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Wenn die Liebe Falten wirft

Roman

2015 494 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:
Carlotta ist wie vom Blitz getroffen, als ihr Mann sie wegen einer Studentin verlässt. Plötzlich zweifelt sie nicht nur an ihrer ganzen Vergangenheit, sondern auch an sich selbst: War sie ihm nicht gut genug? Und wie soll es nun weitergehen? Inmitten dieses Gefühlschaos begegnet sie Tulio – mit ihm kehren Leidenschaft und Leichtigkeit in ihr Leben zurück.
Bis zu dem Tag, an dem Gerd vor der Tür steht, mit seinem schönsten Dackelblick …. Nun muss sich Carlotta entscheiden: Liebe oder Leidenschaft? Marathonlauf oder Sprint? Gerd oder Tulio?


Über die Autorin:
Annegrit Arens hat Psychologie, Männer und das Leben in all seiner Vielfalt studiert und wird deshalb von der Presse immer wieder zur Beziehungsexpertin gekürt. Seit 1993 schreibt die Kölner Bestsellerautorin Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher. Fünf ihrer Werke wurden für die ARD und das ZDF verfilmt.

Annegrit Arens veröffentlichte bei dotbooks bereits folgende Romane: »Der Therapeut auf meiner Couch«, »Die Macht der Küchenfee«, »Aus lauter Liebe zu dir«, »Die Schokoladenkönigin«, »Die helle Seite der Nacht«, »Ich liebe alle meine Männer«, »Bella Rosa«, »Weit weg ist ganz nah«, »Der etwas andere Himmel«, »Der geteilte Liebhaber«, »Wer hat Hänsel wachgeküsst«, »Venus trifft Mars«, »Süße Zitronen«, »Karrieregeflüster«, »Wer liebt schon seinen Ehemann?«, »Suche Hose, biete Rock«, »Kussecht muss er sein«, »Mittwochsküsse«, »Liebe im Doppelpack«, »Lea lernt fliegen«, »Lea küsst wie keine andere«, »Väter und andere Helden«, »Herz oder Knete«, »Verlieben für Anfänger«, »Liebesgöttin zum halben Preis«, »Schmusekatze auf Abwegen«, »Katzenjammer deluxe«, »Ein Pinguin zum Verlieben«, »Absoluter Affentanz«, »Rosarote Hundstage«, »Die Liebesformel: Ann-Sophie und der Schokoladenmann«, »Die Liebesformel: Anja und der Grüntee-Prinz«, »Die Liebesformel: Tamara und der Mann mit der Peitsche«, »Die Liebesformel: Susan und der Gentleman mit dem Veilchen«, »Die Liebesformel: Antonia und der Mode-Zar« und »Die Liebesformel: Ann-Sophie und il grande amore«.

Die Autorin im Internet: www.annegritarens.de

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eBook-Neuausgabe Dezember 2015

Copyright © der Originalausgabe 2002 Fischer Taschenbuch Verlag in der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Diana Minaieva

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-319-4

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Annegrit Arens

Wenn die Liebe Falten wirft

Roman

dotbooks.

Kapitel 1
Mit geschlossenen Augen

Es gab Leute, die behaupteten, regelrecht von der Stille erschlagen zu werden, die sie umfing, sobald sie in die Straße einbogen, in der die Freelings seit vielen Jahren lebten. Es war gleich die erste Straße hinter dem Waldstück, welches die alten Villen auf ihren noch großzügig bemessenen Grundstücken von dem angrenzenden Gewerbegebiet und der Stadt trennte.

Carlotta hatte es längst aufgegeben, den Leuten, die so redeten, zu erklären, dass sie sich irrten oder – schlimmer noch – taub waren. Man musste taub sein, fand sie, wenn man nicht hörte, was sie von früh bis spät hörte und genoss und niemals freiwillig aufgäbe. Vogelzwitschern, das Rauschen der Blätter im Wind, Scharren und Kratzen, Summen und Tockern; auch das dumpfe, kaum hörbare Schleichen von vier Katzenpfoten auf der Regenrinne vor Carlottas Schlafzimmer gehörte dazu. Das war Prinz, der Cream-Point-Siamkater der Nachbarn, von denen sie zum Glück viele Meter trennten.

Gott sei Dank, dachte Carlotta, sind wenigstens die schönen alten Kastanienbäume und die Ziegelmauer, auf der wir als Kinder immer Balancieren geübt haben, stehen geblieben. Noch während sie das Bild aus Kindertagen vor Augen hatte, griff sie mit einer fließenden Bewegung, die jahrelange Übung verriet, unters Bett nach ihrem Hausschuh, der flach und schlicht und deshalb ein ideales Wurfgeschoss war. Sie hob den Arm weit hinter den Kopf zurück, fixierte die offene Terrassentür und schleuderte den Schlappen just in dem Moment in hohem Bogen los, als das Fensterglas den keilförmigen Kopf des zum Absprung bereiten Katers spiegelte. Nicht bei ihr! Sie würde nicht zulassen, dass er auch nur einen ihrer Jungvögel krallte und endlos damit spielte, um ihn zuletzt gerupft und halb tot nach nebenan zu apportieren, wie das der Zwergdackel tat, mit dem er unter einem Dach lebte. Der Kater war buchstäblich auf den Hund gekommen.

Aufgeregtes Flattern, helles Piepsen, dazwischen die angstvollen Laute der besorgten Vogelmutter, untermalt von einem leisen Fauchen des enttäuschten Katers, signalisierten Carlotta, dass ihre Warnung angekommen war. Ein guter Start in den neuen Morgen, wie sie sich sagte, auch das Wetter ließ nichts zu wünschen übrig. Vorwitzige Sonnenstrahlen kokettierten mit milchigen Schleierwölkchen, die Luft war schon fast lau zu nennen, und in ihrem Garten empfing sie der Mai mit tausend bunten Blumengrüßen.

Und Unkraut, ergänzte sie stumm und nahm sich vor, dieses Wochenende zu nutzen, um ihren Lieblingen dort draußen jene Pflege angedeihen zu lassen, auf die sie ein Recht hatten. Du hast ja sonst keinen Liebling mehr, um den du dich kümmern musst!, wisperte es in ihr. Hämisch, bar jeder Melodie, dabei gehörte ihr Herz doch der Musik. Wenn sie außer von Blumen etwas verstand, dann war es die Musik. Es war die Welt der wohl gesetzten Töne, die sie von klein auf geleitet, ihre Berufswahl bestimmt und sie in die Arme von Gerd geführt hatte. Mein Sönnchen, glaubte sie ihn sagen zu hören, meine Einzige. Auch das war Musik in ihren Ohren und ihrem Herzen. Und dann, jäh und völlig unerwartet, die schrille Dissonanz, die den Fluss ihres Lebens staute und Dinge sichtbar werden ließ, die es zuvor nicht gab.

Hatte es sie wirklich nicht gegeben?

Wann hatte Gerd sie zuletzt sein »Sönnchen« oder seine »Einzige« genannt? Wann? Oder andersherum: Wie lange war es her, dass er sie zum ersten Mal »Carlo« genannt hatte?

»Carlo ist ein Männername«, hatte sie protestiert. Er hatte gelacht, ein gemütliches Lachen, in dem sie sich aufgehoben fühlte. Dann hatte er gemeint, dass sie halt neben allem anderen auch sein bester Kumpel sei. Sie hatte genickt und nicht länger protestiert, wenn er sie »Carlo« rief. Sie hatte sich eingeredet, dass es im Grunde ein Kompliment war, etwas Schönes, etwas, das ihre Ehe zusätzlich von jenen Ehen unterschied, in denen das Miteinander die Intensität von Zähneputzen hatte. Man tat's, weil man es tun musste und es so gewohnt war, aber halt ohne jede Begeisterung. Bei ihr und Gerd war das anders gewesen, mal piano und mal fortissimo, sie hatten aus dem Vollen geschöpft, und zu allem, was sie taten, stiftete die Musik die passende Begleitung oder ging selbst in Führung und zog sie mit, zwei treue Vasallen; wenn man ihren Sohn dazurechnete, waren es sogar drei. Oliver war von klein auf infiziert, auch das ein weiteres Geschenk. Was gab es Herrlicheres für Eltern, die sich liebten, als ein Kind, das derselben Passion huldigte?

Das Wort Passion versetzte Carlotta, wenngleich es nur gedacht war, einen Stich. Passion bedeutet Leidenschaft, und obwohl sie sich dagegen sträubte, tauchte ein Mädchengesicht vor ihrem inneren Auge auf, das sich vorzustellen sie sich verboten hatte. Es war stärker als sie, dabei war die Besitzerin dieses Gesichts eher schmächtig anzusehen. Braune Augen, die unglaublich verloren dreinschauen konnten, die Haut ähnlich blass wie ihre eigene, auch in der Statur ähnelten sie beide einander, konnten sogar die Kleider tauschen, wenn sie wollten.

Einmal hatten sie das getan. Carlotta hatte den Vorschlag gemacht, Auslöser war die Hausmusik bei den Freelings, an der gelegentlich auch Gäste aktiv teilnahmen. Nichts Spektakuläres, sie luden nie mehr als ein Dutzend Leute ein, trotzdem war jedes dieser kleinen Feste etwas Besonderes, ein Kleinod, das Ganze liebevoll ausstaffiert mit Blumengestecken, phantasievollen Dekorationen und einer handgeschriebenen Karte für jeden Gast, die auf den ersten Blick an eine Menükarte erinnerte. Doch bei den Freelings war sie mehr als das: Die aufgeführten Speisen aus der eigenen Küche ordneten sich dem unter, was als Ohrenschmaus dargeboten wurde. Hätten Sie nicht Lust, zu unserem nächsten Hauskonzert zu kommen, Jennifer?

Ich fürchte, ich habe nichts Passendes zum Anziehen, Frau Freeling. Nur Jeans und so.

Ich könnte Ihnen etwas leihen.

Das hatte Carlotta getan. Ihr schlichtes schwarzes Kleid, knieumspielt, oben Samt, hatte Jennifer noch mädchenhafter wirken lassen. Fast wie ein Kind, das in ein Kleid seiner Mutter schlüpft, dabei saß das Kleid wie angegossen. Niemand, der das Mädchen an jenem Abend erlebte, hätte auch nur im Traum für möglich gehalten, was folgte.

»Wie wunder-, wunderschön«, hatte das Mädchen gesagt und sich wie jemand umgesehen, den es unversehens ins Schlaraffenland verschlagen hat. Staunen in den Augen, beinahe Ehrfurcht, unglaublich vorsichtig hatte Jennifer mit dem feinen Porzellan hantiert, das noch von Carlottas Urgroßeltern stammte und eingebuddelt im Garten zwei Kriege und die damit einhergehenden Plünderungen überlebt hatte. Gesprochen hatte das Mädchen wenig, erst als Carlotta es ermunterte, etwas aus der »Nachtwandlerin« von Bellini vorzutragen, war Farbe und Leben in die zarten Züge gekommen.

Jener Abend war Vincenzo Bellini gewidmet, in dessen Kunst die menschliche Stimme das Entscheidende ist. Vorab hatte Carlotta eine Einführung zu »La sonnambula« gegeben, von der bezaubernd naiven Handlung und der reizvollen Atmosphäre eines Schweizer Dorfes erzählt. Dieses Mädchen entsprach dem Bild, das Carlotta vor den Augen der übrigen Gäste entstehen ließ, auch besaß es eine sehr angenehme, einfühlsame Stimme. Der Abend war ein Erfolg gewesen, man verabschiedete sich erst kurz vor Mitternacht; es war Carlotta gewesen, die Gerd bat, den jüngsten Gast heimzufahren. Wobei »heim« in diesem Fall hieß, zurück ins Studentenwohnheim, auch das war ein Umstand, der Carlottas Einladung beeinflusst hatte. Das Mädchen kam aus Thüringen, hatte noch immer keinen rechten Anschluss in der Domstadt gefunden, so schien es Carlotta zumindest. Sie hatte spontan Mitleid mit der Neunzehnjährigen empfunden, die an der Musikakademie unter ihrer Anleitung das neue Musical einstudierte. Derlei war gerade bei den Erstsemestern sehr beliebt, und Jennifer hatte zu ihren eifrigsten Studentinnen gezählt.

»Und? Wie findest du sie?«, hatte sie Gerd gefragt, als er zurückkam.

»Wen?«

»Natürlich Jennifer, oder hast du sonst noch jemand heimgebracht?«

»Sie ist noch sehr kindlich. Mit der Rolle einer Belcanto-Heroine war sie wohl etwas überfordert, das ist etwas für Sängerinnen vom Format einer Joan Sutherland oder Maria Callas. Das Kleid war ihr übrigens auch zu groß.«

»Es ist von mir, ich habe es ihr geliehen, wir haben dieselbe Größe.«

»Trotzdem«, hatte Gerd beharrt, dann hatte er das Tablett mit den schon gespülten und polierten Gläsern genommen und war damit hinausgegangen. Nebenan hatte sie es leise klirren gehört, wenig später waren sie zu Bett gegangen. Man war nie wieder auf das Thema zu sprechen gekommen. Ausgerechnet jetzt beschäftigte Carlotta dieses winzige Wort »trotzdem«, erschien ihr seltsam, wie ein erster Vorbote nahenden Unheils. Nun, wo es zu spät war. Wieso hatte Gerd gefunden, dass ein Kleid, das haargenau passte, an Jennifer zu groß aussah? Meinte er mit »zu groß« vielleicht »zu alt«? Hatte er bereits an jenem Abend insgeheim Vergleiche gezogen, sich abwechselnd seine eigene Frau und diese Kindfrau in dem Kleid vorgestellt?

Es liegt an der Haut, sagte Carlotta sich und trat zu dem Spiegel, dessen Umrandung einer Monstranz ähnelte und der alt wie die meisten Dinge in diesem Haus war. Sie und Gerd liebten alte Dinge, die eine Geschichte erzählten. Alte Häuser wie dieses, längst verstorbene Klassiker wie Mozart oder Schubert oder die Brüder Bach, denen Gerd sich verschrieben hatte, die auch Thema seiner Dissertation waren. So weit hatte sie es nie gebracht, allerdings hatte ihr auch nie etwas an einem Titel gelegen. Es genügte ihr, in der vielfältigen Landschaft der Musik eine Nische gefunden zu haben, in der sie sich bestens auskannte und wo sie daheim war. Das war die Historie der Musik. Seit jeher faszinierte sie alles, was Wurzeln besaß und sie weiterführte, immer weiter, nicht ziellos hin und her schwankend, sondern auf ein Ziel zu, in dem Altes und Neues harmonierten. Das, nur das gab dem Leben einen tieferen Sinn. Den nötigen Halt.

Wirklich? Sie löste ihre Hand vom Griff der Terrassentür, die sie wie jeden Morgen, wenn sie das Schlafzimmer verließ, zum Lüften auf Kippstellung gebracht hatte. Das hinderte den Kater von nebenan daran, auf leisen Pfoten zurückzukehren und die Beute seines grausamen Spiels womöglich in ihrem Bett abzulegen. Einmal war genau das passiert, sie hatte einen markerschütternden Schrei ausgestoßen, und Gerd war angerannt gekommen, noch mit dem Rasierschaum im Gesicht.

Beruhige dich, Carlo! Es ist nur ein Spatz!

Aber er lebt noch. Er quält sich. Ich könnte Prinz umbringen.

Der Kater ist auch nur ein Tier. Ich denke, du liebst Tiere? Es ist nur normal, dass ein Kater fängt, was er bekommen kann.

Es ist nicht normal.

Sie hatte argumentiert und dabei auf das zuckende, seiner Federn beraubte Vögelchen zwischen den Laken gesehen. Man muss etwas tun, hatte sie gedacht. Und dann: Warum tut Gerd nichts? Warum versteht er nicht, was ich meine? Schließlich war sie es gewesen, die das Tier aufnahm und erlöste, hinterher hatte sie nicht mal ihren Kaffee hinunterbekommen. Nun, in der Rückschau auf jene bereits etliche Monate zurückliegende Szene überlegte sie, ob auch sie bereits zu jenen versteckten Hinweisen gehört hatte, die es notwendigerweise gab, geben musste, sobald ein Mensch etwas tat, das allem zuwiderlief, was sein bisheriges Leben ausgemacht hatte.

Es ist nur normal, hatte Gerd in Hinblick auf den Kater gemeint, der nie tötete, sondern immer nur quälte. Fand Gerd vielleicht auch normal, was er selbst tat? War etwas normal, nur weil Artgenossen Ähnliches taten? War es als normal anzusehen, wenn man einen Menschen wie ein Möbelstück durch ein anderes ersetzte? Eins, das neuer war. Reizvoller. Jung, so unglaublich jung. So jung wie das Mädchen oder Carlottas eigener Sohn. Blutjung, noch halbe Kinder.

Carlotta sah auf ihre Hände. Sie zitterten. Händen, so hieß es, sieht man das Alter am ehesten an. Ihre Hände waren, gemessen an ihrer eher zierlichen Statur, kräftig, ohne jeden Schnickschnack, die Nägel kurz gefeilt, das gebot schon die Gartenarbeit. Hinterher wurde kräftig geschrubbt, dann kam Handcreme drauf, fertig. Eine Ader trat hervor, bläulich schimmernd in der leicht gebräunten Haut. Ein Vorbote des Alters? Was war so schlimm am Altern? Jeder tat es, es gehörte untrennbar zu dem Leben, mit dem sie sich eins gefühlt hatte. Niemals hatte sie die Spuren der Jahre als etwas angesehen, dessen man sich schämen musste. Sie strich über einen winzigen braunen Fleck oberhalb des Handballens und versuchte, sich darauf zu besinnen, ob dieser Fleck schon länger da war. Als ob das eine Rolle spielte. Ihre Gedanken sprangen weiter, landeten unausweichlich wieder bei dem Mann, der mit ihr zusammen älter geworden war. Fast ein Vierteljahrhundert hatten sie miteinander geteilt. Gute Jahre. Reiche Jahre. Es spielte keine Rolle, ob sie Altersflecken bekamen, es gab so viel Wichtigeres. Bis jetzt, fügte sie hinzu und kniff in das hellbraune Gebilde, bis es sich rot färbte, nun deutlich hervorstach. Unsinnig. Andererseits: Was war schon sinnvoll?

Manche behaupteten, Gerd mache sich nur lächerlich, wenn er sich mit einer Frau einließ, die jünger als sein eigener Sohn war. Bestimmt dachten die meisten ihrer alten Freunde und Bekannten und auch die Kollegen so. Oder taten sie nur so?

Vielleicht tun sie ja auch nur so, dachte Carlotta, während sie näher an den Spiegel rückte und bewusst die Morgensonne jedes Fältchen, jede Pore ausleuchten ließ. Ja, man sah ihr die Zeit an, die sie gelebt hatte. Fast fünfzig Jahre Leben, die sich in diesem Gesicht spiegelten. Ein schönes Leben, beneidenswert schön, hatte sie immer geglaubt und Gott und ihren Eltern dafür gedankt und versucht, wenigstens im Kleinen etwas von dem Glück, das sie geschenkt bekam, weiterzugeben. Deshalb half sie in ihrer freien Zeit in der Gemeinde, übernahm für wohltätige Zwecke Schirmherrschaften, die zuvor ihre Mutter innegehabt hatte, und förderte, als Oliver sein eigenes Leben zu führen begann, fremde junge Menschen. Deshalb hatte sie Jennifer eingeladen und ihr das Kleid geliehen.

Carlotta hatte das Kleid nicht zurückbekommen. Nicht Tage später; nicht Wochen. Sie hatte sich gewundert, jedoch nichts gesagt. Es war ja nur ein Kleid. Kurz vor dem ersten Advent hatte sie das Kleid zwischen Gerds Noten entdeckt. Er war nicht da gewesen, und sie hatte dringend die Noten für die Weihnachtsfeier in der Gemeinde gebraucht. Seine Noten waren Gerd heilig. Es war ein Zufall gewesen, der sie auf das Kleid stoßen ließ. Sie hatte es in der Hand gehalten, daran geschnuppert, den fremden Duft des Mädchens zusammen mit dem vertrauten Geruch von Gerd eingeatmet, gedacht: Vielleicht ist es ja nur Einbildung, vielleicht bilde ich mir das ja alles nur ein. Sie hatte am ganzen Körper gezittert, eine Vase war ihr hingefallen, später war ihr eine Tasse aus der Hand geglitten, einfach so. Es war der Tag, an dem ihr Glück zu stocken begann. Seitdem stockte auch ihr Leben. Warf Unrat aus, düstere Gedanken, die alles andere zuzuwuchern drohten wie das Unkraut draußen im Garten.

Carlotta gab sich einen Ruck, zwang ihre Gedanken zu dem Garten, den sie liebte, der ihr geblieben war und nach ihr verlangte. Ihren Pflanzen war es gleichgültig, ob sie jung oder alt, hübsch oder hässlich, Teil eines Paars oder aber allein war.

***

Uwe Johnson hatte einmal über New York geschrieben: »Ich begriff in der ersten Woche gar nichts, in der zweiten Woche fast alles und war am Ende der dritten Woche sicher, die ganze Sache Amerika, jedenfalls Nordamerika, in der Tasche zu haben.« Dieses Statement kam Gerd Freeling in den Sinn, als er wie an fast jedem Vormittag in den letzten Monaten an einem kleinen Tischchen an der Fensterfront des »Moondance Diners« saß und auf Jennifer wartete. Es machte ihm nichts aus, auf sie zu warten, obwohl er nicht daran gewöhnt war, auf etwas zu warten. Es gehörte zu ihr, sie war einfach nicht berechenbar, gehorchte keiner Zeiteinteilung und nicht mal dem Arzt, zu dem sie nun alle zwei Wochen ging. »Der Opi übertreibt«, pflegte sie lachend zu sagen. Wenn sie lachte, ging die Sonne auf. Eine schrecklich kitschige Metapher. Wer Gerd vor nicht mal einem Jahr gesagt hätte, dass er in Kürze sogar dem Kitsch etwas abgewinnen könnte, wäre von ihm zum Idioten erklärt worden. Nun ja, er hätte sich vielleicht höflicher ausgedrückt, doch letztlich wäre es darauf hinausgelaufen. Mittlerweile war auch das anders geworden, seine Hemmschwelle war deutlich gesunken, er genoss es förmlich, sich mitreißen zu lassen, zu schwelgen.

Er aß im Gehen seinen Cheeseburger und ließ sich das Ketchup auf offener Straße vom Finger schlecken. »We behave like pigs«, sagte er dann lachend.

Er tanzte Klammerblues auf einer Panzerglasplatte, unter der echte Haie durchs Wasser pflügten, und genoss Jennifers wollüstiges Schaudern in seinen Armen.

Er stieg mit ihr in einen der vielen Aufzüge des World Trade Center und fuhr mit ihr »in den Himmel hoch«, wie sie es nannte, hoch und wieder runter und wieder hoch, immer wieder. »Noch einmal, nur noch ein einziges Mal!« Sie konnte nicht genug davon bekommen, so hoch und so mächtig, das war Amerika, das war das Leben schlechthin.

Er tauchte ein in eine Kultur, die für ihn unausgesprochen stets der Inbegriff der Unkultur gewesen war. Amerika hatte ihn immer kalt gelassen, das galt auch für New York. Nichts zog ihn dorthin, seine Favoriten waren Wien oder Mailand gewesen.

»Ich hätte irre Lust, Weihnachten in New York zu sein.« So war es losgegangen, er hatte dem sehnsuchtsvollen Blick dieser Braunaugen einfach nicht widerstehen können. Zudem war es im Grunde gleichgültig, wo sie Weihnachten feierten, wenn es nur möglichst weit weg von der Stadt war, in der er fast drei Jahrzehnte gelebt hatte. Und so waren sie nach New York geflogen, hatten die Weihnachtsparade miterlebt und das Wunder, wie aus erwachsenen Menschen in null Komma nichts Kinder werden.

Während Gerd in seinem »Americano« rührte, den der Kellner mittlerweile ohne zu fragen brachte, sobald er hereinkam, überlegte er, ob es etwa dieses Phänomen der Verzauberung war, das alles andere überwog. Er war ein Verzauberter. Sogar diese Stadt erschloss sich ihm mit den Sinnen seiner Liebsten und offenbarte ihm Seiten, an denen er früher achtlos, ja sogar verächtlich vorbeigegangen wäre. Mit Jennifer wurde alles vom Disneyland bis zum Metropolitan Museum of Art zu einer persönlichen Episode, einer Geschichte, in der sie beide vorkamen. In der Hauptrolle. Plötzlich fiel ihm das, was er sich immer gewünscht hatte, mühelos in den Schoß. Er beherrschte den Fluss der Ereignisse und sogar diese Stadt, ohne sich insgeheim zu sorgen oder an sich zu zweifeln. Es war ein Wunder. Magie. Ein Geschenk.

»Wer bin ich? Rate!« Zwei Hände, die sich von hinten vor seine Augen legten. Weich, wohlduftend, es war ihr Duft, nur ihrer, überlagert von keinem Duftwässerchen. Sie war allergisch gegen Parfüms, auch das ein Glück, sein Glück.

Er ließ sich auf das Spiel ein, ließ alle möglichen Leute Revue passieren, denen sie in den hinter ihnen liegenden Wochen begegnet waren. Zunächst beschränkte er sich auf Frauennamen, die sie mit einem mal mehr, mal weniger heftigen »No!« von sich wies.

»Kalt«, kicherte sie, »ganz, ganz kalt.«

Da wechselte er auf einen Männernamen über, es war zufälligerweise der Name ihres Docs.

»Bist du vielleicht F.A.O.?« Er benutzte das Kürzel, das sie selbst verwandte, um den ziemlich langen und unaussprechlichen Namen des Gynäkologen abzukürzen und gleichzeitig kundzutun, wie gering sie den Mediziner schätzte.

»Hey! Das ist ja wohl das Letzte! Du willst doch nicht etwa sagen, dass es irgendetwas gibt, was ich mit diesem Scheusal gemein habe? Etwa meine Hände? Hier, sieh dir meine Hände an und schwöre mir auf der Stelle, dass sie in nichts, aber auch gar nichts den Knubbelfingern von F.A.O. ähneln.« Jennifer war nun vor ihn getreten, streckte ihm ihre Hände hin, kümmerte sich den Teufel um die anderen Gäste, es fehlte nur noch, dass sie aufstampfte.

»Du hast die schönsten Hände von ganz New York.«

»Das reicht nicht.«

»Von Amerika?«

»Schon besser.«

»Vielleicht sogar von der ganzen Welt. Allerdings ...«, er legte ein Pause ein, um die Spannung dieser winzigen Inszenierung noch ein wenig länger zu halten, »... wären sie noch perfekter, wenn du etwas mehr essen würdest.«

»Papperlapapp! Oder willst du, dass ich eine fette alte Kuh werde?«

»Alt vor allem. Mit deinen bald zwanzig Jahren bist du wirklich uralt. Hast du dir inzwischen überlegt, wo du deinen Geburtstag feiern möchtest?«

»Hier.« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

»Das geht nicht, du weißt es genau.«

»Es geht alles, wenn man nur will. Und ich liebe diese Stadt, für mich ist es der Ort unserer Liebe, verstehst du das nicht?«

»In diesem Fall hat das da Vorrang.« Er tippte gegen das Bäuchlein, dessen Wölbung man nur sah, wenn man genau hinschaute. Jennifer war nun in der dreißigsten Woche, trotzdem hatte sie erst knapp fünf Kilo zugenommen, was viel zu wenig war. Deshalb hatte ihr Doc ihnen bereits vor Wochen nahe gelegt, so rasch wie möglich heimzukehren und Ruhe in Jennifers Leben zu bringen.

»Aber ich will nicht.«

»Wir könnten dir ein Geburtstagsgeschenk von hier mitnehmen, ich habe da auch schon eine Idee.«

»Sag's!«

»Nicht, bevor du ordentlich gefrühstückt hast.« Er gab dem Kellner, der schon Bescheid wusste, einen Wink, wenig später standen scrambled eggs und coffee cakes und ein großes Glas Milchkaffee, die Schaumhaube dick mit Zimt bestäubt, vor Jennifer. Sofort griff sie nach einem der süßen Küchlein, doch er umschloss ihr Handgelenk mit sanftem Druck und zog es zurück.

»Iss erst was Richtiges, bitte!«

»Aber ich hab gar keinen Hunger.«

»Nimm wenigstens ein paar Gabeln von dem Rührei, es sieht wirklich gut aus, sehr schön locker, das rutscht ganz von allein runter.« Und schon füllte er die Gabel und führte sie zu ihrem Mund, der noch schmollte, auch das gehörte zum Spiel. Dann öffnete sie brav die Lippen, ihre nicht besonders großen, doch sehr gleichmäßigen Zähne blitzten, beim Kauen verdrehte sie die Augen. Jeder Bissen, den sie zu sich nahm, war ein Triumph für ihn. Und ein Beweis seiner Liebe. Bei einem anderen hätte er das, was er tat, gewiss für lächerlich gehalten, doch bezogen auf sich selbst und Jennifer wurde sein Tun zum Liebesbeweis. Nie zuvor hatte er einen anderen Menschen mit solcher Leidenschaft geliebt. Niemals hatte er gespürt, was es heißt, wirklich gebraucht zu werden. Jennifer brauchte ihn. All ihre Keckheit vermochte ihn nicht darüber hinwegzutäuschen, wie verletzlich sie war. Und wie leidenschaftlich. Beim bloßen Gedanken daran begann seine Hand zu zittern, der letzte Rest Eimasse fiel zurück auf den Teller.

***

Das Blatt des Spatens, den Carlotta benutzte, war aus Edelstahl. Sie wusste, dass es nichts brachte, am Gartengerät zu sparen, und bei diesem Material gab es nun mal praktisch keinen Verschleiß. Sie hatte den Spaten schon voriges Jahr gekauft, trotzdem hatte sie weiter ihrer alten Schlaghacke die Treue gehalten, bis neulich der morsche Holzgriff abbrach. Die altertümliche Hacke hatte sie zusammen mit Harke, Rechen, Laubbesen, Gießkanne, Schubkarre, Eimern, Schlauch und Gartenschere von ihrer Mutter übernommen.

Während Carlotta den Boden flach aufraute, um den im Erdreich wurzelnden Pflanzen möglichst viel Feuchtigkeit zu belassen, rechnete sie zurück, wie lange es nun schon her war, dass sie in diesem Garten allein Regie führte. Oliver hatte kurz vor der Einschulung gestanden, er war gerade sechs geworden, heute war er zwanzig, zwanzig minus sechs, vierzehn Jahre also, die sie mit ihrer eigenen Familie in ihrem Elternhaus wohnte. Das Haus gehörte seitdem ihr und Gerd, der Kaufpreis hatte weit unter dem Marktwert gelegen, mittlerweile waren die Häuser in diesem Viertel fast unerschwinglich. Sie hatten Glück gehabt. Immer, wenn es drauf ankam, dachte Carlotta, haben wir Glück gehabt. Bis jetzt.

Sie stieß fester zu, blieb hängen, konzentrierte sich erneut auf ihre Arbeit. Als sie an den Übergang zu dem gut einen Meter höher gelegenen Steingarten kam, tauschte sie den Spaten gegen die Grabgabel aus, mit deren Hilfe sich die Wurzeln von Quecken, Ackerwinden und Disteln leichter im Ganzen entfernen ließen. Es gab auch wieder jede Menge Giersch, doch sie ließ ihn stehen, weil er so hübsch anzuschauen war und sie erst neulich gelesen hatte, dass er immer seltener wurde. Zudem wollte sie den Raupen und Schmetterlingen und all dem anderen nützlichen Getier nicht die Futterquelle entziehen.

Wohin sie auch blickte, überall lebte es. Die Mauer aus unverfugten, kunstvoll ineinander geschichteten Granitfindlingen unterschiedlichster Größe, die das erhöht liegende Steingärtchen wie eine Festung umschloss, war längst zu einem Mini-Biotop für Wildbienen, Grabwespen, Eidechsen und Erdkröten geworden. Manchmal fanden sich sogar Mauswiesel ein. Fasziniert beobachtete sie einen Marienkäfer, der einen im Weg liegenden Stein in Angriff nahm, abglitt, einen zweiten und dritten Versuch wagte, auf den Rücken fiel, zappelte und sich drehte, bis er wieder krabbeln konnte. Diesmal war er klüger und umrundete den Stein, um weiterzukommen und im Lauf des Tages seine zwanzig bis dreißig Blattläuse zu verzehren, was es wiederum ihr ersparte, mit Chemie gegen die Läuse vorzugehen, die sonst ihre Rosen befallen würden. In ihrem Garten gab es noch ein natürliches Gleichgewicht. Wenigstens hier. Wenigstens das blieb. Gerd hatte betont, dass sie, wenn es nach ihm ging, immer hier wohnen bliebe. Es ist dein Elternhaus. Du gehörst hierher. Du und Oliver. Ich werde schon etwas Passendes finden.

Wo war das? Sie wusste nicht mal, wo er jetzt war. Nicht in dieser Stadt, so viel stand fest, das hatte er ausdrücklich betont. Um sie zu schonen, den Klatsch klein zu halten, den Schaden zu begrenzen. Schadensbegrenzung, ein schreckliches Wort, kalt und herzlos. Der Klatsch war trotzdem nicht kleinzukriegen, war hartnäckig wie das Unkraut, wenn man es nicht mitsamt Wurzeln erwischte. Obwohl sie wusste, dass es besser war, das ausgehackte Unkraut liegen zu lassen, damit es austrocknete und beim Verrotten dem Boden wieder als Humus zugeführt wurde, sammelte sie es auf. Weil sie sich einbildete, damit zugleich dem Gerede Einhalt gebieten zu können, das leise anhob, wohin sie auch kam. Nur ein paar gute Freunde gaben offen zu verstehen, dass sie Bescheid wussten.

Nimm es nicht so schwer, Carlotta! Hauptsache, du hast dein sicheres Auskommen und behältst das Haus, alles Weitere wird sich finden. Eine Frau wie du ... er wird es bereuen ...

Aber sie nahm es schwer. Sie konnte nicht anders. Gerd gehörte zu ihrem Leben, zu dem Auf und Ab, zu den vielen kleinen Ritualen, welche ihren Alltag durchzogen wie jene feinen Kapillare, durch die das Bodenwasser aufsteigen und verdunsten und der Regen einsickern kann. Wunderbar einfach und doch ein Kunstwerk. Sie zerbröselte ein paar Erdkrumen zwischen den Händen, bevor sie aufstand, die benutzten Geräte abspülte und sie zurück zum Gartenhaus trug. Sie musste zweimal gehen, ein Blick in den Himmel zeigte ihr, dass bald Mittag war. Samstagmittag, ein Tag, an dem die Stunden ohnehin gemächlicher verstrichen, was vielleicht gerade der Grund dafür sein mochte, dass man sich nach einer Extraration Schlaf sehnte.

Manchmal waren sie eingeschlafen. Sie und Gerd. Auf dem Sofa sitzend, die Zeitung oder ein Buch in Händen, oder auf der Terrasse, nie im Bett. Wenn sie aufwachten und einander wie ertappte Sünder ansahen, hatten sie verlegen gelacht. Wir haben dem lieben Gott wieder mal mindestens eine halbe Stunde gestohlen! Wie oft hatte sie das zu Gerd gesagt, und er hatte die Stirn scheinbar besorgt gekraust und bedenklich genickt, bevor er schmunzelnd meinte: Aber vielleicht hat er da oben ja auch gerade ein Nickerchen gehalten und es gar nicht gemerkt, hm? Dann hatten sie zusammen gelacht, übermütig wie zwei kleine Kinder, und wenn dann Oliver dazutrat und wissen wollte, was nur um alles in der Welt los war, hatten sie geheimnisvoll getan und ihm nichts verraten.

Ob Gerd dem lieben Gott noch immer ab und zu eine halbe Stunde stahl?

***

Auf der Luxusmeile der Stadt war an gemächliches Flanieren erst gar nicht zu denken, wer schlenderte, wurde unweigerlich geschoben und gedrängt und musste dem Rhythmus der vergoldeten Ladenschilder folgen: Dunhill, Cartier, Rolex, Gucci und schließlich Tiffany, dazwischen Straßenverkäufer, die mit Orangensaft und angebrannt riechenden »Pretzels« ihr Leben verdienten, sowie »Bagladies«, die ihre ganze Habe in Tüten mit sich herumschleppten. Während. Bettler um ein paar Cents baten und Taschendiebe Touristen erleichterten, wechselten hinter geschlossenen Ladentüren Tausende von Dollars, manchmal Millionen den Besitzer. Auf der Grenze von hier nach dort Türsteher, die darüber entschieden, wer eintreten durfte.

»Mein Gott, der sieht ja zum Fürchten aus. Wie King Kong in Uniform.« Jennifer zeigte auf einen Felsblock von Mann in Livree, riesig und breitschultrig, nur die Augen unter der gelackten Schirmkappe bewegten sich.

»Er sieht und weiß alles. Zum Beispiel, dass die Lady dort nicht wirklich reich ist.«

»Du meinst die mit dem Pastellnerz und den vielen Klunkern? Aber die muss einfach reich sein, stinkreich, sieh dir nur das silbergraue Schiff mit den dunklen Scheiben an, aus dem sie gerade steigt, sogar ihr Chauffeur ist dunkel.«

»Nur für ein paar hundert Dollar gemietet.«

»Und woher willst du das wissen?«

»Man sieht es an dem Z in der Autonummer.«

»Du kennst dich wirklich aus, wie?«

»Ja«, erwiderte Gerd und wusste nicht, ob er seinem Vater ausnahmsweise dankbar sein sollte. Bei den Freelings sog man das Taxieren eines Menschen auf seinen Marktwert hin praktisch mit der Muttermilch ein. Kein hübscher Gedanke, befand Gerd, umfasste mit einer Hand Jennifers Ellbogen und dirigierte sie nun ebenfalls auf jenes Juweliergeschäft zu, das Anfang der Sechziger dank der Verfilmung von Truman Capotes »Frühstück bei Tiffany« mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle zu Weltruhm gelangt war.

Mit leiser Genugtuung registrierte er, dass die Dame im Pelz vor ihnen getreu seiner Einschätzung höflich von der Treppe wegdirigiert wurde. Das Personal verständigte sich per Augenkontakt; eine gläserne Schutzwand, welche die wirklich Reichen und Mächtigen abschirmte, wenn sie im Obergeschoss ein paar hunderttausend Dollar für eine Standuhr oder ein antikes Armband hinlegten.

»Und was sollen wir hier?«, wisperte Jennifer. »Offen gestanden habe ich's mir kleiner vorgestellt, intimer, das ist ja so riesig wie ein Kaufhaus. Verkaufen die hier wirklich Kugelschreiber?« Sie zeigte auf eine Glasvitrine.

»Ja, ab fünfzig Dollar aufwärts.«

»Aber ich glaube nicht, dass ich einen Kuli zum Geburtstag haben möchte. Auch nicht, wenn Tiffany draufsteht.«

»Es gibt noch andere Sachen.« Gerd winkte den Verkäufer heran, der höflich im Abstand von mindestens fünf Metern stehen geblieben war und sich erneut in Bewegung setzte, sobald sie weitergingen.

»We are looking for something nice.« Gerd zeigte auf Jennifer und verspürte einen Anflug von Herzklopfen, als das fremde Augenpaar sekundenschnell über ihn glitt. Sein Sakko war neu, von Armani, die Schuhe besaß er schon länger, Maßarbeit.

»An Schuhen sollte man nie sparen«, glaubte er Carlotta sagen zu hören. Es hatte ihn immer wieder überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit sie ein kleines Vermögen für ein paar Schuhe ausgab, obwohl sie ansonsten völlig uneitel war. Noch erstaunlicher war, dass die Verkäufer bei ihrem Anblick automatisch zu den teuren Modellen griffen. Es musste an ihrem Auftreten liegen. Gerade als Gerd sich vorzustellen versuchte, wie man bei »Tiffany« auf Carlotta reagieren würde, wollte der Verkäufer vor ihm wissen, ob es sich um ein Schmuckstück für seine Gattin handele.

Gerd nickte und erntete einen Blick von Jennifer, der allein die Sache hier wert war. Im Lauf der letzten Monate hatte er mehr gelernt als in Jahrzehnten zuvor, bei einer Frau kam es vor allem darauf an, das richtige Bild zu erzeugen, mit Hauptmotiv und Hintergrund, und dieser hochkarätige Juwelierladen war nun mal mehr als ein Ort, wo man einen schönen Ring oder eine Kette kaufen konnte. Er wollte Jennifer ein Schmuckstück schenken, das ihr den Abschied von New York versüßte und sie tagtäglich an all dies erinnerte. Er war der Mann, der ihr die Welt geöffnet hatte. Und wenn es in den nächsten Monaten notgedrungen etwas ruhiger zuging, so würde ein Ring von Tiffany sie trösten.

»We would like to buy a ring«, sagte er laut und hoffte, dass der Verkäufer ihm die Peinlichkeit ersparte, ablehnend den Kopf schütteln zu müssen, weil etwas zu teuer oder zu billig war.

Der noch junge Mann enttäuschte ihn nicht. Keine halbe Stunde später verließen sie das Geschäft mit einer kleinen Tragetasche, auf der »Tiffany« stand. Jennifer trug sie so behutsam und stolz wie eine Mutter ihr Neugeborenes. »Er ist einfach schön, traumhaft schön«, sagte sie in einem fort, »und er ist von Tiffany, wenn ich das daheim erzähle, kriegen sie einen Schlag. Meine Mutter hat von meinem Stiefvater noch nie ein Schmuckstück bekommen, die stecken beide jeden Penny in ihr Business-Center, ich glaube, die waren außer an ihrem Hochzeitstag nicht mal draußen essen, kannst du dir das vorstellen?«

»Essen ist eine gute Idee. Wie wär's mit einer Kleinigkeit nebenan?«

»Was ist nebenan?«

»Die nächste Legende, allerdings eine jüngere. Achtundsechzig Stockwerke hoch, außen schwarz und innen golden, der Besitzer ist ein gewisser Trump.« Als ob sie nichts anderes gewohnt wären, wechselten sie in den benachbarten Trump Tower über. Ein sechzig Meter hoher Wasserfall vor einer lachsfarbenen Marmorwand empfing sie, dazu Bäume und goldene Schaukästen, goldene Rolltreppen, goldene Lifte, Glas und Spiegel, die aus dem Gold noch mehr Gold machten. Es gab Cafés mit Stehgeigern, Dachterrassen für den High Tea und von den Geschäften nur die erlesensten, darüber Apartments.

»Wow! Was glaubst du, was man hier für einen Laden oder eine Wohnung bezahlt?«

»Das kleinste Apartment kostet 800 000 Dollar, das teuerste um die 12 Millionen, ein Ladenlokal kannst du schon für eine Million per annum mieten.«

»Ist ja geschenkt!«

»Hm! Du wirst dich, fürchte ich, mit etwas weniger zufrieden geben müssen, wenn wir heimfahren.« Er überlegte, ob er weiterreden und mit seinem Vorschlag herausrücken sollte, doch er entschied sich dagegen. Er wollte ihren Überschwang nicht mit etwas trüben, was nur ein Provisorium sein konnte, aus der Not geboren. So albern es auch war, seine Barschaft neigte sich dem Ende zu, und er hatte noch immer keinen einzigen positiven Bescheid auf seine Bewerbungen erhalten.

***

Das Mauerwerk des Gartenhauses war schon lange nicht mehr zu erkennen; wo früher einmal weißer Putz war, behauptete sich nun eine grüne Wand aus Knöterich und Efeu, durchbrochen vom zarten Rosa und Violett üppig blühender Clematis. Würde Carlotta nicht immer wieder zur Gartenschere greifen, wäre auch die Tür des Häuschens längst zugewachsen. Wenn man aus dem prallen Sonnenlicht kam, mutete das Innere wie eine dämmrige Höhle an. Trotzdem knipste Carlotta so gut wie nie das Licht an, wenn sie dieses oder jenes Gartengerät holte oder, wie jetzt, zurückbrachte. Sie fand sich blind zurecht.

Der neue Spaten war größer als die ausrangierte Schlaghacke, deshalb hatte sie ihn ganz hinten in die Ecke gestellt. Doch er war umgekippt. Als sie ihn wieder aufheben wollte, berührten ihre Finger etwas Wolliges, leicht kratzig, sie nahm es in die Hand, der Spaten war vergessen. Auch ohne die Lederflicken am Ellbogen oder die altmodischen Hirschhornknöpfe zu sehen, war ihr sofort klar, worum es sich handelte.

Gerd hatte die Jacke längst ausrangieren wollen. Bei seiner Kleidung war er ähnlich eigen wie bei seiner Arbeit, doch Carlotta hatte es zu verhindern gewusst, dass die von ihrer Mutter gestrickte Jacke in der Altkleidersammlung verschwand. »Behalt sie für draußen«, hatte sie vorgeschlagen, »ich hänge sie ins Gartenhaus, und wenn es frisch wird, hast du immer rasch etwas Warmes zur Hand.«

Hatte er ihr überhaupt geantwortet?

Zumindest hat er nicht protestiert, dachte Carlotta und wischte sich nochmals beide Hände an ihren verschossenen Jeans ab, bevor sie über die Wolle mit dem Zopfmuster strich und sich zu erinnern versuchte, wann zuletzt Gerd die Jacke getragen hatte. Im letzten Oktober musste das gewesen sein, es war ein goldener Herbst gewesen. Sie hatte einfach nicht bemerkt, wie es immer dunkler um sie wurde, und weitergearbeitet. Die Teichpumpe war verstopft gewesen, sie hatte zuerst die Algen aus dem Wasser gefischt und gerade begonnen, das Sieb zu säubern, als Gerd nach ihr rief.

Carlotta, wo steckst du? Bist du noch im Garten?

Hatte er sie wirklich »Carlotta« gerufen? Sie drehte an den Knöpfen der Jacke, als ob diese die Antwort wissen, sie preisgeben müssten. Gerd hatte sich an jenem Spätnachmittag zu ihr gesellt, so viel stand fest, er hatte nicht einmal vorwurfsvoll geklungen, obwohl sie in ihrem Eifer völlig vergessen hatte, dass es Zeit zum Umziehen und für die letzten Vorbereitungen wurde. Abends wurden wie an jedem letzten Freitag im Monat Gäste zum Hauskonzert erwartet, es war das erste Konzert nach jenem Abend gewesen, den sie Vincenzo Bellini mit Jennifer in der Rolle der Nachtwandlerin gewidmet hatten.

Gerd war neben sie getreten, Carlotta hatte leicht schuldbewusst zu ihm aufgesehen, die tropfende Pumpe hochgehalten, er war einen Schritt zurückgetreten, wohl aus Sorge um seine gute Hose. Er war bereits umgezogen, hatte nach Bügelstärke und Sauberkeit und einem neuen Rasierwasser, das sie noch nicht kannte, gerochen.

»Ich bin gleich fertig«, hatte sie gesagt und überlegt, ob das alte Rasierwasser, das sie ihm seit Jahren zum Vatertag und zu Nikolaus schenkte, bereits aufgebraucht war. Gewöhnlich kam er bequem ein halbes Jahr mit einem Flakon aus.

»Gut«, hatte er erwidert und die Hände in die Hosentaschen gesteckt, was er sonst vermied, um den Stoff nicht auszubeulen. Er fröstelte in seinem dünnen Seidenhemd, trotzdem machte er nicht kehrt, sondern blieb stehen, als ob er noch mehr sagen wollte. Doch er sagte nichts. Dennoch hörte sich dieses »Gut!« in ihren Ohren eigentümlich an. Nicht zynisch, nur seltsam angestrengt, ähnlich wie die Anrede »Carlotta«. Während sie weiter mit der Pumpe hantierte, besann sie sich auf die alte Jacke. Gerd ging auf ihren Vorschlag ein, holte die Jacke aus dem Gartenhaus, zog sie über und harrte aus, bis sie ihre Arbeit beendet hatte. Bei der gemeinsamen Rückkehr ins Haus kollidierte er beinahe mit der großen Glasschiebetür, so hektisch war er. Sie hatte ihn beschwichtigt. »Keine Bange«, hatte sie gesagt, »ich werde schon noch rechtzeitig fertig, bevor die ersten Gäste aufkreuzen. Du weißt doch, ich brauche nie lange.«

Als Erste hatten die Remagens geklingelt, sie hatten den kürzesten Weg, weil sie gleich nebenan wohnten. Carlotta wäre nie auf die Idee gekommen, dieses Paar einzuladen, das war allein Gerds Idee gewesen. »Sei nicht so dünkelhaft«, hatte er gemeint, »es ist nichts Ehrenrühriges dabei, wenn man mit Würsten sein Vermögen macht.« Carlotta hatte nachgegeben, zumal sie ihre Aversion – die nichts mit den Wurstwaren der Firma Remagen zu tun hatte – nicht genauer begründen konnte. So kam es, dass Willy Remagen und seine mindestens zehn Jahre jüngere Ehefrau – bereits die dritte, wie es hieß – zweimal in Folge zur Hausmusik gebeten wurden. Der Wurstfabrikant hatte noch vor dem Begrüßungsschluck nach der »niedlichen kleinen Nachtigall von neulich« gefragt. Mit dem Sektglas, das Gerd ihm soeben gefüllt hatte, in der Hand, zum Anstoßen mit dem Gastgeber und Nachbarn bereit; doch dieser war ihm die Antwort schuldig geblieben.

»Moment bitte«, hatte Gerd erwidert und mit der Sektflasche und seinem eigenen Glas in Händen die Haustür angesteuert, dabei hatte es gar nicht geklingelt. Offenbar, sinnierte Carlotta, hatte er nicht mit der Hartnäckigkeit eines Willy Remagen gerechnet, die Frage nach Jennifer war wiederholt worden. Gerd war erneut ausgewichen: »Falls Sie die Studentin meiner Frau meinen, fragen Sie Carlotta besser selbst.«

Carlotta versuchte, sich auf ihre Antwort zu besinnen. Hatte sie etwas von ihrer Enttäuschung durchklingen lassen? Natürlich war sie enttäuscht darüber gewesen, dass Jennifer ihr plötzlich auswich und sogar ihre Rolle in »Oklahoma« sausen ließ und nicht mal das geliehene Kleid zurückgab. Sie hatte sich zu jenem Zeitpunkt keinen Reim darauf machen können, ihre Erwiderung musste entsprechend kühl ausgefallen sein, etwas in der Art,. dass sie in ihrem kleinen Kreis Gleichgesinnte bevorzugten. Ja, so ähnlich hatte sie sich ausgedrückt, und jemand, der wie Gerd ein Ohr für Zwischentöne besaß, mochte eine zweite versteckte Spitze gegen den Wurstfabrikanten herausgehört haben.

Nach jenem kurzen Wortwechsel war Gerd auffällig wortkarg geblieben, und obwohl niemand patzte und die Sonatinen aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu seinen Lieblingsstücken für Geige und Violoncello gehörten, schien er an jenem Abend nicht mit dem Herzen dabei zu sein. Und als die Gäste gegangen waren und Carlotta zwei der kostbaren Kristallgläser, die sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten und die man nicht mehr nachkaufen konnte, aus dem Schrank nahm, um wie gewohnt vor dem gemeinsamen Aufräumen noch einmal mit ihm allein anzustoßen und den Verlauf des Abends kurz Revue passieren zu lassen, hatte er schroff abgelehnt.

»Mir ist jetzt nicht nach Trinken.«

»Es geht ja nicht ums Trinken. Falls du sauer bist, weil ich unseren Nachbarn habe abblitzen lassen ... also ich mag seine Art nun mal nicht, außerdem passt er wirklich nicht in unseren Kreis, und von Musik hat er erst recht keine Ahnung.«

»Das Leben besteht nicht nur aus Musik.«

»Natürlich tut es das nicht, das habe ich auch nie behauptet. Aber wenn man zu einem Musikabend mit Ravel kommt, gehört es sich einfach nicht, in einem fort von Bellini zu schwärmen und Witze über das Kleid unserer Cellistin zu reißen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er Vincenzo Bellini wirklich mag, offenbar ist das einzige Stück, das er kennt, die ›Nachtwandlerin‹. Und du hast selbst gesagt, dass Jennifer mit dieser Rolle überfordert war.«

»Es geht nicht um eine Rolle.«

»Sondern? Worum geht es dann? Was ist heute mit dir los?«

»Mit mir ist nichts los.«

Gerds Betonung war eigentümlich gewesen, hatte sie ausgegrenzt. Noch im Bett liegend hatte sie sich gefragt, ob sie etwa wirklich zu voreingenommen gegen Leute wie Willy Remagen war. Vielleicht konnte er ja nichts für seine Art und den verkorksten Kater und den Dackel, der ähnlich hoch und hysterisch kläffte, wie seine Frau sprach. Eine ausgesprochen unangenehme Stimme. Mitunter, wenn Carlotta am Grundstück der Nachbarn vorbeiging, konnte sie trotz der Entfernung zum Haus diese Frauenstimme, die einem in den Ohren wehtat, hören. Ob Gerd den Mann insgeheim bedauerte?

Als Gerd aus dem Bad kam und in das gemeinsame Bett schlüpfte, hatte Carlotta sich entschuldigt. »Tut mir Leid.« Darauf Gerd: »Du kannst nichts dafür.« Dann knipste er die Nachttischlampe aus und nahm sie in den Arm. Es wurde mehr daraus, sie umarmten sich, leidenschaftlicher als in den Monaten zuvor, und sie schlief mit dem Gefühl ein, alles wäre nun wieder gut. Nichts war gut. Carlotta wachte auf, registrierte die leere Betthälfte neben sich, tappte auf nackten Füßen ins Erdgeschoss. Leises Murmeln hinter der Tür seines Arbeitszimmers, als sie die Tür öffnete, das vertraute Klicken, wenn die Amtsleitung unterbrochen wird.

»Ist etwas mit Oliver?«

»Was soll mit Oliver sein?«

»Ich dachte, er hätte angerufen.« Carlotta erinnerte sich, auf das Telefon gezeigt zu haben, das Gerd gegen seine Brust gepresst hielt. Er folgte ihrem Blick, nickte.

»Und was sagt er?«

»Er kommt später heim.«

»Warum später? Sein Auftritt mit dem Chor sollte doch gegen halb elf zu Ende sein, und um die Zeit braucht man von Bornheim bis zu uns höchstens eine Dreiviertelstunde. Selbst wenn er erst noch seine Mitsänger abgesetzt hat, müsste er längst zurück sein.« Sie hatte sich gesorgt, weil Oliver erst so kurz den Führerschein besaß und trotzdem stets derjenige war, der nach einem Auftritt des Chors von St. Stephan den Kleinbus chauffierte. Er war der Einzige, der keinen Tropfen Alkohol trank, das nutzten die anderen, die ganz gern ein Glas pichelten, regelmäßig aus.

»Mein Gott! Hör endlich auf, ihm nachzuspionieren. Er ist erwachsen.«

»Das hat doch nichts mit Spionieren zu tun. Ich will nur wissen, ob alles okay mit ihm ist.«

»Mit Oliver ist alles okay.«

Sie hätte erneut auf Gerds Wortwahl achten sollen, die Betonung des »mit Oliver«. Stattdessen sagte sie sich, dass es nur zu verständlich war, wenn er gereizt reagierte, nachdem das Läuten des Telefons ihn aus dem ersten Schlaf geholt hatte. Merkwürdig nur, dass sie selbst nichts gehört hatte, obwohl sie, solange Oliver noch nicht daheim war, einen extrem leichten Schlaf hatte. An jenem Abend dachte sie nicht weiter darüber nach. Sie ging zurück ins Bett, einschlafen konnte sie trotzdem nicht. Ihre Anspannung löste sich erst, als sie gegen zwei Uhr früh hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde, klimpernd ein Schlüsselbund auf das Parkett fiel und mit einem unterdrückten Fluch aufgehoben wurde. Wenig später war ihr Sohn auf Zehenspitzen die Treppe hochgekommen.

Am nächsten Morgen erzählte er beim gemeinsamen Frühstück, warum er so spät heimgekehrt war. »Wir hatten auf der Landstraße einen Platten und keinen Ersatzreifen dabei. Bis der gelbe Engel vom ADAC eintrudelte, ist eine Ewigkeit vergangen.« Es hörte sich nicht so an, als ob er diese Information als bekannt voraussetzte. Noch ehe Carlotta etwas darauf erwidern konnte, schaltete Gerd sich ein. Sie konnte sich nicht darauf besinnen, was er gesagt hatte. Nur, dass er in einem fort geredet hatte, war ihr in Erinnerung geblieben. Warum hatte er so viel geredet? Um davon abzulenken, dass er in der Nacht zuvor gar nicht mit seinem Sohn gesprochen hatte? Mit wem dann? Mit wem hatte Gerd nach Mitternacht telefoniert? Die Antwort lag auf der Hand ...

Carlotta zog an einem der Hirschhornknöpfe, fast schon war es ein Reißen, der Wollfaden spannte. Auf Stielchen genäht, so hielten die Knöpfe besser. Sie hatte die Jacke an jenem Morgen nach dem Ravel-Abend auf der Mauer im Garten gefunden, benetzt von Tau. Sie hatte sie trocknen lassen und zurück ins Gartenhaus gehängt. Seitdem hing sie dort, irgendwann war sie vom Haken gefallen. Er braucht sie nicht mehr, dachte Carlotta. Nie mehr. Sie hätte später nicht sagen können, wie lange sie dort im Halbdämmer des Gartenhäuschens am Boden gekauert hatte. Sie schreckte erst auf, als eine Männerstimme von der Tür her »Was treibst du denn da?« fragte. Sie hob den Kopf, die Konturen des Körpers im Gegenlicht waren ihr nur allzu vertraut, ebenso wie die Stimme. Oliver war die jüngere Ausgabe seines Vaters.

»Ich habe nur rasch die Gartengeräte versorgt.« Sie sprang auf, stieß mit dem Fuß gegen den Spaten, die Jacke ließ sie flugs hinter ihrem Rücken verschwinden.

»Und was ist mit Frühstück? Frühstücken wir heute nicht? Ich habe das ganze Haus nach dir abgesucht und mir die Seele aus dem Leib geschrien.«

»Tut mir Leid!« Sollte sie ihrem Sohn etwa sagen, dass sie das Frühstück heute glatt vergessen hatte? Sie tat nichts dergleichen, sondern machte sich auf den Weg in die Küche. Tut mir Leid, summte es in ihr, die Entschuldigungsformel ließ sie erneut an jene Nacht denken. Wut wallte in ihr auf. Sie stopfte die Jacke, die sie noch immer umklammert hielt, in den Müll. Käserinden, Teemud, Bananenschalen, sogar die Vorliebe für Bananen teilte Oliver mit seinem Vater. Sie briet Speckstreifen in der Pfanne aus und schlug vier Eier darüber. Bevor sie die Eierschalen entsorgte, nahm sie Gerds Jacke aus dem Mülleimer und säuberte sie sorgfältig, beinahe liebevoll.

***

Das »Gramercy Park« war ein gemütliches, ein wenig altmodisches Hotel, an das Gerd sich von Erzählungen eines Kollegen erinnert hatte. Zudem war es nicht ganz so teuer wie die anderen Hotels ringsum. Natürlich wäre Jennifer am liebsten im legendären »Waldorf Astoria« abgestiegen. Ein Haus, das so berühmt ist, dass Reiseleiter ihre Gruppen durch die Lobby führen und die Gäste nie ganz sicher sein können, ob sie selbst oder die wunderschönen Art-déco-Arbeiten angestaunt werden. Es war Gerd zugute gekommen, dass so kurz vor Weihnachten praktisch alle großen Hotels belegt waren, und so hatten sie sich im »Gramercy Park« einquartiert. Ihr Zimmer war geräumig und blickte direkt auf den privaten Park, dem das Hotel seinen Namen verdankte und zu dem die Hausgäste einen Schlüssel erhielten. Eine Oase der Ruhe und wie geschaffen für zwei Liebende. Trotzdem würden sie Ende der Woche abreisen.

Gerd überlegte, ob er das leidige Thema jetzt gleich hinter sich bringen sollte. Irgendwann musste es ja sein, und ihnen blieben nur noch vier Tage.

»Jennifer?« Er erhielt keine Antwort, sah sich um, sie musste im Bad sein.

»Hat du mich gerufen?« Die Tapetentür ging auf, das Muster war nicht unbedingt nach seinem Geschmack, erinnerte allzu sehr an einen Spruch aus dem Poesiealbum – »Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken ...« –, vielleicht erinnerte das Blumenmuster ihn aber auch an Carlotta. Egal, als Jennifer im Ausschnitt der Tür auftauchte, war alles andere vergessen. An ihrem kleinen Finger wippte eine Kordel, die zu der Tiffany Tragetasche gehörte. Hin und her wippte sie, und jedes Mal wippten ihre Brüste mit, die nun voller, weiblicher waren. Jennifer war nackt. Sie hatte die 7/8-Hose mit dem Tunnelzug und das knappe Jäckchen und sogar ihr Höschen ausgezogen.

Er räusperte sich, sah auf das Bett, in dem sie sich beileibe nicht nur in der Nacht aufhielten. Und fast immer war Jennifer nackt. Sie war gern nackt, schlief nur nackt. Der bloße Anblick ihrer Haut reichte aus, um ihn in Erregung zu versetzen. So straff, so köstlich jung, anfangs hatte es ihn geniert, sich im grellen Sonnenlicht vor ihr auszukleiden. Jetzt nicht mehr. Er begann sein Hemd aufzuknöpfen, die drei obersten Knöpfe reichten, dann konnte er das Hemd über den Kopf ziehen. Gerade als er in dem Stoffschlauch verschwunden war, hörte er sie protestieren. Kein Mittagsschlaf heute? Warum nicht? Ahnte sie, was er ihr sagen wollte? Aber warum hatte sie sich dann ausgezogen?

»Nicht?«, fragte er, zog das Hemd wieder nach unten, verhedderte sich und fand sein Konterfei in dem Spiegel über der wuchtigen Kommode aus Nussbaum leicht töricht: verstrubbelt, rot im Gesicht, mit bangenden Augen.

»Doch, aber anders.« Sie kam näher, tänzelte auf ihn zu.

Gierig sog er ihren Duft ein, wollte nach ihr greifen, doch das Hemd behinderte ihn. »Anders?«, wiederholte er, kam endlich frei, schleuderte das Hemd von sich.

»Ich geh erst wieder mit dir ins Bett, wenn du mir den Ring angezogen hast und es sagst.«

»Was soll ich sagen?«

»Dass du mich liebst. Nur mich. Immer und ewig. Mit diesem schrecklichen Bauch und ohne Bauch und überhaupt.« Sie legte den Kopf schief, ihre winzigen Vorderzähne zupften an der Unterlippe, das runde Kinn vibrierte; sie sah nun noch jünger aus, wie ein hilfloses Kind.

»Natürlich liebe ich dich, mein Engel.«

»Dann musst du mir jetzt feierlich den Ring von Tiffany anziehen und dabei geloben, dass du mich zur Frau nimmst.« Die Tüte aus glänzender Kartonage schwang auf ihn zu, er griff danach, holte das Schmucketui heraus, klappte es auf, nahm den Ring heraus, der ihn ein kleines Vermögen gekostet hatte, und kniete vor ihr nieder.

Seine Augen blickten nun direkt auf das unschuldig gekräuselte Vlies, seine Lust stieg ins Unermessliche, während er nachsprach, was sie von ihm verlangte. Nur ganz kurz durchzuckte ihn der Gedanke, dass dieses Gelöbnis nichts galt, solange er noch mit einer anderen verheiratet war. Nicht mehr lange, schwor er sich, ich werde meine kleine Liebste nicht enttäuschen, niemals. Und dann streifte er ihr feierlich den Ring über, wie er es viele Jahre zuvor schon einmal getan hatte. Es trieb ihm die Tränen in die Augen, die hellbraunen Löckchen verschmolzen mit der nicht minder hellen Haut. Und dann waren da zwei weiche Arme, die ihn an sich zogen, ihn taumeln ließen, bis er mit Jennifer zusammen auf der Bettstatt landete, wo er am späten Mittag dem lieben Gott ein weiteres Stündchen stahl. Worte, die nicht die seinen waren, trotzdem schossen sie ihm ganz kurz durch den Kopf, bevor jedes Denken aussetzte und er nur noch dem Trieb gehorchte, der uralt und ewig neu und Keimzelle des Lebens ist. Allein dafür lohnt es sich, dachte er, als er wieder denken konnte.

»Bin ich jetzt eine anständige Frau?« Jennifer lugte zu ihm hoch, sie hatte den Kopf in seine Achselhöhle geschoben und ein Bein über ihn gelegt, eine typische Pose von ihr.

»Du warst auch vorher anständig, du kannst gar nicht unanständig sein.«

»Hin! Glaubst du, deine Familie wird mich mögen?«

»Jeder, der halbwegs bei Sinnen ist, muss dich mögen.« Er überlegte, was er ihr von den Freelings erzählt hatte. Nicht viel, so viel stand fest. Nur das Nötigste. Es brachte nichts, das Innerste einer Familie nach außen zu kehren, deren Herz so kalt wie Eis war. Alles, was für die Freelings zählte, war Macht. Der Drang zu beherrschen war der Motor dieser Familie. Jeder wollte der Erste sein, sein sechs Jahre älterer Bruder versuchte seit bald zwanzig Jahren, den Vater zu überrunden, doch er schaffte es nicht, und wenn er hundert neue Filialen eröffnete. Und wenn ich nicht beizeiten Reißaus genommen hätte, durchfuhr es Gerd, hinge ich jetzt auch im Hamsterrad fest, träte und strampelte und hätte nur noch Absatzzahlen im Kopf.

»Wirst du sie mir bald vorstellen? Du hast mir praktisch noch gar nichts über deine Familie erzählt, nur dass es sie gibt und ihr in Aachen so was wie der Burger King für Herrenklamotten seid.« Jennifers Formulierung brachte Gerd zum Lachen. Seinen Vater träfe der Schlag, wenn er das hörte. Hagen Freeling, Möchtegern-King der Bekleidungsindustrie. Sein Engel hatte ihm das Stichwort für den Vorschlag, den er ihr unterbreiten wollte oder vielmehr musste, geliefert. Jetzt oder nie.

»Wenn du möchtest, kannst du meine Sippe schon am Wochenende kennen lernen.«

»Du meinst dieses Wochenende? Aber ...«

»Ich habe schon unsere Tickets reservieren lassen.« Er bemühte sich um einen möglichst selbstverständlichen Tonfall, als er fortfuhr: »Wir könnten fürs Erste im Sommerhaus wohnen, es ist recht hübsch und beschaulich, du wirst es mögen. Natürlich ist das nur etwas für den Übergang, bis ich eine neue Anstellung gefunden habe. Es macht wenig Sinn, finde ich, wenn wir uns eine neue Wohnung suchen und wenig später wieder umziehen müssen, weil ein reizvolles Angebot aus einer Region kommt, die zig Kilometer weit weg ist.« Ganz zu schweigen von den doppelten Kosten, ergänzte er eingedenk seiner rapide geschrumpften Barschaft.

»Ihr habt wirklich ein Sommerhaus?« Kugelrunde Augen, aus denen er Bewunderung las, nichts als Bewunderung. Warum sollte er ihr die Freude nehmen? Gegen das Haus im Grünen war grundsätzlich nichts zu sagen.

»Ja, aber es wird kaum genutzt.«

»Und wofür habt ihr es dann?«

Gerd zuckte die Schultern. »Vielleicht, weil es so üblich ist, wer weiß. Oder weil mein Bruder hofft, dass unser Vater sich irgendwann auf sein Alter und seine Gebrechen besinnt und dorthin zieht.«

»Ist dein Vater gebrechlich?«

»Er könnte im Rollstuhl sitzen und hätte trotzdem noch überall den Daumen drauf.«

»Hört sich gruselig an.«

»Du hast nichts von ihm zu befürchten. Er wird dich mögen, genau wie Oliver. Oliver ist sein Augapfel.« Fast hätte er ihr verraten, dass sein Vater sich damit zufrieden gab, die auf ihn folgende Generation klein zu halten. Wäre er, Gerd, ebenfalls im Familienunternehmen geblieben, hätte es garantiert auch ihn erwischt. Grauenhafte Vorstellung, zum Glück war er beizeiten ausgeschert. Seit Olivers Geburt konzentrierten sich die Hoffnungen des Firmengründers jedenfalls auf den einzigen Enkel, der zu Jennifers Generation zählte; die beiden trennte nur ein Jahr.

Ihr Flug war pünktlich aufgerufen worden, die Passagiere der Maschine New York–Amsterdam wurden zügig abgefertigt, doch dann saßen sie eine Dreiviertelstunde auf ihren Plätzen und warteten auf die Starterlaubnis. Der Himmel über New York war wieder mal dicht. Wenn man die im Minutentakt startenden und landenden Flieger beobachtete, mochte manch einer sich insgeheim fragen, ob das gut ging. Auf dem Hinflug hatte Jennifer, für die es der erste Flug in ihrem Leben war, es tatsächlich mit der Angst zu tun bekommen, nach Gerds Hand gegriffen und diese nicht mehr losgelassen, bis die Stewardess den Lunch servierte. Diesmal hingegen fühlte sie sich gut, sehr gut, und als ihr, untermalt von der Ankündigung des Flugkapitäns, dass es in wenigen Minuten losginge und man hoffe, die Verspätung wieder auszugleichen, ein Tablett mit Sweets und Bubblegum hingehalten wurde, suchte sie seelenruhig nach ihren Lieblingssorten. Am besten schmeckte ihr Himbeere, gleich danach kam Karamell. Sie überlegte noch, womit sie anfangen sollte, als es unter ihr zu rumpeln begann, gleichzeitig griff Gerd nach ihrer Hand.

»Keine Angst, mein Engel! Ich bin ja bei dir.«

Verwundert, mit leisem Unmut sah sie zu ihm hin. »Ich habe keine Angst.«

»Du kannst es ruhig zugeben, ich verrate es auch keinem.« Ein betuliches Lachen begleitete die Worte, seine Hand ließ sie nicht los. Anscheinend, dachte Jennifer mit einem Anflug von Überdruss, ist es ihm lieber, wenn ich mich fürchte. Demonstrativ griff sie noch vor dem Erlöschen des »Fasten Seat Belts« nach einem Modemagazin, blätterte mit ihrer freien Hand darin und nickte dankbar, als wenig später Kopfhörer angeboten wurden, mit denen sich das Geschehen auf den in regelmäßigen Abständen über ihren Köpfen montierten Monitoren auch akustisch verfolgen ließ. Als ein Zeichentrickfilm mit den Peanuts, die sie besonders gern sah, begann, schloss Gerd die Augen, leicht gequält. Ganz kurz plagte sie die Vorstellung, er könne sie für kindisch halten. Unsinn! Sie war kein Kind mehr, sie bekam ja sogar eins.

Während die Trickfiguren vor ihr diesen und jenen Schabernack ausprobierten, glitt ihre Hand zu dem Bäuchlein, das auf einmal zu explodieren schien. Wenn das so weiterging, passte ihr bald nicht mal mehr die schicke Leinenhose mit dem Tunnelzug, sogar ihre Brüste und ihre Knöchel waren in Mitleidenschaft gezogen. Als ob mich jemand mit der Luftpumpe aufgeblasen hätte, dachte sie verdrießlich und fragte sich, wie sie die letzten zehn Wochen bis zur Geburt überstehen sollte. Immerhin lernte sie jetzt Gerds Familie kennen, noble Leute mussten das sein und obendrein spendabel, wenn sie sich ein Sommerhaus leisteten, ohne es zu nutzen. Ihre Mutter und ihr Stiefvater täten das nie, die vermieteten ja sogar ihre Dreizimmerwohnung, wenn sie vierzehn Tage in Urlaub fuhren. Knauserer, jede Mark wurde ins Geschäft gesteckt, dabei war das, gemessen an einem Unternehmen wie dem der Freelings, eine Klitsche und würde es wohl auch immer bleiben.

Was die beiden wohl sagten, wenn sie von ihrem Glück erfuhren? Bis jetzt wussten sie nur, dass Jennifer ihr Studium für ein oder zwei Semester unterbrach, um Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Ein paar Monate New York für lau, ich wäre ja vom Esel getreten, wenn ich da ablehnte. Der Umstand, vorläufig kein Geld für die auswärts studierende Tochter überweisen zu müssen, hatte alle überflüssigen Fragen im Keim erstickt. Na, die würden staunen!

Jennifer malte sich aus, wie sie ihrer Mutter Fotos von ihrem neuen Zuhause schickte, das Thema Hochzeit anschnitt, die man mit der Kindstaufe zusammenlegen könnte. Bis dahin musste Gerds Scheidung einfach durch sein. Andererseits verpflichtete sie sich mit einer solchen Ankündigung, die beiden einzuladen. Mein Gott, ihre Mutter besaß nur ein einziges Kleid, das sie schon zu Jennifers Abiturfeier und auch bei der Beerdigung von Georgs Vater angezogen hatte. Georg war ihr zweiter Mann und folglich Jennifers Stiefvater, trotzdem tat er ständig so, als ob er ihr Kumpel wäre. Warum? Weil er mit seinen siebenunddreißig Jahren vier Jahre jünger als ihre Mutter war? Er war trotzdem ein Opa, gemessen an Gerd war Georg Asbach uralt und penetrant kumpelhaft und obendrein ein ungehobelter Klotz. Hoffentlich ließ er keinen blöden Spruch ab, wenn er Gerd begegnete, der vierzehn Jahre älter als er war. Aber das machte nichts, es gab solche und solche, und Gerd war einfach wunderbar. Sie liebte ihn. Ob sie dieses Winzding liebte, das ihre Innereien zusammenquetschte und ihr Sodbrennen verursachte und sie in eine fette Kuh verwandelte, wusste sie allerdings nicht so genau. Sie hatte es sich anders vorgestellt, ganz anders.

Ich muss mit dir reden, Gerd. Es ist dringend. Nur einen Monat nachdem sie sich kennen gelernt hatten, war das gewesen. An einem Freitag, dem letzten im Oktober. Sie wusste es deshalb so genau, weil bei den Freelings wieder mal Hausmusik angesagt war. Ravel, sie hatte nichts gegen Ravel, doch was war Ravel gegen das Wunder, das in ihr wuchs, von dem sie exakt an jenem Tag erfuhr, dass es existierte. Natürlich hatte Gerd nicht ahnen können, worum es ging, als sie ihn anrief. Und selbstverständlich hatte sie ihm nicht am Telefon sagen wollen, dass es nun ein wenn auch nicht eingeplantes Unterpfand ihrer beider Liebe gab. Ich muss mit dir reden, Gerd. Es ist dringend. Mehr hatte sie nicht verraten. Und als er partout nicht begreifen wollte, wie wichtig es war, dass er noch am selben Abend zu ihr kam, Ravel hin oder her, hatte sie geweint und aufgelegt.

Gegen Mitternacht hatte er wieder angerufen, was bewies, dass sie ihm wirklich wichtiger als seine Ehe war, in der es so prickelnd zuging wie in einem Kukident-Lösungsbad. Allein dieses »Carlo!«. Wenn ein Mann anfinge, sie mit einem Männernamen anzusprechen, wüsste sie von selbst, was die Glocke geschlagen hatte. Und im Grunde verlor Carlotta ja nichts, sie behielt ihre Musik und ihre Blumen und all ihre Freunde und Schützlinge und sogar das wundervolle Haus, in diesem Punkt hatte Gerd nicht mit sich reden lassen wollen. Obwohl das Haus viel zu groß für eine einzelne Frau war; und bald bewohnte Carlotta es allein, spätestens wenn ihr Sohn auswärts studierte. Dieses Haus lag in einem der teuersten Viertel, falls man es verkaufte, konnte man sich eine goldene Nase verdienen. Aber Gerd wollte nicht.

Macht nichts, sagte Jennifer sich und drehte an dem Brillantring von Tiffany. Gerd nagte auch so nicht am Hungertuch, fast vier Monate in New York bezahlte man nicht aus der Portokasse, und auch wenn sie nicht im Waldorf Astoria abgestiegen waren, hatten sie dennoch eine phantastische Zeit gehabt. Und im eigenen Sommerhaus ging es nun weiter. Welche von ihren Kommilitoninnen konnte schon von sich behaupten, dass sie über einen Sommersitz und Schmuck von Tiffany verfügte? Keine, hundertprozentig nicht.

In Gedanken überschlug Jennifer die nächsten zehn Wochen und sah sich schon für das erste Familienfoto posieren. Strahlend schön, ein wonniges Baby im Arm und neben ihr, den Arm zärtlich um ihre Schulter gelegt, Gerd. Im Hintergrund vielleicht seine Familie und das Haus, die Sonne schien darauf, alles war vom Feinsten, natürlich würde sie auch wieder ihr Studium aufnehmen und Karriere machen. Mit einer guten Kinderfrau alles kein Problem, auf gar keinen Fall würde sie ihre Begabung brachliegen lassen. Alle sagten, wie talentiert sie war.

»Schläfst du, mein Engel?« Zärtlich, ein Blick voller Liebe umfing sie, als sie leicht benommen die Augen aufschlug.

»Nein«, erwiderte sie, »ich habe geträumt, das ist etwas anderes.«

»Und wovon hast du geträumt?«

»Von uns natürlich.«

»Das ist gut. Und jetzt musst du etwas essen, hörst du?« Geschäftig klappte Gerd zuerst ihr und dann sein Tischchen auf und bestand darauf, dass sie wenigstens die Hälfte von allem aß. »Das ist Hühnchen mit Curry, das magst du gern, und frisches Obst ist immer gesund. Soll ich die Orange für dich schälen?«

»Und wenn ich nicht will?«

»Dann füttere ich dich notfalls mit Gewalt.«

»Und wenn ich dir weglaufe.«

»Dann hole ich dich zurück.«

»Okay, ich bleib freiwillig. Aus dem Flugzeug kann man ja sowieso nicht gut abhauen, und so fett, wie ich jetzt bin ... Gibt es in eurem Sommerhaus auch einen Swimming-Pool? Schwimmen wäre jetzt gut, sagt sogar F.A.O.«

»Es gab einen Pool, aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann zuletzt Wasser drin war. Soweit ich weiß, habe ich mal mit einem anderen Jungen Federball in dem leeren Becken gespielt, aber das Geräusch hat meinen Vater bei der Arbeit gestört. Er hat ständig gearbeitet, auch an den Wochenenden und im Urlaub.«

»Dann müssen wir den Pool eben rasch wieder herrichten.« Erneut schloss Jennifer die Augen. Zufrieden, weil Gerd nicht widersprochen hatte. Sie brauchte nur auf das Kind in ihrem Bauch hinzuweisen, und schwups, bekam sie ihren Willen. Dabei hatte sie anfangs ernsthaft befürchtet, er könnte sie zu einer Abtreibung überreden wollen. Nichts davon, sie hatte gesiegt auf der ganzen Linie.

***

Schon als Carlottas Zeigefinger den kühlen bronzenen Klingelknopf berührte, wehte ihr der Geruch von Gebratenem in die Nase. Wiener Schnitzel, kombinierte sie automatisch und wusste nicht, ob sie ihre beste Freundin nun beneiden oder bedauern sollte. Für sein Leib- und Magengericht kam Ingrids Mann sogar pünktlich aus seinem Büro oder vom Golfplatz heim. Gewöhnlich wurde das Schnitzel am Wochenende aufgetischt, wenn die Haushaltshilfe freihatte und das Paar allein war, Ob die Golfpartie heute ausfiel? Immerhin ging es bereits auf den Nachmittag zu ...

Carlotta löste ihre Fingerspitze vom Klingelknopf, ohne ihn gedrückt zu haben. Sie wollte gerade kehrtmachen, als das zur Straße gehende Küchenfenster aufgestoßen wurde. Ihre Freundin hatte die Haare aufgewickelt, ihr Gesicht glänzte wie nach dem Auftragen einer besonders reichhaltigen Nährcreme, und was sie trug, ähnelte einem eingelaufenen Unterhemd. Dabei pflegte Ingrid ihre kleine Oberweite sowie die hartnäckigen Pölsterchen oberhalb der Taille seit Jahr und Tag mit locker fallenden, modischen Oberteilen zu kaschieren, welche das Augenmerk auf ihre schmalen Hüften und die tadellosen Beine lenkten. Überhaupt legte Ingrid im Gegensatz zu ihr selbst stets großen Wert darauf, zu jeder Tageszeit wie aus dem Ei gepellt auszusehen. Was sich momentan wirklich nicht behaupten ließ.

»He, wo willst du hin, Carlotta? Ich warte schon auf dich.«

Carlotta warf einen Blick auf die Zufahrt zur Garage. Das Tor war geschlossen, es ließ sich nicht ausmachen, ob der Lexus des Hausherrn dort parkte. Gemeinhin schwor Knut Kühl auf deutsche Markenfabrikate, das begann beim Rasenmäher und hörte bei seinen Anzügen auf. Der Kauf einer Luxuslimousine, welche in den Staaten den Rang von BMW oder Mercedes hierzulande hat, war als Verneigung vor seinen neuen Geschäftpartnern anzusehen. »Nun komm schon rein! Knut kommt erst morgen Abend zurück.«

Der Einfachheit halber betrat Carlotta das Haus durch das fast bis zum Boden reichende und nun offen stehende Küchenfenster. »Und warum brutzelst du dann sein Wiener Schnitzel?«

»Weil ich schon alles vorbereitet hatte, als er mit seinem Turnier herausgerückt ist. Du bist herzlich zum Mitessen eingeladen.«

»Wir haben eben erst gefrühstückt.«

»Was sind das denn für neumodische Sitten? Hat Oliver endlich eingesehen, dass es sich sehr viel bequemer lebt, wenn ihr das Programm von Big Daddy über Bord werft?«

»Bestimmt nicht, er war sogar ordentlich sauer, weil ich wieder mal in meinem Garten abgetaucht bin und ...«

»... Zwiesprache mit jedem Blumenstängel gehalten hast, den Gerd mal angefasst hat?«

»Nein. Ich habe bloß seine alte Jacke gefunden. Du weißt schon, die meine Mutter für ihn gestrickt hat. Ich hab sie in der Hand gehalten und draufgestarrt wie eine Blöde und ...«

»Wie eine Blöde trifft es auf den Punkt. Hör endlich auf, ihm nachzujammern, er ist es einfach nicht wert. Wahrscheinlich ist das sowieso kein Mann wert. Wenn du mich fragst, sollte man alle Kerle per Edikt vor die Stadtmauern ausquartieren und sie nur noch reinlassen, wenn wir das ausdrücklich verlangen.« Ingrid spießte eines der beiden sehr dünnen und langen Fleischstücke mit einer Gabel auf, hob es in Augenhöhe und betrachtete es skeptisch. »Könnte sein, dass ich glatt vergäße, Knut reinzulassen. Himmlische Vorstellung! Kein kulinarisches Vorspiel mehr, um Ihre Majestät in Stimmung zu bringen.«

»Du übertreibst«, widersprach Carlotta.

»Sag mir einen vernünftigen Grund, warum ich das tun sollte.«

»Um mich zu trösten, weil ich Gerd nicht mal mit hundert perfekt panierten Schnitzeln zurückholen könnte.«

»Dein größter Fehler ist, dass du ihn überhaupt wiederhaben willst. Was vermisst du? Sag mir etwas, das du wirklich vermisst.«

»Alles«, flüsterte Carlotta mit halb abgewandtem Gesicht. Es stimmte, ein klägliches Wort genügte, um eine Welle der Sehnsucht auf sie zuschwappen zu lassen. Mächtig und doch nicht greifbar und sobald man begann, sie in spektakuläre Erlebnisse zerlegen zu wollen, zerrann sie einem zwischen den Fingern. Nichts, was einem Außenstehenden imponierte, und doch so unglaublich kostbar wie das Wasser, das man Tag für Tag trinkt und benutzt, wobei man kaum einmal einen Gedanken daran verschwendet, dass dieses Nass vielleicht das Kostbarste überhaupt ist. »Du würdest es nicht verstehen«, fügte Carlotta hinzu. »Dein Knut ist einfach anders, er muss anders sein, wenn dir so wenig an ihm liegt. Falls du das jetzt nicht nur so sagst, weil du sauer wegen dem Turnier und den Schnitzeln bist.«

»Knuts Leidenschaft für 18-Loch-Plätze und panierte Fleischlappen oder Verträge mit den Amis ist wirklich nichts, was ich besonders lustig finde. Andererseits sind das, gemessen an den Vorlieben von deinem Gerd, nur lässliche Sünden; so gesehen ist Knut wirklich anders gestrickt. Er vögelt wenigstens keine halben Kinder.«

»Das ist gemein.«

»Es ist die Wahrheit, Carlotta. Ich hab zwei Töchter großgezogen, mit neunzehn sehen sie zwar schon aus wie ausgewachsene Frauenzimmer, aber innen drin sind sie noch Kinder. Und Kerle, die auf so was abfahren, gehören für mich in eine Schublade mit Schwerverbrechern oder Schwachsinnigen.«

»Hört sich an, als ob dir Jennifer auch noch Leid täte.«

»Wenn mir jemand Leid tut, dann du. Du bist meine beste Freundin, du und sonst keine. Was hältst du davon, wenn wir beiden Hübschen uns ein Wochenende gönnen, in dem alles verboten ist, was uns das Leben vergällt? Beispielsweise Wiener Schnitzel.« Schon betätigte Ingrid das Fußpedal des chromglänzenden Müllschluckers, die rund gewölbte Klappe sprang in der Mitte auf, zwei goldbraune Fleischstücke glitten mitsamt Fettsud aus der Pfanne in den Müllsack aus blauem Plastik, es zischte und knisterte.

»Bist du verrückt? Wenn das heiße Fett nun brennt?«

»Manchmal muss man was riskieren. Wer nichts riskiert, erlebt auch nichts. Hast du schon mal was vom Café Käfer gehört? Topware, hab ich mir sagen lassen, sogar unsere Witwe ist regelrecht ins Schwärmen gekommen.«

»Sprichst du von Marlies Weber?«

»Von wem sonst? Ich kenne keine andere Frau in unserem Viertel, die es geschafft hat, ihre bessere Hälfte so rechtzeitig unter die Erde zu bekommen, dass sie noch was von all der Knete hat, die er hinterlässt.«

»Du bist zynisch.«

»Das ist nur ein anderes Wort für realistisch.«

»Und seit wann schwärmt Marlies für Kuchen? Ich denke, sie ist auf Diät?«

»Du bist wirklich nicht von dieser Welt. Das Café Käfer hat mit Kuchen so viel zu tun wie Knut mit heißem Sex.«

»Also ist es was Unanständiges?«

»Glaubst du, dass eine Lady wie unsere Marlies Weber etwas Unanständiges täte? Das ›Käfer‹ musst du dir als einen sehr noblen Ort vorstellen, wo Ladys wie wir die einsame Chance haben, wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen, dass wir eigentlich nur noch als Köchin, Gastgeberin und Pflegerin gefragt sind.«

»Marlies muss sich um niemanden mehr kümmern.« Wie ich, sobald Oliver aus dem Haus geht, ergänzte Carlotta stumm.

»Der gemeinsame Nenner sind in diesem Fall die fehlenden Gentlemen, die uns betanzen und mit Komplimenten einheizen.«

»Also doch was Unanständiges!«

»Nun spinn nicht rum, Carlotta! Was ist an einem flotten Tänzchen oder ein paar galanten Worten unanständig? Das Flotteste, was Knut mir in dieser Hinsicht in den letzten Monaten geboten hat, war übrigens ein halber Wiener Walzer, für den ich ihn hinterher mit heißen Heusäckchen behandeln musste, weil er sich bei der Linksdrehung angeblich das Fußgelenk verstaucht hat. Und seine Galanterie beschränkt sich üblicherweise auf die Frage, wann es wieder Wiener Schnitzel gibt. Mit Nachschlag in der Horizontalen, aber das spricht er selbstredend nicht aus. Die Frage nach seinem verdammten Schnitzel stellt er sogar, wenn er schon vorher weiß, dass er am Wochenende gar nicht da ist. So was ist der Hammer, sag ich dir. Was glaubst du, warum ich mir die Haare aufgedreht und mich von Kopf bis Fuß einbalsamiert habe? Ich sage nur Käfer. Wenn wir um drei starten, können wir um acht schon 'ne flotte Sohle aufs Parkett legen.«

»Und was machst du in den fünf Stunden dazwischen?«

»Mein Gott, der ICE braucht nun mal vier Stunden bis nach Hamburg.«

»Du willst allen Ernstes zum Tanzen nach Hamburg fahren?«

»In Köln gibt es leider Gottes keine Institution wie das Café Käfer, außerdem sind wir in Hamburg ziemlich sicher, nicht von irgendwelchen Bekannten gesichtet zu werden. So was nennt man Jetset der Ladys im besten Alter, wusstest du das noch nicht? Ich sage nur: Olé!«

Carlotta schüttelte benommen den Kopf, sie erkannte ihre Freundin kaum wieder. Offenbar war sie wirklich unglaublich sauer auf ihren Knut, anders konnte das gar nicht sein. Zwar war Ingrid auch sonst nicht auf den Mund gefallen, doch zwischen kessen Sprüchen und Taten liegen bekanntlich Welten. Wollte sie über die jetzt mit einem kessen »Olé!« hinwegsetzten? Wie es aussah, wollte sie tatsächlich wildfremde Männer zum Tanz auffordern ...

Vor Carlottas geistigem Auge entstand eine Kulisse, die verblüffende Ähnlichkeit mit den Aufbauten zum »Tango Passion« hatte. Eine Vorführung, die sie sich noch gemeinsam mit Gerd in der Philharmonie angesehen hatte. Sie waren sich darin einig gewesen, dass sowohl die Maskenbildner als auch die für die Kulissen Verantwortlichen höchstes Lob verdienten. Die schwül-sinnliche Atmosphäre war hervorragend gelungen, die Tänzer verschmolzen mit ihren Rollen und Partnern, Lockruf und Abwehr, faszinierend und vulgär zugleich und ein Stück aus einer anderen Welt.

»Gut gemacht!«, glaubte Carlotta Gerd sagen zu hören. Wieder daheim, hatten sie ihre Schuhe abgestreift – damit Oliver sie nicht hörte – und Wange an Wange und Hüftknochen an Hüftknochen ein paar Schritte auf dem eigenen Parkett nachgeahmt. Zur Melodie von »Darf ich bitten zum Tango um Mitternacht«, ein echter Schmachtfetzen und der einzige Tango, den sie auf Schallplatte hatten. Sie hatten sogar überlegt, ob sie nicht zusammen einen Tangokurs besuchen sollten. Die neuen Kurse begannen im Herbst. Goldener Herbst, da hatte er Jennifer kennen gelernt. Darf ich bitten zum Tango um Mitternacht? Es trieb Carlotta die Tränen in die Augen.

»Du heulst doch nicht etwa?«, erkundigte Ingrid sich ungläubig.

»Mir ist nur was ins Auge geflogen.« Carlotta begann an ihren Lidern zu reiben. Im reiferen Alter eine Todsünde, wie sie neulich in einer Frauenzeitschrift gelesen hatte. In einer Rubrik, die sie bislang überschlagen hatte, weil sie solche Tipps nur albern fand. Sie fand sie noch immer albern und dachte nicht im Traum daran, auch nur einen einzigen zu befolgen, trotzdem verunsicherte es sie, mit bald fünfzig Jahren zu erfahren, was sie alles nicht gemacht hatte. Kein Peeling, kein Training der schrägen Bauchmuskulatur, keine Packung und keine Liposome, nicht mal ihre Bikini-Zone hatte sie ausrasiert.

Wozu auch, hätte sie noch vor gut einem halben Jahr gefragt. Zum Schwimmen trug sie praktischerweise einen Sport-Badeanzug mit angesetztem Beinchen, Sonnenbäder waren ihr einfach zu langweilig, und nackt blieb sie am liebsten so, wie sie war. Aber angeblich fanden Männer einen Wildwuchs wie den ihrigen abstoßend und zudem hinderlich. Hinderlich wobei? Bei der Vorstellung jener Sexualpraktiken, die ebenfalls im Detail in solchen Magazinen für die moderne Frau beschrieben wurden, lief sie rot an. Es war eine Sache, etwas aus Liebe zu tun, und eine andere, mit spitzer Feder darüber zu schreiben.

Zwei Finger schoben sich in Carlottas verschwommenes Blickfeld. Es sah aus, als ob Ingrid etwas von der Größe eines Tennisballs festhielte. Doch da war nichts, absolut nichts.

»Soll ich dir sagen, Carlotta mia, was dir im Auge sitzt? Ein Mega-Staubkorn namens Gerd Freeling. Und ich sag dir noch was: Je eher du es aus deiner Optik vertreibst, umso besser für dich. Also, wie sieht's aus? Abfahrt um drei?«

»Ich kann nicht.« Carlotta erklärte, warum sie Ingrid nicht nach Hamburg begleiten konnte. Sie musste unbedingt noch etwas für ihr neues Seminar über »Automatik-Musik« tun; am Montag ging es los, eine Exkursion war ebenfalls eingeplant, gleich für den Anfang, es gab sogar bereits eine lockere Verabredung für den morgigen Tag mit dem Besitzer des »Klimperkasten«, zu dessen Schätzen ein mechanisches Klavier gehörte.

»... es arbeitet mit einer perforierten Papierrolle, die über die Löcher des Skalenblocks transportiert wird. Und wenn Luft durch beide Löcher hindurchströmt, setzt sie Hämmer in Bewegung, die die Saiten anschlagen. Wirklich ungemein interessant, wir könnten zusammen hingehen ...«

»Ich will keine musizierende Papierrolle, sondern einen Mann.«

»Du bist ordinär.«

»Meinetwegen bin ich auch ordinär.«

»Du willst also wirklich fahren?«

»Logisch.«

»Ganz allein? In ein Tanzlokal, wo Frauen Männer auffordern?«

»Wenn du nicht mitkommst, frage ich Marlies.«

»Dann frag sie halt.«

Ein leiser Misston begleitete Carlotta heim und ließ sie das ganze Wochenende über nicht los. Daran änderte auch ihr Treffen mit »Papa Joe« am Sonntagmorgen nichts. Die Geschichten, die er über sein Klavier erzählte, waren ebenso lehrreich wie witzig, ganz gewiss hätte auch Gerd sein Vergnügen an einem Reproduktionsklavier gehabt, mit dem man sogar Edvard Grieg oder Scott Joplin spielen konnte. Duette, Trios, Quartette, selbst ein 120-Mann-Orchester ließ sich mit diesen Musikautomaten simulieren. Ja, Gerd hätte diesen Frühschoppen in einer dämmrigen Musikkneipe am Alten Markt genossen, ein oder zwei Bier getrunken und den Takt mitgeklopft. Er war Rechtshänder, klopfte stets mit der rechten Hand, das war die Hand, an der er seinen Ehering trug.

Getragen hat, verbesserte sich Carlotta, stürzte sich, wieder daheim, erneut in ihre Arbeit, schrieb über Drehscheiben, rotierende Walzen, perforierte Papierstreifen und Kartonfaltblätter und zuckte jedes Mal zusammen, wenn ein Auto durch die Straße fuhr, das sich wie der Lexus von Ingrids Mann anhörte.

Was, wenn Knut Kühl früher heimkam?

Das ist nicht mein Problem, sagte sie sich vor, doch es nützte nicht viel. Ingrid war ihre Freundin, daran änderte sich auch nichts, wenn sie etwas so völlig Verrücktes wie diesmal tat. Zudem: Wer sagte denn, dass wirklich Ingrid die »Verrückte« war? In jüngster Zeit häuften sich die Hinweise, dass sie selbst, Carlotta, nicht mit ihrer Zeit Schritt hielt. Sie lebte hinter dem Mond, und – schlimmer noch – sie hatte es genossen, genau das zu tun. Sie war die geborene Hinterwäldlerin, bar jeder weiblichen Raffinesse, und feige war sie obendrein.

Carlotta brauchte sehr viel Selbstbeherrschung, um die sauber beschriebenen Blätter auf ihrem Schreibtisch nicht zusammenzuknüllen und ähnlich wie Ingrid am Vortag ihre panierten Schnitzel im Müll verschwinden zu lassen.

Kapitel 2
New York, New York

Von Amsterdam nach Aachen nahmen sie den Zug. Sie hatten ein Abteil für sich allein. Kaum setzte sich der Interregio in Bewegung, schlief Jennifer auch schon an seine Schulter gelehnt ein. Sie sah ungewöhnlich blass aus. Fast so blass wie Carlotta, fand Gerd, doch bei Carlotta war die Blässe normal und kein Zeichen von Überanstrengung. Jennifer musste total erschöpft sein, der Arzt hatte Recht, in ihrem Zustand sollte man einfach nicht mehr so weit reisen. Es war wirklich allerhöchste Zeit gewesen, New York den Rücken zuzukehren.

Während Gerd vorsichtig, damit Jennifer nicht aufwache, mit einer Hand sein Jackett vom Haken nahm und es über sie ausbreitete, fragte er sich, ob er dem Drängen seines Engels, noch zu bleiben, vielleicht deshalb immer wieder nachgegeben hatte, weil er selbst froh über jeden Tag war, um den er das Wiedersehen mit seiner Familie hinausschieben konnte. Er kam als Bittsteller. Kein angenehmer Gedanke, wahrlich nicht. Und mit dem seiner Sippe eigenen Instinkt würden die Freelings seine schwache Position wittern und ausnutzen, darauf könnte er einen Eid schwören.

Ausnutzen wozu? Sie konnten ihm nichts anhaben, nicht wirklich. Alles, worum er sie bitten würde, war das vorübergehende Nutzungsrecht für ein Haus, das ohnehin die meiste Zeit leer stand. Und die jährliche Auszahlung jener lächerlichen Tantieme, die bislang stillschweigend im Firmenvermögen verblieben war, stand ihm zu, daran gab es nichts zu deuteln. Überhaupt: Was sollten sie auch schon im Gegenzug von ihm fordern? Dass er doch noch in das Familienunternehmen eintrat? Bestimmt nicht!

Es war noch nicht allzu lange her, da hatte sein Vater ihm klipp und klar gesagt, wie froh er war, Gerd nicht in seiner Firma zu haben. »Dein Bruder reicht mir. Ihr beide kommt mir wie kleine Kinder vor, die vor dem Krabbeln laufen lernen wollen und prompt auf ihrem Allerwertesten landen. Schaut euch Oliver an, der macht's richtig, der hat meine Gene. Wenigstens einer.«

Etwas knirschte. Ein unangenehmes Geräusch, das Gerd aufschrecken ließ. Was war das? Jennifer murmelte etwas, ihr verstrubbelter Schopf rutschte auf seinen Schoß, wo sie sich zusammenrollte, zwei kindlich dünne Arme umklammerten ihn haltsuchend. Das Knirschen kam nicht von ihr und auch nicht von draußen. Das war er selbst. Er knirschte mit den Zähnen, das hatte er schon eine Ewigkeit nicht mehr getan.

Als Jugendlicher hatte er nachts ein monströses Metallgestell mit einem auswechselbaren Schaumstoffsteg tragen müssen, um den Abrieb seiner Schneidezähne zu verhindern. Mein Gott, war er sich lächerlich vorgekommen. Mittlerweile wusste er, dass er auch diese Fron seiner Familie zu verdanken hatte. Wären die Freelings nicht die Freelings, hätte er in seiner Jugend unbelastet von diesem an ein Pferdegeschirr erinnernden Gestell schlafen können, ohne den geringsten Schaden an seinen Zähnen zu nehmen. Halt so, wie er all die folgenden Jahre an Carlottas Seite friedlich geschlafen hatte.

Er atmete tief durch, befahl sich Ruhe, das war er schon seinem Engel schuldig. Was sollte Jennifer denn von ihm halten, wenn er bereits zu zittern begann, wenn noch gar nichts passiert war? Und es würde auch nichts passieren, er hatte alles bestens getimt.

Er hob den linken Arm an, das Ziffernblatt war leicht verschwommen, etwas war mit seinen Augen los. Nicht weiter tragisch, denn als er das Handgelenk ein Stück weiter von sich weg hielt, konnte er Ziffern und Zeiger wie gewohnt gestochen scharf erkennen. Bald Zeit für den »High Tea«, zumindest das Teezeremoniell der Freelings würde Jennifer gefallen.

Pünktlich um fünf versammelten sich die Familienmitglieder um den altehrwürdigen Esstisch in dem nicht weniger ehrwürdigen Patrizierhaus, komme, was da wolle. Um pünktlich zu dieser Teestunde zu kommen, stand sein Vater noch heute mit seinen 76 Jahren in aller Herrgottsfrühe auf. Und Gerds Bruder tat es ihm nach, weil das zur Firmenphilosophie gehörte. Binsenweisheiten huschten Gerd durch den Kopf; sie waren haften geblieben, was kein Wunder war. Sein Vater hatte sich nicht damit begnügt, sie gebetsmühlenartig zu wiederholen, nein, er hatte sie sogar auf jene Kalender drucken lassen, die er alljährlich an die Kundschaft verteilte. Morgenstund hat Gold im Mund Oder: Sich regen bringt Segen und Ein voller Bauch studiert nicht gern.

Schlag fünf Uhr wurde nach getaner Arbeit bei den Freelings die letzte Mahlzeit serviert; die diesen Namen verdiente. Dazu Unmengen von grünem Tee, der gut für die Zähne war. Zum Beweis bleckte Hagen Freeling gern sein Gebiss, das trotz seines Alters noch vollständig erhalten war. Zu essen gab es Sandwiches, einen klebrigen Kuchen mit Nüssen und Datteln, Rohkost, Früchte, diverse Käsesorten sowie ein warmes Gericht, gewöhnlich etwas mit Fisch oder Hülsenfrüchten oder Gemüse der jeweiligen Saison. Danach gab es nichts mehr, mochte einem der Magen auch noch so sehr knurren.

»Du hättest dich bei Tisch satt essen sollen«, glaubte Gerd seinen Vater sagen zu hören, als ob es gestern gewesen wäre, und sein Bruder Arno nickte dazu. Ein chronischer Nicker, ja, das war er. Als Junge von zehn, elf Jahren hatte Gerd manchmal gegen dieses Verdikt aufbegehrt oder sich gar heimlich in die Küche geschlichen. Natürlich war er prompt erwischt worden – seinem Vater 3 entging so leicht nichts. Gerd hatte alles zurücklegen müssen, und tags darauf hatte er keine Trinkschokolade zum Frühstück und sonntags keinen Nachtisch bekommen.

Disziplin ist das halbe Leben. Strafe muss sein. Sprüche, nichts als Sprüche, scheinheiliges Getue, nicht mal die Entrüstung, wenn die Presse Hagen Freeling als »harten Hund« charakterisierte, war echt. Diese gnadenlose Härte zählte der Alte insgeheim zu seinen Kardinaltugenden. Er behauptete von sich selbst, ein Praktiker zu sein, gradlinig, treu und konstant. O ja, er wich keinen Bruchteil von seiner vorgefassten Meinung ab, das stimmte. Was er verkündete, kam noch vor dem Evangelium, und niemand in diesem Haus hatte ihm jemals ernsthaft widersprochen.

Was sie wohl sagen würden, wenn kurz nach der geheiligten Teestunde – in spätestens einer Viertelstunde lief der Interregio in Aachen ein – zwei unangemeldete Besucher klingelten? Gerd glaubte die Entrüstung im Gesicht seines Vaters vor sich zu sehen, das nervöse Zupfen seiner Mutter an den Manschetten ihrer Seidenbluse, sommers wie winters trug sie dieses Modell mit langen Ärmeln und Schalkrawatte.

Und sein Bruder? Er würde sich um seine Zigarre betrogen fühlen. Wenn es überhaupt etwas gab, das er in seinem Leben wirklich genoss, dann war es die dicke Havanna in der Zeit zwischen sechs und acht, dazu ein Glas Rotwein. Trotzdem würde Arno nichts von seinem heimlichen Ärger verlauten lassen, davon war Gerd überzeugt. Der Einzige, der ungeniert herauslassen durfte, was ihn bewegte, war und blieb Hagen Freeling. Er durfte alles.

Bis er eines Tages tot umfällt, schoss es Gerd durch den Kopf. Und dann? Würde dann alles drunter und drüber gehen? Gut möglich, sogar wahrscheinlich. In diesem Haus wurde jeder Gedanke vorgedacht und jeder Schritt vorgeplant. Aber gleich würde die Türglocke anschlagen. Ohne Vorankündigung ...

Wer kann das noch sein? Frechheit! Die Leute werden immer dreister ... Luise, das Dienstmädchen, das mit der Familie alt geworden war und mit ihr unter einem Dach lebte, würde endlich öffnen. »Der junge Herr«, würde Luise melden. So nannte sie Gerd seit seiner Geburt vor 51 Jahren. »Und eine Dame«, mochte sie hinzufügen und wohlweislich verschweigen, dass diese Dame blutjung, sehr hübsch und hochschwanger war.

Gerd sah sich Luise zunicken und mit Jennifer an der Hand die Bibliothek betreten, wo man bis zu den Nachrichten um acht zusammensaß. Eine Bombe, sie würden wie eine Bombe einschlagen, und noch ehe die Freelings einen klaren Gedanken fassen konnten, waren sie auch schon wieder weg. Gleich morgen in der Frühe. In der Zwischenzeit konnte nicht viel passieren, diesmal kam der starre Zeitplan der Familie ihm zugute. Nach den Nachrichten zog sich jeder in seinen eigenen Bereich zurück, auch das ein ehernes Gesetz, ebenso wie das Gebot der Gastfreundschaft. Sie würden nicht umhinkönnen, Jennifer über Nacht bei sich aufzunehmen. Sie war die zukünftige Mutter eines Freeling und Gast, eine hervorragende Kombination.

Die Vorstellung, wie sie da saßen und ihn innerlich verfluchten und darauf warteten, endlich zu ihrem gewohnten Rhythmus zurückkehren zu dürfen, der sie stützte wie ein Korsett, amüsierte Gerd nun nachgerade. Köstlich! Mochte sein, dass er sie sogar eine Weile zappeln ließ. Und dann, wenn er endlich mit den Worten »Jennifer braucht ihre Ruhe, entschuldigt uns bitte!« aufstand und sie alle erleichtert seinem Beispiel folgten, brauchte er nur noch beiläufig anzuhängen, was der eigentliche Grund seines Besuchs war: »Ihr habt doch gewiss nichts dagegen, wenn meine zukünftige Frau und ich bis zur Entbindung in Broekhem wohnen? Die Nebenkosten können wir ja dann mit meinen Tantiemen verrechnen, mir wäre es ohnehin lieber, wenn man sie mir für dieses Jahr und auch zukünftig auszahlte.« Gerds Lippen formten die Worte lautlos, eine Art Probelauf, den die Lautsprecheransage unterbrach. In wenigen Minuten liefen sie in Aachen ein. Sein Herz begann schneller zu schlagen.

***

Der Sundgau ist ein kleiner Landstrich südlich von Mulhouse, da, wo das Elsass aufhört, Elsass zu sein. Zeit misst der Sundgauer in Jahren, nicht in Tagen, trotzdem rechnete Janina von Braschke an diesem Morgen zurück, wann zuletzt sie ihre Tochter gesehen hatte. Eine Zeitspanne, die ganz gewiss kleiner als ein Jahr war, viel kleiner. Zuletzt war Carlotta über Ostern hier gewesen, sie war allein gekommen, was nicht weiter ungewöhnlich war. Gerd nutzte ein paar freie Tage gern für einen Abstecher nach Wien oder Mailand, mittlerweile besaß er dort mehr Freunde als in Köln oder seiner Heimatstadt Aachen. Es war in Ordnung, fand Janina, wenn die beiden nicht ständig aneinander klebten, ebenso wie sie jedes Verständnis der Welt dafür aufbrachte, dass ihr einziger Enkel seine freie Zeit nun, wo er so gut wie erwachsen war, lieber mit seinen Freunden als bei seinen Großeltern an einem Ort verbrachte, wo die Zeit stehen zu bleiben schien.

Janina ließ den Küchenkalender sinken, den sie zur Hilfe genommen hatte, um die Besuche ihrer Tochter zurückzuverfolgen, und sah zu dem wolkenlosen Himmel auf. Der Herrgott meinte es gut mit ihr, immer wieder, er hatte ihr den besten Mann der Welt und eine Tochter geschenkt, mit der sie sich noch heute durch eine unsichtbare Nabelschnur verbunden fühlte. Sie waren sich unglaublich ähnlich, Carlottas Vater neckte sie oft damit. »Ihr zwei seid wie Pott und Deckel«, pflegte er gern in seinem rheinischen Dialekt, den er nie vollständig verleugnen konnte, zu sagen.

Udo von Braschke war mit Leib und Seele Rheinländer, bis zu seiner Pensionierung hatte er in Köln gelebt, und für Janina war es die selbstverständlichste Sache der Welt gewesen, dort mit ihm zusammen neue Wurzeln zu schlagen. Dann aber hatte er ihren Traum erfüllt und vorgeschlagen, den Kindern das Haus zu lassen und dorthin umzusiedeln, wo Janina herkam. Hierher. Hier waren ihre Wurzeln.

Ringsum Blumenwiesen, von denen die Ziegen taufrisches Gras rupften. Ursprünglich hatten es Kühe sein sollen, doch das komplizierte EU-Recht erlaubte es ihnen nicht ohne weiteres, eigene Milchkühe zu halten. So entschieden sie sich für Ziegen, außerdem gab es noch zwei Hunde und jede Menge Katzen sowie ein Maultierpony, ganz zu schweigen von den Tausenden von Bienen, die rund um die steinalten Obstbäume summten, und den Vögeln und Schmetterlingen und natürlich den Karpfen. In den Flusstälern von Ill und Largue gibt es Hunderte von Teichen, in denen die Sundgauer ihre Karpfen züchten, einer davon gehörte ihnen selbst. Carpe frite war die Spezialität der Region.

»Was zum Teufel treibst du da, Nina?« Udo war von außen an das Küchenfenster getreten. Er stemmte beide Hände auf das Fensterbrett zwischen ihnen, auf dem ein steinerner Milchkrug stand. Auf dem dicken Schmand bildeten sich die ersten Bläschen, das cremige Weiß kontrastierte mit der fast ledernen Haut der Männerhände. Man sieht es seinen Händen an, dachte Janina zärtlich, dass er Holz hackt und ausmistet und käst und eben alles tut, was zum Leben eines Bauern gehört.

»Du sollst nicht fluchen«, erwiderte sie laut. »Und mit dem Teufel spaßt man nicht.«

»Warum hast du mich dann geheiratet?« Er stippte einen Finger in den Rahm, schleckte ihn ab, grunzte zufrieden. Niemand, der ihn so sah, brächte ihn mit dem Topmanager eines Chemiekonzerns, der er einmal war, in Verbindung.

»Weil ich dich liebe und mir vorgenommen habe, dich zu einem echten Christenmenschen zu erziehen, bevor sie uns mit den Füßen vorneweg aus dem Haus tragen.«

»Soso, du willst mich also erziehen. Brauchst du dazu einen Kalender? Es ist übrigens noch der alte vom vorigen Jahr.«

»Ich weiß.«

»Und was willst du damit?«

»Nachschauen, wann Carlotta bei uns war. Wie oft.«

»Sie kommt, wann immer es geht, das weißt du doch. Ihr beide seid Pott und Deckel, und was ist schon ein Topf ohne seinen Deckel, hm?« Der Mann beugte sich vor, seine Lippen legten sich geräuschvoll auf die ihren, es war das, was sie ein »Bussi« nannten, herzhaft und liebevoll und diesmal mit Rahm.

»Du Ferkel!« Auch das ganz liebevoll. Janina leckte flugs den übertragenen Milchschnauzbart ab, bevor sie zögernd fortfuhr: »Weißt du, was mir aufgefallen ist?«

»Sag's mir!«

»Dass Carlotta seit ein paar Monaten seltener zu Besuch kommt, genauer gesagt seit Anfang Advent. Und wenn sie kommt, wie beispielsweise zu Ostern, ist sie irgendwie verändert. Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass sie etwas mit sich herumschleppt.«

»Du meinst, sie hätte ein Geheimnis vor dir? Nie im Leben! Du hast ja sogar vor Gerd gewusst, dass Nachwuchs unterwegs war. Erinnerst du dich noch, wie sauer er war, als Carlotta sich verplappert hat und das rauskam?«

»Kann sein, dass es was mit Gerd zu tun hat.«

»Du meinst ... Nachwuchs? Aber ist es dafür bei den beiden nicht schon zu spät?«

»Natürlich bekommt Carlotta kein Baby mehr, das wäre ja auch verrückt. Jetzt, wo sie endlich auch mal an sich und ihre Musik denken darf. Offen gestanden verstehe ich bis heute nicht, woher sie diese Liebe zur Musik hat. Diese Begabung. Von mir bestimmt nicht, ich kann nicht mal im Takt klatschen.«

»Bleibe nur ich übrig. Vielleicht sollte ich in den Männergesangverein von Kiffis eintreten, was meinst du?«

»Unser Weiler hat gar keinen eigenen Gesangverein, und wenn sie einen hätten, würden sie eher unsere Ziegen oder das Pony mitmachen lassen als dich.« Janina lächelte, und wären da nicht die Fensterbank und der Milchkrug, so hätte sie ihren Mann jetzt wohl umarmt und geküsst. Er verstand es immer wieder, sie zum Lachen zu bringen, auch das war eine Gabe, eine von vielen. Ob er sie auf diese Weise ablenken wollte? Wenn ja, dann gewiss nicht ohne Grund. Ihr Mann gehörte nicht zu den Menschen, die Problemen auswichen. Janina beschloss, das Thema Carlotta fürs Erste auf sich beruhen zu lassen.

Wie geplant gesellte sie sich zu Udo ins Freie, gemeinsam versorgten sie das Vieh – zwei Zicklein mussten mit dem Fläschchen gefüttert werden, die Mutter war bei der Geburt gestorben – und brachten am Nachmittag den köstlichen Ziegenkäse, der für sie allein viel zu viel war, sowie ein Dutzend Flaschen mit ebenfalls selbst gemachtem Apfelsaft nach Lutter, wo in einem Gehöft aus dem 17. Jahrhundert eine Hostellerie untergebracht war. Neun Zimmer und dazu das Restaurant, hier war man erpicht auf die Produkte »der kleinen Schmidlin«. In Janinas Heimat wog es mehr, die Tochter vorn alten und schon vor vielen Jahren gestorbenen Schmidlin als ein Doktor der Chemie und Topmanager a. D. zu sein. Udo machte das nichts aus. Nachdem sie noch ein Schwätzchen gehalten und ein Glas Pflaumenschnaps verkostet hatten, radelten sie heim, die abgeholten leeren Glasflaschen klirrten leise in dem hohen Bastkorb an Udos Lenker. Der Korb erinnerte Janina vage an jenen Aufsatz, den zuerst sie selbst und später Carlotta zum Transport ihres Nachwuchses benutzt hatten.

Ob sie sich womöglich doch umsonst sorgte? Hoffentlich!

Am Abend, als jene Stille einkehrte, nach der Janina sich viele Jahre lang heimlich gesehnt hatte, kam Udo von sich aus auf das Thema zu sprechen, das sie am Morgen in gegenseitigem Einvernehmen ad acta gelegt hatten. »Wenn du willst«, sagte er, »fahren wir hin.« Sie wusste sofort, was er meinte, und erneut wurde ihr warm ums Herz. Sie wusste auch, dass er es ernst meinte, obwohl es praktisch ein Unding war, den Hof auch nur für einen Tag zu verlassen.

Seitdem sie hier lebten, gab es keine Reisen mehr, sie vermissten nichts, und die Kinder kamen halt zu ihnen. Sie, die Alten, hatten jetzt immer Urlaub.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Janina nachdenklich. »Ich meine, wenn Carlotta wirklich etwas vor uns geheim hält, dann muss es einen Grund dafür geben. Und wenn sie nicht will, dass wir diesen Grund – falls er nicht nur in meiner Einbildung existiert – jetzt schon erfahren, wäre es einfach nicht richtig, sie zu bedrängen, oder?«

»Du hast unserer Tochter immer vertraut. Und vielleicht braucht sie einfach noch etwas Zeit. Vergiss nicht, zur Hälfte ist sie Sundgauerin, hier braucht alles seine Zeit.«

»Danke.« Diesmal war es Janina, die ihre Lippen zum Kuss spitzte. Im Gegensatz zum Morgen traf sie auf kräftige Bartstoppeln, der Bartwuchs ihres Mannes war beachtlich. Als er noch in Amt und Würden war, hatte er sich zweimal am Tag rasieren müssen. Es pikste, aber dafür gab es wenigstens kein Mauerwerk mehr, das sie trennte. Es wurde ein sehr inniger Kuss, und dann gingen sie eng umschlungen in die Kammer hoch, die ihr Schlafzimmer war. Blick auf die funkelnden Sterne und das fahl glitzernde Band des Flusses, nirgends brannten mehr Lichter, kein Motorengeräusch dröhnte, sogar die Vögel schwiegen. Für die beiden war es das Paradies auf Erden.

***

»Wir sind da, Engel! Wach auf!« Gerd bekam Jennifer nur mit Mühe wach, und wäre der Zugbegleiter nicht so außerordentlich hilfsbereit gewesen, hätte Gerd es wohl kaum geschafft, seine Liebste und obendrein Koffer, Beautycase und Reisetasche nach draußen auf den Bahnsteig zu befördern, wo sich ihrer umgehend ein Gepäckträger erbarmte. Auch das war heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr, Gerd nahm es als gutes Omen. Die Götter waren mit ihm.

»Zum Taxistand, bitte!« Er schob einen Arm unter Jennifers Achsel, um sie besser stützen zu können. Sie war so schläfrig, dass sie noch immer nicht sicher auf ihren eigenen Füßen stehen, geschweige denn gehen konnte. Durch die Wolle ihres Jäckchens konnte er ihre Rippen spüren, es kam ihm vor, als ob sie, abgesehen von dem Bäuchlein, noch dünner geworden wäre. Er würde noch besser auf sie Acht geben müssen, sie war derart unvernünftig, wenn es um ihre Gesundheit ging. Sie folgten dem Träger, wenig später saßen sie in dem Taxi, das sie durch die Altstadt und den Hügel hoch zum Haus der Freelings fuhr.

Als Kind war Gerd davon überzeugt gewesen, dass der Hügel, auf dem sie wohnten, der höchste der Stadt war. Mochte sein, dass diese Einschätzung trog, Aachen war fast überall hügelig, trotzdem war Gerd der Ansicht, dass sein Vater sich vor bald fünfzig Jahren instinktiv den höchsten Platz ausgesucht hatte. Und den vornehmsten. Niemand würde in diesem Stadtteil einen Emporkömmling vermuten. Es wunderte Gerd deshalb nicht weiter, dass Jennifer in Ehrfurcht erstarrte, als sie vor der Nummer 12 hielten. Naturstein, hohe gewölbte Fenster und Türen, Kunstschmiedearbeiten an den Gittern im gesamten Untergeschoss und sogar an den Dachrinnen, ebenso an den vorkragenden Balkonen der beiden Obergeschosse, das Dach spitz zulaufend und von vier extrem hohen Schornsteinen mit pittoresker Silhouette gekrönt.

Selbst die Schornsteine müssen dem Dünkel ihrer Bewohner Rechnung tragen, durchfuhr es Gerd. Höher, größer, mächtiger. Ein Sprichwort kam ihm in den Sinn, das nicht zum Repertoire der Freelings gehörte. Hochmut kommt vor dem Fall. Sekundenlang sah er die steinerne Pracht vor seinen Augen wanken, dann aber rief die Stimme seines Engels ihn in die Gegenwart zurück.

»Wow! Und hier wohnt ihr? Irgendwie sieht das nicht wie ein Haus aus, in dem man einfach so wohnt.«

»Stimmt, ich habe mich als Kind auch immer eher wie in einem Mausoleum gefühlt. Doch für eine Nacht wird es gehen, hoffe ich.«

»So hab ich es nicht gemeint. Es ist prächtig, geradezu königlich.« Jennifers Müdigkeit schien verflogen, ihre eben noch verhangenen Augen blitzten, eine himbeerrote Zungenspitze leckte über die Oberlippe. »Meinst du nicht, wir hätten vielleicht besser anrufen sollen?«

»Angriff ist die beste Verteidigung!« Gerd betätigte den Klingelknopf, der ebenfalls das Werk eines Kunstschmieds war. Jennifer sagte etwas, doch ausnahmsweise hörte er ihr nicht zu, seine gesamte Konzentration war auf das Innere des Hauses gerichtet.

Und schon klangen Schritte auf – um Leichtigkeit bemüht. Man hatte Luise von Anfang an darauf getrimmt, sich so geräuschlos wie möglich zu bewegen. Für das einzige Kind im Haus hatte das ebenfalls gegolten. Hausschuhe aus Filz, und wenn Gerd tatsächlich mal einen Klassenkameraden mitbrachte, was nicht eben oft vorkam, musste dieser Filzpantoffeln überziehen. Wie in einem Schloss. Anderntags hatte es in der Schule die Runde gemacht, rasch war Gerd der Ruf vorausgeeilt, sich für etwas Besseres zu halten. Das stimmte nicht, er war ein Gefangener gewesen, und wer führte schon gern einen Kerker vor?

Ein Schwall goldgelben Lichts schoss durch die Glasfelder der Haustür auf ihn zu, der Facettenschliff ließ das Licht funkeln, die Helligkeit blendete ihn. Die Flügeltür des Herrenzimmers war geöffnet worden. Jetzt gleich, dachte Gerd und spürte, wie sein Mund ganz trocken wurde. Er wollte etwas sagen, räusperte sich, selbst sein Räuspern klang gequetscht. Die Silhouette eines näher kommenden Körpers verdeckte das Licht.

»Was ist?«, hörte er Jennifer fragen. Von weit weg, dabei hielt er doch ihre Hand umschlossen. »Ist was?«

»Da kommt Luise«, murmelte er, »sie hat Arthrose, eigentlich wäre sie längst in Rente, aber ...«, weiter kam er nicht, weil nun die Haustür aufgezogen wurde. Schwarzer Rock, gut kniebedeckt, in der Mitte eine Kellerfalte, die Bluse taubenblau, weil diese Farbe länger frisch aussah als Weiß. Nur wenn Besuch kam, trug Luise eine weiße Bluse. Sein Vater hatte auch diesbezüglich eine klare Rechnung aufgestellt, und alle hielten sich daran, noch immer. Selbst dann noch, wenn sie. sich der Fron längst entziehen konnten. Warum um alles in. der Welt harrte jemand wie Luise hier aus?

»Sie sind es, junger Herr?«

»Wir«, verbesserte Gerd und wünschte sich, Luise hätte wenigstens dieses eine Mal auf eine Anrede verzichtet, die ihn keineswegs jünger dastehen ließ, zumindest nicht im positiven Sinn. Mit diesem »junger Herr« wurde förmlich suggeriert, dass er in diesem Haus auf jenem Stand stehen geblieben war, den er mit achtzehn, neunzehn innegehabt hatte. Unreif, unsicher, mit sich selbst hadernd. Er wollte sich mit Jennifer an Luise vorbeischieben. Es war lachhaft, sich in seinem eigenen Elternhaus über das Dienstmädchen anmelden zu lassen. Jennifer würde es bestimmt lächerlich finden, es nicht verstehen. Doch dann verließ ihn der Mut.

»Ich weiß, dass es schon spät ist«, fügte er hinzu, »aber wir kommen geradewegs aus New York, und Jennifer kann sich kaum noch auf den Beinen halten.« Er fing einen fragenden Blick auf, zumindest schien es ihm so. »Jennifer ist ... sie ist meine Verlobte.«

Darauf ging die Hausangestellte nicht ein, womöglich hörte sie den leiser gesprochenen Nachsatz auch nicht, in ihrem Alter hörten viele Menschen schlecht. Jedenfalls verzog sie keine Miene. »Ich werde den Herrschaften Bescheid sagen.« Sie trat zur Seite, machte den Weg in die Eingangshalle frei. Groß und wuchtig wie alles, überall braun schimmerndes Holz, am Boden und an den Wänden, sogar die Bögen über Fenstern und Türen waren in Nussbaum getäfelt, dazu die gewaltige Treppe mit dem reichen Schnitzwerk und dem moosgrünen Läufer, den Spannstangen aus Messing festhielten. Hinten gab es eine zweite Treppe ohne großen Schnickschnack, die war für das Personal und Lieferanten und früher auch für die beiden Kinder im Haus bestimmt.

Ein Klopfen, schon wurde die Flügeltür zum Herrenzimmer geöffnet, Luise schlüpfte hinein, zog die Tür, wie man es sie gelehrt hatte, hinter sich zu. Nicht ganz, das Schloss rastete nicht ein, das mochte der Tribut sein, den die Angestellte einem Familienmitglied zollte. Murmeln war zu hören, dann die Stimme seines Vaters. Nicht besonders laut, trotzdem unüberhörbar. »Mein Sohn? Um diese Zeit? Er wird etwas ausgefressen haben.«

Gerd zuckte unter diesen Worten zusammen. Beschämend, dachte er, wer bin ich denn? Warum geht es dem Alten nicht in den Kopf, dass er es nicht mehr mit einem Halbwüchsigen zu tun hat, der sich außerhalb der regulären Mahlzeiten in die Speisekammer stiehlt, weil er sonst verhungert, oder aus dem Haus, um auch einmal dabei zu sein, wenn die anderen ihren Spaß haben. Spaß, das Wort erzeugte ein dumpfes Echo in seinem Schädel.

»Sie sollen hereinkommen, junger Herr!« Die Tür wurde nun weit aufgehalten, und Gerd trat hindurch, fast schon war es ein Stolpern.

»Bedaure, wenn ich euch störe«, sagte er und gab sich Mühe, die Worte souverän und eine Spur zynisch klingen zu lassen. »Ich komme geradewegs aus New York, wir kommen aus New York, wir werden euch auch ganz gewiss nicht lange zur Last fallen. Nur eine Nacht.«

»Du hast also deine Frau mitgebracht?« Die Frage kam aus dem hochlehnigen Sessel rechts vom Kamin, in dem Gegenstück links saß Arno, die Zigarre in der Hand, leicht vorgerückt auf seinem Sitz, offenbar irritierte ihn der späte Besuch seines Bruders. Fast konnte es einem Leid tun, wie er von Gerd zu seiner Zigarre sah, hin und her.

»Ja«, antwortete Gerd, »nein, also das ist so.« Er stand noch immer an der Tür, trat nun ein Stück weiter vor, damit Jennifer ihm folgen konnte. Sie hatte seine Hand losgelassen, er wandte sich nach hinten. Sie würden schon sehen ... wenn sie Jennifer erst sahen ... so zart und zerbrechlich und obendrein guter Hoffnung ...

»Hast du jetzt schon Schwierigkeiten, die simpelsten Dinge auf den Punkt zu bringen? Du wirst doch wohl wissen, ob sich Carlotta in deiner Gesellschaft befindet oder nicht.«

»Carlotta ist nicht bei mir, ich ...«

»Hätte mich auch gewundert«, fiel sein Vater ihm ins Wort. »Und was treibst du während des laufenden Semesters allein in New York? Ich hoffe nicht, dass sie dich aus deiner piekfeinen Musikakademie rausgeschmissen haben ...«

»Ich war nicht allein in New York.« Diesmal schnitt Gerd dem alten Mann das Wort ab. Auf gar keinen Fall wollte er, dass hier sein Rausschmiss thematisiert wurde. Festgehalten in seiner Personalakte, schwarz auf weiß, bei jeder neuen Bewerbung musste er damit rechnen, dass seine Verfehlung – wie sie es nannten – preisgegeben wurde.

Hatte er deshalb trotz seiner vorzüglichen Examensnoten und etlicher Publikationen – kaum einer seiner Kollegen konnte Vergleichbares vorweisen – noch keine einzige Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch erhalten? Weil er gegen die Hausordnung verstoßen hatte? Das ist Unzucht mit einer Abhängigen, Herr Kollege, so etwas ist uns in all den Jahren noch nicht vorgekommen. Pharisäer, Neider, natürlich beneideten sie ihn glühend. Jeder musste ihn um Jennifer beneiden.

Seine Lippen formten lautlos den Namen Jennifer, während er versuchte, sie im Halbdämmer des an den Eingangsbereich anschließenden Vestibüls auszumachen. In seiner Familie hieß es nicht wie andernorts Diele oder Flur und Treppenhaus, sondern Entree und Vestibül, was keineswegs nur an der Nähe zum Französisch sprechenden Belgien lag. Eine weitere Marotte des Alten, und wehe, einer hielt sich nicht daran.

Seine Mutter musste jetzt im »Petit Salon« sein, wie der Damensalon genannt wurde, bedauerlicherweise lag er ein Stockwerk höher, sodass sie das Klingeln bestimmt nicht gehört hatte. Seine Schwägerin hatte schon vor etlichen Jahren Reißaus genommen, was man ihr kaum verübeln konnte. Nur seine Mutter war geblieben, sie war es nicht anders gewohnt, schließlich ertrug sie Hagen Freeling seit ihrem siebzehnten Lebensjahr. Seine Mutter war weder besonders warmherzig noch mutig, aber zumindest besaß sie ein Gespür für peinliche Situationen und überspielte sie perfekt. Wenn sie eines in dieser Familie gelernt hatte, dann die Fähigkeit, zu überspielen und zu glätten. Gerd wünschte sich, sie käme jetzt die Treppe hinab und nähme an Jennifers Vorstellung teil. Er musste ihnen Jennifer vorstellen. Jetzt. Jetzt sofort. Nur wie? Alles, was er sich zurechtgelegt hatte, erschien ihm angesichts dieses Kreuzverhörs unzureichend, ja geradezu jämmerlich. Wie hatte er auch nur eine Sekunde lang annehmen können, sie kämen ihm entgegen?

»Und mit wem warst du in New York? Warum schaust du dich eigentlich ständig um, als ob dir ein Verfolger auf den Fersen wäre?«

»Kein Verfolger. Jennifer. Meine zukünftige Frau.« Abgehackt, und noch immer hatte er Jennifer nicht entdeckt. Sie musste sich versteckt haben. Kein Wunder bei dieser Familie.

»Mademoiselle ist auf der Toilette«, raunte ihm Luise zu, offenbar hatte sie Jennifer den Weg dorthin gewiesen. Je weiter die Schwangerschaft fortschritt, desto öfter musste sie ihre Blase entleeren, Aufregung tat ein Übriges.

»Madame«, verbesserte er und begann zu erklären, wollte die Zeit bis zu Jennifers Auftauchen nutzen, um goldene Brücken zu bauen. Womöglich hatte sie von dem unwirschen Empfang seines Vaters ja gar nichts mitbekommen. Er redete drauflos, sie sagten nichts, rührten sich nicht, kein einziges Geräusch, Totenstille, in die seine Worte Sprengsätzen gleich fielen. Zukünftige Frau ... Mutter meiner Tochter ... in zehn Wochen ... bis dahin ...

»Und was sagt Carlotta dazu?« Hagen Freeling fragte das, die Tonlage beängstigend ruhig, Ruhe vor dem Sturm; Gerds Bruder nickte lediglich. Und was sagt Carlotta dazu?

»Es ist alles geklärt. Friedlich, wie sich das unter zivilisierten Menschen gehört.« Gerd wollte ihnen mit dieser Formulierung nahe legen, sich ebenfalls wie zivilisierte Menschen zu verhalten, zumal er nun im Vestibül Jennifers hellen Schritt hörte. KLICKKLACK, in New York hatte sie sich mindestens vier Paar neue Schuhe gekauft, und alle mit hohem Absatz und sich kreuzenden Riemchen über dem Fußgelenk, wie es derzeit Mode war, eine Art Ballerinaschuhe mit Pfennigabsätzen. »Ich will doch nicht, dass du dich für mich schämst!« Ihre alten Turnschuhe hatte sie in den Müll geworfen, strahlend wie ein Kind: »Die brauche ich jetzt nicht mehr.«

Luise brachte den Imbiss, wobei der Alte betonte, dass sie normalerweise längst Feierabend hätte. Eine alte Frau, die unter Gerds Egoismus zu leiden habe, lautete die Botschaft. Es brachte nichts, dass Gerd auf den Flugplan hinwies, für den er kaum verantwortlich war. Ein richtiger Freeling timte die Dinge stets so, dass sie passten. Er war eben kein richtiger Freeling; und er war froh darüber, heilfroh, nur laut sagen konnte er das nicht. Nicht jetzt, schon aus Rücksicht auf Jennifer nicht, die nur noch etwas trinken und essen und dann schlafen musste. Die Übernachtung war der nächste Punkt, und dann kam der eigentliche Grund seines Besuchs: Ihr habt doch bestimmt nichts dagegen, wenn meine zukünftige Frau und ich bis zur Entbindung in Broekhem wohnen? Die Nebenkosten können wir ja dann mit meinen Tantiemen verrechnen ...

»Wo soll ich servieren?« Luise mit dem wuchtigen Silbertablett, an dem keine Stelle matt oder gar schwarz angelaufen war. Darauf ein großer und zwei kleine Teller sowie Besteck und Serviette, beides mit den geschnörkelten Initialen H. F., Hagen Freeling. Auch das Silber und die Wäsche waren an die fünfzig Jahre alt. Vor fünfzig Jahren hatte der Alte begonnen, das Bild einer Dynastie zu zimmern, deren Wurzel er selbst war und deren Äste bis hinauf in den Himmel ragen sollten. Freelings for ever und überall, am Körper jedes Gentleman, der auf sich hielt, und ebenso hier. Made by Hagen Freeling. Markenzeichen. Brandzeichen. Gerd verspürte ein Brennen in der Speiseröhre, sein Magen rebellierte, alles in ihm wehrte sich. Vielleicht wurde es besser, wenn er etwas aß.

Auf dem großen Teller, den Luise auf Geheiß von Hagen Freeling auf dem Tisch, an dem die beiden Männer gewöhnlich ihre Schachpartien absolvierten, abstellte, lagen zwei Schnitten Roggenbrot, einmal in der Mitte durchgeschnitten, mit Käse exakt bis zum Rand belegt, die abgeschnittenen Reste wurden fürs Gratin benutzt, das es einmal die Woche gab. Kein Gürkchen, keine Tomate, nicht mal ein Stängel Petersilie dazu. Es war erbärmlich, jeder Bissen war eine Qual, das aufwendige Drumherum der blanke Hohn. Gerd schmeckte Magensäure, wollte sie mit dem blassgrünen Tee vertreiben, doch auch der Tee war bitter. Seine Mutter war bestimmt schon zu Bett gegangen, sonst wäre es vielleicht anders gelaufen.

Noch während Jennifer aß, bekam sie ein Gästezimmer für die Nacht zugewiesen. Ein Stockwerk unter seinem eigenen Zimmer, es war kein Denken daran, zusammen in einem Bett schlafen zu wollen. Hoffentlich sah sie das ein. Gerd warf ihr einen hektischen Blick zu, sie hatte die Käsescheibe von ihrem Brot genommen und knabberte daran, Butter klebte an ihren Fingern, das Brot ließ sie liegen.

»Ich dachte, sie hätte Hunger?«, fragte sein Vater ihn.

»Nicht auf Brot.« Jennifer gab die Antwort selbst, sie war es nicht gewohnt, andere für sich reden oder gar über sich bestimmen zu lassen. »Ich mag nicht gern Brot, nur wenn es süß ist, Rosinenplatz oder so, aber noch lieber mag ich diese süßen Teeküchlein, die wir immer in New York hatten.« Jennifer ging dem Alten voll in die Falle, bestätigte ihn in sämtlichen Vorurteilen. Zuletzt war Gerd so durcheinander, dass er vergaß, nach dem Sommerhaus und seinen Tantiemen zu fragen. Morgen, dachte er, morgen früh, in aller Herrgottsfrühe, wenn der Alte seine getrocknete Pflaume für die Verdauung und dazu ein Glas lauwarmes Wasser zu sich nimmt, hinterher zwei Tassen Tee und Porridge, .das am Vorabend mit Wasser für ihn angesetzt wurde und wie grauer Kleister aussah und auch so roch.

Gerd träumte in dieser Nacht – der ersten seit langem, die er allein verbrachte – von Kleister, der ihn festpappte, sich nicht lösen wollte, egal wie viel Mühe er sich auch gab. Carlo, hilf mir! Er rief immer wieder nach Carlotta, bis sie endlich kam. Süßer Duft, die Arme voller Blumen, ein beschwichtigendes Lächeln um die Lippen und in den Augen. Sie beugte sich vor, er wollte nach ihr greifen, tat es, da war sie fort, und er wachte auf. Schweißgebadet, alles war nur ein Traum, ein Albtraum. Immerhin hatte Carlottas Erscheinen im Traum ihn gerade noch rechtzeitig geweckt. In spätestens einer Viertelstunde gingen sein Vater und sein Bruder aus dem Haus. Er musste sich sputen.

***

Carlotta wusste nicht, wann ihre Freundin aus Hamburg zurückgekommen war. Ebenso wenig hatte sie gehört, wie Ingrids Mann heimkam. Dabei hatte sie, als sie mit ihren Vorbereitungen für die neue Lehrveranstaltung anderntags fertig war, zum Ausklang des Wochenendes noch etwas Musik hören wollten und diese extra leise gestellt. Sie hatte Richard Tauber gehört. Ein unglaublicher Tenor, der gemeinsam mit der Sopranistin Vera Schwarz Stücke von Franz Lehár sang: »Zigeunerliebe«, »Fürstenkind«, »Rastelbinder« – die Aufnahmen bewiesen, dass man dem Komponisten bitteres Unrecht tat, wenn man seine Musik zur Schnulze degradierte. Seine Operetten waren gefällig, das schon, sie schmeichelten sich ins Ohr und vermochten Carlotta zumindest zeitweise in ein Zauberland zu entführen, in dem auch ihr eigenes Sehnen ein Echo fand.

In der Nacht von Sonntag auf Montag hatte das jedoch nicht funktioniert, vielleicht weil der Schmelz und das Jauchzen in der gedrosselten Lautstärke erstickten. Gehört hatte sie wie gesagt trotzdem nichts von Ingrids Heimkehr, und als sie ins Bett ging, war die Unruhe mitgekommen, gleichsam als ob das Unglück, das sie selbst ereilt hatte, um sich greifen würde, sobald man ihm eine Chance bot. Ingrid tat das. Sie riskierte ihren Ehefrieden – von Glück konnte man in diesem Fall wohl kaum reden – für nichts und wieder nichts. Was durfte sich eine Frau mittleren Alters schon von einem Besuch in einem Etablissement wie dem »Café Käfer« erwarten? Nichts, nichts Gutes jedenfalls. Die Sorge, was die Freundin tat, könnte sich rächen, hatte sich in düsteren Traumbildern niedergeschlagen. In Carlottas Traum gab es den Ehezwist schon, lautstark ausgetragen, so laut, dass sie ihn zu hören glaubte, was erst recht absurd war, weil zwischen den beiden Häusern gut und gern zweihundert Meter lagen. Nichtsdestotrotz war Carlotta im Traum Ohrenzeugin einer üblen Auseinandersetzung geworden, die in einem Hilfeschrei gipfelte.

»Carlo, hilf mir! So hilf mir doch!«

Davon wachte sie auf. Sie wollte schon aufspringen und losrennen, als die Wirklichkeit die Traumgespinste einholte. Draußen war alles ruhig, wenn man vom Vogelgezwitscher absah, durch die Terrassentür stahlen sich zaghaft die ersten Sonnenstrahlen, auch dieser Montag versprach ein sonniger Tag zu werden., Trotzdem schlug ihr Herz wie verrückt, die Nackenmuskulatur angespannt, alles in ihr war auf dem Sprung. Carlo, hilf mir!

Sie lehnte sich ins Kissen zurück, befahl sich Ruhe, verfolgte den nachhallenden Hilfeschrei bis zum Vorabend zurück und schalt sich eine Närrin. Wahrscheinlich hatte Ingrids Mann gar nichts von dem kleinen Abenteuer seiner Frau mitbekommen, überdies käme die Freundin niemals auf die Idee, sie »Carlo« zu nennen, nicht mal in höchster Not. Der einzige Mensch auf Erden, der sie so nannte oder vielmehr genannt hatte, war Gerd.

Und wenn er um Hilfe gerufen hatte?

Die diffusen Angstbilder verdichteten sich schlagartig, einige Sekunden lang konnte sie nicht mehr klar denken, spürte nur noch Panik und den Wunsch, Gerd zu Hilfe zu eilen, wo immer er sich auch gerade befand. Dann fiel ihr wieder ein, dass er nicht allein war. Es gab jetzt eine andere Frau, die für ihn zuständig war und ihm helfen durfte. Bei allem und jedem, das galt auch, wenn er einen Durchhänger hatte.

Gelegentlich kam das vor, früher sehr viel häufiger als in jüngster Zeit, am schlimmsten waren für Gerd stets die Intervalle des Wartens gewesen. Warten auf ein Examensergebnis. Warten auf die Entscheidung, wer den begehrten Lehrstuhl oder Forschungsauftrag bekam. Warten auf die Besprechung einer wichtigen Publikation. Gerd konnte nicht gut warten. Wenn er warten musste, fiel er in ein Verhaltensmuster zurück, das ihr einmal Angst eingejagt hatte. Damals war sie ja selbst noch ein halbes Kind gewesen, hatte wie Gerd auch an der Uni gebüffelt und Scheine gemacht und Pläne geschmiedet; allerdings konnte sie sich nicht darauf besinnen, sich jemals sonderlich um ihr eigenes Fortkommen gesorgt zu haben. Stattdessen hatte sie sich um Gerd gesorgt, geradezu mütterliche Gefühle entwickelt, wenn er wieder mal nicht geschlafen hatte und sich anderntags wegen irgendeiner Nichtigkeit infrage stellte. »Schau mich an, ich kriege nicht mal diesen dämlichen Fahrradschlauch repariert. Weißt du, wie mein Vater das nennt? Lebensuntüchtig nennt er so was, und vielleicht hat er sogar Recht damit. Wenn die Klausur auch noch daneben ist, bin ich aufgeschmissen.« Natürlich war die besagte Klausur nicht daneben, auch keine andere; Gerd hatte die besten Noten eingeheimst, und wenn es nicht im ersten Anlauf klappte, ackerte er so lange, bis er in der Endnote doch noch sein »summa cum laude« ergatterte.

Wie kam sie nur darauf, ihm könnte etwas fehlen? Diese Phase war längst überwunden, aus dem Zweifler war im Lauf der Jahre und Jahrzehnte ein höchst selbstbewusster Mann geworden. Insgeheim hatte sie sogar gehofft, eines Tages würde Gerd innerlich stark genug sein, um wieder intensiver den Kontakt zu seiner Familie zu pflegen. Eine Aufgabe, die er bislang Oliver überließ. Oliver war der Einzige, der regelmäßig nach Aachen fuhr, mindestens einmal die Woche mit den Aachenern telefonierte und auch keinen Hehl daraus machte, dass er nach dem Studium in die Fußstapfen seines Großvaters treten wollte. Oliver sprach stets mit einem Unterton von Bewunderung von Hagen Freeling. Was sich von Gerd gewiss nicht behaupten ließ, bei ihm klang etwas anderes durch, etwas, das Carlotta nie so ganz hatte wahrhaben wollen. Womöglich weil sie nicht verstehen konnte, wie das Band zwischen Eltern und Kind derart dünn sein konnte, zum Zerreißen gespannt.

Ob Gerd seine Familie schon eingeweiht hatte?

Ob es eine zweite Hochzeitsfeier geben würde?

Gleichzeitig mit der Taufe?

Es konnte nicht mehr lange dauern, bis das Kind geboren wurde, höchstens noch ein Vierteljahr. Die Scheidung konnte sogar noch vorher erfolgen. Carlotta fragte sich nicht zum ersten Mal, warum sie sich auf eine Lüge eingelassen hatte. Gerds Anwalt hatte sie gebeten, dem Gericht zu bestätigen, dass sie und Gerd bereits ein Jahr lang von Tisch und Bett getrennt gelebt hätten, wenngleich unter einem Dach, der Jurist hatte bereits den entsprechenden Dreizeiler für sie zu Papier gebracht. Dem Ungeborenen zuliebe, hatte es in dem vorangegangenen Telefonat geheißen. Der Text selbst in trockenem Juristendeutsch, und sie, Carlotta, hatte unterschrieben, weil es darauf nun auch nicht mehr ankam. Gerd war bereits ausgezogen, das erste Weihnachtsfest ohne ihn hatte ihr das Herz zerrissen, dazu das Täuschungsmanöver vor ihren Eltern. Sie litt darunter, die beiden zu belügen beziehungsweise ihnen die Wahrheit vorzuenthalten. Jeden Tag schob sie die Enthüllung aufs Neue vor sich her. Zuletzt war sie Ostern bei ihren Eltern im Sundgau zu Besuch gewesen, ohne Oliver, die Gelegenheit war günstig gewesen, doch dann hatte sie erneut gekniffen. Dieser Friede, diese Schönheit, draußen wie drinnen, und sie hatte es einfach nicht fertig gebracht, den letzten heilen Ort in ihrem Leben zu vergiften. Also war sie wieder abgereist, ohne ein Wort über die Lippen gebracht zu haben. Nächstes Mal, hatte sie sich vorgenommen, und seitdem schob sie den nächsten Besuch bei ihren Eltern hinaus, obwohl es sie andererseits mit allen Fasern ihres Herzens dorthin zog.

Du weißt einfach nicht, was du willst! Sie murmelte die Worte, während sie das Bettlaken zur Seite schlug und sich aufzustehen zwang. Es wurde Zeit, und sie verabscheute Hetze, außerdem musste sie noch das Frühstück richten und Oliver aufschreiben, was sie diese Woche an Lebensmitteln und Getränken brauchten. Er erledigte alle größeren Einkäufe für sie, seitdem sein Vater fort war, dabei war seine Zeit auch so schon knapp genug bemessen. Und alles, was er tat, war sinnvoll, das galt ebenso für den Zivildienst, den er im Seniorenheim ableistete, wie auch für seine Mitarbeit im Jugendchor; nebenbei besuchte er noch einen Spanischkurs und einen zweiten in Datenverarbeitung, weil ihm beides beim Studium nützlich sein würde. Sie konnte stolz auf ihren Sohn sein. Sie war stolz auf ihn.

In der Küche brühte sie mechanisch den Kaffee von Hand auf und gab jeweils eine Prise Salz und Zucker zu. Gerd hatte ihren Kaffee zu schätzen gewusst, zumindest hatte er das behauptet: »Du machst den besten Kaffee der Welt, gemessen an der Lurche in unserer Mensa ist dein Kaffee einfach göttlich!« Sie wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, eine Kaffeemaschine anzuschaffen, ebenso wenig wie einen Eierkocher, obwohl das Endergebnis heutzutage vermutlich nicht voneinander zu unterscheiden war. Wie gewohnt setzte sie als Nächstes den Stieltopf mit Wasser auf, wartete, bis es Bläschen warf, und gab vorsichtig mit einem Löffel drei Eier hinein, stellte die Eieruhr und merkte buchstäblich in letzter Sekunde, dass sie schon wieder ein Ei zu viel kochte. Rasch nahm sie das dritte Ei aus dem simmernden Wasser, bevor Oliver etwas merkte.

»Morgen, Mama!« Er küsste sie auf die Stirn, wie er das tat, seitdem er sie um mehr als einen Kopf überragte, was etwa seit seinem siebzehnten Geburtstag der Fall war. Anfangs hatte sie sich ebenso wie Gerd darüber amüsiert, mittlerweile war sie es gewohnt. Eine lieb gewonnene Gewohnheit, für die allein es sich lohnte, selbst dann früher aufzustehen, wenn ihre erste Vorlesung später anfing. Mama, du musst das wirklich nicht tun, ich bin schon groß, weißt du! Sie ließ sich nicht darauf ein, verkniff sich aber wohlweislich die Bemerkung, dass sie früh genug würde darauf verzichten müssen, wenigstens ihn noch umsorgen zu dürfen. Für sie stand fest, dass Oliver in Aachen studieren würde. An der Fachhochschule, parallel konnte er dann schon mal in der Firma praktizieren, in der er eines Tages die Position des Chefs einnehmen würde.

»Geht's dir nicht gut, Mama?« Prüfend schob Oliver sie ein Stück von sich weg und musterte sie skeptisch. Verdrehte Rollen, seit ein paar Monaten spielte er ihren Mentor, ermahnte sie, dieses zu tun und jenes zu lassen, besonders Letzteres. Mama, du solltest endlich aufhören, in einer Zeit leben zu wollen, die vorbei ist. Darauf sagte sie gewöhnlich nichts, weil er mit seinen zwanzig Jahren einfach nicht verstehen konnte, wie es in ihr aussah. Lieber tat sie so, als ob nichts Besonderes wäre. Nur die übliche Arbeit und der Ärger mit diesem und jenem Studenten, obwohl sie genau genommen noch nie wirklich Ärger mit ihren Schützlingen gehabt hatte. Nur einmal, ein einziges Mal, als ein Erstsemester ihr die Hauptrolle in dem Musical, das sie gerade einstudierten, hinwarf. Kommentarlos, ohne ein Wort der Entschuldigung. Jennifer war einfach nicht mehr zu den Proben von »Oklahoma« erschienen. Und die Einführungsveranstaltung zur Musikgeschichte hatte Jennifer auch nicht mehr besucht. Knall auf Fall.

Warum war sie nicht sofort misstrauisch geworden? Die Antwort lag auf der Hand: Weil sie, Carlotta, mit einem Fuß im Gestern stand, und genau so musste Gerd sie wahrgenommen haben. Seine Frau verpasste den Anschluss ans Morgen, entpuppte sich als ewig Gestrige.

Carlotta senkte den Blick, sah auf den Filteraufsatz aus ehemals weißer, mittlerweile gelblich verfärbter Keramik. Unten am Fuß war ein Stück abgebrochen und wieder von ihr angeklebt worden, dort, wo der Klebstoff saß, zog sich nun eine braune Zickzacklinie durch die Glasur. Von ihrer Mutter wusste sie, dass der Filter das erste Teil war, das diese als frisch Verlobte für den zu gründenden Haushalt gekauft hatte. Weil Carlottas Vater bereits damals so gerne Kaffee trank; er konnte Unmengen von diesem Gebräu trinken, im Gegensatz zu Gerd schlürfte er sogar noch spätabends sein Tässchen »Schwarzen«. Aus Gerds Sicht musste auch dieser Filter ein hoffnungslos veraltetes Relikt sein, und er hatte es sogar gesagt. »Warum kaufst du nicht endlich mal einen neuen Filter?«, hatte er gefragt, aber sie hatte nur lachend abgewehrt. »Er tut's doch noch, und irgendwie ist er mir ans Herz gewachsen.«

Ihre Hand, die den Filter festhielt, begann zu zittern, entfernte sich von der umsichtig untergehaltenen anderen Hand, es tröpfelte braun.

»Mensch, Mama, was machst du denn da?« Oliver nahm ihr den Filter ab und begutachtete ihn ähnlich skeptisch wie zuvor sie selbst, während er ihn vorsichtig auf einen Unterteller setzte und dann auf der Arbeitsplatte abstellte. »Das altmodische Ding könntest du allmählich auch mal aussortieren.«

»Dann wirf ihn weg!«, erwiderte sie und ergänzte in Gedanken: Am besten packst du mich gleich dazu.

»Irgendwas stimmt wirklich nicht mit dir. Was ist los?«

Sie wusste genau, worauf Oliver hinauswollte. Er konnte gnadenlos sein, wenn es darum ging, seine Thesen zu untermauern. Immer wieder behauptete er, sie scheue sich davor, den Dingen ins Auge zu sehen. Aber sein Vater war kein »Ding«. Wenn sie ihm das entgegenhielt, nahm er es allerdings erst recht als Beweis dafür, dass seine Einschätzung stimmte: »Merkst du nicht, Mama, wie du dir selbst pausenlos Hindernisse in den Weg legst? Das nützt keinem, dir am allerwenigsten.« Dabei schob er das Kinn auf eine Weise vor, die seine Ähnlichkeit mit den Freelings betonte. Ein energisches Kinn, vielleicht sogar eine Spur rechthaberisch, im Gegensatz dazu konnten seine Augen bisweilen regelrecht schwärmerisch dreinblicken. Es waren Gerds Augen.

»Ich fange heute eine neue Lehrveranstaltung an«, wich sie aus. »Mit lauter fortgeschrittenen Semestern, es sollen sogar zwei oder drei Doktoranden dabei sein.«

»Du schaffst das schon.«

»Sicher.«

»Oder machst du dir etwa Gedanken, weil man dich mit Vater vergleichen könnte? Ich gehe mal davon aus, dass man dir eine von seinen Veranstaltungen aufs Auge drückt, irgendwer muss das Loch ja füllen, das er hinterlässt.«

»Dein Vater hat einen völlig anderen Schwerpunkt.«

»Mag sein, aber im Moment geht's ja wohl erst mal darum, seine Studenten weiter zu unterrichten, und da haben sie halt auf dich zurückgegriffen, der Stoff ist da wohl erst mal eher sekundär. So gesehen könntest du sogar von Vaters Ausscheiden profitieren.«

»Das ist geschmacklos.«

»Es ist nur praktisch gedacht, außerdem bliebe so alles in der Familie. Du könntest sogar die Zahl deiner Lehrveranstaltungen aufstocken, die Gelegenheit dazu ist günstig wie nie, schließlich wissen sie an deiner Akademie, was sie an dir haben. Trau dich einfach und freu dich, dass du endlich mal nur an dich denken kannst. Im Herbst bist du mich ja ebenfalls los.«

»Aber ...«

»Kein ›aber‹! Ich verspreche dir auch, dir samstags keinen Wäscheberg anzuschleppen, in Aachen gibt es garantiert einen Waschsalon und eine Heißmangel. Versprich mir, dass du ...«

»... du brauchst dir um mich keine Gedanken zu machen. Wirklich nicht. Und jetzt muss ich los.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Diesmal wollte sie es sein, die ihren Sohn auf die Stirn küsste. Er grinste sichtlich erleichtert, packte sie um die Taille und wirbelte sie einmal rund, ihre Arme schwangen mit, etwas klirrte. Pling. Auf dem Küchenboden lag der Filter. Es hatte den alten Filter erwischt. Sie ging in die Hocke und sammelte die Scherben ein, einzeln, bis Oliver Kehrschaufel und Blech geholt hatte.

»Lass mich mal, sonst schneidest du dich noch. Außerdem wolltest du doch los. Übrigens: Scherben bringen Glück, weißt du doch. Toi, toi, toi!«

»Danke.« Sie mochte nicht glauben, dass es ihr Glück brachte, wenn ihr alter Kaffeefilter in Scherben ging.

***

Oliver beeilte sich, um noch vor seinem offiziellen Dienstantritt im Seniorenheim zu sein. Für die Strecke vom südlichsten Vorort Kölns bis in den Norden der Stadt, wo das Heim lag, benötigte man mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Schnitt eine Stunde, aber mit etwas Glück schaffte er es heute auch eine Viertelstunde schneller. Obwohl er es eilig hatte, wäre er nicht im Traum auf die Idee gekommen, den Van zu benutzen, der dem Chor gehörte und der tagsüber meistens in der nun leeren Garage parkte, wo bis vor kurzem der Wagen seines Vaters gestanden hatte. Oliver wollte unbedingt noch vor der Arbeit seinen Großvater in Aachen anrufen, normalerweise tat er das von zu Hause aus, doch diesmal ging es um seinen Vater und dessen neue Freundin. Vaters zukünftige Frau, verbesserte Oliver sich getreu seiner Devise, die Dinge stets so zu nehmen, wie sie nun mal waren, und das Beste draus zu machen. Das entsprach im Übrigen auch der Denkweise von Hagen Freeling.

Sein Großvater hatte ihm am Vorabend auf die Mailbox gesprochen, er hatte verärgert geklungen, die Nachricht tat ein Übriges. Es geht um deinen Vater und eine gewisse Jennifer, ruf bitte sofort zurück! Sofort war unmöglich, denn als Oliver sein Handy nach dem Auftritt des Chors in Viersen wieder einschaltete und abhörte, war es bereits kurz vor elf und viel zu spät für einen Rückruf. Obwohl Oliver so gut wie nie Probleme mit dem Schlafen und erst recht keine Alpträume hatte, war er in der vergangenen Nacht immer wieder mit dem Gedanken Woher weiß er es? wach geworden. Seine Gedanken hatten einer zerkratzten Schallplatte geglichen, die beim Abspielen nur noch Bruchstücke hergibt: Woher ... von wem ... hätte ich ... doch vorher sagen ...?

Aber wie hätte er seinem Großvater reinen Wein einschenken sollen, wenn sein Vater ihm doch vor seiner überstürzten Abreise im Dezember ausdrücklich das Versprechen abgenommen hatte, nichts zu sagen? Sein Vater hatte gemeint, man solle Olivers Großvater nicht unnötig aufregen. »Du weißt doch, wie er ist. Am Ende nimmt er noch deine Mutter ins Kreuzverhör, wenn er mich nicht zu packen bekommt, und wir sind bis auf weiteres in den Staaten.« In den Staaten hieß in New York. Es gab wenige Menschen, erst recht keine Erwachsenen, die monatelang in eine Weltstadt abtauchten, ohne dort einer Arbeit oder sonst einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen.

Oliver entwertete seinen Fahrschein, half einer hilflos lächelnden Dame am Fahrkartenautomaten, setzte sich auf einen frei gewordenen Platz und stand an der nächsten Haltestelle wieder auf, damit sich eine junge Mutter mit Kind hinsetzen konnte. Bei alldem lächelte er freundlich, wie es seine Art war, doch diesmal war er in Gedanken weit weg. In New York. Er versuchte sich darauf zu besinnen, wann er die letzte Postkarte von seinem Vater erhalten hatte. Mittlerweile war schon ein ganzer Stapel zusammengekommen, sein Vater schrieb ihm im Schnitt einmal die Woche an seinen Arbeitsplatz, umgerechnet auf gut fünf Monate waren das über zwanzig Ansichtskarten. Big Apple, Empire State Building, Rockefeller Center, Freiheitsstatue, World Trade Center, Chinatown, Greenwich Village, Manhattan, das Paar ließ nichts aus, nicht mal den Kitsch. Dabei hatte sein Vater noch bis vor kurzem eine ausgesprochene Aversion gegen alles, was auch nur andeutungsweise nach Kitsch roch. Vorbei! Schnee von gestern!

Erst unlängst war eine Karte eingetroffen, die an Geschmacklosigkeit kaum noch zu überbieten war. Das Hochglanzfoto dokumentierte den Goldrausch des Herrn Trump, vom Lift bis zum Schaukasten glitzerte alles golden, und der kurze handgeschriebene Text versuchte nicht mal, sich von dem künstlichen Pomp zu distanzieren. Von einem weiteren »Ort der Superlative« war die Rede gewesen und dass Jennifer sich wie »Goldmarie« persönlich fühle.

Goldmarie und Pechmarie. Oliver erinnerte sich an das gleich lautende Märchen, an die melodische Stimme seiner Mutter, die es ihm wieder und wieder vorlas. Was war sie in dieser Welt der Superlative? Welche Position gedachte sein Vater ihr zu? Die der Pechmarie?

Halt dich da raus!, befahl Oliver sich. Es bringt rein gar nichts, ihm Vorwürfe zu machen. Das passiert tausend anderen Männern auch, und er ist nun mal besonders labil. Seine Mutter nannte es anders, aber sie hatte ja schon immer die Schwächen seines Vaters heruntergespielt.

Ganz im Gegensatz zu Hagen Freeling, der nichts davon hielt, um den heißen Brei herumzureden: »Dein Vater hat Angst vor der eigenen Courage, so ist das nun mal, und dein Onkel Arno ist nicht viel besser. Kein Rückgrat, nur jede Menge Rosinen im Kopf, aber damit baut man kein Unternehmen wie meines auf und hält es noch viel weniger auf Erfolgskurs. Und ich will nicht, dass mein Lebenswerk über die Wupper geht, hörst du?«

Oliver hatte genickt, als diese Worte das erste Mal fielen, damals war er fast noch ein Kind gewesen. Eines, das sogar im Chaos der Pubertät sein Zimmer aufräumte und sich reinlich hielt und immer erst die eine Sache zu Ende brachte, bevor es eine neue anfing. Das steckte einfach so in ihm drin. »Das sind meine Gene«, befand Hagen Freeling, und dabei blieb es, damit stand die Nachfolge fest.

»Könnten Sie mir wohl gleich beim Aussteigen mit dem Kinderwagen helfen?« Die Frau, die das fragte, saß auf dem Platz, den Oliver eben für sie frei gemacht hatte, auf ihrem Schoß zappelte ein Kleinkind mit Windelpopo, den Buggy hielt die Mutter mit einer Hand fest, in dem Einkaufsnetz schaukelte eine Nuckelflasche, die sie dem Kind immer wieder anbot. Zweimal hatte das Kind die Flasche zu Boden geworfen, und Oliver hatte sie aufgehoben, die Mutter leckte den Sauger nur kurz ab.

»Natürlich helfe ich Ihnen«, antwortete Oliver. mechanisch und fügte nach einem Blick auf die elektronische Anzeige über der Fahrerkabine hinzu: »Ich steige auch aus.«

»Umso besser.« Die junge Frau schien einem Schwätzchen nicht abgeneigt, ließ sich über die Unfreundlichkeit mancher Menschen und das schwierige Alter ihrer Tochter aus – »Keine Sekunde lang hat man Ruhe mit diesem kleinen Teufel!« – und bedankte sich erneut bei Oliver, während sie neben ihm gehend die Rolltreppe ansteuerte.

»Gern geschehen, aber jetzt muss ich die Beine in die Hand nehmen.«

»Arbeiten Sie hier in der Nähe?«

»Ich bin Zivi in den Riehler Heimstätten. Schönen Tag noch!« Und schon stürmte er los, die Zeit wurde knapp; als er in der Verwaltungsetage des Heims ankam, war er ziemlich außer Puste. Zum Glück war er der Erste, er konnte jetzt keine Zuhörer gebrauchen. Während er die Kurzwahlnummer »3« auf seinem Handy drückte – die »2« hatte er für seine Mutter programmiert – und auf die Verbindung wartete, schloss er sein Schrankfach auf. Darin lagen in einem ordentlichen Stapel die aus New York eingetroffenen Postkarten, die oberste war erst vor vier Tagen abgestempelt worden, von Heimkehr war keine Rede. Folglich hielt sich sein Vater noch immer dort auf und rechnete weiter auf sein Schweigen.

Es geht um deinen Vater und eine gewisse Jennifer, ruf bitte zurück!

Was sollte er nur antworten, wenn er nach Jennifer gefragt wurde? Lügen? Abstreiten? Vorgeben, von nichts etwas zu wissen? Das konnte er nicht, sein Großvater vertraute auf seine absolute Loyalität, das war die Basis für alles Weitere. Er saß in der Klemme. Wenn er wenigstens wüsste, wer seinen Großvater über Jennifer informiert hatte. Ob er auch schon von dem Ungeborenen wusste, das sein zweites Enkelkind sein würde?

»Na, endlich!«, dröhnte es in Olivers Ohr. So laut, dass er fast das Mobiltelefon hätte fallen lassen.

»Ich hatte gestern Abend noch einen Auftritt.«

»Den hatte ich auch.«

Oliver schwieg vorsichtshalber. Mit dem Fuß drückte er die Verbindungstür zum benachbarten Büro seines unmittelbaren Vorgesetzten zu, er glaubte Schritte auf dem Gang gehört zu haben. Hoffentlich kam jetzt keiner rein und bekam mit, wie sein Großvater die Wahrheit aus ihm herausholte.

»Hört sich an, als ob du wüsstest, wovon ich rede.«

»Aber ich habe doch gar nichts gesagt«, verteidigte Oliver sich.

»Eben. Wie lange geht die Sache schon?«

»Ich weiß nicht genau.«

»Dein Vater hat dich also zum Stillschweigen verdonnert, ich hätte es mir denken können. Und während du Gewissensqualen ausstehst, platzt er mit diesem unreifen Gemüse bei mir herein und verlangt allen Ernstes, dass ich sein Lotterleben auch noch finanziere.«

»Vater ist bei dir? Bei dir zu Hause?«

»Er war da, mittlerweile dürfte er sich mitsamt seiner Lolita auf dem Weg in unser Sommerhaus befinden. Wird sich wundern, von uns war mindestens vier oder fünf Jahre lang keiner mehr dort. Neulich kam ein Anruf, dass ein Baum die gesamte Zufahrt blockiert. Möglicherweise treiben sich auch Landstreicher dort herum, jemand will einen Hund kläffen und Stimmen gehört haben. Mir soll es egal sein, wenn die neue Bundesstraße gebaut wird, habe ich meine Schäflein so oder so im Trockenen. Das Angebot für meinen Grund und Boden steigt kontinuierlich.«

»Und was will Vater dort? Ich dachte, er wäre in New York.«

»New York ist ein teures Pflaster, und wenn du mich fragst, ist das Pärchen ziemlich abgebrannt. Außerdem erwarten sie in etwa zehn Wochen ihren Nachwuchs, so lange wollen die beiden dort bleiben.«

»Das mit dem Kind weißt du also auch schon?« Oliver war erleichtert, sein Vater konnte ihm nichts vorwerfen. Wenn schon, so wurde andersherum ein Schuh draus. Warum nur hatte sein Vater ihn nicht über seine Absichten informiert? Diese alberne Karte vom Trump Tower konnte er sich an den Hut stecken. Angewidert und hilflos zugleich griff Oliver nach der zuoberst liegenden Ansichtskarte, drehte sie um, las noch einmal die Worte »Jennifer fühlt sich hier wie eine echte Goldmarie«. Er ließ die Karte in den Reißwolf neben den beiden Schreibtischen fallen. Es war unfair, absolut unfair, dabei wusste sein Vater ganz genau, wie schwer es ihm fiel, seinen Großvater zu hintergehen.

»Ja, über das Kind weiß ich auch Bescheid. Das geht nicht lange gut, so viel sage ich dir. Es wäre gescheiter gewesen, wenn du mich rechtzeitig informiert hättest. Zu einer Zeit, als vielleicht noch etwas zu machen war. Jetzt kann man nur noch hoffen, dass dein Vater nicht restlos durchdreht, wenn die Kleine ihm den Laufpass gibt.«

»Vater will sie heiraten.«

»Fragt sich, ob sie das auch noch will, wenn sie erfährt, dass bei mir nichts zu holen ist. Jedenfalls möchte ich, dass du die Sache im Auge behältst. Das war's fürs Erste. Wir können später weiterreden, wenn dein Tarif günstiger ist. Oder du kommst einfach nächstes Wochenende her.« Sein Großvater legte auf, noch bevor Oliver sich zu seinem Ansinnen, »die Sache« im Auge zu behalten, äußern konnte.

In gewisser Weise war Oliver erleichtert, weil nun alles draußen war. Andererseits beunruhigte ihn die Prophezeiung seines Großvaters. Ganz unverkennbar hatte Schadenfreude herausgeklungen, als er von der Baumsperre und den Landstreichern erzählte, die sich in dem leer stehenden Sommerhaus breit gemacht haben könnten. Was nur trieb seinen Vater ausgerechnet dorthin? Ob er wirklich abgebrannt war? Warum suchte er sich dann keinen neuen Job? In seinem Fachgebiet war er einer der Besten, es war schon wiederholt vorgekommen, dass man versucht hatte, ihn an eine andere Hochschule abzuwerben.

»Das kann ich deiner Mutter nicht antun«, hatte sein Vater einmal geäußert, daran erinnerte Oliver sich noch gut. »Warum nicht?«, hatte Oliver gefragt und versucht, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie drei an einem See und umgeben von richtig hohen Bergen lebten. Das Angebot war aus München gekommen, und von dort bis zum Tegernsee oder Chiemsee war es nur ein Katzensprung, diese beiden Seen und den Wallberg kannte Oliver schon aus dem Urlaub. Oliver hatte ein Bild von immer währenden Ferien vor Äugen gehabt, doch der Vater löschte dieses Bild umgehend aus: »Weil deine Mutter mit diesem Haus hier und vor allem mit ihrem Garten verheiratet ist.« Oliver hatte erneut protestiert. »Mama ist mit dir verheiratet«, hatte er gesagt. Ihm war stets bewusst gewesen, wie wichtig seine Mutter den Vater nahm, vielleicht noch wichtiger als ihn selbst. Was wohl daran lag, dass sie seit jeher dazu neigte, sich ganz besonders um Schwächere zu kümmern. Für Oliver bestand schon damals kein Zweifel daran, dass sein Vater schwach war, gleichgültig, wie selbstbewusst er auftrat. Und jetzt bestätigte sich das. Nur schwache Menschen brauchten einen Goldrausch und eine Goldmarie, so sah Oliver das.

»He, was ist denn mit dir los? Hast du Bohnen in den Ohren?« Oliver schreckte auf. Die Tür zum Gang stand offen, im Türrahmen zwei andere Zivis, sie grinsten breit.

»Mit meinen Ohren ist alles okay.«

»Und warum gehst du dann nicht ans Haustelefon? Wir haben gedacht, du wärst noch nicht da, das haben wir auch der Heimleitung gesagt, da oben ist nämlich mal wieder die Festplatte abgeschmiert, und du bist doch der Spezi für so was. Also mach dich auf die Socken!«

Das tat Oliver. Mechanisch überprüfte er den PC der Heimleiterin, es fiel ihm nicht weiter schwer, den Fehler zu finden. Der Umgang mit elektronischen Medien gehörte zu jenem Grundstock an Wissen, den er sich seit Eintritt in die Oberstufe systematisch aufbaute, um gut fürs Studium gerüstet zu sein. Er musste sein Studium gut und vor allem schnell absolvieren, sein Großvater war immerhin schon 76 und hielt für ihn die Stellung.

»Sie sind ein Schatz, Oliver!« Die Heimleiterin war noch ziemlich jung, zumindest gemessen am Alter der Menschen, für die sie verantwortlich war. Trotzdem stand sie ständig mit ihrem Computer auf Kriegsfuß und hielt es wohl für eine Art Zaubertrick, wenn Oliver wie gerade jetzt in null Komma nichts auf ihrer Festplatte für Ordnung sorgte. »Was tun wir nur, wenn Sie im August aufhören?«, fügte sie leicht gequält hinzu.

»Ich bin ja nicht aus der Welt. Nur in Aachen, und am Wochenende bin ich sowieso bei meiner Mutter in Köln.« Oliver lächelte, doch das Lächeln strengte ihn an. Er wäre jetzt am liebsten allein für sich, um das Chaos in seinem Kopf zu ordnen und festzulegen, wie er weiter vorgehen sollte. Er war kein Freund von Schnellschüssen und hasste es, überrollt zu werden, deshalb war er auch ziemlich sauer auf seinen Vater. Andererseits konnte der einem fast schon wieder Leid tun. Oliver sah ihn vor sich, gepflegt und high; seit er mit Jennifer zusammen war, wirkte er eigentlich ständig high und manchmal sogar regelrecht kindisch, was einerseits rührend und andererseits peinlich war. Schon wieder etwas, das nicht klar zuzuordnen war.

Oliver beschloss, sich erst mal auf seine Arbeit zu konzentrieren, dabei gab es zum Glück keine Ungereimtheiten. Sein Dienstplan legte genau fest, was als Nächstes zu tun war. Zuerst begleitete er den Sanitäter und holte drei Senioren zur Tagespflege ab, dann hielt er einen Anfängerkurs »Surfen im Internet«, in der Mittagspause erledigte er einen Großteil der Einkäufe für seine Mutter, das Essen im Heim schmeckte ihm sowieso nicht, er begnügte sich mit zwei Bananen und einem Becher Buttermilch, das ging zudem schneller. Und darauf bereitete er alles für den Tanzkreis am frühen Nachmittag vor, an dem mittlerweile um die zwei Dutzend ältere Damen und ein einzelner Herr teilnahmen. Zuletzt musste er aufräumen und sich vergewissern, dass auch wirklich alle, die sich für den Besuch des Musical-Doms am nächsten Tag eingetragen hatten, mitkommen konnten. Manchmal verschlechterte sich der Zustand eines Heimbewohners binnen weniger Tage so dramatisch, dass jeder Schritt zu viel war, manche starben auch plötzlich. Wieder andere vergaßen einfach, dass sie zugesagt hatten, wenn man sie nicht immer wieder daran erinnerte.

Als Oliver endlich heimkam, blieb ihm keine Zeit mehr zum Nachdenken. Um acht war sein nächster Auftritt, diesmal sangen sie zugunsten der Welthungerhilfe, und er musste noch die beiden Taschen mit Einkäufen versorgen, duschen und sich umziehen. Seine Mutter schien nicht da zu sein, er rief mehrfach nach ihr, dann entdeckte er in der Küche den Zettel: »Bin drüben bei Ingrid, wenn du es eilig hast, steht schon mal was zu futtern für dich im Kühlschrank. Hab dich lieb. Mama.«

Er hatte sie auch lieb, sehr lieb sogar, auch wenn er das vielleicht nicht immer so rüberbringen konnte. Er holte sein Essen aus dem Kühlschrank, nahm sich einen Hähnchenschenkel auf die Hand, zog die Frischhaltefolie wieder ordentlich über dem Teller fest und stellte ihn zurück. Den Rest sparte er sich für später auf. Er liebte dieses kross gebratene Geflügel, und zum Nachtisch gab es Milchreis mit Erdbeeren, dafür hätte er schon als kleiner Junge sterben mögen. Er widerstand der Versuchung, sich ein paar Erdbeeren von der Dekoration zu stibitzen, wie sähe das denn aus? Später, wenn er mit seiner Arbeit fertig war, würde er schlemmen.

Als Carlotta das Haus betrat, blinkte der Anrufbeantworter. Das Display zeigte drei entgangene Anrufe an, und alle stammten von Ingrid. »Ruf mich sofort an, bitte!« Das tat Carlotta, mit zitternden Händen, schlagartig kehrten alle Schreckensbilder der vergangenen Nacht zurück. Aber sie sorgte sich umsonst, ihre Freundin meldete sich ausgesprochen fröhlich, ja geradezu ausgelassen, und als Carlotta wissen wollte, was denn so brandeilig war, spielte sie obendrein die Geheimnisvolle.

»Kann ich dir unmöglich am Telefon sagen, du musst sofort rüberkommen, oder soll ich zu dir ...?«

»Ich komme«, wehrte Carlotta hastig ab. Die Vorstellung, Oliver könnte bei seiner Heimkehr unfreiwillig Zeuge einer schlüpfrigen Geschichte werden, in welche die beste Freundin seiner Mutter verwickelt war, jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Aus der Sicht eines Zwanzigjährigen musste es geradezu pervers sein, wenn eine Frau in der zweiten Lebenshälfte, die alles oder fast alles hatte, was sie sich wünschen konnte, im Dunstkreis der Reeperbahn über ein Tischtelefon wildfremde Männer aufforderte, sich ihrer zu erbarmen. »Aber ich muss erst noch etwas für Oliver zum Essen richten«, fügte sie hinzu.

»Mein Gott! Du tust gerade so, als ob er immer noch ein Baby wäre. Er kann sich ja wohl selbst mal was machen.«

»Er tut genug. Sein Zivildienst geht bis fünf, meistens arbeitet er aber länger, in seiner Mittagspause erledigt er unsere Einkäufe, und abends hat er gewöhnlich einen Auftritt oder eine Probe, heute singen sie in Sankt Augustin.«

»Kein Wunder, dass er noch immer keine Freundin hat. Also, gib Gas!«

Und das tat Carlotta, wenngleich mit gemischten Gefühlen. Während sie Hähnchenkeulen briet und den zum Glück schon vorgekochten Reis noch einmal kurz in heißer Milch aufwallen ließ, das angerührte Puddingpulver einrührte, Eischnee. unterzog und zuletzt die halbierten und leicht gezuckerten Erdbeeren darauf arrangierte, wirbelte durch ihren Kopf ein Tanzpaar, das stetig langsamer wurde und zuletzt im berüchtigten Klammerblues auf der Stelle verharrte.

Wie lange war es her, seit sie selbst so getanzt hatte? Mit Gerd, immer nur mit ihm, natürlich kam für diese Art Tanzen kein gesellschaftliches Ereignis wie etwa der Weihnachtsball der Fakultät oder das Pfarrfest und auch keine Sommerparty in der Nachbarschaft infrage. Weder sie noch Gerd wären je auf die Idee gekommen, sich vor Leuten, die sie kannten und die ihnen ganz bestimmte Erwartungen entgegenbrachten, auf diese Weise zur Schau zu stellen.

Urlaube waren für derlei besser geeignet. Kleine verträumte Gartenrestaurants, in denen zum Tanz aufgespielt wurde, wo niemand auf einen achtete und sich nur der Himmel über ihnen spannte, die Luft lau und verführerisch, dann hatte es auch sie beide nicht länger auf ihren Stühlen gehalten. Das musste zu einer Zeit gewesen sein, als Gerd sie noch »Mein Sönnchen« oder »Meine Einzige« nannte. Ziemlich lange war das her. So lange, so furchtbar lange, trotzdem schmerzte sie der Gedanke daran wie eine frische Wunde.

Mir ist wirklich nicht mehr zu helfen, dachte Carlotta, deckte die nur noch lauwarmen Hühnerkeulen und ebenso die Schüssel voll süßem Reisbrei mit Folie ab, stellte beides in den Kühlschrank, legte einen kurzen Brief für Oliver gut sichtbar auf den Küchentisch und machte sich auf den Weg. Mit höchst zwiespältigen Gefühlen, was sich keineswegs besserte, als sie den Lexus von Ingrids Mann in der Auffahrt parken sah. Wie konnte man nur so leichtsinnig sein? Und rücksichtslos. Dachte die Freundin nicht daran, wie sehr es ihren Mann verletzen musste, wenn er von ihrem Ausflug nach Hamburg erfuhr? Wenigstens daran sollte sie denken, schließlich hatte Ingrids Mann sich umgekehrt in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen, dazu blieb ihm neben seinem Job und seinem Golfspiel gar keine Zeit.

»'n Abend, Carlotta!« Der Hausherr machte ihr auch noch selbst die Tür auf, sein herzliches Lächeln beschämte Carlotta. Sie fühlte sich als Komplizin.

»Wenn ich störe ...«

»Sie stören doch nie, Carlotta. Nur reinspaziert in die gute Stube, Ingrid zieht sich noch rasch um, warum, wissen die Götter, sie sah eben tipptopp wie immer aus. Aber eitel, wie Frauen nun mal sind ... da kommt sie ja schon.« Kurt Kühl fixierte die Treppe, die aus der großzügigen Diele hinauf in den Schlafbereich führte.

Details

Seiten
494
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958243194
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310748
Schlagworte
eBooks Melodram Liebesroman Frauenroman Affäre New York Romantik Feelgood-Roman Sophie Kinsella Petra Hülsmann

Autor

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Titel: Wenn die Liebe Falten wirft