Lade Inhalt...

Mit ohne Mann

Roman

2015 334 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Esther ist stolz darauf, unabhängig, modern und etwas anders zu sein. Kitschige Familienepisoden gibt es bei ihr nicht: Ihr Freund darf nicht bei ihr einziehen und ihre Töchter dürfen sie nicht "Mama" nennen. Als sich die 16-jährige Janina allerdings in Kai verliebt, wird alles auf den Kopf gestellt. Plötzlich möchte sie mit ihrer ganzen Familie zusammen essen und harmonische Fernseh-Abende verbringen. Ein Albtraum, dem es entgegenzusteuern gilt! Doch statt wieder das alte Leben aufzunehmen, siedelt Janina einfach zu Kai über und nimmt auch noch ihre kleine Schwester mit. Nun muss Esther handeln … Ein gemeinsamer Urlaub mit Kais Familie soll den Töchtern die Augen öffnen. Doch es ist Esther, der eine große Überraschung blüht!

Über die Autorin:

Britta Blum arbeitete lange als Paartherapeutin, bevor sich die erprobte Vierfachmutter ganz dem Schreiben widmete. Ihre eigenen Söhne schickte Blum nicht nur zum Fußball oder Kampfsport, sondern obendrein zum Ballett und in die Tanzschule – wofür ihr die Damenwelt bis heute dankbar ist. Mit viel Herz und Augenzwinkern verarbeitet die Autorin, die im Rheinland lebt, in ihren Romanen Geschichten aus dem prallen Familienleben.

Britta Blum veröffentlicht bei dotbooks auch folgende Romane:
Familienleben auf Freiersfüßen
Mama geht baden
Babys fallen nicht vom Himmel
Schräge Töne
Honig und Stachel
Kleine Männer sind die Größten


***

Neuausgabe November 2015

Copyright © der Originalausgabe 2007 by Bastei Lübbe GmbH & Co. KG. Köln

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Moloko88

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-414-6

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren Lesestoff aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Mit ohne Mann an: lesetipp@dotbooks.de

Gerne informieren wir Sie über unsere aktuellen Neuerscheinungen und attraktive Preisaktionen – melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an: http://www.dotbooks.de/newsletter.html

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.twitter.com/dotbooks_verlag

http://instagram.com/dotbooks

http://blog.dotbooks.de/

Britta Blum

Mit ohne Mann

Roman

dotbooks.

Widmung

Es gibt Romane, die ich vorwiegend dem verdanke, was meine Lehrer einst durch die Bank meine »blühende Fantasie« nannten. Dafür habe ich mich nie bedankt, weil unter solch blühenden Textlandschaften des Öfteren »Thema verfehlt« und darunter eine jener Noten stand, die meine Eltern gewöhnlich veranlassten, wenigstens eine Woche lang jene Strenge hervorzukehren, die ich ihnen gerade mühsam abgewöhnt hatte.

Im Fall dieses Romans verhält es sich jedoch anders, hier konnte meine Fantasie auf reale Landschaften, bevölkert mit sehr realen Menschen, zurückgreifen, und obwohl mehrere davon mich während unseres (bislang ersten) All-inclusive-Aufenthalts auf Mallorca eindringlich davor gewarnt haben, etwas davon zu Papier zu bringen, handle ich dieser Warnung zuwider, weil ich sie als das durchschaue, was sie ist, nämlich falsche Scham. Ihr braucht euch nicht zu schämen, wahrlich nicht! Ihr, dazu gehören zuallererst mal meine Kids und deren erste zart knospenden Neigungen zum anderen Geschlecht und all die Verwicklungen, die sich zwangsläufig ergeben, wenn über den Nachwuchs völlig unterschiedliche Familien zusammengeführt werden: Triviales (und vielleicht deshalb so herrliches) Pantoffelkino trifft »Mein Kind hat schon im Mutterleib nur Klassik gehört«, knuspriges Wiener Schnitzel begegnet fettarmer Vegetarierkost ... kennen Sie so was?

Wie gesagt, mein Nachwuchs hat mir Augen und Ohren (und mehr) für Genüsse geöffnet, die ich nach fünfzehn Ehejahren mit Stumpf und Stil auszurotten beschloss, weil sie mich an meinen Ex und mein Scheitern als Ehefrau erinnerten (ein Fehler, wie ich nun zugeben muss).

Womit wir auch schon bei jenem wunderbaren Mann-Exemplar wären, das mir auf dem Umweg über unsere schnäbelnden Kids ebenfalls Appetit auf Pantoffelkino, Wiener Schnitzel und vor allem Menschen, die sich nicht rund um die Uhr kasteien, gemacht hat. Ein Mann, der darüber hinaus die Größe besaß, mir (fast) zu widerstehen und sogar einem anderen Mann das »Feld« (sprich mich) nicht nur zu überlassen, sondern es diesem sogar näher zu bringen (was man natürlich auch als Angst vor der eigenen Courage interpretieren könnte, aber dazu mehr in diesem Roman).

Tja, bleibt mir nur noch der Dank an den »Titelgeber«, der bereit und fähig ist, tagtäglich mit mir und meiner Meute den Spagat zwischen »Normalfamilie« und »Single mit Anhang« zu üben, was ebenso viel Akrobatik wie Herz erfordert.

Okay, ich danke euch allen, und sollte einer von euch auf die Idee kommen, mich für meine Offenheit zu verfluchen, so denkt daran: Der nächste All-inclusive-Urlaub kommt bestimmt!!!

In Liebe!

Kapitel 1
Heiraten? Nein danke!

Als Esther ihre Wohnung betrat, war es erst kurz nach sechs. Ungewohnt früh für ihre Verhältnisse, die meisten ihrer Klienten bevorzugten späte Termine. Sie wollte schon nach Ann-Katrin und Janina rufen, als ihr einfiel, dass die beiden ausgerechnet heute auf einer Geburtstagsparty eingeladen waren. Es war noch nicht lange her, da hatten ihre Töchter und deren Freundinnen auf Geburtstagen Topfschlagen und Blinde Kuh gespielt, und Jungs wurden generell nicht eingeladen, weil sie durch die Bank als »doof« galten. Auch das hatte sich schlagartig geändert. Das Geburtstagskind hatte diesmal fast genauso viele Jungen wie Mädchen eingeladen, es sollte auch getanzt werden, seit Tagen wurde bei den Anchors über die richtige Musik und das passende Outfit diskutiert.

Ob Ann-Katrin sich wieder an ihrem Kleiderschrank bedient hatte, um erwachsener auszusehen? Es war nun mal nicht leicht für eine magere Vierzehnjährige, mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester und den anderen schon weiter entwickelten Mädchen Schritt zu halten. Ein Glück, dachte Esther, dass meine beiden sich trotzdem so gut verstehen und sogar zusammen eingeladen werden.

Sie schlüpfte aus ihren Pumps – schick, aber auf Dauer unbequem – und beschloss, sich einen gemütlichen Schmökerabend zu gönnen. Jede Menge Zeitungen und mindestens drei neue Bücher warteten auf sie, der Tag hatte manchmal einfach zu wenig Stunden.

Sie kontrollierte rasch den Anrufbeantworter – nichts blinkte – und überlegte, ob sie das Abendessen heute einfach ausfallen lassen sollte. Es war sowieso nicht gesund, nach sechzehn Uhr noch zu essen, zumindest behaupteten das die Ernährungswissenschaftler. Vielleicht nur ein Obstteller?

Nachdem Esther ihre Straßenkleidung gegen einen Hausanzug aus goldgelber Seide ausgetauscht hatte – diese Farbe harmonierte perfekt mit ihrer Bettwäsche –, betrat sie die Küche. Sie hatte morgens noch selbst auf dem Markt eingekauft, im Geist stellte sie sich bereits eine appetitliche Auswahl an Früchten zusammen, als sie den großen Topf mitten auf dem Tisch entdeckte, dagegen lehnte ein Zettel, die Schrift war die ihrer langjährigen Haushaltshilfe, Gerda Kronen.

»Liebe Frau Anchor! Die Steckrüben und Kartoffeln sind ganz frisch und vom Hof meines Schwagers, die Wurst ist aus der eigenen Schlachterei, es war sowieso zu viel, deshalb habe ich Eintopf für Sie und die Mädels mitgekocht. Guten Appetit! Ihre Gerda K.«

Esther hob den Deckel ab, von der Innenseite tröpfelte es, der fettglänzende Inhalt war noch warm. Ein leicht erdiger Geruch drang ihr in die Nase und weckte vage Erinnerungen an ihre Kindheit, die sie bei den Großeltern auf dem Land verbracht hatte. Dort gab es ebenfalls Steckrüben und Saubohnen und diese dicken Würste, die wie eine Kreuzung aus Mettwurst und Blutwurst aussahen, zu essen. Sie schloss den Topf rasch wieder, schon seit Jahren aß sie keine Wurst mehr und so wenig Fett wie möglich. Gerda Kronen wusste das genau, andererseits meinte sie es bestimmt nur gut. Esther vergaß ihre ursprüngliche Absicht, sich mit Obst zu versorgen. Plötzlich hatte sie es sehr eilig, aus der Küche zu kommen. Sie nahm sich lediglich eine Flasche stilles Wasser und ein Glas mit ins Schlafzimmer.

Ein sehr warmer, femininer Raum, die Wände in zartgelber Wischtechnik, das Bett aus hellem Ahornholz, Tagesdecke und etliche Kissen in Ocker, Braun und Gold, an der Wand ein wunderschöner alter Intarsienspiegel, sonst gab es nur noch eine Sitzbank am Fußende und im Raum verteilt Kerzen in allen Größen und Formen. Esther liebte dieses weiche Licht. Der Reihe nach zündete sie zuerst die langen honigfarbenen Kerzen in den Kerzenständern aus getriebenem Silber, dann die dicken kurzen Stumpen und zuletzt die Teelichter in den Kelchen aus filigranem Glas an. Nachdem sie auch noch den CD-Player eingeschaltet hatte, machte sie es sich zwischen den Kissen gemütlich und schloss die Augen. Lesen konnte sie später immer noch.

Ehe sie es sich versah, war sie eingeschlafen. Seltsame Traumbilder umfingen sie, im Mittelpunkt standen diese schrecklich fettige Wurst und Joscha, ihr Geliebter. Es war abstrus, an den Haaren herbeigezogen, völlig hirnverbrannt, was diese Bilder ihr vorgaukelten. Ausgerechnet Joscha solle sie zu etwas zwingen wollen, und dann auch noch zum Verzehr von Wurst. Komm, beiß rein! Versuch wenigstens mal! Wurst ist nicht gleich Wurst! Mit sanfter Gewalt näherte er die Wurst ihrem Gesicht, seine Fingerkuppen berührten ihre Lippen, teilten sie, der würzige Duft der Wurst und Joschas wohlvertrauter Geruch vermischten sich und bewirkten etwas in ihr, wovon sie nicht zu sagen wusste, was es war. Nur dass da plötzlich eine völlig verrückte Gier in ihr erwachte und sie zubiss, immer wieder, ohne Maß und Verstand ...

Als pünktlich um viertel nach zehn Ann-Katrin und Janina in die Wohnung stürmten, lag Esther mit einer Wärmflasche auf dem Bauch und einer kühlenden Kompresse auf der Stirn im Bett. Restlos erschöpft von einer schier unglaublichen Orgie, die zuerst im Traum und dann in Echt stattgefunden hatte. Sie, die stets beherrschte und alles sorgsam abwägende Esther Anchor, hatte sich in der Küche über einen fettigen Eintopf und eine noch viel fettigere Wurst hergemacht. Lediglich Joscha war eine Traumgestalt geblieben. Eigentlich schade, dachte sie, als sie endlich wieder einschlief.

***

Am anderen Morgen wurde Esther von einem beharrlichen Klingeln geweckt. Schlaftrunken tastete sie nach dem Wecker. Es war erst sechs Uhr. Sie wollte sich schon auf die andere Seite drehen und weiterschlafen, als ihr wieder einfiel, dass sie heute bereits sehr früh einen Termin hatte. Beim Auslegen des Bettzeugs wenig später fand sie eine längst erkaltete Wärmflasche sowie eine weich gewordene Kältekompresse, die Ereignisse des Vorabends fielen ihr wieder ein. Am frühen Morgen und kurz vor dem Start in die Arbeit erschien ihr das, wovon diese beiden Gegenstände erzählten, völlig unwirklich. Sie schüttelte sich, räumte alles an seinen Platz zurück, ging unter die Dusche, zog sich an, legte ein leichtes Tages-Make-up auf und war innerhalb einer halben Stunde startklar. Perfektes Timing! Fehlten nur noch die Schuhe.

Sie überflog das Schuhregal. Gerade für eine Frau ist das richtige Paar Schuhe bekanntlich viel mehr als bloß eine Äußerlichkeit. Damit kann sie ihre Stimmung und das, was sie sich von einem Tag oder Abend erwartet, exakt auf den Punkt bringen. Zwischen einem klassischen Blockabsatz und hohen Stöckeln mit eingebautem Sexappeal liegen Welten, ganz wichtig ist auch die Farbe. Esther war an diesem Morgen nach einem satten Karminrot.

Wo verflixt waren ihre neuen roten Sneakers? Ob Ann-Katrin sie sich für die Party gestern Abend ausgeborgt und vergessen hatte, sie zurückzustellen? Esther klopfte kurz und öffnete dann die Tür zum Zimmer ihrer Jüngsten, von dem eine weitere Tür in Janinas Zimmer führte. Die beiden Mädchen kauerten einträchtig auf Ann-Katrins Bett und hörten Musik.

»Hallo, Mama! Wieso bist du denn schon auf?«

»Guten Morgen, meine beiden Hübschen!« Esthers Anrede traf ins Schwarze, wenngleich Ann-Katrin sich derzeit wegen ihrer Zahnklammer »potthässlich« fand und Janina wie die meisten Mädchen ihres Alters jammerte, sie sei »tierisch fett«. Beides würde über kurz oder lang kein Thema mehr sein, davon war Esther überzeugt. »Ich muss heute früher los«, fügte sie hinzu.

»Und wieso gerade heute?«, lispelte Ann-Katrin. Kurz nach dem Aufwachen machte ihr die Klammer am meisten Probleme.

»Schließlich haben wir noch Ferien«, ergänzte Janina leicht vorwurfsvoll. Es gab eine Absprache zwischen Esther und ihren Töchtern, dass während der Schulferien möglichst immer gemütlich zusammen gefrühstückt wurde. Esther seufzte theatralisch und verdrehte die Augen: »Ein Notfall!«

Janina kicherte. »Ein echter? Oder wieder einer, der seine Schnürsenkel mit einwichst und in der Aufsichtsratssitzung dranpackt und kohlrabenschwarze Finger und deshalb die Krise kriegt?«

Esther schmunzelte. »Mit Schuhwichse hat unser neuer Klient wohl weniger Probleme.«

»Und was plagt ihn dann?«, fragte Ann-Katrin. Diesmal gut verständlich, sie hatte der Einfachheit halber rasch ihre Klammer aus dem Mund genommen.

»Wird nicht verraten, ihr Neugiernasen.«

»Bestimmt ist es jemand Prominentes, der nicht gesehen werden will, wie er sich bei dir reinschleicht«, vermutete Janina.

Esther hatte Mühe, ernst zu bleiben. Ihre Töchter warfen sich gegenseitig die Bälle zu, ihre Ausholtechnik war nicht von schlechten Eltern, und wenn direktes Fragen nicht weiterhalf, versuchten sie es halt hintenherum »mit dem Hühnerkläuchen«. Kaum weniger amüsant war die Vorstellung, der erste Klient an diesem Donnerstag könne angeschlichen, kommen. Dazu war er viel zu steif und korrekt.

»Wir verarzten ihn vor Bürobeginn«, sagte Esther laut, »mehr bekommt ihr nicht aus mir heraus, und wenn ihr euch auf den Kopf stellt.«

»Wir?«

»Logisch! Geteiltes Leid ist halbes Leid.«

»Der arme Joscha!« Zweistimmig, leiser Spott klang mit. Die Mädchen beherrschten die Kunst der Ironie für ihr Alter schon erstaunlich gut und probierten sie vorzugsweise am Freund ihrer Mutter aus. Joscha verkraftete derlei im Gegensatz zu den meisten seiner Geschlechtsgenossen problemlos.

Esther grinste breit, dann ging sie zielstrebig auf Ann-Katrins Bett zu, unter dem etwas Rotes blitzte. Sie bückte sich, zog kommentarlos ihre Sneakers aus handschuhweichem rotem Leder hervor und schlüpfte hinein.

»Er wird's überleben!«, sagte sie laut.

»Aber nur, wenn er seine Socken findet.« Kichern begleitete diesen Satz.

Die beiden haben den Durchblick, dachte Esther im Hinausgehen, die lassen sich kein X für ein U vormachen. Stolz wallte in ihr auf, eine satte Zufriedenheit, die sogar das Knurren in ihrem Magen übertönte. Sie war auch stolz auf ihre gute Figur, schlank und durchtrainiert und nirgends Schwabbel oder ein Gramm zu viel, so was kommt nicht von ungefähr. Wenn sie jetzt etwas aß, musste sie sich später beim Drei-Mädel-Frühstück bremsen, das wollte sie nicht.

Die fünf Stockwerke nahm Esther im Laufschritt, unten angekommen, holte sie ihr Citybike aus dem Keller und radelte los. Ein kurzer Abstecher zum Obststand in der Nähe des Bahnhofs war noch drin. Dann Meeting Point »Anchor & Partner«, das waren knapp hundertzwanzig Quadratmeter in einem umgebauten Postamt, eine Adresse mit Flair, selbstverständlich gab es hier auch einen Aufzug. Esther benutzte ihn nie, der Aufzug diente dem Transport von Klienten und Wasserkästen. Sie war auch stolz darauf, dass unten am Eingang ihr Name auf dem dezenten weißen Schild mit der blauen Schrift stand. Esther Anchor, mit dem Partner war Joscha gemeint. Joscha Nideggen.

***

Joscha hatte sich sicherheitshalber zwei Wecker gestellt. Um sechs Uhr aufstehen, das war Mord. Andererseits handelte es sich um einen Klienten, der auf Empfehlung kam, und dieses Geschäft lebte nun mal von Empfehlungen. »Du kannst einen Termin nicht ablehnen, nur weil du deinen Hintern morgens nicht aus dem Bett bekommst«, hatte Esther bestimmt, und leicht bissig hinzugefügt: »Außerdem sind wir doch flexibel, oder?« Was war ihm anderes übrig geblieben als zuzustimmen

Spaß machte es ihm trotzdem nicht, zu nachtschlafender Zeit durch seine Wohnung zu stolpern und bei jeder verfluchten Kiste anzuhalten und zu überlegen, ob hier seine Socken und dort seine Hemden drin waren. Es war einer der wenigen Momente, in denen er fast bedauerte, den üblichen Ordnungssystemen nach seiner Scheidung Adieu gesagt zu haben. Er klappte den schwarzen Lackkasten neben der Badewanne auf, fasste hinein, bekam Papier und etwas Wolliges zu fassen, beförderte beides ins Helle. Stanniol mit Überresten jener Schokolade, die er gestern beim Baden verdrückt hatte, das glänzende Papier klebte an einer Socke, die eindeutig nicht mehr taufrisch war. Naserümpfend ließ Joscha sie wieder fallen, der Deckel knallte zu, ein Geräusch, das ihm durch und durch ging. Ohne Kaffee war er so früh einfach nicht zu gebrauchen. Mit Kaffee eigentlich auch nicht.

Er peilte die lediglich durch eine Bar abgetrennte Küche an, in der alles seinen festen Platz hatte. Daran konnte er schlecht etwas ändern, nur um seine maximale Flexibilität unter Beweis zu stellen. Die Einbauküche gehörte zur Ausstattung dieser Wohnung, inklusive Kaffeemaschine und sogar Eiscrusher, es war eine sehr komfortable Wohnung, seine asketische Möblierung tat dem keinen Abbruch. Im Gegenteil! Das war eben Purismus pur.

Purismus pur, wiederholte er zufrieden, während er Kaffeemehl und Wasser abmaß und die Maschine anstellte. PP eine Alliteration, auch das hatte er behalten, schließlich war er nicht umsonst elf Jahre lang – oder sollte er nicht besser elf lange Jahre sagen? – Deutschlehrer gewesen. Pauker, wie Esther sich ausdrückte. Grässliche Vorstellung, jetzt noch immer irgendwelchen aufmüpfigen Kindern die Grundbegriffe der Mathematik und der eigenen Muttersprache einbläuen zu müssen. Dann müsste er jeden Morgen so früh aufstehen, eine solche Wohnung könnte er sich als Lehrer auch nicht leisten, noch viel weniger eine Frau wie Esther. Ich hätte dich nicht mit dem Hintern angeguckt, wenn du wirklich Pauker geblieben wärst. Originalton, ihre Ausdrucksweise war mitunter ausgesprochen plastisch, um nicht zu sagen direkt.

Hoffentlich überlebte ihr erster Klient an diesem Morgen das. Joscha glaubte den Mann förmlich vor sich zu sehen. Sehr akkurat, der Scheitel wie mit dem Lineal gezogen, die Krawatte machte ihrem Spitznamen »Würger« alle Ehre, und dann die Farben, das war wie ein trister Novembertag von der Stange. Brrr, so was schrie förmlich nach einem Kontrastprogramm. Er würde sein neues rotes Hemd anziehen. Falls er es fand. Natürlich fand er es, bislang hatte er noch alles gefunden. Er schnupperte, das würzige Aroma des Kaffees begann sich auszubreiten, seine Lebensgeister erwachten allmählich.

Noch mal von vorne! Er gönnte sich einen kräftigen Schluck Kaffee, diese Sorte war vorzüglich und erleichterte ihm die Konzentration. Er musste nur all seine Gedanken zusammenziehen und rekonstruieren, was er wann wo hingetan hatte. Ein geniales Spiel, viel mehr als ein Spiel, auf diese Weise verwandelte sich die Erinnerung in eine klar strukturierte Landschaft. Je öfter er umräumte, umso perfekter wurde seine Trefferquote.

Mit halb geschlossenen Augen, einen Finger an seine nicht eben kleine, fast römische Nase gelegt, visualisierte er systematisch den Inhalt der in seiner Wohnung befindlichen Behältnisse. Er sondierte aus, witterte schon den Erfolg, der ihn den ganzen Tag als Aura begleiten würde – wer kann schon von sich behaupten, mit reiner Kopfarbeit ein weinrotes Hemd sowie ein Paar gleichfarbige Socken in vierundzwanzig identischen Lackkästen aufzuspüren? – als das Telefon anschlug.

Verärgert hob er ab. »Nideggen.«

»Auch Nideggen.«

»Ach du bist es.« Vielleicht sollte ich doch wieder meinen eigenen Namen annehmen, dachte Joscha gereizt.

Nach der Scheidung von Sabine hatte er ihren Nachnamen einzig und allein deshalb beibehalten, weil er besser als »Krämer« klang. Esther, die ihn im Scheidungsprozess vertreten hatte, war derselben Meinung gewesen: Nomen est omen! Im Grunde hatte sie nicht nur ihn, sondern auch Sabine bei Gericht vertreten, auf Esthers Anraten hin war es eine einvernehmliche Scheidung geworden. Sabine behielt den gesamten Hausrat, den sie auch mit in die Ehe eingebracht hatte, und ließ Joscha ihren Namen und die Vespa. Die Scheidung lag bald vier Jahre zurück, seitdem verstand Sabine sich als seine »mütterliche Freundin« und rief ihn bei jeder passenden oder wie gerade jetzt unpassenden Gelegenheit an.

»Keine sehr nette Begrüßung, Joschilein!«

»Hör endlich auf, mich so zu nennen! Außerdem habe ich keine Zeit, absolut keine Zeit, und wenn ich nicht in spätestens zwanzig Minuten.«, er brach mitten im Satz ab. Besser nicht zu viel preisgeben. Sabine hatte ihre Ausholtechnik im Lauf der Zeit perfektioniert und verstand es wie kaum eine andere, ihm selbst aus den harmlosesten Auskünften einen Strick zu drehen. Warum schickte er sie nicht endlich zum Teufel? Wenn er wenigstens schon seine Siebensachen zusammenhätte ...

»Was suchst du denn diesmal?«

»Mein neues Hemd und die passenden Socken.«

»Schwarz?«

»Weinrot.«

»Warst du nicht gerade auf dem Black-in-Black-Trip?«

»Man muss flexibel sein.«

»Also zur Abwechslung weinrot. Noch verpackt?«

Joscha nickte, was sie über irgendwelche geheimnisvollen Antennen mitzubekommen schien, auch wenn sie drei Stadtviertel voneinander trennten.

»Dann würde ich an deiner Stelle mal in der Kiste vor dem Klo nachsehen«, empfahl sie wie aus der Pistole geschossen.

»Blödsinn!« Es verstimmte ihn, dass sie so tat, als ob sein Reich ihr bestens vertraut wäre. Das war ganz gewiss nicht der Fall, insgesamt war Sabine höchstens ein Dutzend Mal bei ihm gewesen. Zwölf Mal zu oft, ergänzte er stumm und fragte: »Wie kommst du denn auf so einen fundamentalen Schwachsinn?«

»Weil du immer, wenn du vom Einkaufen kommst, erst mal aufs Klo flitzt. Die Klos woanders sind dir ja alle nicht ganz geheuer, stimmt's? Und da liegt es doch nahe, dass du alles wie gewohnt in die nächstbeste Kiste gestopft hast.«

Exakt bei diesen Worten erstand vor Joschas Augen das Bild, wie er am letzten Freitag mit zwei Tragetaschen in die Wohnung und schnurstracks zur Toilette gestürmt war und quasi im Vorbeistürzen die besagte Kiste aufgerissen und seine Neuerwerbungen darin verstaut hatte, damit nichts die perfekte Ordnung störte.

Er hatte Esther erwartet, und sie verabscheute Chaos. Aus den erwarteten Liebeswonnen war dann allerdings nichts geworden, weil ein Klient Esther zwei VIP-Karten fürs Fußballspiel geschenkt hatte. Der 1. FC Köln hatte sich für das Heimspiel letzten Freitag die besten Torchancen ausgerechnet, aber trotzdem verloren. Wie Joscha.

»Du könntest recht haben«, räumte er ein. »Ich habe meistens recht«, konterte seine Exfrau. Er protestierte, auch das war nichts Neues. Sabine schnitt ihm das Wort ab.

»War nicht böse gemeint, Joschilein. Willst du eigentlich gar nicht wissen, warum ich dich in aller Herrgottsfrühe aus den Federn jage?«

Joscha ersparte sich die Antwort. Aus langjähriger Erfahrung wusste er, dass Sabine sowieso keine Ruhe gab, bevor sie ihre News losgeworden war. Vielleicht wollte sie ihm ja mitteilen, dass sie nun doch der Versetzung – die mit einer Beförderung einherging – zustimmte, von der sie ihm vor ein paar Wochen erzählt hatte. Bitte ja!, flehte er stumm und klappte die besagte Kiste vor dem WC, die er inzwischen mit dem tragbaren Telefon am Ohr erreicht hatte, auf. Wie soeben von ihm visualisiert, fand er darin das noch originalverpackte Hemd nebst Strümpfen – Heureka!!! –, zog möglichst leise die Cellophanhülle ab und kämpfte gerade mit unzähligen Stecknadeln – warum nur muss jedes neue Hemd erst mal gekreuzigt werden? –, als sich ein Satz aus dem Redefluss seiner Exfrau herauslöste und ihn im gleichen Moment wie die vermaledeite Nadelspitze traf. »Autsch! Verdammt!«

»Oh! Ist es dir nicht recht, wenn ich mit Axel verreise?«

»Ich habe mich gestochen. Was du mit deinem Zahnarzt machst, ist mir egal. Meinetwegen nimm auch noch deinen Frauenarzt und deinen Hautarzt mit.«

»Ich habe gar keinen Hautarzt«, erinnerte Sabine ihn und fügte mit einem kehligen und eindeutig anzüglichen Lachen in der Stimme hinzu: »Da verwechselst du wohl wieder was?«

»Falls du auf Esther und ihre Hautprobleme anspielst, das ist schon viel besser geworden.« Aus lauter Empörung über Sabines heimtückische Art knöpfte er sein Hemd falsch zu. Mist! Jetzt konnte er wieder von vorn anfangen, besonders bei neuen Hemden verabscheute er diese Prozedur zutiefst, die Knopflöcher waren immer irgendwie zu eng.

»Als ich sie neulich traf ...«, widersprach Sabine.

»... da hatten wir halt gerade einen extrem schwierigen Klienten, so was geht Esther eben unter die Haut. Sie ist nun mal sehr empfindsam und reagiert auf das winzigste Signal.« Ganz im Gegensatz zu dir, ergänzte er stumm und hoffte, dass Sabine den Wink verstand.

Gleichzeitig fragte er sich, warum er sich in ihrer Gegenwart – das galt auch für Telefonate mit ihr – automatisch wie der kleine Student fühlte, der er gewesen war, als er sie anlässlich der Organisation des Mensaballs vor bald achtzehn Jahren fragte, ob er bei ihr im Sekretariat Handzettel kopieren dürfe, weil der Kopierer im Studentenwerk wieder mal eine Macke hatte. Warum war er nicht woanders hingegangen? Beispielsweise in den nächstbesten Copy-Shop auf der Zülpicher oder Dürener Straße?

Allerdings wäre er dann wohl auch nie Esther begegnet.

Er gab sich einen Ruck. Es brachte nichts, zurückzuschauen, man muss die Zukunft am Schlafittchen packen und formen. Seine Hände griffen nach den roten Socken, er winkelte ein Bein an, um den ersten überzuziehen, kippelte leicht, wiederholte die Prozedur auf der anderen Seite. Geschafft! Sabine redete immer noch.

»Der Wink mit dem Zaunpfahl ist angekommen.« Sie kicherte. Joscha fand es reichlich albern, wenn eine Frau von nunmehr einundfünfzig Jahren wie ein Schulmädchen kicherte. »Ich soll mal wieder die Klappe halten«, fuhr sie fort, »damit du nicht auch noch zu blühen beginnst. Also noch einmal, ich bin jetzt eine Woche lang mit Axel in Lugano, wenn es uns gefällt, verlängern wir eventuell, er hat sich vorsorglich gleich für zwei Wochen einen jungen Facharzt als Vertretung genommen. Wenn was ist, kannst du mich über Handy erreichen.«

»Was soll schon sein? Gute Reise! Und viel Vergnügen!« Energisch betätigte Joscha die Aus-Taste, warf einen Blick auf sein Handgelenk – allerhöchste Eisenbahn – und steuerte die Haustür an. Nur raus hier!

Der große Spiegel im Eingangsbereich stoppte ihn, außer den weinroten Socken zum gleichfarbigen Hemd trug er lediglich einen schwarzen Slip. Hose und Sakko hingen noch an der eingebauten Garderobe, die ihn beim Einzug davor bewahrt hatte, in Gewissenskonflikte zu geraten. Man kann einen Anzug nun mal nicht wie ein Hemd oder einen Pulli in einer Kiste zusammenfalten. Joscha zog die Hose vom Bügel, verfluchte nochmals herzhaft seine Exfrau und verscheuchte die Vorstellung, wie er demnächst Dr. Axel Spengler in seinem weit geöffneten Mund hantieren ließ und dabei unweigerlich an andere Fingerspiele dachte, die der renommierte Zahnmediziner an Sabine absolvierte. Dann ohne Gummihandschuhe ...

Hoffentlich kommt Esther mit deinem Vorspiel klar!, hatte Sabine beim Verlassen des Gerichtsgebäudes süffisant gemeint, was ja wohl im Klartext hieß, dass sie auch in diesem Punkt nicht mit ihm als Ehemann zufrieden gewesen war. Joscha hatte so getan, als ob er nichts gehört hätte, verfolgt hatte ihn dieser Satz trotzdem, deshalb hatte er unmittelbar nach der Scheidung in zig Ratgeber rund um das Thema »Die Kunst der Stimulation« investiert. Mit Erfolg, davon war er überzeugt. Trotzdem schaffte Sabine es immer wieder, ihn zu irritieren.

Vorbei! Denk einfach nicht mehr dran! Merkst du nicht, wie sie ständig versucht, dich auf die Palme zu bringen? Wenn sie sonst nichts mehr fertig bringt, dann das! Typisch Frau in den Wechseljahren!

Joscha schloss seine Hose, schlüpfte ins Sakko, nur noch die Schuhe, fertig war er. Leider ein paar Minuten zu spät, dabei hatte er extra zwei Wecker gestellt, und von seinem Schokocroissant hatte er auch nur einen einzigen Bissen essen können. Mit knurrendem Magen arbeiten, einfach schrecklich, der blanke Horror! Und warum? Weil seine Exfrau ihm unbedingt auf die Nase binden musste, dass sie es jetzt mit ihrem gemeinsamen Zahnarzt trieb.

Warum wechselte er nicht einfach den Zahnarzt?

Das war's. Joscha beschloss, sich noch heute nach einem neuen Zahnarzt umzuhören.

Auch ohne auf die Uhr zu schauen, wusste Esther, dass sie gut in der Zeit lag. Auf ihren inneren Zeitmesser war Verlass, wie ein kurzer Kontrollblick bestätigte. Sie sicherte ihr Rad, nahm vorsichtig die beiden Obsttüten sowie eine lachsrote Rose aus dem Fahrradkorb und betrat das Bürogebäude. Die Putzfrau, die gerade das Foyer wischte, hielt in der Arbeit inne und begrüßte sie sichtlich erstaunt. Esther grüßte freundlich zurück, blieb aber nicht stehen, sondern nahm unverzüglich die Treppe in Angriff. Oben angekommen, versorgte sie als Erstes die einzelne Rose und stellte die Vase auf den kleinen Tisch unmittelbar im Eingangsbereich, der von zwei Besuchersesseln flankiert wurde. Es kam allerdings so gut wie nie vor, dass hier ein Klient saß und wartete, einfach weil ausschließlich nach festen Terminen gearbeitet wurde, die pünktlich begannen und ebenso pünktlich aufhörten. Verspätete sich ein Klient, ging das von seiner Zeit ab.

Genau genommen war die Beschaffung dieser Rose Joschas Sache, doch weil er ein ausgemachter Morgenmuffel war, hatte Esther heute lieber selbst vorgesorgt und kurz noch am Bahnhof angehalten, wo es rund um die Uhr Blumen zu kaufen gab. Die lachsrote Rose unterstrich die private Note. Wer ein kleines Vermögen in seine mentale Fitness investiert, darf erwarten, dass jedes Detail stimmt.

Esther hatte gerade den PC hochgefahren und die erste E-Mail abgerufen, als der Türgong ertönte. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass bis zum Termin noch acht Minuten blieben. Ob Joscha seinen Schlüssel vergessen hatte? Sie drückte auf und behielt den Aufzug im Blick, doch dort tat sich nichts, dafür klangen nun Schritte im Treppenhaus auf. Ein Schritt wie der andere, wenig später wurde eine untersetzte Gestalt im dunklen Anzug sichtbar. Dieses Modell sah aus, als ob der Schneider den Träger für alle Gelegenheiten von der Abteilungsleiterkonferenz bis hin zur Bestattung eines verdienten Mitarbeiters hätte ausstaffieren wollen.

Na prima!, dachte Esther. Unser Klient kommt vor dem Coach!

Sie überspielte ihre Verärgerung mit einer besonders herzlichen Begrüßung, welche auf den Ankömmling eine ungeahnt heftige Wirkung ausübte. Offenbar fühlte sich der Ärmste momentan wirklich von Gott und aller Welt im Stich gelassen.

»So nett hat schon tagelang niemand mehr mit mir geredet«, sagte er und begann auch schon aufzuzählen, was ihm allein in der letzten Woche an Lieblosigkeiten widerfahren war. Mit Abstand am häufigsten nannte er in diesem Kontext seine Ehefrau und seine Sekretärin, deren »Verrat« schien ihn noch mehr als die Umstrukturierung in der Chefetage zu treffen.

Wer ihn so lamentieren hörte, mochte kaum glauben, dass er zu den Topverdienern zählte und erst neulich bei einer Benefizveranstaltung groß in der Zeitung gestanden hatte. Seine Firma stellte den Hauptgewinn, das Foto zeigte ihn jovial lächelnd zwischen dem glücklichen Gewinner und der glänzenden Karosserie eines nagelneuen Fünfsitzers mit Klimaanlage und Sitzheizung. Inzwischen lächelte er nicht mehr, sondern bangte um seinen Job und seine Ehe und seinen Magen.

***

Während Ann-Katrin es sich weiter im Bett gemütlich machte und allenfalls mal den Arm ausstreckte, um die Weiterlauftaste zu drücken und einen Titel zu überspringen, der ihr weniger gut gefiel, absolvierte ihre ältere Schwester bereits wieder ihr morgendliches Trainingsprogramm. Seit über drei Monaten ging das schon so.

»Sieht lustig aus!«, kommentierte Ann-Katrin und stützte ihr spitzes Kinn auf die angewinkelten Arme, die dünn wie alles an ihr waren.

»Könnte dir auch nicht schaden«, keuchte Janina und hielt kurz inne. Sie hasste Liegestütze. Wenn man von Liegestützen ähnlich wie von Süßkram Pickel bekäme, wäre sie mittlerweile das reinste Pickelmonster. Pickel fand Janina noch ekelhafter als Liegestütze. Üblicherweise stellen Pickel sich um den vierzehnten Geburtstag herum ein, doch leider bekam Ann-Katrin trotz ihrer vierzehn Jahre und trotz ihrer Naschsucht noch immer keine Pickel.

»Wieso? Ich bin auch so dünn genug.« Zum Beweis reckte Ann-Katrin eins ihrer langen Beine in die Luft, nirgends gab es auch nur den Ansatz von Böllchen an den Oberschenkeln und erst recht keine dieser heimtückischen kleinen Dellen, aus denen später Orangenhaut wurde. »Alle sagen, dass ich der reinste Spargeltarzan bin, warum soll ich mich dann wie du abquälen? Bist du eigentlich sicher, dass du davon abnimmst?«

»Bis zu den Sommerferien habe ich fünf Pfund runter.« Janina wischte sich mit dem um die Schultern gelegten Handtuch die Stirn ab, die Liegestütze waren schon mal geschafft, jetzt ging es mit den Hanteln weiter. Wäre doch gelacht, wenn sie ihren Silvestervorsatz nicht durchhielte. »Außerdem«, ergänzte sie, »geht es hier um viel mehr als nur ums Abnehmen.«

Ann-Katrin kicherte, setzte sich in ihrem Bett auf und winkelte einen Arm an. »Falls du jetzt wieder die Muskelnummer abspulst: Ich hab auch so mehr Muckis als du. Guck selbst! Alles stramm.«

»Das ist nicht stramm, sondern nur mager, mit Muskeln hat das nichts zu tun. Und Ausdauer hast du erst recht keine.«

»Du auch nicht, so wie du keuchst. Hört sich echt gefährlich an.« Die Vierzehnjährige trat die Steppdecke zurück und schwang sich aus dem Bett. In ihrem knappen T-Shirt erinnerte sie an ein Füllen auf Steckenbeinen, als sie leicht ungelenk und trotzdem anmutig die Tür ansteuerte.

»He! Wohin willst du?«

»Ich mach nur kurz 'nen Ausflug zum Kühlschrank. Soll ich dir ein Wasser mitbringen? Hab mal gelesen, dass es gefährlich ist, wenn man so viel schwitzt und nicht schnell genug nachfüllt.«

»Ich brauche kein Wasser.«

»Dann eben nicht.«

»Untersteh dich und iss wieder was Süßes vor unserem gemeinsamen Frühstück!«

»Wie kommst du denn auf so 'nen Blödsinn?«

»Weil ich dich kenne. Glaub ja nicht, ich wüsste nicht, dass du ständig hinter Mamas Rücken Süßkram naschst.«

»Petze!«

»Ich hab bis jetzt keinen Ton gesagt.«

»Dein Glück!«

»Wieso mein Glück?«

»Weil ich dann auch nicht verrate, dass du mindestens schon vier Mal nach deinem großen Gelübde zu Silvester schwach geworden bist.«

»Spinnst du jetzt total?« Janina ließ die Hanteln sinken, ihr Mienenspiel verriet Wut, gleichzeitig nagte sie an ihrer vollen Unterlippe, was sie nur tat, wenn sie sehr nervös war.

»Nee, aber ich hab mitgezählt. Immer, wenn was von meinem süßen Vorrat fehlte, und das war mindestens vier Mal seit Silvester so. Die heilige Janina auf dem Schokotrip, das wäre glatt was für die »Bravo«.«

»Nimm das zurück! Sofort!« Die Hanteln polterten zu Boden, Janina sprang auf, dabei kam alles ins Hüpfen, was von ihrer sprießenden Weiblichkeit zeugte.

»Tu ich nicht!« Ann-Katrin verschanzte sich hinter der Tür. Janina drückte gegen das Türblatt, offenbar wollte sie die Jüngere einquetschen, doch die rächte sich mit einem gezielten Griff in die kastanienbraune Mähne ihrer älteren Schwester. »Autsch! Lass sofort los, oder ...«

»... oder du setzt dich auf mich drauf und machst mich platt? Janina, die Plattmachwalze!« Ann-Katrin zog noch einmal kräftig, dann ließ sie abrupt Janinas Schopf los und flitzte ins Bad, Schloss blitzschnell hinter sich ab: Gerettet! Und das in jeder Hinsicht. Während sie Wasser in die Wanne lauten ließ, etwas von dem köstlich duftenden Badezusatz ihrer Mutter zugab und auf dem Wannenrand hockend zusah, wie sich lustige Schaumberge auftürmten, knabberte sie genüsslich die erste von fünf Milchschnitten, die sie in weiser Voraussicht ganz unten in ihrem Beauty-Case versteckt hatte.

Auf die Idee, dieses Köfferchen zu filzen, kam ihre ältere Schwester nie, dafür ekelte sie sich viel zu sehr vor der zugegebenermaßen immer leicht klebrigen Dose mit Haarlack und den Rundbürsten, in denen sich die Haare wie Kletten festkrallten, sobald man versuchte, sie auf Volumen zu föhnen. Noch viel ekliger fand Janina die Zahnspange, die eigentlich, wenn sie nicht getragen wurde, in eine Dose gehörte, was Ann-Katrin aber meist zu lästig war. Wirklich ein geniales Versteck.

Von außen hörte sie noch immer Janina gegen das Türblatt hämmern und zugleich wie einen Rohrspatz schimpfen. Nützte nichts. In spätestens einer halben Stunde kam ihre Mutter zurück, dann würde Janina sofort wieder die vernünftige große Schwester spielen, darauf legte Ann-Katrin jeden Eid ab.

»Komm endlich da raus, A. K.!« Dieses Kürzel benutzte Janina nur, wenn ihr absolut nichts anderes mehr einfiel. Als Ann-Katrin sich nicht muckste, fuhr sie einschmeichelnd fort: »Nun komm schon! Ich tu dir auch nichts mehr. Wir müssen sowieso noch den Frühstückstisch decken.«

»Heute bist du dran, Anchor.« Ann-Katrin hatte aufgeschnappt, dass Janinas neuer Spanischlehrer seine Schüler beim Nachnamen nannte, wenn er sauer war. Anchor, ich glaube mich zu erinnern, dass Sie sonst überall gut und sehr gut stehen? Seitdem war dieses »Anchor« Ann-Katrins Retourkutsche auf »A.K.«. Sie beugte sich kurz vor und hielt eine Hand unter den Wasserstrahl: »Außerdem sitze ich in der Wanne.«

»Lüge! Du hockst auf dem Rand!«

»Und du guckst durchs Schlüsselloch, das tut man nicht, dabei spielst du doch sonst immer die feine Dame und willst mir erzählen, was sich gehört und was nicht.« Sicherheitshalber rückte Ann-Katrin bei diesen Worten aus jenem Bereich fort, von dem sie annahm, dass man ihn aus der Perspektive dieses Schlüssellochs erfasste. Leise drückte sie das Papier der ersten Milchschnitte zusammen und plätscherte, während sie die zweite öffnete, wild mit einem Fuß im Badewasser herum. Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste, und man musste Janina ja nicht unbedingt auf dumme Ideen bringen.

»Na warte!« Letzte Drohung, dann Schritte, die sich entfernten, wenig später klapperte Porzellan. Janina deckte den Tisch, ihre Morgengymnastik war folglich vergessen, dabei hatte sie noch nicht mal die Hälfte von ihrem ungeliebten Pensum absolviert.

Hat sie nur mir zu verdanken, dachte Ann-Katrin und ließ sich in das Schaumbad gleiten. Umspielt von duftendem warmem Wasser kam sie sich wie eine Königin und fast so schön wie ihre Mutter vor. Esther war für ihr Alter noch verdammt hübsch. Janina kam auf sie, das sagten alle. Ein junges Abziehbild der attraktiven, erfolgreichen Esther Anchor, wenn, ja wenn da nicht der Schwabbel wäre, unter dem Janina litt. Schwabbelspeck, der verhinderte, dass sie sich Mutters Klamotten pumpen konnte. Deren Hosen und Röcke gingen bei ihr nicht zu oder spackten wie bei einer Wurst. Wundervolle Bilder ihrer älteren Schwester als zuerst prall gestopfter und dann platzender Textilwurst fingen Ann-Katrin ein, bis plötzlich die Stimme ihrer Mutter ertönte und sie merkte, dass ihr Badewasser kalt geworden war.

»Komme sofort!« Hastig trocknete sie sich ab, beförderte die beiden übrig gebliebenen Milchschnitten in ihr sicheres Versteck zurück und wickelte die drei verräterischen leeren Plastikhüllen zuerst in eine dicke Schicht Klopapier ein, die sie sicherheitshalber auch noch befeuchtete, damit sie schön fest pappte, bevor sie das Knäuel im Kosmetikeimer entsorgte.

Mit dem befriedigenden Gefühl, ihre ältere Schwester wieder mal ausgetrickst zu haben, zog sie sich an und folgte dann dem Duft von frischem Obst und warmen Brötchen. Mama war ein Schatz, sie hatte sogar zwei Milchwecken mitgebracht! Zwar ohne Rosinen, aber immerhin. Und weil Janina zumindest offiziell ja bekanntermaßen nichts aß, was dick machte oder Pickel sprießen ließ, konnte Ann-Katrin alle beide futtern. Hm!

***

Joschas Magen knurrte, er bedauerte, sein angebissenes Croissant nicht wenigstens eingesteckt zu haben. Notgedrungen bediente er sich an Esthers Obstschale, während sie ihre restlichen E-Mails abrief, stirnrunzelnd eine Absage notierte – »Kein Wunder, dass in der Firma alles schief geht, wenn nicht mal der Chef seine Termine koordiniert bekommt!« – und die ausschließlich an sie adressierte Post, die Joscha inzwischen hochgeholt hatte, durchsah. Erst dann setzte sie sich zu ihm. In der Zwischenzeit hatte er zwei Bananen verdrückt, die seinen Frühstückshunger aber eher noch verstärkten.

»Alles paletti?«, fragte er mehr der Form halber. Esther gesellte sich immer erst zu ihm, wenn sie ihren »Alltagskram« erfolgreich abgearbeitet hatte. Im Gegensatz zu ihm selbst tat sie das spätestens wie heute nach dem ersten Termin oder lieber noch vorher. Er selbst war da anders gestrickt. Natürlich hätte er schon gehen können, doch das wollte er nicht, ohne zuvor sein nächstes Rendezvous mit ihr verabredet zu haben.

»Ich denke schon«, antwortete sie. »Hier ist fürs Erste alles geregelt.«

»Unser nächster Termin ist erst um drei«, stimmte Joscha ihr zu und überlegte, wie er am geschicktesten auf den morgigen Abend überleiten könnte.

Ihr letztes Zusammensein als Liebespaar lag nun sage und schreibe zehn Tage zurück, eine verdammt lange Zeit, wie er fand, und der Freitagabend war ideal, weil die Mädchen dann bestimmt wieder bei Esthers Mutter übernachteten. Er und Esther könnten sich wieder mal so richtig Zeit füreinander gönnen. Mit einem guten Essen vorweg, Kuscheln und am nächsten Morgen im Bett frühstücken hinterher und einer ordentlichen Portion hemmungslosem Sex dazwischen. Im Bett konnte die coole Powerfrau Esther total ausflippen. Und am Samstag holten sie dann zusammen die Mädels ab.

»Kluger Junge!« Esthers topp gepflegte Nägel vollführten einen kleinen Trommelwirbel auf dem Terminkalender, den Joscha sich mangels Zeitung als Lektüre zu seinen Bananen vorgenommen hatte. Beim Essen ebenso wie etwa bei einer längeren Sitzung auf dem stillen Örtchen brauchte er generell etwas zum Lesen.

»Ist ja schon gut, du Hexe! Übrigens könnten wir ...«

»... wieder unser Prognose-Spiel machen, du hast recht. Also mein Blick in die Zukunft von Mister Perfect sagt mir, dass er in nächster Zeit kräftig in Blumen und andere kleine Aufmerksamkeiten für seine Frau investieren wird. Was meinst du?«

Joscha machte mit, obwohl er an etwas ganz anderes gedacht hatte. Dieses Spielchen am Ende einer Sitzung hatte mittlerweile Tradition. Obwohl es sich scheinbar banaler Bilder bediente, stellten sie hinterher immer wieder erstaunt fest, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatten. Er nickte zustimmend.

»Sehe ich genauso. Schon um nicht länger lauwarmes Fachinger zum Frühstück trinken zu müssen. In seiner Firma hingegen ...«

»... werden sie ihn vermutlich nur auslachen, wenn er plötzlich den Ohrsticker von seinem Rivalen bewundert.«

»Ich fürchte auch. In dieser Abteilung hat sein Kaliber endgültig ausgedient.«

»Bleibt ihm nur noch die frühzeitige Pensionierung ...«

»... gleich Flinte ins Korn.«

»... oder er bewirbt sich um die Stelle als oberster Meckerkasten, die er beiläufig erwähnt hat.«

»Chef der Reklamationsabteilung heißt das.«

»Meinetwegen. Dort hat er es dann nur noch mit unzufriedenen Kunden zu tun.«

»... was weiter kein Problem ist, weil aus seiner Sicht der Kunde König ist ...«

»... womit unsere Rechnung wieder aufgegangen wäre. Und jetzt ...«

»... unsere Philosophie«, verbesserte Esther.

Joscha nickte ergeben. Diese Philosophie konnte er singen. Es kommt immer darauf an, was man aus einer Situation macht. Jeder Stolperstein ist zugleich eine neue Chance. Bitte nicht schon wieder VIP-Karten für den 1. FC Köln, fuhr es ihm durch den Kopf, diese Karten hatten sein Liebessehnen letzte Woche im Müngersdorfer Stadion mehr als nur stolpern lassen, und alles was als Chance nachkam, waren ein paar Kölsch im »Geißbockheim«. Das reichte. Im Moment war ihm einfach das Hemd näher als der Rock, sprich Glamour wichtiger als der Job. Er streckte beide Hände nach Esther aus, manchmal sagten Gesten einfach mehr als Worte. Leider hatte er nicht an die beiden Bananenschalen gedacht, die er noch nicht entsorgt hatte.

»Igitt! Pass bitte mit den Schalen auf! Zwei Bananen hintereinander sind ernährungsphysiologisch betrachtet übrigens eher kontraproduktiv.«

»Ich hatte Hunger bis unter die Arme«, verteidigte er sich und fühlte sich erneut ausgetrickst. Schließlich wollte er nicht mit ihr über Sinn oder Unsinn seiner Ernährungsgewohnheiten diskutieren. Sie hatte ihn schon wieder aus dem Konzept gebracht.

»Du hast ständig Hunger.«

»Eben.« Hunger. Essen. Essen gehen. So ging's. »Was hältst du davon, wenn wir beide morgen Abend mal wieder so richtig schnuckelig essen gehen? Nur du und ich? Beispielsweise ins »Grand Duc«, da waren wir schon ewig lang nicht mehr. Du könntest wieder Täubchen essen ...«

»... und du Tunfisch-Tatar?«, fiel sie ihm ins Wort.

Er nickte eifrig, beim bloßen Gedanken an die Köstlichkeiten, die man ihnen bei ihrem letzten Besuch in der »Großen Eule« aufgetischt hatte, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Er bewies Esther umgehend, dass er sich noch an jedes Detail genau erinnerte.

»Und als Hauptgang nehmen wir dann wieder beide den Wolfsbarsch«, fuhr er fort.

»... auf Herzmuschel-Risotto.« Sie garnierte ihre Worte mit einem ungemein herzigen Lächeln, das ihre Augen noch blauer und strahlender und ihren kleinen Mund noch süßer und voller aussehen ließ.

»Und danach ...«, sagte er mit verheißungsvoller Stimme ...

»... zeigst du mir deine Briefmarkensammlung?«

Joscha grinste breit und nickte. Man konnte Esther wirklich nicht vorwerfen, dass sie eine langsame Auffassungsgabe hatte. Und kaltherzig war sie ebenfalls nicht, hinter ihrer coolen Fassade verbarg sie ein warmes Herz, das für ihn allein schlug. Auch ohne Gelöbnis waren sie beide einander treu wie am ersten Tag.

Es war auch goldrichtig, dass sie stets genau zum passenden Zeitpunkt solch ein Liebesgeplänkel davor bewahrte, ins Kitschige abzugleiten. Zumal er jetzt ohnehin zusehen sollte, dass er heimkam und vor dem nächsten Termin noch wenigstens zwei Maschinen waschen konnte. Er hatte keine einzige saubere kurze Unterhose mehr, nur noch lange. Was für eine grauenhafte Vorstellung, zum romantischen Dinner in langen Unterhosen zu starten. Zumal jetzt überall sprießende Osterglocken und Primeln vorn nahen Frühjahr erzählten.

»No!« Ihre Stimme, sehr klar und hell, schnitt in seine Gedanken. Dazu ein butterweiches Lächeln. Ob er sich verhört hatte?

»Du meinst.?«

»Eigentlich solltest du nach drei, bald vier Jahren selbst wissen, was von Dates zu halten ist, die man sich vorab säuberlich in allen Details zurechtgelegt hat! Das ist so spannend wie eingeschlafene Füße und unserer nicht würdig.«

Joscha lag auf der Zunge zu sagen, dass er zumindest in diesem Fall auf die Würde pfiff. Und wie konnte sie nur einen romantischen Abend mit ihm mit eingeschlafenen Füßen vergleichen?

Das war in höchstem Maß unsensibel und obendrein kaltherzig wie sonst etwas, regelrecht brutal war das. Er holte tief Luft. Was zu viel war, war zu viel. Er war auch nur ein Mann, zehn Tage war es jetzt her, was erwartete sie von ihm? Dass er es ausschwitzte?

»Also ...«, setzte er an.

»Was hältst du von heute Abend?«, fiel sie ihm ins Wort. »Ganz spontan, ganz aus dem Augenblick heraus.«

»Aber im »Grand Duc« muss man praktisch immer einen Tag im Voraus reservieren.« Und meine Wäsche kriege ich bis heute Abend auch nicht fertig, ergänzte er stumm, der Trockner braucht fast zwei Stunden, bügeln muss ich auch unbedingt, seit Tagen schiebe ich das vor mir her, heute ist definitiv der letzte Tag, die ultimative Gelegenheit.

»Dann machen wir halt was anderes.«

»Aber ...« Wie erklärt man einer Frau, dass man so schnell einfach nicht gerüstet ist?

»Willst du in die Eule oder mich?«, fiel sie ihm ins Wort.

»Dich!« Ohne zu zögern, was ihr zu gefallen schien, denn sie trat auf ihn zu und schlang beide Arme um seinen Nacken und gab ihm einen Kuss, der es in sich hatte. Er pfiff auf seine Wäsche, notfalls föhnte er sich eine Unterhose trocken, er war schließlich flexibel.

***

Esthers sinnenfroher Kuss hätte Joscha fast vergessen lassen, dass er unbedingt noch an diesem Morgen den Zahnarzt wechseln wollte, um den negativen Bildern in seinem Kopf schnellstmöglich einen Riegel vorzuschieben. Wehret den Anfängen! Sein Vorsatz fiel ihm buchstäblich in letzter Sekunde wieder ein, als er schon im Begriff war, Esther ins Treppenhaus zu folgen.

»Geh ruhig schon vor«, meinte er, »ich hab noch was Wichtiges vergessen.«

»Etwa einen Klienten?«

»Keine Bange! Ich will nur noch rasch ein paar Zahnärzte checken.«

»Hast du plötzlich Zahnweh? Ist Axel verreist?«

»Tessin«, knurrte Joscha.

»Er hat doch bestimmt eine Vertretung.«

»Ich will trotzdem wechseln.«

»Und warum?« Was Ärzte betraf, waren sie übereingekommen, dass häufiges Wechseln im Gegensatz zu ihrer Flexibilitätsphilosophie eher kontraproduktiv war. Zumal die Summe aller Arztbesuche aufs Jahr umgerechnet wohl kaum das Risiko der Gewöhnung und folglich Nachlässigkeit barg.

»Weil ... weil mir zu Ohren gekommen ist, dass er es in seiner Praxis mit der Hygiene nicht so genau nimmt. Wenn ich mir vorstelle, dass er nur noch ein einziges Mal mit seinen schmierigen Fingern in meinem Mund rumfuhrwerkt, wird mir speiübel. Was ist eigentlich mit deiner Zahnärztin? Ich könnte doch zu ihr gehen.«

»Schon vergessen?«

»Hat sie Murks gebaut? Davon hast du mir ja gar nichts gesagt.«

»Mein Gott!«

»Wirklich nicht«, beteuerte Joscha und wühlte in seinem Gedächtnis, ob Esther irgendwann in jüngster Zeit eine zahnärztliche Fehlbehandlung erwähnt hatte. Andere Fehlgriffe entfielen, weil Esthers Ehemann vor acht Jahren bei einem Unfall zu Tode gekommen war und folglich auch keine geschmacklose Liaison mit ihrer Zahnärztin anfangen konnte.

»Könnte es sein, dass dein Zahnnerv heute deine Leitung blockiert?« Sie tippte gegen seine Stirn.

»Ich weiß wirklich nicht ...«, und dann wusste er doch, was sie meinte. Ihr gemeinsames privates Credo war in Gefahr, sobald sie irgendetwas taten, was normale Paare tun, wenn sie alles miteinander teilen wollen: den Alltag und sogar den Doc, bis früher oder später der Überdruss erwacht.

»Sorry!«, sagte er zerknirscht.

»Mit Zahnweh ist man nun mal nicht ganz zurechnungsfähig. Glaubst du, dass du das bis heute Abend in den Griff bekommst?«

»Hundertprozentig.«

»Dann bin ich jetzt erst mal weg. Bis um drei.«

»Bis um drei.« Joscha war endgültig die Lust vergangen, sich das Branchenverzeichnis vorzunehmen. Er brauchte jetzt dringend positive Gedanken. Think it pink! Er malte sich den heutigen Abend mit Esther in den rosigsten Tönen aus, sah sich ihr bei überaus delikaten Gaumenfreuden zu erfreulich zivilen Preisen gegenübersitzen, an der Wand über ihren Köpfen die große Eule, die dem Feinschmeckerlokal in Kölns Nobelvorort zu seinem Namen verholfen hatte. Statt beim Zahnarzt rief er dort an, hatte Glück, fühlte sich bestätigt. Man muss nur seine Gedanken und Wünsche zielgenau bündeln, dann klappt alles wie am Schnürchen.

Ob er einen kleinen Nebengedanken ins Tessin schicken sollte?

Besser nicht. Negative Wünsche fallen auf einen selbst zurück, das hatte er nicht nötig, nie mehr. Dank Esther konnten ihm Frauen wie Sabine gestohlen bleiben.

***

Am Samstagmorgen schien die Sonne. Es war zwar noch nicht sonderlich warm, gerade mal zwölf Grad, doch wenn man den Wetternachrichten Glauben schenkte, würden die Temperaturen im Kölner Raum bis zum Mittag die Zwanziggradmarke erreichen. Die Mädchen freuten sich schon, weil sie endlich wieder auf dem Platz Tennis spielen konnten. Das erste Mal in diesem Jahr, sie meckerten nicht mal, als Esther sie um halb acht aus den Federn jagte.

Esther selbst hätte gern noch länger geschlafen und gemütlich gefrühstückt, bevor sie mit Ann-Katrin und Janina zu ihrer Mutter fuhr. Noch lieber wäre es ihr gewesen, wenn die Mädels wie meist schon am Freitag mit der Bahn hingereist wären und sie die beiden lediglich im Verlauf des Samstags abgeholt hätte. Eine Obduktion im Gerichtsmedizinischen Institut Köln war ihrer Mutter gestern dazwischengekommen. Und als ob das noch nicht genug wäre, hatte heute um fünf nach sieben das Telefon geläutet.

Als Esther noch schlaftrunken abhob, überfiel die morgenmuntere Stimme ihrer Mutter sie mit der besagten Wetterprognose und dem in diesem Kontext kaum falsch zu verstehenden Zusatz, dass dieser Samstag wie geschaffen fürs Bepflanzen der Terrasse sei. »Findest du nicht?«, hatte sie gemeint und ohne Atempause hinzugefügt, dass sie auch bereits im Gartencenter angerufen habe und alle von ihr gewünschten Pflanzen vorrätig seien: »Du kommst ja praktisch dran vorbei, wenn du mir die Mädels bringst.«

Den letzten Rest Hoffnung, sie entginge vielleicht doch noch der Gartenarbeit unter den Argusaugen ihrer Mutter, hatte die das Telefonat abschließende Ankündigung von Kaiserschmarren zum Mittagessen zunichte gemacht: »Den mögt ihr doch alle so gerne.«

Nicht mal das stimmte. Der Einzige, der diese kalorienhaltige Mehlspeise mochte, war Joscha. Vielleicht, dachte Esther, wäre es doch besser gewesen, am Freitag statt am Donnerstag mit ihm auszugehen, dann wäre er wenigstens bei dieser Aktion mit von der Partie. Sie seufzte leise. Man kann nicht alles haben! Sie waren nun mal keine Spießer, die alles teilen, sogar das Bepflanzen elterlicher Blumenkübel.

»Seid ihr so weit?«, rief Esther Richtung Badezimmer. Irgendetwas war da wieder im Busch, so lange brauchte einfach niemand zum Zähneputzen. Kein Raum war so streitträchtig wie dieses Bad.

»A. K. pfuscht schon wieder«, tönte es denn auch prompt zurück.

»Tu ich gar nicht, Anchor! Und ich geh auch nicht ohne zu fragen an Mamas Lotion.«

»Petze!«

»Selber Petze!«

Esther beendete den Disput mit der Mitteilung, dass sie jetzt sofort losfuhr. Ihre Töchter wussten, dass sie anders als die meisten Eltern so etwas nicht nur androhte, sondern auch wahrmachte. Sie hatte die Korridortür noch nicht ganz geöffnet, als die beiden Mädchen auch schon angestürmt kamen. Von ihrem Streit war nichts mehr zu merken, auf der Fahrt zum Blumencenter tauschten sie friedfertig ihre Ansichten über die neueste Dessousreihe von H&M sowie die Fähigkeiten von Claudia Schiffer als Modell aus. Dann schleppten sie willig Säcke mit Blumenerde sowie die vorbestellten Pflanzen zum Auto, den Rest der Fahrt diskutierten sie die Qualität von Tennisschlägern.

»Mirko meint, ich brauch bei meinem Anschlag in dieser Saison einen festeren Schläger.«

»Von Tennis hat er echt Ahnung«, erwiderte Janina.

»Von Tennis schon«, echote Ann-Katrin, dann hörte Esther die beiden Mädchen hinter ihrem Rücken einvernehmlich kichern. Keine Frage, auch in Hinblick auf den Lebensgefährten ihrer Großmutter hatten sie voll den Durchblick.

Das Gekicher hielt an, bis Esther den Blinker setzte und in die ruhige Straße abbog, in der ihre Mutter und Mirko wohnten. Ein Haus, eine Etage, eine Waschmaschine, ein Trockner und eine Garage, aber zwei Wohnungen. Im Grunde ein fauler Kompromiss, fand Esther, auch wenn ihre Mutter in der Existenz von zwei Mietverträgen und dem Fehlen eines Eherings einen weiteren Beweis dafür sah, wie sehr sie beide sich ähnelten. Ruth Kühl liebte diese Form der Beweisführung, als Staatsanwältin und bei Mirko kam sie damit auch meist prima durch, was die Verständigung mit ihr nicht gerade einfacher machte.

»Willst du etwa im Auto sitzen bleiben, Mama?« Frage von draußen, Janina und Ann-Katrin waren bereits ausgestiegen, hatten den Kofferraum geöffnet und sich jede, so viel sie tragen konnte, auf den Arm gepackt. Bunte Frühlingspflanzen, ein hübscher Anblick.

»Sorry! Ich war nur kurz in Gedanken.« Esther folgte dem Beispiel der Mädels, die es eilig hatten. Sie wollten so schnell wie möglich auf den Tennisplatz, der direkt an dieses Haus angrenzte, und wo Mirko seit seiner vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand Platzwart war. Was im Klartext bedeutete, dass Esther den ganzen Vormittag über allein mit ihrer Mutter blieb. Ob sie das heute verkraftete?

Think it pink! Ihr Motto. Man muss jeder Sache das Positive abgewinnen! Ein Ratschlag, den sie ihren Klienten mit auf den Weg gab, der fast immer weiterhalf, wenn einem die Dinge über den Kopf zu wachsen begannen und man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sah.

»Guten Morgen, Kind! Du siehst groggy aus, geht es dir nicht gut?« Ruth streckte Esther beide Hände entgegen, hielt die Arme aber durchgedrückt und Esther somit auf Abstand. Sie selbst sah wie das blühende Leben aus, das musste der Neid ihr lassen. Man sah ihr nicht an, dass sie schon eine Tochter von Mitte vierzig hatte, eher schon ging sie als Esthers ältere Schwester durch.

Einer der Vorteile, fuhr es Esther durch den Kopf, wenn man bereits mit siebzehn Mutter wird und sein Kind von den Großeltern hüten lässt, während man sich selbst dem Beruf widmet. Zweifelsfrei hatte ihre Mutter als Staatsanwältin Karriere gemacht, noch heute übertrug man ihr die härtesten Fälle. Sie zögerte auch keine Sekunde lang, wie tags zuvor an einer Obduktion teilzunehmen, bei der gestandene männliche Kollegen passten. Ruth Kühl war hart im Nehmen. Und im Austeilen, dachte Esther, während sie die an sie gestellte Frage verneinte.

»Nein, Mutter, mir geht es gut. Ich bin höchstens noch etwas müde.«

»Du hättest es sagen sollen, wenn dir das Abholen der Pflanzen für mich zu viel Mühe macht. Du weißt ja, dass ich nur höchst ungern einen Menschen um etwas bitte, nicht mal meine eigene Tochter. Andererseits habe ich seit dem Unfall dieses Problem mit meinem Handgelenk, und ich fände es einfach nicht fair, Mirko zu fragen. Schließlich leben wir nicht zusammen, und man kann sich, wie du immer sagst, nicht überall nur die Rosinen herauspicken.«

Warum tust du es dann? Stumme Frage. Esther beugte sich über die Palette mit Stiefmütterchen, damit ihr Mienenspiel nichts verriet. Ihre Mutter verstand es schon von Berufs wegen wie kaum eine andere, zwischen den Zeilen und in einem Gesicht zu lesen, kaum ein Detail entging ihr, sie beobachtete, wie jemand seine Arme hielt oder seine Füße stellte, und aus der Gesamtsumme zog sie dann ihre Rückschlüsse auf die Glaubwürdigkeit der betreffenden Person in der jeweiligen Situation.

»Ist schon gut, Mutter.«

»Und mit Joscha ist auch alles in Ordnung?«

»Sicher! Er lässt dich grüßen!«

»Du hättest ihn mitbringen können.«

»Nein, das ging nicht. Er muss noch waschen und bügeln und eben all das erledigen, wozu er unter der Woche nicht kommt.«

»Hat er eigentlich noch Kontakt zu seiner Exfrau?«

»Wie kommst du denn jetzt auf Sabine?«

»Nur so.«

Esther warf ihrer Mutter einen misstrauischen Blick zu. Das wäre das erste Mal, dass ihre Mutter etwas »nur so« tat oder sagte. »Keine Ahnung«, sagte sie kurz angebunden, »wenn es dich wirklich interessiert, musst du ihn schon selbst fragen.«

»Es ist nicht so wichtig. Am besten fangen wir gleich mit der Arbeit an, dann sind wir bis mittags fertig.« Ruth ging vor, schob die große Glastür auf und bewies, dass sie auch beim Bepflanzen ihrer Kübel strategisch vorging: Sie hatte alles, was an Gerätschaften gebraucht wurde, in der Mitte bereitgestellt und die Sonnenliege ebenso wie Tisch und Stühle in eine Ecke gerückt, sodass genügend Arbeitsfläche frei war. Auf dem gefliesten Boden hatte sie zusätzlich etwa vier Quadratmeter Silofolie ausgebreitet.

»Da geht nichts durch«, meinte sie und begann, vor jedem Behälter jene Pflanzen abzustellen, die sie dort einsetzen wollte. »So müsste es gehen, was meinst du?«

Esther überflog das Arrangement. Alle Schattierungen von Himmelblau bis Lila hier, alle Gelbtöne dort, sauber nach Kübeln getrennt. »Sehr akkurat.«

Ihre Mutter warf ihr einen scharfen Blick zu. »Entweder man ist akkurat oder man ist es nicht, das solltest du am besten wissen.«

Alles eine Frage der Definition, dachte Esther. Aus der Perspektive ihrer Mutter war es akkurat, die Unabhängigkeit von Mirko beispielsweise durch eine eigene Gießkanne für jeden zu demonstrieren. Wohingegen sie es schlicht idiotisch fände, zwei Autos zu halten. In diesem Fall wurden die Kosten sauber geteilt, und Ruth fuhr jeden Tag mit dem gemeinsamen Auto zum Gedicht, weil Mirko bis zum Tennisplatz ja nur wenige Meter zu Fuß gehen musste. Ruth war eine akkurat und zugleich praktisch denkende Frau.

Anscheinend erwartete sie keine Reaktion auf ihr Statement, wozu auch? Sie hatte ihren Standpunkt klar gemacht, das reichte. Nun widmete sie sich wieder ihrer Frühjahrsbepflanzung, mit den Fleißigen Lieschen ging es los, sie drückte eines nach dem anderen in die vorbereiteten Pflanzlöcher. Sechs Stück pro Kübel, als sie mit dem ersten fertig war, begutachtete sie ihr Werk zufrieden. Sie schien voll und ganz mit ihren Blumen beschäftigt zu sein, doch das täuschte, wie ihre nächste Frage bewies.

»Geht ihr eigentlich noch immer zu Axel zur Zahnprophylaxe?«

Wie kam ihre Mutter ausgerechnet jetzt auf Axel, der als einer der Ersten in Köln Zahnprophylaxe angeboten und sich, wie es hieß, eine goldene Nase damit verdient hatte? Esther kannte ihn lediglich aus Erzählungen, eine ganze Reihe gutbetuchter Leute im Umfeld der Uni schwor auf ihn, dazu gehörten auch ihre Mutter und Joschas geschiedene Frau und bis vor zwei Tagen Joscha selbst. Irgendwie komisch, diese Frage.

»Wir haben nicht denselben Zahnarzt«, erwiderte sie knapp.

»Stimmt, Axel behandelt ja nur Joscha und Sabine.«

»Du tust gerade so, als ob die beiden zusammen auf dem Stuhl lägen, wenn einer von ihnen sich verarzten lässt. Übrigens will Joscha nicht mehr zu Axel gehen.«

»Interessant!«

»Findest du? Mir ist es offen gestanden ziemlich egal.«

»Du solltest Acht geben, dass du deine Gleichgültigkeit nicht zu weit treibst. Reichst du mir bitte die Gießkanne an?«

»Willst du mir etwas Spezielles sagen?« Esther stand auf, griff nach der Gießkanne und sah ihre noch immer kniende Mutter herausfordernd an.

»Nur dass du dich vorsehen solltest. Du bist so extrem, Männer vertragen das auf Dauer nicht, wenn man ihnen keinen Ausgleich gönnt.«

»Meinst du, ich sollte Joscha auch jeden Tag ein paar Stunden auf den Tennisplatz schicken? Im Winter wahlweise in die Halle?«

»Mirko ist sehr zu frieden mit unserem Agreement. Unsere Beziehung ist im Lot. Achtung, deine Männertreu kippen.«

Die Warnung kam zu spät, im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte Esther ihre Schößlinge noch nicht festgedrückt, jetzt waren drei von ihnen kopfüber auf den Boden gestürzt, der zum Glück mit Folie abgedeckt war. Überall fettige Erdkrümel.

»Du solltest endlich aufhören, Mutter, Joscha mit Mirko zu vergleichen. Zwischen den beiden liegen Welten.« Genau wie zwischen dir und mir, ergänzte sie stumm. »Mirko ist glücklich, wenn er dich abends bekochen und sich tagsüber beim Tennis erholen darf, wogegen Joscha eher wie ich ist.«

»Kein Mann ist wie eine Frau.«

»Nicht, was die Grundausstattung betrifft, da gebe ich dir recht.« Esther wusste genau, wie wenig ihre Mutter sexuelle Anspielungen schätzte, in diesem Punkt war sie ausgesprochen eigen.

»Davon rede ich nicht.« Ruth betonte das Wörtchen »davon« sichtlich abgestoßen.

»Aber ich rede davon, Mutter. Wenn du schon mit mir über Männer sprechen willst, dann richtig. Joscha und ich haben tollen Sex miteinander, noch nach fast vier Jahren ist das so. Was glaubst du wohl, wie es um unsere Leidenschaft bestellt wäre, wenn ich mir wie du jeden Abend ein Kotelett von ihm in die Pfanne hauen lassen würde? Begreif bitte endlich, dass Joscha und ich keine Zweckgemeinschaft bilden, jeder ist selbst Herr seiner Zeit, es gibt kein festes Programm und keinen gemeinsamen Zahnarzt, so was brauchen wir nicht.«

»Bei Sabine und Joscha war das völlig anders.«

»Deshalb ist die Ehe der beiden ja auch den Bach runtergegangen. Joscha hat in den dreizehn Jahren mit Sabine jeden verdammten Fehler ausprobiert, den man als Mann nur machen kann, und aus diesen Fehlern hat er gelernt. Er hat begriffen, dass kein Mensch einem anderen gehört, auch nicht durchs Hintertürchen. Wenn wir uns sehen, ist das absolut freiwillig und spontan und deshalb immer wieder spannend.«

»In meinem Beruf habe ich es häufig mit Fällen zu tun, in denen gerade scheinbar besonders vernünftige und zufriedene Männer sich komplett aus der Hand verlieren, weil der innere Druck zu groß geworden ist.«

»Noch mal: Joscha geht es gut. Uns geht es gut. Das Einzige, was ihn schon mal plagt, sind seine Zähne, er hat nun mal nicht die besten Zähne. Deshalb geht er ja auch vier Mal im Jahr zur Prophylaxe. Wie gesagt, nicht mehr bei Axel, der ist ihm einfach nicht koscher genug.«

»Weil der jetzt mit Sabine ins Tessin gereist ist?« Treffsicher platziert wie in ihren Plädoyers, in denen die ausgekochte Staatsanwältin nach einer harmlos scheinenden Eröffnung plötzlich zustach und mit wenigen Worten alles infrage stellte, was die Verteidigung sauber aufgebaut hatte. Ruth Kühl beherrschte ihr Handwerk, so viel stand fest. Sie wusste auch, wie man Menschen aus der Fassung bringt.

Esther sprang auf und lief so wie sie war auf die Straße, setzte sich in ihr Auto und gab Gas, fuhr einfach los. Nur weg hier! Sie fuhr ohne konkretes Ziel durch die ruhige Wohngegend, alles Mögliche kochte in ihr hoch: dass ihre Mutter sie als Kind nicht bei sich behalten hatte und man ihre Großmutter in der Schule für ihre Mutter gehalten hatte. Du hast aber eine alte Mami!, hieß es immer. Irgendwann hatte Esther aufgehört zu widersprechen, weil es noch schwerer war, die ständige Abwesenheit ihrer echten Mutter zu erklären. Sie hatte sich darauf konzentriert, ihrer Umwelt zu beweisen, was in ihr steckte. Sie war gut, sehr gut, besser als die meisten. Sie war auch unabhängig. Sie brauchte keinen, der ihr »freiwillig« die Wasserkästen hochschleppte oder das Essen kochte. Sie hatte Joscha gezeigt, wie kostbar Freiheit ist. Durch sie war er ein freier Mensch geworden.

Ob Sabine wirklich ein Verhältnis mit Axel hatte?

Na und, was ging sie das an? Oder Joscha? Klar, Sabine rief immer mal wieder bei ihm an und erteilte ihm mütterliche Ratschläge, die er lästig fand, über die er sich auch manchmal erregte. Warum kann sie mich nicht endlich in Ruhe lassen?

Wollte er wirklich von ihr in Ruhe gelassen werden?

Warum regte er sich dann so sehr über Sabines Liaison auf, dass er auf der Stelle den Zahnarzt wechseln wollte?

Frag ihn doch einfach! Warum fragst du ihn nicht?

Esther bremste ab und fuhr an den Rand. Ihre Hand zitterte, als sie ihr Handy aus der Tasche zog und Joschas einprogrammierte Nummer anwählte. Doch noch bevor er sich melden konnte, unterbrach sie die Verbindung. Es war ihrer nicht würdig, ihm eine solch kleinliche Frage zu stellen. Sie fuhr zurück zum Haus ihrer Mutter und beschloss so zu tun, als ob nichts gewesen wäre.

Sie klingelte, bereits im Treppenhaus empfing sie der Duft von Kaiserschmarren. Früher gab es fast jeden Samstag, wenn Ruth ihre kleine Tochter zu sich geholt hatte, Kaiserschmarren mit Kirsch- oder Apfelkompott. Damals hätte Esther diese Mehlspeise täglich essen mögen. Damals war nicht heute. Sie war kein kleines Mädchen mehr, sondern selbst Mutter.

»Wo warst du, Mama?« Ann-Katrin kam ihr mit einem fremden Tennisschläger unterm Arm von oben entgegen, sie wirkte erhitzt, ihre Augen blitzten, eine Antwort erübrigte sich, weil bereits die nächsten Worte aus der Vierzehnjährigen herauspurzelten. »Mirko hat gesagt, ich darf mir seinen zweiten Schläger holen, weil mein alter Babyschläger einfach nichts mehr für mich ist. Ich spiele jetzt sogar besser als Janina, angeblich hat sie wieder mal Seitenstechen, aber ich glaube, das ist nur 'ne Ausrede, wetten?« Weg war sie, ihre Hüpfsprünge donnerten durchs Treppenhaus, man mochte kaum glauben, dass solch ein dünnes Mädchen so viel Krach machen konnte.

Esther ging an der geschlossenen Küchentür vorbei hinaus auf die Terrasse und fuhr fort, die Kübel zu bepflanzen. Ihre Mutter hatte akkurat die Hälfte für sie übriggelassen. Je eher sie fertig war, umso eher konnte sie wieder fahren. Die Mädchen blieben über Nacht, ein freier Abend lag vor ihr, vielleicht rief sie sogar bei Joscha an. Ganz spontan, er würde aus allen Wolken fallen, wenn sie ihn fragte, was er von einem Kinobesuch hielt. Oder hast du noch Zahnschmerzen? Dann würde er lachen und beteuern, dass ihm schlagartig nichts mehr wehtat, wenn er mit ihr zusammen war. Es war schön gewesen vor zwei Tagen, sehr schön, und das hatte keineswegs nur an dem exzellenten Essen gelegen ...

Kapitel 2
Am Heinzelmännchenweg

Der Name war Programm. Heinzelmännchenweg. Geparkt wurde auf der rechten Seite, zum Glück fuhren die Anwohner keine besonders großen Autos, sonst wäre kaum ein Durchkommen gewesen. Das Haus der Webers unterschied sich nur wenig von den Häusern rechts und links und gegenüber, die Bauweise war konservativ, schmalbrüstig, kostensparend. Auch bei den Webers waren wie fast überall in der Straße vor ein paar Jahren neue Fenster mit weißen Sprossen eingesetzt worden, lediglich bei der Ausstattung des Eingangsbereichs sowie der winzigen Vorgärten gab es individuelle Unterschiede.

Die einen hatten eine Windmühle aufgestellt, ein anderer sogar einen röhrenden Hirsch auf seinem Vordach platziert, dort plätscherte ein Springbrunnen mit Putte in der Mitte und gegenüber thronten Gartenzwerge. Bei den Webers stand ein weiß-rot gestrichenes Häuschen aus Holz: knapp zwei mal zwei Meter Grundfläche, und die Tür war so niedrig, dass ein Erwachsener sich tief bücken musste und auch innen nur unter der Dachspitze aufrecht stehen konnte. Dieses von Bruno Weber vor vielen Jahren selbst gezimmerte Häuschen hieß Casa Kai und hatte im Garten hinter dem Haus ein Pendant namens Casa Ellen. Die Kinder der Webers hießen so.

Betrat man das Wohnhaus, fielen als Erstes die unzähligen Schuhe ins Auge. Große und kleine, Freizeitschuhe und solide Lederschuhe, Gummistiefel und auch Moonboots, obwohl diese mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten Monaten nicht gebraucht würden. An diesem Freitagmittag schaffte es die Tochter des Hauses, binnen weniger Sekunden auch noch die letzten paarig abgestellten Schuhe auseinander zu reißen.

»Mama, wo sind meine Ballerinas? Die neuen roten. Ich kann sie nirgends finden.« Ellen war erst dreizehn, jedoch schon so gut entwickelt, dass sie mühelos in einen Film, der ab vierzehn freigegeben war, kam. Genau das hatte sie an diesem letzten Ferientag vor.

»Wo du sie hingetan hast, schätze ich«, tönte es zurück. Sekunden später tauchte aus der Küche Ellens Mutter auf. In der einen Hand einen Teigschaber und in der anderen eine gelbe Rührschüssel, die sie rasch über ihren Kopf hielt, als ein Hund, der bis auf die kurzen Beine einem Bernhardiner ähnelte, sie ansprang.

»Aus, Wedel! Roher Teig ist nichts für dich.«

»Hm! Kann ich mal probieren?« Ellen schleuderte den Schuh ihres Bruders, den sie gerade hochgehoben hatte, auf den Haufen zurück und griff gierig nach der Schüssel.

»Ich denke, du suchst deine Ballerinas?«

»Du findest die bestimmt sofort, Mama. Du hast doch einen siebten Sinn für so was.«

»Dann halt mal kurz die Schüssel und pass auf, dass die Hunde nicht drankommen!«

Ellen leckte gerade genießerisch ihren Finger ab – für rohen Teig könnte sie sterben – als ihre Mutter ihr auch schon die gesuchten Schuhe hinhielt.

»Die vielleicht?«

»Genial! Du bist die beste Mama der Welt! Und pass bitte auf, dass Kai nicht wieder den ganzen Kuchen auffuttert.«

»Ich hebe dir was auf, einverstanden? Und nun mach, dass du loskommst! Man soll seine beste Freundin nicht warten lassen.«

»Und warum zieht Kim dann hier weg, wenn sie meine beste Freundin ist? Ich meine, eigentlich hätte sie es verdient, dass ich sie warten lasse, bis sie schwarz wird, oder?«

»Dummchen!« Marlies gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn und drückte sie so eng an sich, wie das mit einer Teigschüssel in der Hand und einem lauernden Hund in Hab-Acht-Stellung zu ihren Füßen möglich war.

»Ich versteh's wirklich nicht, Mama. Wir ziehen doch auch nicht um, nur weil Papa mehr Geld verdient.«

»Wir sind eben nicht normal. Und jetzt los! Wir reden heute Abend weiter, wenn du willst. Viel Spaß im Kino!«

Nachdenklich schloss Marlies die Tür hinter ihrer Tochter. Was hatte sie da gerade gesagt? Wir sind eben nicht normal! Nein, vermutlich waren sie das wirklich nicht, aber dafür waren sie glücklich, und dieses aus allen Nähten platzende Haus und die Nachbarn, die immer füreinander da waren, gehörten ebenso dazu wie das Chaos und die beiden Hunde und ein Geräuschpegel, gegen den ein Bienenstock eine Oase der Stille war.

Fast schon unheimlich war es ihr, dass in diesem Moment nichts zu hören war außer den Stimmen im Fernseher – der meistens lief, weil keiner daran dachte, ihn abzuschalten, wenn er das Wohnzimmer verließ – und der Musik aus dem kleinen Transistorradio in der Küche und Zorros Kläffen, untermalt von Wedels Jaulen.

Sollte sich tatsächlich mal ein Einbrecher hierher verirren, würde er unweigerlich Reißaus nehmen, sobald Zorro anschlug. Obwohl Zorro nur ein Dackel war, hörte sich sein Bellen ausgesprochen gefährlich an, und wenn er dann auch noch wie ein wildgewordener Handfeger von hier nach dort flitzte, suchte selbst Wedel das Weite und ließ sogar seinen Knochen, oder was er sonst Gutes gehortet hatte, im Stich.

Die relative Ruhe währte nicht lange. Marlies hatte ihren Guglhupf noch nicht in den Backofen geschoben, als es auch schon an der Tür klingelte, kurz darauf ging dreimal in Folge das Telefon, und hätte ihre Nachbarin, die nur mal rasch auf einen Schwatz reinschauen wollte, sich nicht des Kuchens erbarmt und ihn kurzerhand in den Ofen verfrachtet, wäre er wohl kaum pünktlich zum Kaffee fertig geworden. Jeden Freitag, wenn Bruno früher aus seiner Druckerei heimkam, gab es selbstgebackenen Kuchen zum Kaffee, und am Wochenende sowieso.

Während der Kuchen auf einem außer Reichweite der Hunde platzierten Rost auskühlte, stellte Marlies Kaffeegeschirr auf den Küchentisch. Sicherheitshalber gleich ein paar Gedecke mehr, man wusste ja nie, wer noch kam. Sie schlug die Sahne steif, mahlte Kaffeebohnen und kochte Wasser und unterhielt sich dabei weiter mit ihrer Nachbarin. Anja hatte sich ganz selbstverständlich auf die gemütliche Eckbank aus hellem Kiefernholz, das an den Stellen, wo die Kinder, als sie noch kleiner waren, ihre Filzstifte ausprobiert hatten, bunt gescheckt war, gesetzt. Sie war längst so etwas wie eine gute Freundin für Marlies geworden. Anja und ihr Gustav hatten keine eigenen Kinder wie die meisten Paare in dieser Straße, dafür kümmerten sie sich von Anfang an liebevoll um den Nachwuchs der Webers. Sie beobachteten überhaupt sehr genau, was im Viertel passierte. Als Besitzer des einzigen Büdchens, in dem man Lakritzschnecken, Fruchtschnuller und Mäusespeck noch einzeln kaufen konnte, entging ihnen so leicht nichts.

»Ellen macht in den letzten Tagen keinen ganz glücklichen Eindruck«, meinte Anja jetzt, »dabei sind doch noch Ferien.«

»Es will ihr halt nicht in den Kopf, dass ihre beste Freundin so weit fortzieht.«

»Tja, Geld verdirbt eben den Charakter.«

»Das kannst du so nicht sagen, Anja. Die Schmiedels sind nun mal die Karriereleiter raufgefallen, und jetzt leisten sie sich eben ein Haus in Hahnenwald.«

»Raufgefallen ist gut. Sie hat ihn hochgeschubst, der arme Teufel hat ja gar keine andere Wahl gehabt. Nicht mal mehr Skat spielen durfte er. Das war ihr nicht fein genug.«

»Deshalb spielt er ja jetzt auch Golf.«

»Weißt du noch, wie er in der Montur aussah, die sie ihm geschenkt hat? Was ganz Teures mit Blaugrau und Pink, wenn das teure Schildchen nicht gewesen wäre, ich hätte geschworen, das Zeug stammt aus deiner Kostümkiste.«

»Wir hätten nicht so lachen sollen, obwohl es schon ein urkomischer Anblick war.«

»Die reinste Schießbudenfigur! Thomas hat ja selbst über sich gelacht. Im Grunde seines Herzens ist das ein ganz feiner Kerl, genau wie die Kleine. Die kann einem leidtun, wenn sie in Zukunft keinen mehr hat, wo sie rund um die Uhr klingeln und sich von ihrer anstrengenden Mama erholen kann.«

»Nun hör schon auf, Anja! Im Hahnenwald gibt es auch Nachbarn.«

»Klar doch. Einen Kilometer weiter weg und jenseits 'ner Mauer so hoch wie im Knast, ganz zu schweigen von der Alarmanlage und dem ganzen Hokuspokus. Nicht mal einen Kiosk haben die dort, von Läden und Kneipen wie hier bei uns will ich gar nicht erst reden. Das ist da 'ne Art Ghetto für Reiche, da gehst du seelisch über kurz oder lang vor die Hunde, ich sag's dir!«

»Jetzt übertreibst du wirklich, Anja. Willst du schon mal einen Kaffee und ein Stück Kuchen?«

»Der Kuchen ist noch zu warm. Aber eine Tasse Kaffee wäre nicht schlecht, und was Kräftiges dazu, wenn du hast. Du weißt doch, Aufregung schlägt mir immer gleich auf den Magen.«

Marlies nickte, ging ins Wohnzimmer und holte die Flasche mit Anjas Lieblingskräuterlikör, den Bruno ebenso wie den Rumtopf und den Brombeerschnaps selbst ansetzte. Unterm Strich war das aufwändiger, als wenn man die beste Sorte im Geschäft kaufte, obendrein roch es im Haus tagelang wie in einer Brennerei, trotzdem hätten sich alle – die Nachbarn inbegriffen – bitter beschwert, wenn Bruno diese liebgewonnene Tradition an den Nagel gehängt hätte. Gerade als Marlies sich der Geselligkeit halber ebenfalls ein halbes Gläschen einschenkte, kam ihr Sohn mit roten Wangen hereingestürmt. Beim Anblick der Likörflasche in ihrer Hand grinste er breit.

»Wenn das Papa sähe ... Es ist noch nicht mal vier Uhr.«

»Er sieht's«, ertönte es hinter dem Jungen, der kaum kleiner als sein Vater war, nur deutlich schmaler. Man sah Bruno Weber an, dass er die Koch- und Backkünste seiner Frau zu würdigen wusste, besonders um die Taille herum war er ausgesprochen rundlich. Mit Sakko fiel das nicht auf, doch da seine erste Amtshandlung bei Betreten des Hauses darin bestand, sich des »Würgers« um seinen Hals sowie seines Jacketts zu entledigen, erlebte seine Familie dieses »Feinkostgewölbe« – wie er selbst sein Bäuchlein liebevoll nannte – meist hautnah.

»Und was sagst du dazu, Papa?«

»Dass Frauen nicht nur Schwatzbasen, sondern obendrein Schnapsdrosseln sind.«

Der Protest war gewollt, ganz unverkennbar gefiel es dem Hausherrn, von seiner Frau und seiner Nachbarin »Obermacho!« geschimpft zu werden. Marlies drohte ihm sogar die Verweigerung des Abendessens an, wenn er sich nicht auf der Stelle entschuldigte. »Und Kuchen gibt es sonst auch keinen für dich.«

»Und was ist das für ein Kuchen?«

»Guglhupf.«

»Mit vielen Rosinen?«

»Pfundweise.«

»Und was gibt's heute Abend, wenn es denn was gibt?«

»Wiener Schnitzel, Bratkartoffeln und Kopfsalat in saurer Sahne.«

»Selbstgemachte Bratkartoffeln?«

»Hast du bei mir etwa jemals was anderes vorgesetzt bekommen?«

»Gut, ich entschuldige mich in aller Form und beteilige mich als Zeichen meines guten Willens sogar an euren Exzessen. Sohn, hol mir auch ein Glas!«

»Und Kuchen?«

»Kuchen auch.«

Hätte Marlies nicht sofort zwei Stücke für Ellen beiseite gelegt, wäre wohl wirklich nichts übriggeblieben, am meisten verputzte wieder mal Kai. Fast neidisch beobachtete sein Vater, wie er sich immer wieder nachnahm und jedes Kuchenstück unter einem dicken Berg Sahne begrub.

»Ich weiß auch nicht, wie der Junge das anstellt, ständig zu futtern und dabei so dünn zu bleiben. Von mir kann er das nicht haben, und von dir eigentlich auch nicht, Marlies.«

»Sehr galant!«

»He, nun hab dich nicht so! Ich liebe deine süßen kleinen Röllchen, jedes einzelne davon. Wegen mir brauchst du die auch gar nicht zu verstecken.«

»Du meinst so wie du unter deinen Schlabberkitteln?«, stichelte Marlies zurück.

»Das sind Freizeithemden, die ich nur wegen der Bequemlichkeit anziehe.«

»Und in denen du aussiehst, als ob du auf Umstandsmode umgestiegen wärst.«

»Was kann ich dafür, dass die Kleiderfritzen ihre Hemden allesamt viel zu lang zuschneiden?«

»Falsche Adresse!«

»Und wie lautet die richtige, Frau Allwissend?«

Marlies deutete mit ihrer Kuchengabel kichernd Richtung Decke. »Der richtige Adressat für deine Beschwerde thront wohl eher da oben. Ich nehme mal an, unser Herrgott hat dir die kurzen Beine verpasst, genau wie unserem Wedel.«

»Heißt das, du vergleichst mich mit einem abgebrochenen Bernhardiner? Willst du damit vielleicht durch die Blume sagen, dass ich für dich kein ganzer Kerl bin?«

»Du bist der einzige und beste Kerl auf der ganzen Welt für mich, dass du es nur weißt.« Bei diesen Worten sprang Marlies auf, beugte sich quer über den Tisch und pflanzte einen herzhaften Kuss auf Brunos Mund. Anja klatschte, der Dackel kläffte wie verrückt, diesmal stimmte auch Wedel ein, und Kai stöhnte vergnügt: »Ewig diese Knutscherei!« Es war ein Freitagnachmittag wie jeder andere bei den Webers.

***

Der erste Schultag nach den Osterferien begann für Esther völlig normal. Ihr erster Termin war um zwölf, vorher konnte sie noch in aller Ruhe einkaufen und eine Stunde ins Fitnessstudio gehen. Um ihren Haushalt brauchte sie sich nicht zu kümmern, weil montags ebenso wie am Mittwoch und Freitag Gerda Kronen kam. Um ihre schulpflichtigen Töchter musste sie sich ebenso wenig kümmern. Ann-Katrin und Janina waren alt genug, um allein aufzustehen, ihre Siebensachen zu packen und sich aus Schlafmützen in saubere Schulmädchen zu verwandeln. Esther hatte die beiden von klein auf zur Selbstständigkeit erzogen, das trug nun Früchte. Sie bestanden sogar darauf, sich selbst das Frühstück zu richten. »Wäre doch blöd, Mama, wenn du deshalb früher aufstehst. Morgens gibt das nur unnötig Stress, besonders im Bad«, hatte Janina gemeint, und ihre jüngere Schwester hatte ihr ausnahmsweise ohne Zögern zugestimmt.

Während Esther nach nebenan lauschte, ob ihre Töchter auch wirklich von Urlaubstrott auf Alltagstempo umgeschaltet hatten, hakten sich ihre Gedanken an dem leidigen Thema »Bad« fest. Diese Wohnung war ein Traum und genau das Richtige für sie drei, lediglich ein zweites Bad fehlte. Ein paar Mal war Esther fast so weit gewesen, mit dem Hausbesitzer zu sprechen, der gewiss nichts dagegen hätte, wenn sie die riesige Vorratskammer mit dem Gäste-WC verbände und ein zusätzliches Bad daraus machte. Notfalls auf ihre Kosten, was auch nicht weiter schlimm wäre, weil sie schließlich sehr gut verdiente und generell auch nicht vorhatte, hier auszuziehen, bevor ihre Töchter mit der Ausbildung fertig waren. Generell, das war der Pferdefuß. Generell hieß, dass sie sich einfach nicht auf den Umweg über einen solchen Umbau festlegen wollte. Sie wollte in jeder Hinsicht frei und beweglich bleiben, andernfalls hätte sie vermutlich längst versucht, diese oder eine gleichwertige Wohnung zu kaufen.

Ich verstehe beim besten Willen nicht, warum du weiter zur Miete wohnst, Esther. Du kannst es dir doch leisten, etwas zu kauten. Lieblingsspruch ihrer Mutter, die oft und gern betonte, wie angenehm es doch war, nicht jedes Mal um Erlaubnis bitten zu müssen, wenn sie nur ein Loch in die Kacheln bohren wollte. Ihre Mutter war eine bemerkenswerte Frau, keine Frage, trotzdem wehrte Esther sich dagegen, ihr zu ähneln. Sie war anders, im Grunde ihres Herzens war sie völlig anders, das galt insbesondere für das Verhältnis zu ihren Töchtern. Gleichgültig, wie sehr Esther ihren Beruf liebte, im Zweifelsfall hätten immer die Mädels Vorrang gehabt. Nie im Leben hätte sie ihre Kinder zur Oma gegeben, um ungestört Karriere machen zu können.

Themenwechsel!, befahl sich Esther, doch das war einfacher gedacht als getan. Auf jeden Fall war sie jetzt hellwach. Es brachte nichts, grübelnd im Bett liegen zu bleiben. Also stand sie auf und öffnete leise die Tür zur Ankleide. Alles still, es rauschte auch kein Wasser mehr, folglich frühstückte ihr Duo bereits. Nach einem kurzen Abstecher ins Bad klopfte Esther gegen die geschlossene Küchentür. Anklopfen war Usus.

»Komm ruhig rein!«, rief es von drinnen.

»Danke vielmals! Habt ihr vielleicht einen Tee für mich übrig?« Esther überflog die Szenerie. Ein hübsches Bild, das auch von keinem aufgeschlagenen Buch getrübt wurde, aus dem Ann-Katrin rasch noch etwas lernen musste. Für den ersten Schultag braucht man nichts vorzubereiten.

»Du kannst was von meinem Tee abhaben.« Janina hob die Kanne neben ihrer Tasse hoch. »Grüner Tee, ich hab zwei Tassen für A. K. mitgemacht, aber sie will mal wieder nicht, dabei wäre grüner Tee gerade bei ihren Zähnen ideal.«

»Meine Zähne sind okay«, widersprach die Jüngere. »Eine Zahnspange hat nur was mit dem Kiefer zu tun, und dafür kann man nichts, der ist angeboren.«

»Doch wie's darunter aussieht.«, orakelte Janina und griff nach der unbenutzten Tasse ihrer jüngeren Schwester, um ihrer Mutter einzuschenken. Der Zahnarzt der Anchors schwor auf grünen Tee und wurde nicht müde, die üblen Folgen von süßen Getränken für die Zähne zu schildern. Mit einem kurzen Blick zur Seite überzeugte Esther sich davon, dass ihre Jüngste tatsächlich schon wieder diese fürchterliche Erdbeermilch trank. Ob etwa Joscha hinter ihrem Rücken ...?

»Kannst du mir mal verraten, woher du ...?« Weiter kam sie nicht, weil ihre ältere Tochter es gar nicht abwarten konnte, die Quelle zu nennen.

»Von Oma«, rief sie.

»Von Oma Ruth?« Esther konnte nur staunen. Zumindest was gesunde Ernährung betraf, fiel ihre Mutter ihr im Gegensatz zu den Eltern von Joscha nur ganz selten in den Rücken. Die süße Mehlspeise am Samstag hätte ihr gleich zu denken geben sollen. Was steckte dahinter? Eine neue Form versteckter Kritik?

»Hm.« Ganz wohl schien Janina nicht in ihrer Haut zu sein, als sie fortfuhr: »Oma Ruth meint, es wäre falsch, wenn man Kindern immer nur das erlaubt, was man selbst gut findet.«

»Oder Männern«, nuschelte Ann-Katrin, »überhaupt ist ja ganz viel Milch da drin, und Milch ist gesund, das sagst du selbst.«

»Was da drin ist, ist gezuckerte Trockenmilch, und der Erdbeergeschmack dürfte so natürlich sein wie die Blumen bei.« Esther unterbrach sich in letzter Sekunde.

Hetzen war nicht ihr Stil, jeder Mensch hatte einen Anspruch darauf, sich sein Leben und selbstverständlich auch seine Wohnung so einzurichten, wie es ihm gefiel. Bei Erwachsenen war in dieser Hinsicht sowieso Hopfen und Malz verloren, die Weichen wurden in der Kindheit gestellt. Nicht per Diktat, nie im Leben würde sie ihren Töchtern etwas anordnen, Toleranz wurde bei ihr ganz groß geschrieben. Sie sorgte lediglich für die richtige Auswahl. Man musste den Kindern beizeiten die richtigen Dinge anbieten und sie darin bestärken, auch mal anders als die breite Masse zu entscheiden. Die Masse war nun mal leider Gottes wie Joschas Eltern gestrickt. Ein Reihenhaus mit Gitterstäben vor den Fenstern, der nahe Knast hätte dafür als Vorbild dienen können, dabei gab es außer künstlichen Blumen und Gartenzwergen und einem monumentalen Fernseher wohl kaum etwas bei Joschas Eltern zu stehlen.

»... wie bei den Ossendorfer Großeltern«, ergänzte Janina mit einem wissenden Grinsen.

»Mir schmeckt die Erdbeermilch trotzdem«, beschied Ann-Katrin, »und in Ossendorf gefällt es mir auch, die haben wenigstens einen Fernseher und Video und sogar einen DVD-Player.«

»Müsst ihr nicht allmählich los?«, lenkte Esther ab.

Sie verspürte nicht die geringste Lust, jene Errungenschaften zu diskutieren, die zumindest von ihrer jüngeren Tochter noch immer viel zu positiv besetzt wurden. Janina hingegen machte ihr Hoffnung, sie bewies inzwischen, dass sie begriff, worauf es im Leben ankam. Gute Gespräche und Bücher und regelmäßige körperliche Betätigung, mittlerweile begleitete sie ihre Mutter ausgesprochen gerne ins Theater oder ins Konzert, seit Silvester ging sie sogar mindestens viermal die Woche mit Esther ins Fitnesscenter, und fast jeden Sonntag joggten sie zu zweit durch den Park. Ann-Katrin war halt noch zu jung, in spätestens zwei Jahren würde sie ganz von selbst aufhören, Seifenopern oder diese widerliche Erdbeermilch gut zu finden.

»Wir sind schon unterwegs!« Ein kurzes Kabbeln, wer für die Krümel und einen Klecks auf dem Tisch verantwortlich war, dann räumte Janina das Geschirr ab, während Ann-Katrin Tischplatte und Sets säuberte. Die Identifikation von Bröseln wie Klecks – »Kann nur von deiner blöden Erdbeermilch und deinen Flakes sein, oder sieht so grüner Tee und Knäckebrot aus?« – hatte die Jüngere überzeugt. Im Gegensatz zu vielen anderen Geschwistern einigten die beiden Mädchen sich fast immer verbal. Auch das war etwas, was Esther ihnen vorlebte, darauf war sie stolz.

Wie kam ihre eigene Mutter nur dazu, derart heimtückisch ihre Erziehung zu torpedieren? Eine Frechheit! Oma Ruth meint, es wäre falsch, wenn man Kindern immer nur das erlaubt, was man selbst gut findet. Oder Männern! Das ging eindeutig gegen sie. Gegen ihre Art, mit den beiden Mädchen und Joscha umzugehen. Eine ausgesprochen billige Retourkutsche. Frau Staatsanwältin vertrug nun mal keinen Widerspruch, deswegen hatte sie sich ja auch für Mirko entschieden.

Zum Glück ahnte Esther nicht, was ihre Töchter in diesem Zusammenhang noch alles aufgeschnappt hatten. Das war, als Ruth Kühl sich mit Mirko im Wohnzimmer unterhielt, während die Mädchen nebenan ihre Siebensachen zusammenpackten. Die Wohnung war nun mal nicht besonders groß, die Wände hellhörig.

***

Kurz vor der Haltestelle Boltensternstraße passierte die Bahn eine Überführung, das dabei entstehende Geräusch war noch einen ganzen Block weiter zu hören. Als Ann-Katrin und Janina heute Morgen aus dem Haus traten, machte ihnen dieses Rattern im wahrsten Sinn des Wortes Beine. Obwohl Janina die längeren Beine besaß und seit fast vier Monaten eisern trainierte, war ihre jüngere Schwester schneller als sie und blockierte feixend die Schließanlage des hinteren Einstiegs.

»Nun mach schon, du Oma!«

Janina beschloss, den Anwurf zu ignorieren, und gab sich Mühe, ihr Schnaufen in ruhiges Atmen zu übersetzen. Der Geier mochte wissen, wie A. K. es anstellte, so schnell zu sein, ohne auch nur das Geringste dafür zu tun.

»Da hinten ist ein Platz frei, willst du dich nicht lieber setzen, Großmütterchen?«, stichelte Ann-Katrin weiter.

Janina war versucht, ihrer Schwester den Stinkefinger zu zeigen. Sie beherrschte sich im letzten Augenblick. Das war unter ihrer Würde, außerdem könnte sie jemand beobachten.

»Lass das ja nicht Oma Ruth hören«, sagte sie stattdessen. »Die dreht dir den Hals um, wenn sie hört, wofür du sie als Synonym benutzt.« Das Fremdwort war bewusst eingebaut. Ihre jüngere Schwester hasste es, wenn man ihr Dinge an den Kopf warf, die sie noch nicht kannte Und wenn sie nachfragte, konnte man von oben herab »Dafür bist du noch zu klein!« sagen, das brachte A. K. dann erst recht zur Weißglut. Leider funktionierte dieser Trick diesmal nicht, ihre kleine Schwester umging die Klippe geschickt.

»Man ist immer so jung, wie man sich fühlt«, wehrte sie ab, »und Oma Ruth ginge glatt als Schwester von Mama durch. Weißt du noch, wie dieser Typ auf dem Tennisplatz neulich gefragt hat, ob die beiden Schwestern sind?«

»Sag das mal Mama, dann hast du bei ihr ebenfalls verschissen.«

»Blödsinn! Warum sollte Mama sauer sein, wenn andere Leute ihre Mutter bewundern? So was ist doch toll. Ich finde es ja auch prima, wenn unsere Mutter auf dem Elternsprechtag oder so bewundert wird.«

»Das ist was anderes.«

»Und wieso ist das was anderes?«

»Das verstehst du sowieso nicht, dafür bist du noch zu klein.« Endlich konnte Janina ihren Spruch doch noch anbringen, der Farbwechsel im Gesicht ihrer jüngeren Schwester signalisierte den durchschlagenden Erfolg.

»Das sagst du immer, wenn du nicht weiterweißt«, schimpfte Ann-Katrin, »glaub nur ja nicht, ich wüsste das nicht. Aber so blöd bin ich nicht, ich weiß sogar, was Oma Ruth mit dem Unrat gemeint ...« Der Rest ging in Bremsgeräuschen unter. Sie mussten aussteigen.

***

Janina wurde bereits von drei alten Klassenkameradinnen aus der ehemaligen 10a erwartet. Jüngere Geschwister waren ab hier nur noch Ballast, diese Regel hatte Janina Ann-Katrin unmissverständlich klargemacht, als diese vor zwei Jahren ebenfalls aufs Gymnasium kam. Nichtsdestotrotz begleitete die Frage, was ihre jüngere Schwester angeblich wusste, Janina in die erste Doppelstunde Spanisch.

Der Lehrer lag Janina nicht, seine Art war ihr zutiefst unsympathisch, spätestens seitdem er angefangen hatte, sie beim Nachnamen zu nennen, war er bei ihr völlig unten durch. Dieser Typ brauchte dringend Nachhilfe in moderner Menschenführung. Sie würde ihm glatt eine Sitzung bei ihrer Mutter empfehlen, damit ihm endlich aufginge, wie man heutzutage Menschen motiviert. Ganz bestimmt nicht durch Negativsprüche. Immer, wenn Mister Torres – in ihrer stummen Zwiesprache verweigerte Janina ihrem Spanischlehrer konsequent die gewünschte Anrede »Señor« – ihre Rachenlaute oder ihre Eloquenz bemängelte, verordnete sie ihm im Geist eine Lektion bei »Anchor & Partner«, die er sich natürlich nicht leisten könnte, weil Lehrer nun mal nicht zu den Topverdienern zählten. Die Vorstellung, wie Mister Torres beim Eingeständnis seiner Zahlungsunfähigkeit ganz kleinlaut wurde, befriedigte Janina ungemein.

An diesem Morgen nun verlangte er auf Spanisch zu hören, was seine zweiundzwanzig Schützlinge in den Osterferien erlebt hatten. Motto »lockere Konversation«. Als Janinas Sitznachbarin sich meldete und ernsthaft wissen wollte, was denn »Schwarzwald« auf Spanisch hieß, schaltete Janina endgültig ab und wandte sich wieder der Andeutung ihrer jüngeren Schwester zu.

Ob sie log? Nein, das war wenig wahrscheinlich, weil Ann-Katrin selten log, sie verdrehte höchstens mal die Fakten. Was sie wohl jetzt wieder in ihrem Krauskopf durcheinander gebracht hatte? Es musste mit Oma Ruth und irgendwelchem Unrat zu tun haben. In welchem Zusammenhang war dieses Wort noch mal gefallen? Es war kein Wort, das zu Ann-Katrins Repertoire gehörte, folglich musste sie es übernommen haben. Ja, jetzt hatte sie es wieder. Sie und Ann-Katrin hatten gerade ihren Kram im Gästezimmer zusammengepackt, als Mirko und Oma Ruth sich nebenan über Mama unterhielten. Für ihre fünfundvierzig Jahre, hatte Oma Ruth gesagt, ist meine Tochter, was Männer angeht, wirklich noch erstaunlich naiv, dabei ist sie doch sonst so helle. Jede andere an ihrer Stelle hätte längst Unrat gewittert, wenn ...

Wenn was?

An dieser Stelle hatte Janinas Handy zu dudeln begonnen, notgedrungen widmete sie sich dem Anruf einer Mitschülerin, die wissen wollte, ob der Unterricht am Montag regulär mit der ersten Stunde oder später begann. Das Telefonat hatte höchstens zwei oder drei Minuten gedauert, und dann stand auch schon Oma Ruth in der Tür des Gästezimmers und wollte wissen, ob sie fertig waren. Wenn was ...? Was hatte Oma Ruth sonst noch gesagt? Das musste die Stelle sein, auf die A. K. sich bezog. Ich weiß sogar, was Oma Ruth mit dem Unrat gemeint hat ...

»Anchor, können Sie freundlicherweise wie alle anderen auch meiner Aufforderung Folge leisten?« Wenn Mister Torres im Rahmen der freien Kommunikation ins Deutsche überwechselte, lag Ärger in der Luft.

Welche Aufforderung in drei Teufels Namen?

Janina sah sich hilfesuchend um, ihre Sitznachbarin zuckte hilflos die Achseln, offenbar war sie bereits mit ihren eigenen Schwarzwald-Erlebnissen überfordert gewesen. Ringsum betretenes Schweigen in Gesichtern, die Janina kaum kannte, denn die Spanisch-AG war erst kurz nach den Weihnachtsferien zustande gekommen. Vorher war nämlich kein Spanischlehrer aufzutreiben gewesen. Janina hatte sich gleich für die AG angemeldet, einfach, weil sie Sprachen mochte. Mister Torres hingegen mochte sie nicht, das blieb nicht ohne Folgen, bei ihm hatte sie ihr erstes »ausreichend« geschrieben, und jetzt stand sie da wie der Ochs vorm Berg und wusste nicht weiter ...

Die Rettung kam von hinten. Eine Stimme, die sie nicht kannte, soufflierte ihr spanische Wörter, die sie wie ein Papagei nachplapperte. Sie hatte keinen blassen Schimmer, was sie da von sich gab, sie merkte lediglich, dass es funktionierte. Hinterher wurde sie sogar gelobt, lediglich die leicht stockende Aneinanderreihung der geschilderten Urlaubserlebnisse wurde moniert.

»Offenbar hat der Mallorca-Urlaub doch gute Früchte bei Ihnen getragen, Anchor, also nur Mut! Das wird schon.«

Mallorca-Urlaub? Janina drehte sich um, hinter ihr saßen zwei Jungen, welcher war's? Eine Frage, auf die sie zumindest vorläufig keine Antwort erhielt. Der Gong ertönte, alles sprang auf, und noch ehe sie die Chance hatte, ihren Helfer via Stimmtest auszumachen, war die Bank hinter ihr leer.

Seltsam! Die meisten Jungs ließen keine Chance aus, ihre Verdienste gebührend bewundern zu lassen. Ob's der mit den lustigen Sommersprossen und dem grässlichen 1.-FC-Köln-Schal um den Hals war? Der andere Junge war eher unauffällig. Im Allgemeinen waren zumindest im sprachlichen Bereich die weniger auffälligen Jungs die besseren Schüler und die Einzigen, die mit den Mädchen mithalten konnten. Janina entschied sich gegen Sommersprossen & Schal.

***

Ruth Kühl hatte wieder einmal einen harten Arbeitstag hinter sich, als sie das der Staatsanwaltschaft vorbehaltene Gebäude an der Luxemburger Straße verließ. Der Putzfrauenmord in einem der besseren Wohnviertel gab jede Menge Rätsel auf, die Zeugenvernehmung lief nur schleppend an, all ein zwei möglicherweise wichtige Zeugen hatten ein ärztliches Attest vorgelegt. Grippaler Infekt! Meine Güte! Als ob man mit ein bisschen Schnupfen oder Husten nicht mehr klar denken und Rede und Antwort stehen könnte. Hier ging es schließlich um ein Kapitalverbrechen. Und als ob das alles noch nicht Ärger genug wäre, hatte sich heute auch noch Ruths Schreibkraft beim Schälen eines Apfels so unglücklich in den Daumen geschnitten, dass sie auf der Stelle zum Unfallchirurgen musste. Im Klartext hieß das für Ruth, dass sie sich an diesem Abend noch selbst hinsetzen und abtippen musste was sie sich tagsüber notiert hatte. Die Woche ging ja gut los.

Ruths Laune wurde nicht eben besser, als ihr auf dem Heimweg prompt wieder einmal jemand die Vorfahrt nahm Immer dieselbe Stelle, wer es darauf anlegte, kam hier jederzeit zu einem neuen Kotflügel. Sie hingegen wollte keinen neuen Kotflügel – erst recht nicht auf die krumme Tour –, sondern erst mal etwas Warmes zu essen. Einmal am Tag brauchte sie eine warme Mahlzeit mit allem Drumherum, den Rest des Tages fastete sie mit Rücksicht auf ihre noch immer beneidenswert gute Figur.

Natürlich könnte sie mittags in der Kantine des Gerichtes essen, so wie sie das früher gemacht hatte. Kochen war nun mal nicht ihr Ding, umso mehr wusste sie es zu schätzen, dass Mirko in dieser Hinsicht derart talentiert war. Ein Autodidakt, der zu Beginn ihrer Beziehung mit simplen Spiegeleiern startete und mittlerweile das raffinierteste Soufflé auf den Tisch brachte. Da konnte keine Kantine mithalten, zumal Mirko auch stets für das richtige Ambiente sorgte. Mirko war genau der Mann, den eine Frau wie sie brauchte. Und im Gegensatz zu ihrer Tochter wusste sie auch, wie man mit einem Partner umgehen musste, der nicht per Ehering beweisen durfte, dass er die Beute dingfest gemacht hatte. In jedem Mann, sinnierte Ruth, existierte nun mal noch dieses alte Beuteschema, und wenn man es einfach ignorierte, wuchs unterschwellig die Bereitschaft, sich anderswo Bestätigung zu holen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Diese Geschichte mit Sabine stank zum Himmel ...

»Idiot!« Sie trat auf die Bremse, das war schon der zweite, der nicht wusste, dass in der deutschen Straßenverkehrsordnung rechts vor links galt. Ihr Reaktionsvermögen war zum Glück hervorragend, andernfalls hätte sie jetzt auf die Polizei und den Abschleppdienst warten können. Sie griff nach ihrem Handy, drückte die Memo-Taste und diktierte das Kennzeichen des dreisten Fahrers, der sich nicht mal mit einem Handzeichen bei ihr entschuldigt hatte. Gleich in einem informierte sie Mirko, dass sie in spätestens einer Viertelstunde zu Hause war.

Sie schaffte es sogar in acht Minuten. Ehe sie an Mirkos Korridortür schellte, stellte sie rasch ihre Aktentasche bei sich ab, tauschte die Straßenschuhe gegen hübsche, leicht verspielte Pantoletten aus und zog auch eine frische Bluse an. Sie wusch sich die Hände und kontrollierte Frisur und Lippenstift, bevor sie zu dem Mann hinüberging, mit dem sie seit zwölf Jahren eine für beide Seiten ersprießliche Beziehung verband. Es gab in Speck und Zwiebeln gedünstete Pfifferlinge, dazu junge Kartoffeln in Folie mit Sauerrahm und gegrillte Schollenfilets, der spritzige Weißwein war genau richtig dazu, und vor ihrem Platz stand eine Vase mit einer einzelnen Rose.

»Die Rose der Rose«, sagte Mirko und trat hinter sie, um den Stuhl für sie zurechtzurücken und ihr gleichzeitig einen Kuss auf den Nacken zu hauchen.

Mitunter fragte sie sich, wie ein Mann von immerhin 56 Jahren so völlig ungeniert derlei Gemeinplätze benutzen konnte, zumal wenn dieser Mann einmal Germanistik studiert hatte. Andererseits zeigte ihr ein solches Verhalten, wie stark ihre Wirkung nach wie vor auf ihn war. Und das, obwohl sie sechs Jahre älter als er war. Sie lächelte ihm zu und nahm Platz, faltete die Stoffserviette auseinander und genoss es, sich von ihm vorlegen zu lassen. Mirko wusste genau, was sie wollte: viel Gemüse und Fisch, eine mittelgroße Kartoffel und ganz wenig Sauerrahm, obwohl dieser in Verbindung mit neuen Kartoffeln wirklich köstlich war.

»Hm! Das ist wirklich genau das, was ich jetzt brauche«, sagte sie nach den ersten paar Bissen und griff nach ihrem Weinglas, um mit ihm anzustoßen. Gemeinhin tat man das zu Beginn einer Mahlzeit, doch wenn sie beide allein waren, aßen sie immer zuerst etwas, um die richtige Grundlage zu schaffen. Ruths Magen spielte sonst verrückt.

»War es so schlimm?«, erkundigte sich Mirko und beugte sich vor, wie man das eben tat, wenn man ernsthaft an einer Antwort interessiert war.

»Grässlich! Ich muss gleich auch noch etwas am PC arbeiten, meine einzige vernünftige Schreibkraft hat sich ausgerechnet heute in den Finger geschnitten.«

»Denk an dein Handgelenk! Das ist noch längst nicht auskuriert, du solltest es auf keinen Fall zu sehr strapazieren ...«

»Was soll ich machen?« Ruth zuckte die Schultern.

»Vielleicht ist deine Schreibkraft ja morgen früh wieder auf dem Damm.«

»Und wenn nicht? Nein, das Risiko ist mir einfach zu groß, zumal kein Mensch weiß, was morgen sonst noch auf mich zukommt. Im Augenblick sind wir das reinste Tollhaus.«

»Und was hältst du davon, wenn ich dir helfe? Ich kenne deine Handschrift in- und auswendig.«

»Aber ich möchte nicht, dass du dich ausgenutzt fühlst.« Sie schob ihre Hand ein Stück vorwärts, wirklich nur ein winziges Stück, er umschloss sie mit der seinen und lächelte sichtlich zufrieden. Sie wusste, dass es ihm gut tat, sie zu entlasten. Immer vorausgesetzt, sie ließ ihn merken, wie wichtig ihr seine Hilfe und seine Nähe waren. Genau an diesem Punkt hakte es bei ihrer Tochter. Esther trieb ihre Unabhängigkeit einfach zu weit .

»Für meine Rose ist mir nichts zu mühsam, das weißt du doch.«

Ruth verkniff sich ein spöttisches Lächeln. Alles hatte seinen Preis, und er war ja nicht dumm, wahrlich nicht. Halt nur romantisch. Wenn Männer romantisch oder lüstern wurden, sagten sie anscheinend gern solche Sachen. Besser romantisch als lüstern, dachte Ruth und verzog die Lippen.

»Ist dir der Wein zu trocken?«, erkundigte sich Mirko besorgt. »Nein, nein, ich musste nur gerade an Esther denken. Wenn sie nicht aufpasst, holt Sabine sich ihren Joscha zurück.«

»Aber wenn Sabine doch jetzt mit diesem Zahnarzt ... mit diesem Axel verreist ist?«

»Damit will sie Joscha nur eifersüchtig machen, und wie es ausschaut, hat ihre Taktik ja auch Erfolg. Ich an Esthers Stelle hätte schon längst Lunte gerochen.«

»Nun, sie kann ja nicht wissen, was du weißt«, wandte Mirko ein.

»Du meinst, ich hätte noch mehr sagen sollen? Wozu? Sie hört sowieso nur das, was sie hören will. Du hättest erleben sollen, wie sie sich am Samstag aufgeführt hat, als ich sie vorsichtig gewarnt habe. Als ob ich mir das alles nur aus den Fingern saugen würde. Und dann ist sie Hals über Kopf aufgebrochen, nicht mal mit uns zu Mittag essen wollte sie. Sie darf sich wirklich nicht wundern, wenn Joscha eines Tages schwach wird. Sabine ist eine interessante und kluge und obendrein attraktive Frau, und wenn sie wegen Joscha sogar eine Stelle in Berlin ausschlägt, bei der sie deutlich mehr verdienen würde.«

»Könnte es nicht auch sein, dass sie diese Stelle Alex zuliebe ablehnt?«

»Ganz bestimmt nicht.« Und in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, dass dieses Thema hiermit für sie abgeschlossen war, fuhr Ruth fort: »Aber wir sollten uns nicht den Abend verderben, meine Tochter macht sowieso, was sie will.« Sie ließ die Schultern kreisen, um ihre verkrampfte Nackenmuskulatur zu lockern, schon stand Mirko auf und trat hinter sie, schob seine festen, trockenen Hände unter ihre Bluse und begann sie zu massieren. Er hatte wirklich einen sechsten Sinn für das, was sie brauchte. Natürlich hätte sie ihm verraten können, warum Sabine nicht ernsthaft an jemandem wie Axel interessiert sein konnte. Axel war fair Joschas Exfrau ein alter Mann, Sabine hatte es ebenso wenig wie sie selbst mit älteren Männern. Ruth war klug genug, dieses Wissen für sich zu behalten.

Gemeinsam räumten sie den Tisch ab, dann packte Ruth ihre Notizen aus, und Mirko fuhr seinen PC hoch, der mit ihrem eigenen über Funk verbunden war. Ungemein praktisch, zumal es immer wieder mal vorkam, dass sie in ihrem Büro in der Staatsanwaltschaft dringend ein Dokument von daheim brauchte. So hatte er Zugriff auf ihre Daten, ohne ihre Wohnung betreten zu müssen. Etwa zwei Stunden arbeiteten sie als gut eingespieltes Team, das sie waren, zusammen, dann begleitete er sie gegen elf hinüber in ihre eigenen vier Wände. Während sie sich für die Nacht fertig machte, ließ Mirko schon mal die Rollläden für sie hinunter, deckte das Bett auf und stellte ihr eine Flasche Wasser nebst Glas auf den Nachttisch. Mirko war ein Juwel, ein warmes Gefühl von Dankbarkeit und Zuneigung durchflutete Ruth, als sie unter die Decke schlüpfte, die er für sie anhob. Was sie für ihn empfand, war genauso wertvoll oder vielleicht sogar wertvoller als das, was man gemeinhin Liebe nannte. Sie lächelte ihn an.

»Danke! Ich weiß gar nicht, was ich heute ohne dich gemacht hätte.«

»Ich will doch, dass es dir gut geht.« Er streichelte ihr über die Wange, küsste sie sanft auf die Stirn, kontrollierte, ob die Decke auch ihre Füße einhüllte, knipste das Licht aus und ging auf Zehenspitzen hinaus. »Gute Nacht, meine Rose!«

***

Janina hatte lange überlegt, wie sie sich für die unerwartete Hilfe in Spanisch bedanken könnte. Sie war es nicht gewöhnt, dass ihr jemand vorsagte, sonst war stets sie diejenige, die weniger guten Mitschülern aus der Patsche half. In diesem Fall handelte es sich auch noch um einen Jungen, mit dem sie noch nie ein Wort gewechselt hatte. Irgendwie peinlich! Schließlich kaufte sie am Kiosk eine Tafel Schokolade. Natürlich ohne dass ihre jüngere Schwester etwas davon mitbekam.

Spanisch war erst wieder in zwei Tagen, doch Janina fand es unhöflich, so lange zu warten. Also passte sie eine günstige Gelegenheit in der großen Pause ab, um dem sichtlich verdutzen Jungen von hinten auf die Schulter zu tippen und ihm, als er sich umdrehte, die Tafel »Merci« in die Hand zu drücken. Dann lief sie davon, glücklicherweise hatte niemand, der sie kannte, etwas mitbekommen.

Nach der sechsten Stunde schlenderte sie wie jeden Tag mit ihren alten Freundinnen aus der 10a zur Haltestelle, wo bereits Ann-Katrin auf der Bank im Wartehäuschen saß und tat, als ob sie in ein Buch vertieft wäre. So gesehen war auf sie Verlass, nicht mal im Traum käme sie auf die Idee, sich in ein vertrauliches Gespräch der Großen einzumischen. Trotzdem war Janina klar, dass sie die Ohren spitzte. Simone, die ihr gerade anvertraute, dass einer aus der 12 sie nach ihrer Telefonnummer gefragt hatte, hörte denn auch mitten im Satz zu reden auf, kaum dass sie in Ann-Katrins Hörweite kamen.

»Wir können ja später telefonieren«, schlug sie mit einem Seitenblick auf Ann-Katrin vor.

»Gute Idee! Bis dann!«, erwiderte Janina und steuerte gleichzeitig mit ihrer jüngeren Schwester das »H«-Schild an, wo die Bahn meistens hielt, als jemand »He! Wart mal kurz!« rief. Sie drehten sich alle beide nach dem unauffälligen Jungen um, der Janina eine Tafel Schokolade hinhielt. Merci! Sie spürte, wie sie bis zu den Haarwurzeln rot anlief.

»Bei mir musst du dich nicht bedanken«, griente der Junge, »ich bin die falsche Adresse.«

»Aber ...«

»Nix aber, mein Spanisch ist nämlich mindestens so bescheiden wie deins. Der Kai hat dir aus der Klemme geholfen, Kai Weber aus der alten 10 c.«

»Verstehe«, hauchte Janina und wäre nun liebend gern im Erdboden versunken.

Der Junge machte kehrt, zwei seiner Kumpel erwarteten ihn, das Gelächter war groß. Wetten, dass diese Geschichte morgen an der ganzen Schule die Runde machte? Habt ihr schon gehört, Janina Anchor schenkt fremden Jungs Schokolade? Aber sie hat sie wieder zurück gekriegt ...

»Wenn der Blödmann die Schokolade nicht will, gib sie mir, ich nehme sie gern.« Ann-Katrin streckte die Hand aus.

»Pfoten weg!« Janina steuerte den vorderen Einstieg der Bahn, die wieder mal ein paar Meter zu früh gehalten hatte, an. Natürlich war ihr klar, dass Ann-Katrin ihr folgen würde. Die eherne Regel, Abstand zu halten, besaß in der Bahn keine Gültigkeit mehr. Niemand, den sie kannten, fuhr mit.

»Bist du sauer, weil er deine Schokolade nicht will? Woher kennst du den überhaupt? Auf der Geburtstagsparty von Laura war er jedenfalls nicht, und sonderlich hübsch ist er auch nicht.«

»Es ging um Spanisch, capito?«

»Puh, Spanisch, darin hattest du doch das Ausreichend. Ziemlich übel für deine Verhältnisse, wie?«

»Gestern hatte ich ein Gut.«

»Verstehe, deshalb die Schokolade.«

»Nichts verstehst du, absolut nichts, und jetzt lass mich gefälligst in Ruhe.«

»Hast du Mama schon was von dem Gut und so erzählt?«

»Nimm und halt die Klappe!« Die Schokolade wechselte den Besitzer. Voller Widerwillen beobachtete Janina, wie ihre jüngere Schwester das Papier abriss und in die Tafel wie in ein Butterbrot hineinbiss. Ekelhaft!

»Hast du überhaupt dein richtiges Pausenbrot aufgegessen?«, erkundigte sie sich.

»Logisch, das reinste Wellensittichfutter! Hörst du nicht, wie ich schon zwitschere?« Ann-Katrin spitzte die Lippen, dabei verfärbte sich ein Mundwinkel schokoladenbraun, gleich würde es auf ihre Jeansjacke tropfen.

»Pass auf, du Ferkel! Überhaupt ist es widerlich, mit vollem Mund zu reden.«

»Zwitschern«, verbesserte Ann-Katrin, »Zwitschern ist was anderes.« Dann schwieg sie, um sich hingebungsvoll der Tafel Schokolade zu widmen, die sie bis zur Haltestelle Boltensternstraße komplett verputzt hatte.

»Kannst du ruhig öfter machen«, sagte sie, drückte auf STOP und bewies, dass sie auch noch mit einer ganzen Tafel Schokolade im Bauch schneller als ihre große Schwester flitzen konnte.

Joscha hatte den Montag noch nie besonders leiden mögen. Bis vor vier Jahren war das der Tag, an dem er in seinen beiden Freistunden mit schöner Regelmäßigkeit übers Wochenende erkrankte Lehrerkollegen vertreten musste. Privat war der Ärger ebenfalls vorprogrammiert gewesen, weil seine Exfrau montags zum Ausgleich für ihren freien Freitagnachmittag länger arbeitete. Wenn er sie dann irgendwann zwischen acht und neun abholte, war sie regelmäßig so k.o., dass sie nicht mal mehr seine Kochkünste zu würdigen wusste, sondern nur noch Interesse an einem ausgedehnten Vollbad zeigte und danach wie tot ins Bett fiel. Mittlerweile war beides kein Thema mehr, doch der Mensch war bekanntlich ein Gewohnheitstier, und der erste Tag der Woche blieb somit für Joscha negativ besetzt.

Als er an diesem Montagabend die Tür zu seiner leeren Wohnung aufschloss, überkam ihn denn auch prompt eine völlig absurde Anwandlung von Verlorenheit. Niemand da, alles dunkel, kein Essensgeruch, der ihm verlockend in die Nase stieg, ziemlich kalt war es auch. Er beeilte sich, Licht zu machen, das änderte zwar nichts an der Leere, trotzdem war ihm gleich viel wohler. Als Kind hatte er sogar regelrecht Angst im Dunkeln gehabt.

Ein Glück, dachte er, dass Esther das nicht weiß. Es wäre ihm nicht recht, vor ihr als Angsthase dazustehen.

Es war auch ein Glück, wie er sich sagte, dass er nicht mehr unter irgendwelchen unerklärlichen weiblichen Launen leiden und Abend für Abend kochen und sich später zum Dank vorwerfen lassen musste, dass er seine Ehefrau mit seiner Fürsorge erstickt hätte. Wie hatte er das nur dreizehn Jahre lang ausgehalten?

Er entledigte sich seines Sakkos und seiner Schuhe und steuerte dann geradewegs die Küche an. Auch wenn kein Kochzwang mehr bestand, musste er trotzdem etwas essen. Der Inhalt seines Kühlschranks war nicht eben berauschend, nicht mal Eier waren mehr da, der Schinken bog sich bereits am Rand, auf Salat verspürte er nicht den geringsten Appetit, zumal er auch keinen Tunfisch mehr vorrätig hatte, und der Aufwand von Bratkartoffeln war für einen allein einfach zu groß. Blieben Ravioli aus der Dose oder eine Tütensuppe und dazu zwei altbackene Brötchen vom Samstag.

Was für ein Abstieg, gemessen an dem köstlichen Dinner, das er letzten Donnerstag zusammen mit Esther im »Grand Duc« genossen hatte. Längst nicht nur das Dinner war köstlich gewesen, die Stunden waren ihnen wie im Flug vergangen. Es war bereits nach drei Uhr in der Früh gewesen, als Esther sich ein Taxi kommen ließ. »Bleib doch!«, hatte er sie gebeten. Darauf hatte sie ihn zärtlich »Dummkopf, du!« gescholten und ihn an die Mädchen erinnert.

Nette Kinder, alles was recht war, besonders Ann-Katrin war ihm ans Herz gewachsen. Bei Janina hingegen fühlte er sich immer leicht kritisch beobachtet, auch war ihr Humor für eine Sechzehnjährige fast schon sarkastisch, dazu dieses ständige Sich-Kasteien. Janina konnte einem mit einem einzigen Blick die Lust an einem gut belegten Brötchen oder einem leckeren Stück Torte vergällen, und wenn er den Aufzug benutzte, musterte sie ihn wie einen Schwerverbrecher.

So gesehen war es auch ein Glück, dass Esther von vorneherein darauf verzichtete, ihn fest ins Familienprogramm einzuplanen. Du kannst dich wirklich nicht beschweren, Joscha Nideggen! Er schloss die Kühlschranktür und inspizierte gerade die magere Auswahl an Fertiggerichten, als das Telefon anschlug.

»Nideggen.« Er klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und hielt die letzte von insgesamt drei Konservendosen gegen das Licht: »Butterzartes Hühnerfrikassee« warb der Hersteller auf dem Etikett. Joscha übersetzte in »Für Gebissträger optimal!«. So weit war er zum Glück noch lange nicht ...

»Auch Nideggen.«

Die Dose polterte zu Boden. Sabine fehlte ihm gerade noch zu seinem Montags-Blues.

»Ich denke, du treibst es mit deinem Zahnarzt! Macht ihr gerade mal Pause?«, erwiderte er laut.

»Du hast wirklich eine blühende Fantasie, Joschilein.«

»Wozu solltest du sonst mit Axel in sein Liebesnest im Tessin gefahren sein? Soweit ich weiß, schleppt er dahin seit mindestens fünfzig Jahren seine neuesten Beutestücke ab.«

»Du hast dich aber sehr genau informiert. Jedenfalls wird er bestimmt ungemein geschmeichelt sein, wenn er hört, welche Großtaten du ihm zutraust.«

»Das, wovon ich rede, ist keine Großtat, sondern im Beuteschema jedes primitiven Säugetieres verankert.«

»Nur dass menschliche Säugetiere es normalerweise nicht schon im zarten Alter von neun Jahren treiben. Axel hat gerade erst seinen neunundfünfzigsten Geburtstag gefeiert.«

»Ja, und das schon zum dritten oder vierten Mal. Rufst du eigentlich aus einem bestimmten Grund an? Ich will nämlich gerade zu Abend essen.«

»Ganz allein? Was gibt's denn Feines?«

»Du rufst ja wohl kaum an, um mich das zu fragen.« Er versetzte der am Boden liegenden Dose einen Tritt, woraufhin sie reichlich laut über den Granit schepperte.

»Oh! Oh! Das hört sich an, als ob es dir nicht besonders gut ginge. Ravioli?«

»Hühnerfrikassee!«, antwortete er und hätte sich seine vorschnelle Zunge abbeißen mögen. Sie schaffte es immer wieder.

»Aus der Dose? Igitt! So schlecht sind deine Zähne doch noch gar nicht. Axel meint, wenn du dich nur überwinden und regelmäßig jeden Morgen und am besten auch noch abends Zahnseide benutzen würdest.«

»Ich verbiete dir, dich mit ihm über meine Mundhygiene auszutauschen. Erstens verstößt das gegen die ärztliche Schweigepflicht, und zweitens kannst du ihm ausrichten, dass ich mir sowieso einen anderen Zahnarzt gesucht habe.«

»Nur, weil ich mit ihm verreist bin? Nein, ist das süß, Joschilein!«

Ich bringe dich um. Ich bringe euch alle beide um. Sätze, die ihm auf der Zunge lagen und auf der Seele brannten, sich jedoch nicht aussprechen ließen, weil es ihm buchstäblich vor Empörung die Sprache verschlagen hatte. Er räusperte sich, hustete, hustete noch einmal.

»Ach Joschi, nimm's nicht so schwer! Ich bin ja bald wieder in Köln, spätestens Sonntagabend. Und wenn du mich vorher brauchst, komme ich natürlich sofort. Schließlich haben wir beide uns geschworen, immer gute Freunde zu bleiben. Wenigstens gute Freunde ...« Dieser Nachsatz klang ihm ausgesprochen bedrohlich in den Ohren.

»Ich versichere dir«, sagte er steif und, wie er hoffte, mit dem nötigen Nachdruck, »dass ich wunderbar allein klarkomme. War sonst noch etwas?« Er bückte sich und tastete nach der Konservendose, die hinter den Schirmständer gerollt sein musste.

»Ja, meine Strelitzia reginae, die du mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hast. Ich fürchte, sie geht ein, wenn ...«

»... wundert mich, dass sie überhaupt so lange überlebt hat«, fiel Joscha ihr ins Wort. Seine geschiedene Frau brachte jedes Usambaraveilchen zum Eingehen, diese Paradiesvogelblume mit den roten Deckblättern und den blauen, röhrenförmigen Blüten war von ihm nicht unbedingt freundlich gemeint gewesen. Wetten, dass du die auch kleinkriegst? Wie fast alles andere auch, sollte das heißen.

»Wenn mir etwas wirklich am Herzen liegt, kümmere ich mich auch darum.«

»Seit wann liegen dir Topfpflanzen am Herzen?«

»Vielleicht weil ich sie von dir geschenkt bekommen habe.«

»Nun hör schon auf! Also, was ist mit der Strelitzia?«

»Ich habe sie bei meiner Abreise auf der Terrasse stehengelassen. Du weißt ja, letzte Woche war es richtig frühlingshaft warm in Köln, da habe ich sie nach draußen gestellt. Jetzt hingegen soll es im Rheinland deutlich kühler werden, und du hast mir selbst gesagt, dass die Strelitzia eine Mindesttemperatur von fünf bis zehn Grad braucht. Und nachts ...«

»... viel kälter wird es im April auch nachts kaum.«

»Ich finde trotzdem keine ruhige Minute mehr bei der Vorstellung, dass sie eingeht. Könntest du nicht bitte kurz vorbeifahren und sie reinholen?«

»Reinholen?«, echote Joscha. »Und wie stellst du dir das konkret vor? Soll ich am Regenrohr hochklettern oder durch den Kamin kriechen und mich am besten gleich von der Polizei als Einbrecher verhaften lassen?«

»In meinem Büro liegt immer ein Ersatzschlüssel. Ich habe schon Bescheid gesagt, dass du kommst. Noch mal tausend Dank, Joschi. Und auf ganz bald!« Damit war das Gespräch beendet.

Während Joscha die Konservendose öffnete, in einen Stieltopf umfüllte, den Herd anschaltete und vorschriftsmäßig rührte, damit nichts anbrannte, überschlugen sich in seinem Kopf die Gedanken. Okay, er hätte ablehnen können. Andererseits war alles so schnell gegangen. Sabine hatte ihn schlicht überrumpelt, dazu kam, dass es schon irgendwie rührend war, wenn eine Frau, für die Blumen gemeinhin lediglich nicht essbare und folglich nutzlose Pflanzen waren, sich plötzlich derart um eine Topfblume sorgte. Und warum? Weil er sie ihr geschenkt hatte. Außerdem brachte es ihn nicht um, morgen Vormittag kurz an ihrem Büro vorbeizufahren und den Schlüssel zu holen und die empfindliche Paradiesvogelblume zu retten. Zumal er ein ausgesprochener Blumenfreund war.

Im Topf blubberte es nun wie Milchsuppe, als er mit dem Kochlöffel gegen ein Stück Hühnerfleisch drückte, zerfaserte es. Die reinste Babynahrung oder Altenkost. Niemand konnte von ihm erwarten, dass er sich so was antat. Er verließ die Küche, schlüpfte erneut in Schuhe und Sakko und saß wenig später vor einem Glas Rotwein und einem Teller mit dampfenden Spaghetti Napoli bei dem Italiener, zu dem er schon gegangen war, als er noch Pauker war.

Obwohl Joscha sich hier seit Jahren nicht mehr hatte blicken lassen, wurde er sofort wiedererkannt und mit Handschlag begrüßt und zu seinem alten Lieblingsplatz in der Ecke geleitet. Es tat gut, sich so umsorgen zu lassen, auch wenn das Ambiente in diesem Lokal einiges zu wünschen übrig ließ. Ein ziemlich düsterer Schlauch, überladen mit Schmiedeeisen und kitschigen Statuen, das Efeu an den Säulen war hundertprozentig unecht, es gab nicht mal Stoffservietten. Dafür stimmte alles andere. Joscha fühlte sich auf Anhieb wie zu Hause »bei Muttern«, nur mit dem Unterschied, dass er als zahlender Gast kein schlechtes Gewissen haben musste, wenn er sich bedienen ließ. Alle Naselang wollte der Wirt wissen, ob er noch etwas brauchte und ob es ihm auch schmeckte, sogar ein Nachschlag wurde ihm angeboten. Wo gab es so was sonst noch?

Der einzige Wermutstropfen war die Frage nach seiner Frau. »Und wo haben Sie Ihre reizende Frau gelassen? Geht es ihr gut?«

Joscha nickte der Einfachheit halber. Wozu sollte er jedem besseren Pizzabäcker sein Privatleben auf die Nase binden? Er bestellte einen weiteren Schoppen Rotwein, trank auch noch einen Grappa aufs Haus und fühlte sich angenehm beschwingt, als er zum zweitenmal an diesem Abend seine leere Wohnung betrat.

Janina rechnete jeden Augenblick damit, von einer ihrer Klassenkameradinnen auf die todpeinliche Schokoladennummer vom Vortag angesprochen zu werden. Außerdem hatte sie noch immer keinen blassen Schimmer, wie sie sich denn bei ihrem wahren Retter bedanken sollte.

Der Junge mit den lustigen Sommersprossen und dem 1.-FC-Köln-Schal hieß also Kai Weber. Der Name sagte ihr nichts, und Fußball fand sie primitiv. Trotzdem musste sie ihn ansprechen. Nur wie? Es wollte ihr partout nichts Gescheites einfallen. Du, Kai, was ich dir noch sagen wollte. Nein, das klang viel zu vertraulich! Übrigens vielen Dank auch für neulich ... Kaum besser, damit provozierte sie förmlich eine wenig wünschenswerte Nachfrage. Neulich? Ach, du meinst. Brrr! Nur ja nicht! Oder ob sie einfach zur Tagesordnung überging'? Nein, das gehörte sich einfach nicht.

Janina zerbrach sich den Kopf bis zur ersten großen Pause, kam aber trotzdem zu keinem brauchbaren Ergebnis. Weil sie nicht aufpasste, konnte sie in Deutsch nicht mal erklären, was Goethes »Werther« von dem jungen W. bei Plenzdorf unterschied, dabei kannte sie beide Lektüren aus dem Effeff.

»Sind Sie vielleicht krank, Janina?«, erkundigte sich ihr Deutschlehrer nach der Stunde besorgt, er kam extra zu ihrem Tisch in der dritten Reihe hin. Prompt bekam sie einen roten Kopf. Sie entschuldigte sich und hastete nach draußen. Ihr Pausenbrot blieb liegen, was nicht weiter tragisch war, weil sie mit Rücksicht auf ihre Diät nur zwei trockene Scheiben Knäckebrot eingepackt hatte.

Und dann begann die nächste Spanischstunde. Als Janina den Raum betrat, saß Mister Torres bereits am Pult. Dumm gelaufen!, dachte sie. Galgenfrist!, war ihr zweiter Gedanke. Mit einem verlegenen Lächeln zu diesem Kai Weber hin setzte sie sich auf ihren Platz und begann umständlich, Schreibmäppchen, Schnellhefter und Buch auszupacken, als die Worte des Lehrers sie wie ein elektrischer Schock durchjagten. Was hatte er da gesagt?

Wo um alles in der Welt sollte sie Bilder von einem Traumurlaub herbekommen, den es nie gegeben hatte?

Janina, ich schlage vor, dass Sie gleich den Anfang machen. Wer ist bitte so freundlich und holt schon mal den Projektor?

Hinter Janinas Rücken rumpelte es, automatisch drehte sie sich um. Der Junge mit den Sommersprossen – heute hatte er auf seinen lächerlichen Schal verzichtet – war aufgestanden und sah sie beschwörend an. Was verdammt wollte er von ihr? Seine Augen schwenkten zur Tür und wieder zu ihr zurück, hin und her.

»Wir erledigen das schon, Señor Torres.« Kai versetzte ihr einen leichten Schubs.

Schon setzte sie sich in Bewegung, je näher die Tür rückte, umso schneller ging sie. Nur raus hier! Tür auf, Tür zu, draußen lehnte sie sich völlig erschöpft gegen die Wand. Was sollte sie nur tun? Diese Geschichte entwickelte sich zu einem Albtraum. In ihrer Erleichterung hatte sie letzte Stunde einfach nicht mitbekommen, was Señor Torres für die folgende Unterrichtsstunde plante. Angeblich hatte sie sogar genickt, als sie nach Erinnerungsbildern gefragt wurde.

»Alles halb so wild.« Kai klopfte ihr auf die Schulter und dann auf die eigene Hosentasche, die ziemlich groß war und sehr tief saß, er trug eine von diesen Jeans, bei denen der Schritt kurz über dem Knie hing.

»Ich habe vorgesorgt. Aber das erzähl ich dir besser im Geräteraum. Nun komm schon!«

Hatte sie eine Wahl? Sie heftete sich dem hoch aufgeschossenen, schlaksigen Jungen an die Fersen. Eine Hilfe war sie ihm nicht. Als er wenig später einen dieser länglichen Kästen voll mit Dias aus seiner Hosentasche zog und ihr aushändigte, ließ sie ihn fallen, die Rähmchen sprangen in alle Richtungen.

»Tut mir echt leid.« Sie kniete sich hin und begann die Dias einzusammeln, zwei waren hinüber.

»Halb so wild«, beschwichtigte Kai und ging gleichfalls in die Hocke, »das sind sowieso Asbach-Uralt-Aufnahmen.«

»Ich dachte, du wärst gerade erst auf Mallorca gewesen? In diesen Osterferien ...«

»Nee, das war deine Geschichte.« Ein breites, aber nichtsdestotrotz sympathisches Grinsen begleitete diese Worte.

»Soll ich dir was sagen?«, gestand sie kleinlaut. »Ich habe keinen blassen Schimmer, was ich vorgestern erzählt habe. Ich weiß nur eines: Ich war mein Lebtag noch nicht auf dieser Insel.« Um ein Haar hätte sie »Putzfraueninsel« gesagt, soweit sie wusste, war die Insel das Sammelbecken von Geringverdienern, Raumpflegerinnen, Säufern und Raufbolden.

»Hast du was verpasst. Jedenfalls kommst du mit diesen alten Dias bei unserem Señor Torres gleich problemlos über die Runden. Er wird begeistert sein. Nur Natur und ein kultureller Abstecher nach Palma, falls doch mal einer von meiner Familie auf den Bildern zu sehen ist, dann nur winzig klein. Die Jahreszeit stimmt auch, vor drei Jahren waren wir nämlich ausnahmsweise über Ostern dort.« Kai stand auf und ließ seinen Arm erneut bis zum Ellbogen in der Hosentasche abtauchen. »Und hier ist noch ein Zettel, auf dem steht, was die einzelnen Bilder zeigen. In Spanisch. Kann praktisch nicht schief gehen, notfalls souffliere ich wieder von hinten.«

»Und warum tust du das? Ich meine, du kennst mich doch gar nicht.«

»Ist das ein Grund?« Kai wartete die Antwort nicht ab, sondern zog sie hoch und meinte: »Komm, sonst wird der alte Toro doch noch misstrauisch.«

Alles ging glatt. Lediglich an einer Stelle wunderte sich der Lehrer über ein Bauwerk, das seines Wissens wegen umfänglicher Restaurationsarbeiten seit Dezember geschlossen war und erst wieder im Spätsommer zugänglich sein sollte. »Verschoben«, stotterte Janina und suchte noch verzweifelt nach der spanischen Vokabel, als Señor Torres auch schon verständnissinnig nickte. Bei den Spaniern nahm man es halt mit Terminen nicht so genau.

Als die Schulglocke ertönte, hatten fast alle Teilnehmer des Spanischkurses wenigstens ein paar Urlaubsfotos vorgelegt und mehr oder weniger fließend erläutert. Nordsee, Schwarzwald, Balearen, Kanaren, ein Mädchen war sogar auf Bali gewesen, knapp ein Drittel war in Köln geblieben, dazu zählte auch Kai. Er strahlte vergnügt, als Janina am Ende dieser Stunde erneut gelobt wurde, und signalisierte ihr im Schutz seiner Bank ein Victory-Zeichen. Als sie zusammen den Projektor zurücktrugen, nutzte sie die günstige Gelegenheit, um ihm seine Dias zurückzugeben und sich zu bedanken.

»Das war total nett von dir. Was hältst du davon, wenn ich dir im Gegenzug ein Eis im »Forum« spendiere?« Die Idee war ihr angesichts des Aufdrucks auf dem Sweatshirt, das Kai heute trug, gekommen. »I scream, you scream, we all scream for ice cream!« Wer schon für Eis Reklame lief, war ganz bestimmt wie fast die meisten Jugendlichen in ihrem Aller auf die Eis-Kreationen im »Forum« verrückt, angeblich gab es dort das beste Eis in ganz Köln.

»Das lässt sich hören.« Kai zierte sich nicht groß, ganz im Gegenteil. Seine Sommersprossen vollführten einen regelrechten Veitstanz auf seiner Nasenspitze, als er fortfuhr: »Wenn das so ist, helfe ich dir gern die letzten zweieinhalb Jahre bis zum Abi.«

»Das würde mir denn doch zu teuer«, wehrte Janina lachend ab. »Was hältst du von fünf Uhr heute Nachmittag?« Um fünf begann Basketball, damit war ihre jüngere Schwester schon mal aus der Schusslinie. Basketball war der einzige Sport, den Ann-Katrin regelmäßig betrieb, vermutlich, weil ihre Länge sie davor bewahrte, sich ähnlich wie die anderen anstrengen zu müssen.

»Fünf Uhr ist klasse.«

»Dann bis um fünf.« Sie hielt ihm eine Hand hin.

»Bis um fünf!« Er umschloss ihre Hand, hielt sie einen Moment lang fest, wirklich nur einen winzigen Moment lang, trotzdem spürte sie schon wieder diese verräterische Röte an ihrem Hals und ihren Wangen hochsteigen. In ihrem Drang, nur möglichst rasch von ihm fortzukommen, lief sie in die verkehrte Richtung und landete statt an der Treppe in dem Raum, wo die ausrangierten Pulte und Stühle ihren Lebensabend fristeten.

»Scheiße!« Laut, sie war wütend auf sich selbst. Wie konnte sie nur so unglaublich kindisch sein? Er musste ja denken, sie wäre ein Baby oder, schlimmer noch, in ihn vergafft. Grauenhafte Vorstellung, er könnte ihre Einladung ins »Forum« falsch verstehen.

»Andere Seite.« Er zog sie am Ärmel, er war ihr nachgekommen. »Ist mir auch schon passiert, das ist hier unten im Souterrain so verwinkelt wie in einem Fuchsbau.«

»Ich war noch nie in einem Fuchsbau.« Tolles Statement, war Janinas nächster Gedanke. Wie unglaublich intelligent. Jetzt radebrechte sie nicht nur im Spanischen, sondern redete auch noch in ihrer Muttersprache lauter Stuss.

»Ich auch nicht, aber sag's niemandem weiter! Wir verraten es einfach keinem.« Wir. Das klang, als ob es noch andere Geheimnisse zwischen ihnen gäbe, in gewisser Hinsicht traf das ja auch zu. Von den Dias wussten nur sie beide, das war eine coole Nummer gewesen. Obwohl Janina nie zu denen gehört hatte, die ihre Lehrer an der Nase herumführten, begann sie diese Situation zu genießen. Fast schon freute sie sich auf ein Wiedersehen mit dem lustigen Jungen, den so schnell nichts aus dem Gleichgewicht bringen konnte.

Dieser schreckliche Schal vom 1. FC Köln mochte ein Ausrutscher oder ein Gag oder das Ergebnis einer Wette sein. Für Kai sprach auch, dass er so unglaublich sprachbegabt war. Und obwohl Mallorca für Janina nach wie vor der Inbegriff von Billigtourismus und Schlimmerem war, räumte sie gern ein, dass gerade die Hauptstadt Palma als Mekka für Kunstkenner galt. Jemanden, der nichts als Naturschönheit und Kunstwerke fotografierte, durfte man einfach nicht in einen Topf mit diesen Primitivlingen werfen, welche die Insel in Verruf gebracht hatten.

***

Weil Esther ihn am Dienstag gefragt hatte, ob er sie zu einer Visitenkartenparty begleiten wollte, hatte Joscha den Transfer der Strelitzia kurzerhand um einen Tag verschoben. Nicht weiter tragisch, da die Temperaturen auch für kälteempfindliche Pflanzen im grünen Bereich blieben, was zugleich seinen Verdacht nährte, Sabine könnte ihn verschaukelt haben. Lediglich der Grund hierfür war ihm schleierhaft. Eine Frage, der er jedoch schon deshalb nicht weiter nachging, weil sich seine Gedanken zunächst auf den Dienstagabend konzentrierten.

Was immer eine Visitenkartenparty war, für ihn zählte Esthers Anwesenheit. Ein gutes Zeichen, wie er fand, dass jetzt bereits dreimal in Folge die Initiative von ihr ausgegangen war. Am Donnerstag die Luxusversion mit allem Drum und Dran, am Samstag Kino mit viel Sentiment – leider nur im Film, weil sie am Ausgang eine Bekannte von Esther trafen und der Abend zu dritt endete –, und am Dienstag halt eine Party, bei der jeder erst mal seine Visitenkarte abgab, daher der Name. Im Grunde ging es darum, neue geschäftliche Kontakte zu knüpfen, in dieser Hinsicht war der gestrige Abend denn auch ein voller Erfolg gewesen: Esther hatte sich wieder mal der Nachfragen kaum erwehren können, doch als die Party endlich vorbei war, wollte sie nur noch heim und ins Bett. Allein, dabei hätte er sie gern begleitet. Stattdessen hatte er zwei Magenbitter gekippt, um die im Übermaß konsumierten Partyhäppchen zu verdauen, und sich einen üblen Kniff in das Hemd gebügelt, das er mittwochs anziehen wollte.

Dieser Kniff dämpfte denn auch umgehend seine Laune, als er am Mittwochmorgen in seine Kleider stieg. Sein erster und einziger Termin an diesem Tag begann um drei, folglich hatte er alle Zeit der Welt. Er beschloss, als Erstes die Pflanzenaktion hinter sich zu bringen. Sabines Büro und Wohnung lagen nicht weit voneinander entfernt, in der Nähe gab es das »Landhaus Kuckuck«, wo er früher gern gefrühstückt hatte, wenn seine Barschaft das hergab. Das Frühstücksbüfett dort ließ keine Wünsche offen, was man von seinen eigenen Beständen kaum sagen konnte. Er würde also das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

Es war kurz vor elf, als er Sabines Büro betrat. An ihrem Schreibtisch saß mit dem Rücken zu ihm, Blick aufs Fenster, ein junges Mädchen oder eine junge Frau, von hinten ließ sich das nicht genau bestimmen. Sie trug ihre Haare zu Zöpfen geflochten, eine altmodische Frisur, die in jüngster Zeit ähnlich wie die Mode der Sechziger vor allem vom Jungvolk übernommen wurde. Sie musste kurzsichtig sein oder ein Problem mit Sabines PC haben, denn sie hatte ihr Gesicht viel zu dicht an den Monitor gerückt und starrte wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den Bildschirm. Sie reagierte auch nicht, als er nach einem kurzen Klopfen eintrat, und erschrak sichtlich, als er sie ansprach und ihr dabei über die Schulter sah.

»Haben Sie vielleicht Probleme mit der Verschlüsselung?«

»Ja, ich glaube schon ... also das ist so ... nicht dass Sie denken ... wer sind Sie überhaupt?«

»Joscha Nideggen. Soweit ich weiß, hat Sabine mich avisiert.«

»Oh ja! Sie wollen Ihren Ersatzschlüssel abholen, stimmt's?« Unverhohlene Neugier stand in den blauen Augen. Noch die reinsten Kinderaugen. Aus der Sicht eines blutjungen Mädchens – er schätzte sie auf Anfang zwanzig – mussten die acht Jahre Altersunterschied zwischen ihm und Sabine noch größer erscheinen.

»Ich bin nicht der Ehemann«, beantwortete er die unausgesprochene Frage und beobachtete amüsiert, wie sie puterrot wurde. »Nicht mehr«, ergänzte er, »wir sind seit fast vier Jahren auseinander.«

»Tut mir leid.«

»Was? Dass wir geschieden sind?«

»Nein, ich meine, dass ich so neugierig auf Sie gewirkt habe.«

»Ohne Neugier bewegt sich nichts im Leben. Die Zöpfe stehen Ihnen übrigens gut.« Seine Fingerkuppe wanderte durch die Luft von ihrem Blondschopf zum Bildschirm. »Und was Ihre Suche betrifft: Sie müssen für jedes Semester das Passwort modifizieren.«

»Davon hat mir Frau Nideggen aber nichts gesagt.«

»Sie war wohl in Gedanken schon woanders. Es ist ganz einfach und trotzdem sehr effektiv, wenn man verhindern will, dass Unbefugte Dateien aufrufen, die sie nichts angehen.«

»Ich soll aber wirklich.«

»Glaube ich Ihnen aufs Wort«, beruhigte Joscha und zeigte auf ein eng beschriebenes Blatt neben der Tastatur, die Handschrift war die von Sabine. »Sonst hätten Sie ja auch das eigentliche Passwort nicht.«

Diesmal war ein Kichern die Antwort, der Grund hierfür lag auf der Hand. Sabine hatte es noch immer nicht für nötig befunden, ein neues Sesam-öffne-Dich zu kreieren, bei ihr hieß es weiterhin Joschilein eins, zwei, drei und so fort, mittlerweile war sie bei Joschilein siebzehn, SS, angelangt. Im Sommersemester Joschilein eins hatte sie ihn kennen gelernt. Er hatte sich soeben als Joscha Nideggen vorgestellt, und die Kleine war nicht auf den Kopf gefallen. Offenbar war ihr der Heiterkeitsausbruch peinlich, denn sie sprang auf, lief zu einem Schrank und kam wenig später mit einem Schlüssel zurück.

»Das müsste er sein.« Leicht atemlos und allerliebst, wenn man den Typ Schulmädchen mochte, was bei Joscha definitiv noch nie der Fall war. Nicht umsonst hatte er sich als junger Spund in eine acht Jahre ältere Frau verliebt. Auch Esther war immerhin zwei Jahre älter als er selbst. Küken langweilten ihn.

»Merci!« Er steckte den Schlüssel in die Jackentasche. »Dann noch fröhliches Schaffen!«

»Danke! Auch für die Hilfe.«

Er nickte und verließ das Büro, dann überlegte er es sich anders und machte noch einmal kehrt. »Wie heißen Sie überhaupt?«, fragte er von der Tür aus.

Details

Seiten
334
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958244146
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309466
Schlagworte
Frauenunterhaltung Familienroman Romantische Komödie Humor Liebesroman Feelgood-Roman Köln Sophie Kinsella Petra Hülsmann eBooks

Autor

Zurück

Titel: Mit ohne Mann