Lade Inhalt...

Die Schatten von Nizza - Ein Fall für Pomelli und Vidal: Band 1

Kriminalroman

2018 353 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Seit Damien Pomelli von einem Einsatz in Mali zurückgekehrt ist, will er nichts weiter, als endlich sein Leben in den Griff zu bekommen. Kurz darauf wird eine Leiche gefunden: ein Mann, der Damien in den letzten Sekunden seines Lebens anrief – nur der Grund wird für immer ein Geheimnis bleiben. Als er in das Fadenkreuz des ermittelnden Kommissars Vidal gerät, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Spur des Täters zu begeben … und diese Spur führt ihn zurück in dunkle malische Nächte und Ereignisse, die er verzweifelt zu vergessen sucht. Es beginnt ein rasantes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem sich Pomelli mit seinem Feind Kommissar Vidal zusammentun muss, um schneller zu sein als ein Täter, der vor nichts zurückschreckt …

Über die Autorin:

Michelle Cordier, geboren 1962, arbeitete viele Jahre als Sekretärin, bevor sie das Geschichten erfinden und Schreiben für sich entdeckte. Von vielen Genres begeistert, veröffentlicht sie inzwischen unter verschiedenen Pseudonymen Krimis und historische Romane.

Michelle Cordier veröffentlichte bei dotbooks bereits den Roman »Mord an der Côte d'Azur. Ein Fall für Pomelli und Vidal«.

Die Website der Autorin: www.michelle-cordier.de

***

eBook-Neuausgabe Juli 2018

Dieses Buch erschien bereits unter dem Titel »Doppelter Tod« bei dotbooks GmbH, München.

Copyright © der Originalausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Philipp Bobrowski

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/brickrena, Grisha Bruev

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (sh)

ISBN 978-3-95824-401-6

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: info@dotbooks.de. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Die Schatten von Nizza« an: lesetipp@dotbooks.de (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Michelle Cordier

Die Schatten von Nizza

Ein Fall für Pomelli und Vidal

dotbooks.

Kapitel 1

An Zufälle glaubte er nicht. Alles hatte Ursache und Wirkung, Ursprung und Absicht. Auch die Schritte, die ihn seit seinem Besuch im Restaurant begleiteten. Sie verstummten, sobald er stehen blieb, um sich eine Zigarette anzuzünden. Sie verfolgten ihn, wenn er seinen Weg durch die Gassen fortsetzte. Verdunkelte Schaufenster, vergitterte Eingänge und herabgelassene Rollos – dieser Teil der Altstadt wirkte gerade in der Nacht bedrohlich und abweisend.

Er ignorierte den Schauder, der über seinen Rücken zog, doch als er wieder das gleichmäßige dumpfe Tapsen hörte, sah er sich um. Matter Lampenschein fiel auf das Pflaster, ein Schatten verschwand in einem Torbogen. Als plötzlich eine schwarze Katze aus einem vergessenen Pappkarton heraussprang, zuckte er zusammen. Dio mio, ob ihm Unglück drohte?

Er riss sich zusammen. Diesen dummen Aberglauben hatte er schon viel zu oft während seiner Einsätze gepflegt. Es war doch kein Wunder, dass er nervös war. Vielleicht war er unvorsichtig gewesen, hatte sich eine Blöße gegeben. Warum hatte ihn niemand in dem Restaurant erwartet? So lange hatte er am Tisch gesessen.

Sein Atem ging ebenso schnell wie die eigenen Schritte. Auf der immer noch belebten Place Rossetti ragte die geschwungene Barockfassade von Sainte-Réparate in den mondhellen Nachthimmel. Unwillkürlich blieb er stehen und legte seine Hand an den eisernen Türgriff. Doch dann verbot ihm sein Stolz, in der Kirche Zuflucht zu suchen. Wahrscheinlich war sie sowieso verschlossen.

Hastig strebte er weiter in Richtung der Strandpromenade. Sein Verfolger ließ sich nicht abschütteln, er hörte ihn trotz der Umgebungsgeräusche.

Er passierte den Cours Saleya mit seinen Pavillons, in denen noch späte Gäste speisten. Schon war er an den ehemaligen Fischerhäuschen angekommen, die den Blumenmarkt vom Strand trennten und seit langem in kleine Restaurants, Wohnungen und Garagen umgewandelt worden waren. Instinktiv tastete er die Türen und Tore ab, bis sich zu seinem Erstaunen eine Seitentür öffnete.

Er trat in einen geräumigen Lagerraum. Das Licht der Straßenlampen schien durch das vergitterte Fenster. Er atmete auf und versuchte, seinen Herzschlag zu beruhigen. Da blitzte der Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos auf und erhellte eine unförmige Masse. Zwei riesige Augen starrten ihn aus zwei Meter Höhe an. Und dort – noch mehr Augen! Da, eine große Hand, die auf ihn wies. Dann erlosch das Licht. Er sog die staubige Luft ein und presste sich mit dem Rücken an die Tür. Im nächsten Moment trat ein Schatten in den Vordergrund, der Umriss eines Teufels, er erkannte deutlich die Hörner auf dem Kopf.

»Madonna!«, rief er. Seine Stimme klang verdammt erbärmlich. Er tastete nach der Türklinke, erwischte einen Schalter. Grelles Neonlicht blinkte auf, und er stieß ein Kichern aus, ein wenig panisch und doch erleichtert. Unförmige, bizarre Pappmascheefiguren vom letzten Karneval standen in Reih und Glied. Verstaubt, ihre Farben verblasst, eine Parade stummer Vergänglichkeit. Die Augen, die ihn eben noch so geängstigt hatten, waren tot.

»Was für ein Unfug«, dachte er und löschte schnell das Licht, als er wieder an seinen Verfolger dachte. Er ging hinaus, nutzte den Schatten der Wände, strebte weiter in Richtung Promenade. Schritte konnte er nicht mehr hören, er schien allein zu sein. Als die Promenade des Anglais sich vor ihm auftat, wandelte sich die Furcht in eine zaghafte Erleichterung. Hier und dort Passanten, ein Junge fuhr mit einem Roller über das gepflegte Pflaster. Niemand folgte ihm. Das Rauschen der leichten, fast schaumlosen Brandung beruhigte ihn. Auch der nächtliche Verkehr auf dem Boulevard, der sich wie eine blendende Lichterkette an der Engelsbucht entlangzog, strahlte tröstliche Sicherheit aus.

Er ärgerte sich über seine Feigheit. Vielleicht hatte er sich alles nur eingebildet. Er betrachtete die Belle Époque-Gebäude, Hotels und Luxuswohnungen, die sich entlang der Straße erhoben. Während er der hell erleuchteten Promenade in westlicher Richtung folgte, horchte er noch einmal auf verdächtige Geräusche, doch er hörte nur ein Liebespaar, das kichernd über eine der Treppen zum tiefer gelegenen Strand hinunterstieg. Die salzige Luft prickelte auf seiner Haut. Er zog die nächste Zigarette aus der Packung, zündete sie an und pustete den Rauch entspannt in den Nachthimmel. Langsam setzte er den Heimweg fort. Hin und wieder drehte er sich um und blickte auf die Lichter der Stadt, die sich die östlichen Hügel hinaufzog, bis sich die Konturen im dunklen Himmel verloren.

Plötzlich horchte er auf, ein unangenehmes Kribbeln lief in seinen Nacken. Rasselnde, eilige Schritte – jemand lief ihm nach, über den Kies des Strandes. Er beugte sich über das Geländer, das die Promenade säumte. Das Paar war weit entfernt. Er vermochte im Halbdunkel niemand anderen zu erkennen. Vielleicht drückte sich sein Verfolger dort unten in den Schatten der Befestigungsmauer.

Die Angst kroch erneut in ihm hoch und schnürte ihm die Kehle zu. Die Zigarette fiel zu Boden. Er war nicht mehr in der Verfassung für klare Gedanken, das musste jemand anderer übernehmen. Hastig sah er auf die Uhr. Für einen Anruf war es bereits unhöflich spät, doch er konnte nicht auf die Befindlichkeiten anderer Rücksicht nehmen. Er wich ein paar Schritte zurück, zog das Handy aus seiner Hosentasche und blieb an einer der weißen Bänke stehen, auf denen tagsüber die Flaneure den Fähren nach Korsika nachschauten. Schnell tippte er die Nummer ein, er hatte sie sich eingeprägt. Viel zu langsam kam die Verbindung zustande. Er lauschte. Nur sein Atmen und der Rufton. Er nagte an den Lippen. Nun geh doch endlich dran! Wo zum Teufel steckte der Kerl? Wie üblich. Immer, wenn man ihn brauchte … Die Mailbox sprang an.

»Cazzo!«, zischte er. Wieder Schritte im Kies. Schweiß trat auf seine Stirn, als er bemerkte, dass die nächsten Nachtschwärmer erst in geraumer Entfernung auftauchten und ihm keinen Schutz boten. Er musste Distanz schaffen. Es war besser, auf die andere Straßenseite zu wechseln und im Park unterzutauchen. Er wandte sich dem Boulevard zu, um ihn zu überqueren. Er umklammerte das Handy, drückte auf die Wahlwiederholung.

Mit einem Mal erschien ein Kopf mit dunklen Haaren auf Höhe  der Strandtreppe. Augen funkelten im Schein der nostalgischen Straßenlampen.

Er hielt die Luft an, konnte den Blick nicht abwenden, als fesselte ihn die Gestalt, die weiter die Stufen hinaufstieg, allein durch ihre Existenz. In der Hand hielt sie eine Waffe. Er blickte genau in die Mündung. Seine Lippen begannen zu zittern.

Das Handy! Eine Stimme meldete sich. »Oui?«

Die Waffe zuckte, neben seinem Kopf spritzte ein Stück Rinde vom Stamm der Palme. Er hatte den Schuss wie durch Watte gehört.

»Damien!«, schrie er ins Telefon. Nur weg von hier! Wieder ein Knall. Ein heißer Stich in seiner Hüfte! Santa Madonna! Im Reflex stieß er sich von der Bordsteinkante ab und hörte noch das Quietschen von Reifen, dann einen dumpfen Aufprall und knackendes Glas. Das Handy entglitt seiner Hand und schlitterte über den Asphalt. Der graue Wagen rollte aus und blieb stehen. Jemand hupte. Die Kälte begann im Kopf und kroch an ihm hinab. Er verstand, dass sie nie wieder enden würde.

»Oui? Hallo? Wer ist denn da?« Damien Pomelli lauschte auf die seltsamen Geräusche und drückte das Gespräch schließlich weg. Verdammt schlechtes Timing. Sylvie wandte sich bereits wieder von ihm ab.

»Keiner dran«, sagte er und steckte das Telefon wieder in die Tasche seines Sakkos. Zu spät. Sie lächelte ihm kurz zu und ging davon. Für einen Moment hielt er die Luft an und betrachtete ihren schmalen, hinreißenden Hintern, bedeckt von einem schwarzen Etuikleid von Dior. Sie hatte das braune Haar hochgesteckt. Eine Perlenkette schimmerte an ihrem Hals und steigerte die Eleganz, die die Natur ihr ohnehin in die Wiege gelegt hatte. Wie sie ging, so weiblich und selbstsicher, dass er sich für einen Augenblick abgeschmettert fühlte. Was natürlich nicht so war. Sie mochte ihn, sie liebte ihn sogar, das wusste er. Verdammt, warum war er überhaupt ans Telefon gegangen?

»Sylvie, warte!« Er folgte ihr in den Flur, der von mehreren Wandlampen sanft beleuchtet wurde.

»Ich will nur eben nach Amélie sehen«, sagte sie und verharrte.

Damien schluckte. »Darf ich mit?«

Ihr Blick wurde ein wenig traurig, und er fühlte sich aus gutem Grund schuldig.

»Warum willst du sie sehen?«

»Du weißt, warum«, sagte er und heftete seinen Blick auf ihr klares, ebenmäßiges Gesicht, das er liebte, seitdem er sie vor vier Jahren zum ersten Mal gesehen hatte. Am Arm seines Bruders.

»Sie ist nicht dein Kind.« Sie wandte sich ab und setzte ihren Weg fort.

»Beweise es mir!« Er keuchte fast vor Anspannung, als Sylvie stehen blieb.

»Das brauche ich nicht. Ich bin dir keine Rechenschaft über mein Leben schuldig.«

Schnell legte er die Hand auf ihren Unterarm. »Ich weiß. Ist mir nur so rausgerutscht.«

Sie nickte und seufzte kaum hörbar. Nachdem sie auf ihre goldene Armbanduhr gesehen hatte, setzte sie sich auf ein Louis-quatorze-Sofa, das an der vertäfelten Wand stand. »Damien.«

Er setzte sich neben sie auf das unbequeme Möbelstück. Immer noch voller Herzklopfen und einem Verlangen, das ihn umwarf. Warum zum Teufel war es noch nicht vorbei? Sein Herz hatte er definitiv verloren, aber warum reagierte sein Körper trotz der langen Trennung immer noch so verdammt schnell auf ihren Anblick? Vielleicht wegen der langen Trennung?

»Es ist nicht besser geworden, nicht wahr?«, stellte sie fest.

»Nein.« Er musterte die Drucke an der Wand gegenüber. Es war eine blöde Idee gewesen, zum Diner anlässlich des 35. Geburtstags seines Bruders zu kommen. Zuerst hatte er ablehnen wollen, er kannte sich ja. Doch die Sehnsucht war stärker gewesen, der Anreiz zu übermächtig.

»Obwohl wir uns über drei Jahre nicht gesehen haben.«

»Richtig.«

»Wie willst du weitermachen, Damien? Mir bei jeder Gelegenheit den Hof machen? Mir Küsse rauben wie früher? Obwohl du weißt, dass Albert und ich …«

»Du liebst ihn nicht«, unterbrach er sie grob. Sogleich senkte er den Kopf. Verdammt, er konnte einfach nicht die Schnauze halten. Prompt seufzte Sylvie wieder auf.

»Verzeih.«

»Ach, Damien.« Sie rieb sich die Stirn.

Eine Weile schwiegen sie. Damien schloss die Augen und genoss die Berührung ihres Knies. Er roch ihren Duft und hörte sie atmen. Seit jener Nacht, der einzigen, hatte sich sein Leben auf den Kopf gestellt. Er war eben ein Idiot, ein romantischer, sturer Trottel, ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der sich Männer wegen einer Frau duellierten oder sich gleich aus verschmähter Liebe die Kugel in den Kopf jagten. Ja, in diese Zeit hätte er wunderbar hineingepasst.

»Es ist besser, wenn du jetzt gehst, Damien.«

»Du hast recht. Ich habe morgen früh eine Mediation.«

»Worum geht es?« Um ihre Mundwinkel spielte ein Lächeln.

»Um nichts, wie immer.«

»Ich finde es gut, dass du dich um nichts kümmerst.«

Er nickte automatisch, stützte sich auf den Knien auf und ließ den Kopf hängen. Von fern hörte er das Klirren von Gläsern, Gespräche und Lachen. Trotz seiner Arbeit, wenn er es überhaupt so nennen sollte, fühlte er sich meilenweit entfernt von diesem Leben, zu dem er früher so selbstverständlich gehört hatte. Drei Jahre war er nicht mehr in Nizza gewesen. Seit vier Monaten war er wieder da und fühlte sich so fremd, als käme er vom Mars.

Da spürte er mit einem Mal ihre Hand, die sich auf seine Schulter legte. Sie brachte seine Nerven zum Vibrieren. Sofort dachte er an jene Nacht, als Sylvie seinen Avancen nachgegeben hatte, aus Mitleid, das wusste er wohl, und mit einer Souveränität, die ihm imponiert hatte. Sie hatten sich immer fast blind verstanden, tauschten bis heute Gedanken mit einem einzigen Blick. Das war es, was ihn mit aller Macht glauben ließ, dass sie zueinander gehörten. Sylvie spielte mit seinem kurzen Nackenhaar, klopfte dann leicht auf seinen Rücken und stand auf. Sie ging, und ihr Duft folgte ihr wie eine Schleppe.

Er blieb sitzen und versuchte, das erregende Gefühl so lange wie möglich festzuhalten. Sylvie war ihm auf ihre eigene Weise sehr nah, sonst hätte sie ihn nicht so berührt. Doch niemals würde sie seinen Bruder verlassen. »Er braucht mich mehr als du«, hatte sie damals bei seinem Abschied erklärt. Zu seinem Leidwesen waren die beiden das, was man ein schönes Paar nannte. Beide liebenswürdig und selbstbewusst. Albert, sein älterer Bruder, groß und schlank, mit seinem durchgeistigten Ausdruck, der ihn oft abwesend erscheinen ließ. Als wälzte er unaufhörlich Gesetzesbücher. Albert, der Anwalt, der die beste und größte Kanzlei Nizzas von ihrem verstorbenen Vater übernommen hatte, und der mit Wirtschaftsbossen und der Hochfinanz per Du war. Albert, der hin und wieder in Monaco zu Gast war, bei seinem Namensvetter, dem Fürsten.

Und er, Damien Pomelli, der kleine Bruder, dessen Hingabe zum Tauchen, Kiten und Heliboarding ihm nur Alberts abfällige Blicke eingebracht hatte. Der seine Studienfächer wechselte wie seine Freundinnen und der trotz seiner achtundzwanzig Jahre noch keinen richtigen Beruf hatte, sondern vom Erbteil seines Vaters lebte.

Und zwischen ihnen Sylvie, die ihren Mann unterstützte, die Büroboten und Hausangestellte leitete. Die ihrem Mann Aspirin reichte und ihn mit sanfter Gewalt dazu brachte, das Büro zu verlassen, wenn er wieder einen seiner Migräneanfälle hatte.

Es stimmte vielleicht. Albert brauchte sie mehr, als Damien lieb war.

Mit dieser niederschmetternden Gewissheit verließ er die große Villa, ohne sich von ihr und seinem Bruder verabschiedet zu haben. Er war nicht einen Schritt weitergekommen, er saß auf einem Karussell und drehte sich immer weiter. Wohin gehörte er überhaupt? Auf seinem Weg zum Taxi sah er auf die glänzenden Lichter der Stadt, die zu seinen Füßen lag. Nizza, die Strahlende, die Schöne. Seine Stadt – und doch ebenso abweisend wie Sylvie. Wo war sein Zuhause? Legio Patria Nostra? Nein, das war auch nicht seine Heimat gewesen.

»Legio Patria Nostra.«

Kommissar Joseph Vidal drehte das Notizbuch mit der geprägten Aufschrift hin und her, um es zu begutachten.

»Die Legion, unsere Heimat. War der in der Fremdenlegion, oder was?«, fragte Inspektor Giraud, der ihm über die Schulter linste.

Der Kommissar überreichte ihm wortlos das Notizbuch und betrachtete den Unfallort, als hätte diese Stelle es verdient, noch einmal mit ganz neuen Augen gesehen zu werden. Der Unfallwagen, ein Maserati Quattroporte, hier und dort Glassplitter auf der Straße. Reste von Mullbinden und medizinischer Verpackung. Ein mittelgroßer Blutfleck. Sosehr er seine Augen auch anstrengte – leider war immer noch nichts Besonderes zu erkennen. Alles blieb so profan und normal wie zuvor. Ein Auto hatte einen Fußgänger erwischt, das kam fast wöchentlich vor.

Die Palmenblätter wiegten sich im auffrischenden Wind, und in den Bäumen des nahen Parks rauschte es. Er trug sein ältestes Sommerjackett, das an den Ellbogen bereits ordentlich aufgenähte Flicken trug, und spürte, wie die Gänsehaut an seinen Armen heraufzog. Es war Herbst, und die Stadt hüllte sich tagsüber in stechend klare Farben. Doch in der Nacht konnte man hier und dort den Verfall erkennen, den Geruch von nassem Laub, die kalte Luft auf der Haut und die kleinen Blütenblättchen, die aus den Blumenkübeln hinunterfielen. Er ließ seinen Blick schweifen über die Schatten der Hotels und Geschäftshäuser, die sich jenseits des Parks erhoben. Alles schien normal. Doch er wusste, das Profane war vorgeschoben. Dieser Fall war nicht normal, sonst hätte man ihn ja nicht informiert. Es gab etwas Geheimnisvolles, was ihn beunruhigte. Er liebte es ganz und gar nicht, beunruhigt zu werden.

War es diese Aufschrift gewesen, der Wahlspruch der Fremdenlegion? Hatten ihn diese Worte irritiert, und wenn ja, warum? Was zuerst wie ein normaler Unfall mit Todesfolge ausgesehen hatte, geriet zu einem Rätsel, seitdem der Notarzt noch während der vergeblichen Reanimierung eine Schussverletzung an der rechten Hüfte des Toten entdeckt hatte. Um die Unfallstelle herum flatterten Absperrbänder. Einige Passanten standen dahinter und kommentierten das Eintreffen des Leichenwagens.

Giraud hatte sich inzwischen wohl selbst eine Antwort auf seine Frage gegeben und das Notizbuch eingetütet. So wandte Vidal sich an den Fahrer des Maserati, der im Notarztwagen saß. Der Mann zog seine Schultern zusammen, als würde er frieren, und auch der Wagen sah mit der zerborstenen Scheibe aus, als hätte er eine Wand aus Eiskristallen durchbrochen.

»Monsieur Marchaud, Sie sagen also, der Mann wäre direkt von der Promenade aus auf Ihren Wagen zugelaufen.«

Der stämmige Mann nickte eifrig. Er wirkte entsetzt und aufgeputscht zugleich. »Ja, monsieur le commissaire. Mon Dieu, der hat mich gar nicht gesehen! Der ist mit einem Ruck vor mein Auto gefallen. Ich war nicht schnell, nein, das war ich nicht!«

Natürlich nicht.

»Mit einem Ruck?«

»Ja, als hätte man ihn geschubst oder als wäre er gestolpert.«

Oder als hätte ihn eine Kugel getroffen, dachte Vidal.

»Ich hoffe, der Schock lässt gleich nach. Bitte kommen Sie im Lauf des Vormittags auf das Kommissariat, damit wir Ihre Aussage aufnehmen können.«

Er reichte seine Visitenkarte, bemerkte dabei gleichgültig, dass die Finger des Mannes zitterten, und verabschiedete sich. Langsam ging er von der Unfallstelle – er sollte lieber Tatort sagen – auf die Promenade zu, die die meisten Nizzaer nur »Prom« nannten. Die Bürgersteigkante, die Palme, das glatte, saubere Pflaster. Dort lagen einige Rindensplitter. Weshalb? Das Rätsel löste sich auf, seine Unruhe wandelte sich in Genugtuung, als er nach nur einer Minute den Einschuss im Stamm gefunden hatte.

»Giraud!«, rief er. »Bitte Fotos und die Spurensicherung. Hier ist noch eine Kugel drin.«

Sein Inspektor kam herbeigelaufen und betrachtete mit dem Ausdruck eines neugierigen Jungen das winzige Loch. »Mann, tatsächlich! Also zwei Schüsse. Da können wir gut die Schussbahn nachvollziehen.«

»Wer ist er?« Vidal holte einen Zigarillo aus einem silbernen Kästchen, zündete es umständlich mit einem Streichholz an und lauschte dem Bericht seines Inspektors.

»Giovanni Boletti, laut seinem Führerschein. Im Notizbuch stehen einige Telefonnummern, keine Termine oder so was. Hat er vielleicht nur wegen der schicken Prägung bei sich gehabt, diesem Legio Patria Nostra. Als Souvenir oder so. Wir kriegen raus, ob er bei der Legion war oder so. Sonst keine Papiere oder so was bei sich, nur eine kleine Geldbörse mit einer Quittung von heute Abend, von einem Restaurant in der Rue Droite.«

»Oder so was …«, murmelte Vidal mit dem Zigarillo zwischen den Lippen.

»Was, Chef?«

Vidal zupfte sich die Hemdsärmel aus dem Sakko und rückte kurz an der Krawatte, bevor er sich den Glimmstengel aus dem Mund zog. »Eine klare Ausdrucksweise, Giraud. Wie soll ich die Fakten aufnehmen, wenn Sie sie dermaßen verwässern? Oder so was, oder so, vielleicht – das will ich nicht mehr hören, klar?«

»Klar, Chef«, sagte Giraud und zwinkerte hektisch. »Und … aber …«

»Giraud!«, zischte Vidal. Er war schließlich keine zwanzig mehr, und es wurde für ihn immer anstrengender, sich zu motivieren, egal, ob es um profane oder geheimnisvolle Morde ging.

»Ich meine nur, Chef, er hat noch ein Handy gehabt. Ist aber kaputt.«

»Die Techniker sollen sich anstrengen. Haben sich Zeugen gemeldet?«

»Ein junges Paar, das eine Gestalt hat weglaufen sehen. Die beiden konnten den Täter nicht näher beschreiben.«

Nicht viel an Material. Langsam drehte Vidal sich um und ging auf die Trage zu, auf der der Tote bereits in seiner Plastikumhüllung lag. Er trat die Kippe sorgfältig aus, hob sie auf und hielt sie in der Hand fest, bevor er die Umrisse der Leiche betrachtete. Wer war dieser Mann? Warum war er hierhergekommen und auf die Straße getrieben worden? Hatte er kurz vorher telefoniert? Mit wem? Vidal musste prüfen, ob die Kollegen vom Notruf einen Anruf um kurz vor Mitternacht erhalten hatten. Auf dem Weg zum Auto warf er die Kippe in einen Mülleimer.

Es war halb zwei in der Nacht, als er das Sakko auf einen Kleiderbügel streifte. Er rückte den Stoff gerade, entfernte einen Fussel vom Kragen und hängte den Bügel vorsichtig an den Garderobenhaken. Dann ließ er sich in seinem Bürostuhl nieder. Mit einer gewissen Befriedigung betrachtete er seinen aufgeräumten Tisch. Er rückte einen Kugelschreiber in Reih und Glied. Die Akten in den Regalen waren säuberlich beschriftet. Auf der Fensterbank stand ein Aschenbecher. Vidal erhob sich und ergriff ihn mit den Fingerspitzen, um ihn in eine Schublade in Girauds Schreibtisch zu stellen. Er rauchte nie in einem Zimmer, die Zigarillos schmeckten ihm in Verbindung mit frischer Luft am besten. Als er die Lade mit Schwung zuschob, segelte im Luftzug ein loses Blatt Papier auf den Stuhl hinunter. So ein Saustall. Bleistiftreste, Konfetti vom Locher.

Vidal runzelte die Stirn und stellte sich an das Fenster, um auf die Straße zu schauen. Vor dem Gebäude parkten einige Streifenwagen. Die Ermittlungen liefen weiter, er konnte nichts beschleunigen. Die Beamten fragten telefonisch in Hotels und Pensionen nach, und die Techniker nahmen morgen die beiden Kugeln unter die Lupe. Der Schütze musste in der Nähe einer Strandtreppe gestanden haben. Eine Schießerei auf offener Straße, sehr riskant. Es muss ein dringender Grund vorgelegen haben, das Opfer nicht klammheimlich in einem Hinterhof um die Ecke zu bringen. Legio Patria Nostra. Was hatte es damit auf sich? Warum dachte er immer wieder an die Legion?

Plötzlich richtete er sich auf und umklammerte die Tischplatte, rollte näher an den Computer heran und gab mit fliegenden Fingern mehrere Stichworte ein. In den Datenbanken der Kripo fand er vielleicht das, was ihn irritiert hatte. Nach einem Suchlauf von dreißig Sekunden öffnete sich zu seiner Befriedigung ein Bild. Ein Bericht erschien, den er mit zusammengekniffenen Augen vom Bildschirm ablas, zu ungeduldig, um erst seine Brille hervorzukramen. Ein Fremdenlegionär war in Marseille tot aufgefunden worden, erschossen. Vor nur vier Tagen. Ja, er hatte davon gehört.

Vidal rieb sich die Hände, als hätte man ihm ein Geschenk gemacht, das er nur noch auszupacken brauchte. Nun ging es dem Rätsel an den Kragen. Die Ballistik würde etwas zu tun bekommen. Bestand eine Verbindung zwischen den beiden Toten? Gehörten sie gar der gleichen Einheit an? Vidal hob den Telefonhörer und verlangte von der Zentrale die Telefonnummer der Mordkommission in Marseille und der Truppenverwaltung in Aubagne. Mitten in der Nacht würde er keine Auskünfte erhalten, aber am nächsten Morgen war ein Gespräch fällig.

Damien Pomelli war auf Höhe der Avenue de Verdun angekommen und ging über die Promenade des Anglais weiter in Richtung der Altstadt. Ob ihm das üppige Diner im Magen lag oder das Gespräch mit Sylvie, wusste er nicht zu sagen. Auf jeden Fall hatte er das Taxi soeben fortgeschickt. Er hatte eine kleine Runde gedreht, sich die Beine vertreten. Die Bewegung erleichterte ihn, auch wenn seine Wade wieder etwas schmerzte. Er sah auf das Meer hinaus, tröstete sich an der Beständigkeit, der Ewigkeit der sanften Wellen. Wenigstens das Meer blieb gleich und unverändert. Er sog die salzige Luft ein und ging weiter, ein wenig getröstet in seiner verdammten Melancholie.

Als er von fern die zuckenden Lichter der Einsatzfahrzeuge auf dem Boulevard sah, bog er ab und nahm den Weg quer durch den Jardin Albert I. Es hatte sich wohl ein Unfall ereignet, auch wenn er den Einsatz von fünf Polizeifahrzeugen für übertrieben hielt. Ein etwas ernsterer Hintergrund wahrscheinlich. Niemand wusste besser als er, der in den Gassen der Altstadt aufgewachsen war, dass Nizza hinter den glänzenden Fassaden auch hässliche Seiten besaß.

Er seufzte und starrte in den Sternenhimmel. Wolkenfetzen zogen vorbei, es wurde kühl. Hinter einer der Bananenstauden raschelte es. Die rund beschnittenen Buchsbaumkugeln hockten wie Gnome auf den exakt ausgerichteten Rasenflächen, und die Palmen erhoben sich so stolz, als würdigten sie das Geschehen unter sich keines Blickes. Das Rauschen des Meeres verschmolz mit vereinzelten Motorgeräuschen. Nizza kam zur Ruhe, es war ein Werktag.

Das Gefühl, verfolgt zu werden, kam aus heiterem Himmel. Blicke tasteten ihn ab, fast spürbar. Ein Kribbeln zog in seinen Nacken, und unwillkürlich schlug er einen 90-Grad-Haken. Verschwand dort nicht gerade ein Schatten? Es war so spät, dass sich höchstens Junkies oder Betrunkene noch im Park aufhielten, trotz der regelmäßigen, rigorosen Polizeistreifen. Wer würde ihm jetzt an diesem Ort die Geldbörse rauben wollen? Schließlich standen nicht weit entfernt zwei Beamte der Police Municipale auf der Fahrbahn und regelten wegen des Unfalls den spärlichen Verkehr.

Er sah sich um, konnte niemanden hinter sich erkennen. Vielleicht hatte er sich geirrt, auch wenn sein Gespür für Gefahr gut ausgebildet war, und es ihm bereits einige Male aus gefährlichen Situationen geholfen hatte. Er ging weiter. Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine schmale Gestalt schräg links hinter sich, doch dann nahm der Triton-Brunnen ihm die Sicht. Als er am Karussell vorbeikam, war er allein auf weiter Flur. Vielleicht nur ein weiterer Passant, der nach Hause wollte. Die Altstadt war leer bis auf einige Nachtbummler wie ihn.

Das diffuse Licht der Straßenlampen versetzte ihn in seine Kindheit, als er hier mit einem ängstlichen Schauder durch die nächtlichen Gassen gerannt war, um schnell heimzukommen. Er überquerte die Straße und hielt auf die viergeschossigen Reihenhäuser in der Rue de la Préfecture zu. Die Fassade leuchtete in hellem Beige, unterbrochen von den gleichmäßigen Reihen der hellblauen Fensterläden. Das Plätschern des Springbrunnens unweit des Justizpalastes drang zu ihm. Er umging drei Motorroller, die recht ungünstig vor seiner Haustür parkten, schloss die dunkle Holztür auf und trat in den Flur.

So unscheinbar das Haus von außen aussah, so gediegen war es im Inneren. Den Aufzug ließ er links liegen, er stieg die elegant geschwungene Marmortreppe zur dritten Etage hinauf, die ihm sein Vater zur Gänze hinterlassen hatte.

Als er die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zog, lehnte er sich an das Türblatt und atmete auf. Ob er diese fünf geräumigen Zimmer seine Oase nennen konnte? In Mali gab es Oasen – eine Ansammlung von kümmerlichen Häusern im Schutz einiger Bäume, und nur die Tatsache, dass es dort eine Quelle gab und gefühlte fünf Felder, machte diesen Ort zur Zuflucht von Menschen, obwohl er nichts wirklich Lebenswertes bot. Jedenfalls nicht für ihn. Das Lachen der Kinder dort kam ihm in den Sinn. Die Jungs hatten immer wieder einen alten Ball vor eine Mauer geschossen, deren Putz von den noch frischen Einschusslöchern durchsiebt war. Ja, natürlich war diese Wohnung seine Oase. Er sollte dankbarer sein. Auch wenn sie an den von Touristen gefüllten Straßen der Altstadt lag, war ihm nie in den Sinn gekommen, an den Boulevard de Cimiez zu ziehen, wo Albert in seiner Jugendstilvilla residierte.

Er stieß sich vom Türblatt ab und ging ins Bad. Der Lüster hüllte ihn in warmes Licht, er fühlte sich für einen Moment lang wirklich heimisch. Als er vor dem Spiegel über sein dunkles Haar strich, ließ ein Geräusch ihn aufhorchen. Er hielt inne, drehte sich um und hastete mit seinem Schlüssel aus der Wohnung heraus. Er schloss die Tür zur gegenüberliegenden Nachbarwohnung auf, trat in die Räume ein und eilte zum Bad, das die Wand mit dem seinen teilte. Das Rauschen der Wasserleitung hatte ihn alarmiert.

»Robert! Warum bist du noch auf?«

Missbilligend sah er zu, wie sein Freund die Zahnbürste auf eine Ablage legte und seinen Rollstuhl mit geschickten Handbewegungen zu ihm herumdrehte.

»Hattest du vor, die ganze Nacht im Stuhl zu verbringen?«, fragte Damien.

Roberts braunes Haar stand ein wenig zerzaust vom Kopf ab. Die Augen in seinem regelmäßig geschnittenen Gesicht funkelten belustigt. »Ich kann allein ins Bett.«

»Ja, aber ist Aisha heute Abend nicht hier gewesen?«

»Hat sich krankgemeldet.«

Damien holte sein Handy aus der Tasche. »Hast du mich etwa vor einer Stunde angerufen?« Er prüfte die Nummer, doch sie gab ihr Geheimnis immer noch nicht preis.

»Nein. Wie gesagt, ich kann …«

»Einen Scheißdreck kannst du. So lass dir doch helfen, du Idiot.« Damien boxte Robert auf die Schulter, dann schob er ihn im Rollstuhl über den Parkettboden ins geräumige Schlafzimmer. Über dem Pflegebett baumelte ein Griff, auf dem Nachttisch lag ein leerer Katheterbeutel. Er spürte immer noch den Stich, wenn er diese stummen Zeugen des Schicksals sah. Drei Monate waren vergangen, seitdem er seinen Studienkollegen zu sich geholt hatte, mit dem er die Uni und ein Faible für gefährliche Skipisten geteilt hatte. Letztere waren Robert zum Verhängnis geworden. Warum er sich seiner angenommen hatte, wusste er immer noch nicht. Er konnte nicht anders. Es ging ihm besser, wenn es denen gut ging, die er mochte. Jedenfalls steckte da etwas in seiner Brust …

Unsinn, dachte er und schob die trüben Gedanken von sich. »Mann, wie kann eine Pflegerin einfach so krank werden«, schimpfte er. »Sie wird immer unzuverlässiger. Such dir eine andere.«

Robert zog sich gerade das T-Shirt über den Kopf. »Hm, so übel ist sie gar nicht«, erklang es dumpf.

Damien, der gerade die Bettdecke zurückziehen wollte, hielt erstaunt inne. »Wie meinst du das? Leistet sie etwa speziellen Extraservice?«

Robert legte den Kopf ein wenig schräg und musterte interessiert die Zimmerdecke. »Die Fensterläden sind noch offen, Damien«, sagte er und knipste das Nachtlicht an.

»Jetzt lenk nicht ab. Schläft sie mit dir?«

Robert lächelte.

Sein Schweigen war Damien Antwort genug. »Oh Mann, du bist ja drauf. Lass dich bloß nicht von ihr übers Ohr hauen«, warnte er und stellte sich vor den Rollstuhl. Robert stützte sich ab und hob seinen Hintern etwas hoch, so dass Damien ihm Jogginghose und Unterhose hinunterziehen konnte. Er faltete die Kleidung zusammen und betrachtete Roberts muskulöse Arme. Das Rollstuhlbasketball tat ihm offensichtlich gut. Natürlich schaffte er es allein ins Bett, doch die Einreibungen konnte er nicht selbst vornehmen.

Sein Freund hatte inzwischen sein Pflegebett heruntergefahren und das Seitenteil des Rollstuhls entfernt. Damien stellte sich nah vor ihn, sicherte die schlaff herabhängenden Füße mit seinem Fuß und beugte sich zu Robert vor. Er legte beide Arme um seine Hüfte, hob ihn empor und drehte ihn zum Bett. Robert hatte schon seine Arme ausgestreckt und stützte sich auf der Matratze ab, um sich endgültig herumzuwuchten.

»Danke«, sagte Robert und plazierte sich richtig.

»Hast du noch Franzbranntwein?«

»Im Nachtschrank unten.«

Eine Viertelstunde verging, in der Damien seinem nackten Freund den Branntwein auf Rücken, Schenkel und Po verteilte, um die Haut zu kräftigen und das Wundsitzen zu vermeiden. Besorgt betrachtete er zwei rote Flecken auf dem Gesäß. »Du musst einen neuen Gelring zum Sitzen besorgen.«

»Bestelle ich morgen«, sagte Robert müde und zog sich das Pyjamaoberteil an.

»Soll ich deinen Schwanz auch einreiben? Nur für alle Fälle.«

Robert verdrehte die Augen. »Mach dich ruhig über mich lustig.«

Doch Damien legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn an. »Mein Freund, ich vermute, dass du momentan ohnehin mehr Sex hast als ich.«

»Selbst dran schuld. Warum rennst du ihr noch nach? Es ist vorbei, Damien.«

»Ja, vielleicht. Vielleicht auch nicht.« Die Wendung des Gespräches gefiel ihm nicht. Er drehte die Plastikflasche zu und wischte sich die stechend riechenden Hände an der Hose ab.

»So, jetzt wird geschlafen.«

»Jawoll, Legionaire Pomelli!« Robert salutierte zackig, und Damien lachte auf.

»Bis morgen früh.«

»Merci, Damien.«

Auf dem Weg durch den Flur warf er einen kurzen Blick in Roberts Salon. Ein Monitor leuchtete, ein weiterer Monitor stand auf einem riesigen Schreibtisch. Überall Tastaturen, Kabel, Drucker, Computer, Scanner und weitere Gerätschaften. Roberts Fenster zur Welt. Er hatte Informatik studiert und war der virtuellen Welt treu geblieben. Mit dem Schreiben von Programmen verdiente er sogar ein wenig Geld zusätzlich zu seiner Schwerbehindertenrente. Und Damien wollte gar nicht wissen, was die schrägen Gestalten, die Robert manchmal empfing, von ihm wollten. Alles Hacker und Nerds, dachte er und hütete sich, den Monitor oder noch andere leuchtende Gerätschaften auszuschalten. Am Ende würde er wieder etwas löschen. Er hoffte inständig, dass nicht irgendwann ein Kurzschluss die ganze Wohnung in Schutt und Asche legte. Mitsamt dem schlafenden Robert.

Kapitel 2

»Ich bin Künstler. Mit solchen Lappalien befasse ich mich nicht.«

Mit einem arroganten Schwung warf Monsieur Dufabre sein langes Haar zurück, während Monsieur Ravel irritiert seine Brille auf der Nase zurechtschob und sein Gegenüber skeptisch anblinzelte. Damiens Hände lagen zusammengefaltet auf der Tischplatte neben seiner Kaffeetasse, doch unwillkürlich zuckten seine Finger.

Er räusperte sich. »Nun, Monsieur Dufabre, eine Lappalie würde ich das nicht nennen.« Mit diesen Worten schob er ein Foto zu seinem Klienten hinüber, auf dem acht wohlgefüllte Plastiksäcke voller Laub zu sehen waren.

»Das ist Laub von Ihren Platanen. Laub, das Monsieur Ravel aus seinem Garten entfernt hat.«

»Warum lässt er es nicht liegen?«

»Weil es meinen Rasen kaputt macht. Die Gerbstoffe, die Bitterstoffe. Ich habe meinen Rasen nicht angesät, um später eine gelbe Fläche zu haben, Herr Nachbar!«

Eine solch freche Stimme hätte Damien dem dicklichen Mann gar nicht zugetraut, der sich erhoben hatte und sich auf der Tischplatte abstützte.

»Sie wissen, wie aufwendig die Pflege eines Rasens hier an der Côte ist. Nein, Sie wissen’s natürlich nicht«, winkte er ab und ließ sich mit einem Seufzer wieder auf den gepolsterten Stuhl sinken.

Die Mediation fand in Damiens Büro statt, an einem Konferenztisch in einem behaglich eingerichteten Raum. Ein befreundeter Richter hatte ihm empfohlen, Seminare zu besuchen, die Damien von einem Ex-Fremdenlegionär in einen ausgeglichenen, vermittelnden Mediator verwandeln würden. Sein damaliges Studium in Psychologie und die vier Semester Jura waren ihm hilfreich gewesen. Und nicht zuletzt sein Name. Das war mal etwas anderes, als vom Feuer bedrohte Dörfer zu evakuieren oder verwundete Soldaten einzusammeln. Damien genoss es im Allgemeinen, mit der Alltäglichkeit zu spielen, mit dem Normalsein, das seinem Leben ein wenig Halt bot. Doch heute war er ungeduldig, nervös. Er hatte schlecht geschlafen, und das war der Grund, warum er am liebsten unter dem Tisch mit den Füßen gescharrt hätte.

»Monsieur Dufabre«, setzte er an. »Natürlich kann niemand etwas dafür, wohin die Blätter vom Wind geweht werden. Doch in Ihrem Fall entsteht eine Ungleichstellung zweier Nachbarn. Sie sind Besitzer der Bäume, deren Blätter auf das Nachbargrundstück fallen. Und das seit vier Jahren. Also, seitdem Monsieur Ravel dort gebaut hat. Bisherige Einigungsversuche schlugen fehl und …«

»Einigungsversuche?«, schrie der Künstler auf. »Er hat mich unter Druck gesetzt, mich bedroht. Ich war völlig außer mir, konnte den Pinsel nicht mehr halten, so sehr haben meine Finger gezittert. Ich könnte Schadensersatz von ihm fordern für meine Arbeitsunfähigkeit.«

»Pinsel«, blaffte Ravel abfällig. »Sie spielen doch sowieso immer Pétanque in Ihrem Garten. Ein Faulenzer sind Sie!«

»Das brauche ich zur Inspiration!«

Damien sah ihm tief in die blauen Augen. »Ist es für Ihre Inspiration wirklich besser, ein Gerichtsverfahren mit unsicherem Ausgang besuchen zu müssen?«

»Unsicherer Ausgang?«, beschwerte sich Monsieur Ravel.

Damien warf sich schnell zur anderen Seite des Tisches. »Ja, ungewiss, Monsieur Ravel, auch für Sie. Ich bin mir nicht sicher, ob der Richter aus Frust über eine geplatzte Mediation nicht Sie als Kläger für seinen Arbeitsaufwand verantwortlich macht. Ich wäre da vorsichtig.«

»Ich kann in Berufung gehen!«, rief Ravel.

»Ich auch!«, rief Dufabre.

Damien presste seine Lippen zusammen und atmete tief ein. Er strich sich das Haar aus der Stirn und stand auf, um das Fenster zu öffnen. Sofort strömten mit der warmen Luft Stimmengewirr und das Knattern eines Rollers ins Zimmer. Draußen drehte sich die Welt. Die Brasserien und Bistros waren gefüllt. Eine Reisegruppe bewunderte gerade die Säulen des Palais de Justice, das sich hundert Meter entfernt auf dem gleichnamigen Platz erhob.

»Ein schöner Tag heute. Viel zu schade, um länger als nötig über Bäume und Blätter zu sprechen. Finden Sie nicht auch?«

»Ich sowieso«, murmelte der Maler, während Ravel verstimmt an seiner Lippe nagte.

»Bald werden die Blätter fallen. Ich denke, in zwei Wochen geht es los, und nach weiteren vier Wochen sollten alle Blätter runter sein. Sollten wir uns bis dahin nicht geeinigt haben?«

»An mir liegt es nicht«, sagte Ravel betont desinteressiert, was Dufabre mit einem Schnaufen quittierte.

»Sehen Sie meinen Vorschlag als so gut wie bindend an, wenn Sie die Kosten eines Gerichtsverfahrens meiden möchten: Im Schnitt fallen ein Dutzend Säcke Laub an. Monsieur Ravel und Sie, Monsieur Dufabre, werden sich zu vorher bestimmten Terminen und nach vorheriger Besichtigung der – nun ja, der Laublage um die Beseitigung des Laubs kümmern. Je zur Hälfte, also immer abwechselnd.«

»Zur Hälfte?«, beschwerte sich Ravel.

»Ja, zur Hälfte. Sie hätten beim Erwerb des Grundstücks die weiteren Umstände berücksichtigen können. Sie können Monsieur Dufabre nicht anlasten, dass er Bäume besitzt, deren Blätter der Wind auf Ihr Grundstück weht. Und doch ist Monsieur Dufabre moralisch in der Pflicht, den von seinem Eigentum ausgehenden Unrat zu beseitigen. Oder sehen Sie das anders, Monsieur Dufabre?« Er warf dem Maler einen herausfordernden Blick zu.

Dieser schwieg.

»Sie können warten, bis das Gericht Sie verurteilt, die Bäume zu fällen oder einen Hausmeisterdienst zu bezahlen. Oder Sie gehen durch die Gartenpforte auf den Rasen Ihres Nachbarn, der Ihnen Harke und Säcke dort zur Verfügung stellt.«

»Harke und …« Die Luft, die Ravel sich in die Wangen pumpte, verwandelte ihn in einen Kugelfisch.

»So ist es. Harken und Säcke. Und Sie beide geben mir bis morgen Bescheid, ob Sie dem Vergleich zustimmen oder lieber das Gericht bemühen möchten. So machen wir es, nicht wahr?«

Seine uneinsichtigen Klienten verdienten einfach keinen Raum für Einwände. Die Einigung würde kommen, unter Protest wahrscheinlich, aber immerhin.

»Darf ich Ihnen noch einen Kaffee anbieten, meine Herren? Monsieur Dufabre, in welche Richtung geht Ihre Malerei eigentlich?«

Bevor der verblüffte Künstler antworten konnte, wurde die Mittagskanone von der Colline du Château abgefeuert. Der tägliche Knall, der durch das Fenster schallte, ließ Damien zusammenzucken, und er verfluchte sich für seine Empfindlichkeit. Was er seit seiner Kindheit kannte, kam seit dem Mali-Einsatz dem Einschlag einer Mörsergranate gleich.

Da schellte es an der Wohnungstür. Damien fasste sich und runzelte die Stirn. »Pardon, einen Augenblick bitte.«

Er ließ seine Gäste allein in der Gewissheit, dass diese sich nun mit feindseligen Blicken taxierten, und öffnete die Tür. Vor ihm standen zwei Männer, die ihm in speckigen Hüllen steckende Ausweise unter die Nase hielten. Der Ältere von ihnen war ein breitschultriger, etwas mürrisch dreinschauender Brummbär, während der jüngere und schlankere Mann über die Schulter des anderen hinweg Damiens Flur zu inspizieren versuchte. Seine Anspannung wich einem gewissen Amüsement. Dick und Doof? Pat und Patachon? Doch sein inneres Schmunzeln verschwand, als er die ernste Stimme des Älteren hörte.

»Kriminalpolizei Nizza, Mordkommission, Kommissar Vidal, Inspektor Giraud. Sind Sie Monsieur Damien Pomelli?«

»Ja. Kann ich etwas für Sie tun?« Also Sherlock Holmes und Watson. Montalbano und Mimi. Bruder William und Adson. Hatte ein ehemaliger Klient seinem Gegner die Kehle durchgeschnitten?

»Wir hätten einige Fragen zu dem Todesfall Giovanni Boletti. Kennen Sie diesen Namen?«

Damien schüttelte den Kopf. »Weiß nicht genau. Wer ist das?«

Der Kommissar zog ein Foto aus einer Mappe und reichte es ihm. Ein bleiches Gesicht war dort zu sehen, ein Mann mit geschlossenen Augen. Auf der Stelle kam die Erinnerung an einen im Zelt schlafenden und schnarchenden Italiener. »Das ist Bolle! Ja klar, Giovanni! Ich kenne ihn.« Er atmete laut aus, seine Knie wurden weich. »Wie ist das geschehen?«

»Ein Auto hat ihn auf der Promenade erwischt.«

»Der Unfall von gestern Nacht?«

»Sie haben es gesehen?«

»Nicht direkt.« Damien trat zwei Schritte zurück, um seinen Arm in einer einladenden Geste auszustrecken. »Kommen Sie herein.«

Er eilte voraus, um seine Klienten aufzuscheuchen. »Meine Herren, ich darf mich von Ihnen verabschieden, da ich unvorhergesehenen Besuch erhalten habe. Bitte melden Sie sich, sobald Sie drüber geschlafen haben. Danke.«

Er schüttelte die Hände seiner Gäste, die daraufhin ein wenig ungehalten die Wohnung verließen. Damien atmete auf, als die Tür ins Schloss fiel, und bot den beiden Männern die angewärmten Stühle an. Vidal setzte sich und strich mit einem Anflug von Ekel mit dem Finger über die Tischplatte, dort, wo sein Vorgänger Handabdrücke hinterlassen hatte.

»Ich habe nur die gesicherte Unfallstelle gesehen. Ist er überfahren worden?«

»Ja, doch die Umstände sind ein wenig ernster. Es geht um Mord.«

Damien zog die Augenbrauen hoch. »Was hat das mit mir zu tun?«

»Darf ich fragen, was Sie zu dieser Zeit auf dem Boulevard gemacht haben?«

Er musste sich räuspern, bevor er antwortete: »Ich war auf der Geburtstagsfeier meines Bruders, bis halb zwölf. Bin dann heimgefahren und noch durch die Stadt gelaufen.«

Der Kommissar gab mit keiner Miene zu verstehen, was er von dieser Antwort hielt. »Kennen Sie auch einen Benito Licardi?«

Damien warf sich in die Lehne seines Stuhls zurück. »Benito? Der kleine Benito? Natürlich kenne ich den. Was ist mit ihm?«

»Tot. Ermordet.«

Ein kalter Schauer floss über Damiens Rücken. Seine Sorge war offensichtlich berechtigt. Er sah sich gerade keinen Krimi im Fernsehen an, nein, der Kommissar hielt ihn wohl für einen der Tatverdächtigen.

»Aber … aber das gibt es doch nicht. Wer macht so was? Sie haben wahrscheinlich noch keinen Täter?« Fassungslos wischte er sich über die Augen. Boletti und Licardi, seine Kameraden beim Mali-Einsatz. Der lange und der kleine Italiener. Und nun waren beide tot.

»Nein, noch keinen Verdächtigen. Wir haben herausgefunden, dass Sie zusammen in einer Kompanie waren.«

»Ja, beim 1. Kavallerieregiment der Fremdenlegion. Wir waren sogar in einem Zug. Und deshalb kommen Sie zu mir?«

»Sie sind der einzige Kamerad, der in Nizza wohnt. Und ich glaube, Sie hatten um kurz vor halb zwölf einen Anruf, nicht wahr?«

Für einen Moment versetzte er sich in die Nacht zurück, dann erinnerte er sich an das unpassende Klingeln seines Handys.

»Stimmt, aber als ich dran ging, hatte der andere wohl schon aufgelegt. Sie glauben, dass das Bolle war?« Eine Mischung aus Unbehaglichkeit und Sorge stieg in ihm auf. Was hatte das alles zu bedeuten?

»Wer war noch in diesem Zug? Gab es dort vielleicht weitere – Italiener?«

Damien schwieg. Diese Worte warfen ihn mit Vehemenz zurück zu den Anfängen seines kurzen militärischen Intermezzos und vor allem zu seinen Beweggründen. Er spürte, wie eine heiße Welle über seine Wangen lief. Hoffentlich fragte der Kommissar nicht nach. Es wäre zu peinlich. »Ich habe mich als Italiener ausgegeben. Ich wusste nicht, ob die Legion auch Franzosen nimmt.«

»Ja, ich erinnere mich, dass Ihre Familie bereits länger bei uns heimisch ist.« Vidal blickte an die Stuckdecke und rekapitulierte, als hätte er das Who is who der Côte d’Azur auswendig gelernt: »Ihr Großvater – florierende Immobiliengeschäfte bis in die 60er-Jahre hinein, dazu zwei Baufirmen. Der Sohn hat die Firmen übernommen, dazu reich geheiratet und die Kanzlei gegründet, die von dessen ältestem Sohn übernommen wurde. Dieser hat die geerbten Unternehmen kurz vor der Wirtschaftskrise mit enormem Gewinn verkauft und betreibt nur die Kanzlei. Hervorragende Schulen, hervorragende Verbindungen.«

»Hausaufgaben gemacht, Monsieur Vidal«, sagte Damien lächelnd.

Vidals Kopf fiel wieder in seine Ausgangslage zurück. Er zog an seinen Hemdsärmeln. »Sie jedoch gehen zur Legion«, stellte er fest.

»Ja. Was ist schlimm daran?« Warum fühlte er sich gerade so, als müsste er eine vollkommen abstruse Handlung verteidigen? Mit Mühe hielt er Vidals forschendem Blick stand, der sich bis in den letzten Seelenwinkel zu bohren drohte.

Schließlich entspannte sich der Kommissar, ohne auf seine Bemerkung einzugehen. »Also, weitere italienische Kameraden?«

»Vielleicht zwei oder drei, doch die waren in einer anderen Kompanie.« Damien stutzte und beugte sich dem Kommissar entgegen. »Sie glauben an einen Verrückten, der italienische Legionäre tötet?«

Vidals Miene blieb ausdruckslos. »Ich glaube nichts. Ich suche nur nach einer Verbindung zwischen den beiden Toten. Und nach einem Motiv. Erzählen Sie mir ein wenig über diesen Zug, in dem Sie alle dienten. Wo waren Sie eingesetzt? Wie lange lebten Sie zusammen?«

»Mit diesen beiden war ich ein halbes Jahr zusammen. Im Quartier Labouche in Orange sind sie zu meiner Einheit gestoßen. Von dort aus ging es nach Mali.«

»Operation Serval?«

Damien zog anerkennend die Augenbrauen hoch. »Ja. Bekämpfung der islamistischen Terroristen und Tuaregs. Wir kämpften in Dibali.«

»Also bei der mit gepanzerten Spähwagen ausgerüsteten Kompanie. Wer war noch dabei? In Ihrem Zug?«

»Unser Sergent Chef Marc Rambinier, dann kenne ich noch vier Russen und ein paar Afrikaner, aber keine mit Nachnamen. Drei oder vier Niederländer oder Deutsche, ich weiß es nicht genau. Ich kenne nur die Vornamen und weiß, wie sie aussehen. Aber die Namen können Sie vom Regiment erfahren.«

»Steckten Sie also öfter mit den beiden Toten zusammen?«

»Beim Serval-Einsatz, ja. Da waren wir insgesamt zwanzig Männer im Zug, und ich war mit sechs Männern auf einem Zimmer. Später dann im Zelt, die beiden Italiener, ich und drei Männer aus Osteuropa. Wie gesagt, Marc war unser Zugführer. Und im Spähpanzer hockten wir natürlich auch zusammen.«

»Wer war der Fahrer?«

»Ich.« Er roch Diesel und Motoröl, spürte wieder den Sand zwischen seinen Zähnen, hörte das sanft-kraftvolle Motorgeräusch des AMX und das Knallen der 105er-Bordkanone. Er atmete seine Beklemmung fort.

»Wann nahmen Sie Ihren Abschied?«

Nun waren sie schon beim Abschied angelangt. Das war gut. »Ich habe bei einem der letzten Gefechte einen Minensplitter in die Wade bekommen, der meine Muskulatur zerfetzt hat. Bin sozusagen ehrenvoll entlassen worden, genau gesagt vor einem halben Jahr. Dann lag ich einen Monat im Krankenhaus.«

Er strich sich unwillkürlich über das Bein. Bei Nordwind taten die Narben immer noch weh.

»Und die anderen?«

»Keine Ahnung, neue Einsätze wahrscheinlich. Ich glaube, Marc, unser Chef, wollte auch gehen. Er hatte zehn Jahre rum.«

»Wissen Sie, wo er sich aufhält?«

Damien legte den Kopf schief. Marcs gewieftes Fuchsgesicht kam ihm öfter in Erinnerung als das der anderen Kameraden. Er war ein guter Führer gewesen, gewitzt, umsichtig und gerecht. Doch wenn Damien im Kampf ihm gegenüberstünde, würde er Fersengeld geben. An der Front verlor sich Marcs Gerechtigkeit, und Damien war froh, nicht mitbekommen zu haben, was er alles so getrieben hatte. Trotzdem hatte er sich an seiner Seite immer sicher und gut aufgehoben gefühlt. Sie waren beide Franzosen von der Côte und teilten einige Vorlieben. »Nein. Er schwärmte immer von einer Jacht an der Côte. Wenn er sich wirklich eine angeschafft hat, sollte er lieber nicht hier auftauchen. Scheint ja gefährlich zu sein für uns.«

»Haben Sie bei der Truppe denn nie Privates ausgetauscht? Aus welcher Familie man kam, Frauen, Beruf und andere Dinge?«

»Die meisten Männer gehen zur Legion, um nicht mehr davon zu sprechen«, gab Damien zu bedenken. »Die einen halten es so, die anderen so. Man will ja auch nicht als geschwätziges Weichei daherkommen, das der Heimat nachtrauert.«

»Wenn Sie etwas von ihm oder von anderen Zugmitgliedern hören, geben Sie mir doch Bescheid.«

Damien nickte. Ob Marc wirklich eine Jacht besaß? Bald kam die Zeit, in der die Segelboote abgetakelt wurden. Das machte man mit den Jachten im Port Lympia zwar nicht, aber trotzdem war es im Winter recht langweilig am Jachthafen. Er glaubte nicht im Geringsten daran, dass Marc ihm jemals über den Weg lief.

»Was waren die Italiener für Menschen?«, fragte Vidal und legte die gepflegten Hände akkurat neben seinen Notizblock auf die Tischplatte. Dabei machte er sich gar keine Notizen.

»Die entsprachen nicht ganz dem Bild eines Legionärs. Aber ich ja auch nicht.«

»Erklären Sie.« Der Kommissar beugte sich vor, während sein Laufbursche uninteressiert die Einrichtung musterte. Vidal stieß dem Inspektor in die Seite. »Machen Sie Notizen?«

»Ja … ja, Chef.« Giraud griff zum Kugelschreiber und setzte sich aufrecht hin.

Als Damien sich der Aufmerksamkeit Vidals gewiss war, wollte er sprechen. Doch seine Zunge lag ihm so schwer im Mund, seine Gedanken stolperten in seinem Kopf herum, ohne einen Ausgang zu finden. Warum musste dieser Kommissar in der Vergangenheit stochern? »Na ja, die gaben sich hart. Waren einerseits richtige Machos, vor allem, was Frauen betrifft. Doch ich glaube, die waren in Wirklichkeit schwul und ein Paar. Wenn sie dachten, sie wären allein, waren sie total vertraut miteinander, mehr als Kameraden. Sie waren sehr vorsichtig, aber ich habe sie mal zusammen gesehen, also beobachtet bei … Sie wissen schon, was ich sagen will.«

»Dass Sie auch schwul sind?«

Damien hob abwehrend seine Hände. »Nein, ich bin leider gar nicht schwul.«

»Sie wünschten, Sie wären es?«, platzte es plötzlich aus Giraud heraus, der ihn mit unverhohlener Verwunderung musterte.

»Nun ja, wäre ich schwul, hätte ich keinen Grund gehabt, zur Legion zu gehen. Verstehen Sie?«

»Also der romantische Typ.«

Das unmerkliche Lächeln des Kommissars gefiel ihm, und er atmete auf. »Ja, so kann man das sagen.«

»Verstehe ich nicht«, murmelte Giraud und machte sich Notizen.

»Ein schwules Paar wird umgebracht«, murmelte der Kommissar.

»Ein Schwulenhasser aus der Legion? Ein ehemaliger Kamerad, der die Ehre der Legion besudelt sieht?«, fragte Damien und war mit einem Mal sehr froh, nicht schwul zu sein.

»Ich weiß nicht …« Vidals Gesicht wurde noch brummiger als vorhin beim Eintreten. Wahrscheinlich wurmte es ihn, etwas nicht zu wissen. Er schien ein genauer und exakter Mensch zu sein, der jeder Frage eine bestimmte Absicht zugrunde legte.

»Waren sie gute Soldaten, gute Kämpfer?«

Kämpfer, was hieß das schon? Dass man sich nicht in die Hose machte, wenn man unter Sperrfeuer lag? Dass man nachts nicht wach lag aus Angst vor dem nächsten Tag? »Na ja, sie wussten, was sie taten. Mann gegen Mann haben wir ja nicht wirklich gekämpft. Schusswechsel eben. Den Gegner aus den Häusern und Stellungen rausschießen. Benito war gut mit dem Messer, er konnte damit richtige Kunststücke vormachen. Giovanni war aufmerksam, konzentriert und schnell. Er war wohl der beste Kämpfer von uns.«

»Und Sie?«

Damien stieß ein abfälliges Schnaufen aus. »Ich? Als reicher Schnösel hatte ich viel an Mobbing auszuhalten. Musste eben Prügeln lernen. Das konnte ich dann ziemlich gut.«

»Ich verstehe. Und im Einsatz?«

»Im Einsatz musste ich fahren. Hab mich rausgehalten, so gut es ging. Ging nicht immer. Man muss den Kameraden doch helfen.« Er verstummte und starrte auf die glänzende Tischplatte. Er wusste, dass Vidal sich nun die Frage stellte, ob er je einen Menschen getötet hatte.

Waren es Menschen gewesen? Oder nur Schatten, Geister, in lange, wallende Umhänge gehüllt? Geister mit nachlässig gewickelten Turbanen auf den Köpfen, die mit ihren Gewehren auf den Ladeflächen der Pick-ups hockten. Schatten, die hinfielen und vom wehenden Sand verschleiert wurden, sobald er den Finger vom Abzug des MG löste und der Klang der Salve in seinen Ohren verhallte.

»Ja, ich habe Menschen getötet. Terroristen eben.« Er war ganz erstaunt, dass er diese Worte geäußert hatte. Das hatte er nicht mal Sylvie oder Robert gesagt. Einem Fremden gegenüber fiel es wahrscheinlich leichter.

Vidal nickte nur. Giraud starrte auf seinen Zettel.

»Und?« Vidal machte Anstalten, sich zu erheben. »War sie eine Heimat, die Legion?«

»Nein, eher ein Katalysator.«

Der Kommissar runzelte die Stirn.

Was hatte er da für eine bescheuerte Theorie geäußert. Er versuchte zu erklären: »Die Côte ist wahrscheinlich meine Heimat, Monsieur Vidal. Ich muss da noch etwas Feldforschung betreiben.«

Blitzte da etwa ein wenig Wohlwollen im Gesicht des Kommissars auf? Doch der fegte sich nur einen imaginären Fussel vom Jackett und wandte sich bereits ab. Bevor Vidal durch die Tür in den Flur hinaustrat, drehte er sich noch einmal um und hob die Hand. »Eine Frage habe ich noch.«

Das war die einzige Ähnlichkeit mit Columbo.

»Sie planen nicht gerade eine Reise?«

Damien riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. Nun war er sicher, dass der Kommissar ihn auf dem Kieker hatte.

»Gut, wir werden uns bestimmt noch öfter unterhalten.«

»Was halten Sie von ihm, Chef?«, fragte Giraud auf den letzten Marmorstufen, bevor sie die Haustür erreichten. »Ist er ein Schwuler, der andere aus Eifersucht umbringt?«

Vidal verdrehte die Augen und stieß fast vor einen eisernen Poller, der das Trottoir vor parkenden Fahrzeugen schützte. »Giraud, lesen Sie denn niemals die Klatschpresse?«

»Nein … ja, also …«

»Pomelli ist ein Sohn aus reichem Haus, der es früher richtig hat krachen lassen. Der hat die Eier, um sich zu outen, wenn er schwul wäre. Doch er hatte nur Mädchen, eine nach der anderen. Bis dann sein Bruder heiratete.«

»Verstehe ich nicht«, murmelte Giraud und ließ seinen Blick bedauernd in das Innere eines Bistros schweifen, in dem Flaschen und Kaffeeautomaten um die Wette leuchteten. Stammgäste saßen an kleinen Tischen und lasen Zeitung.

Vidal jedoch ging unbeirrt weiter und dachte an das Getratsche, das er zweimal auf den Gängen der Staatsanwaltschaft gehört hatte. »Pomelli ist wieder da, der jüngere. Der immer hinter seiner Schwägerin her war. Der Idiot, der aus Liebeskummer zur Legion gegangen ist. Soll jetzt Mediator sein. Richter Bosquet hat ihn protegiert. Scheint ja selbst nichts zustande zu bringen.«

Oh ja, Nizza war ein Dorf.

»Pomelli kann entweder gut schauspielern, oder er war wirklich aufrichtig. Aber auf schwammige Eindrücke gebe ich nichts, ich werde ihn noch einmal unter die Lupe nehmen. Diese beiden Fälle gehören zusammen, und Pomelli hängt irgendwie da mit drin. Ich bin da ganz sicher.«

Als Giraud den Wagen aufschloss, den er in einer Seitenstraße im Halteverbot geparkt hatte, warf Vidal einen Blick auf die Promenade, die im strahlenden Sonnenschein vor ihm lag. Er durfte Pomelli nicht vorschnell als Täter ausschließen. Dieser Anruf hatte etwas zu bedeuten. Wollten Boletti und Pomelli sich am Strand treffen? War der Italiener ungeduldig geworden wegen einer Verspätung und hatte Pomelli angerufen, der jedoch bereits um ihn herumschlich, um ihn zu töten? Die Nähe zum Tatort war gegeben, die Mittel hätte Pomelli sich leicht beschaffen können, und das Motiv lag mit Sicherheit in der Vergangenheit. An Mord aus Eifersucht glaubte er nicht, doch es war ja nicht so, dass es nicht noch andere Motive gab.

»Prüfen Sie sein Alibi, Giraud.«

»Gut«, sagte sein Inspektor befriedigt und ließ den Wagen an.

Dem zähen Verkehr entkommen und in seinem Büro in der Avenue Marechal Foch angekommen, stapelten sich Berichte auf dem Tisch, die ihm zwei weitere Inspektoren gefertigt hatten. Er seufzte und zog die Lesebrille aus der Jackentasche. Als er einen Zettel aus der Technik auf seiner Tastatur fand, verzog er ungehalten die Augenbrauen. Wie sollte er Ordnung halten, wenn jeder seinen Kram auf den Tisch warf? Konnten die keine eMails schreiben?

Er las den Zettel, dessen Inhalt sofort seine Züge glättete. Ein befriedigter Ausdruck legte sich über sein Gesicht. Nun bestätigte sich schwarz auf weiß, was er vorher nur durch einen Anruf erfahren hatte: Die letzte angerufene Telefonnummer war die von Damien Pomelli. Seine Miene wurde missmutig, als er sah, dass das Gespräch nur eine Sekunde gedauert hatte. Anscheinend hatte Boletti in dem Moment aufgelegt oder das Handy verloren, als Pomelli sich meldete. Der junge Mann hatte in dieser Hinsicht nicht gelogen. Doch das war ihm egal.

Leider erreichte ihn auch die Mitteilung der Kriminaltechnik, dass die beiden Legionäre nicht mit der gleichen Waffe erschossen worden waren, was auf zwei Täter schließen ließ. Damit wurde jegliches Konstrukt noch instabiler. Um wie viel einfacher war die Vorstellung, dass Pomelli zuerst Licardi und dann Boletti erschossen hatte, mit der gleichen Waffe. Daraus wurde leider nichts. Die Kollegen in Marseille hatten Boletti nach dem Mord an seinem Freund gesucht. Angeblich sei er auf Besuch in seiner italienischen Heimat gewesen, und man hatte ihn sofort telefonisch zurückbeordert, um ihn zu vernehmen. Warum tauchte er dann plötzlich in Nizza auf, anstatt nach Marseille zurückzukehren? Vidal kümmerte sich um die Liste all jener Legionäre, die im gleichen Zug wie die beiden Toten gedient hatten und auf der sich auch Pomelli befand.

»Giraud«, rief er durch die geöffnete Tür in das Nachbarbüro, wo sein Inspektor einen Kaffee mit den Kollegen trank.

»Ja, Chef?« Mit der Tasse in der Hand tauchte Giraud auf und eilte zu seinem Platz. Vidal reichte ihm neben der Liste ein Dutzend Zettel.

»Finden Sie heraus, wo diese Personen, außer Pomelli natürlich, sich zurzeit aufhalten, und wo sie zur Tatzeit waren. Ob sie noch bei der Truppe sind oder wieder in zivil unterwegs. Fragen Sie nach ihren richtigen Namen. Ob sie in der Nähe leben und arbeiten, oder ob sie in alle Windrichtungen verstreut sind. Schalten Sie notfalls die ausländischen Behörden ein und fragen nach Vorstrafen. Im Bericht sind auch einige Handynummern. Quetschen Sie die Leute aus, nach Vorfällen und besonderen Vorkommnissen während des letzten Einsatzes. Wie sie zu den Toten standen. Teilen Sie sich die Arbeit mit den anderen. Bis heute Abend will ich Ergebnisse sehen.«

»Geht klar, Chef.« Eifrig rollte Giraud näher an die Tischplatte heran und ordnete die Unterlagen.

Vidal beobachtete seine Bemühungen mit einem unmerklichen Lächeln. Giraud war trotz seiner trampeligen Art kein Dummkopf. Hatte er erst einmal eine Spur entdeckt, blieb er hartnäckig an ihr kleben.

»Haben wir schon die Videos von der Verkehrsüberwachung am Boulevard?«

»Ja, aber man sieht nur, dass der Mann vor jemandem zurückweicht und dann vors Auto fällt. Bis zum Strand gehen die Kameras nicht.«

»Wie schade … Prüfen Sie die Bänder von allen öffentlichen Plätzen. Vielleicht finden wir unseren Toten und einen, der ihn verfolgt. Die Adresse des Restaurants haben Sie ja.«

»Was machen Sie jetzt, Chef?«

»Bin zu Tisch.« Vidal fegte die letzte krumme Heftklammer in den Abfalleimer und stand auf.

Giraud sah auf die Wanduhr, die dem Porträt des Präsidenten Hollande die Stunde zeigte, und seufzte.

In drei Wochen von Marseille über Toulon, St. Tropez, Fréjus, Antibes, Cagnes, bis nach Nizza. Und das in einer fiebrigen Hast und mit dem immerwährenden Gefühl, zu spät zu kommen. Doch sie musste die Ruhe bewahren. Nun die letzte Station. Nizza, wo sie gestern angekommen war. Sie grinste, und das Schaufenster, an dem sie vorbeiging, zeigte ihr die kurzen Dreadlocks, die sie seit einem Jahr trug. In der Wüste war keine Zeit gewesen für aufwendige Haarpflege, doch sie überlegte, ob sie nicht jetzt aus gegebenem Anlass einen Coiffeur aufsuchen sollte. Ihre Laune war ebenso gut wie das Wetter, eine milde Brise kam vom Meer. Diese Stadt war ohnehin der Hammer. Sauberer als Marseille, eleganter und größer als St. Tropez und so voller leuchtender Farben – die Hauswände, die Fensterläden, die weißen Felsen hinter der Stadt und das blaue Meer. Und die Blumen. Überhaupt diese Küste. Was sie bisher nur aus dem algerischen Fernsehen kannte, war nun zu sehen, zu riechen, zu schmecken. Und zu fühlen.

Sie strich sich über die neue Jeans, die so eng und sexy an ihren langen Beinen anlag. Es war immer noch ungewohnt befreiend, eine Hose zu tragen und ihre Beine sehen zu können. Und sehen zu lassen. Auch wenn sie fließend Englisch sprach und daheim im Büro einer Baufirma gearbeitet hatte, erschien ihr das westliche Leben doch wundersam und reich. Wie nannte man das? Kulturschock. Ja, sie hatte einen solchen Schock erlebt, gleich, als sie in Marseille das klapprige Frachtschiff verlassen hatte. Der schmierige zypriotische Kapitän … nun gut. Für ihr neues Leben nahm sie die drei Nächte in einer engen Koje und neben einem fetten, unrasierten Körper auf sich. Der einzige Weg in den letzten Wochen, sich Geld zu besorgen. Geld, mit dem sie sich weiteren Reichtum beschaffen konnte. Um dann so zu leben wie die Menschen hier: in sauberen Häusern, mit schnellen Autos und in schicke Sachen gekleidet. Die Straßen waren wie geleckt, es gab Mülltonnen an jedem Haus, und große Wagen spritzten und fegten die Straßen und Plätze in den Innenstädten. Wie seltsam. Es gab keine Esel, keine wilden Hunde, keine Kamele, keine Viehmärkte. Aber auch keinen Duft nach Gebratenem auf den Straßen, keine Datteln und Gewürze in den Körben auf den Märkten. Ob sie nicht besser doch nach Abschluss ihres Plans heimkehren sollte nach Tamanrasset? Die wilde Vergangenheit vergessen? Etwas Gutes tun?

Doch das konnte sie sich immer noch überlegen, später, wenn sie erst einmal untergekommen war. Im Großen und Ganzen war sie mit ihrer Ausbeute nicht unzufrieden. Sie hatte einen Namen gehört und ihn in einem Internetcafé gegoogelt. Damien Pomelli, ein schöner Name. Gefunden hatte sie einige Artikel aus der regionalen Klatschpresse. Doch hier in Nizza befand sich die Kanzlei Albert Pomelli. Das Büro in einem eleganten Geschäftsviertel hatte sie schnell ausfindig gemacht und die Angestellten während einer Pause ausgefragt. Sie hatte Damiens Adresse gefunden und ihn sogar schon gesehen. Er war geeignet. Er war reich, recht stattlich, obwohl er ganz leicht humpelte. Und er war ungebunden. Sie stand vor dem mehrstöckigen, hellen Haus und legte den Kopf in den Nacken, um die Fenster zu betrachten. Dort oben die Etage, die wahrscheinlich Damien bewohnte.

Als sich plötzlich die Haustür öffnete und ein Junge mit einem Rucksack auf die Straße trat, reagierte sie spontan. Sie fing die Tür auf und trat in einen mit Marmor ausgekleideten Hausflur, der ihr in seiner abweisenden Kälte eine Gänsehaut bescherte. Sie hatte sich eine Ausrede zurechtgelegt: eine Putzfrau des reichen Bruders, mit der sie bekannt war. Sie wollte zu Damien, sich als Putzkraft anbieten. Sie musste nur einfach anfangen. Nach einem tiefen Atemzug stieg sie leise die Treppe hinauf. Jetzt erst begann ihr Abenteuer, mit diesen Stufen, die so glatt waren, dass sie bei jeder einzelnen fürchtete, auszurutschen. Ein Symbol für ihren Versuch? Würde sie nicht scheitern? Doch sie hob ihren Fuß an, dann den anderen. Stufe für Stufe. Das Treppengeländer schmiegte sich in hölzerner Drechselkunst an die Wand. Stimmen waren zu hören, zornige Stimmen. Die einer Frau und eines Mannes. Im zweiten Stock angekommen, reckte sie ihren Hals und lugte durch den Treppenspalt nach oben. Sie erkannte über sich die glänzenden Speichen eines Rollstuhls und eine Frau, deren Haar zu einem Zopf geflochten war.

»Das hat mir noch niemand gesagt, dass ich unzuverlässig bin! All meine Kunden waren bisher zufrieden mit mir. Man wird ja wohl noch krank werden dürfen.« Das war die Frau.

Eine Männerstimme entgegnete: »Aisha, sicher haben Sie etwas missverstanden. Ich will nicht, dass Sie aufhören, ich will, dass Sie pünktlich auf der Matte stehen. Nach meinen Beobachtungen haben Sie in der letzten Woche drei Mal Ihren Dienst zwei Stunden zu spät angetreten.«

Ob das die Stimme von Damien Pomelli war? Djamila rückte näher und hielt den Atem an. Eine klangvolle Stimme hatte er. Oder war der andere Mann, der dort im Rollstuhl saß, geeigneter? Das wäre nicht schlecht. Einen hilflosen Mann konnte man leicht beeinflussen.

»Robert braucht eine regelmäßige Pflege. Wenn er zu lange im Stuhl sitzt, bekommt er Wunden, das wissen Sie doch.«

Djamila nickte. Robert im Rollstuhl – auch gut.

»Ach, so schlimm ist das nicht«, schaltete sich der Robert genannte Mann ein. Doch er konnte die Wogen nicht mehr glätten, denn die Frau rief: »Dann suchen Sie sich eine Deutsche. Oder eine Polin. Ich habe es nicht nötig, mich hier beschimpfen zu lassen! Aber ich bin ja nur Abschaum aus Afrika. Ja, suchen Sie sich jemanden mit heller Haut und blonden Haaren. Da werden Sie schön tief in die Tasche greifen müssen! Ich bin ja Billigware! Merde!«

»Niemand beschimpft Sie, Aisha …«

Als die fremde Frau sich umdrehte, schlich Djamila wieder in die unterste Etage hinab. Dort wartete sie. Ihre Chance war gekommen, sie musste nur noch zugreifen. Fast erstaunte es sie, dass das Schicksal es ihr an diesem Tag so leicht machte. Doch sie hatte schließlich alles Recht der Welt auf ein wenig Glück.

Schritte auf den Stufen, noch ein Ruf, den sie nicht verstand, dann stand die Frau schließlich vor ihr. Ihre Hautfarbe und die Mandelaugen legten nahe, dass sie eine Landsmännin war.

»Männer«, sagte Djamila auf Arabisch, als die Frau die Haustür erreicht hatte, und machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ja, Männer. Blödmänner.«

»Bist du Pflegerin?« Als sie mit einem misstrauischen Blick von oben bis unten gemustert wurde, beeilte sie sich zu sagen: »Alma trah, ich habe unbewusst zugehört. Wollte ich gar nicht.«

»Ja, Pflegerin«, sagte Aisha. »Soll Damien ihm doch den Hintern abwischen, solange er keine Neue hat. Mir reicht’s.«

»Schwere Arbeit, was?« Mitgefühl, Anteilnahme, das zog immer.

Aisha winkte ab und lehnte sich an die Wand, als wäre sie bereits am frühen Morgen erschöpft. »Ach, es geht. Robert ist nett. Das Übliche eben. Einreiben, Massage, duschen, waschen, Toilette, anziehen und etwas aufräumen. War ein guter Job, aber was zu viel ist, ist zu viel.«

»Man kann eben nicht alles haben«, schloss Djamila. Sie hatte genug gehört.

Aisha nickte, zog mit einem Ruck die Haustür auf und murmelte: »Bis dann …«

Als ihre Schritte verhallt waren, kniff Djamila ihre Augen ein wenig zusammen und begann zu grinsen. Dann sah sie an sich herunter. Nein, in einem fleckigen T-Shirt machte sie keinen guten Eindruck, da konnte ihre Figur noch so perfekt sein. Und zum Friseur musste sie unbedingt. Hastig stöberte sie in ihrem Lederbeutel nach den letzten Geldscheinen.

Damien schob Robert in dessen Wohnung hinein und schloss die Tür, um sich anschließend gegen das Türblatt zu lehnen. »So ein Mist!«

Robert lächelte traurig.

»Das wollte ich nicht, ehrlich«, sagte Damien und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wir finden eine neue Pflegerin.«

Robert seufzte. »Aber nie mehr so eine wie Aisha.«

»Du geiler Bock«, grinste Damien. »War das Bett wirklich wichtiger als ihre Arbeit?«

»Nein«, sagte Robert gedehnt. »Aber trotzdem.«

»Ich lasse eine hübsche Frau von einem Begleitservice kommen. Eine, die auch was im Kopf hat.«

»Ja, klar.«

Damien war wohl über das Ziel hinausgeschossen. Er hatte den Streit mit Aisha vom Zaun gebrochen und musste die Folgen ausbaden. So viel zu seinem Talent als Mediator.

Da boxte Robert ihn auf den Arm. »Ist schon gut, Damien. Hauptsache, es kommt hin und wieder jemand zu mir. Ich rufe mal sofort ein paar Pflegedienste an.«

Während Robert mit seinem Handy hantierte, räumte Damien das Schlafzimmer auf, trug Geschirr in die Küche, saugte im Salon Staub und fluchte über das hinderliche Kabelgewirr, so dass sein Freund unwillig seinen Stuhl in den Flur rollte, um ungestört telefonieren zu können.

Nachdem Robert mit seinen Recherchen fertig war, hievte Damien ihn ohne Mühe aus dem Stuhl in ein bequemes Sofa und setzte sich neben ihn. Sie berührten sich an der Schulter. Er wusste, dass Robert es genoss, auf Tuchfühlung mit einem lebenden Wesen zu gehen. Ich sollte ihm eine Katze kaufen, dachte Damien nicht zum ersten Mal. »Und? Glück gehabt mit der Deutschen oder Polin?«, fragte er und zwinkerte.

»Die melden sich gleich. Mann, was die an Geld haben wollen. Unglaublich.« Robert verzog sein Gesicht für den Bruchteil einer Sekunde zu einer starren Maske, bemühte sich aber sofort um eine ausgeglichene Miene. Doch er konnte ihn nicht täuschen. Als Damien das Gesicht seines Freundes betrachtete, überkam ihn mit Wucht das gleiche Gefühl, das Robert manchmal spüren musste. Hilflos, bewegungslos, gefesselt, zum Sitzen verurteilt, zum Abwarten, zum Schreien, wenn die Starre in das Gehirn kroch und die Trauer unerträglich wurde. Wie schwer musste es Robert fallen, sich im Griff zu haben. Und die kleinste Abweichung von der Normalität führte wahrscheinlich dazu, dass dieser gestandene Mann in Tränen ausbrach. Robert knetete seine Nasenwurzel, machte aber Gott sei Dank keine Anstalten, zu weinen.

»Wenn sie erst mal sehen, was für ein netter, durchtrainierter Kerl du bist, rennen sie dir die Bude ein, glaub mir.«

Robert lächelte und bohrte seinen Blick tief in Damiens Seele.

Er grinste die Rührung weg und schlug ihm auf das Knie. Auch, wenn Robert den Schlag nicht spürte – die Geste zählte. »Ich muss rüber. Nachdenken über diesen Mordfall, von dem ich dir erzählt habe.«

»Wirklich komisch. Pass bloß auf dich auf, Damien. Ich brauche dich noch. Hast du etwas über deinen Kumpel Marc herausgefunden?«

Damien schüttelte den Kopf. »Ich habe all meine Kontakte angerufen. Einige sagen, er sei nach Paris gegangen, andere sagen, dass er sich hier irgendwo auf einer Jacht niederlassen wollte. Das wusste ich schon, und ich glaube, ich mache mich mal auf den Weg zum Jachthafen.«

»Auf gut Glück? Glaubst du, er läuft dir einfach hier über den Weg?«

»Keine Ahnung.«

»Soll ich mal meine Leute drauf ansetzen?«, bot Robert an.

»Deine Leute? Das hört sich ja an …« Damien wollte erst den Kopf schütteln, doch dann stimmte er zu. »Ja, sprich mal deine Kumpel von Sophia Antipolis an.«

Robert hatte es aufgrund seines Unfalls nicht mehr in eine der dortigen Technologiefirmen geschafft, doch seine Verbindungen zum Silicon Valley Frankreichs in Antibes waren ebenso erstklassig, wie sie höchstwahrscheinlich illegal waren. Inzwischen leckten sich viele Firmen die Finger nach ihm und seinen Künsten, doch Robert war nicht mehr zu bewegen, einen Achtstundentag nebst öffentlichen Nahverkehrsmitteln zu bestehen. Er wollte niemanden mit seinem Katheter und seiner Spastik belästigen.

»Ich brauche ein Foto von Marc«, sagte Robert, straffte seine Haltung und hievte sich ohne Hilfe wieder in den Rollstuhl. Er rollte energisch in den Salon hinein, wo er einen Bildschirm zum Leben erweckte.

»Suche ich sofort raus und maile es dir rüber.« Damien verabschiedete sich. Als er in den Flur ging, hörte er, wie Robert zu pfeifen begann. Gut, die kleine Krise seines Freundes war vorüber. Und vielleicht brachte die Internetrecherche ja wirklich einen Treffer.

In seiner Wohnung dachte er über seine Unruhe nach, die ihn seit dem Besuch des Kommissars nicht mehr verlassen hatte. Doch noch schlimmer war, dass zwei Kameraden tot waren. Er selbst war nur zwanzig Schritte an Bolettis Leiche vorbeigegangen. War da etwas im Busch gegen ihre kleine Truppe? Würde in einer Woche der Nächste sterben? Gehörte er zum Kreis der potenziellen Opfer? So viele Fragen blieben offen. Warum hatte Bolle versucht, ihn zu erreichen? Hatte er schon etwas von der Bedrohung geahnt, die ihn dann zu Fall brachte?

Natürlich hätte er ihm geholfen, sofort. Sie waren Kameraden gewesen, zwar ohne besonderes Vertrauensverhältnis, doch man ließ einen Kumpel aus der Legion nicht im Stich. Doch vielleicht wollte Bolle ja nur einen juristischen Rat einholen. Woher wusste er seine Telefonnummer? Ach ja, von seiner Verabschiedung. Ob er versucht hatte, noch auf andere Weise mit ihm Kontakt aufzunehmen? Damien musste unbedingt seine eMails aufrufen.

Sofort ging er in den Konferenzraum und zog ein Tablet aus der Lade seines Schreibtisches, an dem er sich manchmal auf seine Gespräche vorbereitete. Nicht lange darauf stellte er fest, dass Bolle nichts von sich hatte hören lassen. Nun durchsuchte er seine Bildordner nach einer Aufnahme von Marc Rambinier. Nach einiger Zeit wurde er fündig, hängte die Datei an und sandte Robert die versprochene Mail. Eine Weile hielt er inne, dachte wieder an Bolles Anruf mitten in der Nacht. Seine letzten Gedanken hatten also ihm gegolten. Er biss sich auf die Unterlippe, nagte daran. Dann sprang er mit einem Ruck vom Stuhl auf. Der Briefkasten! Er glaubte zwar nicht daran, aber er musste nachsehen, ob Bolle wohl in den Hausflur gelangt war. In seinem Fach steckte tatsächlich ein Zettel, kariert, aus einem Notizblock herausgerissen, auf dem eine flüchtig dahingekritzelte Mitteilung stand. Er hielt den Zettel in das Licht, das durch ein Wandfenster fiel. Eine fast unlesbare Klaue musste er da entziffern.

Lieber Damien, Du bist leider gerade nicht da. Vielleicht erinnerst Du Dich an den alten Bolle. Ich brauche Deinen Rat und werde Dich morgen persönlich kontaktieren. Das ist sicherer. Bin da in etwas reingerutscht. Dir vertraue ich, und ich weiß, Du lässt mich nicht hängen. Sonst kann ich niemandem in Nizza trauen. Also bis bald. Giovanni.

Das Papier zitterte in seinen Händen. Während er die Stufen wieder hinaufging, las er den Zettel ein weiteres Mal. Oben angelangt, wusste er immer noch nicht, was er davon halten sollte. In der Küche kochte er sich einen starken Kaffee und setzte sich mit Tasse und Papier in seinen Lieblingssessel im Salon. Ganz logisch denken, befahl er sich.

Einen Rat brauchte Bolle. So weit, so gut, damit konnte er dienen. Es war wichtig für Giovanni. Er war reingerutscht in eine Sache. Das hörte sich nicht gut an und verhieß ein kriminelles Umfeld. Die Legion war kein Knabenchor, und ihre Mitglieder waren nicht die vertrauenswürdigsten Menschen unter der Sonne. Was hatte Bolle angestellt?

Er vertraut mir, dachte er. Und sonst niemandem in Nizza. Das implizierte, dass er an einem anderen Ort sehr wohl jemanden hatte, dem er vertraute. Benito. Ob er noch gar nicht gewusst hatte, dass Benito tot ist? Wie hätte Bolle reagiert auf diese Todesnachricht? Er hätte geschrien vor Wut, er war immer sehr temperamentvoll gewesen. Was hatte er hier gesucht, geplant, getan? Betrug? Erpressung? Diebstahl? War er einer Drogengang in die Quere gekommen? Bolle brauchte Sicherheit, er fühlte sich vielleicht bedroht.

Damien seufzte und ließ das Blatt auf seine Knie sinken. Der Kaffee war heiß, doch er belebte seine Gehirnzellen nicht. Was sollte er nun tun? Den Zettel dem Kommissar geben? Würde Bolle das gewollt haben? Es war eine Sache zwischen ihnen beiden. Sein Kumpel war tot – und er würde versuchen, hinter sein Geheimnis zu kommen. Alles ganz diskret. Wer wusste, wer aus ihrer Gruppe noch in die Sache verwickelt war und bedroht wurde? Er wollte auch niemanden in die Pfanne hauen, bevor er nicht die Fakten geprüft hatte. Damit hätte er gegen den Kodex der Legion verstoßen. Wenn er Ergebnisse hätte, könnte er sie immer noch der Polizei zukommen lassen. Vielleicht konnte er auch ein paar Informationen aus Vidal herausbekommen. Damien nickte und faltete den Zettel sorgfältig zusammen, um ihn in der Lade zu verstauen.

Als das Schellen an der Haustür ihn aus seinen Gedanken riss, trat Schweiß auf seine Stirn, als hätte man ihn bei etwas Unlauterem ertappt. Er ging in den Flur, betätigte den Drücker und lauschte bei geöffneter Tür den leichten Schritten auf der Treppe. Dieses Mal zum Glück nicht der Kommissar und seine rechte Hand. Er hätte in seinem jetzigen Gemütszustand keiner Befragung standgehalten. Er atmete tief durch. Bald tauchte der dunkle Kopf einer Frau auf, die ihn erwartungsvoll musterte. Ihre Haut hatte die Farbe von Milchkaffee, ihre Wangenknochen waren ausdrucksvoll. Sie lächelte scheu.

»Monsieur Pomelli?«

»Ja, ja, der bin ich«, sagte er.

Ihre Stimme war dunkel und klangvoll, und in ihr schwang ein exotischer Unterton mit.

»Ich bin Djamila Felassi, und ich habe gehört, dass Aisha Ihnen den Laufpass gegeben hat.«

»Ja, das ist richtig.« Auf der Stelle verblassten Bolle und der Kommissar.

»Ich würde mich gern um diese Arbeit bewerben, wenn es Ihnen recht ist. Sie suchen doch nach Ersatz, oder?«

Im Nu wusste er, dass sie Robert gefallen würde. Ihre Haltung war stolz und doch natürlich, sie trug eine einfache Jeans und eine weiße Bluse, die ihre grazilen Arme betonte. »Ja, genau.« Wenn diese farbige Schönheit nicht wieder davonlaufen sollte, musste er sich jetzt anstrengen und mit dem Glotzen aufhören. »Kommen Sie doch herein, Djamila.«

Er trat zurück und sog ihren herben Duft ein, als sie an ihm vorbeiging. Auf dem Sofa schlug sie ihre Beine übereinander. Eine Gazelle, das war sie. Damien gefiel, was er vor sich sah, und er lehnte sich in seinem Sessel zurück. Eine Algerierin wahrscheinlich, wenn sie Aisha kannte. Die braunen Augen hatten die Wüste gesehen, und ihre Haut, die hier und dort winzige vernarbte Stellen wie Schönheitspflästerchen trug, war vom Wind sandgestrahlt worden.

»Sind Sie denn Pflegerin?«

»Nein, nicht richtig. Bin noch nicht lange hier, aber Aisha hat mir erklärt, was zu tun ist. Waschen, Duschen, Ankleiden, Toilette, Einreibungen. Ich kenne das von meinem Großvater.«

»Gut.« Eine Frau, die zugab, etwas nicht zu können. Wie ungewöhnlich. »Woher kommen Sie?«

»Aus Algier.«

»Schaffen Sie es, einen Mann von 75 Kilogramm aus dem Stuhl zu heben?«

»Wenn Aisha es geschafft hat, schaffe ich das auch.« Beim Lächeln zeigten sich Grübchen auf ihren Wangen. Sie wirkte selbstbewusst, doch in ihrem Blick, den sie nun durch seine Wohnung schweifen ließ, fand er eine Spur von Unsicherheit, von Hast und Eile.

»Wo wohnen Sie?«

»In einer kleinen Pension im Norden. Nicht die schönste. Ich würde mich freuen, wenn Sie eine Unterkunft stellen würden.«

Er zog die Stirn kraus, als sie ihn mit einem bettelnden Hundeblick anschaute. Eine Unterkunft? Bei den Mietpreisen in dieser Stadt? War sie einfach nur frech oder ein wenig naiv? Jedenfalls eine reizende Mischung aus beidem.

Sie schluckte und nagte an ihrer Lippe, bevor sie sagte: »Gegen Kost, Logis und ein kleines Taschengeld biete ich eine Rundumversorgung. Ich brauche vorerst keinen Lohn, nur ein Kämmerchen mit einem Bett.«

Nun war er wirklich überrascht. Hatte Aisha ihm eine Spionin geschickt, die ihn der Ausbeutung und des Sozialbetrugs überführen sollte?

»Ich soll Sie kostenfrei arbeiten lassen?«

»Wir können es doch versuchen. Ist nicht einfach, ganz fremd zu sein und keine Freunde zu haben.« Sie faltete ihre Hände und blickte zu Boden. Ihre schwarzen Haare waren stoppelkurz geschnitten, was ihre Gesichtsform fast ätherisch wirken ließ. Ein dunkler Elf. Sie würde Robert außerordentlich gut gefallen. Ihr Blick verschleierte sich, und ihr Ausdruck wurde besorgt.

Obwohl er sich bewusst war, dass sie ihn gerade mit Bravour um den Finger wickelte, setzte er zu einem Einverständnis an. Er brach sich keinen Zacken aus der Krone, wenn er es mit ihr versuchte – ob sie nun von der rachsüchtigen Aisha geschickt wurde oder nicht. »Na ja, ein Zimmerchen für den Anfang vielleicht. Und wenn Sie nicht möchten, dass wir Sie sofort anmelden, dann machen wir das eben später. Wir zahlen Ihnen etwas Lohn, und Sie können sich dann immer noch eine Wohnung oder Wohngemeinschaft suchen.«

Djamilas Blick hellte sich auf. »Wirklich? Oh, Monsieur Pomelli, Sie retten mir das Leben.«

Na, dazu war er doch da, oder? »Und Sie retten mir den Arsch. Robert war schon ganz schön geknickt, als Aisha fortging.«

Dass ihr diese Worte etwas zu deftig erscheinen mussten, fiel ihm erst auf, als sie ihn irritiert anblickte.

»Äh, ich meine, Sie retten meinen Ruf als Freund.«

Da lächelte sie und nickte verlegen.

»Alors, was halten Sie davon, wenn ich Sie jetzt Robert vorstelle?«

Sie erhob sich leicht wie eine Feder und fragte schüchtern: Glauben Sie, er ist mit mir einverstanden?«

»Davon bin ich überzeugt.« Ich muss aufpassen, dass er sie mir nicht ausspannt, dachte er wenig freundschaftlich und geleitete sie in den Flur.

Kapitel 3

Kurz vor Feierabend lauschte Kommissar Vidal dem Bericht Girauds über Marc Rambinier.

»Laut Finanzbehörden wird er noch in Menton geführt, doch die Kollegen sagen, dass er dort nicht mehr wohnt. Er versteuerte das normale Einkommen der Armee, er bekam durchschnittlichen Sold.«

»Und welche Einkünfte hat er jetzt?« Sein Blick glitt über die Wanduhr, über die Aktenschränke und die in hellem Beige gestrichenen Wände, doch seine Konzentration lag auf den Worten seines Inspektors.

»Keine Ahnung. Es ist seit zwei Monaten nichts mehr angegeben. Er hat sich in Menton nicht selbstständig gemacht, bezieht keine Rente oder Pension und weder Arbeitslosengeld noch Stütze. Wer weiß, wo er sich jetzt herumtreibt. Ich checke noch die anderen Ämter hier an der Côte. Irgendwo wird er eine Spur hinterlassen haben.«

»Rambinier ist also sein richtiger Name.«

»Ja. Er war in der regulären Armee und ging dann als Offizier für zehn Jahre in die Legion. Er ist jetzt 41 Jahre alt und hat vor drei Monaten seinen Abschied genommen.«

»Er erhält womöglich eine kleine Pension von der Legion.«

»Ist vielleicht noch nicht bearbeitet. Ich versuche, an seine Konten ranzukommen.«

»Eine Jacht wünschte er sich. Nicht gerade ein bescheidener Wunsch für einen Ex-Soldaten.«

»Kommt auf die Jacht an«, sagte Giraud. »Nach der Wirtschaftskrise bekam man die Dinger ja schon nachgeschmissen. Aber ich habe seinen Namen nicht in den Listen der Marinas der Gegend gefunden. Weder hier noch in den benachbarten Orten.«

»Fragen Sie die Händler und Bootsmakler hier in Nizza und in Monaco, dann gehen Sie weiter die Küste rauf und runter. Auch Genua.«

Auf sein leises Lächeln verflüchtigte sich Girauds Anspannung, mit der er bisher seine Notizen vorgetragen hatte. »Ja, Chef. Gute Idee.«

»Haben Sie weitere Personen gefunden, die in der Nähe waren?«

Giraud schüttelte den Kopf. »Ich habe mit Rambinier angefangen, weil ich dachte, er als Chef könnte uns am meisten über die Toten erzählen.«

»Gut gefolgert, Giraud. Was ist mit Pomellis Alibi?«

Girauds Ausdruck wurde für einen kurzen Moment verträumt, dann räusperte er sich und sagte: »Ich habe mit seiner Schwägerin gesprochen. Eine schöne Frau, distinguiert, freundlich, gar nicht so hochnäsig wie diese Prominenten sonst.«

»Weiter!«

Giraud seufzte und fuhr fort: »Er ist ungefähr um halb zwölf gegangen. Kurz danach fand der Mord statt. Er passt in den Zeitrahmen. Definitiv. Damien Pomelli hat kein Alibi.«

Unwillkürlich verzogen sich Vidals Lippen zu einem spöttischen Lächeln, dann rief er sich zur Ordnung. »Nun ja, das könnte wahr sein oder auch nicht. Jeder Depp, der einen Mord plant, würde sich ein Alibi verschaffen. Doch er …«

»… er ist so raffiniert, dass er sich absichtlich kein Alibi bastelt.«

»Bon. So ist es«, sagte Vidal und korrigierte sich dann: »Ich meine, so könnte es sein. Gute Arbeit, Giraud, machen Sie weiter.«

»Hm.« Der Inspektor kratzte sich am Hinterkopf.

»Heraus damit«, befahl Vidal, der die unausgesprochene Bitte verstanden hatte.

»Also, Chef, wenn die beiden wirklich ein schwules Paar waren, dann könnte doch auch Eifersucht im Spiel sein, oder?«

Vidal schüttelte den Kopf. »Das haben die Kollegen wohl ausgeschlossen. Und dann wären auch nicht beide tot.«

»Warum nicht? Vielleicht hat Boletti den Mörder von Licardi in Nizza gesucht. Er wollte seinen Freund rächen, hat sich eine Waffe besorgt, doch der Mörder entreißt sie ihm und erschießt ihn.«

Vidals Blick folgte den heftigen Gesten, mit denen der Inspektor seinen Bericht untermalte.

»Aufgewacht, Inspektor Giraud! Es lagen keine Anzeichen für einen Streit vor. Keine Abwehrverletzungen.«

»Ich dachte ja nur.«

Vidal entschloss sich zu einem Eingeständnis. »Natürlich kann es so ähnlich gewesen sein. Wir müssen aber Prioritäten setzen, und der Legionsaspekt scheint mir zurzeit sinnvoller. Fragen Sie morgen trotzdem die Kollegen aus Marseille und auch die Kameraden im Quartier Labouche nach Informationen über dieses Paar.«

Er sah zu, wie sein Inspektor sich mit einem Ausdruck der Genugtuung an den Schreibtisch setzte und seine Sachen packte. Weitere Berichte lagen noch nicht vor. Natürlich hatte er kaum Ergebnisse erhalten, doch er drohte gern mit knappen Fristen, um seine Leute zu beschleunigen.

Damien Pomelli hatte er höchstpersönlich überprüft. Seine Bank-Daten waren hervorragend. Der Kerl könnte in Geld schwimmen, doch der Hauptteil war festgelegt worden und stand ihm nur in 5-Jahres-Raten zur Verfügung. Die einzig auffällige Kontobewegung war eine Barabhebung in Höhe von 9 000 Euro am Tag vor dem Mord an Boletti. Hierzu musste er ihn bei der nächsten Gelegenheit befragen.

Bald erhielt er weitere Ergebnisse über die anderen Legionäre und das familiäre Umfeld des Toten. Damien Pomelli stand bereits auf seiner Liste, aber die Fakten sagten ihm, dass er momentan nur ein B-Kandidat war. Damien spielte nicht, trank nicht, war strafrechtlich nie auffällig geworden. Es bestanden keine Vorstrafen, und die Bußgelder für zu schnelles Fahren machten ihn fast menschlich.

Überhaupt entsprach Pomelli trotz seiner wilden Jugend nicht dem Bild eines reichen, jüngeren Sohnes aus der Schickeria. Großvater und Vater hatten bescheiden gelebt, die beiden Brüder Albert und Robert waren in einem Wohnhaus in der Altstadt aufgewachsen, wo an bestimmten Orten bis heute Knoblauchduft und die Gerüche des Abwassers waberten. Albert hatte sein Domizil dann in den repräsentativen Stadtteil Cimiez verlegt, während Damien zwei geerbte Wohnungen besaß und aus Liebeskummer zur Legion ging, anstatt sich mit Alkohol, Drogen und Sex zu betäuben. Er war ein Mann für Frauen. Durchtrainiert, mittelgroß. Mit den dunklen, kurzgeschnittenen Haaren, der Charakternase und dem kantigen Kinn, das er momentan mit einem Dreitagebart bedeckte, brauchte er nicht um Aufmerksamkeit zu buhlen.

Doch mit Sylvie Pomelli schien es ihm nach wie vor ernst zu sein. Vielleicht hatte Madame Pomelli ihrem Schwager damals vorgeworfen, ein Nichtsnutz zu sein. Verletzter Stolz konnte so manche übereilte Handlung hervorrufen. Oder Wunder bewirken. Ob sie ihm nun gewogener war? Er war im Dienst verletzt worden, ein Kriegsheld gar, männlicher, erfahrener, aber vielleicht auch verletzlicher. Vidal nahm sich vor, beim nächsten Gang zur Staatsanwaltschaft langsamer durch die Flure zu wandeln und genauer zuzuhören. Des Weiteren musste er jemanden finden, der sich mit dem Einsatz in Mali auskannte. Womöglich war dort etwas vorgefallen, was bis in die Gegenwart reichte. Vielleicht kannte jemand Gerüchte und Tratsch. Klatsch war die verdorbene Essenz des Lebens und genauso wichtig wie das Durchsuchen von Mülleimern an einem Tatort. Und meist ebenso dreckig.

Innerhalb von zwei Tagen fühlte Damien sich wie ein Mitglied einer studentischen Wohngemeinschaft. Djamila hatte gestern sein Gästezimmer bezogen, allerdings erst nach einer Art Beschwörung mit unverständlichen Zaubersprüchen. Ein Überrest des Aberglaubens, den ihr die Großmutter eingeimpft hatte, entschuldigte sie sich. Djamila wollte nur für den Übergang bleiben, bis sie eingearbeitet war und mit ihrem Lohn eine eigene Bleibe finanzieren konnte. Sie hatte nur eine Ledertasche mit ihren Sachen dabei. Dass eine Frau wie sie mit so wenigen Utensilien auskam, kam ihm nicht einmal seltsam vor, schon gar nicht nach seinen Beobachtungen in Mali. Djamila war einfach natürlich. Sie lächelte unbefangen, wenn sie sich in der Küche trafen, wo er sie in die Bedienung des Gasherdes und der Espressomaschine einwies. Neugierig durchstöberte sie die Küchenschränke, staunte über den großen Apothekerschrank und ließ sich die verschiedenen Lebensmittel, die sie noch nicht kannte, erklären. Manchmal kam Robert vorbei, und sie spielten zusammen Karten oder sahen Fernsehen. Wobei Djamila manchmal vor Begeisterung in die Hände klatschte und ihre blendenden Zahnreihen zeigte, wenn sie etwas erheiterte. Robert und er tauschten jedes Mal amüsierte Blicke.

Roberts Pflege verrichtete sie ordentlich. Sie verstand den Sinn der Handreichungen und Maßnahmen schnell. Die Unruhe, die Bolles geheimnisvoller Zettel hervorgerufen hatte, plagte ihn abends im Bett, denn er fühlte sich schuldig, seinen Kumpel momentan hängen zu lassen. Er hatte noch nichts in Erfahrung gebracht, noch nichts in die Wege geleitet. Und Robert war ein wenig abgelenkt von Djamilas Anwesenheit, er hatte kaum mit seinen Recherchen begonnen. Doch musste Damien sich noch um sie kümmern? Sie war wohl kaum wichtiger als der Tod zweier Männer, befand sein Gewissen. Nein, aber er konnte sie nicht einfach zur Seite schieben. Robert brauchte eine Pflegerin. Und du eine Frau, befand sein Unterbewusstsein.

Er war gerade mit Djamila nach dem Essen in den Salon gegangen, als sie einen Schlüssel im Schloss hörten. Robert rollte herein und warf die Wohnungstür versehentlich so heftig ins Schloss, dass der alte Monsieur Beloque eine Etage tiefer sicher aus seinem Mittagsschlaf auffuhr. Sofort sprang Djamila auf und rollte ihn in den Salon.

»Cher, Robert«, sagte sie. »Wie gefällt Ihnen eigentlich die Wohnung hier? Ist sie nicht furchtbar – spießig? Sagt man das so?«

Sie wies auf die beiden dunklen Kommoden, die sich an zwei Wänden gegenüberstanden und von dezenten Gestecken künstlicher Blumen geziert wurden. Daneben die in Silber gerahmten Bilder seiner Eltern. Was ihn an das Foto von Sylvie denken ließ, das er mit zur Truppe genommen hatte. Als er es verlor, klaffte wochenlang ein Loch in seiner Brust. Robert sagte etwas, und Damien zuckte zusammen.

»Inszeniertes Understatement«, sagte Robert trocken. »Schon in seiner Studentenbude war alles auf alt getrimmt. Die Mädchen fanden das total cool.«

»Na, hör mal«, sagte Damien, stellte den Fernseher an und musterte misstrauisch die beigen Vorhänge, den farblich passenden Teppich und die bereits etwas zerkratzte Tischplatte. Dazu die dunkelbraunen Bauernkommoden. Alles war gediegen, gemütlich und vom Innenarchitekten seines Bruders vorgeschlagen. Ihm war seit seiner Rückkehr ohnehin egal, wo und wie er wohnte.

»Das ist gute alte Wertarbeit. Und außerdem setzen die Kommoden einen Kontrast zu den Bildern.«

Damien setzte sich zu Djamila auf das Sofa. Der Rollstuhl stand etwas schräg vor ihnen, so dass sie sich ansehen und gleichzeitig fernsehen konnten.

»Er meint diese bunten Streifen und Vierecke an den Wänden«, sagte Robert und griff in eine Schale mit Pistazienkernen.

»Das sind LeWitts«, wehrte er sich.

»Was ist Understatement? Und was ist LeWitt?«, fragte Djamila und sah ihn unbefangen an.

Das mochte er an ihr. Sie war wissbegierig, saugte alles auf, was ihr in den Weg kam.

Nicht nur die Möbel, auch die LeWitts waren kostspielig gewesen, doch er wollte ihr richtig teure Werke zeigen, und dazu solche, die nicht aus Strichen und Vierecken von der Hand eines amerikanischen Künstlers bestanden.

»Wir können ins Chagall-Museum gehen«, schlug er vor.

»Gern würde ich in ein Museum gehen. Wer ist Chagall?«

»Ein berühmter Maler. Kommst du mit, Robert? Jetzt?«

Für einen Moment wurde Roberts Ausdruck unsicher. Damien hätte ihm gern den Kopf gewaschen. Es war nicht so leicht, ihn aus seiner Höhle zu locken, wenn es nicht um sein Basketballtraining ging.

»Hm, mal sehen.«

»Oh ja, Robert, kommen Sie mit«, sagte Djamila.

»Sag mal, Djamila, warum siezt du mich, während du Damien duzt?«, lenkte Robert ab.

Zu Damiens Überraschung röteten sich Djamilas Wangen, und sie schlug ihre Augen nieder. »Sie haben ein schweres Schicksal zu tragen, Robert. Ich will Respekt zeigen«, sagte sie leise.

Er sah zu Robert hinüber. Dieser verharrte reglos, seine Arme lagen auf dem Schoß, und er starrte auf Djamilas dunklen Scheitel, denn sie hielt ihren Kopf gesenkt.

»Ach, das ist Unsinn«, murmelte sein Freund dann. Er streckte seine Hand aus und hob mit einem Finger unter dem Kinn ihren Kopf an. Damien spürte die Zärtlichkeit, die in dieser Geste lag.

»Also abgemacht?«, griff er ein, um die Stimmung wiederzubeleben, die sich so merkwürdig gewandelt hatte. Außerdem musste er ja zusehen, dass Robert nicht bei Djamila punktete.

Dieser ließ seine Hand wieder fallen und lächelte sie an. »Abgemacht. Ich komme mit.«

Kommissar Vidal verließ sein Büro und stieg die Treppen zum Ausgang hinab. Unterwegs sammelte er Inspektor Giraud auf; er sah nicht ein, weshalb er sich selbst durch den Verkehr chauffieren sollte.

»Was ist passiert? Wohin fahren wir?«, fragte dieser.

»Eine männliche Leiche am Fuß eines Abhangs, irgendwo bei Carros.«

»Carros? Oben oder unten?«

»Oben. Wo soll unten wohl ein Abhang sein?«, brummte er.

Die Gemeinde lag nördlich von Nizza. Die Gendarmerie hatte sich gemeldet, der Fund bereitete ihnen Kopfschmerzen. Im Streifenwagen durchquerten sie die Stadt. Hohe Bürogebäude und Wohntürme wechselten sich ab. Die Bäume an den Straßen verloren die ersten Blätter. Auf einem großen Parkplatz fand gerade wieder ein Trödelmarkt statt. Männer mit dicken Schnauzbärten und Frauen mit Kopftüchern überquerten an einer der zahlreichen Ampeln die Straße. Ein Porsche kam neben ihrem Renault zum Stehen. Vidal betrachtete gedankenversunken den goldenen Ring an der Hand, die auf dem Lederlenkrad lag. Als die Ampel von Rot auf Grün sprang, schoss der Wagen los. Giraud folgte gemächlich, er hatte offenbar keinen sportlichen Ehrgeiz.

Dafür berufliche Neugier. »Wissen wir schon mehr?«

»Nein. Es geht wohl um die Todesursache.«

»Kommt Monsieur le Docteur auch hin?«

»Ja.«

Sie bogen auf den Boulevard du Mercantour, der später als Route des Alpes die Verbindungsstraße zwischen Nizza, dem Mercantour-Nationalpark und Digne-les-Bains bildete. Wintersportler konnten auf ihr innerhalb einer Stunde auf die Pisten gelangen. Er fror bereits, wenn er nur an Schnee dachte.

»Ein Abhang, wohl ein Unfall«, sagte Giraud und warf einen neugierigen Blick auf das Allianz-Riviera-Stadion, dessen Bauform Vidal immer wieder an ein großes graues Nest erinnerte.

Unterwegs sprachen sie über weitere Ergebnisse ihrer Ermittlungen. Bolettis Familie, bestehend aus Eltern und Schwester, lebte in Forli in der Emilia Romagna und hatte keine Beziehungen zur Côte d’Azur. Keine Verbindungen zu wie auch immer gearteten mafiösen Strukturen, Boletti hatte auch nie gespielt. Er war nur einmal wegen Besitzes von Marihuana aufgefallen und in eine aktenbekannte Prügelei geraten. Aus seinem Zug fiel niemand besonders auf. Sie hatten nicht mal alle Dreck am Stecken; die Vorstellung, die Fremdenlegion sei ein Sammelbecken für Kleinkriminelle, stimmte natürlich seit langem nicht mehr. Die ehemaligen Kameraden dienten teilweise immer noch in Mali, andere waren zu ihrem Standort nach Orange zurückgekehrt.

Während Giraud nun seine vom Sprechen trockene Kehle schonte, betrachtete Vidal ein wenig enttäuscht die Umgebung. Das Gewerbegebiet war erreicht. Ausufernde Supermärkte, Baumärkte, Autohäuser erstreckten sich entlang der Ausfallstraße, begleitet vom Fluss Var, der über einige breite Wehre strömte, eher faul und langsam nach dem heißen Sommer. Linkerhand begleitete sie die Hügelkette, durch die sich Haarnadelkurven zogen, gespickt mit zerstreuten Siedlungen. Engländer, Deutsche, Russen oder berühmte Schauspieler waren die Eigentümer der Villen, und sie ließen sich den Ferienaufenthalt in den Sommermonaten gut von den Touristen bezahlen. Inzwischen waren die Einheimischen wieder unter sich und gingen in Ruhe ihren Geschäften nach. Sein Geschäft war eine neue Leiche – merde!

Carros breitete sich am Flussbett des Var aus, wo sich die Gendarmerie, die Schulen, die Verwaltung und eine Bücherei befanden. Giraud überquerte die Stahlbrücke über den Fluss und gelangte durch drei Kreisverkehre in Richtung Carros vielle, das alte Carros, das am Hang lag und von einer mittelalterlichen Burg bewacht wurde. Entlang der Straße ins Hinterland stieß man allerorten auf Abgründe und Klippen, eine andere Welt tat sich auf, wenn man das Tal des Var hinter sich ließ. Auf schmalen Fahrbahnen sagten sich Fuchs und Hase Gute Nacht, sofern sie nicht von Geröll erschlagen wurden. Zikaden sangen dort ihr immerwährendes Lied, und hier war die Luft frisch und klar nach dem Dunst der großen Stadt.

Als sie das alte Carros erreicht hatten, sprang Vidal aus dem Auto, um sich in einem kleinen Laden Zigarillos zu kaufen. Er staunte, als er wieder hinaustrat und zurück zum Meer blickte. Er konnte ganz Nizza erkennen, die Mündung des Var, das Fußballstadion. Als sie den Hügel weiter hinauffuhren, tat sich wieder ein unglaubliches Panorama auf. Tief unter ihnen wurde das lang-gestreckte Tal zwar von hässlichen Industriegebieten verschandelt, doch sobald Vidal den Blick hob, breitete sich die voralpine Bergwelt vor seinen Augen aus. Hügelketten, Burgen, kleine Dörfer, die an den Hängen klebten, eingebettet in Pinienwälder, dahinter erhoben sich schneebedeckte Alpengipfel.

Vidal atmete tief ein und bedauerte fast, dass Le Broc erreicht war, der winzige Nachbar von Carros, der ebenso mit mittelalterlichen Gassen und Gebäuden um die Touristen buhlte.

Kurz hinter dem Ort sahen sie bereits von weitem die blauen Lichter der Einsatzwagen am Straßenrand blinken. Ein Leichenwagen war eingetroffen, ebenso die Feuerwehr, die gerade Seile ausbreitete, um sie den Abhang hinunterzuwerfen, an dem die Straße entlangführte. Vidal kniff die Augen zusammen. Eine kniehohe Mauer säumte die Straße, dahinter fiel das Gelände steil ab. Immergrüne Gewächse krallten sich in die Felsen. Man winkte sie herbei und dirigierte sie zu einer Bushaltestelle, die hier mitten in die Landschaft errichtet worden war, aus welchem Grund auch immer.

Vidal stieg aus. Der Chef der örtlichen Gendarmerie, ein hagerer Mann mit schmalen Lippen, stellte sich vor. »Brigadier Montluc, bonjour.«

»Vidal, Morddezernat Nizza. Ein toter Mann?«

Montluc nickte. »Ja, dort unten am Fuß des Abhangs. Er muss ungefähr 30 Meter tief gefallen sein, eher gerollt, würde ich sagen. Es ist zwar steil hier, aber ein freier Fall ist nicht drin.«

Sie gingen zur Mauer. Vidal beugte sich vor. Der Gendarm hatte recht, ein richtiger Fall kam nicht in Frage.

»Deshalb habe ich Sie rufen lassen. Ich war schon unten, und der Kerl sieht dementsprechend aus. Allerdings kann ich nicht beurteilen, ob Fremdeinwirkung vorliegt.«

»Um wen handelt es sich?«

»Um einen Mann aus Carros, der Leiter der Feuerwehr kennt ihn. Jean Luc Ravel, ein Finanzbeamter, der in Nizza arbeitet. Er ist wohl gern gewandert, sagt man. Er hatte auch Wanderschuhe an.«

»Polizeibekannt?«

»Nein … glaube ich nicht; ich hatte auch noch nicht die Gelegenheit …«

Wie sollte ein biederer Beamter auch strafrechtlich aufgefallen sein. »Steht fest, dass er von hier herabgefallen ist?«

»Etwas loses Geröll, aber das ist ja immer da. Allerdings waren zwei oder drei Zweige frisch abgeknickt. Ich gehe davon aus. Er sieht nicht so … so kaputt aus, als sei er aus einem Flugzeug oder Hubschrauber gefallen.«

»Wer hat ihn gefunden, dort unten?«, fragte Giraud, der ebenfalls herangetreten war. »Da kommt ja nicht jeder Wanderer hin, oder führt da unten ein Weg her?«

Montluc lächelte grimmig. »Nein, kein Weg. Es war reiner Zufall, dass ein Wartungstrupp der Stromgesellschaft heute Mittag auf dem Weg zu der Hochspannungsleitung war. Da mussten sie quer durch die Botanik und haben ihn gefunden.« Er wies auf einen Strommast, der in etwa 20 Meter Entfernung aus dem wilden Gebüsch aufragte. »Sonst hätte er wochenlang da gelegen. Soll die Feuerwehr ihn raufholen?«

Da gab es in diesem dichtbesiedelten Gebiet doch immer noch ein Loch, in dem man eine Leiche verschwinden lassen konnte. Vidal wandte sich zu seinem Inspektor um. »Ich glaube, Sie sind sportlich genug, um den Fundort in Augenschein zu nehmen, oder? Nehmen Sie eine Kamera mit, und machen Sie Aufnahmen.«

»Aber Chef, ich …« Giraud brach nach einem Blick in Vidals Gesicht ab.

»Wir können Sie abseilen, das ist gar kein Problem. Vielleicht etwas abseits, wo mehr Zweige zum Festhalten sind«, sprach Montluc auf Giraud ein.

»Aber bitte keine Spuren zerstören«, warf Vidal dazwischen. Dann entfernte er sich. Er setzte sich auf die Beifahrerseite des Renaults, ließ die Tür offen stehen, damit die letzte warme Herbstluft ihn erreichte. Für einen Moment lehnte er seinen Kopf gegen die Stütze, dann begannen die Gedanken zu strömen. Ein toter Mann, ein Wanderer, der vom Weg abgekommen war? Warum hatte er sich unterwegs nicht festgehalten? So, wie der Abhang aussah, konnte man dort verdammt schnell rutschen, aber gleich 30 Meter weit? Hatte ein Wagen ihn über die Mauer gestoßen? War er vorher getötet worden, und die Leiche dort entsorgt in der Hoffnung, man würde von einem Unfall ausgehen?

»Montluc!«, rief er und winkte den Gendarmen heran.

»Waren dort an der Mauer Reifenspuren zu sehen? Scheinwerferteile? Spiegel? Irgendwas?«

»Wo auf diesen Straßen liegen keine Spiegelteile herum?«, gab der Gendarm zurück.

Vidal dachte kurz nach und nickte. Die engen Straßen des Hinterlandes waren nicht geeignet, einen Fahrer in Sicherheit zu wiegen. Oft kam es zu Unfällen im Begegnungsverkehr, oder man schrappte mit der Fahrzeugseite an den Felswänden oder Mauern entlang. »Hat der Mann Angehörige?«

»Der Sohn lebt in Toulon, so hörte ich.«

»Adresse in Carros.«

»Route Saint-Sebastian 240, Carros. Das alte.«

Er gab die Adresse in das Navi ein und bemerkte, dass das Haus nur drei Kilometer Luftlinie vom Fundort entfernt lag. Während Giraud, dessen behelmter Kopf gerade hinter der Kante des Abhangs verschwand, sich nützlich machte, beschloss er, sich in der Wohnung des Toten umzusehen. Vielleicht traf er eine Haushälterin an oder einen Nachbarn, der einen Schlüssel verwahrte. Er stieg um auf den Fahrersitz, wischte mit einem Hygienetuch, von denen er immer einige im Sakko hatte, das Lenkrad ab und startete den Motor. Nachdem er Montluc mit einer Geste zu verstehen gegeben hatte, dass er in einer halben Stunde wieder zurückkehren würde, fuhr er langsam die kurvige Straße hinab, bis er in eine kleine Siedlung auf einer Anhöhe gelangte. Schöne, einfache Häuser mit hellen Mauern, hinter denen großzügige Grundstücke lagen. Hunde, die hinter Hecken spielten. In der Einfahrt zum Haus des Monsieur Ravel lag eine Glückskatze, die sich träge in der Sonne rekelte und das Pfotenlecken unterbrach, als er den Wagen zum Stehen brachte. Nun, viel Glück hatte sie ihm nicht gebracht.

Er klingelte bei drei Nachbarn, erhielt schockierte Blicke und tatsächlich einen Schlüssel zum Haus des Toten. Er erfuhr, dass Ravel zurückgezogen lebte, sich nur selten im Dorf blicken ließ und kaum Besuch empfing. Er sei ein ruhiger, etwas eigensinniger Mensch gewesen, kleinkariert gar, aber über Tote sollte man ja nicht schlecht reden. In der letzten Zeit soll es wohl Ärger mit dem Nachbarn linker Hand gegeben haben. Vidal erinnerte sich, dass dies der Mann mit dem Pferdeschwanz gewesen war, der nur gleichgültig gebrummt und die Tür ohne brauchbare Auskünfte wieder verschlossen hatte.

Als Vidal in das Haus des Toten eintrat, tat sich ein großer Salon mit einem Panoramafenster vor ihm auf. Der Blick über die Terrasse hinaus verschlug ihm den Atem. Jeden Morgen mit diesem Blick auf die zartrosa glühenden Alpenspitzen zu frühstücken, musste unglaublich sein. Das Haus war fast so wie sein eigenes eingerichtet, nicht vom Stil her, sondern in seiner Ordnung. Es war penibel aufgeräumt. Es lag ein leichter Geruch nach verbranntem Holz in der Luft. Im gemauerten Kamin befand sich keine Asche mehr. Etwas Brennholz war daneben gestapelt worden. Nicht ein Krümel zeigte sich in der sich anschließenden offenen Küchenzeile. Die Möblierung war dunkel und schwer, der obligatorische Außenpool ordentlich mit der Plane zugedeckt, die schlanken Zypressen im Garten gestutzt. Weiter hinten wuchsen Platanen, allerdings auf dem Grundstück des Nachbarn, nicht weit von einem Schuppen entfernt.

Auf dem Schreibtisch fand er Rechnungen vor dem Computer, Ravel hatte deren Bezahlung im Spiralkalender notiert, der blickgerecht zwischen Monitor und Tastatur lag. In der jetzigen Woche war noch ein Zahnarzttermin notiert. Als er eine Seite des Kalenders zurückschlug, stieß er auf eine weitere Eintragung. Am Tag nach dem Mord an dem Fremdenlegionär stand: Mediation, 11 Uhr.

In den Schubladen war nichts Auffälliges zu entdecken. Giraud würde gleich alle Dokumente einsammeln und zum Kommissariat bringen.

Mit einem Ruck drehte er sich um, verließ das Haus und fuhr zum Fundort zurück. Dort warf er einen Blick auf den inzwischen geborgenen Leichnam.

Der Pathologe Dr. Sasson hatte die erste Untersuchung beendet und zog die Handschuhe aus. Seine Hände waren faltig und von Altersflecken gezeichnet. Sasson würde zu Vidals Bedauern bald in den Ruhestand gehen.

»Ich denke, schweres Schädeltrauma, stumpfe Gewalteinwirkung. Ob durch den Sturz oder Fremdeinwirkung, weiß ich noch nicht.«

Er war eben korrekt und vorsichtig, doch bei der Autopsie machte er jüngeren Kollegen immer noch etwas vor. »Todeszeitpunkt?«

Dr. Sasson strich sich über die bereits grauen Schläfen und wiegte den Kopf. »Ungefähr gestern Abend zwischen 17 und 20 Uhr. Genaueres wie immer später.«

Vidal bedankte sich und zog Giraud zum Auto. »Die Presse soll einen Aufruf starten. Wir suchen Zeugen, die um die gestrige Abenddämmerung etwas Auffälliges hier gesehen haben könnten. Hören Sie sich auch im Laden um, dort läuft ja alles zusammen in diesem Dorf. Und dann nehmen Sie ein Taxi. Sammeln Sie alle persönlichen Unterlagen des Toten ein. Hier ist der Schlüssel zum Haus. Anschließend kehren Sie nach Nizza zurück.«

»D’accord, Chef.« Giraud wischte sich mit dem Taschentuch über die schweißbedeckte Stirn, der Sturzhelm hatte dort einen Striemen hinterlassen.

Vidal steuerte den Wagen den Hügel hinab. Beinah riss er sich in diesen Haarnadelkurven die Arme aus. »Etwas gefunden da unten?«

»Keine dicken Äste oder blutige Felsvorsprünge, die den Tod verursacht haben könnten. Ist natürlich nur mein Eindruck. Die Spurensicherung wird noch einmal einen Mann runterschicken.«

»In Ordnung, gute Arbeit.«

Er hielt vor dem kleinen Laden, in dem sich einige Frauen des Ortes zu einem Plausch zusammengefunden hatten. »Viel Glück.« Er entließ Giraud ins feindliche Lager und fuhr weiter hinab, an Trockenmauern, Olivenbäumen und Oleandersträuchern vorbei. Pinien neigten sich über die Straße. Er hätte noch lange so weiterfahren können. Trotz des Leichenfundes belebte die würzige Luft Stimmung und Sinne, und er hatte das Gefühl, leichtfüßig seinen Weg durch diesen Tunnel aus bunten Farben zurückzulegen, an dessen Ende sich dann das blaue Meer hätte erstrecken sollen. Doch nein, letztendlich stieß er auf das karge, hässliche Var-Tal, dessen einziger Vorzug die Aussicht auf das felsige Bergland war.

Am Nachmittag hatte Djamila schweigend die Chagall-Ausstellung verlassen. Erst als sie in einem Behindertentaxi saßen, in dem Robert ihnen über die Schulter schauen konnte, sagte sie: »So friedliche Bilder, Damien. Als würden die Menschen darauf kein Leid kennen.«

»Sie kannten das Leid, glaub mir«, gab er zurück und tätschelte ihr Knie.

»Ja, schon. Aber durch die Bilder wird man selbst so friedlich.«

»Hast du Frieden nötig, Djamila?«, fragte er.

»Du nicht?«

Damien schwieg und sah aus dem Fenster.

Der Fahrer nahm den Boulevard de Cimiez, und Damien bemerkte, wie Djamila die prachtvollen Belle-Époque-Bauten mit ihren verspielten Balkongittern sowie die in hellen Pastelltönen gestrichenen, mehrstöckigen Wohnhäuser betrachtete, deren Fensterläden in kontrastreichem Grün oder Blau leuchteten.

»Wie schön es hier ist«, seufzte sie.

An der Kreuzung zur Avenue Gallieni beugte Djamila sich vor und wies auf den Dickkopf, ein Gebäude in Form eines Kopfes, aus dessen Kinnlade ein Kubus herauswuchs.

»Sieh mal, so ein lustiges Denkmal«, rief sie.

»Das ist die Verwaltung der Bibliothek«, meldete sich Robert. »In dem Kubus sind Büros.«

Sie sah ihn mit offenem Mund an. »Mon Dieu«, hauchte sie. »Haben Sie noch mehr Überraschungen für mich?«

Das musste Damien unbedingt toppen. »Wir gehen durch die Altstadt zurück. D’accord, Robert?« Djamila dort zu beeindrucken – nichts war leichter als das, gerade für ihn.

Robert willigte ein, und bei genauerem Hinsehen bemerkte Damien, dass der Ausflug seinem Freund leicht gerötete Wangen beschert hatte. »Aber sieh zu, dass du keine Gassen mit Stufen nimmst. Es sei denn, du willst mich tragen.«

»Wir sind doch zu zweit«, sagte Djamila. »Das schaffen wir schon.«

»Du kennst die Altstadt nicht«, sagte Robert zweifelnd.

»Aber ich«, sagte Damien und wies den Fahrer an, auf der Höhe der Rue Pairollière zu halten.

Details

Seiten
353
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783958244016
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
Spannung Krimi Action Nizza Côte d'Azur Christine Cazon Thriller Jean-Luc Bannalec Neuerscheinungen eBooks

Autor

Zurück

Titel: Die Schatten von Nizza - Ein Fall für Pomelli und Vidal: Band 1