob sie die Automarke gewechselt haben?

Simone verharrt neben einer Limousine, die sie noch nie zuvor gesehen hat, der Lack blitzt nagelneu. Keine fünf Meter weiter entdeckt sie noch ein Modell derselben Marke, das ihr ebenfalls fremd ist. In diesem Fall handelt es sich jedoch um die Sportversion mit extrem tief gelegtem Chassis und Reifen, die sie an dicke Socken denken lassen. Im Wageninneren hüpft etwas hin und her. Sie traut ihren Augen nicht. Ein Hund, offenbar noch sehr jung, bei ihrem Anblick beginnt er wie verrückt zu kläffen, ob er Angst hat? Der wedelnde Stummelschwanz spricht dagegen, eher schon will der Yorkshire Terrier mit ihrer Hilfe aus diesem Blechkasten befreit werden, bevor es ihm darin noch heißer wird. Obwohl Simone nur ein dünnes T-Shirt trägt, ist sie auf der Fahrt hierher mächtig ins Schwitzen gekommen. In ihr wächst die Wut.

Ist Lovely Sonja die Besitzerin? Ein Hund mit Schleifchen paßt bestens zu ihren affigen Haarreifen.

***

»Wo ist Sonja?«

»Nicht da.«

»Aber ihr Hund ist da.«

»Sie hat gar keinen.«

»Und wem gehört der Yorkshire da draußen in der Bullenhitze?«

»Keine Ahnung, ich an deiner Stelle würde mich nicht um fremder Leute Köter kümmern. Hast du deshalb nicht neulich schon mal um ein Haar eine Sendung auffliegen lassen? Willy wollte übrigens wissen, wo du bleibst.«

»Und wo ist er?«

»Eben war er noch da.«

Die nächste Stunde verbringt Simone mit der Suche nach Willy und am Telefon. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, daß die Talkmasterin noch immer ihre Grippe auskuriert, die Produktionsleiterin zu sich zitiert hat und sie am Krankenbett instruiert, damit am nächsten Tag nichts schiefläuft. Doch in Sonjas Wohnung, die der Sender ihr besorgt hat, hebt niemand ab, unter ihrer Handy-Nummer meldet sich die Mailbox. Bei Moniques Privatanschluß ergeht es Simone nicht besser, sie wird jedesmal auf Anrufbeantworter umgestellt und dreisprachig aufgefordert, eine Nachricht zu hinterlassen, was sie tut, ohne daß der zugesagte Rückruf erfolgt. Ihr Kollege Willy bleibt ebenfalls unauffindbar, obwohl sein Motorrad weiterhin vorm Eingang steht. Angeblich weiß niemand, wo die drei stecken. In Simone wächst das Gefühl, sich in einer Wachsfigurenschau aufzuhalten. Für einen Dienstag geht es hier entschieden zu ruhig zu, niemand rennt fluchend herum, kein Gebrüll, nicht einmal leere Pappschachteln aus der Pizzeria fliegen herum. Sie weiß einfach nicht, was sie von diesen teilnahmslosen Gesichtern halten soll. Selbst das Hantieren mit ein paar Filmrollen hier und einer Liste dort erscheinen aufgesetzt.

»Ich fahre wieder.« Simone sieht niemanden an, sagt es allgemein in die Runde, doch keine der fünf im Empfang anwesenden Kolleginnen reagiert. Kein Kommentar.

»Falls Sonja oder Monique doch noch auftauchen, ich bin unter meiner Privatnummer zu erreichen.« Diesmal spricht Simone gezielt Ruth an, von der sie weiß, daß sie heute bis sechs Uhr das Telefon bedient. Es kommt immer wieder vor, daß ein Gast sein Ticket verliert oder Lampenfieber bekommt und ohne eine solche Hotline glatt verloren wäre.

»Wir sind gleich auch weg.«

»Alle?«

»Sauna und das übliche.«

»Aber es ist erst zwei Uhr, laut Plan gibt's so etwas wie Präsenzpflicht am Tag vor der Sendung. Was ist, wenn einer der Gäste plötzlich ein Problem hat?«

Achselzucken.

»Oder wird die ganze Sache morgen doch abgeblasen?«

Achselzucken.

Simone greift nach einem Kuli, sie hätte nicht übel Lust, ihre lieben Kollegen mit den Köpfen gegeneinander zu donnern. Etwas ist im Busch. Die wissen mehr, als sie verraten wollen.

»Der Kuli gehört mir.«

»Da steht ›Joy‹ drauf.«

»Aber ich habe ihn mir eben geholt.«

Um Kreuzworträtsel zu lösen? Simone starrt auf die Illustrierte vor sich, zumindest in der letzten Viertelstunde ist darin keine einzige Seite weitergeblättert worden, trotzdem sind die obligatorischen Kästchen noch immer leer bis auf die Vorgaben der Redaktion. Suche waagerecht! Suche senkrecht! Wenn das Lösungswort der Name des Kandidaten ist, der morgen dieses Schattenkabinett reanimieren soll, spielt sie glatt selbst mit. Simone kneift die Lippen zusammen, geht nochmals zurück in das Büro, das sie mit Willy teilt, und pinnt wenig später kommentarlos ihre Message ans Schwarze Brett, dann stürmt sie hinaus.

Es ist wie der Sprint in ein Gewächshaus.

Drinnen sorgt die Klimaanlage für gleichmäßige Kühlung, draußen ist das Barometer inzwischen auf einunddreißig Grad geklettert. Sogar die Jahreszeiten spielen verrückt, nichts stimmt mehr.

Dort parkt noch immer die fremde Limousine.

Simone bleibt unwillkürlich stehen, aber natürlich hat der Besitzer den Terrier längst befreit. Das gleißende Licht bricht sich in dem aufgemotzten Armaturenbrett und den rundum laufenden Chromleisten und wirbelt flimmernde Punkte durch den Innenraum, in dem man jetzt bestimmt problemlos ohne Feuerstelle grillen könnte. Ganz kurz fragt sie sich, wie sie den kleinen Hund so völlig vergessen konnte. Sie, die große Tierfreundin, nicht einmal das stimmt mehr. Sie will weitergehen.

Ein kaum hörbares Kratzen.

Simone sieht sich um, überlegt, ob ihre Gummisohlen dieses Geräusch auf dem Kies erzeugen. Unmittelbar neben ihr befindet sich das fremde Fahrzeug. Sie tritt ganz nah heran, verbrennt sich fast an dem glühenden Metall, späht in den Fond. Die Sitze sind aus schwarzem Leder, die eingebaute Bar aus glänzendem Chrom und der Metallkoffer blenden sie, das haarige Knäuel dazwischen könnte ein Schal sein, nur daß kein Wollschal Pfoten besitzt.

Der kleine Hund liegt schlapp und seltsam verdreht halb auf dem Rücken, der Kopf hängt über die Sitzkante, der schmächtige Brustkorb müßte sich heben und senken, er tut es nicht. Da, wieder dieses Kratzen, eine Pfote bewegt sich, streckt sich, die Krallen schaben über das Lederpolster, zweimal, dreimal, die Pfote knickt wieder ein.

Simone rüttelt an den Türen, natürlich vergeblich, Panik erfaßt sie, dann fällt ihr der Werkzeugkasten in ihrem eigenen Kofferraum ein. Sie rennt zurück und will gerade mit dem Wagenheber ausholen, als jemand aus dem Gebäude kommt, das dem Studio von »Joy« unmittelbar gegenüber liegt.

»He! Halt!« Der Mann kommt direkt auf sie zu, geht immer schneller. Sein stattlicher Bauch wirkt bedrohlich, ein Arm hebt sich, fuchtelt durch die Luft, in der Hand baumelt ein Autoschlüssel, das Emblem passend zu demjenigen auf der Kühlerhaube.

Im nachhinein wüßte Simone nicht mehr exakt zu sagen, was sie geschrien und ob sie tatsächlich an den Aufschlägen des dünnen Leinensakkos gezerrt hat. Der kühle Stoff steigert ihre Empörung noch, da läßt diese Type sich stundenlang kalte Luft auf den Wanst pusten, und derweil krepiert sein Hund.

»Schließen Sie auf! Schließen Sie sofort auf, oder ich hole die Polizei.«

»Sachte, Mädel, kannst du mir vielleicht mal verraten, was du überhaupt von mir willst?«

Simone entreißt ihm den Wagenschlüssel, stochert damit wie wild an dem Schloß herum, ihre Aufregung ist schuld, dabei geht es um Sekunden, das Emblem der teuren Automarke scheppert gegen die Lackierung, klick-klack, der Mann neben ihr sagt etwas, aber sie versteht ihn nicht, all ihr Sinnen und Trachten richtet sich auf dieses leblose Knäuel auf dem Rücksitz.

»Sind Sie komplett verrückt?« Jemand reißt an ihrem Arm. »Was treiben Sie da?«

Simone sieht auf, ihre Sicht ist getrübt, trotzdem erkennt sie den Chef von Rainer Schaller, eigentlich müßte er sie auch wiedererkennen. Der Art-Director hat sein Atelier in der obersten Etage des Gebäudes, aus dem kurz zuvor der Dicke gekommen ist. Sie und der Art-Director sind sich schon ein paarmal am Set begegnet, sie arbeiten beide für »Joy«, er soll ihr gefälligst helfen.

»Helfen Sie mir! Der Hund da drinnen stirbt.«

»Was geht Sie mein Hund an?« Ein weiterer Schlüssel, das Emblem ist identisch, doch dieser Schlüsselbart dreht sich mühelos, die Verriegelung löst sich, der Mann steigt ein und startet, ohne auch nur einen einzigen Blick auf das Tier hinter sich zu werfen. Kies stiebt auf.

»Halt! Sie Unmensch!«

»Mädel, das bringt jetzt auch nichts mehr. Tut mir echt leid, ich hab' nicht gesehen, daß da 'n Hund drin war, bei der Hitze echt 'ne Schweinerei.«

»Und wenn er stirbt.«

»Mädel, der stirbt nicht, du glaubst gar nicht, was für 'ne Power in so 'nem kleinen Viech steckt.« Ein Arm legt sich um Simones Schulter, das Leinen ist wohltuend kühl, die Bauchkugel wirkt vertrauenerweckend, ebenso wie die Stimme, die weiterredet und sich nur langsam zu ihr vorarbeitet. »Ich kenn mich da 'n bißchen aus«, fährt der Dicke fort, »mein Neffe ist so 'ne Art Experte, der kann keiner streunenden Katze und nicht mal 'nem ausgewachsenen Gaul widerstehen. Wenn's nach Jojo ginge, lieferte ich mein Bier nur noch zweispännig aus, dem will einfach nicht in den Kopf, daß wir dann früher oder später im Armenhaus landeten.«

Die Worte durchbrechen die Barriere aus Wut auf den Chef der Werbeabteilung und Sorge um seinen Hund, die Beschämung über ihren Irrtum löst sich in Nichts auf. Sie stößt den fremden Arm zurück, den ihr Kopf soeben dem Besitzer der Brauerei »Bester« zugeordnet hat. Sie hat sein Foto schon mehrfach in der Zeitung gesehen, er ist ein Mann, um den sich die hiesige Werbeabteilung reißt, er wird auch wohl kaum der Armut anheimfallen, bloß weil er die vier strammen Kaltblüter mit den Zottelmähnen, die aus dem Stadtbild kaum noch wegzudenken sind, behält. Noch letzte Woche hat die Lokalpresse über eine drohende Schließung der »Bester«-Stallung berichtet, anscheinend ist der Besitzer zu geizig, um seinen Brauereipferden ihr Gnadenbrot zu gönnen.

»Lassen Sie mich los, sofort!« Simones Stimme ist laut, sehr laut, fast schon gellend. »Leute wie Sie landen höchst selten im Armenhaus, es erwischt sowieso immer die falschen, glauben Sie ja nicht, Sie könnten mir mit Ihrer Brauerei imponieren.« Es sind nur wenige Meter bis zu ihrem eigenen Auto. Sie gönnt dem Mann, der sie aufhalten will, keinen Blick, sondern gibt im Gegenteil Gas. In ihrer Rage wäre sie glatt gegen die Schranke neben dem Pförtnerhaus gedonnert, wenn der Mann darin nicht blitzschnell reagiert hätte. Der lange Balken hebt sich, aus den Augenwinkeln nimmt sie kauende Backen, eine Hand mit einer dicken Wurststulle darin und eine andere, die ihr einen Vogel zeigt, wahr.

Kerle! Einer wie der andere. Stopfen sich den Bauch voll und lamentieren über ihre Angst vor dem Armenhaus und lassen eine unschuldige Kreatur elendiglich verrecken. Simone beschleunigt, mißachtet die Geschwindigkeitsbegrenzung ebenso wie das Warnhupen eines anderen Autofahrers – auch ein Kerl – sieht es blitzen und kommt erst wieder zu sich, als die Haustür der oberen Wohnung in dem Haus, wo sie wohnt, aufgerissen wird.

»Ich habe schon gedacht, Ihnen ist etwas passiert. Geht's Ihnen gut?«

»Mir schon.« Simone steigt aus, starrt auf das Rad mit dem Korb an der Lenkstange und den beiden Satteltaschen hinten, das nun auf der Erde liegt, der Hinterreifen ist platt, daran ist ihr Vorderreifen schuld. Sie beginnt zu weinen. Die Tränen tun ihr gut, ebenso wie der Mann, der nur abwehrt, als sie sich für den Schaden an seinem Eigentum entschuldigen will.

»Totes Inventar, kann man alles ersetzen.« Und zögernd, fast schon bittend: »Wenn Sie Lust haben, heute war jede Menge Heringstopf im Laden übrig, mit Äpfeln und Zwiebeln und in Sahne eingelegt wie bei Muttern.«

Kapitel 5
Der Sultan ist tot

Das Herz auf dem Flachdach rotiert wie immer, die Autos auf dem Parkplatz stehen heute wieder dicht an dicht. Der »New Beetle« signalisiert die Rückkehr des Produzenten, der sich das Kultauto von VW vor dem offiziellen Start in Deutschland aus Mexiko hat kommen lassen – als Zweitwagen. Außerdem fährt er ein schweres Motorrad, angeblich ist er auch ein passionierter Segler. Sehr viel mehr weiß Simone nicht über den Mann, der drei Shows und diverse Seifenopern für »Joy« managt, von denen eine hier in Köln produziert wird, den Rest importiert er wie seinen Käfer und seine Hüte aus den Staaten. Selbst zu einem Galadinner erscheint er nicht ohne Kopfbedeckung »made in U.S.A.«.

Ob der Kandidat der heutigen »Sag Ja!«-Show auch von dort kommt?

Ob der Produzent eingeweiht oder gar Zulieferer der »very important person« ist?

Simone weicht den sich aus zwei Bussen ergießenden Massen aus und stoppt erst, als sich unmittelbar vor ihr zwei Männer mit lautem »Hallo!« begrüßen. Die Liste, die jeder von ihnen durch die Luft schwenkt, legt die Vermutung nahe, daß es sich um die Betreuer der beiden Gruppen handelt. Beide tragen die Haare im Nacken zusammengebunden.

»Na, was macht die Alma Mater der schönen Künste und Klodeckel?« fragt der mit dem dünnen Zöpfchen und den Schuppen auf dem schwarzen Hemd.

»Das heißt Gebrauchsdesign, Mister Spielberg«, antwortet der andere. Sein Zopf ähnelt einem buschigen Rasierpinsel.

Es geht nur im Schneckentempo voran. Zwei, drei Sätze weiter kann Simone sich zusammenreimen, daß mit den »schönen Klodeckeln« eine Fachhochschule für »Kunst und Design« angesprochen ist, während das »Mister Spielberg« für eine »Schreibschule« steht, die in Zukunft Kinos und Fernsehanstalten mit Drehbüchern aus deutschen Landen versorgen will.

»Da werden die Jungs in Hollywood Bauklötze staunen, das flüstere ich dir.«

»Warum sollten die staunen, wenn sie euch doch selbst sponsern, davon träumt unsereins nur. Wir kämpfen um jeden Steuergroschen, auf dem Amtsweg und in dreifacher Ausfertigung, versteht sich.«

»Du übertreibst.«

»Weil dieser Sender der rotierenden Herzen noch nicht die Finger bei euch drin hat?«

»Joy ist sowieso zu klein.«

»Wart's ab, vielleicht steht ja eine Fusion ins Haus.«

»Glaube ich nicht.«

»Irgendwas ist jedenfalls im Busch.«

»Wahrscheinlich nur der übliche Wirbel, um die in den Keller gerutschte Quote hochzupuschen.«

»Immerhin arbeiten sie bei Joy schon mit Live-Quoten, deshalb habe ich die Einladung überhaupt angenommen, die haben uns einen Rundgang mit allem Pipapo versprochen.«

»Und einen Imbiß – ist unterm Strich wahrscheinlich sowieso ergiebiger. He, laß mal die Lady vorbei, oder gehört die zu dir?«

Ein prüfender Blick. Kopfschütteln. Simone schlüpft mit einem »Danke vielmals!« zwischen den beiden Männern durch und landet genau im dicksten Pulk. Die Schüler sind nicht weniger beredt als ihre Betreuer. Der Vergleich von Sonjas Haarreifen mit den Brillengestellen einer Ilona Christen ist gar nicht so abwegig, lediglich die Ausdrucksweise verrät die blutigen Anfänger: Bandwurmsätze gespickt mit Fremdwörtern. In dieser Hinsicht war Denis ihr ein ebenso gnadenloser wie guter Lehrmeister, heute weiß sie, daß nichts so gefährlich ist wie das Schwelgen im eigenen Sud. Sie stupst den Wortführer an, der ihr den Weg verstellt, was er in seinem Redefluß gar nicht bemerkt hat. Seine hochtrabende Analyse von Sonja Ziems »geradezu klassisch zu nennender Tarnung eines unterentwickelten Egos mittels betont extrovertierter Stilelemente von hohem Wiedererkennungswert« macht ihn blind für alles andere. Erst Simones Hand an seinem Schulterblatt schreckt ihn auf, er stammelt eine Entschuldigung und rückt zur Seite. Endlich erreicht sie die doppelte Flügeltür.

Beide Feststeller sind heute ordnungsgemäß arretiert, ein kleines Wunder.

Auch die Ruhe in dem Vorraum ist keineswegs normal.

Kein Gast klammert sich verloren an eine leere Kaffeetasse.

Keine ihrer Kolleginnen schäkert mit den Jungs von der Technik.

Kein Tratschen und Kichern, nicht einmal randvolle Aschenbecher, es ist fast schon unheimlich, alle bei der Arbeit zu sehen, für die sie bezahlt werden.

»Möchten Sie noch einen Kaffee?«

»Bitte zur Maske!«

»Hatten Sie Fahrtkosten oder andere Auslagen?«

»Der Redakteur möchte jetzt gern noch einmal mit Ihnen den Text durchgehen.«

Beim letzten Satz fühlt Simone sich automatisch angesprochen. Das ist ihr Job. Sie wendet sich um und will schon auf die Frau – »Piz Buin«-braun, seltsam halbseiden – zugehen, als Willy ihr zuvorkommt. »Das ist meine Kandidatin, Nordseekrabbe.«

Simone nickt und fühlt sich überflüssig. Es ist eigentümlich, wochenlang allein die Verantwortung zu tragen und dann plötzlich draußen zu stehen, nur zuschauen zu dürfen. In ihr machen sich Gefühle breit, die sie nicht genau deuten kann.

Verletzte Eitelkeit?

Angst, wirklich ihren Job zu verlieren?

Sorge um das Gelingen einer Show mit Gästen, von denen wenigstens diese sechs Frauen so aussehen, als ob sie mit Lohnsteuerkarte in einem Sonnenstudio und ohne im Hinterzimmer arbeiteten?

Widerwillen gegen diese Orgie in Orange von der Dekoration im Studio über die Bekleidung der Gäste bis hin zum Dress ihrer Kollegen?

Simone sieht an sich selbst hinab. Wie üblich an Sendetagen trägt sie eine apfelgrüne Weste zu einer gleichfalls grünen Hose. Gestern war sie bis zwei Uhr im Studio, folglich muß das Kommando zum Apfelsinen-Outfit für alle am Set danach ergangen sein. Einen Rückruf auf ihre Nachricht am schwarzen Brett hin hat es ebenfalls nicht gegeben. Was will ihr das sagen?

Daß sie längst auf der Abschußliste steht und man nur die Rückkehr von Willy abgewartet hat? Falls das so ist, geht sie lieber direkt.

Hi, wollte euch nur kurz Bescheid sagen, ich mache freiwillig die Mücke!

Sie wirft einen Blick in das Studio, wo gerade ein Diwan, eine Bar und eine aufblasbare Insel mit Palme nebst sechs Körben mit exotischen Früchten, ebenfalls aus Plastik, plaziert werden, doch ein Dutzend Kulissenschieber sind wohl kaum die richtigen Adressaten für ihre Mitteilung. Auch das Besucherzimmer für VIPs bringt sie nicht weiter, hier schäkert lediglich ein Mann in Pluderhosen zum weißseidenen Flatterhemd mit zwei ihrer Kolleginnen und einer Champagnerflasche. Offenbar handelt es sich um den geheimnisvollen Star. Simone kennt das Gesicht und die Pose, nur der Name fällt ihr nicht ein, was in Anbetracht ihres Ausscheidens auch egal ist. Sie ignoriert seine Aufforderung, sich dem »Harem« anzuschließen und steuert den Korridor an, von dem die Büros von Talkmasterin und Produktionsleiterin sowie der große Konferenzraum abgehen. Nichts rührt sich. Dahinter führen ein paar Stufen zu einem Zwischengeschoß hoch, dort residiert der »Hopper«, wenn er nicht gerade wieder auf Achse ist und sich von seiner Sekretärin vertreten läßt. Auch hier scheint alles verwaist zu sein, doch das täuscht. Hinter der doppelten Tür ertönt ein Aufschrei – »Nein! Nein! Nein!« –, dem erneut Stille folgt. Simone weiß, daß man schon sehr laut werden muß, um hier draußen gehört zu werden.

***

»Das können Sie nicht machen, das ist nicht fair. Nein-nein-nein.« Das dreifache »Nein« gellt, ihre Hand hämmert unbeherrscht auf den Tisch, ihr Kopf schwingt hin und her wie bei einer Puppe, der heute orangefarbene Haarreif verrutscht, aber Lovely Sonja merkt es nicht, ebenso wie sie nicht spürt, wie die Tränen die Arbeit der Visagistin zerstören. Sie mußte etliche Schichten auftragen, um die erhabenen Quaddeln und die flammende Röte halbwegs zu überdecken. Der Juckreiz ist beinahe unerträglich, die Selbstbeschwörungsformel, die sie sich in einem fort vorgesagt hat, wirkt nicht mehr.

Schau vorwärts, Lovely! Heute fallen die Würfel!

Gerade sind sie gefallen. Leise, sie haßt diesen Mann mit dem Hut auf dem Kopf. Ein Gentleman nimmt den Hut ab, wenn er einer Lady begegnet, damit geht es los. Er ist kein Gentleman, er ist ein Rüpel, sie hätte es besser wissen und das Angebot aus Amsterdam annehmen sollen, jetzt ist es zu spät, so etwas spricht sich blitzschnell herum. Wer nimmt schon eine Moderatorin, die man gerade aufs Abstellgleis geschoben hat?

»Die Show läuft aus, sobald die neue Sendung steht. Wir werden keinen kranken Gaul hätscheln, nicht umsonst sind wir der erste Sender in Köln, der mit Live-Quoten arbeitet. Am letzten Mittwoch haben sich 280 von 450 Haushalten schon vor dem ersten Werbeblock weggezappt, das paßt exakt zum katastrophalen Einbruch bei den Werbeaufträgen für ›Sag ja!‹ Wir packen den Slogan in den Untertitel, er paßt genauso gut zur Bewältigung von Schicksalsschlägen. Auf diese Weise halten wir die alten Zuschauer bei der Stange und holen neue rüber. Die Headline muß direkt vom Kopf in den Bauch springen, meinetwegen auch in den Schwanz oder die Eierstöcke. Authentisches liegt voll im Trend, wir lassen eine Serie mit »True Stories« anlaufen, Monique hat die Pilotsendung für die neue Talk-Show quasi fertig. ›Sein Herz in meiner Brust‹, darunter in Klammern gesetzt ›Herztransplantation‹ und zuletzt der Appell ›Sag ja!‹ Die Buchrechte für den deutschen Markt haben wir uns ebenfalls gesichert. Solche Themen schreien förmlich nach einem Begleittext. In diesem Fall geht es um eine Frau, die nach der Transplantation plötzlich wie der Organspender denkt und fühlt und sich in seine Witwe verliebt. Frage: Soll sie sich scheiden lassen? Das sind Geschichten, die das Leben schreibt. Für den Übergang packen wir Axels ›Auf die Plätze, los!‹ und Sonjas Brautspielchen zusammen und bereiten so den fliegenden Wechsel vor.«

Dann kam Sonjas Schrei. Nein! Nein! Nein!

Ihr Handballen schmerzt, alles schmerzt. Sie sieht sich in der Runde um, wartet auf Hilfe, begegnet dem kühlen Lächeln dieses hinterfotzigen Geschöpfs mit dem pseudofranzösischen Namen und springt auf, wirft die Flasche mit dem Johannisbeersaft um. Egal, gut so, der rote Saft saugt sich in weißes Papier, dünne Rinnsale arbeiten sich über die Platte aus Granit auf den Rand und makellose Hosenbeine zu, manche tragen auch Röcke, dieses Mannweib nicht, natürlich nicht. Es hat einen Grund, wenn eine Frau ständig ihre Beine versteckt, und nicht nur die. Seit wann boykottiert sie hinterrücks eine Show, die monatelang die höchste Einschaltquote bei »Joy« hatte?

Vorwärts, Lovely! Neider gibt es überall! Heute fallen die Würfel!

Zwei Männerhände stoppen sie. Ein vertrautes Gesicht sieht sie an, lächelt beruhigend, die Augen sind grün, aber kein bißchen kalt. Er ist ein Freund, der sie mag und ihr helfen will. Ihr Mund will ihr nicht gehorchen, die Unterlippe zuckt und bebt, aber es ist ein Lächeln für ihn, ihren letzten Vertrauten in diesem Kreis von Verrätern. Er versteht ihr Mundzucken zu deuten, er ist ein Menschenkenner.

»Danke, Werner! Eine Damenschlacht können wir jetzt wirklich nicht auch noch gebrauchen. Wenn ich geahnt hätte, wie kaputt sie ist, hätte ich schon für heute umdisponiert, in diesem Fall bleibt uns nichts anderes übrig, als ...«

»Rainer, ich heiße Rainer Schaller.« Es ärgert ihn, beim falschen Vornamen genannt zu werden, er ist sich nicht einmal sicher, ob der Hopper die Korrektur überhaupt mitbekommt, denn gerade reicht ihm die Sekretärin ein Funktelefon. Der Produzent lauscht mit gerunzelter Stirn, während er gleichzeitig mit dem kleinen Fingernagel auf die Tischplatte trommelt. Es ist ein ätzendes Geräusch. Es ist auch ätzend, mit einer Pfeife wie dem Art-Director verwechselt zu werden.

Der Art-Director heißt Werner, eigentlich hätte er an dieser Krisensitzung teilnehmen müssen, was leider unmöglich war. Mit hinuntergelassenen Hosen diskutiert es sich schlecht über Einschaltquoten. Ein »Dünnpfiff« ist ebenso banal wie wirkungsvoll, vielleicht kümmert der gute Werner sich in Zukunft doch lieber selbst um seinen Lunch. Die Vorstellung seines sich zu Tode scheißenden Chefs hebt Rainers Laune wieder, erinnert ihn daran, daß sein Triumph dem Höhepunkt entgegen strebt. Er wird keinesfalls dulden, daß Lovely Sonja sang- und klanglos von der Bildfläche verschwindet. Er hat vorgesorgt, seit gestern gibt es sogar noch eine weitere, höchst pikante Variante in seinem Repertoire.

Seine kleine Sturmbraut ist eine ganz Ausgefuchste, er hat sie vom Fenster seines Büros im dritten Stock beobachtet, wie sie den Brauereibesitzer heiß machte und dann einfach stehenließ, wirklich clever. Hannes Bester ist ihr noch hinterher, hat mit den Armen gerudert und sich die Kehle wund geschrien, der Grund liegt auf der Hand, die Spatzen pfeifen es schon vom Dach, dieser Mann hat gerade seinen Neffen gefeuert und sucht dringend einen neuen Pressesprecher. Er ist in Köln für seine spontanen Entscheidungen berüchtigt. Niemand weiß, warum er etwa urplötzlich eine Top-Werbung kippt und durch einen absolut idiotischen Reim ersetzt, doch der Erfolg gibt ihm immer wieder Recht. »Trink fester, mein Bester!« ist heute der reinste Ohrwurm. Man munkelt, daß bei »Bester« demnächst auch der Posten des Chefgrafikers umbesetzt wird.

Seine kleine Sturmbraut ist wirklich sehr, sehr clever. Das imponiert Rainer, kurbelt seinen Ehrgeiz und seine Phantasie an, nichts verschafft mehr Befriedigung, als einem ohnehin schon perfekten Plan noch eins drauf zu setzen. Ein Spiel, dem sich auch der Big Boß von »Joy« nicht entziehen kann. Noch ahnt der Hopper nichts und setzt auf den in solchen Fällen üblichen Rückgriff auf die Wiederholung einer alten Sendung oder die »eiserne Reserve«, aber diesmal geht das nicht. Weder – noch.

Das Fingertrommeln hört auf, das Handy wird an die Vorzimmermieze zurück gereicht. Der unbekannte Anrufer hat die Laune des Hoppers keineswegs verbessert, der Produzent scheint sich dem Siedepunkt zu nähern. »Jetzt säuft er auch noch meinen Schampus, eher lasse ich den Erzbischof auf unsere Kosten flittern, als daß ich diesen Scheißkerl auf die Bühne hole. Was ist mit der Show von Silvester?«

Rainer zwingt seine Mimik in einen Ausdruck des Bedauerns. »Ich fürchte ...«

Die Produktionsleiterin fällt ihm ins Wort, beugt sich vor, eifrig, sie ist kaum wiederzuerkennen, erinnert an einen gerade noch hochgelobten Klassenprimus, der sich seiner Verpflichtung bewußt ist, stets auf alle Fragen des Lehrers eine Antwort zu wissen. »Die Paarfindung auf Silvester war ein Knüller, so etwas ziehen die Leute sich auch zweimal rein. Wir blenden einfach als Untertext ein, daß die Moderatorin erkrankt ist und wir deshalb auf besonderen Wunsch des Publikums diese Wiederholung ausstrahlen.«

Das Mienenspiel des Hoppers signalisiert Zustimmung.

Man muß ihn davor bewahren, diese in Worte zu fassen. Große Tiere wissen es in aller Regel zu würdigen, wenn jemand ihnen eine Blamage erspart. In solchen Fällen geht nichts über einen Sündenbock, der sich nicht wehren kann, eine übereifrige Produktionsleiterin bietet sich förmlich an.

»Das können wir leider nicht, Monique.« Welch ein Genuß! Wie sie zusammenzuckt, wie der Hopper gleichzeitig irritiert die Brauen runzelt, wie alle ihn anstarren und darauf warten, daß er diese Hiobsbotschaft erläutert. »Erstens«, fährt er bedachtsam fort, »hat Sonja eben schon ein Interview gegeben und die Presse auf ihre Überraschung angespitzt, damit fällt eine Krankmeldung ebenso flach wie eine Wiederholung. Zweitens haben wir heute außer den Pressevertretern ganz besonders sachkundige und neugierige Zuschauer. Haben Sie sich schon einmal die beiden Busladungen angeschaut?« Rainer sieht Monique an, nur sie. Sie hat ihn ausdrücklich gebeten, bei solchen Meetings das »Du« zu vermeiden. Niemand soll sie beide für Komplizen halten, diese formelle Anrede betont noch die Verantwortung, die sie allein trägt. Als Produktionsleiterin hat sie jedes Detail im Auge zu behalten, das ist ihr Job, ob sie schon etwas ahnt?

»Dazu hatte ich einfach keine Zeit. Wahrscheinlich die übliche Liga aus dem Altersheim oder einer Bundeswehrkaserne oder einer Schule.«

Rainer Schaller weidet sich an ihrer Antwort, die förmlich nach Verteidigung riecht. »Schule stimmt, nur daß es sich in diesem Fall um Ausbildungsstätten für Werbefachleute und Drehbuchautoren handelt, letztere werden zudem von der Konkurrenz gesponsert. Sie haben die Einladungen selbst abgezeichnet.«

»Ich ...« Monique bricht ab. Was soll sie auch sagen? Daß sie alles blind unterschrieben hätte, was Lovely Sonja schadet?

»Ich glaube es nicht. Ich glaube es einfach nicht. Wir sitzen bis zum Hals in der Scheiße und kommen nicht mehr raus, weil meine eigene Produktionsleiterin einfach keine Zeit hatte, sich eine verdammte Gästeliste anzuschauen.« Der Hopper ist nun meilenweit von dem Gesäusel entfernt, mit dem er sie eben bedacht hat.

Arme Monique!

Sie schrumpft sichtlich, hört sich nun regelrecht kleinlaut an. »Also müssen wir den Sultan doch auftreten lassen?«

»Sehe ich so aus, als ob ich mir eine Anzeige wegen Pornographie einhandeln wollte? Der Sultan ist ein Zuhälter mit Schanklizenz, der seine Pferdchen dubiose Cocktails und mehr servieren läßt, und wir sollen pünktlich zur Eröffnung seiner zweiten Kaschemme mit ein paar Tutti-frutti-Spielchen die geilste Fotze prämieren, so liest sich das im Klartext. Das wäre ein gefundenes Fressen für die Brüder von der Presse, und unsere Mitbewerber bekämen sich gar nicht mehr ein vor Lachen.«

Sonja öffnet die Lippen, die ihr noch immer nicht richtig gehorchen wollen, dafür funktioniert ihr Kopf um so besser, sagt ihr vor, was sie dazwischen rufen soll. Merkt dieser Trottel von Produzent denn nicht, was er sich da entgehen läßt? Nach nichts sehnt die Durchschnittsfamilie daheim vor der Glotze sich beim Abendbrot mehr als nach ein wenig Abwechslung per Fernbedienung. Das belegt der Erfolg des »Königs von St. Pauli« glasklar, und was auch im Vorfeld dieser Serie geunkt worden ist, jetzt sind sie alle blaß vor Neid.

»Sankt Pauli.« Das »a« eiert, das »k« auch, hört sich an wie ein »g«. Ihre Unterlippe ist schuld, fühlt sich seltsam geschwollen an, die Diagnose lautet »autosuggestiv«, sie ist selbst schuld, wenn sie diesen Ekzemen erlaubt, sich auch noch auf ihren Schleimhäuten breitzumachen. Unendlich mühsam dieses Sprechen, bei dem ihre Zunge anstößt, anschwillt, sie zu ersticken droht, egal, sie muß die Zauberformel wiederholen, man hat sie nicht verstanden, das sieht sie diesen Gesichtern an.

Vorwärts, Lovely!

»S-a-n-k-t-p-a-u-l-i!«

»Hat sie was gesagt? Hat sie wirklich ›St. Pauli‹ gesagt? Meint sie wirklich die Serie mit den Wahnsinnseinschaltquoten?«

Das »sie« beleidigt Sonja, trotzdem nickt sie.

Details

Seiten
433
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958244139
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309465
Schlagworte
Frauenroman Liebesroman Romantik Feelgood-Roman Unternehmensberaterin Humor Köln Sophie Kinsella Petra Hülsmann eBooks

Autor

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Titel: Süße Zitronen