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Jack Deveraux, Der Dämonenjäger - Sechster Roman: Dämonendämmerung

Roman

2015 59 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Der finale Kampf steht bevor … Als Jack einen Laden betritt, geschieht das Unmögliche: Die Zeit bleibt stehen. Niemand außer ihm kann sich bewegen, selbst ein Paket, das gerade zu Boden fällt, hängt starr in der Luft. Gleichzeitig hört Jack ein seltsames Summen. Er folgt dem Geräusch und stößt auf einen Riss in der Wand, in dem es seltsam rot pulsiert. Jack tritt näher – und wird von einem grellen Licht geblendet. In der nächsten Sekunde läuft die Zeit wieder normal. Was ist geschehen? Bei den Nachforschungen kommen Jack und Emma einem dämonischen Plan auf die Spur, der direkt aus den Feuern der Hölle stammt …

Er ist jung. Er ist mutig. Und er ist auf der Jagd: Jack Deveraux – der Dämonenjäger. Begleiten Sie ihn und seine Assistentin Emma im Kampf gegen die Kreaturen der Finsternis!

Über die Autorin:

Xenia Jungwirth, geboren 1978 in Straubing, ist gelernte Mediendesignerin und war schon als Kind von Märchen und Mythen fasziniert. Während ihres Studiums der Kunstgeschichte entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Schreiben. Reale und fantastische Elemente bilden die perfekte Mischung für ihre Geschichten: Der Leser soll in eine Welt eintauchen, die ihm vertraut ist – und doch ganz anders. Xenia Jungwirth arbeitet als freie Autorin. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Nähe von München.

Die Reihe Jack Deveraux – Der Dämonenjäger umfasst folgende Einzelbände:

JACK DEVERAUX – DER DÄMONENJÄGER. Erster Roman: Pforte der Finsternis
JACK DEVERAUX – DER DÄMONENJÄGER. Zweiter Roman: Nachtalb
JACK DEVERAUX – DER DÄMONENJÄGER. Dritter Roman: Ravanas Herz
JACK DEVERAUX – DER DÄMONENJÄGER. Vierter Roman: Sirenengesang
JACK DEVERAUX – DER DÄMONENJÄGER. Fünfter Roman: Dunkle Flut
JACK DEVERAUX – DER DÄMONENJÄGER. Sechster Roman: Dämonendämmerung

Entdecken Sie spannende Abenteuer mit Jack Deveraux im Internet auf http://jackdeveraux.com/ und https://de-de.facebook.com/DerDaemonenjaeger

Bei dotbooks erschien bereits die sechsbändige Reihe Mystery Diaries.

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Originalausgabe Oktober 2015

Copyright © 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Haus der Sprache, Halle/Saale

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von kwest / shutterstock

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-325-5

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Xenia Jungwirth

JACK DEVERAUX
Der Dämonenjäger

Sechster Roman: Dämonendämmerung

dotbooks.

Kapitel 1

Emma und ich saßen vor Vaters geheimem Dämonenjäger-Arsenal und arbeiteten uns durch diverse Ordner. Das hieß, Emma arbeitete, und ich schaute mir die Sachen uninteressiert an und legte sie dann wieder weg. Warum mussten wir denn das alles durchschauen? Und vor allem: Warum jetzt? Ich konnte Emmas Eifer nicht nachvollziehen. Mir fielen mindestens drei Dinge ein, die ich im Moment lieber getan hätte, als in Vaters Kram zu stöbern: Erstens Fernsehen. Auf das Baseball-Spiel freute ich mich schon die ganze Woche, und live war Sport einfach etwas anderes als aus der Konserve. Zweitens: Ein kühles Bier mit einer hübschen Blonden in Dave’s Bar. Oder einer Brünetten. Oder Schwarzhaarig. Egal welche Haarfarbe, Hauptsache ich musste mit ihr kein Dämonenjäger-Zeug katalogisieren!

Dummerweise war ich nicht in Dave’s Bar, und die Brünette, mit der ich gerade Dämonenjäger-Zeug katalogisierte, sah mich auffordernd an.

»Und, Jack? Hast du den Ordner schon durch?«

»Ja«, log ich und stellte das Ding ungelesen wieder zurück. Ich verstand ja, dass es wichtig war, sich auf Angriffe von allen möglichen Dämonen, Schattenwesen und anderem Höllen-Getier vorzubereiten, aber musste das denn jeden Abend sein? Das war der fünfte in Folge, und ich hätte nur zu gern auch mal wieder etwas anderes gemacht. Jeder Dämonenjäger braucht irgendwann mal eine Pause. Und ein neues Auto. Wobei wir bei drittens wären: Auto-Zeitschriften und Websites durchforsten. Mein Ford war nach dem wasserreichen Angriff des Kelpie sowas von hinüber, und ich hatte keine Lust auch nur eine Minute länger mit Emmas Mini herumzufahren. Der hatte das Ganze natürlich fast unbeschadet überstanden! Ein Tag in der Werkstatt, und er war wieder so gut wie neu. Mein Ford dagegen – Totalschaden. Aber auch, wenn der Mini sich als erstaunlich robust herausgestellt hatte, er war nichts für mich. Ich wollte ein richtiges Auto, eines für Männer. Eines, in das ich hineinpasste. Und gern auch eine Blondine. Oder Brünette. Oder Schwarzhaarige.

Ich grinste.

»Was ist so lustig?«, fragte Emma und runzelte die Stirn. Sie hielt eine Art Einmachglas in der Hand.

»Nichts.«

Sie gab sich mit der Antwort zufrieden und hielt mir das Glas hin. »Weißt du, was das ist?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ein Marmeladenglas in Familiengröße?«

Sie schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. »Sehr witzig, Jack. Das ist eine Falle.«

»Aha. Und wofür? Glühwürmchen? Aber vergiss nicht, Löcher in den Deckel zu machen, sonst wird das ein sehr kurzes Vergnügen.«

Emma fand meine Idee nicht so lustig. Sie seufzte und schüttelte erneut den Kopf. »Womit habe ich das nur verdient«, murmelte sie, und ich war mir sicher, sie hatte es absichtlich laut genug gesagt, dass ich es hören musste.

»Das hier ist eine Falle für Kleinstdämonen des ersten Kreises«, erklärte sie.

»Was zum Teufel ist ein Kleinstdämon?«

Mit der Hierarchie der Dämonen hatte ich mich bisher nicht besonders ausführlich beschäftigt. Um ehrlich zu sein, hatte ich mich gar nicht damit beschäftigt.

»Na ja, ein kleiner Dämon eben, also körperlich klein. So dass er in dieses Glas passt. Aber nur weil ein Dämon sehr klein ist, heißt das natürlich nicht, dass er nicht gefährlich ist. Du erinnerst dich bestimmt an den Nachtalb …«

Oh ja, das tat ich. Und es waren definitiv keine schönen Erinnerungen.

»Jedenfalls«, fuhr Emma fort, »wenn du einen passenden Köder hinein legst, zieht es den Dämon in das Glas, und er ist in der Falle gefangen.«

»Toll, dann hab ich einen Dämon im Marmeladenglas.«

Emma seufzte. »Ich glaube, für heute lassen wir es gut sein.«

»Oh ja, das ist eine hervorragende Idee.«

Ich sprang auf, und Emma warf mir einen giftigen Blick zu. Ich grinste. Zugegeben, etwas weniger Begeisterung angesichts der Tatsache, dass sie gleich gehen würde, wäre taktvoller gewesen. Aber Takt war ja noch nie meine Stärke.

Sie erhob sich. »Ich geh dann mal. Hast du was dagegen, wenn ich die Falle und dieses Buch mitnehme? Ich würde mir das gerne zu Hause genauer anschauen. Es ist wirklich faszinierend.«

»Nein, kein Problem, nimm das Zeug mit. Sonst noch was?«

Ich lächelte sie auffordernd an und machte eine Geste wie ein Krämer, der seine Waren feilbot.

»Hmm … die Armbrust?« Sie sah mich unschuldig an.

Ich wurde schlagartig ernst. Emma und die Armbrust waren nicht kompatibel. Ganz und gar nicht!

»Nein.«

Sie seufzte theatralisch, grinste und packte das Glas und das Buch in ihre Tasche. »Dann bis morgen, Jack, und gute Nacht.« Sie ging zu Tür.

»Gute Nacht, Emma. Bis morgen.«

»Und schau nicht wieder so lang fern. Die Red Sox werden sowieso gewinnen.«

»Werden sie nicht«, knurrte ich und schloss die Tür hinter ihr.

Ich warf mich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Ha, sehr schön, das Spiel hatte gerade erst angefangen, ich hatte noch nicht allzu viel verpasst. Die Red Sox führten mit vier Punkten im zweiten Inning. Na großartig.

***

Am nächsten Morgen kam ich pünktlich in den Laden. Für meine Verhältnisse pünktlich, also eine knappe Stunde zu spät.

»Gut, dass du da bist, Jack«, begrüßte mich Emma und schenkte mir eine Tasse Kaffee ein.

»Guten Morgen, Emma.« Ich ließ mich auf den Schreibtischstuhl sinken und gähnte. Das Baseballspiel hatte ewig gedauert, aber es hatte sich gelohnt: Die Red Sox hatten im neunten Inning doch noch verloren. Hehe.

Emma schob mir die Tasse hin und sah mich an. Sie wirkte nervös.

»Was ist los?«, fragte ich und nahm einen Schluck.

Irgendetwas stimmte hier nicht. Emma hatte mich nicht ausgiebig für mein Zuspätkommen gerügt, obwohl das inzwischen sowas wie unser Begrüßungsritual war: ›Jack, du bist so und so viele Minuten zu spät, wir öffnen um halb neun. Für ein seriöses Antiquariat ist es unerlässlich, dass man pünktlich ist.‹ Und meine Antwort war dann immer: ›Guten Morgen, Emma, das ist mein Buchladen, ich bin der Chef. Fürs Pünktlichsein habe ich ja dich.‹ Aber heute … hmm … Was war nur los mit ihr?

Emma biss sich auf die Lippen und griff dann nach ihrer Handtasche. »Hier«, sagte sie triumphierend, zog das Marmeladenglas von gestern heraus und stellte es vor mir auf dem Schreibtisch ab.

In dem Glas hockte ein kleines Tier. Eine Fledermaus.

»Ich habe einen Dämon gefangen«, sagte Emma stolz und sah mich erwartungsvoll an.

Ich schaute mir das Tier genauer an. Die Fledermaus war vielleicht zwanzig Zentimeter groß und hatte merkwürdige Proportionen. Der Rumpf war viel zu massig für den kleinen Kopf. Ihre Flügel waren sehr klein und sahen nicht so aus, als könnten sie das Gewicht des Tieres tragen. Eines seiner Augen war trüb und blind, was das Vieh nur noch hässlicher machte. Überhaupt erinnerte der ganze Kopf mehr an eine Ratte als an eine Fledermaus. Aber was wusste ich schon von Fledermäusen. Ich war schließlich nicht Batman.

»Das ist eine Fledermaus«, sagte ich trocken.

»Ist es nicht!« Emma war empört. »Das ist ein Dämon.«

Ich schüttelte den Kopf. Zugegeben diese Kreatur war selbst für eine Fledermaus extrem hässlich, aber ein Dämon sah anders aus. Und ich sollte das wissen, schließlich hatte ich fast tagtäglich mit welchen zu tun. »Nein, das ist eine Fledermaus. Eine besonders hässliche, aber …«

»Es ist ein Molossus.«

Was war das denn für ein bescheuerter Name? Das klang nach irgendwas Großem, Schwerem, aber ganz sicher nicht nach einem zwanzig Zentimeter großen Ungeziefer. »Ein was? Ist das der zoologische Fachausdruck für ›besonders hässliche Fledermaus‹?«

Emma zog die Schublade auf, nahm die Enzyklopädie meines Vaters heraus und schlug sie auf. Dann patschte sie mit meiner Hand auf die Seiten, und das Buch verwandelte sich in die »Enzyklopädie der Flora und Fauna der UnterWelt«.

Die Fledermaus und ich schauten ihr zu, wie sie in dem Buch blätterte und schließlich auf einen Eintrag tippte. »Hier. Lies.«

Sie hielt mir die Enzyklopädie unter die Nase, und ich las brav den Abschnitt:

Molossus. Ein Kleinstdämon des ersten Kreises. Das Aussehen ähnelt dem einer Fledermaus oder Ratte. Taucht oft in Rudeln von fünf bis sechs Exemplaren auf. Lästig aber harmlos.

Ich musste grinsen. Dieser Dämon, sofern es sich denn überhaupt um einen handelte, war so harmlos, dass er dem Verfasser des Buches gerade einmal zwei mickrige Zeilen wert war. Was ich allerdings bemerkenswert fand, war die Tatsache, dass Emma meine Enzyklopädie offensichtlich so gut wie auswendig konnte. Aber sie hatte ja auch viel öfter darin gelesen als ich. Viel, viel öfter.

Ich nahm das Glas und betrachtete das Wesen darin genauer. Na gut, es sah ein wenig anders aus als eine Fledermaus. Aber wie ein Dämon …

Plötzlich stieß die Kreatur einen schrillen Schrei aus. Gleichzeitig verrenkte sie sich und klappte zwei Paar zusätzliche Beine aus. Sein Unterkiefer teilte sich, und lange Nagezähne blitzten aus dem dreieckigen Maul. Sein gesundes Auge funkelte böse. Schnell stellte ich das Glas wieder ab. Whoa! Okay, das war definitiv keine Fledermaus!

»Ha!«, sagte Emma und trat wieder näher an den Schreibtisch heran. »Siehst du? Es ist ein Dämon.«

Das Vieh kratzte am Glas, und seine Krallen verursachten ein scheußliches Knirschen.

»Ja, sehr schön, und wahrscheinlich hat er gerade seine Kumpels gerufen.«

»Oh.« Emma presste die Lippen aufeinander. »Meinst du wirklich der Rest seines Rudel kommt … hierher?«

»Möglich, oder?« Ich stand auf und schnappte mir das Glas. »Aber ich werde bestimmt nicht warten und es herausfinden.«

Der Molossus fauchte und quietschte.

»Hör auf damit!«, rief ich und drehte das Glas um.

Der kleine Dämon plumpste gegen den Deckel und knurrte.

Langsam drehte ich das Glas wieder um. Der Molossus rutschte zurück auf den Boden und sah mich beleidigt an. Aber immerhin war er still.

»Was hast du mit ihm vor?«, fragte Emma und folgte mir nach draußen.

»Das, was ich immer tue.«

Ich ging in die Gasse hinter dem Buchladen und stellte die Falle auf den Boden.

Der kleine Dämon beäugte mich argwöhnisch. Ich zog den Utgard-Dolch aus der Tasche.

Als der Molossus die Klinge sah, drückte er sich verängstigt gegen das Glas.

»Irgendwie tut er mir leid«, sagte Emma leise und sah mich unglücklich an.

Wenn ich in den letzten Wochen etwas gelernt hatte, dann dass Dämonen keinerlei Mitleid mit einem haben. Nein, sie versuchen permanent einen in Stücke zu reißen, zu ertränken oder auf eine andere Art möglichst schmerzhaft ins Jenseits zu befördern. Und auf eine Horde kleiner Fledermausdämonen im Buchladen hatte ich auch keine Lust. Ich öffnete das Glas und hob den Dolch.

Der Molossus fiepte. Sein gesundes Auge sah mich traurig an.

Verdammt. Jetzt tat er mir auch leid. Und eigentlich war er ja harmlos. Zumindest stand das in der Enzyklopädie. Ich nahm den Dolch wieder runter und seufzte.

Der kleine Kerl steckte in der Falle und zitterte.

Dämon hin oder her, ich konnte es nicht tun. Also steckte ich den Dolch zurück in meine Jacke und schüttelte den Kleinstdämon aus dem Glas.

»Los, verschwinde! Und komm ja nicht auf die Idee, wieder zu kommen!«

Wie der Blitz schoss der Molossus an uns vorbei. Kein Wunder, schließlich hatte er sechs Beine. Er rannte die Hauswand hoch, klappte die mickrigen Flügel aus und segelte davon. Hmm. Anscheinend trugen sie ihn doch.

Emma sah mich an und hob die Augenbrauen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ich war schneller: »Nein, sag nichts. Ich weiß, ein Dämonenjäger sollte Dämonen jagen und nicht frei lassen.«

Ich hob das Glas auf und ging zurück in den Buchladen. Emma folgte mir.

»Außerdem hast du dieses Vieh ja schließlich angeschleppt!«, zischte ich, als sie erneut ansetzte, etwas zu sagen.

Emma klappte den Mund zu und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Dann nahm sie mir das Glas aus der Hand und verzog sich wortlos ins Büro.

***

Der Vormittag und der größte Teil des Nachmittags vergingen sehr schnell. Wir hatten ungewöhnlich viel Kundschaft, und Emma war gut beschäftigt, während ich die Post sortierte und die restliche Zeit mit Auto-Recherche verbrachte. Weder der Molossus noch seine Kumpels waren aufgetaucht, und ich fing langsam an, mich über das Ganze zu amüsieren. Ein Kleinstdämon im Marmeladenglas – in Japan wäre das bestimmt ein Hit. Die standen doch auf sowas. Hehe.

»Jack?« Emma betrat das Büro. Sie sah ein wenig abgekämpft aus.

»Anstrengender Kunde?«

Sie seufzte und nickte. »Mrs. Goodman.«

Ich verzog das Gesicht. Oh ja, die war anstrengend. Einmal war ich nach einer äußerst unangenehmen Begegnung halb zerfetzt in den Laden gekommen, und Mrs. Goodman hatte mir eine Empfehlung für einen Hundetrainer in Providence gegeben. Seitdem fragte sie ständig, wie es mir und meinem lebhaften Vierbeiner denn inzwischen ging. Gottseidank hatte sie nicht mitbekommen, dass ich da war, denn mir gingen langsam die Geschichten über meinen imaginären Hund aus. Wie hieß er nochmal? Buddy?

Emma grinste. »Ich soll dir und Bowser schöne Grüße ausrichten.«

Ach ja, Bowser. Nicht Buddy. »Danke, ich geb’s weiter.«

Sie sah auf die Uhr. »Was schon vier? Könntest du bitte den Einkauf für den Laden erledigen? Ich bin echt geschafft.«

Ich erhob mich und nahm meine Jacke. »Klar, kein Problem.«

Emma reichte mir eine Liste. »Hier. Falls du Fragen hast, ruf an.«

Ich sah sie an. »Das ist eine Einkaufsliste für Büroartikel, keine Anleitung für ein Raketentriebwerk. Ich komm schon zurecht.«

»Na gut, dann bis später.« Sie ließ sich auf meinen Schreibtischstuhl sinken.

»Bis später, Emma.« Ich verließ das Büro.

»Ach, Jack?«

»Ja?« sagte ich und machte die Tür nochmal auf.

»Bleib auf dem Rückweg nicht zu lange beim Autohändler!«

»Nein«, knurrte ich und schloss die Tür.

Woher zum Teufel wusste sie das denn schon wieder?

***

Ich stand vor dem Regal und schaute auf die Liste: Briefumschläge. Wozu? Es gab doch E-Mails. Warum sich also die Mühe machen und etwas per Post schicken, wenn es erstens langsamer und zweitens mühsamer war? Aber Emma wollte Briefumschläge, also bekam sie welche. Mal sehen. Es gab ungefähr zwanzig verschiedene Größen und das Ganze dann nochmal in unterschiedlichen Farben und Papiersorten. Großartig. Auf meiner Liste stand »Briefumschläge«. Ich schüttelte den Kopf. Woher sollte ich denn jetzt wissen, welche Umschläge die richtigen waren? Aber Emma anrufen und nachfragen – nein, das kam ganz bestimmt nicht in Frage. Ich hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sie reagieren würde. Hmm. Aber ich konnte ja schlecht ein Päckchen von allen nehmen. Naja, es musste für den Buchladen sein; also geschäftlicher Schriftverkehr. Das schränkte die Sache doch schon einmal ein. Nichts Buntes also. Blieben noch etwa zehn verschiedene Sorten. Na toll. Es half nichts.

Ich seufzte und fing an ein Päckchen von jeder Sorte aus dem Regal zu nehmen, als eine Frau in einem grauen Kostüm neben mich trat. Sie sah aus wie eine Sekretärin. Eine Sekretärin schrieb doch pausenlos Geschäftsbriefe – mal sehen, welche Briefumschläge sie nahm.

Plötzlich verharrte sie mitten in der Bewegung. Wie versteinert stand sie da, den Blick starr auf das Regal gerichtet, die Hand ausgestreckt, nur wenige Zentimeter von einem Päckchen Umschläge entfernt.

»Eh … Miss? Ist alles in Ordnung?«

Sie reagierte nicht.

»Miss?« Ich legte die Umschläge ab. Die Frau bewegte sich keinen Millimeter, die Hand noch immer ausgestreckt. Ein mulmiges Gefühl machte sich in meiner Magengrube breit. Ich berührte sie am Unterarm und erschrak. Sie fühlte sich eiskalt an. Außerdem fiel mir jetzt auf, dass noch etwas nicht stimmte: Sie atmete nicht. Erschrocken machte ich einen Schritt rückwärts und stieß mit einem anderen Kunden zusammen.

»Tut mir leid–«, stammelte ich.

Weiter kam ich nicht. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken.

Der Mann, den ich angerempelt hatte, hatte gerade eine Schachtel mit Kugelschreibern aus dem Regal gezogen. Offensichtlich hatte die Kiste zu viel Schwung drauf, denn die Stifte waren gerade dabei auf den Boden zufallen. Aber sie taten es nicht. Drei Kugelschreiber schwebten in der Luft – auf halbem Weg zwischen Schachtel und Boden. Der Mann hatte den Mund geöffnet und wollte wohl gerade etwas sagen, aber auch er bewegte sich nicht.

Was zum Teufel war hier nur los?

Ich lief den Gang hinunter, und meine Schritte hallten ungewöhnlich laut durch den Laden. Sonst herrschte Totenstille. Und überall das gleiche Bild: regungslose Menschen, in der Zeit erstarrt. Automatisch wanderte meine Hand in meine Jackentasche und umschloss den Griff des Utgard-Dolches. Bildete ich mir das nur ein, oder fühlte sich der Dolch warm an?

Ein Geräusch lenkte mich ab. Ein leises Summen, das vorher noch nicht da gewesen war. Vorsichtig folgte ich dem Ton. Der Anblick der erstarrten Kunden in den Gängen verpasste mir eine gehörige Gänsehaut. Sie sahen aus wie Gestalten aus einem Wachsfigurenkabinett. Nur dass es keine Figuren waren. Es waren Menschen …

Ich suchte weiter nach der Ursache für das Summen und schaute um die Ecke des Ganges. Fassungslos blieb ich stehen. Etwa drei Meter vor mir war eine Art Riss in der Wand des Ladens. Doch dahinter waren weder Beton noch Mauerwerk sondern ein merkwürdiges, schwarz glänzendes Gestein. Es sah aus wie dickes Glas, und dahinter pulsierte ein seltsames rotes Licht.

Vorsichtig trat ich näher. Das Summen kam eindeutig aus der Richtung des Risses. Was verdammt noch mal war das?

Ich streckte die Hand aus, um das Glas zu berühren, doch plötzlich gab es einen grellen Blitz, und ich hielt mir die Hand schützend vor das Gesicht. Ich konnte nichts mehr sehen, nur bunte Flecken, die hektisch vor meinen Augen tanzten. Das Summen hatte aufgehört, stattdessen hörte ich etwas anders, dumpf und von weit weg. Stimmen …

Jetzt wurde es lauter.

»Junger Mann!«, sagte eine Frau.

Details

Seiten
59
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958243255
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309487
Schlagworte
eBooks Spannung Grusel Daemonen Daemonenjaeger alter Buch Familienerbe Hoelle

Autor

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Titel: Jack Deveraux, Der Dämonenjäger - Sechster Roman: Dämonendämmerung