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Jeden Tag den Tod vor Augen

Polizisten erzählen

2015 203 Seiten

Leseprobe

Vorwort von Dr. Maria Furtwängler

Tatort-Kommissarin Lindholm & die Polizei-Poeten

Ich weiß noch genau, wo ich in unserem Garten saß, als ich begann, dieses Buch zu lesen. Der Sommer hatte gerade begonnen, der Himmel war strahlend blau, das ganze Land ein WM-Freudentaumel.

Und dann die erste Geschichte: »Die Nacht, in der es Kinder regnete«. Die Tragödie der Tupolev am Bodensee, bei der mehr als 50 Kinder ums Leben kamen. Plötzlich war alles andere weggewischt. Es gab nur noch die Erzählungen der Kollegen, der echten Polizisten, die jeden Tag das erleben, was ich als Charlotte Lindholm im »Tatort« nur spielen muss.

Geschichten von Menschen, Polizisten, und ihrer Konfrontation mit dem Tod. Es kann 10 oder 20 Jahre her sein – der Abgrund scheint sich nie wirklich zu schließen. In jeder Geschichte fühlt man ihren Schmerz, spürt ihre Seele.

Auch wenn ich in München bei der Kripo zur Vorbereitung für meine Rolle als Kommissarin war, auch wenn ich weiß, dass die Leute dort ganz anders sind, als man sie sich vorstellt: Erst durch dieses Buch habe ich wirklich verstanden, was es heißt, auch in unserer scheinbar so sicheren Welt jeden Tag den Tod vor Augen zu haben, und dass jede dieser Erfahrungen tiefe Spuren hinterlässt. Es hat meinen Blick auf die Arbeit der Polizei verändert.

So wie die Arbeit für »Ärzte für die dritte Welt« mein Problembewusstsein an eine komplett andere Stelle gerückt hat. Mit jeder Geschichte, in der das Ausmaß menschlichen Leides eine Rolle spielt, wird man dünnhäutiger, irgendwann liegt die Seele blank. Das ist in Indien so, in Afrika, Bangladesch – und auch hier in Deutschland.

Wie bei dem Samurai in »Frühlingssonne«, der in Stuttgart mit seinem Schwert gleich auf eine ganze Menschenmenge losging. Wie mutig muss man sein, um einem solchen Amokläufer gegenüberzutreten, der schon diverse Menschen verletzt oder sogar getötet hat?

Da ist die Polizistin in »Machtlos«, die ein einjähriges Kind fast nackt und von seiner Mutter verlassen in einem Ställchen in der Wohnung findet, umgeben von stinkenden Müllbergen. Mit unserem »Bündnis für Kinder gegen Gewalt« versuchen wir genau gegen solche und viele andere grausame Familiensituationen anzugehen, aktive Hilfe anzubieten, die Kleinen zu schützen. Aber die ganze Ohnmacht der Situation, wie sie Polizist(inn)en in einem solchen und vielen anderen Augenblicken empfinden, wurde mir erst bewusst, als ich diese Geschichte las.

Oder wie sich eine Frau und Kollegin in »Ungutes Gefühl« fühlt, die eines Tages beim Bügeln ein Loch von einer Kugel im Hemd ihres Mannes entdeckt und plötzlich begreift, dass sie ihn um ein Haar verloren hätte. Und nur daran, dass er sie regelmäßig nachts im Dienst anruft, gibt er seine Angst zu erkennen.

Eine junge Frau wird missbraucht, und die Polizisten, die sie gerade noch rechtzeitig retten, können ihr eigenes Leben kaum vor dem rasenden, völlig durchgedrehten Täter in Sicherheit bringen.

Ein Mensch sprengt sich in der Heiligabend-Messe in die Luft und reißt die Betenden in den Tod, und eine noch ganz junge Polizistin steht frierend in der Nacht und versucht das zu sichern, was man im Leben so oft nicht sichern kann.

Ich war zutiefst erschüttert, als ich von dem kleinen toten Mädchen las, das ein Kommissar unter der letzten Decke im Bettkasten des 14-jährigen Täters übersehen hat ... und von seinem ohnmächtigen Schmerz darüber, der ihn bis heute verfolgt.

Oder von dem Vater, der seine Frau und eines seiner Kinder erschoss ... Als ich zum ersten Mal verstanden habe, wie es für einen Polizisten sein muss, zu den Großeltern zu gehen und ihnen von einer solchen Tragödie zu berichten. Einer echten unabänderlichen Tragödie, bei der die Scheinwerfer niemals ausgehen, und der Film auch nie zu Ende sein wird.

All diese Geschichten sind Realität, Fakten, mit denen Polizistinnen und Polizisten jeden Tag fertig werden, sie verarbeiten und neuen Mut entwickeln müssen. Sie gehen uns alle an. Dieses Buch geht uns alle an, denn was dort geschieht, geschieht mitten unter uns.

Die Arbeit, die Volker Uhl mit seinen Polizei-Poeten ins Leben gerufen hat, ist ein Stück Hoffnung und ein Schritt zur Heilung solcher Eindrücke. Zum ersten Mal kommen Polizisten zu Wort, die jemandem das Leben nehmen mussten, um ihr eigenes oder das der Opfer zu retten. Was für eine Entscheidung!

Dass wir nachts in diesem Land gut schlafen können, verdanken wir solchen Polizeibeamten, wie sie in diesem Buch auftauchen. Für einen kurzen Augenblick gewähren sie uns Einblick in das, was sie, auch um unsretwillen, riskieren und ertragen. Dafür verdienen sie unsere Achtung und unseren Dank.

Die Wahrheit ist immer die größte Geschichte.

Wie alles weiterging

von Volker Uhl, Ludwigsburg

»Trauerflor für die Streifenwagen ist angeordnet!«

Gestern war es wieder so weit – das Innenministerium schickte eine Mail an alle elektronischen Postkörbe in den Polizeidienststellen. Ein Kollege hatte im Dienst sein Leben verloren. Wieder in Berlin, unserer Hauptstadt, in der dieser Job gefährlicher zu sein scheint als in meiner barocken Kleinstadt oder der schwäbischen Gemütlichkeit Stuttgarts.

Uwe Lieschied war der Name hinter dem Trauerflor. Er wurde bei einer Personenkontrolle von zwei Tätern erschossen, die zuvor einer älteren Frau die Handtasche geraubt hatten. Einfach so.

Gibt es harmlose Kontrollen? Wahrscheinlich genauso wenig, wie sonnige Sonntagmorgen, die Ruhe und wenig Arbeit versprechen. Tausendfach halten wir täglich Autos an, führen Verkehrskontrollen durch, werden zu Streitereien in Wohnungen gerufen, überprüfen hunderte von Ladendieben, und meist passiert nichts. Harmlose Kontrollen eben. Genauso harmlos wie der Gifttrunk in der Wasserflasche ... solange man ihn nicht an den Mund führt.

Die Eigensicherungsregeln wurden uns in der Ausbildung eingebläut. Wir mussten sie auswendig lernen, wie einst die Mitternachtsformel der quadratischen Gleichung: x eins zwei gleich Minus b plus minus Wurzel aus b Quadrat geteilt durch irgendwas ...

»Wenn ich euch nachts um drei wecke, muss das sitzen. Ihr müsst sie täglich befolgen. Es geht um euer Leben und das eures Streifenpartners.« Ich höre noch heute die Stimme meines Ausbilders.

»Führe deine Waffe immer mit, halte sie griffbereit. In der Routine lauert Gefahr, sei misstrauisch.« Zwei der wichtigsten Bestandteile unserer Überlebensformel. Weit mehr von Nutzen als seitenlanges Auswendiglernen einschlägiger Paragrafen der Straßenverkehrszulassungsordnung, die sich mit der Zulassungsfreiheit verschiedener Fahrzeuge und Anhänger befassen. Ob es nun die selbst fahrende Arbeitsmaschine mit einer bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit (bbH abgekürzt) von 6 km/h, der eisenbereifte Möbelpackwagen oder der Anhänger zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers war – wir paukten sie alle, wussten, dass gemäß der StVO das Fahrradfahren auf Helgoland verboten war. Wir lernten, dass Straftaten verfolgt werden müssen, und dass wir bei Ordnungswidrigkeiten ein Auge zudrücken dürfen, wenn zum Beispiel das Zeichen 295, die durchgezogene Linie, überfahren wurde.

Am längsten jedoch war die Vorschrift über den Schusswaffengebrauch, den wir nur androhen dürfen, wenn die Voraussetzungen zum Schießen vorliegen.

Nur keine Bedrohungsszenarien bei Verkehrskontrollen durch die gezogene Pistole. Jedes Waffeziehen, jedes Vorzeigen des Schlagstockes, Hiebwaffe im Gesetzesdeutsch genannt, jedes Anlegen von Handschließen, selbst Gespräche zur Informationsbeschaffung, die über ein »Guten Tag« hinausgehen, sind gesetzlich geregelt. Und selbst welche Zwangsmittel wir im Falle des Falles anwenden und einsetzen dürfen, regelt der Erlass über den unmittelbaren Zwang.

Diese Paragraphen schützen uns im täglichen Einsatz und den Bürger vor unangemessenen Übergriffen seiner Polizei. Und so soll es auch sein und bleiben. 1 000 Jahre brauner Willkür haben sich zu sehr in unser Gewissen eingebrannt.

Wovor sie nicht schützen, schon gar nicht die Seele, ist die Brutalität der Worte, Gesten, Unverschämtheiten, Pöbeleien.

»Gib doch zu, dass es dich geil macht, wenn Du einem die Handschließen anlegst und fest zudrückst,« schrieb ein offensichtlicher Fan von Marquis de Sade unlängst ins Gästebuch der Polizei-Poeten, während er gleich darauf betonte, dass er ja auch Gefühle hätte.

Ja, ich finde es geil zu leben, und wenn ich dafür einem Handschließen anlegen muss, dann tue ich es. So wie neulich Marcel, der morgens um sechs bei einer Wohnungsdurchsuchung, einer harmlosen natürlich, sich um ein Haar von dessen Bewohner einlullen lies. Der Typ saß am Küchentisch, darauf jede Menge Tüten mit Rauschgift. Marcel hatte ihm bereits Handschellen angelegt, was eigentlich sicher ist und die Durchsuchung eben wieder zu einer harmlosen, täglichen Angelegenheit werden lässt. Doch Vorsicht, in der Routine lauert Gefahr. Sei misstrauisch!

»Kann ich mir einen Espresso machen? Sie haben doch nichts dagegen, oder? Ich bin doch gefesselt.« Er zeigte seinen Armschmuck, um seine Harmlosigkeit zu unterstreichen und lief zum Küchenschrank.

»Stop!«, brüllte Marcel, als der Festgenommene die Dose mit dem Kaffeepulver bereits in den Händen hielt.

Marcel nahm ihm die schwarze Dose aus der Hand. Er hob den milchigen Plastikdeckel mit dem rechten Daumen an und war nur wenige Zentimeter vom Griffstück des Derringers entfernt. Ein zweischüssiger Ladykiller, ein doppelter Witwenmacher.

»Ihr habt nicht für die Schule, sondern für das Leben gelernt. Und das Leben, da draußen,« unser Ausbilder zeigte mit ausgestrecktem Arm Richtung Kasernentor, »die Welt da draußen, wird eure beste Schule werden.« Mit diesen Worten und dem Abschlusszeugnis der 18-monatigen Grundausbildung wurden wir in den Streifendienst, zur richtigen Polizei, nach draußen versetzt.

Meine Mutter sorgte sich um mich. Dabei umfasste mein Revierbereich doch nur diese friedlich-ländliche Idylle, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Ab und zu ein betrunkener Autofahrer oder Ede, nach dem Einbruch in die Feldscheune, vorbeihuschte, während die Waldbewohner auf der Hut sein mussten, nicht vorn Wilderer erschossen zu werden.

»Auf dem Bau fallen doch viel mehr Leute vom Gerüst!«, beruhigte ich sie, was natürlich nicht ganz den tatsächlichen Begebenheiten entsprach, und was trotz meiner unschuldigen Miene die sorgenvollen Blicke und Stirnfalten meiner Mutter nicht wirklich ausbügelte.

Oma war da wesentlich praktischer. Sie strickte mir ein Paar Fingerhandschuhe, bei denen sie die Kuppen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger freiließ.

»Die haben wir unseren Männern auch gestrickt, als sie an die Ostfront zogen.«

Sie wärmten mir lange Jahre die winterkalten Hände bei der Aufnahme von Verkehrsunfällen.

Zwei Wochen vor der Buchpremiere von »Die erste Leiche vergisst man nicht«, dem ersten Buch der Polizei-Poeten, betrat ich Pauls Laden. Ich wollte seiner Witwe mitteilen, dass ich über Pauls Tod in meinem Buch geschrieben hatte.

Sie stand gebeugt hinter der hüfthohen Kassentheke. Ich drückte die Tür zum Laden auf, ließ die Zeitungsregale rechter Hand liegen, vorbei an den Kosmetikartikeln und den Konserven bog ich am Ende des Ganges links ab. So wie in meiner Kindheit standen an der Stirnseite noch immer die Kühltheken. Rechts der Käse und die Aufschnittswurst.

An der Kasse musste ich warten. Sie erblickte mich, erkannte mich gleich wieder.

»Herr Uhl, wie geht es Ihnen?«

Wir unterhielten uns. Ihre Augen hatten eine jugendliche Frische.

Ihre Mitarbeiterin gesellte sich zu uns, während ein Kunde ein Kilo Bananen für die Gesundheit, der andere zwei Flaschen französischen Landwein gegen seinen Kummer kaufte.

Unser Gespräch bewegte sich tastend an der Oberfläche der Ladentheke entlang. Das Bonbonglas, das ich kannte, stand dort nicht mehr. Ein kleiner Junge kaufte zwei Rollen Haushaltskrepp für 1,89 Euro. Pauls Witwe gab dem Buben nach dem Zahlen ein paar Weingummi-Kirschen aus der runden Plastikdose, die in Griffnähe im Regal stand.

Dann beugte sie sich über die Verkaufstheke und flüsterte mir zu:

»Nächste Woche werden es 24 Jahre, seit das mit meinem Mann war. Sie waren doch auch dabei.«

»Ja, ich weiß. Ich habe es nie vergessen.«

Ein Kunde kam dazwischen. Ich konnte ihr nichts vom Buch mit meiner Geschichte von Pauls Tod erzählen. Ich versprach, zurückzukommen. Gegen halb sieben fuhr ich erneut zu ihrem Laden, sah aber, dass sich mehrere ältere Damen dort versammelt hatten.

Ich schrieb ihr einen Brief. Schrieb von Kindheitserinnerungen mit ihrem Mann und von dem Buch. Berichtete von meiner Sorge, dass ich mich nach so langer Zeit vielleicht zu weit in ihr Leben, in ihre Erinnerungen, einmische. Dies war nicht der Fall, schrieb sie, nachdem sie das Buch gelesen hatte, ebenfalls in einem Brief.

Werde ich von den Toten, den Leidenden, den Verbrechern gefragt, ob sie sich in mein Leben einmischen dürfen? Nein, aber sie dürfen das. Dafür bin ich da. Nur in meinen Träumen und Gedanken haben sie nichts zu suchen. Doch das ist leichter gesagt als getan: den Dienst mit der Uniformjacke an den Haken im Umkleideraum des Polizeireviers zu hängen.

»Wieso schreiben Sie so schreckliche Sachen?«, wurde ich auf einer Lesung gefragt.

Weil die Welt, in der wir leben, sich aus vielen Dingen zusammensetzt, Freude und Leid eingeschlossen. Nach meiner Erfahrung als Polizist, und auch als Vater, wird die Tiefe unseres Daseins dadurch bestimmt, wie bereitwillig wir der Wahrheit ins Gesicht schauen wollen. Ich musste selbst lernen, dem Leid gegenüberzutreten. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich erst durch das Schreiben zu genau der Offenheit und Verletzlichkeit gefunden, die ich sonst in meinem Leben allzu oft verstecke. Und so schreibe ich weiter, von dem, was ich sehe, höre, rieche und fühle.

Und trotzdem, die Realität unseres Berufes hinterlässt Dornen in unserer Seele. Wir können nur dann eine Sache wirklich hinter uns lassen, wenn wir durch sie hindurchgehen und nicht um sie herum.

Um 18 Uhr kam die Meldung mit dem Stichwort »Bahnleiche«. Drei Silben, die den Einsatz der Kripo erfordern.

Hanna, die 26-jährige Kollegin meiner Bereitschaftsgruppe, meinte, dass dies ihre erste Bahnleiche wäre. Ich gab ihr Michael, einen erfahrenen Kollegen zur Seite. Draußen war es saukalt. Minus zehn Grad.

»Was ist, wenn mir schlecht wird?«

»Dann wird dir schlecht.«

»Was ist, wenn ich spucken muss?«

»Dann spuck halt, es ist völlig normal, kämpf nicht dagegen an.«

»Muss ich die Teile einsammeln?«

»Nein, das machen die Kollegen der Bahnpolizei bzw. der Bestatter«, erklärte Michael knapp.

»Wichtig ist, vom Zugführer zu erfahren, ob die Person vor den Zug lief oder zwischen den Gleisen stand. Wenn sie zum Beispiel in der Dunkelheit schon auf den Gleisen liegt, dann wissen wir nicht, ob sie vielleicht bewusstlos oder bereits tot dort abgelegt wurde. Ein weiteres Problem ist oft die Identifizierung«, ergänzte ich.

Hanna und Michael fanden in der Hosentasche des jungen Mannes einen Schlüsselbund mit einem Autoschlüssel für einen Opel Corsa. Das passende Auto parkte nicht in der Nähe.

Gegen 21.15 Uhr klingelte das Telefon auf unserer Dienststelle. Ein mir bis dahin nicht bekannter Kollege hatte bei unserem Lagezentrum angerufen. Er meldete seinen Sohn als vermisst. Er hätte am Nachmittag seinen Suizid angekündigt und wäre dann im Corsa davongefahren.

Für einen Augenblick ist es jedes Mal wieder, als ob mein Herzschlag einen Moment lang aussetzt. Als Michael und Hanna einen der Schlüssel in die Haustür der vom Vater angegebenen Adresse steckten, wurde die Ahnung zur Gewissheit. Die Fotos, die sie fanden, ließen keine andere Deutung mehr zu.

Die Todesnachricht wurde dem Vater von seinem Vorgesetzten überbracht. Wir boten an, dass der Vater noch in derselben Nacht zur Identifizierung kommen könnte. Wir würden warten, auf jeden Fall. Ein Kollege war betroffen. Sein Kind hatte sich umgebracht.

Der Vater beschloss, erst am nächsten Morgen zu kommen.

»Ich werde auf jeden Fall morgen früh Fotos vom Gesicht machen. Vielleicht reichen die zur Identifizierung«, erklärte Michael sich bereit.

Ich rief Hanna am nächsten Tag gegen Mittag an.

»Wie geht's dir?«, fragte ich sie.

»Ich konnte nur wenig schlafen, mir ging zu viel im Kopf rum.«

»Wie lief die Identifizierung?«, fragte ich.

»Michaels Fotos reichten aus. Sie haben ihren Sohn darauf wieder erkannt. Wenigstens den Gang in die Leichenhalle konnten wir ihnen so ersparen.«

»Und sonst ...?«, fragte ich weiter.

»Die Mutter fragte mich, wie alt ich denn sei. Als ich ihr mein Alter nannte, wusste ich, wieso sie mir die Frage stellte: Da steht eine junge Frau vor ihr, die genauso alt ist wie ihr Sohn – mit dem Unterschied, dass ich lebe. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich den Eltern mein Beileid aussprach. Michael ging es genauso«, antwortete Hanna.

Sie schien sich fast ein wenig dafür zu schämen.

»Das ist gut so. Deine Tränen zeigen, dass du menschlich geblieben bist. Schlimmer wäre es, so etwas ginge völlig spurlos an dir vorbei«, ermutigte ich sie.

Wir können die Probleme unserer Gesellschaft nicht lösen, und dennoch legen wir die Hände nicht in den Schoß. Ich weiß, dass wir im Kleinen, bei der Begegnung zwischen Bürger und Polizei, etwas bewirken. Und das gibt unserem Handeln den befriedigenden Sinn.

So wie unlängst bei Tobias, der an einer Haustür klingelte, um der Familie mitzuteilen, dass der Vater vor zwei Stunden bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen war. Die Ehefrau öffnete freudestrahlend. Sie rechnete mit ihrem Mann, der zum Geburtstagskaffee der kleinen Tochter erwartet wurde. Die Kinder, Oma, Opa und weitere Verwandte waren bereits im Wohnzimmer versammelt. Der Tisch war gedeckt. Bunte Luftschlangen und Ballons tanzten um die Lampe. Auf dem Kuchen brannten acht Kerzen. Als Tobias die Todesnachricht, diese endgültigen Worte, übermittelt hatte, schlug die Ehefrau ihren Kopf gegen die Wand und schrie »Nein, nein, nein ...« Weder der Notfallseelsorger noch die Verwandten reagierten. Tobias nahm sie rasch in den Arm und drückte sie fest an seine Brust. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Es ist wichtig, dass wir unser Innenleben angesichts all des Leids und der seelischen Herausforderungen schützen.

Doch noch wichtiger ist der Schutz unseres eigenen Lebens. Eine gute Aus- und Fortbildung, hervorragende technische Ausstattung, körperliche Fitness, Wachsamkeit und das Vertrauen in unsere Streifenpartner helfen uns dabei.

Doch können wir wissen, dass der Schwarzfahrer unter seiner Zeitung einen Dolch mitführt, den er rücksichtslos einsetzt? Oder dass der gemeldete Wildunfall sich als ein Hinterhalt herausstellt? Dass der als hilflos gemeldete Hausbewohner den Polizisten mit dem Pfeil einer Armbrust, mitten in die Brust, empfängt? Können wir ahnen, dass der Geiselnehmer es nur darauf anlegt, durch die Polizei erschossen zu werden und es ihm egal ist, wen er vorher noch mit in den Tod nimmt? Können wir die Kugel voraussehen, die uns nach dem Klingeln an der Wohnungstür entgegenfliegt, oder die durchs Fenster in eine Gaststätte abgefeuert wird und den Kollegen bei der Spurensicherung tödlich trifft? Müssen wir damit rechnen, dass bei einer Durchsuchung der Täter jede Schranktür mit einer Sprengfalle versehen hat, die dem Beamten beim Öffnen die Hände weggerissen hätte? Ja, mit so was müssen wir immer rechnen. Leider.

Sicherlich können wir Risiken minimieren. Aber mit einem gewissen Restrisiko müssen wir leben. Und oftmals scheint das Spiel von Glück und Pech darüber zu entscheiden, ob wir am Ende des Dienstes unsere Kinder, unsere Partner wieder in die Arme schließen können.

Heldentum ist dabei nicht gefragt. Es ist mehr das Festhalten an Prinzipien, wie sie zum Beispiel im Leitbild der baden-württembergischen Polizei festgelegt sind. »Für uns steht der Mensch im Mittelpunkt«, »Recht und Gesetz bestimmen unser Handeln« und »Unser Dienst erfordert den ganzen Menschen«.

Nach dem Erscheinen unseres ersten Buches »Die erste Leiche vergisst man nicht« erhielt ich viele ermutigende Zuschriften, die sich für unseren Einsatz bedankten.

Bundespräsident Köhler stellte fest, dass es »ein wichtiges Buch« ist, »das den Blick auf den Menschen in der Uniform des Polizeibeamten richtet.« Ministerpräsident Oettinger bezog sich auf den Satz »Unser Dienst erfordert den ganzen Menschen«: »Wer ihr Buch gelesen hat, weiß warum.«

Kolleginnen und Kollegen wurden an eigene Erlebnisse ihrer Dienstzeit erinnert, viele wurden zum Schreiben ihrer Geschichte animiert. Mittlerweile befinden sich über 100 Autoren auf der Webseite der Polizei-Poeten.

Über 130 Polizisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligten sich an diesem Buch, um die Erfolgsgeschichte fortzuschreiben. Doch während bei unseren Einsätzen kein Zeitlimit existiert, ist der Platz zwischen diesen beiden Buchdeckeln begrenzt; aus der Fülle der Einsendungen musste eine Auswahl getroffen werden, die beschreibt, welchen Gefahren, welchen Herausforderungen und welchem Leid wir in unserem Beruf begegnen. Geschichten, die zeigen, mit welchem Einsatz die Polizei 24 Stunden am Tag zu Ihrem Schutz da ist.

Der Trauerflor für Uwe Lieschied erinnerte uns an diese Gefahren und Risiken, denen wir im täglichen Dienst ausgesetzt sind. Nach einigen Tagen wurde das schwarze Stück Stoff von den Antennen unserer Streifenwagen abgenommen.

Die Trauer in unseren Herzen wird bleiben.

Ich entschloss mich vom Standpunkt meiner eigenen Erfahrungen zu schreiben, von dem, was ich wusste und was ich fühlte. Und das war meine Rettung.

Henry Miller, Schriftsteller (1891 – 1980)

Die Nacht, in der es Kinder regnete

von Jörg Hofer, Heidelberg

Das makellose Blau des Himmels wird durch einige zarte, weiße Pinselstriche hervorgehoben. Das Weiß der Wolken wiederholt sich in den Dreiecken zahlloser Segelboote, die die glitzernde Oberfläche des Bodensees durchschneiden. Vom Ufer klingt der fröhliche Lärm des Badebetriebs bis hinauf zu den Wäldern und Feldern oberhalb von Überlingen.

Zwei Reisebusse zwängen sich dort die enge und kurvenreiche Straße hinauf – eine Straße, deren Verlauf immer wieder von Polizeisperren unterbrochen und von Journalisten aus aller Welt gesäumt ist. Ich sitze im vorderen der beiden Busse und fühle mich beklommen angesichts der angespannten Stille. All die leisen Unterhaltungen verstummen mehr und mehr, je näher wir unserem Ziel kommen. Dass wir es schließlich erreicht haben, registriere ich zunächst anhand des unüberschaubaren Aufgebots an Übertragungswagen internationaler Fernsehgesellschaften, die ihre Parabolantennen in den Sommerhimmel gerichtet haben. Hunderte von Fernseh-, Video- und Fotokameraobjektiven sind auf die beiden Busse gerichtet, die an der Abzweigung eines Feldweges anhalten.

Hinter mir schreit eine Frau auf, ein Schluchzen geht durch die Reihen. Mein Blick richtet sich auf die den Journalisten abgewandte Straßenseite – und ich sehe zum ersten Mal das, weshalb wir gekommen sind.

Etwa 500 Meter abseits der Straße hat sich das Leitwerk einer russischen Tupolew TU-154M in ein Getreidefeld gebohrt und Teile davon durch Hitze und Aufprallwucht zu einem Stoppelfeld werden lassen. Drei Tage zuvor hatte das Schicksal die vier Dimensionen aus Raum und Zeit durcheinander gewürfelt und dafür gesorgt, dass am Nachthimmel über dem Bodensee zwei Flugzeuge in 12 000 Metern Höhe zusammenstießen – eine russische Passagiermaschine, die mit 52 Kindern und Jugendlichen sowie fünf erwachsenen Begleitern auf dem Flug in die Ferien war, und ein deutsches Frachtflugzeug. Insgesamt starben in dieser Nacht 71 Menschen – die 57 Passagiere ebenso wie die 14 Besatzungsmitglieder der beiden Maschinen – unversehens aus dem Leben und der trügerischen Sicherheit der zerbrechlichen Flugzeughülle heraus gerissen in einen in dieser Höhe über minus 60 Grad kalten Tod. Die Wucht des Sogs zerfetzte teilweise die Körper der Kinder, manche blieben angeschnallt in ihre Sitze gepresst, dem blanken Entsetzen entgegen trudelnd, bevor sie nach endlos langen Sekunden in Ohnmacht fielen. Das größte zusammenhängende Trümmerteil war auf das vor uns liegende Getreidefeld bei Überlingen gefallen.

Dorthin bewegt sich nun der wohl ungewöhnlichste Trauerzug, den diese Gegend je gesehen hat – Eltern, Geschwister, Angehörige der Getöteten, Ärzte, Seelsorger, Krisenmanager, Dolmetscher und schließlich meine Kollegen und ich: eine Handvoll Polizeibeamter, ausnahmslos Mitarbeiter von Pressestellen der verschiedensten Polizeidienststellen in Baden-Württemberg. Beamte, die erfahren sind im Umgang mit den Medien und die nur einen Auftrag haben: diesen Menschen, unbehelligt von Journalisten, einen würdigen Abschied von ihren Kindern zu ermöglichen.

Vorsichtig nähern sich die Trauernden dem Wrackteil, umkreisen es, berühren es – jeder will es anfassen, im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, was hier geschehen ist. Ich vernehme ein mehrstimmiges Summen und weiß es zunächst nicht einzuordnen – bis mir klar wird, dass es das Wimmern, das Schluchzen, das Weinen, die Klagelaute aus dutzenden von Kehlen gebrochener Menschen sind. Eine weibliche Stimme löst sich aus diesem Chor: »Igorjok! Igorjok! Igorjoschka ...« – »Mein Junge, mein Sohn, Söhnchen ...« – die Mutter umkreist das Wrackteil: »Wo bist du? Wo? Was ist denn von dir übrig geblieben, du mein Igojotschek!« – Die Eltern liegen sich in den Armen, gestandene Männer weinen hemmungslos und auch mir stehen nach kurzer Zeit die Tränen in den Augen. Dies ist eine Dimension des Leids, der man sich nicht verschließen kann. Die einstmals verlässlichen Verdrängungsmechanismen meines Berufs versagen. Der Schmerz klebt brennend heiß in der Sommerluft und legt sich mir auf Herz und Seele.

Eine Frau hat sich auf einen Klappstuhl inmitten der Trümmer gesetzt, Fotos ihrer beiden toten Töchter in der Hand und wiegt sich stumm im Rhythmus ihrer Gedanken. Ein Vater steht am Leitwerk und schlägt Stirn und Faust gegen das kalte Metall, hebt den Blick immer wieder zum Himmel: Warum? Warum?

Eine junge Frau zündet sich eine Zigarette an. Ich gehe zu ihr, nehme sie ihr behutsam ab – sie schaut mich verständnislos an. Ich gestikuliere hilflos auf das zundertrockene Getreidefeld und einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, dass ich zu ihr durchdringe, dass sie versteht. Dann wendet sie sich mit leerem Blick ab, lässt sich auf die Knie nieder und füllt Erde in ein mitgebrachtes Einmachglas. Eine andere Mutter pflückt einen Strauß Ähren, die Männer sammeln kleinere Trümmerteile ein, die hier überall verstreut liegen – Symbole, Rituale, um dem Grauen Gestalt zu geben.

Das Wrack wird mit Blumen geschmückt, Süßigkeiten, Lieblingsspielzeuge und Plüschtiere der getöteten Kinder dazu gelegt. Ein eigenartiger Anblick. Ein Plüsch-Marienkäfer will einfach nicht sitzen bleiben, immer wieder fällt er aufs Gesicht, wird von helfenden Händen unermüdlich wieder aufgerichtet. Ausgerechnet dieses Bild brennt sich in mein Gedächtnis ein und ich wünsche mir, er würde endlich sitzen bleiben und nicht mehr umfallen – irgendwann tut er mir den Gefallen.

Die Trauernden verteilen mit Wasser gefüllte Gläser und Teller mit Weißbrot um die Absturzstelle – letzte Wegzehrung für die toten Seelen. Kränze von offizieller Seite gesellen sich dazu – mitfühlende Gesten, die doch nichts weiter als Hilflosigkeit ausdrücken können. Kerzen werden entzündet, und ein muslimisches Gedenkgebet und eine kurze orthodoxe Messe bemühen sich, das Fassungslose fassbar zu machen.

Als sich die Menschen anschließend anschicken, zu den Bussen zurückzukehren, ist tatsächlich so etwas wie Erleichterung zu spüren. Die Trauer, das Leid, der Schmerz haben ein Gesicht bekommen, einen Ort, an dem man sie zurücklassen kann. Hier und da entwickeln sich wieder leise Unterhaltungen, finden die Menschen wieder ins Gespräch, ins Leben zurück und versuchen, sich so gut es geht gegenseitig Halt zu geben.

Ich spüre, dass das Erlebte in mir noch lange nachwirken wird, dass dies in all den Jahren meines Polizistenlebens der Einsatz war, der mich emotional am meisten belastet hat – und doch möchte ich ihn nicht missen. Es war eine positive, berührende Erfahrung, ein Mosaiksteinchen in unserem Bemühen zu sein, diesen Menschen dabei zu helfen, ihr Leid zu verarbeiten. Und so wie ich nehmen auch all die Polizeibeamten ihre ganz persönliche Geschichte mit nach Hause, die hier im Rahmen dieses Unglücks eingesetzt wurden – am tiefgreifendsten wohl die Kollegen, die noch in der Unglücksnacht hatten ausrücken müssen, um dafür zu sorgen, dass in den Zinksärgen, die bald darauf ihre Reise nach Russland antreten würden, wenigstens eine Hand, ein Fuß oder gar ein Torso liegt – Zeugnis der Nacht, in der es über dem Bodensee tote Kinder regnete.

Frühlingssonne

von Andreas Kunz, Stuttgart

Der Blitz aus heiterem Aprilhimmel sollte in Form eines wild gewordenen Samuraischwerts auf Stuttgart niedergehen.

Es war Sonntag, das Thermometer zeigte bei Beginn der Mittagsschicht 22 Grad. Der Stresslevel tendiert an solchen Tagen gegen null. Eigentlich. Was soll sonntagnachmittags schon passieren?

Ab 15.45 Uhr treffen die Anrufe bei der Zentrale ein.

Die spärlichen Informationen des ersten Notrufes werden an unser zuständiges Revier per Funk weitergemeldet: »Hysterische Frau meldet: Einer sticht auf einen anderen ein.«

Eine weitere Funkdurchsage über »angebliche Schüsse« können wir auf dem Weg zum Dienstfahrzeug über das Handfunkgerät nicht empfangen.

Mit Sondersignal geht es zum 400 Meter entfernten Tatort. Einer Kirche. Starb gestern nicht erst der Papst?

Bereits vier Minuten nach dem ersten Notruf sind wir dort. Noch aus dem Streifenwagen erkenne ich einen großen Tumult; hysterische und blutüberströmte Menschen. Kleider und selbst der Gehweg – alles blutüberströmt. Ein Bild, das in mir den Gedanken hervorruft »Hier ist Krieg«.

Ich sehe zwei Schwerstverletzte auf dem Boden liegen. Ein Mann kommt uns mit stark durchblutetem Hemdärmel entgegen.

Eine Unterscheidung der aufgebrachten Menge von circa 30-40 Menschen in Freund und Feind ist nur daran möglich, dass wir nicht angegriffen werden. Wer verletzt ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Fast jeder trägt blutverschmierte oder blutbespritzte Kleider. Einige halten abgeschlagene Stuhlbeine als Waffen in der Hand.

Sie zeigen Richtung Kirche. Aus der Hysterie heraus wird klar, dass der oder die Täter noch in der Kirche sind. Hauptsächlich Frauen und Kinder sollen sich dort und damit in unmittelbarer Gefahr befinden.

Alles, was ich mir für solche Einsätze vorgestellt hatte, läuft in Bruchteilen von Sekunden ab. Was ich nie für möglich gehalten hatte, trifft ein. Ich laufe an den Schwerverletzten vorbei. Mein Kollege und ich sind auf die Kirche und unsere Aufgabe, den Täter schnellstmöglich handlungsunfähig zu machen, fixiert.

Wir gehen mit gezogenen Pistolen auf das Portal zu. Durch den Glaseinsatz erkennen wir eine Person im Eingangsbereich, die einen silbernen Revolver in der Hand hält. Uns folgt die mit Stuhlbeinen bewaffnete aufgebrachte Meute, es besteht keine Funkverbindung und Verstärkung ist nicht in Sicht.

Die Erinnerung an das weitere Geschehen habe ich durch Abhören des Funkverkehrs und aus Gesprächen mit meinem Streifenpartner zusammengesetzt.

Ich öffne mit der linken Hand die Holztür, meine Pistole halte ich in der Rechten. Mein Partner sichert mich mit der Waffe in Schießhaltung. Da steht uns plötzlich ein Mann wie angewurzelt gegenüber. Er hat dunkle Hautfarbe, trägt einen langen, dicken Wollmantel. Es sind doch 22 Grad und die Sonne scheint! Das Schwert in der linken Hand streckt sich über einen Meter senkrecht in die Höhe. Die Klinge ist kaum blutverschmiert und lässt nur schwer erahnen, welche unglaublichen Verletzungen sie wenige Minuten zuvor noch angerichtet hatte.

Ich schreie ihn an: »Schmeiß das Schwert weg, auf den Boden, Hände auf den Rücken!« – keine Reaktion.

Er murmelt etwas, das ich nicht verstehen kann. Mein Streifenpartner versteht etwas von »ich habe Beweise«. Der Mann zeigt uns dabei mit der rechten Hand ein Diktiergerät.

Den Revolver hatte er zwischenzeitlich in der Jackentasche verstaut. Sein Glück, oder besser meines, denn ich hätte wohl geschossen und auf Distanz von zwei bis drei Metern wäre dies tödlich ausgegangen.

Ist das überhaupt der Täter? Oder hat der Mann nur die Pistole und das Schwert vom Boden aufgenommen und versteht nun nicht, was wir von ihm wollen?

Auf dem Boden liegt zwischen uns eine Damenhandtasche, deren Inhalt verstreut ist. Überbleibsel der panischen Flucht.

Ausgerissene oder abgeschnittene Haarbüschel, Blutflecken, Blutspuren ziehen sich vom Kirchenraum nach draußen. Aber der Mann vor uns hat fast kein Blut an sich.

›Rühr dich besser nicht, ich habe meinen Finger im Abzug, 5-6 mm noch, dann fällt der Schuss.‹

Vor ein paar Minuten saß ich noch am PC und schrieb einen Unfallbericht, nun bin ich kurz davor, einen Menschen zu erschießen.

Aufgrund der geringen Distanz und des langen Schwertes führt bei einem Angriff des Mannes nur ein sofort tödlicher Kopfschuss zum Ziel.

Bilder des Einsatztrainings werden real. Bei einem Abstand unter sieben Metern ist ein Messerangriff nicht mehr anders abzuwehren. Aber zurückweichen? Das ist nicht meine Philosophie, wohin denn auch? Hinter uns brüllen die Männer mit den Holzknüppeln, fordern uns auf: »Schießen, schießen, erschießt ihn!«

Wir sind Polizisten, haben Leben zu schützen und nicht zu beenden. Wir sind jahrelang auf das Nicht-Schießen trainiert.

Was soll ich machen? Weiter auf ihn und sein Schwert zuzugehen wäre selbstmörderisch.

So paradox es klingt, in diesem Moment fühle ich mich von dem Mann nicht bedroht. Er steht nur da und hat ein Schwert in der Hand. Was er damit zuvor angerichtet hatte, war mir nicht bewusst. Ich hatte die schweren Verletzungen der Betroffenen noch gar nicht bemerkt. Irgendwie trägt mich die Gewissheit, dass er mir nichts tun wird.

Durch unser Schreien wissen nun auch die Menschen, die sich noch in der Kirche vor dem Schwertträger versteckt halten, dass die Polizei da ist und ihnen jetzt geholfen wird.

Sie kommen aus ihren Verstecken und wollen die Kirche verlassen. Im Eingangsbereich steht immer noch der Täter. Immer noch mit dem Samuraischwert bewaffnet. Ich sehe im Augenwinkel Frauen und Kinder auf den Täter zukommen. Sollte ich mit der Pistole nur einen halben Meter weiter rechts schießen gefährde ich Unschuldige. Ich entscheide mich, nicht zu schießen. Eine Gratwanderung, wie es später ein Polizeisprecher nannte.

Mein Partner hat den Täter im Visier. Ich setze das Pfefferspray ein. Eine Premiere, ich benutze es zum ersten Mal. Ich sprühe eine volle Pfefferpatrone direkt in die Augen des Täters und nichts, aber auch gar nichts geschieht. Der Mann zuckt nicht mal mit der Wimper.

Es dauert Sekunden, bis er sich mit der rechten Hand die Augen ausreibt. Nicht weil sie ihm brannten. Die Bewegung ähnelt eher einem Schwimmer, der sich nach dem Auftauchen das Wasser aus dem Gesicht wischt.

Die Pfefferpatrone ist leer und das Schwert immer noch in seiner Hand. Sekunden dehnen sich zu einer Ewigkeit. Dann der glückliche Moment. Er lässt das Schwert fallen. Wir stürmen auf ihn zu. Ich fasse seinen linken Arm. Mein Partner stellt sich mit beiden Füßen auf das Schwert. Fußfeger und kurzes Gerangel auf dem Boden, bis die Hände auf dem Rücken sind. Die Handschließe lässt sich nicht anlegen. Er trägt an beiden Armgelenken, und auch an den Fußgelenken, zwei bis drei Zentimeter breite Lederbänder bestückt mit langen spitzen Stacheln.

In dieser immer noch nicht kontrollierten Phase stürmen die Männer mit ihren Prügeln in die Kirche. Sie schlagen und treten auf den Täter ein. Eine verständliche Reaktion, aber gefährlich, denn der Täter ist nicht in Handschellen. Und er hat noch immer die silberne Schusswaffe in der Tasche. Da wir die Menschen abwehren müssen, können wir den Täter kaum am Boden halten.

Das Glück verlässt uns nicht. Die Menschen lassen sich hinausdrängen.

Hierzu muss ich körperliche Gewalt gegen die eigentlich Betroffenen anwenden. Ich denke die Männer haben verstanden, dass es notwendig war – bis heute hat sich keiner beschwert.

Schnell die Tür zu, die Leute bleiben draußen und wir können den Täter fesseln.

Es treffen Rettungswagen, Notärzte und auch ein Löschzug der Feuerwehr ein. Alles Dinge, die an mir vorbeigehen. Ich bin mit meinem Streifenpartner in der Kirche. Am Boden liegt der Täter, daneben sein Samuraischwert.

Den silbernen Revolver nimmt mein Streifenpartner aus der rechten Jackentasche des Mannes. Er ist mit sechs Patronen geladen.

Jetzt erst bemerke ich, dass ich noch meine Sonnenbrille trage.

Vor uns weinende Kinder und Frauen. Sie verstehen so wenig wie wir, was in den letzten Minuten passiert ist. Es war doch ein Gottesdienst. Und dann kam der Tod so plötzlich.

Endlich ist die zweite Streife vom Nachbarrevier da. Durch zahlreiche Kontakte besteht zu den Kollegen ein fast freundschaftliches Verhältnis. So genügen wenige Worte, um sich abzusprechen.

Ein Gedanke schreckt uns auf und versetzt uns in Stress; war es ein Täter oder mehrere? Unklar, also alles durchsuchen, Räume sichern und weitere Verletzte finden und bergen.

Es vergehen Minuten, bis genügend Einsatzkräfte vor Ort sind und schließlich das ganze Gebäude durchsucht ist. Keine weiteren Verletzten und keine weiteren Täter.

Die Schwerverletzten vor dem Gebäude können erstversorgt werden. Dennoch stirbt eine Frau in den Armen ihrer Verwandten. Sie war durch das Schwert so schwer verletzt worden, dass sie nicht den Hauch einer Überlebenschance hatte.

Dem Mann mit dem blutenden Hemdärmel wurde die Hand abgeschlagen. Einer weiteren Person wurde die Schulter fast abgetrennt.

Das Motiv der Tat war eine Beziehungsgeschichte aufgrund abgewiesener Liebesbekundungen und religiöse Wahnvorstellungen des Täters. Die Opfer gehörten der gleichen Glaubensgemeinschaft an, waren aber nicht aus dem persönlichen Umfeld des Täters.

Obwohl ich Auge in Auge mit dem bewaffneten Täter stand, gebührt mein größter Respekt den beiden Kollegen, die vor der Kirche die ersten Maßnahmen zur Versorgung der Verletzten trafen. Ausgestattet mit einem Verbandskasten leisteten sie nicht nur erste Hilfe, sie mussten die aufgebrachte Menschenmenge im Zaum halten. Sie lösten beides mit Bravour.

Meine Gefühle und Reaktionen nach diesem Einsatz sind und waren vielschichtig. Unsere Schutzengel hatten Höchstleistungen vollbracht.

In den ersten 24 Stunden herrschte eine gewisse Euphorie. Wir hatten schnell einen Amokläufer dingfest gemacht, konnten weitere Tote und Verletzte verhindern.

Danach kamen die Gedanken zum »Was-wäre-wenn-gewesen?« Wenn wir zum Beispiel etwas früher oder etwas später vor Ort gewesen wären, der Täter nicht abseits, sondern innerhalb der Menschen sich bewegt hätte, seine Tat gar angedauert oder ich geschossen hätte und dabei ein Kind getroffen worden wäre. Oder schlicht und einfach, ich selbst wäre schwer verletzt oder getötet worden. Wie wäre meine Frau, wie wären meine Kinder damit umgegangen?

Diese Gedanken und Vorstellungen zogen mich die nächsten beiden Tage in ein tiefes Loch.

Ich igelte mich ein. Hörte zigmal die Bänder des Funkverkehrs und die eingegangenen Notrufe ab und wusste: »Ich hätte tot sein können, mein Partner hätte tot sein können.« Es ließ mich nicht los.

Ich stellte viele Fragen. Fragte, ob Polizist mein Traumberuf ist. Ich wurde im Laufe der vielen Dienstjahre zigmal beleidigt, angespuckt, geschlagen, getreten, mit Steinen und Flaschen beworfen, mit Leuchtraketen beschossen, nur weil ich eine Uniform trug.

Ich dachte an die Momente, als ich Todesnachrichten überbrachte, Leid und Trauer teilte. Ich sah Tote, Verletzte, alt und jung.

Und ich erkannte, dass es nun mal mein Job ist, genau diese Dinge zu tun. Diesen Beruf habe ich gewählt, und ich möchte ihn nicht mehr missen.

Die Betreuung aller Einsatzkräfte fand unmittelbar nach dem Einsatzgeschehen durch den Revierleiter und zwei polizeiliche Konfliktberater statt.

Am nächsten Morgen im Frühdienst war es unserem Polizeipräsidenten und seinem Stellvertreter ein wichtiges Anliegen, mit uns über den Einsatz und unsere Gefühle und Reaktionen zu sprechen. Beide hatten ihre Termine abgesagt und nahmen sich Zeit für uns.

Fünf Tage nach dem Ereignis kamen die Ersteinsatzkräfte von Polizei und Rettungsdienst auf unserer Dienststelle nochmals mit den Konfliktberatern zusammen. Wir tauschten über zwei Stunden lang unsere Erlebnisse und Gefühle zum Einsatz aus. Solch eine Nachbereitung im emotionalen Sinne möchte ich jedem nur empfehlen.

Zwischenzeitlich ging auch der Prozess gegen den Täter zu Ende. Er wurde, wie es nach den ärztlichen Gutachten zu erwarten war, in die Psychiatrie eingewiesen.

Mein Tief habe ich überwunden, auch wenn ich mich immer noch sehr mit diesem Fall befasse. Ich spürte, was es bedeutet, in solch einem Beruf und in solch einem Kollegenkreis arbeiten zu dürfen.

Schon vor diesem sonnigen Sonntag im April 2005 war dies meine zweite Familie, danach umso mehr.

Viele Kollegen kamen nach dem Einsatz auf mich zu und sagten: »Super habt ihr das gemacht«. Doch am meisten aufgebaut, am besten unterstützt haben mich die Kolleginnen und Kollegen, die zu mir sagten: »Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.«

Ist doch nur ein Hund

von Elmar Heer, Nürnberg

Der laue Frühlingswind an diesem sonnigen Sonntagmorgen im Mai spielt mit seinem glänzenden Fell, die Sonne lässt seine braunen Augen beinahe gelb aufleuchten, die schwarze Nase schimmert feucht. Ich streichle seinen Kopf, der schwer in meinem Schoß liegt, kämpfe erfolglos gegen meine Tränen an, die längst das Kinn erreicht haben. Meine Hand liegt auf seinem Brustkorb, ich warte fühlend, hoffend, aber kein Atemzug lässt ihn sich nochmals heben. Haben sich nicht die Tasthaare an seiner grauen Schnauze gerade noch einmal bewegt, die Pupillen in seinen weit geöffneten Augen auf einen vom Fenster reflektierten Sonnenstrahl reagiert? Nein, ich habe mich geirrt. Gerade ist »Diensthund Nr. 50«, Gundo, mein Hund, mein Partner, mein Freund und Begleiter, in meinen Armen gestorben.

Ich fühle mich endlos verloren und sitze im kühlen Gras unseres Gartens, »seines« Gartens. Meine Gedanken durchstreifen unsere gemeinsame Zeit, die damit begann, als mir der Hundezüchter eine Leine in die Hand drückte.

An deren anderem Ende zerrte ein ungezogenes Energiebündel, ungestüm hin und her springend, wütend bellend – und mich völlig ignorierend. Denn sein ganzes Interesse galt unserem Ausbildungsleiter Hubert, der, etwa 50 Meter entfernt, in voller Schutzmontur einem Astronauten ähnelnd, wild gestikulierend den Eindruck erweckte, davonlaufen zu wollen. Auf sein Zeichen hin ließ ich die Leine los, der elf Monate alte Schäferhund preschte los, nach wenigen Sekunden holte er Hubert ein und verbiss sich ansatzlos in dessen linken Arm. Meine Knie wurden weich und ich geriet ins Stolpern, während ich den beiden hinterher eilte. Unbeholfen versuchte ich die Leine, die der Hund hinter sich herzog, wieder aufzunehmen, griff mehrmals ins Leere, ehe es mir nach einem beherzten Sprung schließlich doch gelang. Über das hochrote, verschwitzte Gesicht von Hubert huschte ein zufriedenes Lächeln, nachdem »Gundo vom Almanach« auf das Kommando des Züchters den dick gepolsterten Arm, wenn auch etwas zögerlich, wieder losgelassen hatte. Der Ausbilder nickte mir kurz zu, während Gundo ihn nicht einen Wimpernschlag lang aus den Augen ließ. Ich wusste, dass dieses Nicken »tauglich« bedeutete. Ankaufsüberprüfung bestanden.

Zwei sich streitende Spatzen reißen mich aus meinen Gedanken. Sie sind nur zwei Meter entfernt in der Wiese gelandet, umflattern sich schimpfend, bemerken nicht den Menschen, der mit geröteten Augen vor sich hin starrt und noch immer den Kopf seines toten Hundes streichelt. Für einen kurzen Moment bin ich verwundert, dass Gundo nicht aufspringt um die Störenfriede zu vertreiben, so wie er es immer getan hat! So wie er es nie mehr tun wird.

Ich hole tief Luft, durch den Mund, denn meine Nase ist zu. Der Kloß in meinem Hals wird wieder größer, während ich mich an die kleine Hoffnung klammere, dass das alles vielleicht nur ein böser Traum ist, ich gleich aufwachen werde, weil mir Gundo seine feuchte, kühle Nase in freudiger Erwartung eines ausgedehnten Morgenspaziergangs ins Gesicht drückt.

Die Bewegung, mit der ich mir über die Augen wische, macht die beiden Vögel auf mich aufmerksam. Erbost schimpfend fliegen sie auf und setzen ihren Revierstreit in Nachbars Garten fort. Ich bin froh, dass ich alleine bin, mich niemand so sieht, mich, den schon leicht ergrauten Polizeihauptmeister, der auf der Erde sitzt und darum kämpft, nicht zu heulen wie ein Kind.

Er war doch nur ein Hund, versuche ich mir einzureden.

Meine Erinnerungen kehren zurück an unsere gemeinsamen Jahre, Wochen, Momente.

Ich bin zwar mit Hunden aufgewachsen, aber mit deren Erziehung hatte ich nie viel zu tun gehabt. Nun hieß es, diesem frechen »Lausbuben« all das beizubringen, was zwingend nötig war, um die Prüfung zum Polizeidiensthund zu bestehen. Wir lernten es gemeinsam, denn ich hatte davon ebenso wenig Ahnung wie er. Unter Anleitung des Ausbilders erfuhren wir, wie man exakt bei Fuß geht, korrekt »Sitz« und »Platz« macht, über Hürden springt, am besten einer Fährte folgt, einen »Verbrecher« aufstöbert, stellt, verbellt und nötigenfalls auch beißt. Gleichzeitig lernten wir uns mehr und mehr kennen, wir wurden ein Team, Freunde. Nie werde ich die Nervosität, die Angst am Tag der Prüfung vergessen, barg doch ein Nichtbestehen die Gefahr, dass ich meinen Gundo wieder abgeben müsste.

Aber die Prüfung bestanden wir, nicht nur diese, auch noch andere, wie die zum »Rauschgiftspürhund« nach einem weiteren zehnwöchigen Lehrgang. Ich war so stolz auf diesen Kerl, der trotz seiner doch in der Tat ernsten Aufgaben immer noch der alberne, verspielte und verschmuste Hund blieb, der begeistert seinem Ball hinterher sprang oder mit den Kindern im Garten umhertollte.

Zehn Jahre lang war er mein Streifenpartner gewesen, hatte nicht selten sein Fell riskiert, um mir die Haut zu retten. Die beiden Autoknacker, die sich auf der Flucht unter einem Busch im Laub eingegraben hatten und nun zitternd und völlig resigniert vor mir standen, nachdem Gundo sie aufgestöbert hatte ... der Einbrecher, der sich auf der Flucht in einem Streusandkasten versteckt hatte, was uns allen, aber nicht der sensiblen Hundenase verborgen geblieben war.

Oder die Gruppe betrunkener Hooligans, die sich zu gern an mir vergriffen hätte. Nach einem verlorenen Auswärtsspiel ihres Bundesligavereins waren sie zunächst nur grölend, bald aber schon randalierend über den Volksfestplatz gezogen, hatten Bierbänke umgeworfen, Gläser zerschlagen, Fans des diesmal erfolgreichen 1. FC Nürnberg verprügelt. Ich war mit Gundo zur Unterstützung der Kollegen in Richtung Festzelt unterwegs, als ich mich plötzlich von einem Dutzend dieser »Fußballfreunde« umzingelt sah.

Sie hatten mich abgepasst, den einzelnen Polizisten, ein gefundenes Fressen für sie, den sie jetzt ihre Wut auf den Nürnberger Club, auf die Bullen, auf das Leben überhaupt spüren lassen wollten.

Doch sie hatten nicht mit der Entschlossenheit meines vierbeinigen Bodyguards gerechnet, der die Situation sofort erfasste und mich nun umkreiste wie ein Satellit. Ich hatte Mühe, die Lederleine schnell umzugreifen, damit mich Gundo nicht fesselte. Jedem, der den Abstand einer Leinenlänge unterschritt, sprang er wütend entgegen, fletschte seine Zähne, und immer wieder hörte ich trotz des Lärms dieses klackende Geräusch, wenn er ins Leere biss und deshalb seine Zähne auf einander schlugen. Als schließlich einer der Hooligans, der sich zu weit vorwagte und wohl nicht schnell genug zurückwich, seinen Wagemut mit einem klaffenden Loch im Ärmel seiner Lederjacke bezahlte, zogen er und seine Freunde sich zurück.

Gundo hätte sein Leben dafür gegeben, mich zu verteidigen.

Mein Blick fällt auf die gelbe, zerkaute Frisbeescheibe, die dort unter dem Baum liegt, an seinem Lieblingsplatz im Schatten. Gestern noch hat er sie etwas tapsig im Garten umher getragen, hatte sie selbst hoch geworfen, um sie dann allerdings beängstigend unbeholfen wieder »einzufangen«. Der Tierarzt meinte, Gundo habe eine Magenverstimmung, nichts Ernstes, gab mir ein paar Tabletten für ihn mit.

Nichts Ernstes. Trotz meiner Zweifel wollte ich es glauben. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Ich wollte dieses unerträgliche Gefühl nicht zulassen, dass mein bester Freund sich anschickte, mich für immer zu verlassen. Selbst in dieser Situation spürte Gundo meine Bestürzung, versuchte mich aufzuheitern, bellte mich schwanzwedelnd an, wie damals.

Damals, vor drei Jahren, als meine Frau Sieglinde mit wehenden Fahnen zu ihrem neuen Freund gezogen war und mich mit all den Problemen rund ums neu erbaute Haus im Stich gelassen hatte, suchte Gundo meine Nähe und wich nicht mehr von meiner Seite. Er beobachtete mich und machte sich zum Clown, um meine Weltuntergangsstimmung zu vertreiben.

Gundo erkannte meine Gefühlslagen wie kein anderer, und wie kein anderer ging er darauf ein. Fühlte ich mich schwach oder war ich nervös, war er besonders wachsam, war ich euphorisch, war er es auch, war ich traurig, tröstete er mich auf seine Weise. Sei es, indem er mir seinen Tennisball in den Schoß legte, um mich zum Mitspielen aufzufordern, oder indem er bei dem Versuch, seinen Schwanz zu fangen, wilde Pirouetten durch das Wohnzimmer drehte.

Gedankenverloren streichle ich sein weiches Fell, das sich dank der aufsteigenden Sonne noch immer warm anfühlt.

Im Zwinger hatte Gundo seit Sieglindes Auszug nicht mehr geschlafen, er hatte seinen Platz, eine ausgediente Matratze, fortan im Schlafzimmer. Heute Morgen weckte mich sein leises Winseln. Er versuchte aufzustehen, aber es gelang ihm nicht, gab es schließlich auf. Behutsam nahm ich ihn in meine Arme, hob ihn hoch, trug ihn vorsichtig in den Garten und legte ihn ins Gras. Wieder versuchte er aufzustehen, kurzzeitig gelang es ihm sogar, ging ein paar unsichere Schritte, ehe er wieder zusammenbrach. Mühsam hob er den Kopf, seine panisch weit aufgerissenen Augen suchten meinen Blick. Die Seele zum Bersten gespannt, erschüttert bis in die letzte Faser meines Körpers, setzte ich mich hilflos zu ihm, bettete seinen Kopf in meinen Schoß, redete auf ihn ein, streichelte ihn ... bis er nur wenige Minuten später noch einmal tief Luft holte und dann mit einem leisen Stöhnen zum letzten Mal ausatmete.

Die beiden Spatzen sind wieder in meinem Garten gelandet. Während der eine das letzte heruntergefallene Winterfutter unter dem Vogelhäuschen aus dem Boden pickt, beäugt mich der andere neugierig. Er und die Glocke der Dorfkirche holen mich langsam wieder aus meinen Gedanken. Ich zähle die Schläge mit. Zehn Uhr. Über eine Stunde sitze ich nun schon hier. Zu der bleischweren Trauer gesellt sich plötzlich das Gefühl von Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass mir Gundo die Entscheidung abgenommen hat, den Tierarzt zu rufen, der ihn nur noch hätte einschläfern können.

Vorsichtig lege ich Gundos Kopf ins Gras. Ich gehe in den Schuppen und hole den Spaten.

Unwirkliche Wirklichkeiten

von Ingo Wünsch, Düren

Da sind sie wieder, die Erinnerungen, die Bilder. Ich bin überrascht, wie ich plötzlich die verschiedenen Leichen vor meinen Augen abspulen kann, wie ich sie in eine persönliche Reihenfolge bringe, und ... wie ich sie teilweise förmlich wieder rieche. Immer mal wieder, wenn ich mich mit diesem Teil meiner Polizeigeschichte auseinandersetze, sind die Szenen sofort präsent. Bei den Gerüchen des Todes denke ich immer an diesen Begriff: Olfaktorisch – aus dem Buch »Das Parfüm« von Patrick Süskind. Kein Begriff beschreibt für mich so unmittelbar die Unwirklichkeit, verknüpft mit dem Grauen und dem Ekel, den ich teilweise empfunden habe, während ich dennoch gleichzeitig fasziniert davon war. So wie die Hauptfigur dieses Romans: Jean-Baptiste Grenouille, das verwachsene kleine abgedrehte Monster in einer fesselnden Geschichte. Nur ist Grenouille Fiktion. Meine Bilder und Erinnerungen sind dagegen Realität.

***

Gerichtsmedizin

An einem wunderschönen strahlend blauen Sonnentag finde ich mich im Keller einer Gerichtsmedizin wieder. Der Gang in den Keller, mit dem zunehmenden schweren süßlichen Geruch, ist für mich der Abstieg in die Unwirklichkeit. Ich lege den Mantel der Realität ab und tauche ins Jenseits ein. Rechts um die Ecke stehe ich plötzlich in einem großen gekachelten Raum mit mehreren Obduktionstischen. Auf dem ersten Tisch liegt ausgebreitet ein schwarzes Etwas. Es sieht aus wie ein Mensch, doch es fehlt was. Vom süßen schweren vergammelten Geruch gefangen, der in der Nase beißt, fällt es mir schwer, klar zu denken. Ich werde langsamer und schaue wie ein Fremder auf die unwirkliche Situation, stehe daneben, bin nicht Teil von ihr. Ein Bein fehlt, ein ganzes Bein. Und der ganze Restkörper ist schwarz, aufgedunsen, kaum als Mensch zu erkennen und vor allem: der Geruch. Er erfüllt den ganzen Raum und vernebelt mir die Gedanken. Der Geruch lässt sich schneiden, ich habe das Gefühl ihn nicht nur zu riechen, sondern als Masse zu fühlen.

Zurückgeholt aus meinen Empfindungen werde ich von den Pathologen und dem Präparator, die mit lauter und deutlicher Stimme ihren Vortrag zur Obduktion beginnen. Routinierte Sätze, garniert mit Sarkasmus, entspannen die Situation.

Ich entferne mich zusehends von meinen subjektiven Empfindungen hin zu einem objektiven Interesse an dem Geschehen, allerdings ohne zu nahe an den Tisch heranzutreten. So erlebe ich das Abziehen der Gesichtshaut und damit das Freilegen des Schädels, das Auffräsen des Schädeldaches, das Herauslaufen des Gehirns bis zum Aufschneiden des Bauches. Ffffft – hörbar entweicht Luft aus dem Bauchraum.

Das Gewicht des süßlichen gammeligen Geruchs drückt mich nieder, nimmt mir den Atem, wischt jegliches Interesse weg, erschlägt mich mit seinem Ekel ... ich gehe raus. Ich durchstoße die Tür nach draußen und finde mich wieder unter dem strahlend blauen Himmel eines wunderschönen kalten frischen Sonnentages.

Eine Stunde später. Die Fortbildung, an der ich im Rahmen meiner Ausbildung zum Kriminalbeamten teilnehme, geht weiter. Wir gehen wieder durch den Keller, auf einer Stahlliege liegt eine kleine Puppe mit weißlicher Haut, halb zugedeckt. Ich wundere mich, was macht die hier? Es ist ein Säugling, plötzlicher Kindstod. Er ist nicht ekelig, er riecht nicht, er sieht friedlich aus. Heute bin ich froh, dass ich damals noch keine Kinder hatte. Später habe ich häufiger mal an dieses friedliche tote Kind denken müssen. Es sah aus, als würde es schlafen, und schlafende Kinder haben etwas unendlich Friedliches und Schutzwürdiges. Bei meinen Kindern habe ich immer wieder die schönsten Momente, wenn sie schlafen, ich sie anschaue und ihnen ins Ohr flüstern kann, dass ich immer für sie da sein werde und ich sie lieb habe.

Dieser Säugling war tot, man hatte ihn roh auf eine kalte Stahlliege gelegt, nur halb zugedeckt – wer ist an diesem Tag für ihn da? Seine Eltern sind da, sie stehen oben und verlangen, an der Obduktion teilnehmen zu können. Wie bitte!!?? Ich frage mich, ob diese Eltern noch ganz klar sind. Sie sind es. Ihr Wunsch entspringt aus ihrer tiefsten Angst um ihr totes Kind. Sie sind Zeugen Jehovas und nach deren Glauben muss der Mensch bei seinem Tod vollumfänglich bestattet werden, es darf nichts, aber auch nichts, dem Körper entnommen, aber auch nichts hinzugefügt werden.

Was unmöglich ist. Der Ablauf einer Obduktion lässt dies nicht zu. Die Entnahme von Gewebeproben für histologische Untersuchungen ist obligat. Der zuständige Oberstaatsanwalt entscheidet, dass die Eltern nicht anwesend sein dürfen. Danke! – das Zerschneiden dieses kleinen schutzwürdigen friedlichen Wesens bietet auch keinen Raum für Elternliebe. Es ist zerstörerisch, hier wird die Friedlichkeit des Todes gnadenlos aufgebrochen. Ein Scheißjob, denke ich!

Warum, frage ich mich, bin ich den Toten weiter treu geblieben? Warum habe ich mich später mit Todesermittlung beschäftigt? Hat mir das damals nicht gereicht? Doch, es hat mir gereicht. Aber ich entdeckte gleichzeitig, dass ich damit umgehen konnte, mich freisprechen, den Tod loslassen und ich kann mich daran erinnern, ohne mich belastet zu fühlen. Der Umgang mit Toten ist bei allem Sarkasmus in der Situation von höchster Verantwortung gegenüber diesem verstorbenen Menschen geprägt. Sarkasmus ist ein zulässiger Schutzschild, solange man ihn bewusst einsetzt. Der Übergang zum Zynismus jedoch signalisiert, dass man aussteigen muss. Man bringt den nötigen Respekt nicht mehr auf und verliert ihn dann irgendwann vielleicht sogar vor sich selbst.

***

Wie wütend muss man sein?

Der eine ist aus dem 12. Stock in die Tiefe gesprungen, hat einen oberschenkeldicken Ast durchschlagen und liegt nun auf der Wiese unter einer Plane. Schaulustige, vor allem Kinder stehen umher und gaffen. Die Leute beschweren sich, wenn man sie wegschickt – nette Gesellschaft, denke ich. Oben in der Wohnung lebt die Freundin des Toten mit ihrer Mutter. Auf dem Küchentisch liegen sein Schlüsselbund und sein Portemonnaie. Die Balkonbrüstung besteht aus Querstreben. Zwischen den beiden obersten Streben steckt der rechte Turnschuh des Toten. Was ist passiert? Die Freundin sitzt an ihre Mutter gekauert auf dem Sofa. Sie haben sich gestritten, der Tote und sie. Sie hatte mit ihm Schluss gemacht und er war noch mal zu einem Gespräch gekommen. Er wollte sie. Sie wollte ihn nicht mehr. Voller Wut hat er seinen Schlüsselbund und sein Portemonnaie auf den Tisch geknallt und ist mit Anlauf über die Brüstung in die Tiefe gesprungen. Zurück blieben der Turnschuh und Stille. Hat er sich im Flug noch gedacht: Mensch, was tue ich da? Keine Ahnung, sein Blick war gebrochen und ausdruckslos.

Der andere stirbt als wütender selbstzerstörerischer Märtyrer. Sie hatte mit ihm Schluss gemacht, seine Freundin. Sie war gerade mal dem Kindesalter entwachsen, er dagegen schon Anfang 20. Ihre Eltern wollten diese Beziehung nicht dulden, sie zwangen die Tochter, sie zu beenden. Damit wurde er nicht fertig. Er hat sich vor einen Zug geschmissen. Einen Zug! Immer wenn ich am Bahnhof stehe und ein Zug fährt ein oder durch, bin ich erschrocken, welche Kraft hinter diesen Eisenkolossen steckt. Wie kann man sich so zermatschen lassen? Er ist durch den Zug über 300 Meter auf die Bahnlinie verteilt worden. Es ist Winter, größere Leichenteile geben noch Hitze ab, sie dampfen. Leichenteile, die direkt auf der Eisenschiene liegen, sind festgefroren. Es ist dunkel, eiskalt und es schneit leicht.

Der Bestatter mit zwei Gehilfen und einer Zinkwanne geht unter Taschenlampenlicht mit uns die Strecke ab. Eine Prozession des Schreckens. Immer wieder tauchen im Lichtkegel Körperteile auf, dampfen, kleben auf der Schiene und können kaum bestimmt werden: Oberschenkel, Torso, Arm? – egal, einsammeln. Der Schädel ist zermatscht, die Gesichts- und Kopfhaut ist wie eine leere Hülle. Das Gute bei dem ganzen Grauen ist, dass hier der Mensch als solches gar nicht mehr erkennbar ist. Aus den Teilen und deren Zustand lässt sich nichts im Kopf zusammenbauen. Das macht die Sache erträglich.

Er hat sich mit Blick zum Zug mit ausgebreiteten Armen auf die Bahnlinie gestellt und den Zug empfangen. Der Kopf zerplatzt durch die Wucht, weggespritzte Gehirnmasse, Blut und Gewebeteile an der Schiene zeigen uns in etwa die Stelle des Zusammenpralls. Auf dieser Höhe steht ein Rucksack, darin sein Abschiedsbrief. Er will ihr den Weg für ihr Leben frei machen. Der Brief endet mit weglaufenden hektischen Buchstaben: Ich liebe Dich bis zum letzten Atemzug. Eine Theatralik, selbst in der Rhetorik, ob gewollt oder ungewollt, die betroffen macht. Wie wütend muss man auf das Leben sein?

***

Starke Menschen

Warum sind die einen Menschen so schwach und die anderen so stark? Er hat sie umgebracht, erst seine Lebensgefährtin und dann das gemeinsame zwei Jahre alte Kind, erstochen, brutal und endgültig. Die achtjährige Petra hat sich versteckt und überlebt.

Ich komme gut gelaunt und nichts ahnend zum Frühdienst. Es ist wieder richtig schönes sonnenverwöhntes Wetter. Die Tat war in der Nacht. Die Ermittlungen haben ergeben, dass die Kinder zuletzt oft bei den Großeltern waren. Sie sind noch nicht informiert. Mit einem Notfallseelsorger fahren wir zu der Adresse der Großeltern. Ein schönes Einfamilienhaus in einer dörflichen Gegend, es ist friedlich.

Ich zucke zusammen, als ich die Ruhe mit dem Klingeln aufbreche.

Es tut sich nichts. Ich drücke noch mal. Sichtlich aus dem Bett geworfen öffnet der Großvater die Tür und schaut uns irritiert an.

»Guten Morgen, wir sind von der Polizei und hätten Sie gerne gesprochen.« Mein Gott, was für ein Satz als Einleitung für das, was auf diese Menschen an diesem Morgen zukommen wird.

Ich kann ein erstes Erschrecken in seinen Augen sehen. Wir stehen in der Diele.

Von oben ruft seine Frau: »Wer ist denn da?« Er ruft zurück: »Die Polizei, die wollen mit uns sprechen.«

Ich denke in dem Moment: Nein! – ich will nicht mit euch sprechen, ich will am liebsten weg hier.

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Titel: Jeden Tag den Tod vor Augen