Lade Inhalt...

Beschwipste Engel küsst man nicht

Roman

2015 73 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Süßer die Glocken nie klingen – und die Träume hart zerspringen … Nina könnte vor Glück durchs Leben tanzen: Endlich hat sie den Mann gefunden, der mit ihr das schönste Fest des Jahres feiern will! Bis es soweit ist, muss sie nur noch einen Auftritt als gutgelaunter Rauschgoldengel absolvieren. Doch dabei erlebt sie eine Überraschung. Und zwar keine schöne. Sondern eine von der Sorte, die dafür sorgt, dass man sich plötzlich sturzbetrunken in einem vietnamesischen Schnellrestaurant wiederfindet. Womit die Geschichte nun zu Ende sein könnte. Aber was wäre Weihnachten ohne kleine Wunder?

Über die Autorin:

Tina Grube, geboren in Berlin, studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, arbeitete in renommierten Werbeagenturen und begann schließlich, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Ihre turbulenten Komödien wurden in mehrere Sprachen übersetzt, die beiden Bestseller Männer sind wie Schokolade und Ich pfeif auf schöne Männer erfolgreich verfilmt. Tina Grube pendelt heute zwischen ihren Wohnsitzen in New York und Mailand und arbeitet bereits an ihrem nächsten Roman.

Bei dotbooks erschienen Tina Grubes Romane Männer sind wie Schokolade, Ich pfeif auf schöne Männer, Lauter nackte Männer, Schau mir bloß nicht in die Augen, Das kleine Busenwunder, Ein Mann mit Zuckerguss und Männer, Mondschein und Amore.

***

Originalausgabe November 2015

Copyright © 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Susann Harring

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von shutterstock/Leremy.

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-426-9

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren Lesestoff aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Beschwipste Engel an: lesetipp@dotbooks.de

Gerne informieren wir Sie über unsere aktuellen Neuerscheinungen und attraktive Preisaktionen – melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an: http://www.dotbooks.de/newsletter.html

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.twitter.com/dotbooks_verlag

http://instagram.com/dotbooks

http://blog.dotbooks.de/

Tina Grube

Beschwipste Engel küsst man nicht

Roman

dotbooks.

Kapitel 1

Der Lockenstab ist endlich heiß genug. Vorsichtig wickle ich eine lange blonde Strähne um das erhitzte Metallteil herum. Warum bin ich nur so schrecklich ungeübt? So ein paar wilde Locken könnte ich mir doch öfter mal drehen, das sieht immer nett nach Hippie aus, und den Hippie-Stil mag ich gerne. Jetzt nur nicht die Finger verbrennen, also aufpassen, ganz langsam, ganz behutsam, dann klappt das schon: Elastische Locken mit zauberhaftem Glanz, verspricht der Werbetext auf der Verpackung. Na hoffentlich, die Alternative wäre unangenehm. Wer will schon angesengte, verkohlte Haare, die scheußlich riechen und vor allem auch noch abbrechen? Falls es zum Schlimmsten kommen sollte, sind meine eigenen Haare immerhin in Sicherheit. Trotzdem darf dieses Prachtexemplar von einem blonden Haarschopf – ein toller Fund in meinem Lieblings-Secondhandshop – nicht ruiniert werden. Nein, auf gar keinen Fall, schließlich wird die blonde Perücke heute noch dringend gebraucht.

Puh, die halbe Minute ist um, ich kann die Strähne wieder abwickeln und habe wirklich eine wunderschöne Locke fabriziert, die nun ein wenig auskühlen muss. Ich widme mich der nächsten Strähne und der übernächsten, einmal rund um den Perückenkopf herum. Dann bin ich zufrieden mit meinem Werk: lange, blonde Locken wie von Dornröschen und Goldmarie. Ja, mehr noch: So sehen Engel aus. Die echten vielleicht und die falschen auf jeden Fall! Das ist sehr wichtig, denn schließlich ist Weihnachtszeit und damit Hochsaison für Engel und alle, die als solche erscheinen wollen!

Fröhlich summe ich mein Lieblings-Weihnachtslied »Jingle Bells«, während ich mir meine eigenen dunklen Haare hochstecke. Die Illusion muss perfekt sein, deshalb dürfen keine braunen Härchen unter der blonden, frisch gelockten Perücke hervorschauen. Das würde die Kinder irritieren, und die Kinder sollen heute froh sein, darauf haben sie ein Recht. Noch zwei weitere Haarklemmen, testweise schüttle ich kurz den Kopf, das funktioniert, da wird sich keine meiner Haarsträhnen lösen. Mit Schwung stülpe ich mir die Perücke mit dem blonden Engelshaar über den Kopf, beim dritten Mal gelingt es auch einigermaßen, ohne dass ich die Hälfte der Haare im Mund habe oder das Teil völlig schräg auf meinem Haupt thront. Ich ziehe die Perücke millimeterweise so lange hin und her, bis der Scheitel exakt in der Mitte sitzt, stecke sie mit einigen Haarklemmen fest und ordne dann die Locken gleichmäßig um meine Schultern herum an.

Blondinen sollen ja angeblich mehr Spaß im Leben haben. Prima, dann wird das heute ein richtig lustiger Tag! Blond steht mir gar nicht schlecht, finde ich. Allerdings bin ich mit meinen eigenen dunkelbraunen Haaren ganz zufrieden. Meine grünen Augen mit den dunklen, dichten Wimpern, kräftige Augenbrauen und der leicht olivfarbene Teint verraten ohnehin, dass ich eher ein mediterraner Typ als eine nordische Schönheit mit schwedischem Einschlag bin.

Ich greife zu einem dicken Pinsel und dem Topf mit losem Puder, mattiere sorgfältig mein Gesicht, setze mit Rouge rosige Akzente auf die Wangen und schwärze die Wimpern mit Mascara. Fehlt nur noch der hellrosa schimmernde Lippenstift – und fertig ist der Engel!

Na ja, noch nicht ganz. Bislang bin ich oben Engel, unten Bengel. Engelsgesicht umrahmt von Lockenpracht trifft auf verwaschene Jeans-Latzhose, bestens geeignet für Kindergärtnerinnen und Handwerker aller Art. Die muss jetzt weg, engelgerechtes Styling ist angesagt! Vorsichtig tausche ich also meine Klempnerkluft gegen ein himmlisches, bodenlanges Gewand.

Gerade singe ich fröhlich »Kling Glöckchen, klingelingeling«, als es tatsächlich klingelt, weniger glockenhaft, dafür aber nachdrücklich. Schnell schaue ich auf die Uhr – ja, es ist tatsächlich schon so weit – und laufe zur Tür. Mit einem schwungvollen Ruck öffne ich.

»Ho, ho, ho«, ertönt eine tiefe Stimme. »Bin ich hier richtig beim Weihnachtsengel Nina?«

Vor mir steht Jens. Er trägt ein gut gepolstertes rotes Weihnachtsmann-Kostüm, streckt seinen künstlichen Bauch demonstrativ vor und hält einen weißen Vollbart samt obligatorischer Weihnachtsmann-Mütze in der Hand.

»Spar dir dein Hohoho für später auf, du Weihnachtsmann«, sage ich lachend. »Komm rein, ich muss mir noch Schuhe anziehen.«

»Mann, das ist saukalt draußen!«, sagt Jens und poltert mit seinen schweren schwarzen Stiefeln geradewegs in mein Wohnzimmer hinein. Grinsend schaut er sich um.

Zugegeben, in der Weihnachtszeit übertreibe ich immer ein bisschen, da geht es einfach mit mir durch, da könnte ich dekorieren und verzieren, bis es keinen freien Quadratmeter mehr gibt. Das haben meine leider viel zu früh verstorbenen Eltern früher schon für mich gemacht, das ist Familientradition! Nach ihrem Unfalltod war ich am Boden zerstört und hatte das Gefühl, eine der verlassensten Seelen auf diesem Planeten zu sein. Vor dem ersten Weihnachtsfest ohne Mutter und Vater habe ich mich regelrecht gefürchtet. Bis ich auf die Idee kam, sie gerade an diesem Festtag zu ehren und mich an all die wunderschönen Weihnachtsmomente zu erinnern, die wir als kleine glückliche Familie miteinander geteilt haben. 

Deshalb gibt es bei mir nun den ganz großen Weihnachtszauber: Auf meinem Wohnzimmertisch thront ein riesiger Weihnachtsteller mit köstlichen Aachener Printen, Lebkuchen mit und ohne Glasur, knusprigen Mandel-Spekulatius, zarten Baumkuchenecken in dunkler Schokolade und verführerisch duftenden Marzipankartoffeln. Daneben stehen ein weiterer Teller mit frischen Walnüssen, Haselnüssen und Mandeln, außerdem ein wunderbar farbig lackierter Nussknacker und ein Adventskranz mit vier roten Kerzen, die ich heute noch einmal erneuert habe. Nun brennen alle vier und tauchen den Raum in warmes Kerzenlicht. Um das geblümte Sofa herum rankt sich eine Lichterkette, die allem eine heimelige Atmosphäre verleiht, auf den zwei Fensterbrettern stehen dicke Bienenwachskerzen, an den Fenstern kleben goldene Weihnachtssterne, und einen anständigen Tannenbaum habe ich auch! In diesem Jahr ist er üppig geschmückt mit rosafarbenen, roten, silbernen und goldenen Kugeln, kleinen pausbäckigen Engeln aus Holz, künstlichen Kerzen und einer Extraportion Silber-Lametta.

»Kalt ist es vielleicht, aber es schneit immer noch nicht«, sage ich bedauernd. »Das ist so schade für alle Kinder. So ein Heiligabend ist doch viel schöner, wenn draußen alles weiß ist. Aber die Meteorologen meinen, die Chancen für Schnee stehen nicht allzu gut.«

»Manchmal glaube ich, der Schnee ist für dich wichtiger als für all deine kleinen Kinder. Du mit deiner hoffnungslosen Weihnachtsromantik.« Jens verdreht die Augen.

»Nun tu mal nicht so cool«, sage ich. »Wenn die Kleinen andächtig vor dir stehen, wirst du doch auch immer ganz sentimental. Außerdem haben die Kinder in meinem Kindergarten nun schon seit vier Wochen wunderschönen Tannenbaumschmuck für Weihnachten gebastelt und Bilder für ihre Eltern gemalt. Hier schau mal, das haben sie mir geschenkt.«

Ich halte einen Tannenzapfen hoch, den einer meiner Schützlinge aus unerfindlichen Gründen mit dicker dunkelblauer Plaka-Farbe bepinselt und anschließend mit roten Punkten versehen hat.

»Ein echtes Kunstwerk!«, sagt Jens.

»Das Männchen da drüben soll einen der Heiligen Drei Könige darstellen«, erkläre ich eifrig und zeige auf eine Figur aus zusammengeklebten Walnussschalenhälften und Zahnstochern. Auf der obersten Schale, die mit Augen, Mund und Nase bemalt ist, sitzt eine kleine goldene Glanzpapier-Krone.

»Klar, sieht man sofort«, sagt Jens, inzwischen breit grinsend.

»Schau, der ist doch wirklich toll«, sage ich und deute auf einen sorgfältig aus Silberpapier ausgeschnittenen Stern. »Den hat mir die kleine Susi geschenkt!«

»Bildschön«, sagt Jens und versucht vergeblich, wieder ernst zu gucken.

»Die Kleinen haben mir von ihren Wünschen erzählt und vom Schlittenfahren und von den Schneemännern, die sie draußen bauen wollen. Da ist es doch kein Wunder, wenn ich auf Schnee hoffe. Ach, in den Ferien vermisse ich die kleinen Racker immer. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie süß die alle sind und wie viel Liebe sie mir geben.«

»Sei doch froh, dass du die ganze Rasselbande mal los bist, dein Kindergarten beginnt früh genug wieder. Und wenn du dich dringend um jemanden kümmern willst – hier bin ich!« Jens schaut mich treuherzig an.

Ich muss lachen. Jens ist immer gut für einen Flirt, aber mit festen Beziehungen hat er es nicht so, warum auch immer. Vermutlich gilt auch für ihn: Die Richtige muss erst noch kommen. Ich habe mich auch schon gefragt, wie wir wohl zusammenpassen würden. Den Gedanken habe ich allerdings wieder verworfen. Es ist wunderbar, ihn als besten Freund zu haben, und dabei sollte ich es wohl belassen.

»Du bist mir zu alt!«, sage ich daher fröhlich.

Jens protestiert: »Ich bin gerade mal zwei Jahre älter als du.«

»Das schon, aber in den Genuss meiner hingebungsvollen Fürsorge kommen nur Jungs bis zu maximal sechs Jahren, du Hallodri!« Schnell schlüpfe ich in weiße Stiefeletten, ziehe die Reißverschlüsse zu und drehe mich vor Jens einmal um die eigene Achse.

»Und, wie sehe ich aus?«, frage ich.

»Engelhafter als alle Engel, die ich kenne«, antwortet er.

»Die Perücke ist aus Echthaar! Macht ganz schön was her, oder?« Vorsichtig lasse ich meine Locken hin und her pendeln.

Dann kontrolliere ich mein Outfit noch einmal im Spiegel: Das weiße, bodenlange Baumwollkleid ist mit ebenfalls weißen, kleinen Blüten bestickt und hat am Saum eine Spitzenborte. Die Ärmel sind ein wenig transparent und unten ausgestellt. Und auf dem Rücken – die Hauptsache: wunderschöne Flügel, die aussehen, als könnte ich damit wirklich gleich in Richtung Zimmerdecke abheben. 

»Nee, oder? Ich glaub es ja nicht!«, sagt Jens. »Deine Flügel haben sogar Federn! Da bin ich doch eindeutig mit dem schönsten Engel der Stadt unterwegs.«

Ich glaube, jetzt strahle ich wirklich wie ein Weihnachtsengel. Jede Feder habe ich sorgsam einzeln auf die Flügel geklebt, und der Effekt ist echt gelungen. »Du hast eben Glück im Leben, Jensi«, sage ich neckend.

»Stimmt! Feiern wir eigentlich in diesem Jahr endlich mal Weihnachten zusammen oder willst du wieder ganz allein Trübsal blasen? Wir könnten ganz spontan mit Pizza und Glühwein ein kleines Fest nur für uns zwei auf die Beine stellen. Kerzen gibt’s ja hier genug in diesem Deko-Winter-Wunderland, da kommt doch schon ganz automatisch Stimmung auf!«

»Pizza, also ehrlich«, ich muss lachen. »Ich dachte, du würdest mit deiner Band so richtig Party machen.«

»Nee, die sind plötzlich totale Spießer geworden. Wollen mit ihren Familien feiern. Wir sind gerade von einer kleinen Tour zurück, war toll, aber jetzt haben die auf einmal alle ihre Pantoffeln an.«

»Hm, ich weiß nicht so recht, eigentlich habe ich etwas vor, vielleicht fahre ich sogar noch weg«, antworte ich zögernd. Seit einiger Zeit gibt es jemanden, von dem ich noch niemandem etwas erzählt habe. Dieses Weihnachtsfest könnte alles ändern, könnte vielleicht der Anfang von etwas Besonderem werden. Morgen, am ersten Weihnachtsfeiertag, haben wir gemeinsame Pläne. Die sind zwar noch vage, aber wenn ich nur daran denke, wenn ich nur an ihn denke, bekomme ich Herzklopfen vor lauter Aufregung.

»Was heißt denn eigentlich? Entweder du hast etwas vor oder nicht.« Jens fährt sich mit seiner freien Hand durch seine schulterlangen Haare.

Er sieht gut aus. Zur Abwechslung mal ausgeschlafen, frisch rasiert, leuchtende blaue Augen – ein cooler Typ, wenn auch ein etwas verrückter. Hat ständig Musik im Kopf,  kann sich mit seinen Gigs finanziell auch einigermaßen über Wasser halten, verdient sich aber immer im Dezember als singender Weihnachtsmann etwas dazu. Die Dame, die ihn normalerweise im Engelskostüm begleitet, hat ihm ausgerechnet für Heiligabend einen Korb gegeben. Im Gegensatz zu mir hat sie nämlich ganz offiziell einen festen Freund, der unbedingt mit ihr das Fest der Liebe feiern will. So hat mich Jens dazu überredet, einzuspringen und mit ihm am Heiligabend einen gemeinsamen, sehr gut bezahlten Auftritt hinzulegen. Singend und kostümiert. Da es um Kinder geht, konnte ich nicht nein sagen – und weil es Spaß macht, mit Jens zu singen. Zumal ich dann eine Chance habe, einer fetten Weihnachtsdepression am Heiligabend zu entfliehen. Nun stehe ich also hier als Weihnachtsengel Nina mit blondem Haar.

»Eigentlich heißt, dass ich eine Verabredung habe, aber das ist kompliziert«, erkläre ich ausweichend.

»Verstehe ich nicht. Man ist verabredet oder eben nicht.« Jens greift in den Weihnachtsteller und beißt in einen Spekulatius. Während er kaut, beobachtet er mich. Sein Blick ist mir unangenehm.

»Sollten wir nicht langsam gehen?«, frage ich und puste die brennenden Kerzen auf dem Adventskranz aus.

»Ja, sollten wir«, gibt Jens zurück. »Jedenfalls, wenn bei dir alles schiefläuft und du einsam bist, Baby – du weißt ja, wo du den Weihnachtsmann findest.«

Kapitel 2

Eine halbe Stunde später sind wir mit seinem Auto im teuersten Villenviertel der Stadt angelangt. Ich fühle mich allerdings gerade total seekrank. Um meine kostbaren Flügel nicht zu zerquetschen und mein Kleid nicht zu zerknittern, liege ich nämlich hinten auf der Rückbank. Halb schräg auf der Seite, ein Flügel berührt dabei den Boden, der andere den Himmel des Autos. Damit ich nicht in den Bodenraum kullere, kralle ich mich krampfhaft mit beiden Händen an der Rückwand des Sitzes fest. Eine mehr als unwürdige  Position für einen Engel. Schlimmer aber ist, dass ich in jeder Kurve spüre, wie mein Gleichgewichtssinn mehr und mehr irritiert wird und sich mittlerweile mein Magen unangenehm hebt und senkt. O Gott, hoffentlich bleiben die Marzipankartoffeln drin! Ich schlucke heftig und versuche, die aufkeimende Übelkeit zu unterdrücken.

»Sind wir endlich da?«, frage ich mit zusammengebissenen Zähnen.

»Halte durch, mein Engel«, sagt Jens lachend und fährt langsamer.

Es ist schon dunkel an diesem frühen Abend, dem Heiligabend, dem wunderbarsten Abend des Jahres.

»Da drüben sind wir richtig.« Jens zeigt auf ein beleuchtetes Schild mit der Hausnummer 27.

Ich recke meinen Hals und schaue aus dem Fenster. Von dem Haus kann ich noch nichts erkennen, stattdessen sehe ich eine hohe Mauer, die über und über mit Efeu berankt ist.

Jens parkt ein und hilft mir samt meinen Flügeln, aus dem Auto herauszuklettern. Endlich kann ich meinen Rücken wieder entspannen. Ich atme tief durch. Ah, die kalte Luft tut gut, mein Gleichgewichtssinn beruhigt sich wieder, und mein Mageninhalt bleibt brav, wo er hingehört. Zum Auflockern hüpfe ich noch ein paarmal auf und ab. Dann helfe ich Jens, den Bart umzuhängen und seine schöne rote Mütze mit der weißen Fellborte anständig aufzusetzen.

»Kann losgehen«, sagt Jens mit brummiger, tiefer Stimme.

Bester Laune nähern wir uns dem schwarzen, schmiedeeisernen Tor. Neben der Hausnummer ist eine Gegensprechanlage mit einem kleinen runden Kamera-Auge in das Mauerwerk eingelassen, und über uns hängt eine weitere Überwachungskamera.

»Wenn du klingelst, mach mal gleich dein schönstes Weihnachtsmanngesicht«, sage ich zu Jens und deute auf die Kameras.

»Na hör mal, ich bin ein echter Weihnachtsmann-Profi!«, antwortet Jens, drückt entschlossen auf den Messing-Klingelknopf und grinst von einer Wange zu anderen, als hätte er gerade eine dieser rot-weiß gestreiften Weihnachts-Zuckerstangen quer im Mund.

»Ja, bitte«, hören wir eine blecherne Stimme durch die Sprechanlage.

»Der Weihnachtsmann«, sagt Jens und grinst weiter.

»Und der Weihnachtsengel«, flöte ich hinterher.

Für einen Moment ist Stille. Wer auch immer an der Sprechanlage ist, wird informiert sein, dass man uns gebucht hat. Trotzdem, Weihnachtsmann und Engel hat man ja nicht jeden Tag vor der Hütte stehen, da sind ein paar Sekunden des respektvollen Innehaltens verständlich.

Es ertönt ein leises Summen, dann ein Klicken, und das schwere Tor schwingt auf.

»Wie heißen die Leute noch mal?«, frage ich Jens, als wir uns über den knirschenden Kiesweg in Richtung Haus bewegen. Der Weg wird gesäumt von immergrünen Buchsbäumen, die sorgsam in Kegelform geschnippelt worden sind. Selbst im Halbdunkel kann ich erkennen, dass hier kein Ästlein und kein Blättchen wagt, einen Alleingang zu veranstalten und die feine Geometrie zu stören. Oh, da steht sogar ein Springbrunnen, der momentan nicht in Betrieb ist. Aber im Sommer spucken die imposanten Löwen aus Stein wahrscheinlich sprudelnd Wasser in die Luft. Die Grünanlage vor dem Haus erinnert an ein Labyrinth aus Bäumen, Büschen und Hecken, in dem man sich verstecken oder verlaufen oder neckische Spiele treiben kann – alles höchstens eine Nummer kleiner als die Schlossgärten von Versailles. Mir bleibt jedenfalls erst mal die Spucke weg.

»Die Leute heißen Steiner«, antwortet Jens.

»Und was machen die Steiners so?«, frage ich.

»Ganz offensichtlich eine Menge Kohle. Er ist Unternehmer, ein Schuhproduzent. Die stellen qualitativ hochwertige Schuhe her, haben ein paar Luxus-Labels und Geschäfte in aller Welt, zum Beispiel Saint-Germain für Männer und Scarpella für Frauen, kennst du sicher.«

»O ja! Na, da werden die von meinen weißen Stiefeln ja nicht sehr begeistert sein«, sage ich zweifelnd. Meine weißen Stiefel waren nämlich nicht immer weiß, sondern eigentlich mal braun. Die habe ich in mühsamer Sprüharbeit gefärbt, weil braune Stiefel zu einem Engelskostüm natürlich voll daneben aussehen. Allerdings, wenn man genau hinschaut, wirken die Stiefel einfach nur weiß bemalt.

»Ich glaube nicht, dass sich hier jemand für deine Stiefel interessiert. Bei den Locken und bei den grünen Augen ...«

Jens schaut mich an. Ein flirtender Weihnachtsmann. Irgendwie wäre es gerade netter, er hätte keinen weißen Rauschebart im Gesicht.

Aus dem Augenwinkel sehe ich etwas leuchten – eine gerade sehr willkommene Ablenkung – und schaue schnell von Jens in die Richtung des Lichts.

»Der absolute Wahnsinn!«, rufe ich, als ich den gigantischen Weihnachtsbaum vor dem Haus betrachte. »Ist der schön! So einen Riesenbaum gibt es doch höchstens noch in New York vor dem Rockefeller Center.«

»Du mit deinem Weihnachtszauber. Für dich kann es echt nicht genug Deko sein, oder?« Jens schüttelt den Kopf.

Mir ist das egal. Ich bin begeistert! Von jeher ist die Weihnachtszeit für mich die phantastischste des Jahres, und ich lasse mir diesen Genuss nicht von den ironischen Bemerkungen eines Möchtegern-Rockstars im Polyester-Weihnachtsmann-Kostüm vermasseln.

Das Haus verschlägt mir endgültig den Atem. Palast wäre vielleicht der richtige Ausdruck. Oder Villa eines Erbprinzen oder Erstdomizil eines Hollywood-Moguls oder eben das Schloss eines Schuhkönigs. Schneeweiß mit mächtigen griechisch-römischen Säulen, einer imposanten Eingangstür und einer historischen Fassade, so breit und mit so hohen Rundbogenfenstern bestückt, dass ich eigentlich erwarte, gleich den Geist von Sissi im Inneren des Hauses lustwandeln zu sehen.

Vorsichtig steige ich die Stufen zum Eingang hinauf. Sie schimmern ein wenig glatt, nur nicht ausrutschen, es gibt schließlich kaum etwas Traurigeres als einen gefallenen Engel mit vielfarbig schillernden Blutergüssen.

Ein älterer Herr in einem dunklen Anzug und mit ernstem Gesichtsausdruck öffnet die schwere Tür. Gerade als ich ihm ein munteres »Frohe Weihnachten, Herr Steiner«, entgegenschmettern will, sehe ich, wie er einen angedeuteten Diener macht. Sehr untypisch für einen erfolgreichen Schuhproduzenten.

»Der Butler«, raunt Jens mir zu.

Klar, wer auch sonst? Herzlich willkommen im Spielfilm! Das reale Leben bleibt draußen, Weihnachtsengel Nina ist soeben in einer Parallelwelt gelandet.

»Guten Abend«, sagt der Butler. »Wenn Sie mir bitte in den Salon folgen würden.«

Ich nicke nur. Mir hat es nun endgültig die Sprache verschlagen. Dass jemand mal so einen Satz zu mir sagen und mich dann tatsächlich in einen Salon führen würde, wäre mir in meinen kühnsten Träumen nicht eingefallen. Wie er wohl heißt, der Butler? James? Oder John? Oder Edward? Sicher hat er einen englischen Namen und eine britische Butler-Ausbildung vom Feinsten.

Auf Zehenspitzen bewege ich mich über einen dicken persischen Teppich, der auf dem Marmorboden in der Empfangshalle liegt. Eine geschwungene Holztreppe führt nach oben, irgendwohin in den Luxushimmel. Wir laufen an der Treppe vorbei, ebenso an einem überdimensionalen Spiegel mit aufwendig facettiertem Glasrahmen und einem Kronleuchter, der so riesig ist, dass man zu dritt bestimmt mindestens zwölf Stunden braucht, um Hunderte und Aberhunderte schimmernder Kristall-Teilchen zu polieren.

Und dann stehen wir im Salon.

Genauer gesagt, ich, Nina Berger, stehe zum ersten Mal in meinem Leben in einem Salon. Zusammen mit dem Weihnachtsmann. Wenn ich das meinen Kindergarten-Kolleginnen erzähle, werden die baff sein!

»Bitte nehmen Sie Platz«, sagt der Butler mit dem unbewegten Gesicht. Der würde beim Pokern bestimmt hervorragend bluffen. »Die Herrschaften werden von nebenan klingeln, das ist dann Ihr Zeichen.« Er deutet auf die Tür zum Nebenzimmer.

»Vielen Dank, Alfred«, sagt Jens, und der Butler entfernt sich.

»Alfred?«, frage ich.

»Ja, er heißt Alfred. Was wundert dich daran?«

»Ich hätte schwören können, sein Name ist James«, antworte ich und muss kichern.

»Alfred hat mit mir einen persönlichen Vorstellungstermin vereinbart. Alfred hat mich in diesem Salon interviewt und mir die Familienverhältnisse erklärt. Alfred hat uns gebucht. Alfred regelt auch die Bezahlung. Alfred ist ...«

»... der Butler, ich weiß!«

»Und ein enger Vertrauter des Hausherrn, er organisiert hier einfach alles.«

»Ach, echt? Ich dachte, das macht in reichen Familien die Hausherrin. Was organisiert die denn dann?«

»Na, den Alfred!« Jens grinst und lässt sich auf ein dunkelgrünes Samtsofa plumpsen.

Nach der Tortur im Auto will ich mir nun nicht noch kurz vor meinem Einsatz  Kleid und Flügel zerdrücken. Das mit dem Hinsetzen ist und bleibt schwierig für Engel. Außerdem bin ich jetzt viel zu zappelig und zu aufgeregt, um tatenlos herumzuhängen. Was gibt es hier nicht alles zu entdecken!

Neben dem Sofa steht ein silberner Art-déco-Servierwagen auf vier Rädern. In der unteren Etage sind verschiedene elegante Kristallgläser fein säuberlich aufgereiht: höhere Gläser mit zarten Stielen, dicke, bauchige Gläser mit kurzem Stiel und runde Wassergläser. Oben thronen eckige und abgerundete Karaffen, einige haben einen Silberstöpsel, andere einen aus Glas. Die durchsichtigen Karaffen schimmern je nach Inhalt in den verschiedensten Farben: cognacbraun, kräutergrün, goldgelb oder transparent.

Mein Blick wandert weiter durch den Raum zu den großen Porträts, allesamt in Öl gemalt und offenbar die männliche Linie der Steiner-Dynastie präsentierend. Sie zieren die mit edlem dunkelgrünem Stoff bespannten Wände. Die goldgerahmten Bilder erinnern mich an die Abteilung der Alten Meister im Museum.

»Wer ist denn nun der Herr Steiner?«, frage ich Jens.

»Na, alle. Ein Steiner neben dem anderen. Der heutige, also das Familienoberhaupt, hängt ganz rechts.«

Ich betrachte die Bilder genauer. Die Gesichtszüge der Herren ähneln sich sogar recht stark: Sie haben allesamt ein ausgeprägtes Kinn, blaue Augen und einen für Männer ungewöhnlich schönen Mund mit üppigen Lippen. Bei den Haarfarben gibt es Unterschiede, was allerdings auch daran liegt, dass einige der Porträts wohl gemalt wurden, als die Herren schon betagter und damit ergraut waren.

Ich wende mich einer alten Kommode zu, nein, antik muss es wohl heißen. Sie hat viele Schnörkel und Intarsien und fein polierte Messingbeschläge. Auf der Kommode stehen Dutzende von Silberrahmen, allesamt mit Fotografien in Schwarz-Weiß und in Farbe bestückt und wie die Ölgemälde offenbar chronologisch von links nach rechts angeordnet. Auf den Familienfotos ganz links gibt es noch eine Kutsche, und je weiter man nach rechts schaut, desto moderner werden die Wagen und die Kleidung der Menschen.

Natürlich interessieren mich die Frauen der Familie, besonders die der Neuzeit.

»Guck mal, hier vor der Palme, der Herr Steiner mit seiner Frau, oder? Sieht aus wie ein Foto aus den siebziger Jahren. Da trug man doch solche Klamotten mit wilden bunten Mustern und großen Hemdkrägen. Die Steiners sehen klasse aus, total Bohemien und trotzdem teuer gekleidet. Und das schicke Cabriolet! Erinnert alles an die Paare früher an der Côte d’Azur. Vielleicht ist das Foto sogar dort geschossen worden, Palmen gibt’s da ja genug.«

Dann folgen Hochzeitsfotos der beiden, schließlich Fotos mit einem Baby auf dem Arm, gekleidet in Rosa. Aha, sie haben also eine Tochter, eine Schuhprinzessin, eine Cinderella, die keine Probleme hätte, wenn sie mal einen Schuh verlieren sollte, weil sie dann von Papa sofort ein neues Paar geschenkt bekäme. Da, das Töchterlein als Teenager und schließlich als erwachsene Frau im Badeanzug. Sie hat die großen blauen Augen ihres Vaters geerbt und den hübschen vollen Mund. Ich halte das Foto hoch und zeige es Jens. »Hier, schau mal, die Tochter des Hauses.«

Jens pfeift anerkennend durch die Zähne. »Stimmt, das ist Isabella, eine geborene Steiner. Von ihr hat Alfred auch gesprochen. Die ist eine echte Granate!«

Klar, weißer Badeanzug, üppiger Busen, lange Beine, lange, blonde Haare – was erwarte ich da von einem Mann? Es steckt wohl in jedem Kerl ein gaffender Bauarbeiter, der sofort in einen Kopfkino-Modus verfällt und erotische Phantasien ablaufen lässt.

Und schon geht es weiter mit dem nächsten Silberrahmen. Ja, die Tochter Isabella, immer noch jung, vielleicht Mitte zwanzig, und selbst mit einem Baby auf dem Arm. Glücklich sieht sie aus.

Wo ist denn der Gatte dazu? So ein Baby macht sich ja schließlich nicht von allein, das Fräulein Steiner ist aus gutem Hause und hat unter Garantie ganz artig geheiratet, bevor sie Jungmutter wurde. Ha, da sehe ich schon das Hochzeitsfoto, es folgt auf das Baby-Foto, hier ist die Reihenfolge der Bilder wohl beim Abstauben etwas durcheinandergeraten. Das passiert im anständigsten Haushalt, Alfred kann seine Augen schließlich nicht überall haben.

Ich schaue auf die schöne Steiner-Tochter mit ihrem attraktiven Ehemann.

Details

Seiten
73
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958244269
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309474
Schlagworte
Liebesroman Humor Roman Feelgood Roman Romantik Romantische Komödie Weihnachtsroman Hera Lind Gaby Hauptmann Dora Heldt Neuerscheinung eBooks

Autor

Zurück

Titel: Beschwipste Engel küsst man nicht