Lade Inhalt...

Das Lächeln der Wölfin

Roman

2016 497 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Nach vielen Jahren kehrt Helene Wolf, genannt »die Wölfin«, in jenes kleine sibirische Dorf zurück, in das sie einst der Krieg verschlug. Als Hebamme stand sie damals täglich an der Seite der Dorfbewohnerinnen. Und doch blieb die unbeugsame Frau stets eine Fremde.

Helene hofft auf ein Wiedersehen mit ihrer Tochter Lara, die sie einst mit dem verheirateten Arzt Viktor zeugte und bei ihm zurückließ. Aber nach all den Jahren steht die Tochter der Mutter unversöhnlich gegenüber. Zu tief scheinen die Wunden, die das Leben schlug. Und doch gibt es etwas, das Helene ihrer Tochter sagen muss: Ein Geheimnis, das ihre Leben verändern wird …

Über die Autorin:

Jo Schulz-Vobach arbeitet als freischaffende Journalistin und Schriftstellerin. Auch wenn die gebürtige Ostpreußin seit 1992 in Österreich lebt und schreibt, sind es die Landschaften der Ostsee, die sie dazu inspirieren, vergangenen Geschichten nachzuspüren. Ihre Romane »Meine Tochter verschwindet« sowie »Die Bernsteinfrau« und »Die Sanddistel«, die die leisen und unbekannten Spuren der deutschen Geschichte vor dem Vergessen bewahren wollen, sind ebenfalls bei dotbooks erschienen.

***

eBook-Neuausgabe April 2016

Dieses Buch erschien bereits 2006 unter dem Titel »Das Geheimnis der Wölfin« bei Knaur Verlag

Copyright © der Originalausgabe 2006 Knaur Verlag. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Dimitry Savin (Haus), BestPhotoStudio (Frau)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-411-5

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: info@dotbooks.de. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Wenn Ihnen dieses Buch gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Das Lächeln der Wölfin« an: lesetipp@dotbooks.de (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

http://blog.dotbooks.de/

Jo Schulz-Vobach

Das Lächeln der Wölfin

Roman

dotbooks.

PROLOG

Der Herbst kommt schnell in diesem Land, erfüllt die Luft mit dem herben Geruch von wildem Thymian und mit dem süßen Verströmen von Blüten und Gräsern vor dem Zerfall, auch mit der Ahnung vom nächsten Winter, der lang und kalt, dunkel und erbarmungslos sein wird wie alle sibirischen Winter.

Fedja hat vor einigen Wochen aus alten Brettern eine Bank gezimmert, die Flächen abgeschmirgelt und mit Leinöl gestrichen und sie dann, schweigend wie oft und mürrisch, weil Victor, der Doktor, ihm den Wodka verboten hat, vor mein Haus gestellt. Da sitze ich nun und sehe dem Dunst zu, der aus den Tümpeln im Moor, aus Wiesen und aus den in der vergangenen Nacht schon gefrierenden Erdkrumen der Felder nach oben steigt. Katharina ist mit einem vollen Korb gekommen und hat sich neben mich gesetzt. Sie riecht nach ihrem immer frischen Hefegebäck und anderem aus ihrer Küche und erzählt in munterem Ton von Onkel Wanja und seinem Rheumatismus, von Afronsija, deren Antrag auf eine Kur endlich genehmigt wurde, und von der jungen Maria, der Frau von Dimitri Asamowitsch, die ihr erstes Kind erwartet und voller Angst ist und auf Zuspruch von mir, der Hebamme, hofft. Katharina erzählt auch von Victor und der zu erwartenden Grippewelle in diesem Herbst, bei der er meine Hilfe brauchen wird.

Und während Katharina redet, denke ich an Lara, die ihrem Vater so ähnlich ist und nun das Erbe der »Wölfinnen« in unserer Familie übernehmen will. Ich erinnere mich an Laras Freundin Albina, die Raissas Schamanenkleidung unter dem prächtigen Wolfsfell trägt, das einmal Raissa, ihrer Urgroßmutter, gehörte, weshalb ich es ihr geschenkt habe. Lara und Albina haben ihre Träume von einem Leben und Lernen in den Wäldern nicht aufgegeben; sie sind heute Morgen aufgebrochen, um Grenzen zu erproben und auch zu überschreiten. Alexej, Laras ehemaliger Kollege, der sie liebt, geradezu schmerzhaft liebt, wie ich in den Gesprächen mit ihm erfuhr, hat sich den beiden Frauen für ein paar Wochen oder sogar Monate angeschlossen. Er ging ganz schief auf dem Pfad vom Haus zur Dorfstraße, wo das Auto geparkt war, die Fotoausrüstung hing schwer auf seiner Schulter. Er wird die Bilder für das von Lara geplante Buch über die neuen Schamanen Sibiriens machen. Der Wind trug Laras fröhliche Stimme und Albinas und Alexejs Lachen, auch das Geräusch des anfahrenden Autos hierhin und dorthin; ihre winkenden Hände waren eine ganze Weile zu sehen, bis das Fahrzeug in einer Biegung verschwand.

Noch lange danach blieb ich vor meinem Haus stehen, die eine Hand wie zum Winken von der Luft festgehalten, mit der anderen leicht auf die mir von Victor aufgedrängte Krücke gestützt. Dicht an mein Knie gedrängt saß Lupa, meine kleine Wölfin, meine Gefährtin langer, stiller Abende in der Wohnküche und meiner kurzen Ausflüge ins Moor oder in den Wald. Lupa, Hüterin meiner Träume und meiner Erinnerungen. Wir blickten gemeinsam zur Straße und dann zum Dorf hinüber, das sich in diese Endlosigkeit zwischen Himmel und Land schmiegt.

An diesem Morgen dachte ich auch darüber nach, dass eine verlorene Heimat sich nie ersetzen lässt und dass dieses Land und die Stadt, in der ich vor langer Zeit geboren wurde und die ich bald darauf verlassen musste, in meinen Knochen, in meinen Augen, in meinen Erinnerungen und in meiner Geschichte nisten, dass ich aber schon so lange in Nowgoje lebe, dass ich die Stärke des Bodens unter meinen Füßen und seine Bereitschaft, meinen Wurzeln neuen Halt zu geben, spüren kann.

Und schließlich erfüllte mich Erleichterung und Zufriedenheit darüber, nach all den Jahren der rastlosen Suche nun meinen Platz gefunden zu haben – hier in Nowgoje, in diesem Sibirien.

»Gut geht es uns, Wölfin«, höre ich Katharina neben mir sagen. Sie legt ihre rundliche, warme Hand auf meinen Arm, ich spüre jeden ihrer kräftigen Finger durch den Stoff der Jacke auf meiner Haut; es ist eine angenehme Wärme. Victors Frau sieht mich mit ihren dunklen, schönen, immer ein wenig geheimnisvollen Mongolenaugen fest an. »Gut geht es uns.«

Und ich erwidere ihr Lächeln. »Ja, gut geht es uns.«

I
Helene

Sie hat niemandem, auch nicht Victor, Bescheid gegeben, dass sie kommt. Deshalb geht sie die paar Kilometer von der kleinen Bahnstation bis zum Dorf zu Fuß. Der Schnee knirscht bei jedem Schritt, und sie geht langsam die kaum erkennbare Straße entlang. Es ist unerwartet windstill, doch sie fröstelt trotzdem, und das Gewicht des prall gefüllten Rucksacks zerrt an ihren Schultern, während die Segeltuchtasche bei jedem Schritt gegen ihre linke Hüfte schlägt. Der Schmerz pflanzt sich fort in Arme und Rücken, wird zum Ziehen und Zerren, der Nacken wird steif, die Schultermuskeln verspannen sich.

Aber sie nimmt das und die Kälte nur am Rande wahr. Das Wiedererkennen der Landschaft und ihrer Unbeweglichkeit, das Knacken der frostigen Luft auf ihrer Haut, in ihrer Nase, in ihrem Mund und schließlich das Zulassen einer noch zögernden, aber freudigen Erwartung, nach ihrer Reise, die eine lange, seltsam unruhige und vergebliche Suche nach einem Ort, der Heimat sein konnte, war, vielleicht hier, in diesem Land Sibirien, dessen Kälte sie kennt, auch seine zuweilen überraschende Wärme, ankommen und bleiben zu können, sind stärker als alle anderen Empfindungen, als alle schmerzhaften Erinnerungen. Stärker – und von einer ungewohnten Wärme, die sie nachgiebig stimmt, fast bereitwillig macht zu vergessen und die Gespenster der Vergangenheit zu vertreiben.

»Zu Hause ankommen«, sagt sie laut. Sie schmeckt diese Worte eisig, aber nach der enttäuschenden Erfahrung in fremden Ländern irgendwie tröstlich wirkend auf ihrer Zunge, auf ihren Lippen. Sie denkt daran, dass ein Zuhause nicht Heimat ist, nicht bedeuten kann, denn Heimat ist dort, wo Wurzeln sind. Und sie ist eine Entwurzelte, eine, die bisher nirgendwo richtig Fuß fassen konnte, weil der Boden ihr nicht genügend Nahrung gab, die Luft nicht zum Atmen reichte. Eine Suchende ist sie, die irgendwo, vielleicht in Amerika, vielleicht in einem europäischen Land, aufgegeben hat, von Müdigkeit überwältigt, und jetzt vom Wunsch vorwärts getrieben wird, wenigstens ein Zuhause zu finden, irgendwo, und dort vielleicht für immer zur Ruhe zu kommen.

Sie sagt sich, dass sie Ordnung schaffen muss, um ankommen zu können. Vor allem das muss geordnet werden, was sie vor mehr als zwei Jahren aus diesem Land vertrieben hat, nein, vor dem sie geflüchtet ist, in Panik fast und mit der Absicht, zumindest räumliche Distanz zu dem, was geschehen war, zu schaffen und sich Neuem zu öffnen. Sie wollte vergessen und gleichzeitig etwas wiederfinden, weshalb sie gereist ist, unaufhörlich auf der Suche. Immer weiter hat sie sich von diesem Land und seinen Menschen entfernt. Doch in ihren Träumen, in ihren Gedanken, in ihren Erinnerungen waren sie ihr so nahe wie in den Jahren, den Jahrzehnten zuvor. Und weil sie nie gereist war, nie eine andere Sprache ausprobiert und keine Erfahrung im Erkunden unbekannter Städte und Landschaften hatte, fühlte sie sich überall fremd, enttäuscht, oft auch überfordert von der Aufdringlichkeit mancher Menschen, die sie, wenn sie ihnen etwas von ihrer Lebensgeschichte offenbarte, als Exotin betrachteten und die Unsicherheit, mit der sie sich ohnehin fortbewegte, nur noch vergrößerten.

Zügig schreitet sie nun aus. In der Ferne, da, wo der schneeschwere Himmel und die Erde sich berühren, kann sie schon die Konturen des weitläufigen Dorfes zwischen Moor und Wald erkennen. Die Häuser ducken sich in die Mulden zwischen aufgeworfenen Schneewällen, von vielen ist gerade das Dach zu erkennen. Silbriger Rauch steigt spiralig aus Schornsteinen auf und zeichnet seltsame Geisterfiguren in die Luft. Und Helene wird plötzlich bewusst, dass sie in der Zeit ihrer Reise die behagliche Wärme der rundbauchigen Kachelöfen in den Wohnküchen sibirischer Häuser, den Anblick glühend roter Herdplatten und zerbeulter Wasserkessel und Töpfe darauf und den Geruch nach Kohl und Fleisch oder Fisch, nach Hefegebäck und nach Wodka, sogar die trunkenen Gespräche zwischen Onkel Wanja und dem alten Fedja, Katharinas weiche Stimme und Victors Bass dazwischen vermisst hat. Sie geht schneller, fast rennt sie jetzt die Straße entlang, wobei das Gepäck schmerzhaft gegen ihren Körper schlägt, und sie beginnt zu schwitzen. Sie atmet stoßweise und sagt laut: »Ich werde alles in Ordnung bringen.« Und ihre Worte klingen in der Weite der stillen weißen Landschaft fast wie eine Beschwörung, die sich gleich einem weichen, sanften Tuch auf alle noch unbeantworteten Fragen und alle Ängste in ihrem Innern legt.

Sie kann das Tempo nicht halten. Kein Wunder, sagt sie sich, ich bin nicht mehr die Jüngste, ich bin vierundsechzig Jahre alt. Also geht sie wieder langsamer und erinnert sich auf einmal an ihre Wanderungen durch Königsberg, ihre Geburtsstadt, die nun einen fremden Namen trägt – Kaliningrad. Ein Name, der die Vergangenheit übertüncht, die Menschen von damals vergessen lässt, auch ihre Geschichten, ihre Schicksale, ihre Sprache. Mehr als fünf Jahrzehnte liegen zwischen dem Damals und der Gegenwart. Fast mein ganzes Leben, wird ihr bewusst. Der Gedanke deprimiert sie, wie diese Zeit sie deprimiert hat, die sie in Kaliningrad verbrachte, zwischen Plattenbauten und Baustellen, im winzigen Garten an der Stadtgrenze, in dem ihre Cousine Henriette, ihre einzige noch lebende Verwandte, ein paar Kartoffeln, ein bisschen Gemüse anbaut, und im hektischen Getriebe auf großen Plätzen und breiten Straßen mit Geschäften, am von russischen Touristen überfüllten Badestrand an der Ostsee oder im neu erstandenen Dom, wo ein junger Mann Vorträge vor deutschen und russischen Besuchern hielt. Königsberg – das ist eine Stadt aus einem anderen Leben, eine Stadt aus einem längst vergangenen Traum, denkt Helene. Kaliningrad, das ist die Wirklichkeit, ist eine Gegenwart, in der sie sich nicht mehr zurechtfindet, in der sie keinen Platz mehr zu haben scheint, das hat sie schon nach wenigen Tagen bei ihrer Cousine erkannt. Erst als sie weiter, viel weiter gereist war, konnte sie wieder mit Sehnsucht an ihre Heimatstadt denken und sie sich für eine Weile sogar als den Ort vorstellen, an dem sie den Rest ihres Lebens verbringen würde, denn Zeit und Entfernung hatten die Tristesse der Plattenbauten, das Bedrückende überall sichtbarer Armut und die Zeichen müder Resignation in den Gesichtern von Menschen ihres Alters schon wieder gemildert, Menschen, deren Schicksal der Geschichte ihrer Cousine ähnelte. Nur noch wenige gebürtige Ostpreußen hatte Helene in Kaliningrad getroffen, vor allem Frauen in ihrem Alter, die den Krieg und seine Folgen überlebt hatten und die untereinander immer seltener Deutsch sprachen. Eine bereits verformte Sprache dünner, zittriger Stimmen war das Deutsch in dieser Stadt geworden; sie klang seltsam fremd in Helenes Ohren. Doch fremd klang auch die Sprache deutscher Touristen, die sich meist in Gruppen über die belebten Plätze von Kaliningrad oder durch Museen schoben und deren Gesprächen sie zuweilen unbeabsichtigt lauschte.

Noch etwa anderthalb Kilometer sind es bis zum Dorfrand. Helene bleibt kurz stehen, um Atem zu holen, geht dann wieder zügig voran, das Denken mit Absicht ausgeschaltet, und meint die Stille im blätterlosen Birkenwald neben dem Weg zu hören, das stete Knistern in den Schneewällen. Sie hört, ohne wirklich zu hören, das gemächliche Dahingleiten des nahen Flusses unter der dicken Eisschicht, das Nagen der Strömung an den Uferrändern, sogar das leichte Stupsen einer Fischnase gegen das Eis. Sie sieht, obwohl die Dunkelheit zunimmt, den winzigen aufgeplusterten unbeweglichen Vogel im dürren Geäst, der ein Bein angezogen hat. Sie sieht das einzelne, von der Kälte zusammengerollte Blatt an einem fernen Baum. Sie riecht die vom Winter aufgebrochene helle, fast weiße Rinde der Bäume, den Atem des Frostes, der alles erstarren lässt. So geht sie und geht, setzt Fuß vor Fuß und spürt kaum noch das Gewicht an ihrem Arm, so konzentriert ist sie auf das, was sie umgibt.

Das Haus, ihr Haus, klein, kaum sichtbar mit seinem tief nach unten gezogenen Dach, steht vielleicht einen halben Kilometer vom Dorf entfernt, dort, wo der Wald sich hier und da ins offene Land streckt und nach den schneebedeckten Feldern und Wiesen fingert. Eigentlich ist es gar kein Haus, denkt Helene, während sie im Näherkommen das Gebäude betrachtet, dessen Konturen bereits in der Dämmerung verschwimmen. Eigentlich ist es nur eine einfache Hütte, aus dicken Holzstämmen grob zusammengefügt, die einst, als Nowgoje noch gar kein richtiges Dorf war, den Holzfällern oder dem einen oder anderen Jäger im Winter als Unterkunft gedient hatte. Mit Moospolstern, die bald spröde wurden und in jedem Herbst erneuert werden mussten, hat Helene damals die Ritzen zwischen den Stämmen ausgefüllt und zuerst alte Teppiche und Decken, die Katharina, Victors Frau, ihr gab, im Innern der Hütte aufgehängt, um die Kälte abzuhalten, bis Victor Holzbretter besorgen konnte und an die Balken nagelte. Und erst später hatte sie mit seiner und Onkel Wanjas Hilfe ebenso dicke Bretter über den festgestampften Boden gelegt und das vorher flache Wellblechdach, auf das im Frühjahr und im Herbst der Regen trommelte, durch ein schräges Schindeldach ersetzt.

Je näher sie dem Dorf kommt, desto schneller geht sie wieder, mit raumgreifenden Schritten eilt sie ihrem im trüben Grau des Tages düster wirkenden Haus zu. Als sie nach Atem ringend innehält und sich mit dem Handrücken übers Gesicht wischt, hört sie in der Ferne den Ruf eines Wolfes. Ohne Zögern, ohne Nachdenken reckt sie den Kopf und antwortet dem sonderbar dringlichen und melodischen Gesang, in dem sich Lust und Klage, Sehnsucht und das Gefühl von Einsamkeit vereinen. Plötzlich hört er auf, so plötzlich, wie er begonnen hat. Und die gefrorene Linie des Waldrands hinter und neben dem einsamen Haus beginnt in der diffusen Dämmerung zu zerfließen, bewegliche, Geistern ähnliche Schatten huschen geräuschlos über die stille Weiße, verharren kurz, um sich dann aufzulösen und in der Schwärze des Waldes zu verschwinden. Helene blickt ihnen nach, auch sie wieder still und plötzlich am ganzen Körper zitternd, nicht vor Kälte, nein. In diesem Moment möchte, will sie lächeln, vielleicht sogar lachen, ihre nach außen drängenden Gefühle in lautes, befreiendes Gelächter fassen. Doch ihre Lippen bleiben unbeweglich, eingefroren, und nur ein Seufzen entweicht ihrem Mund.

Der Frost sitzt im Türschloss, der Schlüssel lässt sich schwer drehen. Das Holz ächzt; es ist wohl lange nicht bewegt worden. Victor schrieb einmal, dass er von Zeit zu Zeit in ihrer Hütte nach dem Rechten schaue. Die Luft, die Helene jetzt aus dem dunklen Innern des Hauses entgegenschlägt, ist eisig und angefüllt mit Gerüchen und Schwingungen, die Abschiede und lange Abwesenheiten erzeugen. Sie riecht Staub und kalte Asche und Mäusedreck, schimmelnde Feuchtigkeit und Vergänglichkeit, doch sie ahnt auch den tröstlich-vertrauten Duft getrockneter Kräuter, die noch immer, wahrscheinlich spröde, zerbrechlich geworden mit der Zeit, in dichten Büscheln an den Balken unter dem Dach hängen. Und sie spürt Leblosigkeit und Einsamkeit, die verlassene Häuser überfallen und die sie nur zögernd und wie staunend wieder aufgeben, wenn jemand unvermutet über ihre Schwelle tritt. Es ist, denkt Helene verwundert, als würde dieses Haus die angehaltene Luft knisternd und ächzend ausstoßen und lange brauchen, um wieder frei atmen zu können.

Sie greift in die Wandnische gleich neben der Haustür, wo früher Kerzen und Zündhölzer aufbewahrt wurden, und ertastet auf dem schmalen Bord einen Kerzenstummel und eine feuchte kleine Schachtel. Während sie noch versucht, eines der Zündhölzer zum Aufflammen zu bringen, ist Victors dunkle Stimme hinter ihr, streift sein warmer, sein fast schon vergessener und auf einmal wieder so vertrauter und lebendiger Atem das bloße Stück ihres Nackens, da, wo es die kleine Lücke zwischen ihrem festen Haarknoten und dem Kragen ihrer wattierten Jacke gibt. Sie muss die Augen schließen, weil ihr schwindlig wird beim plötzlichen Rückwärtsrasen der Zeit und weil alles um sie herum sich verwandelt und verdrängte Schrecken und vergessene Freude Besitz von ihr ergreifen wollen und sie Stimmen und Geräusche vernimmt, die zur Vergangenheit gehören sollten. Sie hält den Atem an; sie hat nicht gewusst, nicht geahnt, dass die Erinnerungen, die mit diesem Ort und seinen Menschen verbunden sind, sie mit solch einer Wucht überfallen werden.

Victor hat ihr die Schachtel abgenommen, und Helene hört ein Streichholz aufflammen und dann das Knistern des Kerzendochts. Ihr Gehör ist plötzlich so geschärft, dass sie auch hört, dass er einige Wachstropfen auf den Boden der Nische fallen lässt und die Kerze darauf festdrückt.

»Ich habe die Wölfe gehört«, sagt er.

Sie spürt, wie er seine Hände, jetzt irgendwie zu groß und zu schwer für ihren mit der Zeit und dem Alter immer schmaler gewordenen Körper, auf ihre Schultern legt und sie zu sich herumdreht. Sie hat ihre Augen noch immer geschlossen, aber sie weiß, dass er sie ansieht; sie kennt diesen Blick, in dem Wärme ist, Erleichterung und Freude, vor allem aber Triumph.

»Und da wusste ich, dass du zurückgekommen bist.«

»Ja«, murmelt sie. »Die Wölfe. Sie haben mich verraten.« Sie macht die Augen auf. Das flackernde Licht erhellt Victors Gesicht, und Helene betrachtet es lange. »Du bist älter geworden«, sagt sie dann.

»Das Leben zehrt auch an mir.«

Er lacht breit, kehlig, vertraut. Seine weißen Zähne ziehen eine helle Furche in seinen Bart. Hier und da kann sie ein wenig Grau in dem braunen Gestrüpp erkennen. Das war noch nicht da, als sie sich damals auf dem Moskauer Flughafen von ihm verabschiedete. Sie legt ihre Fingerspitzen auf die tiefen Falten, die an Victors Nasenflügeln beginnen, sich um seine Mundwinkel biegen und im Bart verschwinden. Ihre Finger sind dünn, fast hager geworden, Spinnenbeinen gleich in diesem breitflächigen, ein wenig groben und dunkelhäutigen Gesicht mit den leicht schräg gestellten Augen über hoch angesetzten Wangenknochen und der kräftigen Nase über dem volllippigen Mund. Alles an diesem Gesicht erscheint ihr für einen Moment neu, weil Zeit und Erinnerungen die Konturen verwischt hatten, bis nur noch eine Fläche blieb. Doch auf einmal ist alles wieder da, und selbst im flackernden Licht einer einzigen Kerze kann sie jede Falte, jede Pore, jeden Fleck auf seiner Haut sehen, den leicht spöttischen Schwung seiner Mundwinkel und die vielen Fältchen unter und seitlich an seinen Augen, die vom Lachen kommen und haarfein sind und sich hell von seiner übrigen Haut abheben.

»Du bist lange fort gewesen, Wölfin«, sagt er.

»Ja. Jahre.«

»Aber nun bist du zurückgekommen.«

Seine dunklen, glänzenden Augen sind auf sie gerichtet, scheinen das flackernde Licht der Kerze einzufangen. Wie in einem Spiegel sieht sie sich in diesen Augen, klein und verzerrt, ihr seltsam verflachtes, großäugiges Gesicht ihm näher als ihr verkürzter Körper.

»Ich habe dich vermisst.«

»Ich gab mir Mühe, dich zu vergessen«, sagt sie. »Dich und die anderen hier in Nowgoje.«

»Ich habe nie verstanden, warum du gehen musstest.«

»Es genügt, dass ich es wusste.«

Victor greift nach ihren Händen. »Aber du bist zurückgekommen. Und du wirst bleiben.« Sie schweigt, und er beugt seinen Kopf über sie, um in ihrem ihm zugewandten Gesicht zu forschen. »Für immer. Ich spüre das.«

Sie hebt ihre Schultern. »Typisch Victor«, sagt sie, und in ihrem Mund ist auf einmal ein bitterer Geschmack. »Du stellst keine Fragen, du bestimmst einfach. Du hast dich nicht verändert. Du …«

Er hört ihr nicht zu, er hat ihr nie richtig zugehört. Seine Stimme ist lebhaft, als er sie unterbricht: »Die Familie wird sich freuen. Alle werden sie sich freuen, Katharina, Onkel Wanja, Olga, die Kinder, alle Nachbarn.«

Sie starrt auf die Kerze in der Nische. Es ist eine einfache Kerze, die Helene vor langer Zeit aus Wachsresten selbst gezogen hat.

»Wirklich alle, Victor?«, fragt sie, obwohl sie gerade das nicht fragen wollte. Lara, denkt sie, während ihr Herz zu klopfen beginnt. Was ist mit Lara? Warum nennst du, wenn du schon die anderen aufzählst, nicht auch den Namen meiner Tochter?

»Ja, auch Lara«, erwidert er in diesem heiteren Ton, der schon früher oft an ihren Nerven gezerrt hat. »Ich werde sie in Surgut anrufen und erzählen, dass du wieder da bist, gleich morgen früh. Sie kommt – sie kommt bestimmt!«, fügt er eifrig hinzu.

»Nicht einmal du bist dir dessen sicher, Victor.«

»Doch, doch! Ich bin mir sicher! Aber jetzt ist erst einmal wichtig, dass du wieder nach Hause gekommen bist.«

Er redet drauflos, drückt und reibt ihre eiskalten Hände, die plötzlich schmerzen. Der Schmerz strahlt in ihre Arme aus, umklammert ihre Brust, während sie ihre Ohren vor Victors Stimme verschließt, denn nicht nur ihr Verhältnis zu ihm und seiner Frau, auch das zu Lara gehört zu jenen Dingen, die sie in Ordnung bringen muss, bevor sie sagen kann: Ich bin zu Hause angekommen.

In der Nähe ruft wieder ein einzelner Wolf. Victor hört auf zu reden, und auch Helene lauscht dem lang gezogenen Ton. Sie spürt mit Erleichterung, dass die Anspannung in ihrem Körper sich zu lösen beginnt, und lehnt sich ohne nachzudenken gegen Victor.

»Die Wölfe«, flüstert er, seinen Mund sanft an ihre Stirn gelegt. »Damals hat man fast das ganze Rudel abgeschossen, erinnerst du dich? Die letzten verschwanden, nachdem du fortgegangen warst.«

»Die Leute werden viel zu reden gehabt haben, nehme ich an.«

Victor lacht; sein Atem ist warm auf ihrer Haut. »Du weißt doch, wie sie sind. Es gibt hier im Dorf nicht viel Abwechslung, da spricht man eben über alles. Dass du nach all den Jahren doch noch weggegangen bist, war lange Zeit Gesprächsstoff.«

»Sie werden sich die Mäuler über die Wölfin zerrissen haben.«

Er schiebt sie ein wenig von sich, um wieder in ihr Gesicht zu sehen. »Das klingt bitter.« Sie zuckt mit den Schultern. Victor will sie wieder an sich drücken, doch als ihr Körper sich versteift, lässt er sie los. »Ach was!«, meint er dann. »Du bist zu empfindlich. Du hast lange genug in Nowgoje gelebt, um zu wissen, wie die Leute hier sind. Die Stadt ist weit. Und wie überall auf dem Land sind wir hier oft noch abergläubisch und von dem Glauben besessen, dass Wölfe unser Vieh, unsere Vorräte und Kinder stehlen. Nicht nur die Alten glauben auch heute noch immer ein bisschen an Geister und Dämonen in den Wäldern.« Wieder lacht er, es klingt gutmütig und auch eine Spur spöttisch. »Und du kamst damals aus dem Wald, mitten im Winter und lautlos und in dieser seltsamen Kleidung und mit dem Wolfsfell darüber, sodass man nicht wusste, war das ein Mensch oder tatsächlich ein Geist.«

»Es waren Raissas Sachen, die ich trug«, sagt Helene in scharfem Ton. »Ich besaß nichts anderes.«

»Die Schamanin, ich weiß«, erwidert Victor, unbeeindruckt von ihrem Ton. »Die alte Hexe!«

»Ohne Raissa hätte ich nicht überlebt, damals – nach der Flucht aus dem Lager.«

Er legt erneut, vorsichtig jetzt, beide Arme um sie, und ein paar Herzschläge lang überlässt sie sich ihm, lässt sich wiegen, sachte hin und her, dann tritt sie zurück. Nun stehen sie wieder voneinander entfernt in dem engen Flur, dessen Decke so niedrig ist, dass Victors Haare fast den Querbalken streifen.

»Für die Leute in Nowgoje warst und bist du die Wölfin. Die Frau, die mit den Wölfen redet und singt. Und sie haben nach wie vor Respekt vor dir.«

»Warum nennst du es nicht beim richtigen Namen, Victor?«

Er zuckt mit den Schultern und grinst sie vielsagend an. »Nun ja – sogar ich war erschrocken, als ich dich in diesem komischen Aufzug so plötzlich aus dem Wald kommen sah.«

»Aus einem ganz bestimmten Grund, nehme ich an«, sagt sie bitter. »Du hattest nicht damit gerechnet, dass ich dich suchen und nach Nowgoje kommen könnte.«

»Richtig«, gesteht er. »Aber dann habe ich …«

»Ach, sei doch ruhig!«, unterbricht sie ihn. »Für dich und die anderen bin ich doch noch immer die Deutsche, die Faschistin, obwohl ich seit fast fünf Jahrzehnten in Sibirien lebe, vierzig Jahre davon in Nowgoje.«

»Du selbst hast das gewollt, Jelena, vergiss das nicht«, erinnert er sie in versöhnlichem Ton. »Du hast nie viel für das Anpassen übrig gehabt. Wir Nowgojer haben das respektiert, und ich denke, das ist auch eine Art von Akzeptanz.«

Als er seine Jacke auszieht, wendet sie ihm den Rücken zu und verschränkt die Arme vor der Brust.

»Du brauchst dich nicht auszuziehen«, sagt sie böse. »Du solltest nach Hause zu deiner Katharina gehen und mich in Ruhe lassen.«

Einen Moment lang schweigt er, dann fragt er leise: »Meinst du nicht, dass dein Urteil zu hart ist? Vergiss nicht die Menschen, die dir sehr zugetan sind. Katharina zum Beispiel.«

Sie spürt ihn dicht hinter sich und hebt abwehrend die Schultern.

»Einsamkeit kann einen Menschen bitter und ungerecht machen, weißt du.«

»Du hättest nicht einsam sein müssen, Jelena. Meine Familie, die auch deine Familie ist, von Anfang an gewesen ist, war für dich da – wenn du Nähe zugelassen hättest. Sie ist es immer noch, aber das scheint dir nicht wichtig zu sein.«

»Ach Victor, wir beide wissen es besser, denke ich.« Sie dreht sich wieder zu ihm um. Sein Gesicht liegt im Schatten. Sie kennt es gut genug, um zu wissen, dass auf seiner Stirn mit dem tiefen Haaransatz Falten entstanden sind. Es sind keine freundlichen Falten, sie machen sein Gesicht streng, seine Miene vorwurfsvoll. »Ich werde nie vergessen, was ihr, du und Katharina, für mich getan habt«, sagt sie schnell und horcht wieder nach draußen.

Er öffnet den Mund, zögert dann aber und lauscht ebenfalls nach draußen. Der vorher eher leichte Wind des Nachmittags hat sich, ohne dass sie es bemerkt haben, in einen Sturm verwandelt, der die Zweige der Birke neben dem Haus gegen das Dach schlägt. Von weit her, dann wieder von nah ist Wolfsgeheul zu hören.

Helene geht an Victor vorbei zu dem kleinen Flurfenster und zieht die alte, schon etwas löchrige Gardine zur Seite. »Sie sind ganz in der Nähe. Ich kann sie sehen – drüben, am Waldrand.«

»Der erste Wolf tauchte im Oktober auf, eine große Wölfin«, berichtet er, während er neben sie tritt. »Dann kamen die anderen, alte und junge. Seit ein paar Tagen bleibt das Rudel in der Nähe des Dorfes.«

Sie nickt. »Ich habe sie auf dem Weg hierher gezählt. Es sind mehr als zwanzig Tiere. Und die Leute haben bestimmt schon wieder Angst und reden vom Abschießen.«

»Es liegt in ihrer Natur, die Wölfe zu fürchten und sie zu jagen«, erklärt er. »Aber für einen Abschuss brauchen sie seit einiger Zeit eine offizielle Genehmigung.« Er wirft ihr einen raschen, undeutbaren Blick zu, bevor er weiterredet. »So ziemlich alles ist inzwischen gesetzlich geregelt. Wer gegen eines dieser Gesetze verstößt, der wird bestraft.«

»Falls er beim Abschuss eines Wolfes erwischt werden sollte«, fügt Helene sarkastisch hinzu. »Ach Victor«, sagt sie dann, als er schweigt, »mach mir doch nicht weis, dass die Menschen hier jetzt anders leben oder denken als seit jeher.«

»Nein«, stimmt er ihr ärgerlich zu. »Aber ich finde es nicht richtig, wenn du nur an die negativen Seiten deines Lebens in Nowgoje denkst. Du tust gerade so, als hätte es hier nie etwas anderes als Schmerz, Enttäuschung und Kummer für dich gegeben. Verdammt noch mal, erinnere dich wenigstens einmal an die guten Seiten deiner Zeit bei uns.«

Helene sieht ihn von der Seite an. Wütend denkt sie: Dein Dorf, dein Sibirien, dein Land – das ist nicht mein Leben. Dieses Leben wurde mir aufgezwungen.

Schweigend stehen sie da, so dicht nebeneinander, dass sie sich atmen hören, und doch weit voneinander entfernt. Und plötzlich erinnert Helene sich an ein Gespräch, das sie vor ein paar Monaten mit einem älteren Türken in einem Café in Berlin in Deutschland geführt hat. Der Mann war in den sechziger Jahren als Gastarbeiter in die Bundesrepublik gekommen. Es hatte angefangen in Strömen zu regnen, und Helene war, auch angelockt durch die fremdartige Musik und die vielen Stimmen und lautes Lachen aus dem Innern, hineingegangen. Als sie merkte, dass es eine geschlossene Gesellschaft war, wollte sie wieder gehen, doch einer der älteren Männer hielt sie auf und lud sie zum Mitfeiern ein.

»Wissen Sie«, sagte er, »jeder, der aus seiner Heimat verschleppt oder vertrieben wurde oder geflüchtet ist oder sie aus anderen Gründen verlassen musste, hat doch den Wunsch, seine nationale Identität zu bewahren und seine familiären und kulturellen Wurzeln nicht zu verlieren.« Er zeigte auf die Anwesenden, unter ihnen viele Frauen mit Kopftüchern. »Aber es ist nicht leicht, sich diesen Wunsch in der Fremde zu erhalten. Unsere Kinder und sogar schon viele Enkelkinder sind hier in Deutschland geboren worden, sie sprechen die Sprache, sie verstehen die Kultur dieses Landes besser als die ihrer Väter. Und unser Wunsch erzeugt Entfremdung – in unseren eigenen Familien und vor allem im Zusammenleben mit den Menschen dieses Landes. Wir alle, ob jung oder alt, befinden uns in einer Art Niemandsland und wissen nicht recht, wohin wir uns wenden sollen.«

Daran muss Helene jetzt denken, und sie fragt sich wie damals in Berlin und inmitten dieser fröhlichen, warmherzigen und ihr dennoch fremden Menschen, ob sie nicht doch etwas falsch gemacht hat in all den vergangenen Jahren, in denen sie darum kämpfte, in Nowgoje Helene Wolf zu bleiben. Aus Trotz, geradezu verbissen sprach sie mit ihrem Kind nur Deutsch, hielt es dazu an, ihr in dieser Sprache zu antworten – so lange jedenfalls, bis ihr dieses Kind weggenommen wurde. Nein, man nahm mir Lara nicht weg, sie wollte von sich aus gehen, korrigiert sie sich in Gedanken. Aber die Tatsache, dass ich mich weigerte, meine Tochter zur Russin zu erziehen, hat Victor darin bestärkt, den Wunsch einer knapp Zwölfjährigen, bei ihm und Katharina und damit in der Gemeinschaft statt bei einer Außenseiterin zu leben, zu unterstützen.

Sie wendet sich wieder Victor zu. Er hat sie etwas gefragt, irgendetwas, dem sie nicht zugehört hat. Jetzt sagt er: »Ich wusste, dass die Wölfe aus einem ganz bestimmten Grund zurückgekommen sind. Deshalb habe ich Ausschau nach dir gehalten. Jeden Tag.«

»Ja.«

»Bist du heimgekehrt?«

»Ich kann nicht heimkehren«, erklärt sie. »Sibirien ist nicht meine Heimat. Ich kann höchstens nach Hause kommen.«

Sie hört ihn dramatisch seufzen, dann entgegnet er: »Das ist eine deiner typischen Spitzfindigkeiten, meine Liebe.«

»Ach, lass mich doch in Ruhe, Victor Litowski!«

Sie nimmt die Kerze aus der Wandnische und geht an ihm vorbei in die Wohnküche, wo sie die dicke verstaubte Kerze auf dem Tisch anzündet und eine andere auf dem Regal über dem alten Eisenherd. Dann lässt sie ihren Blick durch den Raum wandern, auf dessen Wände das flackernde Kerzenlicht flüchtige Schattengebilde malt. Die meisten Leute in Nowgoje haben ihre Gespenster, denkt sie. Sie fühlt, ihre eigenen sind schon bereit, über sie herzufallen. Sie wird sich mit ihnen auseinander setzen müssen, wenn sie bleibt – in diesem Land, in diesem Dorf, in diesem Haus. In Victors, Katharinas und in Laras Nähe. Aber das wusste sie schon, bevor sie sich auf den Weg zurück nach Nowgoje machte.

»Kalt ist es hier, ich werde dir den Ofen anzünden«, hört Helene Victors Stimme.

»Ich weiß nicht, ob ich länger bleiben werde«, sagt sie unvermittelt. »Vielleicht gehe ich doch zu meiner Verwandten nach Kali…«

»Kaliningrad?«, unterbricht er sie. »In diese Exklave zwischen Polen und Litauen? In die Armut, während du den Kapitalismus direkt vor deinen Augen hast? Nun ja«, meint er dann, »dieses Kaliningrad ist von Nowgoje jedenfalls nicht so weit entfernt wie dein New York in Amerika.«

»Es ist nicht mein New York!«

»Ach ja?« Er zieht die Augenbrauen hoch. »Warum bist du dann zwei Jahre bei … bei diesen Goldbergs geblieben? Und hast auch noch einen von ihnen geheiratet!«

Sie weiß, es hat keinen Sinn, diese Tatsache zu leugnen. Sie wundert sich auch nicht oder fragt, woher er von ihrer Heirat weiß. Victor hat schon immer seine besonderen Verbindungen gehabt, schon immer mehr gewusst als andere.

Eine Weile ist nur das Toben des Windes draußen, ein leises Knacken im alten Holz und der auf- und abschwellende Gesang der Wölfe am Waldrand zu hören. Irgendwo trippelt etwas, vielleicht eine Maus, die über einen der Deckenbalken läuft, vielleicht ein Marder oder ein Wiesel oder ein anderes kleines Raubtier, das unter dem Dach Schutz vor dem Sturm sucht.

»Ja«, sagt Helene schließlich. »Es gibt in New York tatsächlich einige Menschen, die mir wichtig sind und denen ich viel zu verdanken habe. Heshel Goldberg und seine Familie haben mir ermöglicht, in Amerika zu bleiben und mir durch Arbeit meine Unabhängigkeit zu erhalten.« Sie starrt ihn an, und als er schweigt, fügt sie schnell hinzu: »Mit meinem Touristenvisum hätte ich das Land nach spätestens sechs Monaten wieder verlassen müssen.«

»Willst du damit sagen, dass diese Verbindung lediglich eine Zweckheirat war?«, fragt er gespielt ungläubig. Diesmal ist sie es, die schweigt. Victor wartet eine Weile, dann fragt er: »Und, besteht diese Ehe noch?«

»Ja und nein«, antwortet Helene. »Heshel, mein Mann, ist vor acht Monaten gestorben.«

»Oh, das tut mir Leid.«

»Warum sollte es dir Leid tun, du kanntest ihn doch gar nicht«, sagt sie. »Heshel war schon über achtzig und ein schwer kranker Mann, als wir heirateten. Seine Frau, Menuchah, war zwei Jahre vorher gestorben, seine Töchter und Söhne haben ihre eigenen Familien, denen er nicht zur Last fallen wollte. Wir brauchten beide einen Halt, und den haben wir uns gegenseitig geben können – zumindest für ein paar Monate.« Sie sieht Victor an, aber sie sieht nicht sein Gesicht, sondern das von Heshel, alt, von den Monaten in einem Konzentrationslager des Naziregimes für immer gezeichnet und doch voller Güte, Verständnis und Dankbarkeit, wenn sie die Kissen in seinem Rücken richtete oder seine hageren, immer kalten Hände in ihren wärmte oder voller Zweifel und voller Fragen an ihn war. Ein gutes Gesicht war es, in dem die Augen bis zum Tod hellwach waren, voller Interesse und Anteilnahme an Helenes Schicksal, an ihrem Leben in Sibirien, ihren Plänen, ihren Träumen.

Victor schweigt, und Helene ist erleichtert darüber, denn die Erinnerung an Heshel und seine große Familie, die jahrelang nach ihr gesucht hatten, nur weil ihre Großmutter und ihre Mutter ihnen dabei geholfen hatten, Hitlers Schergen zu entkommen, die gehört nur ihr, die will sie nicht einmal mit Victor teilen.

Sie wendet sich von ihm ab und lehnt sich mit dem Rücken an das halb hohe offene Geschirrregal, während sie die Erinnerungen an die Zeit in Heshels Familie zurückdrängt. Sie zwingt sich dazu, wieder an den Besuch bei ihrer Cousine Henriette in Kaliningrad zu denken.

»Dieses Kaliningrad«, sagt sie, als Victor sich nach den Holzscheiten bückt, sie in den Ofen schichtet und anzündet, »das ist nicht mehr das Königsberg meiner Kindheit.«

Sie versucht sich das Gesicht von Henriette in Erinnerung zu rufen, doch es gelingt ihr nicht. Sie hat nur die Schimmelflecken an den Wänden ihrer winzigen Wohnung im fünften Stock eines grauen Plattenbaus in der Nähe des Hafens vor sich und die ärmliche Einrichtung und entsinnt sich der Fremdheit zwischen ihrer Cousine und ihr, obwohl sie deutsch miteinander sprachen, und des überwältigenden Gefühls der Verlorenheit, als sie nach der Gasse suchte, in der Großmutter Emmas Haus einmal gestanden hatte. Aber Henriette ist eine Verbindung zu ihrer Vergangenheit, und aus diesem Grund hat sie ihr beim Abschied nach ein paar Tagen gemeinsamer Tränen über das Verlorene, das Unwiederbringliche und langen Gesprächen über eine Möglichkeit, den Rest des Lebens zusammen in Kaliningrad zu verbringen, versichert: »Ich werde darüber nachdenken.« – »Ich warte auf dich, egal wie lange es dauert«, hatte Henriette entgegnet.

»Und trotzdem«, sagt Helene jetzt. »Meine Cousine und ich, wir sind beide allein, sie ist ein paar Jahre jünger als ich, zusammen hätten wir es wahrscheinlich einfacher mit dem bisschen Rente. Vielleicht …«

Sie verstummt, weil sie selbst bemerkt, wie falsch und hohl ihre Worte klingen, und weil ihr umherschweifender Blick plötzlich an dem alten Medizinbeutel hängen bleibt, der auf dem Schemel gleich neben der Tür liegt, da wo er auch früher immer lag, damit sie ihn, wenn sie in Eile war, nicht lange suchen musste. Sie betrachtet das Leder, an dem noch einige Fellreste jenes Tieres, von dem es stammt, sind, es wirkt brüchig und ist fast schwarz und fleckig vom Alter. Sie denkt daran, was Raissa ihr erzählte, dass nämlich schon lange vor ihr heilkundige Frauen aus Sibirien diesen Beutel mit sich getragen oder auf den Rücken ihres Rentieres gelegt hatten. Wie Raissa hatten sie ihn mit den unterschiedlichsten Kräutern und Geräten gefüllt, hatten farbige, seltsam geformte Steine, bunte Federn, Tierknochen und andere Sachen hineingelegt, die schwangere Frauen oder Neugeborene als Amulette bei sich trugen.

Schon will Helene ihre Hand ausstrecken und das vertraute Leder berühren, da schiebt sich vor den Beutel unerwartet das Bild, das sie bis in ihre Träume verfolgt, das immer dann präsent ist, wenn sie es nicht erwartet oder sich vor ihm fürchtet. Es zeigt Nicolai, Laras Sohn, ihren Enkel, der wie schlafend zwischen den Decken auf seinem Lager liegt und tot ist und tot bleibt, obwohl Helene wie wild in diesem Beutel wühlt, auf der Suche nach einem geeigneten Instrument, nach einer Medizin, die Wunder bewirken und den Kleinen zurückholen wird aus diesem endgültigen Schlaf, während Lara sie in diesem Bild von irgendwoher anstarrt, ihr bleiches, versteinertes Gesicht ein Oval vor dunklem Hintergrund und ihr Zeigefinger, ohne eine Verbindung zu einer Hand, einem Arm, einem Körper, gleich einem flammenden Speer auf Helene gerichtet.

»Ich habe doch alles versucht«, hat Helene zu ihrer Tochter gesagt, als Schmerz und Verzweiflung schon zwei Jahre zurücklagen und doch so frisch waren wie in jener Nacht, obwohl sie Härte und Kälte darüberzulegen versucht hatte. Doch Lara hat sich, erbarmungslos schweigend in ihrer Abwehr und ohne ihre Mutter noch einmal mit ihren schönen und gleichzeitig so grausamen graugrünen Augen anzusehen, von ihr abgewendet und ist gegangen. Und auch Helene ging; sie wollte Nowgoje für immer hinter sich lassen.

Helene, in dieser schmerzhaften Erinnerung verfangen, hält still, einen Herzschlag, vielleicht auch eine Ewigkeit lang, als Victors Fingerspitze sanft ihre Wange berührt.

»Kein Problem ist so groß, als dass man es nicht lösen könnte, Jelena.«

Vielleicht ist es seine Stimme, vielleicht diese Berührung, vielleicht dieses vertraute »Jelena«, das sie zum Zittern bringt.

Später, viel später an diesem Tag, da ist Victor endlich gegangen, es ist schon fast Nacht, und der Wintersturm heult ums Haus und rüttelt an Fenstern und Tür, und Ofen und Herd, von Victor bei seinem zweiten Besuch noch bis oben hin mit Holz gefüllt, bevor er wieder zu seiner Frau ging, verstrahlen erste Wärme, da setzt Helene sich neben den alten Lederbeutel auf die Bank, öffnet den Verschluss und betrachtet lange seinen Inhalt. Dann legt sie alles vor sich auf den Tisch, die Leinensäckchen mit getrockneten Kräutern und Teemischungen, die Zange, das Stethoskop und andere Geräte, schließlich auch die Tuben und Fläschchen, deren Inhalt eingetrocknet ist, die bunten Kiesel, die Tierknochen und Amulette, die noch von der Schamanin stammen. Stück für Stück holt Helene diese Sachen aus den Falten des Beutels und breitet sie vor sich aus, und manchmal meint sie im Knistern und Fauchen des Feuers in Herd und Ofen den Klang von Raissas Trommel und den heiseren Gesang der alten Schamanin zu vernehmen, mit denen sie sich den Geistern und den durch die Welt wandernden Seelen ihrer Ahnen näherte.

Ganz zum Schluss, ganz unten im Beutel, wo die Schicht aus Staub und zerbröselnden Blütenblättern das Leder grau verfärbt hat, ertasten Helenes Finger etwas, das nicht in diesen Beutel gehört. Und als sie nachsieht und es herausholt, da ist es ein Bündel vergilbter Schulhefte, zusammengehalten von einem jener Bänder, mit denen sie vor vielen, vielen Jahren die Zöpfe ihrer Tochter gebunden hatte. Sie kann sich nicht erinnern, dass sie jemals Hefte dieser Art für ihre Aufzeichnungen benutzt hat. Sie hat eine Art Tagebuch über ihre Arbeit geführt, das ist richtig, doch diese unförmige Kladde aus billigem Papier, die sie zu Beginn ihrer Arbeit in Nowgoje von Victor geschenkt bekommen hatte, hat sie verbrannt, bevor sie wegging. Es gab niemanden im Ort, der sich für ihre in deutscher Schrift gehaltenen Notizen hätte interessieren können, auch ihre Tochter nicht.

Vorsichtig löst Helene nun das schmale Band und blättert in dem Heft, das oben liegt. Auf den Linien stehen kleine, mit rotem Stift korrigierte Texte in kyrillischer Schrift. Die Schrift kennt sie, so zügig, so schwungvoll schreibt nur Lara.

Und dann, als Helene Heft für Heft aufschlägt, sind es keine Schulaufgaben mehr, sondern fortlaufende Texte, die Seite um Seite füllen. Sie muss zweimal, dreimal hinsehen, bis sie endlich begreift, dass diese Worte und Sätze aus anders geformten Buchstaben bestehen. Deutsch, denkt sie verwundert, Lara hat das auf Deutsch geschrieben! Hastig, immer schneller blättert sie weiter und weiter, liest hier und da einen Satz, einen Absatz, manchmal eine ganze Seite. Was ist das?, fragt sie und weiß doch schon, von wem und wovon diese Texte erzählen, weil sie selbst diese Geschichten erzählt hat, vor langer, sehr langer Zeit und immer wieder, weil dieses wissbegierige, neugierige, maßlose Kind, das Lara einmal war, alles wissen wollte, was es über die Wölfinnen zu berichten gab. Helene hat diese Geschichten in jener Sprache erzählt, in der sie selbst sie gehört hatte, damals, in diesem friedlichen Haus in Königsberg – in keiner anderen Sprache hätten sie sich erzählen lassen, jede Übersetzung hätte diese Nähe, diese Wärme, die während des Erzählens zwischen ihr und Lara und der Vergangenheit entstand, nur zerstört. Die deutsche Sprache war ein Zauber, denn Nähe und Wärme waren auch in ihren anderen Gesprächen spürbar geblieben. Sie verschwanden, als Lara ihr plötzlich auf Russisch antwortete. Da wurde ihr das eigene Kind fremd.

Helenes Hände zittern, als sie die Hefte, eines nach dem anderen, aufeinander schichtet. Sie hat bis zu dieser Nacht nicht gewusst, noch nicht einmal geahnt, dass Lara, ausgerechnet Lara, die trotz ihres blendenden Schulabschlusses nicht nach Moskau oder wenigstens nach Omsk auf die Universität ging, um dort Medizin zu studieren, wie Victor und Katharina und auch Helene sich das wünschten, sondern aus Trotz gleich nach der Schule diesen einfachen Jungen Ilja Nefremow geheiratet hatte, diese Erzählungen aufgeschrieben hat, mit ihren eigenen Worten, naturgemäß, aber in der Sprache ihrer Mutter.

Eine Weile starrt Helene wie blind auf den Heftstapel vor sich und horcht auf die Stimmen der Vergangenheit in ihrer Hütte, die das Rad der Zeit zurückdrehen, behutsam zunächst, dann schneller und schneller, bis nur noch der Dampf aus dem zerbeulten Wasserkessel auf der Herdplatte an die Gegenwart erinnert. Sie steht auf und gießt ohne hinzusehen das Wasser in die vorbereitete Teekanne und stellt sie und einen Becher auf den Tisch. Sie setzt sich auf die Bank. Langsam, behutsam nimmt sie das oberste Heft vom Stapel und beginnt zu lesen.

II
Lisbeth

(um 1670)

Lisbeth war ein furchtloses Kind, und auch als junges Mädchen durchstreifte sie trotz ihres missgebildeten Fußes oft tagelang allein und ohne jegliche Angst die dunklen, einsamen, von Bär und Wildschwein, Wolf, Luchs und dem mächtigen Elch mit seinem riesigen Schaufelgeweih bewohnten Wälder ihrer samländischen Heimat. Sie war ein wissbegieriges Kind, das schon früh die Gestalt und die Lebensäußerungen aller Pflanzen und Tiere genau kennen lernen wollte, auch die Triebkräfte der Jahreszeiten, die Zusammensetzung des Wassers, des Schnees und der Wolken, selbst die Flugformation der Zugvögel über dem Moor. Lange und mit gespannter Aufmerksamkeit konnte sie einen im Wind schwankenden Halm Strandhafer oder eine emsige Hummel auf einer lilafarbenen Stranddistel betrachten, um dann plötzlich aufzuspringen und davonzuhüpfen gleich einem übermütigen Zicklein.

In den Wäldern, die zumeist aus Föhren, Buchen und Birken bestehen, sammelt sie schon zu Beginn des Herbstes Holz für den Ofen in der winzigen Hütte, in der sie mit der alten Hedwiga Wolf lebt, die Heilkundige und Hebamme ist. Die Leute im Dorf und in der Umgebung bis hin zur Küste schätzen die Hilfe der Alten, die keinen Weg, kein Wetter scheut, wenn man nach ihr rufen lässt. Aber sie begegnen ihr, die sie »die Wölfin« nennen, auch mit einer gewissen Vorsicht, denn man sagt Hedwiga nach, nicht nur in einer geheimnisvollen Verbindung zu den Wölfen in der Umgebung zu stehen, sondern auch in die Zukunft sehen zu können und wahrscheinlich auch etwas von der Magie zu verstehen, weswegen die eine oder andere Frau noch in der jüngsten Vergangenheit sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war.

Lisbeth nennt Hedwiga Wolf Großmutter, obwohl sie nicht verwandt mit ihr ist. Ihre Eltern kennt Lisbeth nicht, denn sie ist ein Findelkind. Manchmal erzählt Hedwiga von jenem Abend im Winter, an dem sie ihre neue Hebammentasche aus Schweinsleder, die sie bei einem Mann, der sich auf die Anfertigung von Zaumzeug und Sätteln für die Pferde versteht und in einem entfernteren Dorf lebt; abgeholt hatte. Unterwegs hatte sie noch bei einer schwierigen Geburt im Haus eines Köhlers geholfen und war dann durch den düsteren Wald nach Hause zurückkehrt. Unweit ihrer Hütte wurde sie auf das laute Heulen und Knurren eines Wolfsrudels ganz in ihrer Nähe aufmerksam. Sie hatte keine Angst, wollte aber trotzdem eilig weitergehen. Da spürte sie, wie einer der Wölfe nach ihrem Rock schnappte und daran zerrte.

»Ich weiß nicht, warum, aber ich ließ mich von ihm direkt zu diesem dichten Brombeergestrüpp ziehen.« Hedwiga lächelt bei der Erinnerung und lässt ihr lückenhaftes Gebiss sehen. »Vielleicht dachte ich, dass es schon einen Grund für dieses ungewöhnliche Verhalten des Wolfes geben müsse. Vielleicht wollte ich aber auch nur meinen Rock retten, denn es war der einzige, den ich damals besaß. Und es war ein guter Rock, einer aus dem festen Wollstoff, den mir unsere Fürstin persönlich aus Königsberg mitgebracht hatte.«

»Doch dann hörtest du mich, Großmutter.«

»Ja. Als der Wolf mich schließlich losließ, da ich ihm ohne Gegenwehr folgte, hörte ich ein kleines Kind kichern und lachen. Die Dornen rissen mir die Haut auf, aber ich achtete nicht darauf. Und dann sah ich dich. Du lagst in einer Erdmulde mitten zwischen dornigen Ranken und lachtest. Neben dir lag ein Wolfsjunges. Es leckte dein Gesicht, und sein Fell kitzelte dich«, erzählt Hedwiga weiter.

Lisbeth lehnt sich dichter an sie. »Und keiner der Wölfe hat uns beiden etwas angetan.«

Die Alte streicht mit knotigen Fingern das Blondhaar aus der Stirn des Mädchens. »Kein Mensch, der die Tiere liebt und achtet, muss sich vor Wölfen fürchten, wenn er ihnen aus dem Weg geht. Weißt du, man muss nur sie und ihr Recht respektieren, in dieser Welt so frei und unabhängig leben zu können, wie wir Menschen es als unser natürliches Recht ansehen.«

Eine Weile sitzen sie schweigend nebeneinander auf der schmalen Bank vor der Hütte. Die schon schräg stehende Sonne lässt die Blätter der Birke am Zaun flirren und malt zittrige Kringel auf den schmalen Weg, der zur Pforte führt, vorbei an üppig blühenden Blumenbeeten auf der einen Seite und Hedwigas von Bienen und anderen Insekten umsummten Kräutergarten auf der anderen. Lisbeth kennt alle diese Kräuter, die ihre Großmutter im Herbst bündelt und trocknet, mit Namen. Sie erkennt sie an der Form ihrer Blüten und Blätter und an ihrem Geruch und weiß genau, gegen welches Leiden sie helfen.

»Und dann hast du mich in deine große neue Tasche gelegt und mit zu dir nach Hause genommen«, nimmt sie ihr Gespräch wieder auf.

Hedwiga lächelt sie von der Seite an. »Jaja, meine Tasche. In sie wollte ich an diesem Abend, als ich dich fand, eigentlich alles, was ich für die Geburtshilfe benötige, einräumen. Du weißt schon, die Schere und das scharfe Messerchen zum Durchtrennen der Nabelschnur und einen leinenen Faden zum Abbinden, das Klistier, ein wenig Essig, ein wenig Laudanum für die, denen die Schmerzen zu sehr zusetzen, Melissenwasser zur Beruhigung und das Fläschchen mit Weihwasser für eine Nottaufe und die eine oder andere selbst bereitete Salbe für Komplikationen bei einer Geburt. Und dann natürlich meine selbst gesammelten und getrockneten Kräuter, dazu ein bisschen gutes Öl, Knoblauch und Zwiebel, um die Lebensgeister einer von den Wehen geschwächten Frau wiederzubeleben, und …«

»Aber das weiß ich doch alles, Großmutter!«, unterbricht Lisbeth sie ungeduldig und wackelt mit ihren nackten Zehen. »Erzähl lieber weiter von mir!«

Die Alte seufzt ein bisschen, doch in ihren Augen glimmt ein seltsam fröhliches Funkeln.

»Ich hatte keinen Platz in meiner Hütte, an dem du hättest sicher schlafen können. Also legte ich dich weiterhin in die Tasche, wenn du müde warst. Es schien dir zu gefallen, denn du hast nie geweint. In dieser Tasche habe ich dich sogar mit mir genommen, wenn ich zu einer Geburt gerufen wurde.« Sie lacht keckernd. »Du wurdest mit der Zeit ganz schön schwer. Und du weißt doch, wie lang die Wege manchmal sein können.«

»Und deine Instrumente und Arzneien musstest du weiterhin in deinen alten zerrissenen Beutel tun, damit du ein weiches Kissen und mich darauf in deine neue Tasche legen konntest.«

»Schlimm, wirklich schlimm war das mit dir!«

Lisbeth zieht die Nase kraus. »Aber du hast es getan, weil du mich von Anfang an liebtest, nicht wahr? Du hast mir sogar deinen Namen gegeben. Wolf. Ich bin Lisbeth Wolf.«

»Meine kleine Wölfin bist du.«

Hedwiga wiegt das Mädchen, das sich in ihre Arme geschmiegt und seinen Kopf auf den hageren, knochigen Brustkorb ihrer Großmutter gelegt hat. Lisbeth stellt sich vor, dass die Worte irgendwo tief im Innern von Hedwigas Brust geformt werden, dann grummeln und rollen sie mit sonderbaren, fernem Donner ähnlichen Geräuschen hoch, bis sie endlich aus ihrem Mund springen.

»Erzähl weiter, Großmutter!«

Und Hedwiga erzählt: »Ein hübsches Kindchen warst du, mit schneeweißer, zarter Haut und Goldflaum auf deinem Köpfchen und mit einem Spitzenhemdchen bekleidet und eingehüllt in feinstes Linnen. Ich sah sofort, dass du etwas Besonderes warst.«

»Aber mein Fuß«, unterbricht Lisbeth sie. »Mein Fuß war hässlich. Er ist noch immer hässlich.« Sie streckt ihren nackten Klumpfuß in die Höhe. »Die Leute zeigen auf mich, wenn ich durchs Dorf gehe. Und sie sagen, dass meine Mutter eine der feinen Damen ist, die mit dem Fürsten in jedem Herbst in unser Dorf kommen. Und weil sich meine Mutter schämte, ein Kind mit einem Klumpfuß zu haben, wurde ich im Wald ausgesetzt. Die Wölfe oder ein Bär sollten mich töten.«

»Du musst nicht alles glauben, was die Leute erzählen.« Hedwiga schiebt das Mädchen von sich. »Vergiss nie, dass es nicht Menschen, sondern Wölfe waren, die dich fanden und mich zu dir führten. Weißt du, Tiere haben oft einen viel besseren Instinkt als unsereiner für etwas, das besonders wichtig oder wertvoll ist.«

»Bin ich wichtig oder wertvoll, Großmutter?«

Hedwiga gibt der Kleinen einen freundschaftlichen Klaps aufs Hinterteil. »Ja, ja, du bist eine Wölfin. So, und jetzt lauf. Wir brauchen frischen Portulak, Kamille und Minze. Und bring auch Wurzeln und Blätter vom Huflattich, die ich für die Wundbehandlung brauche, sowie die Spitzen junger Himbeerblätter für unseren Wintertee mit.«

Im Frühjahr, Sommer und Herbst läuft Lisbeth also bloßfüßig durch die Wälder und sucht nach Beeren und Pilzen. Sie hält Ausschau nach heilsamen Kräutern, die ihre Großmutter bündelt und zum Trocknen an den schweren Balken in der Wohnküche hängt. Sie gräbt mit ihrem Messerchen nach essbaren Wurzeln und fängt mit der Schlinge ab und zu sogar einen Hasen oder ein fettes Eichhörnchen, obwohl die Jagd in den Wäldern des fürstlichen Gutsherrn streng verboten ist und dessen Verwalter aufpasst wie ein Luchs. Die Winter sind frostig und lang, und manchmal kommen die Wölfe auf der Suche nach Nahrung bis in die Nähe des Dorfes. Schnell lernt Lisbeth, auf ihre Rufe zu antworten. In manchen mondhellen Nächten, wenn sie nicht schlafen kann und die Wölfe hört, tritt sie vor die Tür der Hütte, um mit ihnen gemeinsam den Mond anzusingen.

In einem dieser Winter, da ist Lisbeth etwa sieben Jahre alt, findet sie ein verlassenes, dem Tode nahes Wolfsjunges. Der linke Vorderlauf ist bis zum Kniegelenk abgerissen, die Schulter ist ausgerenkt. Wahrscheinlich ist der junge Wolf in ein Fangeisen geraten und hat sich nur unter Aufbietung all seiner Kräfte daraus befreien können. Auf drei Beinen versucht er zunächst vor Lisbeth zu fliehen, legt sich dann aber bald erschöpft auf den Rücken, winselt und bietet ihr seinen weichen, pelzigen Bauch dar. Als sie ihn krault, zieht er die winzigen Lefzen über den spitzen Zähnchen hoch. Es sieht aus, als würde er lächeln. Das Herz wird Lisbeth warm bei diesem Lächeln, und sie erwidert es freudig.

Sie trägt das kleine Tier in ihrer Schürze nach Hause und zeigt es ihrer Großmutter. Als sie ihre Schürze öffnet und sie sich beide über ihn beugen und ihn schweigend betrachten, guckt der kleine Wolf zunächst ebenso ernsthaft zurück. Dann verzieht er plötzlich wieder seine Lefzen.

»Schau nur, er lächelt!«, ruft Lisbeth begeistert, während ihre Großmutter vorsichtig den Körper des Tieres betastet. »Nicht er, sondern sie«, sagt Hedwiga barsch. »Und rede nicht so – ein Wolf, der lächelt, ha! Bilde dir nur nichts ein. Ein Wolf zeigt seine Zähne, weil er Angst hat oder drohen will.«

Lisbeth will so manches fragen, doch sie schweigt lieber. Zuweilen kann ihre Großmutter sehr launisch sein, und da ist es besser, man widerspricht ihr nicht. Stumm beobachtet sie die Alte, die nun den verletzten Lauf untersucht und dann mit ihrem Fingernagel vorsichtig das schon eiternde Fleisch vom zersplitterten Knochen schabt. Das Tier winselt, doch es hält still. Als Hedwiga die Wunde gesäubert hat, hält sie inne und betrachtet das Kind neben sich eine Weile unter halb gesenkten Lidern. Auch Lisbeth sieht sie an. Sie erschauert unter diesem merkwürdig prüfenden Blick. Die Großmutter hat nämlich zwei verschiedenfarbige Augen – das eine ist dunkelbraun und liegt tief in seiner Höhle, das andere schimmert grüngelb und steht etwas vor. Beide lodern zuweilen in einem seltsamen Feuer, das Lisbeth gleichzeitig fasziniert und ängstigt. Auch jetzt sieht sie dieses Glühen in Hedwigas Augen.

»Warum darf ich nicht sagen, dass meine Wölfin lächelt?«, wagt das Mädchen schließlich zu fragen.

»Ach, ich weiß nicht«, winkt Hedwiga mürrisch ab und wendet sich wieder dem verletzten Tier zu. »Man sollte nicht auf alles hören, was die Leute so sagen.«

»Und was sagen die Leute, Großmutter?«

Doch Hedwiga presst nur ihre Lippen zusammen.

Oft begleitet Lisbeth ihre Großmutter auf den großen Hof des Fürsten. Und weil Hedwigas Tasche dann prall gefüllt ist mit Flaschen und Tiegeln und anderem, wechseln sie sich auf dem Weg mit dem Tragen ab. Während der Fürst und Hedwiga nach der Untersuchung und Behandlung im Salon des Herrenhauses Tee trinken, kleine Ingwerkuchen dazu knabbern und über die Politik im Lande reden, darf Lisbeth in der großen warmen und gut duftenden Küche bei der dicken Köchin Marthe sitzen und heiße Schokolade oder verdünnten Himbeersaft trinken und mit braunem Zucker bestreute Butterbrote oder dicke saure Milch mit einer Zuckerkruste auf der Rahmschicht dazu essen. Bei fast jedem dieser Besuche kommt eine der vornehmen Damen der Fürstin in die Küche, eine immer ein wenig traurig wirkende Frau mit prachtvollen blonden Locken, die ein wenig Lisbeths Locken ähneln, unter ihrer Haube. Sie fragt das Kind über alles Mögliche aus, will genau wissen, wie Lisbeth lebt und ob sie es im Dorf auch gut hat, und steckt ihr ab und zu sogar ein paar Münzen in die Schürzentasche, die Lisbeth später ihrer Großmutter gibt. Einmal erzählt Lisbeth, dass Hedwiga ihr ein wenig lesen und schreiben beigebracht hat. Von da an hat die Dame zu diesen Treffen in der gemütlichen Küche meist eines der Bücher aus der Bibliothek des Fürsten dabei, um Lisbeth daraus vorlesen zu lassen. Sie schenkt Lisbeth sogar ein dünnes Heft, ein Fässchen mit Tinte und einen Federkiel dazu und trägt ihr auf, das Gelesene schriftlich nachzuerzählen und ihr das Heft beim nächsten Besuch zu zeigen. So kommt es, dass Lisbeth bald das einzige Kind im Dorf ist, das flüssig lesen und schreiben und sogar etwas rechnen kann. Dass die anderen Kinder, die vom Dorfpfarrer unterrichtet werden, weil man sich keinen Lehrer leisten kann, sie deshalb hänseln und niemand mit ihr spielen will, stört sie nicht, denn ihre langen und einsamen Streifzüge durch die Natur und das Leben mit der alten Hedwiga, die sie zu ihren Krankenbesuchen mitnimmt, bieten ihr Anregendes genug.

Sie nennt die Wölfin Lupa und lässt sie mit auf ihrem Strohlager schlafen; eines wärmt das andere in kalten, stürmischen Winternächten. Doch eines Tages läuft Lupa fort und kommt nicht mehr wieder. Lisbeth weint bitterlich.

»Sie musste dich verlassen und wieder in der Wildnis leben, damit auch ihre Seele frei bleiben kann«, erklärt Hedwiga. Lisbeth ist nur wenig getröstet und sucht lange nach der Wölfin. Manchmal findet sie die unverkennbaren Spuren ihrer dreibeinigen Wölfin in der Nähe der Hütte. Und sie erkennt mühelos Lupas Ruf im vielseitigen Wolfsgeheul der klaren Winternächte. Oft, wenn sie in der einfallenden Abenddämmerung mit schwerem Korb oder mit Hedwigas alter Hebammentasche nach Hause wandert, begleitet sie der vertraute Schatten, dem zuweilen noch andere folgen, nicht weit entfernt von ihr zwischen den Bäumen.

Als Lisbeth vierzehn Jahre alt ist, freit Miesko, der Schmied ihres Heimatdorfes, um sie. Er ist nicht der einzige Mann in der Umgebung, der sie trotz ihrer körperlichen Behinderung zur Frau nehmen will. Sie hat von der alten Hedwiga alles gelernt, was sie als Heilkundige und Hebamme wissen muss. In Hedwigas Fingern wütet nun die Gicht, und das Rheuma lässt die alte Frau ganz krumm gehen. Sogar ihre seltsam zweifarbigen Augen wollen nicht mehr so recht sehen, obwohl Lisbeth sie täglich mit einer Tinktur aus Kamille und Augentrost wäscht. Hedwiga liebt es jetzt, vor der Hütte in der Sonne zu sitzen und die tägliche Arbeit ihrer Enkelin zu überlassen.

Am Anfang will Lisbeth dem Schmied Miesko eine gute Frau sein. Auch sie will viele gesunde und starke Kinder gebären und ihren Haushalt ordentlich führen, wie alle Ehefrauen im Dorf das tun. Daneben will sie ihrer Großmutter weiterhin zur Hand gehen und dafür sorgen, dass die Kranken in der Umgebung wieder genesen und Kinder gesund auf die Welt kommen. Doch der gute Wille vergeht ihr bald.

Miesko ist schon weit über dreißig. Er stammt aus dem Polnischen und ist groß und stark und bei den gelegentlichen Raufereien in der Dorfschänke gefährlich wie ein Bär. Und er ist schwarz von oben bis unten vom Rauch in der Schmiede. Auch in seiner windschiefen Hütte, die neben der Dorfschmiede steht, ist alles schwarz, so oft und so verbissen Lisbeth auch putzt und scheuert. Miesko, der am Tag den Hammer schwingt und auf seinem Amboss Hufeisen, Nägel, Schwerter und Pflugeisen und anderes Gerät in Form schlägt, schwingt in den Nächten die Fäuste gegen seine junge Frau und schlägt sie damit ins Gesicht, auf Schultern und Arme, gegen Brüste und Bauch, bevor er sich zu ihr legt. Das erste Kind, einen Jungen, verliert Lisbeth wegen der gezielten Schläge auf ihren angeschwollenen Bauch im siebten Monat ihrer Schwangerschaft. Nur ein paar Wochen später ist sie erneut schwanger und hat im vierten Monat eine Fehlgeburt; wieder hätte es ein Junge sein sollen.

Weil sie dabei viel Blut verloren hat und Miesko mit einer kranken Frau nichts anfangen kann, geht sie für eine Weile zurück in Hedwigas Hütte. Es ist schon Frühling und dennoch kalt, und Lisbeth friert sich fast zu Tode auf ihrem dünnen Strohlager. Nach zwei Nächten, in denen sie nur gezittert und vor Schmerzen und Kummer leise gejammert hat, schleicht sich in der nächsten Nacht auf einmal die Wölfin ins Haus und drängt sich sofort dicht neben sie. Lupa ist groß für eine Wölfin, wenn auch etwas zu mager. Und sie hat Junge zu nähren, denn ihre Zitzen strotzen vor Milch. Trotzdem wärmt sie Lisbeths ausgezehrten und geschundenen Körper. Lisbeth kommt es vor, als flösse ein unaufhörlicher Kraftstrom zwischen ihnen beiden hin und her. In der Morgendämmerung läuft das Tier fort, um in der Dunkelheit wiederzukommen. Manchmal, wenn Lisbeth zu ihr redet, lächelt Lupa, ihre bernsteinfarbenen Augen fest auf Lisbeths Gesicht gerichtet. So geht das eine Weile, bis die junge Frau genesen ist und Lupa wieder in der Tiefe der Wälder verschwindet.

»Lass mich bei dir bleiben«, bittet Lisbeth ihre Großmutter. Hedwiga aber schüttelt den Kopf und sagt: »Du hast es nicht leicht, das weiß ich. Doch jeder Mensch muss tragen lernen, was sein Schicksal ihm aufbürdet. Und dein Schicksal ist es jetzt, mit Miesko verheiratet zu sein und seine Kinder zu gebären.«

Also nimmt Lisbeth ihr Bündel und geht zurück zu ihrem rabiaten Ehemann. In ihrem Herzen ist viel Angst, aber auch eine lodernde Wut, die in den Nächten, in denen die Wölfin neben ihr gelegen hat, entstanden ist und die nun wächst und wächst.

Als zwei Sommer später Ilsa, ihre erste Tochter, geboren wird, boxt Miesko sie eines Tages mehrmals hart gegen ihre milchschwere Brust. Lisbeth greift ohne zu überlegen nach einem Holzstück und schlägt mit aller Kraft auf ihn ein. Lisbeths zweites Kind, Hanna, das anderthalb Jahre später auf die Welt kommt, kann Miesko nicht mehr sehen. Da haben ihn die Wölfe auf dem Weg in das gut zwei Tagereisen entfernte Königsberg, wo Fürst Monte ein Stadthaus besitzt, schon überfallen und getötet. Im Dorf wird erzählt, es seien wahrscheinlich versprengte Schweden gewesen, die sich auch nach Beendigung des Großen Nordischen Krieges, an dem sich Preußen beteiligt und der das Ende der schwedischen Großmachtstellung im Baltikum bedeutet hat, noch in kleinen Gruppen im Samland herumtrieben und es wohl auf den hoch mit Eisenwaren beladenen Karren und auf das kräftige Pferd des Schmieds abgesehen hatten. Sie, so hieß es, hatten Miesko sowie seine beiden Begleiter, Knechte vom Gutshof, erschlagen und dabei schrecklich zugerichtet, sodass ihre Gesichter und Körper kaum noch zu erkennen waren. Wagen und Pferd hatten sie selbstverständlich mitgenommen; ihre Spuren verloren sich in Richtung Norden.

Lisbeth aber weiß, dass nicht nur die Schweden schuld an Mieskos Tod sind, schließlich hat sie in vielen Nächten heimlich Zwiesprache mit Lupa und ihrem Rudel gehalten. Sie hält es aber für angebracht, nicht öffentlich darüber zu reden. Es ist die Zeit, in der es in den Wäldern mehr Wölfe als je zuvor gibt. Da sie unter dem Wild großen Schaden anrichten, zahlt Fürst Monte den Dorfbewohnern und den Bauern der Umgebung eine Prämie für jeden erschlagenen oder erschossenen Wolf. Außerdem gibt es Gerüchte, dass seit einiger Zeit auch im Samland wieder Frauen verfolgt und dem peinlichen Verhör unterzogen werden, denen man gotteslästerliche Zaubereien und den Pakt mit dem Teufel nachsagt. Und wenn eine Frau, die sich mit Kräutern und deren Wirkung gut auskennt, auch noch mit Wölfen spricht und sie sogar dazu bringen kann, einen Menschen zu töten, dann ist das in den Augen der Dorfbewohner und des Pfarrers sicher ein Grund, sie der Hexenprüfung zu unterziehen, denkt sich Lisbeth.

Nur ihrer Großmutter erzählt sie schließlich von jener Nacht, in der Miesko getötet worden war. Da war die dreibeinige Wölfin plötzlich in der halb offenen Tür ihrer Hütte aufgetaucht und hatte Lisbeth und die kleine Ilsa auf deren Arm eine Weile mit irrlichterndem Blick angesehen und aus ihrem Fang dann einen blutigen Stofffetzen auf den Boden fallen lassen. Es war ein Stück aus Mieskos Jacke, die Lisbeth ihm genäht hatte. Sie warf es ins Feuer in der Schmiede, und als es zischend aufflammte und rasch zu Asche verbrannte, zog die Wölfin langsam ihre Lefzen hoch und ihre Mundwinkel nach oben. In diesem Lächeln lag so viel Zuversicht und Freude, dass Lisbeth es einfach erwidern musste, bevor Lupa im Dunkeln verschwand.

Hedwiga nickt ernst, als Lisbeth schweigt. Das Kerzenlicht lässt flinke Schatten über ihr verrunzeltes Gesicht fließen, und ihre seltsamen, inzwischen erblindeten Augen glühen. Sie streckt die Hand aus und streicht mit ihren knochigen Fingern sacht über Lisbeths Wange.

»Lass es gut sein, Mädchen. Alles, was geschehen ist und noch geschehen wird, hat seine Richtigkeit. Übrig bleiben wird das Lächeln der Wölfin.«

Und dann stirbt die alte Hedwiga.

In der Nacht vor ihrem Tod tobt einer dieser wilden Frühjahrsstürme, die den grobkörnigen Sand von der Küste tief ins Land hineintragen und die Spitzen der stärksten Föhren im Wald bis auf den Boden zwingen. Lisbeth sitzt neben dem schmalen, von einem Schaffell bedeckten Lager und hält die Hand ihrer Großmutter. Sie horcht auf das Flüstern und Murmeln der Alten, das sich mit dem Heulen und Seufzen des Windes draußen, mit dem unaufhörlichen Kratzen der Birkenäste über das Hüttendach und mit dem Rascheln der Mäuse im Stroh, dem Knistern von brennendem Holz und dem Knacken in den vom Rauch geschwärzten Balken vermischt. Sie versteht nur Bruchstücke von dem, was Hedwiga im Fieber fantasiert, und lässt ihre Gedanken deshalb hierhin und dahin wandern.

»Meine Tasche«, sagt die alte Frau plötzlich laut und deutlich. »Achte auf meine Tasche. Du wirst sie bald Ilsa geben, deiner Tochter.«

»Aber … aber meine Ilsa ist doch noch ein Kind«, unterbricht Lisbeth sie ratlos. »Wie soll ich jetzt schon wissen, ob sie einmal Hebamme wird?« Sie legt ihre freie Hand auf Hedwigas heiße Stirn. »Du bist krank und fieberst.«

Doch die Alte redet schon weiter: »Ilsa, alle Frauen, die nach dir kommen werden – alle sind sie Wölfinnen wie du.« Dann packt sie plötzlich Lisbeths Hand und zieht sie mit erstaunlicher Kraft noch näher zu sich.

»Sie alle werden leiden und den Schmerz kennen lernen«, flüstert sie heiser. »Doch nichts ist umsonst.«

Der Sturm über dem Land beruhigt sich, und als der Morgen graut, ist das Fieber vergangen, und Hedwiga scheint wieder bei klarem Verstand zu sein.

»Löse das zweite Brett über meinem Lager«, befiehlt sie ihrer Enkelin mit fester Stimme.

Als Lisbeth das Brett aus der Wand genommen hat, findet sie in der Lücke dahinter einen ledernen Beutel, in dem viele Münzen klimpern.

»Nimm das Geld«, sagt die Alte. »Es ist das Geld, das die Dame Radegunde dir gegeben hat. Nimm es und geh fort aus diesem Dorf.«

»Aber warum und wohin soll ich gehen, Großmutter?«

»Das gehört zu deinem Schicksal, Lisbeth.« Hedwiga drückt die Hand ihrer Enkelin. »Du musst in die Stadt gehen. Geh nach Königsberg, denn dort wird sich dein Schicksal und das deiner Kinder und Kindeskinder erfüllen.«

»Königsberg!« Lisbeth zittert vor Aufregung und vor Angst. In der großen Hafenstadt am Pregelfluss ist gerade Friedrich III. zum König von Preußen gekrönt worden, und noch immer reden die Leute über nichts anderes als seine Salbung durch zwei eigens dazu ernannte evangelische Bischöfe und über die Einweihung der Burgkirche, der ersten reformierten Kirche in Preußen. Händler und die Boten des samländischen Fürsten Monte tragen begeisterte Berichte über den prunkvollen Krönungsakt bis in die kleinsten der samländischen Dörfer.

»Du bist eine tüchtige Hebamme«, unterbricht Hedwiga ihre Gedanken. »Kinder werden auch in Städten geboren.« Sie hebt ihren Zeigefinger, der nicht mehr ist als ein Knöchelchen. »Und vergiss nie, dass du bei mir gelernt hast! Gib das Wissen der alten Hedwiga und ihre Erfahrungen weiter an Ilsa, deine Tochter.« Sie hält einen Moment lang inne, und zwei Tränen rollen über ihre faltigen Wangen, als sie flüstert: »Du musst die Zeit nutzen, mein Kind. Dir bleibt nicht viel.« Sie verzieht ihren zahnlosen Mund zu einem kraftlosen Lächeln. »Und nun such weiter.«

Ganz hinten in dem Versteck findet Lisbeth einige eng beschriebene Blätter Papier, die von einem dünnen Faden zusammengehalten werden. Neugierig beugt sie sich über das oberste Blatt – und vergisst sofort alles andere. Die Schrift ist schon ein wenig verblasst, aber noch lesbar. Sie liest auf dem obersten der Blätter: »Hebammen Buch / Darinn von Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit der Weiber / zeitigen und vorzeitigen Geburt / Zustand der Frucht in und außerhalb des Mutterleibes« Sie überfliegt die nächsten Zeilen, bis ihr Blick an dem Namen hängen bleibt, den Hedwiga bei ihren Erklärungen und Berichten so manches Mal genannt hat.

»Marie-Louise Bourgeois!«, ruft sie aufgeregt.

Hedwiga tastet nach ihrer Hand und drückt sie so sehr, dass Lisbeth leise aufschreit. »Bewahre sie gut, diese Schrift. Sie wird das Schicksal deiner Töchter sein.«

Faltige Lider fallen über ihre blinden Augen, sie wendet den Kopf zur Seite. Lisbeth hält die Blätter der Abschrift in ihren Händen und betrachtet das ruhig gewordene Gesicht ihrer Großmutter und horcht auf ihren seufzenden, manchmal stockenden Atem. Sie hofft und wartet darauf, dass sie wieder aufwacht, denn sie hat die alte Hedwiga noch so vieles zu fragen.

Doch Hedwiga stirbt. Ein seltsam berührendes Lächeln, das merkwürdigerweise an das Lächeln der Wölfin Lupa erinnert, verschönt ihr Gesicht. Vorsichtig legt Lisbeth ihre Fingerspitzen auf dieses Lächeln und schließt ihre Augen und fühlt einen warmen Strom der Zuversicht durch ihren Körper fließen.

III
Helene

Sie hatte an diesem ersten Abend ihrer Rückkehr, nachdem Victor endlich gegangen war, langsam ihren Rucksack und ihre Reisetasche geleert und die mitgebrachten Kleidungsstücke in den Schrank gehängt oder gelegt und die paar Bücher, von denen sie sich nicht hatte trennen wollen, ins Regal gestellt. Und dann, als das Feuer im Ofen knisternd brannte, als die im Frost erstarrten Balken seufzend zu knacken begannen wie lange nicht mehr benutzte Gelenke, als die Holzwände, gerade noch eisige Kälte verströmend, allmählich die Farbe von dunklem Waldhonig annahmen – dann hatte sie sich also auf die Bank am Ofen neben den alten Medizinbeutel gesetzt, die Finger einer Hand leicht, ganz leicht nur auf dem brüchigen Leder, und ihn schließlich geöffnet und seinen Inhalt vor sich auf den Tisch gelegt und ganz zuletzt die voll geschriebenen Schulhefte gefunden. Dann hatte sie Lisbeths Geschichte gelesen. Dabei ist der Tee in der Kanne kalt geworden, und das Feuer im Ofen ist fast erloschen.

Nun horcht sie eine Weile mit geschlossenen Augen auf die Geräusche im Haus, die nicht mehr so fremd sind wie noch vor einigen Stunden. Ihr linker Oberschenkel berührt den Medizinbeutel neben sich. Und sie denkt daran, dass Lisbeths Schicksal und das ihrer Töchter und Enkelinnen mit einer Hebammentasche verbunden war und ihres mit einem unförmigen Beutel mit Fransen und Perlenverzierungen, der einmal einer sibirischen Schamanin gehört hat, die sich wie die Hebamme Hedwiga aus dem Samland darauf verstand, die Heilkräfte der Natur gegen Krankheiten zu benutzen. Sie denkt mit aufwallender Wärme an Raissa, die sie, Helene, ohne zu fragen, einst zu ihrer Hütte in der Nähe einer verlassenen Bärenhöhle gebracht, ihre Wunden verbunden, sie genährt und gewärmt und sie schließlich mit seltsamen Melodien, die ihre Albträume besänftigten, in den Schlaf gesungen hat. Bevor dieser Winter zu Ende war und die Taiga sich unter der nur langsam schmelzenden Schneedecke zaghaft zu neuem Leben regte, hatte die Alte Helene vieles gezeigt und erklärt, was sie über das Geheimnis der Zeugung und Geburt wissen musste, hatte sie an geheimnisvollen Ritualen mit den wenigen Menschen, die in den Wäldern zwischen weitläufigen, versteppten Ebenen lebten, teilnehmen lassen und sie den Mythos von der Erde als Mutter, als Ernährerin und Spenderin allen Lebens gelehrt. Und Helene, in einer anderen Zeit auf brutale Weise herausgerissen aus einem Leben, das sich auf die Wärme im Elternhaus, die Beständigkeit und Überschaubarkeit des Alltags in dessen Umkreis und auf Fröhlichkeit im Beisammensein mit anderen Kindern beschränkt hatte und trotzdem schon überschattet war vom nahenden Krieg, nahm das, was ihr da nach den Schrecken in einem sibirischen Arbeitslager geboten wurde, mit allen Sinnen in sich auf.

Eine Weile bleibt Helene so sitzen, reglos, in sich selbst und die Flut der anstürmenden Erinnerungen versunken und ohne zu merken, dass der Frost wieder Besitz vom Haus zu nehmen versucht. Später, da bildet ihr Atem schon kleine Wolken vor ihrem Gesicht, und ihre Hände sind so kalt und starr, dass sie Mühe hat, das Feuer im Ofen und auch im Eisenherd neu zu entfachen und Holzscheite nachzulegen, wartet sie darauf, dass die Flammen sich ausbreiten. Dann setzt sie sich wieder auf die Bank und blickt sich im Innern des kleinen Hauses um. Sie erkennt die beiden hellen rechteckigen Flecken auf der Wand dem Herd gegenüber wieder, wo einmal die Kinderfotos von ihrer Tochter hingen, bevor Lara sie entfernt hatte, wie sie auch alle ihre anderen Sachen aus dem Haus ihrer Mutter mitgenommen hatte. Sie betrachtet die beiden klobigen Stühle am Tisch, die Victor vor vielen Jahren im Stall neben seinem Haus entdeckt und für sie abgeschliffen und die sie dann mit Sonnenblumenöl gestrichen hatte, bis das alte Holz wie matte Seide schimmerte. Und während ihre Blicke umherwandern, spürt sie, wie ihre Finger, ihre Hand, ihre Haut wieder Besitz nehmen von Raissas Beutel, dann von der Bank, auf der sie sitzt, von der Tischplatte vor ihr, von den Dielen unter ihren Füßen. Sie lehnt sich zurück und spürt an ihrem Rücken das Raue der Ofenkacheln. Und wie immer ist sie fasziniert von den seltsamen Wegen der Erinnerung, die sich manchmal an unerklärlichen Reizen, auf unvorhergesehene Assoziationen hin aufbaut und nun die Landschaften und Gesichter und Begebenheiten entstehen lässt, die sie gesehen, an denen sie teilgenommen hat.

Sie berührt wieder den Medizinbeutel und sieht plötzlich Raissas Gesicht vor sich, das sich damals aus dem vom Himmel fallenden Weiß schälte und über sie beugte, umrahmt von zwei, drei Tierköpfen, Wolfsköpfen mit bernsteinfarbenen Lichtern. Sie sieht die eng beieinander stehenden Augen über der merkwürdig stumpfen Nase und den schmallippigen, zahnlosen Mund, das zottelige graue Haar unter der Fellkapuze. Und sie spürt Hände auf ihrem Gesicht und an ihrem Hals, knorrige, prüfende Hände, die nach Wärme, einer Spur von Leben tasten. Sie duckt sich unwillkürlich, wie sie sich damals in das Schneeloch unter den Ästen eines Nadelbaums duckte, in Todesangst, schon fast erfroren in diesem dünnen Mantel, den sie jemand anderem, der schon erfroren war, abgenommen hatte, bevor sie durch das Loch im Lagerzaun gekrochen war, und schon ergeben in ein unabwendbares Schicksal.

Sie schreckt hoch, gestört von einem Knacken in den Balken über ihr oder von einem Ast, der über das Dach streicht. Und als die Holzscheite im Ofen knisternd und polternd zusammenfallen, da sind die Kerzen auf dem Tisch fast abgebrannt. Helene stöhnt leise auf, als sie sich von der Bank erhebt. Ihre Glieder sind steif vom langen Sitzen. Sie nimmt den alten Wasserkessel, den sie, bevor sie zu lesen begann, beiseite gestellt hatte, und tritt vor die Tür, um Schnee zu holen und dem wilden und gleichzeitig so tröstlichen Gesang der Wölfe zuzuhören. Sie legt den Kopf zurück und betrachtet den hohen, klaren Sternenhimmel, den der schon wieder nachlassende Sturm leer gefegt hat, und den fast runden Mond, der sich in die schwarz wirkenden Baumwipfel gehängt hat, dann geht sie wieder ins Haus.

Es ist auch jetzt, am Morgen, noch ziemlich kalt im Haus. Victor war am Abend, bevor sie in Laras Heften zu lesen begann, noch einmal gekommen und hatte ihr einen Topf mit einem Rest warmer Kohlsuppe gebracht, die Katharina, seine Frau, für die Familie gekocht hatte. Er bestand darauf, dass Helene sofort aß, sah ihr schweigend zu, und sie kratzte demonstrativ auch noch den letzten Rest vom Topfrand. Die Suppe schmeckte, natürlich schmeckte sie, alles aus Katharinas Küche war gut.

»Komm mit zu uns«, hatte er sie dann aufgefordert. »Katharina wartet auf dich. Es dauert mindestens drei Tage, bis das Haus einigermaßen warm ist. Erinnere dich daran, dass die sibirischen Stürme durch die kleinsten Ritzen dringen. Ich kann nicht zulassen, dass du dir eine Lungenentzündung holst oder sogar erfrierst!«

Doch Helene lehnte es ab, ihre Hütte zu verlassen. Victors Besorgnis war rührend und gefährlich zugleich, die Aussicht auf die wohlige Wärme in Katharinas Küche war verlockend. Aber sie war plötzlich erschöpft, schon wieder erschöpft von der erdrückenden Aura, die seine Gegenwart erzeugte. Ihr fehlte plötzlich die Kraft, sich ihm weiter zu widersetzen. Doch sie hatte nicht die Absicht, sofort wieder zu einem Teil seiner Familie zu werden. Es war ihr nur mit Mühe gelungen, sich zumindest für eine Weile aus dieser Vereinnahmung, dieser Umklammerung zu lösen und ihren eigenen Weg zu gehen. Die Gefahr, sofort wieder in alte Mechanismen zurückzufallen, war einfach zu groß

»Ich werde hier bleiben, akzeptiere das endlich.«

Also war Victor ohne sie nach Hause zu Katharina gegangen. Helene blieb einen Moment in der offenen Tür stehen und sah ihm nach, wie er verbissen durch den Schnee zur Straße stapfte. Der Mond, auf dessen Fläche vorbeijagende Wolken bizarre Muster bildeten, übergoss ihn mit kaltem gelbem Licht.

Sie erinnert sich jetzt, am Morgen, dass sie sich, nachdem Victor gegangen war, eine Decke über die Schultern legte, eine zweite über die Knie, und so eine Weile zitternd auf der Ofenbank saß. Diffuse, geisterhafte Schatten umwaberten sie, alles um sie herum wisperte, knackte und raschelte, als sie schließlich wieder aufstand, frierend, und im Schrank nach dem alten Wollrock und einem dicken Pullover suchte. Auch den Schal fand sie, den mit den von Motten oder Mäusen abgefressenen Fransen, und sie stellte sich Laras Lachen vor, wie sie früher, als Kind, manchmal gelacht hatte, wenn ihre Mutter sich in diesen alten Sachen zeigte, die schon Generationen von sibirischen Frauen getragen haben mussten, von der einen auf die andere vererbt, so alt und abgetragen wirkten sie. Sie zog die alten Filzstiefel über ihre Wollstrümpfe und legte sich wieder die Decke um die Beine, bevor sie sich erneut auf die Bank am Ofen setzte, um diesen alten Lederbeutel neben sich anzufassen und gleichzeitig in alten Schulheften zu blättern und schließlich Lisbeths Geschichte zu lesen, die sie seit ihrer Kindheit kannte, die ihr aber nun, mit Laras Worten und Gedanken aufgeschrieben, neu erschien.

Und dabei ist es früher Morgen geworden. Sie legt das Heft zu den anderen in den Beutel zurück und tritt vor die Tür und betrachtet lange den Himmel, der über dem dunklen, wie in jedem Winter fast schwarzen Wald ins Grünliche schimmert und den ganzen Tag lang grau, nur grau sein wird. Der Mond, nun eine bleiche flache Scheibe, hängt westlich von ihr. Die Wölfe sind verstummt, sie haben sich, wie sie es in den Morgenstunden immer getan haben, in den Schutz der Wälder oder ins Moor zurückgezogen.

Helene macht ein paar Schritte nach links, wo das Holz aufgestapelt liegt, und schichtet sich einige Scheite auf den Arm. Ihr Arm wird schnell lahm; sie hat lange außer ihrem leichten Gepäck kein Holz oder etwas anderes Schweres, Unhandliches mehr getragen. Wieder im Haus, betrachtet sie die karge Einrichtung und ihre Schäbigkeit zum ersten Mal bei Tageslicht. Damals, als sie fortging, mit diesen Briefen in ihrer Tasche, der eine aus Kaliningrad, der andere aus New York, dazu ein paar amtliche, eine Bestätigung ihres Reiseantrags der Deutschen Botschaft in Moskau zum Beispiel, durch die ihr Leben plötzlich auf eine völlig andere Bahn geriet, hat sie darauf geachtet, dass sie alles sauber hinterließ. Sie machte sich keine Gedanken um ihre Zukunft oder um ein baldiges Wiederkommen, sie wollte nur weg. Alles, was auf einmal vor ihr lag, was plötzlich möglich wurde, erschien ihr in einem überwältigend hellen Licht, in dem sie sich verändern konnte, in dem sie Ballast abwerfen und sich erheben und fliegen konnte gleich einem Vogel. Der Zeitpunkt ihrer Reise war gut gewählt, denn das politisch veränderte Russland begann sich mit Beginn der neunziger Jahre gegenüber dem Westen mehr und mehr zu öffnen. Sogar Reisen ins westliche Ausland waren nun möglich, auch wenn es noch immer von Vorteil war, über gewisse Verbindungen zu verfügen. In dieser Hinsicht hatte Helene sich auf Victors Unterstützung verlassen können. Er hatte, wenn auch widerstrebend, dafür gesorgt, dass sie ihr Visum bekam und ohne große Schwierigkeiten zunächst nach Kaliningrad und dann sogar in den Westen reisen konnte. Das Wissen, Nowgoje verlassen, bisher starre Grenzen überschreiten zu können, war für Helene aufregend und beunruhigend zugleich. Sie machte sich Sorgen um ihre Patientinnen, die ihr seit Jahren vertrauten, und begann damit Unmengen von Kräutern zu sammeln, zu trocknen oder sie zu verarbeiten und genaue Gebrauchsanweisungen aufzuschreiben, bis Victor sie daran erinnerte, dass sie nicht die einzige Hebamme im Bezirk war und die bisher von ihr versorgten Frauen auch von ihm betreut werden konnten.

Sie war noch nie in ihrem Leben mit einem Flugzeug geflogen, doch davor hatte sie keine Angst. Aber beim Gedanken, in einen Waggon der Eisenbahn steigen zu müssen, geriet sie in Panik.

»Und wie gedenkst du dann nach Moskau zum Flughafen zu kommen?«, wollte Victor wissen. Helenes Hals war plötzlich so eng, dass sie kaum noch atmen konnte und kein Wort herausbrachte. Sie starrte ihn nur hilflos an, unfähig zu einer Erklärung. Unfähig auch dazu, die rasende Bildfolge in ihrem Kopf anzuhalten oder in ihren Ohren das Rattern der Räder, das Stöhnen, das Klagen und Schreien der Frauen, Mädchen und Kinder, die auf verdrecktem, stinkendem Stroh zusammengedrängt einer ungewissen Zukunft entgegenfuhren, und über ihnen die grinsenden, gierigen Fratzen der russischen Wachsoldaten, die gutturalen Befehle, die drohend erhobenen Gewehrläufe. Instinktiv hob Helene bei diesen Bildern die Hände und presste sie auf die Ohren, kniff die Augen zu und wiegte ihren Oberkörper vor und zurück, bis sie Victors Arme um sich spürte und seine beruhigende Stimme hörte.

»Hab keine Angst, Jelena, ich bring dich mit dem Auto nach Moskau«, sagte er, und sie lehnte sich dankbar, erleichtert an ihn.

Also fuhren sie in seinem klapprigen Lada nach Moskau. Dort stieg sie, nun doch mit etwas zittrigen Knien, in ein Flugzeug nach Kaliningrad und ein paar Tage später in ein anderes, das sie nach Berlin brachte.

Als sie aus diesem stieg, wurde sie von einem Ehepaar erwartet, das sie kurz zuvor in Kaliningrad im Bernsteinmuseum am Wassilewskogo-Platz kennen gelernt hatte. Ernst und Elisabeth Wagner waren mit einer Reisegruppe unterwegs gewesen. Es war ihr letzter Tag in ihrer ehemaligen Heimat Ostpreußen, erfüllt von Wehmut und dem Gedanken an einen endgültigen Abschied. Vor einer Vitrine mit alten Schmuckstücken kamen sie mit Helene ins Gespräch, das sie später bei einem gemeinsamen Abendessen fortsetzten. Und weil Helene in Berlin niemanden kannte und auch nicht wusste, wo sie bleiben sollte, außer in einem Hotel, wurde sie von den Wagners eingeladen, während ihres Aufenthalts in der einst durch eine Mauer geteilten Stadt bei ihnen zu wohnen.

Da Samuel, Heshel und Menuchah Goldbergs Sohn, ihr das angekündigte Ticket für den Flug nach New York schon in die US-Botschaft geschickt hatte, stieg Helene dann abermals in ein Flugzeug. Am John-F.-Kennedy-Flughafen wurde sie von jener Familie empfangen, der ihre Mutter und Großmutter vor vielen Jahren zur Flucht aus dem Nazi-Deutschland verholfen hatten und mit der Helene entfernt, wirklich sehr entfernt verwandt ist. Dass sie eine Ururenkelin jenes jüdischen Rechtsanwalts Ira Goldberg ist, der ihre Vorfahrin Clara Wolf einst vor dem Zuchthaus bewahrte, hatte Großmutter Emma ihr viele Male erzählt. Dicht hatten die alte Frau und ihre zwölfjährige Enkelin sich in einer ihrer letzten gemeinsamen Nächte aneinander geschmiegt, um die Schrecken des unvermeidlichen Zusammenbruchs ihrer Heimat zu verdrängen. Während Emma die romantische Liebesgeschichte von Ira und Clara erzählte, hatten sie gemeinsam auf das Dröhnen und Grollen der nahen Front gehorcht. Dann war Emma plötzlich aufgestanden, hatte in einer kleinen Truhe gekramt und Helene jenen Brief gezeigt, in dem Menuchah Goldberg ihr und ihrer Tochter Margarete, Helenes Mutter, für ihre Unterstützung bei der Flucht aus Deutschland dankte.

»Erzähl niemandem davon, Kind«, hatte Emma geflüstert. »Ist unser Geheimnis, das mit den Juden und unserer Verwandtschaft mit ihnen.«

Und Helene hatte geschwiegen. Sie ahnte nicht nur, sie wusste ja, was mit den Juden in Deutschland geschah und dass es gefährlich war, mit ihnen in Verbindung zu sein.

Und dann beendete Heshel Goldberg einige Wochen nach ihrer Ankunft in New York und nach langen Gesprächen mit ihm und der Familie seines Sohnes Helenes latent vorhandene Zukunftsängste mit dem Vorschlag, ihn zu heiraten, damit sie legal in den Staaten bleiben konnte. Einer von Samuels Freunden, der in der Einwanderungsbehörde arbeitete, sorgte dafür, dass sie eine Arbeitserlaubnis bekam, damit sie in Samuels deutscher Buchhandlung mitarbeiten konnte. Der Verdienst aus dieser Tätigkeit und das Honorar, das sie für eine über Samuels Freunde in einer deutschen Wochenzeitschrift initiierte Artikelreihe über ihre Erfahrungen als Landhebamme und das Wiederaufleben des Schamanismus in Sibirien erhielt, reichten aus, um finanziell unabhängig von Heshel zu sein. Als Familienmitglied nahm Helene an den jüdischen Ritualen und Feiern der Goldbergs teil. Im ersten Jahr ihres Aufenthalts besuchte sie an drei Abenden in der Woche einen Englischkurs. Und kurz bevor sie sich nach dem zwar nicht unerwarteten, aber doch schmerzlichen Tod ihres Mannes zur Rückkehr nach Europa entschloss, übersetzte sie noch die Doktorarbeit eines russischen Medizinstudenten und verschiedene Essays über fachbezogene Themen ins Deutsche.

»Vergiss nicht, dass du in diesem Land deine Familie hast, Helene«, sagte Samuel, als er sie zum Flughafen fuhr. »Wir lieben dich.«

Sie wusste nicht, in welche Worte sie ihre Dankbarkeit und ihre Rührung fassen sollte, denn jedes Wort erschien ihr nicht groß, nicht gewichtig genug für das, was sie in den vergangenen zwei Jahren erfahren hatte. Wieder hatte sie einen für sie wichtigen Menschen verloren, wieder war etwas zu Ende gegangen. Ihr Herz war schwer, doch sie sah sich nicht mehr nach Samuel um, als sie durch die Passkontrolle ging. In ihrem Notizbuch waren mehrere Adressen und Telefonnummern eingetragen. Adressen von Heshels weitläufiger Verwandtschaft, von Freunden in Deutschland, Österreich und Italien.

»Sie werden dich überall mit offenen Armen aufnehmen«, hatte er ihr noch am Tag, als er starb, versichert.

Von Berlin aus fuhr Helene mit dem Zug nach München, von dort aus ein paar Tage später nach Venedig. Sie wählte die eine oder andere Telefonnummer und legte den Hörer wieder auf, wenn sich jemand meldete. In Wien blieb sie länger, die Stadt gefiel ihr. Hier unterbrach sie ihren Telefonanruf nicht und nahm sogar das Angebot von Samuels Nichte Galja an, eine Weile bei ihr zu wohnen. Galjas Mann Udi, ein Ingenieur, befand sich gerade im Ausland, Kinder hatten sie noch nicht, und in der geräumigen Wohnung im 9. Bezirk gab es ein gemütliches Gästezimmer. Mit Galja, einer Klavierlehrerin, zusammen genoss Helene Konzerte und andere Kulturveranstaltungen, sie las viel und unternahm Ausflüge in die Umgebung von Wien.

Doch an einem lauen frühherbstlichen Abend, an dem sie mit ihrer jungen Freundin und einigen Bekannten in einem der lauschigen Heurigenlokale am Stadtrand von Wien saß, wurde ihr auf einmal bewusst, dass sie des Reisens müde war, unendlich müde. Sie war des Packens und Auspacken überdrüssig, sie wollte ihre Kleidung endlich wieder in einen Schrank hängen und legen, der ihr gehörte, der in ihrem Haus stand. Während ihre Begleitung über die Sehenswürdigkeiten der Stadt und Ausflugsmöglichkeiten in die Weingebiete rundherum plauderte, in dem voll besetzten Lokal Gespräche, Gelächter und Rufe hin und her schwangen, zwei Musiker Lieder sangen und auf der Zither begleiteten und sich die warme Luft gleich einem Netz auf ihr Gesicht und ihre nackten Arme legte, erinnerte Helene sich plötzlich an die Stille nach einem sibirischen Wintersturm, an den entfernten Ruf der Wölfe und an das knisternde Geräusch, mit dem einzelne Schneeflocken durch die kahlen Äste der Birken zur Erde fielen oder frisch angezündete Holzscheite sich in einem Ofen gemächlich übereinander legten. Sie erinnerte sich an den Geruch von frisch gefallenem Schnee, sie hatte ihn in der Nase, obwohl die Luft um sie herum noch immer nach sich verfärbenden Kastanienblättern, nach Wein und nach der Küche des Lokals roch. Und sie sah in die Gesichter der Menschen vor und neben sich und sah doch Victors Gesicht, das von Katharina, das von Onkel Wanja und den anderen in Nowgoje. Sie sah Galja an, die so alt war wie ihre Tochter – und sah in Laras Gesicht. Heimweh überfiel sie, eine derart große, körperlich spürbare Sehnsucht, dass sie das heitere Gespräch der anderen unterbrach.

»Ich will nach Hause«, sagte sie laut. »Ich will zurück nach Sibirien.«

Helene wischt die schmutzigen Flecken, die die Holzscheite auf ihren Händen hinterlassen haben, mit einem Lappen ab. Der Gedanke an ihre Tochter schmerzt, wie er immer geschmerzt hat, nachdem Lara sie verlassen hatte. Vorher gab es Augenblicke der Nähe, zum Beispiel dann, wenn sie ihrer Tochter die Geschichten der Wölfinnen erzählte, wieder und wieder. Denn das Kind Lara liebte und fürchtete sich gleichzeitig vor Helenes Geschichten, wie sie die gruseligen Aspekte der Geschichten liebte und fürchtete, die Victor oder Katharina, Onkel Wanja oder jemand anders aus dem Dorf ihr erzählten. Aber nicht nur von Geistern, von Erfrorenen, Ertrunkenen, beim Holzfällen Erschlagenen, in den Wäldern Verirrten oder im Moor Verschwundenen wurde da erzählt. Geredet und getuschelt wurde im Dorf auch viel über Helene, die Frau, die aus dem Wald gekommen war. Über »die Wölfin«, die »Njemka«. Und ebenso über das seltsame Verhältnis zwischen der Wölfin und dem Genossen Doktor. Victor, der doch mit Katharina, der einzigen Tochter von Kiril Jewtuschenko und seiner Frau Larissa verheiratet war. Und weil Lara größer und verständiger wurde, begann sie zu fragen. Und als Lara zu fragen begann, warum die Leute in Nowgoje so viel über ihre Mutter redeten, verstummte Helene. Naturgemäß hätte es viel zu sagen, zu erklären, zu erzählen gegeben, doch ihr Mund verschloss sich zu diesen Fragen von selbst, er verweigerte die Sprache, die Lippen wurden zum Strich, dessen Enden sich nach unten bogen und dort einfroren.

Da entschied sich Lara für ein Haus mit vielen Worten und mit Offenheit. Für Victors Haus. Für ein Leben mit Familie und mit Verwandten, mit fröhlichen Festen, zu denen alle zusammenkamen, mit Spielen mit Gleichaltrigen und lockeren Gesprächen. In Helenes Leben gab es nun mal keine Familie mit Verwandten, keine Leichtigkeit, kein Lachen, da gab es vor allem Verluste und Einsamkeit. Victor – vielleicht hätte er ihr damals etwas von der Leichtigkeit in seinem Haus abgeben können, ja, aber Victor war mit Katharina verheiratet und trotz seiner Zuneigung zu Helene nicht der Mensch, der sie von ihren Albträumen hätte befreien können. Eine Weile hatte sie sich eingebildet, dass Lara, ihr Kind, ihr dabei helfen könnte. Doch die verschlüsselten Hinweise in ihren Geschichten über die Frauen vor ihnen auf ihr eigenes Schicksal hatten ihre Tochter überfordert und irritiert, das erkannte Helene. Es dauerte lange, sehr lange, bis sie endlich einsah, dass Raissa Recht gehabt hatte. Sie musste die Lösung für ihre Probleme einzig und allein bei sich selbst suchen.

Und noch immer sucht sie danach. Noch immer weiß sie nicht, wie sie ihrer Tochter begegnen soll, die bald nach Nowgoje kommen wird, um ihre Mutter wiederzusehen.

Helene steht von der Bank auf. Sie muss sich bewegen, sie geht auf und ab, mit langen, raumgreifenden Schritten, vier Schritte zwischen dem Waschbecken mit seinen Rostflecken und den beiden kleinen Fenstern an der gegenüberliegenden Wand, fünf Schritte zwischen Schlafkammer und Flur. So ist sie früher oft umhergegangen, hierhin und dorthin, gleich einem gefangenen Tier hat sie sich bewegt, und so bewegt sie sich auch jetzt bei der Erinnerung an ihre Tochter. Sie denkt an jenen Tag im Winter vor etwa fünfzehn Jahren, an dem Lara überraschend zu ihr kam und in der Tür stehen blieb und nicht einmal ihre Handschuhe auszog, um ihr zu sagen, dass sie Ilja Nefremow heiraten werde, ausgerechnet diesen Jungen, sie noch nicht einmal achtzehn, er gerade zwei Jahre älter, so jung noch beide, so unreif, so unerfahren für ein gemeinsames Leben. Ilja, der auf Geheiß seines ehrgeizigen Vaters schon mit vierzehn im Bergwerk nahe Surgut zu arbeiten angefangen hatte, um sich rechtzeitig auf den möglichen Posten als Verwalter vorzubereiten, und der bereits ein Jahr später Mitglied der Kommunistischen Partei geworden war. Ilja, hinter dessen abstehenden Ohren, unter dessen abgekauten Fingernägeln, in dessen Hals- und anderen Körperfalten die Schwärze von Kohle und der Dunkelheit in Stollen und unterirdischen Höhlen nistete, auch wenn er sich, wenn er für ein paar Tage nach Hause zu seiner Familie in Nowgoje kam, noch so eifrig wusch und schrubbte, um seine Freunde in der Partei und auch das eine oder andere Mädchen im Dorf zu beeindrucken. Warum ausgerechnet dieser Ilja, der Vater ein eitler, arroganter, schmallippiger Mann und die Mutter geschminkt wie eine Puppe mit wasserstoffblonden Haaren, die sich für etwas Besseres hält?, hatte Helene damals, als sie diesen Jungen zum ersten Mal in Victors Haus sah, gedacht. Du, sagte sie zu ihrer Tochter, aber nur in Gedanken, weil diese Tochter sofort wieder ihre Krallen ausgefahren oder sie mit ihrem vernichtenden Blick gelähmt hätte, du mit deiner Schulbildung, mit deiner Fantasie, deiner Kraft, du hast mehr vor dir als ein Leben an der Seite dieses plumpen, sich aufspielenden Mannes, der Hetzreden gegen den wachsenden Kapitalismus des Westens und die Ausbeutung sibirischer Gas- und Ölfelder durch westlich orientierte Unternehmen führt, aber nichts, gar nichts von den Fähigkeiten und Träumen einer Frau wie dir versteht. Doch sie sprach das nicht aus, sie hatte jedes Recht auf ihre Tochter verloren, als sie ihre Unterschrift unter das Adoptionspapier gesetzt hatte, das Lara zum Familienmitglied der Litowskis machte. Sie hatte ihre Einwilligung dazu gegeben. Es war ihr nichts anderes übrig geblieben, weil Lara selbst es so wollte und weil Helene damals ihre Zweifel und ihren Kummer unter dem fadenscheinigen Denken verbarg, nichts anderes im Sinn zu haben als das Wohl ihres Kindes. Also schwieg Helene, als Lara ihre Hochzeit mit Ilja Nefremow ankündigte. Bei der lärmenden Feier in Victors Haus blieb sie im Hintergrund, sprach mit niemandem und ging bald, ohne dass es jemand unter den zahlreichen Gästen zu bemerken schien. Später schämte sie sich zuweilen ihres distanzierten Verhaltens ihrem Schwiegersohn gegenüber. Denn wer war sie, dass sie sich ein Urteil über den Jungen einer russischen Familie erlauben konnte? Eine ungeliebte Deutsche war und blieb sie, obwohl sie schon lange wie alle Leute des Landes sprach und ihre Muttersprache nur noch in Gedanken oder Selbstgesprächen oder zum Zitieren von medizinischen Texten in deutscher Sprache aus einem zerfledderten Buch aus Victors Bibliothek benutzte, um sie und ihren Klang und Rhythmus nicht zu vergessen.

Der Parteisekretär, der damals über die Weiterreichung des Adoptionsantrags zu entscheiden hatte, ein undurchschaubarer Mann mit dem breiten, glatten Gesicht eines Mongolen und den Augen eines erfolgreich jagenden Tiers, hatte das Wort »Njemka« ausgespuckt wie einen ungenießbaren Bissen. Eine »Njemka« sei aus verschiedenen Gründen unfähig, ein Kind, auch ihr eigenes, im Sinne der Kommunistischen Partei zu erziehen, machte er ihr klar; und deshalb werde er die beantragte Adoption ihrer Tochter durch die Familie des ehrenwerten Genossen Doktor Victor Litowski befürworten, und auch sie habe zuzustimmen und müsse sogar dankbar sein für diese Lösung. Helene hörte ihm schweigend zu, ihren Oberkörper ein wenig nach vorn gebeugt, den Blick auf ihre Hände im Schoß gerichtet. Diese Haltung hatte sie vor Jahrzehnten im Arbeitslager gelernt und sich nie abgewöhnt. Sie wusste, es brachte in diesem Land nur Ärger, aufrecht zu stehen oder zu gehen, und ihr Leben war kompliziert genug. Und Helene schwieg auch, als Lara Ilja Nefremow mit den schmutzigen Ohren und dem Geruch des Erdinnern an sich heiratete. Sie schwieg, als Lara, die nach ihrem Schulabschluss ein Stipendium für die Universität in Omsk ausgeschlagen hatte, am Fließband der Maschinenfabrik in Surgut zu arbeiten anfing, weil sie und Ilja mehr Geld für eine Wohnung und für die Arbeit in der Partei brauchten.

Helene sagte auch dann nichts, als Lara eines Tages mit ihrem Baby im Arm zu ihr kam und kühl forderte: »Sorg du eine Weile für meinen Sohn, ich muss zurück in die Fabrik, und Iljas Eltern sind zu alt, um auf ein so kleines Kind aufzupassen.«

Aus der Weile wurden fünf Jahre, anstrengend und köstlich zugleich für Helene. Dann starb der kleine Nicolai, erstickte bei einem seiner Asthmaanfälle. Nur einmal in fünf Jahren, nur in dieser einzigen Nacht hatte Helene ihren tief schlafenden Enkel für ein paar Stunden allein gelassen, um das Kind von Maja, Jewgenji Krajews Frau, auf die Welt zu holen. In jeder anderen Nacht in diesen fünf Jahren war sie bei ihm gewesen oder hatte ihn mitgenommen, wenn man sie zu einer Entbindung rief, und ihn auf eine Bank, auf einen Ofen oder ins Bett zu anderen Kindern gelegt und wieder aufgenommen, wenn sie in ihre Hütte zurückkehrte. Nur in dieser Winternacht nicht, in der ein heftiger Sturm ums Haus heulte und große Mengen Schnee vor Tür und Fenster häufte und Helene sich den Pfad zur Straße nur mühsam frei schaufeln konnte, wo Fedja mit dem Pferd auf sie wartete. Was sollte dem Kleinen denn passieren? Er hatte brav seine Medizin geschluckt. Im Haus war es warm, auf dem Herd blubberte das Wasser im Topf, und der Dampf, angereichert mit dem kräftigen Geruch von Heilkräutern, zog durch die offene Tür in die Schlafkammer, wo Nicolai fest und ruhig schlief. Vergewissert hatte Helene sich, dass er warm zugedeckt war. Sie hatte ihn einen Moment lang betrachtet, mit Rührung und jener überwältigenden Liebe für dieses Kind, die ihr manchmal das Herz abzuschnüren drohte. Sie hatte ihre Hand vorsichtig auf seine kühle Stirn gelegt und auf seinen ruhigen Atem gehorcht. Doch als sie, nachdem sie das andere gerade geborene Kind gesund, gereinigt und in warme Tücher gehüllt in die Arme seiner Mutter und die benutzten Instrumente wieder in ihre Tasche gelegt hatte und dann durch den tobenden Sturm, dessen Kälte sie bis ins Mark frieren ließ, nach Hause ritt, da war ihr Enkelsohn schon tot. Wie friedlich schlafend lag er im Bett, das Helene mit ihm teilte. Vielleicht waren seine Wangen ein bisschen blasser als sonst, die violetten Ringe unter seinen geschlossenen Augen etwas zu tief, doch kein Grund zur großen Besorgnis, denn er war von Anfang an ein kränkliches Kind gewesen, das sie immer wieder zu Victor in die Praxis tragen musste. Helene legte wieder ihre Hand auf seine Stirn. Sie war kalt, viel zu kalt für einen Jungen im Schlaf. Und als sie sich horchend über sein Gesicht beugte, war da kein Atem mehr, nur das plötzlich rasende Klopfen ihres eigenen Blutes und das Geräusch des köchelnden Wassers mit den Kräutern auf dem Herd in ihren Ohren.

Lara, die Victor in der Fabrik angerufen hatte und die erst nach Stunden aus Surgut kam, maß ihre verzweifelte, sich mit geballten Fäusten auf die Brust schlagende Mutter mit einem dieser Blicke, unter denen Helene zu Eis erstarrte. Danach war Lara nur noch einmal in dieses Haus gekommen, um Nicolais Sachen mitzunehmen.

Diese Erinnerung schmerzt fürchterlich, ist schneidend gleich einem Messer, das in ihrem Innern wühlt. Es dauert eine Weile, bis Helene den Raum um sich wieder wahrnehmen kann. Sie setzt sich und entspannt sich erst, als der Schrecken langsam nachlässt und das Bild von dem toten Kleinen zwischen den dicken Federkissen sich auflöst und ihre Gedanken sich nicht mehr überschlagen. Die Zeit, gerade noch erstarrt, beginnt zu tröpfeln und sich dann wieder in Bewegung zu setzen. Es gelingt Helene, ihren Blick auf den Medizinbeutel der alten Raissa zu konzentrieren, der neben ihr auf der Ofenbank liegt.

Und schon beginnen ihre Gedanken erneut zurückzurennen. Sie erinnert sich an ihre Hoffnung, dass Lara einmal Raissas Beutel übernehmen und die Tradition der Frauen ihrer Familie fortsetzen würde. Manchmal, zur Zeit des Erzählens über die Wölfinnen, ist Lara noch mitgegangen, wenn Helene zu einer Geburt gerufen wurde.

»Erinnere dich, wenn du selbst eine Hebamme geworden bist, immer an die Frauen vor uns, die seit jeher Heilkundige und Hebammen waren«, forderte sie ihre Tochter auf. »Es ist ein guter, ein schöner, ein erfüllender Beruf«, versicherte sie, wenn sie Zweifel, Abwehr und Trotz in Laras Gesicht zu erkennen meinte. »Immer waren es Frauen, die Kranken und anderen Frauen beistanden, wenn ihre Zeit gekommen war. Man muss nicht studieren, um Hebamme werden zu können, aber je mehr eine Frau über das Wunder der Geburt und des Lebens weiß, desto besser wird sie ihre Arbeit tun können – zuweilen sogar besser als ein Arzt.« O ja, Helene hatte damals viel über ihren Beruf zu erzählen. Sie sprach eifrig und immer nur auf Deutsch und spürte selbst, wie ihre Wangen sich dabei röteten. Dieses Wissen um die Aufgabe, die Lara eines Tages übernehmen würde, war etwas Großes, das sie an ihre Tochter weitergeben konnte, ein Erbe sozusagen. Sonst war ja nicht viel da zum Vererben.

Zunächst hörte Lara zu, wenn Helene über ihren und den Beruf ihrer Vorfahrinnen berichtete. Später machte sie ein gelangweiltes Gesicht und brachte ihre Mutter mit seltsam starren Blicken aus der Fassung. Dann, da war sie fast zwölf Jahre alt und hatte gerade die Zulassung für die höhere Schule bekommen, sagte sie auf einmal auf Russisch: »Ich will keine von diesen Wölfinnen sein, von denen du mir immer erzählst. Und ich will auch nicht Hebamme werden. Ich will eine Sibirierin sein wie die anderen Kinder in Nowgoje.« Und trotzig fügte sie hinzu: »Ich will auch nicht mehr in dieser komischen Sprache mit dir reden, die sowieso niemand versteht, sondern so wie alle Leute hier im Dorf sprechen.«

Auch diese Erinnerung will Helene nun mit Dunkelheit überschwemmen. Abrupt steht sie wieder auf. Die Holzdielen, die sie fast weiß geschrubbt hatte, bevor sie Nowgoje verließ, und über die sich die Zeit als grau-bunt-fleckiger Schimmer gelegt hat, knarren unter ihren Füßen, als sie durch die Wohnküche in die Schlafkammer und dort zur Kommode geht, ohne zu überlegen. Hastig zieht sie eine der Schubladen auf. In diese Schublade hat sie am Vorabend ihr Schreibmaterial geräumt, Briefpapier, einen Spiralblock und Kugelschreiber. Viele Kugelschreiber. Sie nimmt einen nach dem anderen in die Hand und betrachtet ihn. Die meisten Stifte aus ihrer Sammlung hat sie noch nie benutzt, sie weiß nicht einmal, ob die verschiedenen Minen noch funktionieren. In New York und auch in Wien hat sie für ihre Übersetzungen einen Computer zur Verfügung gehabt. Früher, sehr viel früher hat sie manchmal etwas mit der Hand geschrieben, mit Kreide, mit einem Bleistift. Kleine, immer wieder ausradierte Geschichten schrieb sie dann in Nowgoje mit Bleistift auf Papierfetzen, denn Kugelschreiber kannte man in den Dörfern Sibiriens damals noch nicht, und auch leeres weißes Schreibpapier war wie vieles andere, zum Beispiel Nylonhemden oder Seidenstrümpfe, eine Kostbarkeit.

Sie legt den Stift zurück und schließt die Schublade, dann geht sie in die Wohnküche und setzt sich wieder auf die Ofenbank, den Rücken fest an die Kacheln gelehnt, die endlich warm sind. Wieder öffnet sie den Verschluss des Medizinbeutels, in den sie beim Morgengrauen Laras Schreibhefte zurückgelegt hat. Beim Durchblättern hat sie, bevor sie das Heft mit Lisbeths Geschichte entdeckte, viele leere Seiten bemerkt. In manchen Heften sind nur die ersten drei, vier Seiten beschrieben. Hier in Nowgoje bekommt leeres Papier für Helene auf einmal wieder die Bedeutung früherer Jahre. Welch eine Verschwendung, denkt sie, während sie den Heftstapel aus der Tasche nimmt, ein bestimmtes heraussucht und die anderen beiseite legt. Eine Weile bleibt sie so sitzen, das Heft mit der Geschichte von Ilsa und ihrer Schwester Hanna auf den Knien, während sich ihr Rücken langsam erwärmt und ihre Muskeln sich zu entspannen beginnen.

Nach einer Weile fängt sie an zu lesen.

IV
Ilsa

(um 1715)

Es ist wenig, was die siebzehnjährige Ilsa Wolf an ihre tote Mutter Lisbeth erinnert. Da ist natürlich Hanna, Ilsas um anderthalb Jahre jüngere Schwester. Weitaus bedeutender sind für sie jedoch die alte, stets ein wenig zu schwere Instrumententasche und die schon verblassende Abschrift eines Textes aus dem wissenschaftlichen Buch über Geburtsheilkunde, das vor fast hundert Jahren von einer französischen Hebamme verfasst wurde. Ebenso wichtig ist ein abgegriffenes Heft, in dem Ilsas Mutter alles das, was sie von ihrer Großmutter gelernt, gehört und bei den gemeinsamen Krankenbesuchen erfahren hatte, aufgeschrieben und mit etwas unbeholfenen, aber durchaus erklärlichen Zeichnungen illustriert hatte. An Hedwiga, die ihre Mutter Großmutter genannt hatte, kann sich Ilsa nicht mehr erinnern, denn sie war gestorben, als Ilsa noch ganz klein war. Da aber Lisbeth immer wieder von ihrer Kindheit und Jugend bei der Wölfin, wie Hedwiga im Dorf im Samland genannt worden war, gesprochen hatte, ist die alte Heilkundige und Hebamme irgendwie noch immer lebendig für Ilsa und sogar ein Teil ihres eigenen Lebens geworden. Manchmal, wenn sie bei einer schwierigen Geburt helfen muss, redet sie in Gedanken mit der Alten und fragt sie um Rat. Und sie wundert sich nicht, wenn sie, von wo auch immer, Antworten auf ihre Fragen zu hören bekommt.

Vor allem die Geschichte von den Wölfen, die Hedwiga zu dem ausgesetzten Kind geführt hatten, fasziniert Ilsa. Auch dass ihre Mutter eine Wölfin zähmen konnte, beschäftigt sie. Sie selbst hat noch nie einen Wolf gesehen, denn sie lebt seit ihrem vierten Lebensjahr in der Stadt und bewegt sich auf ihren täglichen Wegen zu Schwangeren, Gebärenden oder Wöchnerinnen und Kranken meistens nur im Bereich der düsteren Gassen der Altstadt von Königsberg. Selten wird sie nach Kneiphof, dem wohlhabenden Viertel der Kaufleute und Händler, oder gar in einen Seitenflügel des königlichen Schlosses gerufen. Auch bis zum Tod ihrer Mutter vor nun fast zehn Jahren war das nicht anders. Und schon als Vierjährige begleitete Ilsa sie, um von ihr so viel wie möglich über die Anatomie des weiblichen Körpers und alle Facetten der Geburtshilfe zu lernen. Denn Ilsa wollte unbedingt Hebamme werden, und das vor allem deshalb, um einmal diese Tasche zu bekommen. Manchmal fuhr sie heimlich mit den Fingerspitzen über das vom Fett glänzende Außenleder; sie mochte es, die Laschen ganz langsam aus den Schlaufen zu ziehen, damit die Tasche sich ganz von selbst öffnete und ihre Geheimnisse darbot. Sie liebte es auch, wenn ihre Mutter ihr aus dem Text der französischen Hebamme vorlas; ganze Absätze konnte sie schon damals auswendig.

»Wirst eine gute Hebamme werden, wie die alte Hedwiga und ich«, sagte Lisbeth manchmal, wenn Ilsa mit kundiger Kinderhand den aufgetriebenen Leib einer Schwangeren nach der Lage des Kindes abtastete oder einer jungen Wöchnerin zeigte, wie sie ihren Säugling beim Stillen halten musste, damit er richtig trinken konnte. Dann strich sie mit ihrer Hand über das gelockte Blondhaar ihrer ältesten Tochter, das dem ihren so ähnlich war.

»Nimm du Hedwigas Tasche, Ilsa … nimm … halte sie gut fest!«, rief Lisbeth mit letzter Kraft, als sie sterbend im Gossendreck lag, zermalmt vom Rad eines schweren Pferdefuhrwerks. Und Ilsa griff nach der beim Unfall, verursacht von scheuenden Pferden, fortgeschleuderten Tasche, nach der schon jemand anders seine Hand ausgestreckt hatte. Sie starrte in das blutverschmierte Gesicht ihrer Mutter, deren Lippen sich zu einem seltsam verstörenden Lächeln verzogen, und umklammerte dabei die Tasche mit beiden Armen, drückte sie fest an ihren Körper, denn die Tasche war noch immer viel zu groß für sie, obwohl Ilsa schon sieben Jahre alt war. Sie hatte keine Hand frei, um die anderthalb Jahre jüngere Hanna festzuhalten, als ihre Mutter mit schwacher Stimme sagte: »Gib gut auf deine Schwester Acht.«

Wenn Ilsa sich an diesen Schreckenstag erinnert, dann sieht sie manchmal noch das gleichzeitig beängstigende wie berührende Lächeln auf dem ausgezehrten Gesicht ihrer toten Mutter vor sich, das die scharfen Linien weich und seltsam zart gemacht hatte wie nie zuvor. Denn das Leben hatte Lisbeth ziemlich gebeutelt, und das Lachen war ihr schon früh vergangen. Mehr als einmal hatte sie nachdenklich gesagt: »Wären wir doch bloß im Samland geblieben.« Doch auch dort hätten sie nach dem Tod der alten Hedwiga nicht länger bleiben können. »Die Menschen dort sind abergläubisch, das ist kein Ort für Wölfinnen wie uns«, hatte sie Ilsa erklärt.

Also hatte Lisbeth eines Tages ihre Kinder und die Hebammentasche mit all ihrem Inhalt sowie den Beutel mit den klimpernden Münzen, die Hedwiga ihr vererbt hatte, genommen, hatte die kleine Hütte, in der sie zumindest ein paar glückliche und sorglose Kinder- und Jugendjahre verlebt hatte, sorgsam versperrt und war mit ihren Töchtern Ilsa und Hanna auf den Karren eines Bauern aus der Umgebung gestiegen, der zum Markttag nach Königsberg fuhr. Einen Tag und eine Nacht hatten sie zwischen Säcken mit Kartoffeln, süßen Karotten, saftigen Zwiebeln und Körben mit duftenden Brotlaiben, Käserädern und Eiern verbracht, als sie im Morgengrauen des zweiten Tages endlich durch das Osttor der Altstadt rumpelten und schon von weitem die mächtigen Mauern des weitläufig angelegten Schlosses auf der anderen Seite des Pregelflusses sahen. Sie bewunderten den nach oben spitz auslaufenden Turm des Doms und die Türme anderer Kirchen, passierten unheimlich wirkende Gebäude wie das Königliche Waisenhaus und das Gefängnis, ohne zu ahnen, dass diese einmal ihr Leben mitprägen sollten, und tauchten schließlich in die stinkende, enge Düsternis der Nebengassen ein, in denen Haus an Haus stand und sich das Leben auch heute noch auf dunkle und feuchte, von Ratten und Ungeziefer verseuchte Kellerräume, auf verdreckte Hinterhöfe, Torbögen voller Schatten, Küchen, in denen es immer nach Kohl und Rüben riecht, und stickigen Stuben, in denen sich viele Menschen zusammendrängen, zu konzentrieren scheint.

In einem dieser Kellerlöcher hatte Lisbeth, die sich nun wieder Wolf nannte, endlich eine Bleibe für sich und ihre Kinder gefunden. Der Schimmel überzog die Wände als dicke, schwammige Schicht, das einzige Fenster war ein Loch, das man bei schlechtem Wetter mit Sackleinen verhängte, und das Wasser zum Waschen und Kochen musste von einem entfernten Brunnen geholt werden. Lisbeth säuberte den Raum, so gut es eben ging. Sie kratzte den Schimmel wieder und wieder von den Wänden und achtete darauf, dass Ilsa und Hanna einigermaßen trockenes Stroh auf ihrem gemeinsamen Lager hatten und zumindest eine Mahlzeit am Tag bekamen. Es war eine schlimme Zeit so kurz nach der Krönung von Friedrich III. zum König. Zur gnadenlosen Steuereintreibung und Ausbeutung der Bevölkerung Preußens kamen katastrophale Seuchen wie Hungertyphus und die Pest, die vor allem in den ländlichen Gebieten wüteten, aber auch in den Städten viele Menschen hinrafften.

Lisbeth Wolf war im Frühjahr 1707 getötet und auf dem Armenfriedhof am Stadtrand begraben worden. Weil sich keine Familienangehörige gefunden hatten, denen man die beiden Waisen Ilsa und Hanna übergeben konnte, kamen die Schwestern in das vom preußischen König aus Prestigegründen geförderte Waisenhaus in der Nähe des Schlosses, das von Nonnen geführt wurde. Obwohl Ilsa weinte und Hedwigas Tasche mit beiden Armen an sich drückte, nahm man sie ihr weg. In den folgenden sechs Jahren lernte Ilsa hinter den gewaltigen Mauern des düsteren Gebäudes nähen und sticken, sie flocht Körbe aus Weidenzweigen und Matten aus Stroh, sie half in der Küche und in der Wäscherei und schrubbte wie alle anderen Mädchen den Steinfußboden der großen Halle, in der gegessen und gebetet wurde. Als eine der Nonnen, die das Krankenzimmer leitete, herausfand, dass Ilsa nicht nur ein wenig lesen und schreiben konnte, sondern sich auch bei der Behandlung von Verletzungen äußerst geschickt anstellte und mit erstaunlicher Kenntnis Arzneien mischte, durfte sie bald auf der Krankenstation mithelfen. Als sie vierzehn Jahre alt war, begleitete Ilsa schließlich eine der Nonnen, die sich auf Frauenheilkunde und Geburtshilfe verstand und manchmal ins Schloss gerufen wurde, auf ihren Gängen. Schließlich nahm sie all ihren Mut zusammen und bat die Schwester Oberin, die die wenigen Habseligkeiten der beiden Mädchen bis zu ihrer Entlassung aus dem Waisenhaus aufbewahrte, um die Tasche ihrer verstorbenen Mutter.

»Du bekommst die Tasche, wenn du sechzehn Jahre alt bist, mein Kind«, wehrte die Oberin Ilsas Bitte ab.

»Aber ich brauche sie jetzt«, beharrte das Mädchen. »Ich kenne mich mit den Gerätschaften aus. Meine Mutter hat mir schon früh gezeigt, wie ich damit umgehen muss. Ich werde als Hebamme arbeiten, wenn meine Schwester Hanna und ich das Waisenhaus verlassen können.«

Weil die Nonnen, denen Ilsa im Krankenzimmer zur Hand ging, für sie sprachen, durfte sie Hedwigas Tasche mitnehmen, wenn eine von ihnen wieder ins Schloss gerufen wurde.

Seit zwei Jahren leben die Schwestern nun in einer Wohnstube mit angrenzender Schlafkammer unter dem Dach eines spitzgiebligen Hauses in der Nähe des Hafens. Die Miete, so gering sie auch ist, kann Ilsa manchmal nur mit Mühe aufbringen. Das Gebäude, das sich schmal und hoch zwischen zwei andere, größere schmiegt, ist alt und zugig, Keller und Hof sind wegen der Nähe zum Hafen von Ratten und Ungeziefer bevölkert. Aber von der Dachstube aus kann man die Möwen über dem Pregel kreisen und den prachtvollen Dom auf der Kneiphofinsel sehen oder die Dächer der Altstadt mit ihren roten oder buntfleckigen Schindeln.

Nur Hanna jammert tagtäglich über ihr armseliges Leben, obwohl sie doch viele Stunden am Tag in der warmen Stube der Witwe im Erdgeschoss verbringt. In diesem Herbst hustet sie manchmal, dann hält sie sich anmutig ein Tüchlein vor den Mund, das sie sofort auf eventuelle Blutspuren untersucht.

»Du hast weder die Schwindsucht noch eine andere schlimme Krankheit«, sagt Ilsa zu ihr mit jener Gelassenheit, die sie sich in den fünf Jahren im Waisenhaus und danach im täglichen Umgang mit Fehl- und Missgeburten, Steißlagen und Kaiserschnitten, verblutenden Müttern und schwangeren Kindern angewöhnt hat. Es ist ein elendiges Leben, das sich ihr tagtäglich präsentiert und wo der Tod in jeder Ecke einer Kammer, in jeder Ritze einer Lagerstatt hocken kann. Ilsa hilft, wo es ihr möglich ist. Sie ist unermüdlich unterwegs. In den Wehenpausen der Gebärenden kocht sie dünne Kohlsuppen für die bereits vorhandenen Kinder in einem Kellerloch, sie desinfiziert Rattenbisse und andere Verletzungen, pult verkrustete Haut von Säuglingsköpfen und Säuglingshintern und flickt die von zahllosen Geburten oder gewalttätigen Männern malträtierten Leiber der Frauen, so gut es geht, wieder zusammen, um vielleicht einen Kanten Brot, einen Salzhering oder einen schon abgekochten Knochen dafür zu bekommen.

»Du solltest an die Luft gehen und dir endlich eine Arbeit in einer Spinn- oder Nähstube suchen, Hanna. Dann wärst du nicht mehr so bleich und auch diesen Husten bald wieder los.« Ilsa streicht sich die unter ihrem Kopftuch hervorgerutschten hellen Locken aus der Stirn. Unter der äußerlichen Ruhe ist sie gereizter Stimmung, weil sie müde ist, unendlich müde nach einer durchwachten Nacht am Lager einer älteren und schwer Gebärenden. Im Morgengrauen, als die Kräfte der Frau und Ilsas Hilfe nicht mehr ausreichten, um das Kind endlich in die Welt zu entlassen, hatte Ilsa Franz Hutter, den für das Armenviertel zuständigen Arzt, holen lassen. Mit ihm arbeitet sie manchmal zusammen, und sie ahnt schon lange, dass er nicht nur ihre Arbeit als Hebamme schätzt. Manchmal, wenn ihre Hände sich wie zufällig berühren oder ihre Augen sich über dem Leib einer Patientin in stillem Einvernehmen treffen, durchströmt Ilsa eine sonderbare Wärme. Doch das ist das einzige Gefühl, das sie zulässt, denn für Träume hat sie angesichts des Elends keine Zeit und keinen Sinn.

Nur im Umgang mit Hanna ist Ilsa meistens ebenso machtlos, wie ihre Mutter es war.

»Gib auf deine Schwester Acht«, hat sie damals, als der Tod schon nach ihr griff, noch geflüstert. Und Ilsa gibt auch heute noch auf Hanna Acht, die nun sechzehn Jahre alt und zart und zerbrechlich ist und die für keine Arbeit, nicht einmal das Nähen und Sticken, zu taugen scheint. Sie macht sich Sorgen, weil ihre Schwester oft hustet und so blass ist wie ein Leinentuch. Und nicht selten verzichtet sie auf einen Kanten Brot und ein Stück Käse, nur damit Hanna genug bekommt.

Doch manchmal, wie an diesem Morgen, reagiert Ilsa unerwartet schroff auf Hannas ewige Jammerei und Nörgelei. Ihre Gereiztheit wächst, als sie das ungewaschene Kochgeschirr auf dem Herd und den Haufen schmutziger Wäsche im Korb daneben entdeckt.

»Du tust den ganzen Tag nichts«, murrt sie. »Du hättest wenigstens das Geschirr abwaschen können.« Ärgerlich kratzt sie den eingetrockneten Rest einer Suppe vom Topfboden. Hanna stellt sich neben sie und sieht ihr dabei zu.

»Ich bin schwanger«, sagt sie plötzlich. »Du musst mir das Kind wegmachen.«

Was sie erzählt, zuerst stockend, dann so schnell, dass Ilsa Mühe hat, sie zu verstehen, gleicht dem, was sie schon oft gehört hat. Irgendwer, ein betrunkener Nachbar, Bruder oder Vater, ein Student aus gutem Haus vielleicht, einer der festen Soldaten des Königs, ein Reisender, der in den Nebenstraßen der Stadt ein Abenteuer suchte, oder ein anderer, der so jung, so arm, so verlassen, so wärmebedürftig war, dass man sich seiner einfach erbarmen musste, ist die Ursache neuen Elends. Manchmal ist auch ein Gefühl mit im Spiel, wie manche der Frauen und Mädchen, plötzlich seltsam entrückt, erzählen, ein sonderbares Flattern im Bauch und Leere im Kopf, ein Sehnen, ein Zwang, ein wunderschöner eben, die Beine breit zu machen, ohne auch nur einmal an die möglichen Folgen zu denken. Und doch ist Ilsa jetzt zunächst sprachlos. Dass dies auch ihrer Schwester passieren kann, hat sie nie gedacht.

»Wer war es?«

Hanna hebt die schmalen Schultern.

»Wer war es?«

»Wer, wer! Das ist doch gleich, oder?«

Mit ihrer vom Abwasch feuchten Hand umklammert Ilsa den Arm ihrer Schwester.

»Sag es mir! Ich werde dafür sorgen, dass dieser Mistkerl dich heiratet!« Hannas verschleierter Blick irrt durch den Raum.

»Ich kann es nicht sagen.«

»Wer?«

In ihr Schweigen klingt das mächtige Dröhnen der Domglocken, mit dem die katholischen Gläubigen zum Morgengebet gerufen werden.

»Franz«, sagt Hanna mit weinerlicher Stimme. »Dein Freund. Der junge Doktor mit den schönen, den feinen Händen.«

»Franz Hutter?« Ilsa lässt den Arm ihrer Schwester los. Ungläubig, fassungslos wiederholt sie den Namen: »Franz Hutter.« Dann sagt sie: »Du lügst.« Sie verstummt, erschüttert, weil ihr plötzlich bewusst wird, dass sie den Mann, der dieses sonderbare Wärmegefühl in ihr erzeugt hat, eigentlich gar nicht kennt. Dass sie sich geirrt hat, wenn sie das Aufleuchten seiner Augen hinter der Nickelbrille, sein freundliches Lächeln, das sein ein wenig zu rundes Gesicht noch runder machte, auf sich bezog.

»Du musst mir helfen, ich will das Kind nicht.«

»Ich treibe kein Kind ab.«

Aber sie hat es bereits gemacht, viele Male schon, um Frauen und vor allem Mädchen, die noch Kinder sind, von ihrer Last zu befreien, ein weiteres Kind oder ein Kind der Sünde in die Welt zu setzen und nicht zu wissen, was sie damit anfangen sollen, außer es zu lieben, es wegzugeben oder gar zu töten. Und sie wird es auch weiterhin tun, wenn die Frauen an die Tür der Dachkammer klopfen.

»Du wirst es tun müssen«, unterbricht Hannas Stimme ihre Gedanken. »Denn wenn du es nicht tust, dann erzähle ich dem Herrn Pfarrer und auch deinem Herrn Doktor, was du treibst.«

Schweigend blickt Ilsa in das ihr zugewandte Gesicht, das sogar bei diesen harten Worten noch so kindlich aussieht, so harmlos, so ängstlich und Trost suchend, dass sie ihre Hände heben und diese Knöchelchen zärtlich umfassen und sagen will: Du armes Kind, du armes, was hat man dir nur angetan. Doch dann wird ihr bewusst, was Hanna gesagt hat, und ihre Hände hängen wie Blei an ihrem Körper herunter. Sie ist nicht besonders religiös, aber sie fürchtet die Hölle wie alle anderen Menschen auch.

»Das kannst du nicht, ich bin doch deine Schwester«, flüstert sie mit zitternden Lippen. Ihr Blick streift über den leicht, ganz leicht gewölbten Leib unter dem blauen Kleidchen. »Spürst du das Kind schon in dir?«

»Ja, manchmal.«

»Und trotzdem willst du …?«

»Ja.«

Ilsa atmet flach.

»Ich werde mit Franz Hutter reden. Er wird dich heiraten.«

»Ihn heiraten?« Hanna lacht hysterisch. »Diesen Arme-Leute-Doktor, der nie genug Geld heimbringen wird, um seine Familie ordentlich ernähren und kleiden zu können? Und der von seiner künftigen Frau auch noch erwarten wird, dass sie schmutziges Verbandszeug auskocht und ihm bei seinen Krankenbesuchen zur Hand geht?« Sie schüttelt sich vor Ekel. »Nein, nie werde ich das tun!«

»Es ist auch sein Kind.«

Hanna starrt sie unverwandt an, dann schlägt sie die Augen nieder.

»Vielleicht. Vielleicht nicht. Ich bin mir nicht sicher.«

Ilsa packt ihre Schwester an beiden Armen, so fest, dass sie die zarten Knochen unter dem Fleisch fühlt.

»Bist du etwa auf die Straße gegangen wie eine Hure?«

Hanna entwindet sich ihrem Griff, dreht sich vor ihr, fasst dabei mit kokett wirkender Geste nach dem Rocksaum und entblößt ihre schlanken Beine. Dann bleibt sie dicht vor Ilsa stehen. Ihr Atem streift deren Gesicht, er ist rein und süß wie der eines Kindes.

»Ich bin anders als du. Du bestehst nur aus Eis. An dir erfriert jeder Mann.« Und als hätte sie noch nicht genug angerichtet, fügt sie entschlossen hinzu: »Ich werde alles tun, um aus diesem elendigen Loch und aus dieser Stadt herauszukommen. Und wenn du mir nicht hilfst, dann …« Mit einem einzigen Schritt ist sie am Eisenherd, in dem ein Feuerchen flackert, und hält über die Flammen ein paar lose Papiere, die sie hinter ihrem Rücken versteckt hatte. »Dann werde ich dafür sorgen, dass du das hier nie wieder, hörst du, nie wieder in die Hand nehmen kannst!«

Schon leckt das Feuer am Papier, sengt die ersten Buchstaben an, die Wörter »Hebammen Buch / Darinn von …« beginnen sich zu bräunen, zu kräuseln, und Ilsa starrt fassungslos darauf und dann in Hannas verzerrtes Gesicht, wird gebannt vom Hass, von der Wut in ihren Augen.

»Nein … nicht, bitte nicht«, flüstert sie. »Nicht Hedwigas …« Doch da greifen sich die Flammen schon das ganze Blatt, fressen das zweite, das dritte. Hanna lässt sie fallen, lässt alle Blätter ins Feuer fallen, das faucht, das rast, Höllenfeuer, über den eisernen Rand, einen Herzschlag lang, eine Ewigkeit, fällt in sich zusammen, bedeckt von leichten, federleichten schwarzgrauen Flocken. Ilsa hebt die Hand, und Hanna weicht schnell, zu schnell zur Seite aus. Da schlägt ihr Kopf, schlagen ihre zarten, zerbrechlichen Schädelknöchelchen gegen den harten, den scharfkantigen Balken, ein Nagel, ein großer, an den man einen schweren Eisentopf hängen könnte, findet keinen Widerstand, keinen ernsthaften Widerstand, bohrt sich ins Weiche …

Ilsa Wolf wird wegen Mordes an ihrer Schwester zu lebenslangem Kerker verurteilt. Man nimmt ihr das Wenige, das sie besitzt, auch die lederne Tasche mit ihren Instrumenten und das Heft mit den Aufzeichnungen ihrer Mutter. Als Ilsa in eine Zelle des düsteren Gefängnisses von Königsberg geführt wird, die sie mit fünf anderen Frauen teilt, ist sie knapp achtzehn Jahre alt. Hoch über dem festgestampften Boden aus Lehm ist ein Loch in der meterdicken Mauer, mit einem Gitter davor. Manchmal, ganz selten, ist das Stückchen Himmel, nicht viel größer als ein Seifenstück, in dem Loch von strahlender Bläue. Meistens bleibt es so lichtlos, dass die Gesichter der anderen Frauen in der Zelle nur bleiche Schatten sind.

»Warum hast du deine Schwester getötet?«, will eine von ihnen wissen.

»Es war ein Unglück, ein Unfall«, antwortet Ilsa mit jener teilnahmslosen Stimme, mit der sie auch vor den Polizisten und später vor dem Richter diese Frage beantwortet hat.

»Das sagt fast jede von uns«, meint die andere Frau. »Was soll man denn sonst sagen? Dass es immer besondere Umstände waren, die uns ein Messer, einen Hammer oder sonst etwas in die Hand nehmen und zustechen oder zuschlagen ließen, interessiert doch niemanden. Keine von uns bringt einen anderen ohne Grund um. Aber ist einer tot, muss der, der ihn umgebracht hat, dafür bezahlen.« Sie lacht grell. »Und so was nennt sich dann Gerechtigkeit.«

Ein paar Wochen nach ihrer Verurteilung wird Ilsa eines Morgens von einer der Aufseherinnen aus der Werkstatt gerufen und in das Büro des Zuchthausleiters geführt. Der Mann sitzt an einem großen, klobig wirkenden Schreibtisch und liest in einem Schriftstück. Ilsa, verängstigt, weil sie nicht weiß, warum man sie rufen ließ, bleibt an der Tür stehen und mustert ihn verstohlen. Er ist ein kräftiger Mann mit breiten Schultern, die seine saubere Uniformjacke fast sprengen. Der Stuhl unter ihm knarrt bei jeder Bewegung. Sein dichter, von erstem Grau durchzogener Bart und auch das Haupthaar sind ordentlich gestutzt, die Brauen gleichen dicken, buschigen Strichen, die sich über seiner Nasenwurzel treffen. Sein Blick, der sich nun unerwartet auf Ilsa richtet, dass sie erschrocken den Atem anhält, ist prüfend. Der Mann deutet mit seiner Hand auf den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht.

»Du hast als Hebamme im Armenviertel gearbeitet, nicht wahr?«

»Ja, Herr.«

Er bückt sich zur Seite, hebt etwas Schweres hoch und stellt dann Hedwigas Tasche auf die Schreibtischplatte.

»Hat diese Tasche dir gehört?«

»Ja, Herr, sie gehört mir.«

Er erhebt sich von seinem Stuhl, kommt um den Tisch herum und bleibt dicht vor ihr stehen. Sie spürt seine kräftigen Finger an ihrem Kinn. Er hebt ihren Kopf, damit sie ihn ansehen muss.

»Wem hast du sie gestohlen?«

Ilsa erwidert seinen durchdringenden Blick ruhig.

»Ich habe sie nicht gestohlen.«

»Dann erzähl mir, wer sie dir gegeben hat«, fordert er sie auf. Der Ton seiner Stimme ist kühl, aber nicht unfreundlich, und in seinem Gesicht ist etwas, sie weiß nicht was, das ihr seltsam vertraut vorkommt und das ihr Tränen in die Augen treibt. Die Starre, die ihr Inneres in dem Moment überfallen hat, in dem ihre Schwester Hanna starb, wird zum ersten Mal etwas brüchig. Ihre Hände fangen an zu zittern. Sie verkrampft sie in ihrem Schoß.

»Meine Mutter gab sie mir. Sie war eine Heilkundige und Hebamme, wie ich eine bin.«

»War?«

»Sie wurde von einem Fuhrwerk überfahren und getötet, da waren meine Schwester und ich noch Kinder, Herr.«

»Wer hat dich zur Hebamme ausgebildet?«, fragt er, als sie, plötzlich überwältigt von Erinnerungen, verstummt. Er lässt ihr Kinn wieder los.

»Meine Mutter hat mich vieles gelehrt. Alles andere, was ich für meinen Beruf brauchte, habe ich später im Waisenhaus gelernt.«

»Woher stammt deine Familie?«

»Aus einem Dorf nahe der Küste im Samland. Mein Vater war Schmied im Dienst des Fürsten Monte. Wir verließen das Dorf kurz nach seinem Tod.«

Er nickt zustimmend, als würde er ihre Geschichte und sogar den Namen des Dorfes kennen. Dann schiebt er ihr die Tasche zu.

»Sieh nach, ob etwas fehlt.«

Ihre Hände zittern, als sie den Griff umfasst und das abgeschabte Schloss öffnet. Der vertraute Geruch nach Minze, Kamille, Rosmarin und Thymian und anderen Heilkräutern steigt ihr in die Nase. Mit geschlossenen Augen tasten ihre Finger die Instrumente in den Laschen an den Seitenwänden der Tasche ab, überprüfen dann Beutel, Tiegel und Flaschen auf dem geräumigen Boden.

»Es fehlt nichts, Herr.«

»Gut.« Er legt seine Hände auf den Rücken und geht ein paar Schritte auf und ab. »Hast du nur im Armenviertel der Altstadt gearbeitet?«, fragt er plötzlich.

Ilsa denkt daran, dass ihre Mutter sie stets dazu angehalten hatte, die Wahrheit zu sagen. Also antwortet sie: »Manchmal haben mich auch Frauen aus den besseren Häusern rufen lassen, damit ich ihnen bei einer Geburt oder … oder bei Schwierigkeiten helfe.«

Er dreht sich um und lässt seinen intensiven Blick wieder auf ihrem Gesicht ruhen. Bevor sie den ihren senkt, fällt ihr auf, dass seine Augen von warmem Braun sind.

»Es geht mich nichts an, was du dort getan hast. Das musst du mit dir selbst oder mit deinem Herrgott ausmachen.« Er beugt sich etwas vor. »Du heißt Ilsa Wolf?«

Da seine Worte nicht unbedingt wie eine Frage klingen, schweigt sie lieber.

»Meine Leute leben in Cranz, nahe der Kurischen Nehrung«, erzählt er nach einer Weile. »Als Junge habe ich eine Zeit lang auf dem Hof des Fürsten Monte gearbeitet, bevor ich in die Stadt ging. Dort sah ich öfter eine alte Frau, die man Wölfin nannte und die eine Heilkundige war.« Das war Hedwiga, die Großmutter meiner Mutter, will Ilsa sagen, doch der Mann redet schon weiter, bevor sie überhaupt den Mund geöffnet hat. »Eine meiner jüngeren Schwestern hat vor ein paar Jahren nach Königsberg-Kneiphof geheiratet. Bald darauf hat ihr Mann sie verlassen. Ich war vor einem Jahr bei ihr, als das jüngste ihrer Kinder geboren wurde – ein Mädchen.« Ilsa sieht ihn schweigend an. Sie hat in den vergangenen Jahren viele Samländerinnen, die voller Hoffnungen und Illusionen nach Königsberg kamen und hier gestrandet sind, getroffen. »Sie war schon lungenkrank, bevor sie heiratete«, redet er weiter, ohne den Blick von ihr zu nehmen. »Sie hätte nie Kinder haben dürfen. Ohne die Hilfe der Hebamme, die mit Nachnamen so hieß wie du, wäre sie wohl bei der Geburt ihres letzten Kindes gestorben.« Er macht eine Pause, dann fährt er fort: »Ich habe jener Hebamme damals nicht sagen können, wie dankbar ich für ihre Hilfe war. Das möchte ich jetzt nachholen – falls du diese Hebamme bist.« Einen Herzschlag lang lächelt er sie erwartungsvoll an, dann wird sein Gesicht wieder ernst.

Ilsa zögert. Sie kann sich nicht an diese Geburt erinnern. Sie hat viele Frauen behandelt, die aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder haben sollten und sie trotzdem bekamen.

»Ich hoffe, Ihrer Schwester und ihrem Kind geht es gut, Herr«, sagt sie leise.

»Ja, ich denke schon. Sie ist mit ihren Kindern ins Samland zurückgekehrt.« Er setzt sich wieder hinter seinen Schreibtisch und blättert in einigen Papieren. Abermals verschönt dieses flüchtige Lächeln sein Gesicht. »Nun, auch wenn du mir nicht antworten willst, nehme ich an, dass du die Hebamme warst, Ilsa Wolf. Schließlich gibt es nicht viele bekannte Geburtshelferinnen in der Altstadt und keine andere mit diesem Namen.« Er winkt ab, als sie etwas sagen will.

»Nun gut. Wir haben hier im Haus einige schwangere Frauen, die schon bald die Hilfe einer Hebamme brauchen werden. Es wäre für alle Beteiligten am einfachsten, wenn du diese Aufgabe übernehmen würdest, Ilsa.«

Ihre Hände fangen wieder an zu zittern. Ungläubig starrt sie ihn an, bevor sie »Ja« sagen kann.

Wieder lächelt er und entlässt sie dann mit einer Handbewegung. Als sie schon in der Tür ist, sagt er: »Du kannst dir deine Tasche hier in meinem Büro holen, wenn du zu einer der Frauen gerufen wirst.«

Schon ein paar Tage nach dem Gespräch mit dem Anstaltsleiter hat Ilsa eine schwangere Zuchthäuslerin zu untersuchen. Andere folgen. Und immer wird sie von einer Wärterin in das Büro geführt, wo ihr die Tasche der alten Hedwiga übergeben wird, die sie später dort wieder abliefert. Oft sitzt der Mann an seinem Schreibtisch, in Schriftstücke vertieft oder mit einer anderen Angelegenheit beschäftigt. Einmal steht er vor ihr, den Rücken ihr zugewandt und über etwas auf dem Tisch gebeugt. Einen Moment lang betrachtet sie das Stück Nacken zwischen Haar und Hemdrand. Sie möchte es berühren. Es ist lange her, dass sie etwas berührt hat, das weich und warm ist und sauber aussieht.

Manchmal ist der Raum leer, der Schreibtisch wirkt sonderbar aufgeräumt und unberührt, und Ilsa spürt mit Verwundern Enttäuschung in sich aufsteigen.

So vergeht die Zeit.

»Ich habe dir einen Vorschlag zu machen, Ilsa Wolf«, sagt der Mann eines Tages zu ihr, als sie ihre Tasche in sein Büro zurückbringt. »Meine Frau ist vor einem Jahr gestorben. Wir hatten keine Kinder. Ich brauche jemanden, der mein Haus sauber hält, für mich kocht und meine Wäsche richtet. Ein paar Stunden am Tag werden reichen, denke ich.« Er lächelt sie an, es ist ein zögerndes Lächeln, das in seinen Augen beginnt, sein breites Gesicht in Falten legt und sofort wieder verschwindet. »Wenn du zustimmst, kannst du gleich heute beginnen. In meinem Haus ist viel liegen geblieben.« Ilsa sieht auf ihre Hände und horcht dem Klang seiner Stimme nach. Es ist eine dunkle, ruhige Stimme, ohne falschen Nebenton und ohne die Verachtung und Feindseligkeit oder die Gier, die sie während ihrer Arbeit im Armenviertel oft aus den Stimmen anderer Männer herausgehört hat. Sie betrachtet ihre Hände mit den rissigen, wunden Fingerspitzen und den abgebrochenen Nägeln, die schon unzählige Kinder ins Leben geholt und gelernt haben, die Wolle von Schafen zu dünnen Fäden zu drehen. Sie vertraut ihren Händen. Sie fürchtet weder Schmutz noch Blut oder andere Körperausscheidungen. Also, denkt Ilsa entschlossen, also werde ich mit diesen Händen auch das Haus dieses Mannes putzen können.

»Ja, ich werde für Sie sorgen, wenn Sie das wünschen, Herr.«

»Eine gute Entscheidung.« Er beugt sich wieder über seine Schriftstücke.

Und so geht sie nun an jedem Morgen über den weitläufigen Hof der Gefängnisanlage zu dem unscheinbaren grauen Haus mit den schmalen Fenstern und der schweren Holztür hinüber, das sich mit dem Rücken an die hohe Außenmauer lehnt. Sie fegt und wischt und scheuert, wo es etwas zu fegen, zu wischen und zu scheuern gibt. Sie wäscht die Kleidung des Mannes und flickt und stopft. Sie bereitet ihm sein Essen aus den vorhandenen Nahrungsmitteln zu und setzt es ihm vor, wenn er beim Mittagsläuten des Doms für eine Stunde in sein Haus kommt. Und wenn sie mit diesen Arbeiten fertig ist, geht sie wieder über den Hof und zurück in ihre Zelle.

Bis er sie eines Tages vor dem schmalen Bücherregal im Wohnraum überrascht, wo sie beim Staubputzen die Titel auf den ledernen Buchrücken liest und halblaut vor sich hin spricht.

»Wer hat dich lesen gelehrt?«

Sie berichtet ihm stockend und errötend vor Verlegenheit von ihrer Mutter, die ihr etwas lesen und schreiben beigebracht hatte, bevor sie starb.

»Geübt haben wir an der Abschrift aus einem Buch einer französischen Hebamme, die meine Mutter von ihrer Mutter und die wieder von ihrer Großmutter bekommen hatte«, erzählt sie ihm. Bei der Erinnerung an diese Kostbarkeit, an die Flammen, die sie verzehrten, an das schadenfrohe Gelächter ihrer Schwester und an das, was dann folgte, schließt sie für einen Moment die Augen. Doch der Drang, das Gespräch mit diesem Mann nicht abzubrechen, ihn mehr über sich wissen zu lassen, ist stärker als diese Bilder, und so atmet sie tief und sagt dann: »Und später hat mir eine der Nonnen im Waisenhaus ab und zu ein Buch geliehen. Vor allem eines über Kräuterheilkunde, geschrieben von der Benediktinerin Hildegard von Bingen, hat mich sehr interessiert.« Sie blickt schüchtern zu ihm auf. »Wenn ein Text nicht allzu schwer ist, kann ich ihn ganz gut entziffern.«

»Nun«, meint er und zeigt einladend auf die Buchrücken im Regal, »das lässt sich leicht durch mehr Praxis ändern.«

Von nun an scheut sie sich nicht mehr davor, seine Bücher nicht nur mit dem Staubwedel abzuwischen, sondern sie auch in die Hand zu nehmen, in ihnen zu blättern und das Geschriebene zu lesen. Meist handelt es sich um Bücher über Gesetze und Verordnungen, aber auch diese stellt sie nicht gleich wieder zurück ins Regal.

»Wenn du willst und ich Zeit habe, könnte ich dir auch den Umgang mit Zahlen beibringen«, schlägt er ihr eines Tages vor. Also sitzen sie, wenn sie zu Mittag gegessen haben, eine Weile am Tisch in der Küche und addieren und subtrahieren, bis Ilsa der Kopf schwirrt von all den Zahlen.

Und bald ergibt es sich von selbst, dass sie auch am Nachmittag in seinem Haus bleibt und erst bei Einbruch der Dunkelheit in ihre Zelle geht.

Eines Tages kehrt er schon am Vormittag und mit vor Fieber glänzenden Augen wieder heim, schiebt den Bierkrug, den sie ihm hinstellt, beiseite und klagt über heftige Kopf- und Leibschmerzen. Ilsa führt ihn in die Schlafkammer, entkleidet ihn vorsichtig und legt ihm Wadenwickel an, um die Temperatur zu senken. Sie erneuert die Bettwäsche, die er beschmutzt hat, und taucht dann unermüdlich einen sauberen Leinenlappen in eine Schüssel mit kaltem Essigwasser und wischt ihm Gesicht, Hals und Brust damit ab. Immer wieder hält sie ihm einen Becher mit frischem Wasser an die rissig gewordenen Lippen.

»Sie müssen trinken, Herr, viel trinken.«

Einmal hält er ihre Hand fest und murmelt: »Habe ich dir je meinen Vornamen genannt?«

Als sie den Kopf schüttelt, zieht er sie näher zu sich heran. »Wilhelm«, sagt er schwach. »Ich heiße Wilhelm.« Dann lässt er sie wieder los und greift sich an den Kopf. »Was ist nur mit mir?«

Ilsa weiß, dass es keine harmlose Infektion ist. Im Armenviertel der Stadt und auch im Gefängnis gibt es immer wieder Fälle von Typhus, weil das Wasser verschmutzt ist und viele Lebensmittel bereits verdorben sind, wenn sie in die Küchen kommen. Die Abwässer fließen oft noch durch offene Rinnen und Gräben zwischen den Häusern; fast überall wird der Unrat einfach auf die Gasse gekippt. Die Ansteckungsgefahr ist groß. Meist sind alle Familienmitglieder befallen, und der Tod hält reiche Ernte. Ilsa kennt die Anzeichen der Krankheit, an der Wilhelm leidet, nur zu gut. Auch auf seiner Haut zeigen sich bereits die Symptome. Ein Ausschlag mit rosafarbenen Flecken breitet sich auf seinem ganzen Körper aus. Sie hofft darauf, dass ihr Dienstherr dem Typhus mehr entgegenzusetzen hat als viele andere Menschen in der Stadt und vor allem in ländlichen Gebieten, die wegen der gnadenlosen Steuereintreibung des Königs von Hunger und anderen Entbehrungen geschwächt sind.

»Es ist wohl besser, wenn Sie einen Arzt kommen lassen«, wendet Ilsa sich am Abend an eine der Aufseherinnen im Gefängnis. »Der Herr hat Typhus.«

Erschrocken weicht die andere vor ihr zurück. »Komm mir nicht zu nahe!«

Der Arzt, ein älterer Mann, dessen grauer Bart schütter ist und ihm bis auf die Brust reicht, lässt sich von Ilsa den bisherigen Verlauf der Erkrankung und deren Behandlung genau schildern.

»Ja«, sagt er und nickt, als er Wilhelm flüchtig untersucht hat. »Es ist Typhus.« Er kritzelt etwas auf ein Stück Papier und reicht es Ilsa. »Hier, lassen Sie das noch heute aus der Apotheke in der Stadt holen. Am besten wird es sein, wenn Sie selbst gehen. Die Arznei ist nicht billig, und es gibt auch im besten Haus der Stadt Dienstboten, die das Geld nehmen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden.«

Ilsa dreht das Papier in ihren Händen.

»Ich kann nicht.« Sie verstummt, hochrot vor Scham.

»Warum nicht?«, fragt der Arzt ungeduldig, während er den Inhalt seiner ledernen Tasche prüft und dann das messingfarbene Schloss zuschnappen lässt. »Sind Sie sich etwa zu gut für Gänge dieser Art?« Er zuckt mit den Schultern. »Dann schicken Sie eben eine Magd, aber schnell.«

»Außer mir gibt es keine Dienstboten«, erklärt Ilsa. »Und ich sorge nur tagsüber dafür, dass in diesem Haus alles ordentlich ist.«

Er blickt sie überrascht an, dann formen seine schmalen Lippen unter dem grauen Bartgekräusel ein »Oh«. Sein Blick gleitet über die Wadenwickel, die Wasserschüssel und anderes, was Ilsa benutzt hat, und bleibt am fiebrig glänzenden Gesicht des Patienten haften.

»Ich verstehe. Sie … du«, korrigiert er sich beiläufig, »du hast einige Kenntnisse in der Krankenpflege, wie ich sehe. Wo und was hast du gearbeitet, bevor du ins Gefängnis kamst?«

»Ich war Hebamme im Armenviertel.«

»Ah ja«, sagt er und nickt mit plötzlich verdrossen wirkender Miene. »Eine von diesen Frauen also. Was war es, wofür man dich verurteilte – ein bisschen Gift für den unerwünschten Ehemann oder eine dieser schmutzigen Abtreibungen, bei der die Frau starb?« Als Ilsa schweigt, wendet er sich zum Gehen. Noch einmal dreht er sich um, als er das Haus verlässt, und betrachtet Ilsa prüfend. »Bist du etwa diese Hebamme, die ihre Schwester ermordet hat? Sie hieß Wolf, wenn ich mich recht erinnere.«

Sie schließt die Tür mit Nachdruck hinter ihm. Als sie sich nach einer Weile zu Wilhelm umdreht, sieht sie ihn sachte lächeln.

»Ich glaube dir, dass du unschuldig bist«, murmelt er. »Und ich werde dafür sorgen …« Er fällt zurück in seinen fiebrigen Schlaf.

Er nähert sich ihr vorsichtig, schüchtern. Einmal, während sie ihm Gesicht und Oberkörper wäscht, berührt er scheinbar unbeabsichtigt ihren nackten Arm, ein anderes Mal ihre Wange. Es dauert eine Weile, bis Ilsa sich dieser Berührungen bewusst wird, und noch länger, bis sie sich eingesteht, dass Wilhelm ihr nicht nur als Kranker, sondern auch als Mann etwas bedeutet.

Einige Monate nach seiner Genesung weiß sie, dass sie schwanger von Wilhelm ist und dass sie dieses Kind in ihren Armen halten will, trotz all ihrer sorgenvollen Gedanken um dessen Zukunft. Die Kinder, die im Gefängnis geboren wurden, werden ihren Müttern nach sechs Wochen weggenommen und entweder zu Familienangehörigen oder aber ins Königliche Waisenhaus gebracht. Ilsa hat keine Mutter, keine Schwester oder andere Verwandte, die sich um ihr Kind kümmern könnten. Nur Wilhelm, denkt sie. Und Wilhelm wird sich um das Kleine kümmern.

Trotzdem zögert sie, ihm von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Erst als sie die ersten Kindsbewegungen spürt, nimmt sie wortlos seine Hand und legt sie auf ihren Leib. Seine Augen, zunächst überrascht, weiten sich im Staunen, im Erkennen und dann vor Freude.

Er lässt einen ihm bekannten Pfarrer aus einer kleineren lutherischen Kirche im benachbarten Loebenicht ins Haus kommen, um ihn und Ilsa heimlich zu trauen. Nach der Trauung schreibt Ilsa zum ersten Mal ihren neuen Nachnamen auf ein Stück Papier – Schmied.

Jetzt, bei der Erinnerung an jenen Tag, lächelt sie und legt eine Hand auf ihren gewölbten Leib. Das Kind bewegt sich, ein Flattern, ein sanftes Entlangstreichen von Leben in ihrem Innern, dem flüchtigen Flügelschlag eines Schmetterlings ähnlich. Welches Leben erwartet dich?, fragt Ilsa sich, auf einmal bang geworden. Wirst du, wenn man dich nach deiner Herkunft fragt, sagen müssen, die Tochter einer wegen Schwestermordes Verurteilten zu sein, die ihr Leben in einer Gefängniszelle beendet hat?

Sie schreckt auf, als Wilhelm sie prüfend ansieht und seine Hand auf ihre legt.

»So ernst, mein Herz?«

Wärme springt von ihm zu ihr über und vertreibt ihre trüben Gedanken.

Wie zuvor geht sie jeden Morgen über den weitläufigen Hof zu Wilhelms Haus und bei Einbruch der Dunkelheit wieder zurück in den Kerker. An einem dieser Tage im Frühling 1720 sitzen sie wie so oft am Fenster der Wohnstube in Wilhelms Haus. Die letzten Sonnenstrahlen lassen Ilsas blondes Haar aufleuchten wie den Bernstein, den die Wellen der Ostsee an den Strand tragen. Wilhelm streckt seine Hand danach aus. Ilsa aber wendet den Kopf ab. Sie legt das Buch, in dem sie gerade gelesen hat, weg.

»Wenn jemand es erfährt«, sagt sie.

Er umfasst ihr schmales Kinn mit seiner großen Hand und dreht ihr Gesicht behutsam zu sich.

»Wer soll es erzählen, Ilsa? Nur du und ich und Pfarrer Sudauer wissen von unserer Heirat. Und keiner von uns wird darüber reden, solange ich hier arbeite.«

Sie ängstigt sich trotzdem.

»Man wird dich aus dem Dienst entlassen und dir dieses Haus nehmen. Du hast eine Gefangene geheiratet, das hat der König selbst verboten.« Ihre Augen weiten sich. »Ich werde nicht mehr zu dir kommen dürfen. Was wird dann aus meinem Kind?«

»Ich werde immer für dich und unser Kind sorgen.«

»Man wird es mir bald ansehen, dass ich ein Kind erwarte. Sie werden es mir wegnehmen, wenn es geboren ist. Sie werden …« Die Erinnerungen an die Zeit im Waisenhaus fallen mit allen ihren Schrecken, mit ihren Ängsten und Albträumen über sie her.

Er umfasst mit seinen warmen Händen ihre eiskalten.

»Sorge dich nicht, Ilsa. Es wird alles gut werden, glaube mir.«

Sie nickt zögernd, doch sie glaubt ihm nicht. Ihr Schicksal ist vorgezeichnet, nichts lässt sich daran ändern, so hat es die alte Hedwiga vorhergesagt.

Sie bleibt eher schmal und mager bis zum Ende ihrer Schwangerschaft. Bevor sie in ihre Zelle zurückkehrt, legt sie Schürze und Kleid ab und hüllt sich in das lose, sackähnliche Gewand, das alle Zuchthausinsassinnen tragen. So bleibt ihr Zustand verborgen.

Die Wehen setzen am frühen Morgen eines hellen, warmen Sommertages ein. Es ist eine unkomplizierte Geburt, und das Kind, ein Mädchen, ist zwar etwas klein, aber gesund. Als Wilhelm zum Mittagessen ins Haus kommt, nimmt Ilsa seine Hand und führt ihn in die Schlafkammer, wo das winzige Menschlein in der Wiege schlummert.

»Eine Tochter, Wilhelm.«

Staunend beugt er sich über das Kind und betrachtet es mit weit geöffneten Augen. »Unsere Tochter, Ilsa.«

Nach dem Essen legt er ein gebündeltes Schriftstück auf den Tisch. »Dein Fall wird vor Gericht neu verhandelt werden«, sagt er. »Unser guter Pfarrer Sudauer aus Loebenicht hat sich deiner angenommen, wie mir scheint. Und er gilt als unnachgiebig, wenn er sich für jemanden einsetzt.« Sie dreht und wendet das Schreiben in ihren Händen, ohne zu begreifen, was es für sie bedeuten kann. Sie hat nicht gewusst, dass der Geistliche, der sie und Wilhelm getraut hat und der manchmal zu ihnen ins Haus kommt und gern ein frisch gezapftes Bier trinkt, sogar an den König geschrieben hat. »Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass deine lebenslange Strafe aufgehoben wird«, hört sie Wilhelm sagen. »Doch es wird noch eine Weile dauern, bis alle Fakten zusammengetragen sind und ein Richter sich findet, der den Fall übernimmt.« Er umfasst ihr Gesicht mit seinen Händen. »Du kannst bald entlassen werden.«

»Wann bald?«

Er zuckt mit den Schultern. »Wenn wir Glück haben, in ein paar Jahren.«

Sie blicken beide auf das friedlich schlafende Kind in ihrem Arm.

»Die Kleine wird nachts nach mir weinen, Wilhelm.«

Sie schaut wieder in sein lächelndes Gesicht.

»Ich habe das bedacht, Ilsa. Freda, eine meiner Schwestern, wird noch heute kommen und unser Kind versorgen, wenn du nicht da bist.«

»Ein Kind in deinem Haus – man wird Fragen stellen.«

»Fredas Mann ist vor ein paar Wochen tödlich verunglückt. Wir werden sagen, dass unsere Lena ihr Kind ist, das sie mitgebracht hat. Und«, er streicht ihr zärtlich eine Haarsträhne aus der Stirn, »auch meine kleine Oda wird schon bald bei uns eintreffen.«

Oda?«

»Ich habe vier Schwestern«, erklärt er. »Oda ist die jüngste und der Sonnenschein in meiner Familie. Vor einem Monat hat sie einen jungen Mann geheiratet, der zur Schlosswache hier in Königsberg gehört. Verständlicherweise möchte sie in seiner Nähe sein. Und bis sie und ihr Mann eine passende Bleibe gefunden haben, wird sie in meinem Haus wohnen können.« Er legt den Arm um ihre Schultern. »Außerdem«, fügt er glücklich lachend hinzu, »bin ich ihr einziger Bruder, und mein Wohlergehen liegt ihnen am Herzen.«

Ilsa schmiegt sich an ihn, fühlt seine Wärme, seine Freude auf ihren Körper übergehen. Doch dann weicht sie zurück und starrt ihn aus geweiteten Augen an.

»Zwei Frauen in deinem Haushalt, Wilhelm! Du wirst meine Hilfe nicht mehr benötigen!«

Sie fängt an zu zittern, und er zieht sie wieder an sich und hält sie fest umschlungen.

»Ruhig, Liebes, ich habe auch daran gedacht. Freda wird sich um unser Kind kümmern. Und Oda wird damit beschäftigt sein, eine Wohnung für sich und ihren Mann zu finden und einzurichten.«

Da kann sie endlich nachgeben und weinen.

Sie leben so, wie Wilhelm es vorgesehen und geplant hat. Freda, der eigene Kinder verwehrt geblieben sind, ist eine liebevolle und fürsorgliche zweite Mutter für die kleine Lena. Und Oda, jung und vor Lebenslust sprühend, füllt das graue Haus an der Gefängnismauer auch dann noch oft mit ihrem Lachen, als sie und ihr Fritz schon ihren eigenen Hausstand gegründet haben.

Und als Oda eines Tages strahlend vom Beginn ihrer Schwangerschaft erzählt, da rundet sich Ilsas Leib unter dem losen Gefängniskittel bereits ein zweites Mal. Wieder weiß Wilhelm eine Antwort auf ihre Bedenken, wieder versteht er es, ihre Ängste zu mindern.

»Gott wird uns auch diesmal beistehen«, versichert er ihr. »Vertraue auf ihn. Und darauf, dass die Gerechtigkeit bald über ein falsches Urteil siegen wird und du freikommst.«

Auch wenn die Zweifel sie zuweilen überwältigen, versucht sie zu glauben, zu vertrauen. Wenn sie Wilhelms Haus betritt und Lena ihr lachend entgegentrippelt, dann schließt sie mit der Haustür ihr anderes Leben weg. Dann ist sie Mutter, auch Frau und Geliebte und nicht Ilsa, die angebliche Mörderin, nicht Ilsa, die Kundige, die um Leben und Tod weiß und die in schlaflosen Nächten in ihrer Hebammentasche nach den Instrumenten tastet, die keimendes Leben vernichten könnten.

Der, auf den Wilhelm so fest vertraut hat, lässt ein ebenso grausames wie fügendes Schicksal zu. Ein paar Tage, bevor Ilsas Kind auf die Welt kommt, stirbt Oda, die lebensfrohe, vor Glück überschäumende junge Frau, gerade siebzehn Jahre alt, bei der viel zu frühen Geburt eines kleinen, von seinen Eltern sehnlichst erwarteten Mädchens, und das Kind stirbt mit ihr. Wilhelm führt nach der Beerdigung ein langes Gespräch mit seinem Schwager. Dann tritt er mit Fritz zusammen in das geräumige Wohnzimmer, in dem Freda und Ilsa, an deren schweren Leib geschmiegt Lena tief schläft, in bangem Schweigen auf sie gewartet haben.

»Die Stadt ist groß, und die Leute in einem Viertel wissen meist nicht, was in einem andern passiert«, beginnt er behutsam. »Oda aber ist in diesem Haus ein und aus gegangen, und so ist bekannt, dass sie meine Schwester war und ein Kind erwartete.« Er sieht Fritz einen Moment lang an, und als dieser nickt, fährt er mit leiser Stimme fort: »Wir werden bei der Wahrheit bleiben, wenn wir sagen, dass meine Schwester die Geburt nicht überlebt hat. Aber wir verschweigen, dass ihr Kind mit ihr starb. Und deshalb wird es verständlich sein, wenn es in diesem Haus auf einmal zwei Kinder gibt. Denn Freda hat mit meiner Zustimmung das Kind ihrer verstorbenen Schwester aufgenommen, um es zusammen mit Lena aufzuziehen.« Er verstummt, seufzt und schließt die Augen. Niemand im Raum bewegt sich oder spricht, kein Kleid raschelt, kein Schuh streift über den Dielenboden, nur das schnelle Atmen des schlafenden Kindes ist zu hören. »Es kann trotzdem Fragen und Vermutungen geben«, sagt Wilhelm nach einer Weile. »Und sie werden unsere Trauer belasten. Aber Gott und die Zeit werden uns dabei helfen, auch das zu überstehen.« Er legt seine Hand auf Fritz' Arm, der neben ihm sitzt. »Oda und ihre kleine Tochter werden in unseren Herzen und in Ilsas und meinem Kind weiterleben. Vielleicht können dir diese Gewissheit und unser Dank für deine Zustimmung Trost in dieser schweren Stunde sein.«

»Wie lange noch?«, fragt Ilsa leise, als sie Wilhelm ihre zweite Tochter, Elsbetha, in den Arm legt.

Er senkt den Kopf und blickt zur Seite.

Sie löst eine ihrer dicken Flechten unter der Haube und zeigt ihm den Grauschimmer im Blond.

»Ich werde bald eine alte Frau sein, Wilhelm.«

Sein Lachen klingt erstickt.

Elsbetha, im Frühsommer geboren, ist ein kräftiges Kind und entwickelt sich rasch. Schon bald führt Freda die beiden Mädchen in den Park nahe dem Stadtwall. Ilsa blickt ihnen durchs Fenster nach, wie sie davongehen – Lena an Fredas Hand und das Elsbethchen im hochrädrigen Kinderwagen. Das hohe Eisentor in der Mauer öffnet sich wie von selbst für sie und schließt sich hinter ihnen mit Getöse.

»Werde ich jemals wieder durch dieses Tor gehen können?«, fragt sie Wilhelm, der neben ihr steht, einen Arm um ihre schmalen Schultern gelegt.

»Es wird neues Beweismaterial zu deinem Fall gesammelt«, antwortet er. »Wir müssen Geduld haben. Wir haben unser Leben noch vor uns.«

Ilsa hat Geduld.

Aber ihr Leben endet in dem folgenden Winter, der außergewöhnlich hart und lang ist. In Scharen kommen die Wölfe aus den Wäldern Polens und aus dem Osten bis in die Nähe der Stadt. In mondhellen Nächten hört Ilsa ihren Gesang. Dann drückt sie ihr Gesicht noch tiefer ins faulige Stroh, damit niemand ihre Tränen sieht. In den Zellen gibt es keine Öfen und auch keine zusätzlichen Decken für die Häftlinge. Durch das offene Fensterloch hoch oben im Mauerwerk dringt Eiseskälte. Ilsa und die anderen Frauen rücken eng zusammen. Eine von ihnen, erst seit ein paar Wochen hier, hat die Lungenkrankheit mit ins Gefängnis gebracht. Sie hustet und spuckt Blut. Ilsa sucht in ihrer Hebammentasche nach den letzten Resten von getrocknetem Spitzwegerich und Huflattich für einen krampflösenden Tee. Die meisten ihrer Beutel, Tiegel und Fläschchen sind schon lange leer. Hilflos, ihren eigenen Husten nur mit Mühe unterdrückend, sieht sie zu, wie die junge Frau stirbt.

Eines Tages, da ist es schon Ende März, und die Stare kehren aus dem Süden zurück, fühlt sie sich fiebrig und matt. Freda will nach dem Arzt schicken, doch Ilsa weiß schon, dass nun auch sie die Lungenkrankheit hat und nichts und niemand ihr noch helfen kann, weil es zu spät ist.

Am Nachmittag holt jemand sie zu einer Geburt, die nicht recht vorankommen will. Wilhelm versucht sie zurückzuhalten. Freda und die Kinder weinen und klammern sich an ihr fest, doch Ilsa löst sich behutsam aus ihren Armen.

»Achte auf die Kinder, Wilhelm«, sagt sie. »Vergiss nicht, Lena soll Hebamme werden. Gib ihr Hedwigas Tasche, wenn die Zeit gekommen ist.« Und Freda flüstert sie zu: »Sie werden dich brauchen, er und die Kinder. Ich vertraue sie dir an, alle drei.«

Das Kind, das in dieser Nacht geboren wird, ist eine Missgeburt und nicht lebensfähig, als es auf die Welt kommt. Ilsa wickelt das winzige Wesen in ein Leinentuch und legt es beiseite, zu erschöpft vom Fieber, um der jungen Mutter noch ein paar Worte des Trostes sagen zu können. Als sie die Frau versorgt hat, nimmt sie ihre Tasche und schleppt sich zurück in ihre dumpf riechende, eiskalte Zelle, in der nur die Atemzüge, Röcheln und ein schläfriges Murmeln der anderen Frauen zu hören sind.

Sie ist noch nicht ganz tot, da streckt sich schon eine gierige Hand nach der Hebammentasche aus und zieht sie behände und lautlos in die dunkelste Ecke, wo sie unter einem Lumpenhaufen verschwindet.

Später, als Ilsas Gedanken, die Erinnerungen und die Bilder in ihrem Kopf endgültig verblassen, sieht sie noch einmal, ganz kurz, das zarte, friedliche Gesicht ihrer toten Mutter vor sich.

Und auch Ilsa überschreitet die Grenze zwischen Leben und Tod mit dem sanften, wissenden Lächeln der Wölfinnen.

»Sieh nur, wie sie lächelt«, sagt eine der Frauen, die sich über die Sterbende geneigt hat, zu den anderen in der Zelle. »Die hier scheint glücklich zu sein, dass sie's endlich hinter sich hat.«

V
Helene

Helene starrt auf den letzten Satz von Ilsas Geschichte. Sie fragt sich, ob Lara damit gerechnet hat, dass ihre Mutter diese Hefte irgendwann einmal finden und darin lesen wird. Und welche Reaktion hat sie erwartet – oder erwartet sie vielleicht noch? Vielleicht, dass sie, Helene, endlich darüber spricht, was ihr das Lächeln oder gar das Lachen für immer genommen zu haben scheint? Das ist eines der Schuldgefühle, die sie Lara gegenüber plagen – dass sie nie mit ihrer Tochter gelacht hat. Nie in den gemeinsamen Jahren hat sie Lara diese herzliche, überschwappende Fröhlichkeit vermitteln können, wie sie zum Beispiel in Victors Haus noch heute üblich ist. Stets hing eine dunkle, bedrohlich wirkende Wolke über ihrem Leben. Sie folgte ihr überallhin, sogar bis in die Tiefe der Wälder um Nowgoje, in denen sie, wenn der letzte Schnee getaut war, nach Heilkräutern zu suchen begann. Diese Wolke drückte auf ihre Seele und füllte ihr Herz mit Schwärze. Nicht einmal Raissa, der Zauberin und Heilerin, war es gelungen, diese Wolke zu vertreiben. Sie hatte gegen diese Wolke angetrommelt, wieder und wieder, hatte auf ihren Reisen in andere Welten mit ihren Ahnen gesprochen, übernatürliche Mächte und Geister beschworen, die Seele dieses Mädchens loszulassen, damit sie, Raissa, sie heilen konnte. Mit ihren starren Blicken, mit denen sie Helenes Blick festhielt, wollte sie das Grauen, die Schrecken für immer bannen. Doch jeder ihrer Versuche war vergeblich. Sie versetzten Helene lediglich in einen seltsam schwebenden Zustand, in dem sie das beunruhigende Gefühl hatte, sich in einer weiteren Dimension zu bewegen, in der nichts mehr wirklich und deshalb nur beängstigend war.

Helene legt das Heft beiseite, es bleibt aufgeschlagen auf dem Tisch liegen. Sie steht auf und geht unruhig in der Stube auf und ab, die Arme vor der Brust gekreuzt. Sie atmet schwer, weil wieder erwachte Schrecken ihr plötzlich die Luft abschnüren, wie sie ihr schon immer die Luft abgeschnürt haben, da sich kein Weg, keine Möglichkeit finden ließ, sie zu formulieren, zu artikulieren, mitzuteilen, sie hinauszuschreien.

»Erzähl, berichte, schrei!«, hatte Victor sie damals, nachdem sie aus dem Wald nach Nowgoje gekommen war, und auch Jahre danach immer wieder aufgefordert.

Helene versuchte es. Sie versucht es auch jetzt. Es funktioniert nicht, kein Laut kommt aus ihrem Mund. Steifbeinig geht sie zu dem rostigen Becken neben dem Herd, über dem der Spiegel hängt. Sie sieht in ihr Gesicht, das von roten Flecken überzogen ist. Das passiert oft, wenn sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hat. Ihre tief liegenden Augen unter dünn gewordenen Brauen huschen hin und her, die schmalen Lippen senken ihre Mundwinkel nach unten, bis sie in den strengen Falten daneben verlaufen, die sich bis zum Kinn ziehen. Obwohl sie nur mühsam atmen kann, versucht sie krampfhaft ein Lächeln. Es missglückt, natürlich missglückt der Versuch. Ihr Mund bleibt eine halbmondförmige, erstarrte, an beiden Seiten nach unten gerichtete Linie. Sie kann sich nicht erinnern, dass sie diesen Mund jemals zu einem Lächeln verzogen hat, mit leicht geöffneten Lippen und nach oben gebogenen Winkeln. Sie sucht nach spielenden Muskeln in ihrem Gesicht – vergeblich.

Helene dreht sich hastig vom Spiegel weg und starrt mit blicklosen Augen irgendwohin. Dann geht sie zur Ofenbank zurück, setzt sich und legt beide Hände auf das aufgeschlagene Heft vor sich auf dem Tisch. Sie wartet darauf, dass ihr Herzschlag in seinen gewohnten Rhythmus zurückfindet. Diese Panikattacken sind seit Jahren unverändert heftig und erschöpfen sie jedes Mal. Müdigkeit breitet sich in ihrem Körper aus, unendliche Müdigkeit. Alles an ihr und in ihr wird schlaff. So muss sterben sein, denkt sie, eine völlige Hingabe aller Muskeln und Empfindungen an diese Müdigkeit. Es ist fast dunkel im Haus, nur noch schwach kann sie die Konturen der wenigen Möbelstücke in der Wohnküche erkennen. Sie hebt die Hände und betastet ihr Gesicht und legt sie schließlich um ihren schmerzenden Kopf. So bleibt sie sitzen, während die Zeit verstreicht, begleitet vom Ticken der alten Weckuhr auf dem Regal.

Später erinnert sie sich daran, dass sie zum Essen erwartet wird. Victor hatte, als er mittags kurz bei ihr vorbeischaute, Holzscheite neben den Ofen stapelte und die allmählich aufkommende Wärme in der Hütte prüfte, indem er seine großen Handflächen auf die Holzwände legte, von einem Willkommensfest für sie erzählt.

»Alle werden da sein, die ganze Familie, alle freuen sich«, hatte er gesagt.

Helene sieht die Gesichter der anderen vor sich. Vielleicht wird Katharina sich tatsächlich freuen, zumindest im ersten Moment, denkt sie. Die anderen werden sich zurückhalten, sie aus der Distanz betrachten, mit Argwohn, mit Unbehagen und mit der unausgesprochenen Frage: Wann gehst du wieder?

»Du siehst Gespenster«, hat Victor früher ungeduldig, oft ärgerlich gesagt, wenn Helene ihre Furcht vor diesen Familienfesten zu begründen versuchte. Sie sah Gespenster, natürlich sah sie die. Gespenster gehörten nun einmal zu ihr. Aber sie hätte nicht erklären können, wen sie mehr fürchtete, ihre Gespenster oder Victors lebende Verwandte.

Doch sie will Victor und vor allem Katharina nicht gleich wieder enttäuschen. Also wird sie an diesem Abend zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr den Schutz und die Stille ihres kleinen Hauses verlassen und durch das Dorf zu seinem Haus gehen. Sie wird die Frauen umarmen und sich von den Männern umarmen lassen müssen. Sie wird weiche Wangen und faltige oder kratzige küssen, zweimal auf jede Seite, und sich wieder küssen lassen. Sie weiß, es wird raue Rufe und lautes Gelächter geben, neugierige Blicke und endlose Fragen nach und Kommentare zu ihren vielleicht geäußerten Erlebnissen. Sie wird reden müssen und reden und lachen lassen, während Katharina, Victors Frau, die Wodkaflasche und Schalen mit salzigem oder süßem Gebäck herumreicht, bevor sie die Schüsseln mit dampfendem Kohl und Kartoffeln und gekochtem Fleisch auf den Tisch in ihrer Küche stellt. So wird in Victors Haus seit jeher jeder Ankömmling oder Gast begrüßt, egal wie lange er fort gewesen ist. Und so, mit dieser aufgesetzten, lärmenden Fröhlichkeit, wird jeder auch verabschiedet, egal ob er willkommen war oder nicht.

Helene steht auf und starrt wieder in den Spiegel, der fast blind ist von Altersflecken. Und wieder betrachtet sie ihr Gesicht, das Gesicht einer älteren Frau mit müden Augen und grauer Haut, und fragt sich, warum sie nicht nein zu Victors Einladung gesagt hat, und dann, während sie sich leicht vorbeugt, um sich noch genauer anzusehen, wem sie jetzt ähnlich sein könnte, vielleicht Margarete, ihrer Mutter? Ihrem Vater, der im September 1939, gleich zu Beginn des Krieges, in Polen fiel und an den sie sich kaum noch erinnert? Oder eher Emma, ihrer Großmutter, die damals, Anfang Februar 1945, etwa Mitte fünfzig war, also um einige Jahre jünger als sie selbst jetzt. Die sich weigerte, das von den Russen belagerte und beschossene Königsberg zu verlassen, und lieber in ihrem kleinen Haus in der Gasse südlich vom Schloss als irgendwo auf fremder Scholle sterben wollte? Es gibt kein Foto, auf dem sich Ähnlichkeiten feststellen ließen. Fotos, Geburtsurkunde und andere Dokumente ergriff sich der Wind über einem Feld in Polen, spielte damit und trug sie davon. Nur Helenes eigenes Gesicht von damals, ihr Kindergesicht, treibt zuweilen wie ertrunken dicht unter der lose und transparent wirkenden Oberfläche ihres gegenwärtigen Gesichts in einem Spiegel. Vielleicht sollte sie diese Oberfläche abstreifen wie einen Strumpf? Aber es würde nichts nützen, denn ihr Leben ging ja weiter, sie ist nicht Kind geblieben, nicht junges Mädchen. Nur die Erinnerungen an diese Zeit nisten in ihrem Kopf. Sie sind hartnäckig. Sie kleben hinter ihren Augen. Sie sitzen in ihren Fingerspitzen, in ihren Fußsohlen, in ihren Geschmacksnerven, in ihrer Nase, sogar in ihren Ohren. Und in ihrer Haut und in ihrem Leib. Sie sind da, wenn sie ihre Hände auf einen Baumstamm im Wald legt, der Nowgoje umschließt und der wie alle Wälder in Sibirien ist, nämlich hell und licht im Sommer und zu Eis erstarrt im Winter. Die Erinnerungen sind da, wenn sie den Duft einer wilden Akelei zwischen weißen Birkenstämmen riecht, die überall zwischen dem Ural im Westen und dem Osten Sibiriens blühen. Wenn sie barfüßig über den moorig-fetten Boden bei Nowgoje geht und sich Blaubeeren in den Mund steckt, dann muss sie an den moorig-fetten Boden rund um das Arbeitslager bei Ussinsk, wohin man sie zuerst gebracht hatte, und an die Hand voll Blaubeeren denken, die man ihr nach dem, was man ihr angetan hatte, in den Mund stopfte. Wenn sie auf das leise Knacken im Holz ihres Hauses lauscht, drängen sich Erinnerungen an Hütten aus Holz, Gespenstern gleich, in ihr Denken. Nichts, was sie sieht, hört, riecht, denkt, ist ohne diese Bilder, diese Empfindungen von einst, auch dann nicht, wenn sie dem wilden Gesang der Wölfe lauscht. Und es gibt kein Mittel gegen diese Erinnerungen. Sie nisten in einem Winkel ihres Denkens, jederzeit bereit, über sie herzufallen.

Helene hebt die Hände zum Mund, greift zwischen ihre Lippen, zerrt und zerrt an den Mundwinkeln, bis sie rissig werden und bluten.

»Lächle, Wölfin!«, herrscht sie sich erbittert an. »Lächle!« Sie denkt an das Lächeln der Wölfinnen, über das ihre Tochter geschrieben hat. Muss ich ebenfalls erst sterben, um mein Schicksal akzeptieren, um endlich lieben und verzeihen zu können?, fragt sie sich voller Zorn.

Sie entfernt ihr Gesicht mit der Müdigkeit in den Augen aus dem Spiegel an der Wand und greift nach dem Beutel auf der Ablage, in dem sie Puder und Lippenstift aufbewahrt, um ihn dann doch gleich wieder wegzulegen. Als sie abwesend war, in der Fremde, da hat sie sich jeden Morgen geschminkt, etwas zurechtgemacht mit Cremes, Puder und Stiften, die sie in den Kosmetikabteilungen großer Kaufhäuser sorgsam ausgesucht hatte. Ihre ersten Versuche, das, was eine Kosmetikerin mit ihrem Gesicht gemacht hatte, zu kopieren, waren unbeholfen, und sie wischte die zu dick geratenen Striche auf ihren Lidern und Lippen wieder weg. Doch mit der Zeit bekam sie Übung darin, kleine Akzente in ihr immer blasses Gesicht zu setzen, Makel zu verwischen.

Aber für Katharina und Victor, ihre Tochter Olga und ihre Enkelkinder, sogar für die Onkel und Tanten und ihre Nachbarn, die kommen werden, wie sie zu allen Festen im Dorf zusammentreffen, wird sie nicht einmal ihren Lippenstift benutzen. Hier muss sie eine von ihnen sein, um nicht aufzufallen, um nicht zu stören. Wie immer werden Victors und Katharinas Gäste bald vergessen haben, dass sie eigentlich aus einem anderen Grund als dem, wieder einmal zusammenzusitzen, zu essen und zu trinken und danach sehnsuchtsvolle Lieder zu singen, in Victors und Katharinas Haus gekommen sind.

VI
Barbara

(um 1798)

Sie weiß, wenn sie anfängt zu weinen, dann ist alles aus, dann haben die Schrecken gewonnen. Aber sie wird nicht weinen, denn sie gehört schließlich zu diesen Frauen, die nicht aufgeben. Sie wird kämpfen bis zum letzten Atemzug. Sie ist Barbara Wolf, die Tochter von Lena Wolf, die Enkelin von Ilsa Wolf und Urenkelin der Lisbeth Wolf, der eine alte Hebamme namens Hedwiga diesen Namen gab. Sie alle waren Wölfinnen, auch wenn sie kurzzeitig einen anderen Namen trugen. Barbara ist eine von diesen Wölfinnen, furchtlos und kämpferisch, zumindest nach außen hin.

Schlaflos durchwandert sie das kleine zweistöckige Haus in der Nähe des Hafens, in dem sie mit Lena, ihrer Mutter, und ihren drei Töchtern, Thekla, zehn, Anna und Luise, neun und sieben Jahre alt, lebt. Obwohl sie sich in eine Decke gehüllt hat, friert sie bis ins Mark. Doch es ist nicht nur die Kälte dieses schneearmen, aber frostigen Winters zwei Jahre nach Kriegsende, die sie immer wieder erschauern lässt. Es sind die Erinnerungen, die sie verfolgen, die mit gierigen Händen nach ihr greifen und sie lähmen wollen.

Eine seltsame Stille liegt über der Stadt, die sich nur langsam von der fünf Jahre andauernden Besetzung und Ausplünderung durch das mit der österreichischen Erzherzogin Maria Theresia verbündete Russland erholt. Noch schlimmer hat es die ländlichen Gebiete getroffen, wie Barbara aus den Berichten von Flüchtlingen erfahren hat. Denn mit dem russischen Heer von Zarin Elisabeth, Tochter von Peter dem Großen, waren auch Horden polnischer Räuber in den Osten Preußens eingedrungen und hatten die Bevölkerung mit Raub, Brand und Mord in Schrecken versetzt. Unzählige Menschen hatten Haus oder Hof verlassen und waren ins Landesinnere geflüchtet oder hatten sich in den Wäldern versteckt. Doch auch dort gab es keine Sicherheit, denn die besten Waldgebiete wurden für den russischen Flottenbau in Pillau rücksichtslos abgeholzt. Fichten, Tannen, Eschen, Eichen, Birken und Erlen fielen zu tausenden der Axt zum Opfer. Und mit dem Wald wurde das Wild ausgerottet; inzwischen gibt es kaum noch einen Elch in Wäldern und Mooren.

Die Stadt Königsberg, die erstmals seit ihrer Entstehung einen Eroberer in ihren Mauern erlebt hatte, ist auch deshalb so still, weil ein Großteil der Kaufleute und des Adels schon vor dem Krieg in den Westen geflüchtet war. So manches Bürgerhaus steht nun leer, Fenster und Türen sind fest verriegelt oder von den Besetzern aufgebrochen. Andere Gebäude verfallen, weil sich niemand um ihren Erhalt kümmert. Auch wenn König Friedrich nun mit einer umfassenden Kulturarbeit und Siedlungspolitik sowie der Verbesserung der Gerichtsbarkeit dafür sorgt, die Schäden des sieben Jahre andauernden Krieges so rasch wie möglich zu beseitigen und aufgrund eines verstärkten Getreideanbaus in der ostpreußischen Provinz wieder Vorräte für mögliche Hungersnöte zu schaffen, bleibt das Leben in der Stadt Königsberg mühsam wie in den Jahren davor.

Sogar das kleine, einmal so stabil wirkende Haus in der Nähe des Hafens, das Gregor, Barbaras Mann, mit in die Ehe gebracht hatte, zeigt Risse in seinen Mauern. Zwei Fenster zum Wohnraum, in dem Gregor, der Arzt war, vor dem Krieg seine Patienten empfing und behandelte, sind zerbrochen und notdürftig mit Holzlatten und Sackleinen abgedichtet. Doch die Kälte dieses Winters, die ein heftiger Nordostwind seit vielen Tagen vor sich hertreibt, dringt durch jedes Loch, durch jeden Spalt, durch jede Ritze.

»Ach Gregor«, seufzt Barbara, weil die Schrecken sie nun doch wieder einholen. Es ist noch nicht so lange her, dass sie die Nachricht von seinem Tod erhalten hat. Verhungert ist er, elendig umgekommen und dann verscharrt worden wie viele andere aus König Friedrichs Armee. In einem schlesischen Dorf dicht an der polnischen Grenze waren er und Barbara mit einer abgesprengten Gruppe von Soldaten gestrandet, dort hat sie ihn schließlich, wenn auch widerstrebend, verlassen, um nach zwei Jahren als seine Begleiterin und Helferin im Krieg nun als Mutter zu ihren kleinen Kindern, die sie in die Obhut ihrer Mutter Lena gegeben hatte, nach Königsberg zurückzukehren. Monatelang hat sie auf eine Nachricht von ihm gewartet, gehofft, hat Stunde um Stunde an jedem Tag am Fenster gestanden, von dem aus sie die Gasse nach beiden Seiten gut übersehen kann, und Ausschau nach ihm gehalten und die Kranken vertröstet, die nach dem Herrn Doktor fragten, und ihre Leiden behandelt, so gut sie es eben konnte.

Doch wie sollte er, der starb, kurz nachdem sie fortgegangen war, ihr noch eine Nachricht zukommen lassen? Gregor habe an einem Abend einen Kanten Brot und seine letzten Medikamente unter seinen Kameraden verteilt, erzählte Adam Bennings, Gregors Gefährte aus einstigen Studientagen und bester Freund, der den Weg zurück in die Heimat mit nur einem Bein geschafft hatte; dann habe er sich auf sein Lager zurückgezogen und sei im Schlaf gestorben. Wie schlafend habe er ausgesehen, berichtete Adam, und gelächelt habe er. »Ein schöner Tod, Barbara. Schöner als jeder Tod im Feld.«

Das zumindest ist ein tröstlicher Gedanke. An dem kann Barbara sich festhalten, denn sie hat diese anderen Tode gesehen, hat sie hautnah miterlebt. Das Sterben auf dem Schlachtfeld oder jenes langsame Verrecken eines Verletzten in einem Schlammloch oder unter den Händen eines von Blut und Dreck beschmierten Arztes, das hat sie gesehen, hat sie miterlebt und ist manchmal selbst gestorben unter den Schreien, den Zuckungen der Körper, den Strömen von Blut und den Bergen von amputierten Gliedmaßen. Denn als Gregor dem Ruf seines Königs folgte, der in Schlesien gegen die Truppen Österreichs zog, da war sie mit ihm gegangen, obwohl sie drei Kinder hatte – Thekla drei Jahre, Anna noch nicht einmal zwei Jahre und ihre Schwester Luise gerade ein paar Monate alt.

»Ich bin nicht nur Hebamme, sondern auch eine ausgezeichnete Krankenschwester, wie du selbst bemerkt hast«, hatte Barbara zu ihrem Mann gesagt, als er im vierten Kriegsjahr seine Praxis schloss, um ebenfalls ins Feld zu gehen. »Und so wie du dem König als Arzt verpflichtet bist, bin ich es als Krankenschwester.« Seine heftigen Einwände hatte sie energisch beiseite gewischt und ihn mit seinen eigenen Argumenten, mit denen er seine Teilnahme am Krieg begründete, geschlagen. »Unsere Kinder sind bei meiner Mutter gut aufgehoben. Wir werden, wie du sagst, bestimmt bald wieder zu Hause sein, denn die russische Zarin Elisabeth, die sich mit Österreich verbündet hat, ist, wie man hört, sehr krank. Peter, der Thronfolger Elisabeths, aber stammt aus Holstein und ist außerdem mit einer Preußin verheiratet. Und diese Katharina wird keinen Krieg gegen die Heimat ihrer Kindheit dulden oder sogar führen.«

Oh, wie wir uns getäuscht haben, sagt sie sich bitter. Wir haben uns für unverwundbar gehalten. Noch heute kann sie sich an das Glühen, das Lodern in ihrem Körper erinnern, als sie Gregors und ihr eigenes Bündel packte. Als großes, aufregendes Abenteuer hatte sie es empfunden, Gregor in diesen Krieg zu begleiten. Ein verrücktes Abenteuer war es. So verrückt, so überwältigend, wie ihre Liebe zueinander auch nach knapp sechsjähriger Ehe noch war.

Gregor schnitt ihr am Tag, bevor sie aufbrachen, unter Lenas Gezeter ihre langen Flechten ab. »Du siehst aus wie ein Junge«, sagte er lachend, während ihre Mutter schimpfte wie ein Rohrspatz. Einen von Barbaras Zöpfen wickelte er in ein Tuch und trug ihn später unter seiner Jacke, direkt über seinem Herzen. »Er wird mich beschützen«, meinte er. Barbara versteckte ihre nun nur noch kinnlangen Locken unter einer Mütze, wie manche Laufburschen sie trugen. Später, als ihr langer Rock sie beim Rennen zu einem Verletzten, der noch im Schlamm des Schlachtfeldes lag, beim Verbinden von Blut spritzenden Wunden oder beim Klettern auf Wagen oder ein Pferd behinderte, zog sie kurz entschlossen eine von Gregors Hosen und ein Hemd von ihm an. Nur in jenen Nächten, in denen sie abseits vom Lager etwas Zeit fanden, den von Sternen übersäten Himmel zu betrachten und einander ihre Gedichte vorzulesen, verlor sie ein wenig von ihrer Stärke, die wohl eher Fatalismus war, und wurde wieder weich und nachgiebig wie eine Frau in seinen Armen.

»So liebe ich dich – so undurchschaubar, als Frau mit vielen Gesichtern«, sagte Gregor dann zuweilen verträumt. »Ich liebe die Gesichter, die du machst, wenn du bei einer Operation hilfst oder wenn du die Hand eines Sterbenden hältst. Vor allem aber liebe ich das Gesicht, das du nur für mich hast.« Und Barbara nickte und verlor sich in seiner Umarmung, in der Wärme seines Atems und seines Körpers. Nur in diesen Momenten der Nähe ließ sie die Gedanken an ihre Kinder und an Lena zu, die im von den Russen besetzten Königsberg geblieben waren. Die schlimmste Zeit war wohl vorbei, denn Zarin Elisabeth war tatsächlich gestorben, und ihr Nachfolger, Zar Peter, hatte sofort alle Feindseligkeiten gegen Preußen eingestellt und damit begonnen, sämtliche preußischen Gebiete zu räumen und seine Truppen ebenfalls gegen Österreich aufzustellen.

Es konnte also nicht mehr lange dauern, und sie, Barbara, und Gregor waren auf dem Weg nach Hause. Sie trug kleine Bildnisse ihrer Kinder, auf Holz gemalt, in einem Beutelchen unter ihrem Hemd. Wenn sie gemeinsam mit Gregor manchmal ihre beiden älteren Töchter Thekla und Anna betrachtete, die ihr äußerlich noch immer viel ähnlicher sind als Luise, die jüngste, dann sah sie sich selbst wieder als Kind und im Haus von Professor Giesecke, in dem ihre Mutter Lena zwei winzige Zimmer unter dem Dach gemietet hatte. Der Professor war es, der dafür gesorgt hatte, dass sie zur Schule gehen konnte, und dem sie dafür in seinem frauenlosen Haushalt half, während Lena, ihre Mutter, mit ihrer Hebammentasche unterwegs war zu Kranken oder Schwangeren. Und er war es auch, der ihr Bücher in die Hand drückte, bevor sie überhaupt lesen konnte, und mit ihr tiefgründige Gespräche über Literatur und Philosophie führte. Viel von dem, was er sagte, verstand sie anfangs nicht, doch er schürte damit ihre Wissbegier und ihren Ehrgeiz, seinen Gedanken folgen zu können und eine eigene Meinung zu entwickeln und zu äußern. In der düsteren, aber gemütlichen Wohnstube seines Hauses in einer Gasse gleich hinter der Universität trafen sich damals Studenten und Professoren, um sich die Köpfe heiß zu reden und über die politischen und kulturellen Veränderungen in Europa zu diskutieren. Meistens saß Barbara dann in einer Ecke, unbemerkt von den anderen und mit einer Flickarbeit beschäftigt. Und oft musste sie sich arg zusammennehmen, um den Mund zu halten. Es drängte sie, zu diesem oder jenem Thema ihre Meinung zu äußern oder, wenn über Literatur und da vor allem über die Veröffentlichungen von weiblichen Dichtern diskutiert wurde, ihre eigenen Gedichte vorzutragen, zu denen der Professor sie ermutigt hatte und die sie in einem alten Holzkästchen, das immer ein bisschen nach Mäusedreck roch, aufbewahrte.

Der Medizinstudent Gregor Baczko, hoch gewachsen, dunkelhaarig und dunkeläugig, Sohn eines Arztes, der vor Jahren aus Litauen nach Königsberg gekommen war und eine gut gehende Praxis im Kneiphofviertel hatte, gefiel Barbara am besten unter all den jungen Leuten, die sich um Professor Giesecke scharten. Wenn er sprach, dann horchte sie noch aufmerksamer zu als sonst. Sie merkte sich so manchen Satz, so manche Redewendung, um dann, wenn die Gäste das Haus wieder verlassen hatten, darüber nachzudenken oder mit dem Professor darüber zu reden. An jedem Mittwoch, wenn die jungen Leute erwartet wurden, flocht sie ihre weizenblonden Locken zu festen Zöpfen. Dann band sie auch die Schürze, die sie normalerweise über ihrem einfachen Kleid trug, ab und kniff sich in ihre immer etwas blassen Wangen, damit sie rosig aufblühten.

Damals war sie gerade vierzehn Jahre alt und begleitete, wenn der Professor sie nicht im Haus oder für Besorgungen in der Bibliothek der Universität brauchte, ihre Mutter auf ihren Gängen durch die Häuser im Armenviertel. Doch Barbara hatte längst etwas anderes vor, als nur Hebamme zu werden. »Ich werde Arzt«, hatte sie ihrer Mutter schon als Achtjährige erklärt. »Eine Ärztin für Frauen.«

»So einen Arzt nennt man Gynäkologe«, korrigierte Lena sie. »Aber so etwas kannst du nicht werden.«

»Warum nicht?«

»Weil man studieren muss, um Arzt werden zu können. Und weil du ein Mädchen bist und später eine Frau sein wirst. Frauen dürfen nicht studieren.« Lena musterte sie mit einem prüfenden, kühlen Blick, den Barbara trotzig erwiderte.

»Sei froh und dankbar, dass du überhaupt auf eine Schule gehen kannst, Tochter. Für eine gute Hebamme reicht das, was du dort und bei mir lernst, vollkommen aus.«

Die Schulpflicht für alle Kinder, ob nun Junge oder Mädchen, war bereits lange vor ihrer Geburt eingeführt worden. Es war nun nichts Besonderes mehr, eine Schule zu besuchen, obwohl die meisten Kinder schon nach drei, vier Jahren wieder abgingen, weil sie mit Arbeit zum Unterhalt ihrer Familie beitragen mussten. Mädchen wurden von ihren Eltern oft in einen Haushalt verkauft, Jungen an Kaufleute oder Fuhrunternehmen. Barbara konnte froh sein, dass ihr dieses Schicksal erspart geblieben war. Ihre Mutter war nie verheiratet gewesen, und ein lediges Kind war nicht nur in den Augen der Kirche eine Schande. Nur weil Lena Wolf die beste aller Hebammen in Königsberg war und weil Professor Giesecke die kleine Barbara unter seine Fittiche genommen hatte, konnte sie überhaupt in der Stadt bleiben.

Barbara wusste aus Erfahrung, dass Diskussionen über ihren Berufswunsch mit ihrer Mutter zu nichts führten, denn diese war nun einmal davon überzeugt, dass ihre Tochter ihre Nachfolgerin sein und Hedwigas Tasche übernehmen würde, wie es eben Tradition in ihrer Familie war. Lena sah zum Beispiel die Gespräche zwischen dem Professor und Barbara, die sie am Anfang noch gutgeheißen hatte, bald als völlig überflüssig an. »Das ganze Zeugs verdreht dir nur den Kopf«, meinte sie. »Man sagt nicht umsonst, Schuster bleib bei deinen Leisten. Das gilt auch für uns Hebammen. Unser Beruf ist so alt wie die Menschheit selbst, das kannst du mir glauben. Immer waren es die Frauen, die sich auf Heilkunde und Gebären verstanden.«

Schließlich schwieg Barbara lieber, um ihre Mutter nicht zu reizen. Sie wollte sich auf keinen Fall die Möglichkeit verderben, in der Nähe des Professors bleiben zu können, wenn Lena unterwegs zu ihren Patientinnen war.

Als sie dann Gregor kennen lernte und heiratete, waren ihre hochfliegenden Träume und Pläne sowieso beendet, denn Gregor brauchte eher eine Krankenschwester in seiner kleinen Praxis denn einen Arzt als Konkurrenz. Außerdem wurde Barbara gleich zu Anfang ihrer Ehe zum ersten Mal schwanger. Und da sie sich wie Gregor eine möglichst große Familie wünschte, fügte sie sich schließlich klaglos in ihr Schicksal.

Und nun, da Gregor tot, die Not immer größer, das letzte Geld längst verbraucht und Lena etwas müde geworden ist, greift auch Barbara immer öfter und freiwillig zur Tasche ihrer Mutter.

»Diese Tasche ist eine ganz besondere«, sagt Lena manchmal, wenn sie und Barbara am Abend noch in der Küche zusammensitzen. »Du weißt, dass ich nicht an Zauberei oder sonst was glaube, dafür weiß ich zu viel über die Kräfte der Natur. Doch die alte Hedwiga, die erste Hebamme unter uns Wölfinnen, muss noch etwas von Magie verstanden haben, denn wer diese Tasche übernimmt, der kann sich keinen anderen, erfüllenderen Beruf für sich vorstellen als den einer Hebamme. Sie wird noch viele Generationen nach uns überdauern, diese Tasche, glaube mir.«

Nachdenklich betrachtet Barbara auch jetzt das lederne Behältnis, das, klobig, unhandlich und schon schwärzlich und fleckig vom Alter, auf der Bank neben dem Eisenofen steht, griffbereit zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie hat die Geschichte von Hedwiga und Lisbeth und die von Ilsa, die Lenas Mutter war, und ihrer Schwester Hanna mehr als einmal gehört. Sie weiß auch, dass ihre Mutter eine Schwester hat, Elsbetha, die einen polnischen Grafen geheiratet hat und in einem großen Haus am Schlossteich lebt.

»Keinen Kontakt mit ihrer armen Verwandtschaft wünscht sie!«, regt Lena sich auf, wenn sie von Elsbetha erzählt. »Eingebildet ist sie, und ihre Nase trägt sie so hoch, dass sie vergisst zu schauen, wohin sie tritt.«

Lena hat ihrer Tochter sogar gebeichtet, dass sie selbst nie verheiratet war und dass sie, Barbara, kein Kind der Liebe, sondern das Ergebnis einer zufälligen wie einmaligen Begegnung von zwei sich einsam, auch verloren fühlenden Menschen war, die nichts gemeinsam hatten, nicht einmal ihre Sprache. Barbaras Vater war einer der französischen Schweizer, die, zusammen mit preußisch-litauischen Bauern, Nassauern, Pfälzern, Süddeutschen, Magdeburgern und Halberstädtern, vom König nach seiner Krönung ins Land gerufen wurden, um neue Städte zu gründen und mit ihren Steuern die Staatskasse zu füllen, den Handel anzutreiben und noch mehr Kirchen und Klöster zu errichten. Lena kann, wie sie in den seltenen Momenten der Rührung sagt, sich an das Gesicht des Mannes erinnern, auch an die fordernde Zärtlichkeit seiner Hände und an seinen kräftigen, festen Körper, der die Begehrlichkeit in ihrem Leib weckte, aber nicht an seinen Namen, den er ihr nannte, bevor er nach ein paar gemeinsamen Stunden im abgelegenen Heuschober eines samländischen Bauern wieder aus ihrem Leben ging.

»Dann merkte ich, dass ich schwanger war«, erzählte sie. »Und obwohl ich wusste, dass es nicht leicht sein würde, ein Kind allein aufzuziehen, wollte ich dich. Ich wünschte mir eine Tochter, der ich einmal Hedwigas Tasche geben würde.«

»Bin ich ihm ähnlich oder dir?«, wollte Barbara einmal wissen.

»Mir!« Lena betrachtete ihre Tochter mit kritischen Augen. »Obwohl … ein wenig hast du bestimmt auch von ihm, wie jedes Kind etwas von beiden Elternteilen geerbt hat.«

»Was ist es?«, bohrte Barbara. »Bin ich so schön wie er?«

Ihr gefiel diese Geschichte von dem Fremden. Sie stellte sich ihren geheimnisvollen Vater als wagemutigen und starken Mann vor.

Lena aber lachte herzhaft und kniff sie leicht in die Wange. »Wahrscheinlich ist es dein sturer Kopf, den du von ihm hast, ich weiß es nicht, ich kannte ihn doch gar nicht.«

Ebenso gern aber hört Barbara noch heute zu, wenn Lena von ihrer Suche nach der Tasche berichtet, die man ihrer Mutter Ilsa, die im Zuchthaus gestorben war, gestohlen hatte. Auch Thekla, Anna und Luise bedrängen ihre Großmutter oft, sich an die Vergangenheit zu erinnern.

»In einem Pfandhaus in einer dieser Gassen in Königsberg, in die selten Sonnenlicht fällt, sah ich sie«, erzählt Lena dann, während ihre im Alter knochig gewordenen und bei einer Schwangeren doch so sensiblen Finger wieder und wieder über das fleckige Leder streichen. »Da, zwischen einer schwarzsilbernen Taschenuhr und einem Holzkästchen mit metallenen Verzierungen, neben einem Wollschal mit Fransen und einem ausgestopften Eichhörnchen auf einem dürren Ast – da stand sie im Regal, Hedwigas Tasche.«

»Und dann?«, fragen Thekla, Anna und Luise immer wie aus einem Mund und mit leuchtenden Augen.

»Nun«, fährt Lena nach einer genüsslichen Pause fort, »ich lehnte meine Stirn gegen das trübe Fenster, nicht weil ich müde war, sondern weil ich mich nicht satt sehen konnte an der Tasche. Und dann bin ich hineingegangen und habe dem Pfandleiher, einem Mann mit einem Fuchsgesicht und Brille und mit bis zu den Ellbogen reichenden schwarzen Ärmelschonern über seinem gräulichen Hemd, gesagt, dass die Tasche einst meiner Familie gehört und dass man sie meiner Mutter gestohlen habe und ob ich sie mitnehmen könne. Er sagte: ›Ein gutes Stück, Fräuleinchen. Ist nie abgeholt worden, all die Jahre. Wollt sie keiner haben, na ja, nu kriegt sie der, der gut dafür bezahlt.‹ Ich hab heimlich nach meinem Geldbeutel gefasst, war ja nicht viel drin, sind auch heute noch nie mehr als ein paar Groschen drin, als Hebamme verdient man nicht viel, aber es ist eine schöne Arbeit, die man macht, all die Kinderchen, die geboren werden wollen, auf die Welt zu holen. Also, ich war gerade aus Tapiau zurückgekommen, wo ich einer Freundin bei der Entbindung geholfen hatte. Mein Kleid roch noch nach der Kate, nach Moor und nach schlammigem Wasser. Ich trug einen Sack über meiner Schulter, aus dem quollen die Stängel von wilden Kräutern, die ich im Moor gesammelt hatte. Auch mein Haar, meine Hände und Arme rochen, und unter meinen Fingernägeln sammelte sich schwarzer Schmutz. Und an meinem Gürtel hingen die Tiegel und Fläschchen mit meinen Salben und Tinkturen.«

»Und dann hat der Pfandleiher gesagt, dass er die Tasche gegen eine Medizin tauscht, nicht wahr, Großmutter?«, fragt Anna atemlos, die sonst immer viel zu still ist, bei Lenas Erzählungen aber auflebt und rosige Wangen bekommt, jedes Mal. Denn Lena macht immer an dieser Stelle eine bedeutungsvolle Pause in ihrem Bericht und schaut irgendwohin, als wäre sie ganz weit weg, nur nicht in dieser Stube.

»Ja, ja«, sagt Lena dann auf einmal kichernd. »Ich muss ihn wohl auf eine besondere Art angeschaut haben, wahrscheinlich so, wie ich eben Leute anschaue, die mir von ihren Schmerzen erzählen und Hilfe von mir erwarten. Jedenfalls ist er auf einmal dicht an mich rangetreten, und es graulte mir vor seinem muffigen Altmännergeruch. Ich dachte, wahrscheinlich hat er Gicht in seinen Gelenken und auch was mit seiner Leber und mit seinem Magen. Ich dachte, ein Tee aus Kamille, Pfefferminz und Fenchel wird seine Beschwerden lindern, auch eine Mischung aus Löwenzahn, Ingwer, Gelbwurz, Ringelblume oder Mariendistel könnte ihm helfen, vorübergehend, nicht auf Dauer, denn als Kräuterfrau kenne ich doch meine Grenzen. Und dann, nach einer ganzen Weile, sagte er tatsächlich: ›Kannst sie haben, Marjell, die Tasche, mit allem, was drin ist, steht nur rum hier, nimmt Platz weg, und keiner will sie.‹ Er rückte mir noch ein bisschen mehr auf die Pelle, und als er wieder grässlich kicherte und sagte: ›Wenn du mir deine Seele gibst, Mädchen, bekommst du die Tasche dafür‹, da wäre ich am liebsten weggerannt. Doch auf einmal strich er mir mit seinen Gichtfingern übers Haar und meinte: ›Musst dich nicht fürchten, ist nur der Spaß eines alten, einsamen Mannes. Hast ein gutes Gesicht, nicht so wie andere, die in meinen Laden kommen und am liebsten alles haben wollen, ohne dafür zu bezahlen. Gibst mir eine gute Medizin dafür, die Schmerzen im Leib bringen mich noch mal um.‹ Also gab ich ihm eine meiner Kräutermischungen gegen seine Beschwerden und einen Tiegel Salbe dazu, nahm die Tasche und rannte dann, so schnell ich konnte, aus dem Laden und die Gasse entlang, bevor er es sich anders überlegen konnte. Sein Lachen aber hat mich verfolgt, das gellte noch lange in meinen Ohren. Und wenn ich nicht doch manchmal in die Kirche gehen und zum Herrgott beten würde, könnte ich heute noch glauben, der Leibhaftige selbst war damals hinter mir her.«

Und dann macht Lena manchmal vor, wie sie damals gerannt ist. Mit so hoch gerafftem Rock, dass ihre spillerigen Beine in den löchrigen Strümpfen bis übers Knie zu sehen sind, hüpft und hastet sie durch die Wohnküche, bis ihre ausgelatschten Pantoffeln durch die Luft fliegen und die Kinder sich vor Vergnügen krümmen und sogar Barbara Tränen in den Augen hat vor lauter Lachen.

Bei dem Gedanken an diese Szenen muss Barbara jetzt lächeln. Sie zieht sich die Decke enger um die Schultern. Welch ein Glück, dass wenigstens Lena und die Kinder nicht vergessen haben, wie man lacht, denkt sie, während sie weiter in der kalten Wohnstube umherwandert. Es gibt sonst so wenig zum Lachen in diesem Haus und in dieser Zeit. Früher, ja, da kamen Gregors Freunde oft, um ihn und seine junge Frau zu besuchen. Jetzt klopft selten jemand an die schlichte Tür. Wer es tut, braucht Lenas oder ihre Hilfe bei einer Geburt oder Krankheit. Heute ist in den Nächten nur noch das Tappen und Rascheln der Mäuse in den wegen der Kälte nicht mehr benutzten Räumen im Obergeschoss zu vernehmen. Und die leisen Atemzüge der schlafenden Kinder in der Kammer nebenan, in die sich Lenas Seufzen und Stöhnen mischt, wenn sie im Halbschlaf nach einer bequemeren Lage für ihren früh verbrauchten Körper sucht. Oft gelingt es ihr nicht, dann steht sie auf und geht eine Weile umher oder sitzt, die Hände um einen dampfenden Becher Tee gelegt, in der Küche.

Auch in dieser Nacht findet Lena keine Ruhe und setzt sich ihrer Tochter gegenüber an den Küchentisch.

»Ich mache mir Sorgen«, sagt sie. »Nicht um mich, denn ich bin alt, und das Sterben wird sowieso eines Tages kommen. Aber um dich und die Kinder sorge ich mich.« Sie nimmt den Teebecher, der auf dem Tisch steht, und nippt daran.

»Ah, gut, der wird wärmen, ich bin halb erfroren.«

»Ich werde mir eine andere Arbeit suchen«, erklärt Barbara unvermittelt.

Lena mustert sie lange mit müden Augen, dann schüttelt sie den Kopf.

»Es geht nicht anders, Mutter.«

»Die alte Hedwiga wäre stolz auf dich gewesen.« Lena blickt an ihrer Tochter vorbei. In ihren ohnehin blassblauen Augen ist kaum noch Farbe. »Und du bist realistisch genug, um zu wissen, dass auch eine gute Hebamme nicht auf Reichtum hoffen kann.«

»Ich will nur verhindern, dass meine Kinder verhungern oder erfrieren«, sagt Barbara schließlich. Sie streckt die Hände nach Lena aus und berührt scheu die mageren Schultern unter dem dünnen Tuch. Sie weiß, sie hat ihrer Mutter viel zu verdanken. »Ich wünschte, es wäre anders. Aber ich …« Sie verstummt vor Elend, und die plötzliche Stille im Raum legt sich gleich einem erdrückenden Tuch auf die beiden Frauen.

»Flausen hat er dir in den Kopf gesetzt, dein Gregor«, murrt Lena nach einer Weile und zieht sich den Schal enger um ihren Körper. »Aus lauter Lust am Kämpfen und Töten ist er in diesen verdammten Krieg gezogen – und hat dich auch noch mitgenommen. Hätte er dich nicht heimgeschickt, dann wärst auch du auf irgendeinem Schlachtfeld krepiert. Und deine Kinder wären im Waisenhaus gelandet, wie meine Mutter Ilsa und ihre Schwester Hanna damals. Und glaub mir, das war bestimmt kein Zuckerlecken.« Sie schüttelt erneut den Kopf. »Nein, nein. Dein Gregor hätte hier bleiben sollen. Er war ein guter Arzt, die Leute kamen zu ihm, weil er mehr von der Medizin verstand als die meisten Herren Doktoren in der Stadt. Die Kranken, die er behandelte, kamen nicht nur aus unserem Viertel, es waren viele aus Kneiphof und sogar aus dem Schloss unter seinen Patienten. Die konnten seine Hilfe wenigstens gut bezahlen. Er hätte erfolgreich sein können. Aber nein, er musste in den Krieg ziehen.« Sie presst ihre knittrig gewordenen Lippen zusammen.

Barbara umklammert ihren Teebecher. Dieses Gespräch hat sie mit Lena in den vergangenen zwei Jahren wieder und wieder geführt. Es hat ihr nie etwas gebracht außer einem schlechten Gewissen ihrer Mutter und ihren Kindern gegenüber. Aber hätte es etwas geändert, wenn sie in Königsberg geblieben wäre, statt Gregor zu folgen? Sie hätte als Hebamme und vielleicht sogar als Krankenpflegerin weiterarbeiten können. Das wäre immerhin besser gewesen als die Arbeit an einem Webstuhl, in einer Fabrik oder im Geschäft des Ehemannes für nicht mehr als einen Hungerlohn. Schicksale, die die Mehrzahl der Königsberger Frauen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen betreffen und denen Barbara fast täglich begegnet. Doch eine Bildung, wie Barbara sie sich einmal erträumt hat, ist ihr als Frau, als Witwe und Mutter von drei unmündigen Kindern auch weiterhin verschlossen. Und nicht zum ersten Mal fragt sie sich, ob alles. das, was Professor Giesecke sie einst gelehrt und was sie sich selbst erarbeitet hat, für immer brachliegen soll.

Sie seufzt, ohne es zu merken. Eine Möglichkeit gibt es allerdings, doch dafür braucht sie die Unterstützung ihrer Mutter.

»Ich werde um eine Stelle als Hauslehrerin fragen«, sagt sie leise.

»Soso, Hauslehrerin!« Missmut und Verachtung sind Lenas faltigem Gesicht anzusehen. »Da enden also deine hochfliegenden Träume von Kultur und viel Bildung – im Kinderzimmer einer hochnäsigen Adligen.«

»Eine bessere Lösung weiß ich nicht.«

Lena mustert sie aus tief liegenden Augen.

»Wenn ich nicht wüsste, was dir dein Gregor bedeutet hat, dann würde ich sagen, heirate wieder.«

»Wen denn?« Barbara bedeckt ihr Gesicht mit den Händen. »Von Gregors Freunden ist nur Adam aus dem Krieg zurückgekehrt.«

»Bist dir also zu fein für einen aus der Fabrik, was?«

Verbittertes Schweigen breitet sich erneut zwischen ihnen aus. Schließlich erhebt Lena sich mühsam und brüht nochmals Tee auf, eine Mischung aus Brombeerblättern und Zitronenmelisse. Sie starrt eine Weile in die Kanne, dann füllt sie wieder die beiden Becher.

»Da, trink, Tochter!« Ihre Stimme ist mürrisch. »Und wenn dir die Hebammenarbeit nicht gut genug ist, dann tu doch, was du willst. Ich kann und werde dich zu nichts zwingen.«

»Du weißt, dass ich eine gute Hebamme bin, Mutter.«

»Es reicht nicht, gut zu sein«, erklärt Lena. »Wenn du nicht mit deinem Herzen dabei bist, wirst du Fehler machen, schwerwiegende Fehler. Keine Hebamme kann sich Fehler erlauben.«

»Ach Mutter!« Barbara legt eine Hand auf Lenas Arm. Leicht nur, denn Lena ist in den vergangenen Jahren schrecklich abgemagert, und unter der papiernen Haut ist der Knochen spürbar. »Du hast mich stets dazu angehalten hat, so viel wie möglich zu lernen. Du hast auch nichts dagegen gehabt, dass Professor Giesecke mich unterrichtete. Und du hast mich in die Schule gehen lassen, anstatt mich in eine Spinnstube zu stecken oder mich irgendwo in Dienst zu geben. Dafür bin ich dir dankbar – wie für vieles andere.« Wieder berührt sie sanft Lenas Schulter. »Bitte verstehe, dass ich mehr sein möchte als eine Hebamme, die zusehen muss, wie ihre Kinder verhungern. Ich möchte auch nicht heiraten, nur weil ich meine Kinder nicht mehr allein ernähren kann. Aber ich kann das, was ich einst gelernt habe und was ich weiß, an andere weitergeben – und das als Hauslehrerin.«

Lena nickt langsam, ihre Gesichtszüge verlieren ein wenig von ihrer Härte. Mit ihrer freien Hand streicht sie sich das ergraute und mit den Jahren immer dünner werdende Haar zurück, das im Nacken zu einem losen Zopf geflochten ist. »Dann wird eben eine deiner Töchter mit mir gehen und später Hedwigas Tasche bekommen«, sagt sie mit fester Stimme. »Wenn du nicht willst, wird bald eine von ihnen dafür sorgen müssen, dass wir Wölfinnen weiterleben.«

Doch dann kommt alles ganz anders, denn Lena will ihre Schwester Elsbetha um Hilfe bitten.

»Immerhin ist sie meine Schwester«, erklärt sie Barbara ihren Entschluss. »Und auch wenn wir nie besonders gut miteinander ausgekommen sind, wird sie wohl nicht vergessen haben, dass ich ihr einmal geholfen habe.«

Was das war, erzählt sie ihrer Tochter in einer dieser schlaflosen Nächte, die sie gemeinsam in der Küche verbringen. »Elsbethas erster Mann war ein Tuchhändler aus dem Württembergischen, der den Reichen unter uns Preußen kostbare Stoffe und Bänder aus dem italienischen Venedig und anderen fernen Ländern verkaufen wollte. Aber das Geschäft, das er hier in Königsberg eingerichtet hatte, lief nicht gut. Und als Elsbetha mit Zwillingen schwanger war, hat er sie wieder verlassen. Ist einfach auf und davon, angeblich nach Polen oder sogar zu den Russen, was weiß ich. Als ihre Kinder geboren wurden, viel zu früh, wie das bei Zwillingen meistens passiert, da war ich noch im Gefängnis.« Sie verstummt, beißt sich auf die Lippen und schaut hierhin und dorthin, nur nicht in Barbaras Gesicht.

»Im Gefängnis? Aber warum?« Barbara hört diese Geschichte zum ersten Mal.

»Na ja«, meint Lena, noch immer verlegen, und zupft an ihrer Schürze herum. »Obwohl der König Hexenprozesse in Preußen doch schon verboten hatte, wurde ich angezeigt.«

»Aber wer hat das getan, Mutter? Und warum?«

Wieder windet Lena sich. Schließlich sagt sie leise: »Meine eigene Schwester. Eifersüchtig war Elsbetha auf mich, weil sie doch schwanger war und der Josef, also ihr Mann, ein bisschen auf mich schaute.« Sie reckt sich etwas in die Höhe, und in ihren Augen ist auf einmal ein Funkeln und Glänzen. »Schlank war ich damals, schlank und rank wie eine Birke. Und meine Haare blond wie der Weizen, bevor er gemäht wird. Dem Josef hat es gefallen, und gezeigt hat er mir das und mich das heimlich fühlen lassen.« Sie seufzt. »Und deshalb und weil Elsbetha schon immer neidisch darauf war, dass ich in der Stadt einen guten Ruf hatte, hat sie dann beim Hexengericht mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt: ›Ja, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie sich mit der Hexensalbe eingerieben hat und dann auf einem Besen davonflog, um sich mit den Priesterinnen des heidnischen Fruchtbarkeitskultes im samländischen Moor zu treffen und Böses und Sündhaftes zu tun.‹ Ja, das hat Elsbetha vor dem Gericht behauptet und auch, dass ich sie verhext hätte, denn sie trage kein Kind in ihrem Leib, sondern ein Ungeheuer. Dabei war sie nur deshalb so aufgeschwollen, weil sie Zwillinge erwartete. Sie glaubte es mir nur nicht, als ich es ihr sagte.«

»O Mutter!« Barbara ist aufgestanden, will ihre Arme um Lenas schmale Schultern legen, doch die wehrt sie mit einer heftigen Bewegung ab.

»Bloß kein Mitleid«, sagt sie schroff. »Das ist lange her. Und mir konnte sowieso keiner was nachweisen oder tun, obwohl der Mann, der mich verhörte, ein gefürchteter Hexenjäger aus Bayern war und ich mir in der Zelle, in die man mich gesperrt hatte, schon überlegte, wo ich Eisenkraut herbekommen sollte, weil Eisenkraut doch unempfindlich gegen Feuer und Hitze macht, denn in Berlin hatte man gerade eine andere Frau wegen Hexerei angeklagt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Schlimmste«, sie atmet tief, »das Schlimmste war, dass mich der Gefängniswärter immer wieder dazu aufforderte, endlich zu gestehen. Ihn kannte ich von Kindesbeinen an, mit seinen Kindern hatte ich gespielt. Wir haben zusammen nach Würmern und nach Asseln gegraben und sie an Stöckchen über einem Feuer geröstet, bis sie knackend oder zischend zerplatzten. Seinen Kindern hatte ich die Kräuter in Fredas Küchengarten erklärt. ›Das ist Petersilie‹, sagte ich, ›harntreibend und menstruationsfördernd, das ist Beifuß, krampflösend und zugleich gefäßverengend, das da ist Eisenkraut, das da Majoran, beides nützlich zur Verstärkung von Geburtswehen.«‹ Sie lacht, und ein wenig von der Leichtigkeit früherer Jahre klingt für einen Moment in diesem Lachen mit, bevor es wieder kratzig und abgehackt wird. »Ja, ja, ich hatte schon früh viel von Ilsa, meiner Mutter, gelernt, sogar die Kraft, die Zelle, den Moder und den Dreck darin, das Hemd aus grobem Leinen, das auf meiner Haut scheuerte und kratzte, und die vulgären Bemerkungen von Huren, die zu Mörderinnen geworden waren, zu ertragen.«

Barbara ist empört und fasziniert zugleich über und von dieser Geschichte und auch von der Atemlosigkeit, mit der Lena sie erzählt, so rasch, als wäre sie unendlich erleichtert, das alles endlich, endlich in Worte gefasst und ausgesprochen zu haben.

Lange sitzen sie da und schweigen, jede von ihnen in ihre eigenen Gedanken versunken. Die Teebecher sind längst geleert, und in den Fenstervierecken zeigt sich, noch zögernd, erstes Morgenlicht.

»Und obwohl deine Schwester dir das angetan hat, hast du ihr später geholfen?«, fragt Barbara schließlich.

»Ja«, sagt Lena, schon wieder leicht mürrisch, wie es eben ihre Art ist. »Nachdem ihr Mann sie verlassen hatte und die Leute über sie redeten, ging sie mit ihren Kindern ins Samland. Freda, die Vater nach dem Tod unserer Mutter heiratete, hatte dort Verwandte. Ich wurde aus dem Gefängnis entlassen, aber hier in Königsberg konnte ich eine Weile nicht mehr als Hebamme arbeiten. Du weißt ja, wie die Leute sind. Hast du erst einmal Dreck am Stecken, ob nun berechtigt oder nicht, dann will niemand mehr etwas mit dir zu tun haben. Also ging ich ebenfalls ins Samland, um Elsbetha mit den Kindern zu helfen und darauf zu warten, dass das Gerede in der Stadt aufhörte.« Ein flüchtiges Lächeln huscht über ihr ausgezehrtes Gesicht. »Es waren so hübsche Kinderchen, die Zwillinge meiner Schwester, eines dunkelhaarig wie seine Mutter, das andere blond wie ich. So lieb und fein waren sie. Aber sie waren Frühgeburten, schwächlich und immer krank. Kurz bevor die Mädchen starben, noch nicht einmal ein Jahr alt, ließ Elsbetha mich mit den Kindern allein und ging zurück in die Stadt. Da wussten wir schon, dass ihr Mann Josef bei einem Kutschenunglück in Polen umgekommen war. Und einige Monate später hat Elsbetha dann einen polnischen Adligen geheiratet. Und damit war sie raus aus all dem Schlamassel in unserem Leben, während meines weiterging.«

»Wie konnte sie das tun!«, empört sich Barbara.

Lena hebt die Schultern. »Sie hat bald danach andere Kinder von ihrem Grafen bekommen, drei oder vier sogar. Elsbetha war schon als Kind schnell zu trösten.«

Barbara weiß darauf nichts zu sagen. Sie steht auf und räumt das benutzte Geschirr weg, während sie nachdenkt.

»Mir gefällt der Gedanke nicht, dass du jetzt als Bittstellerin zu ihr gehen willst«, meint sie schließlich. »Nach allem, was sie dir aufgebürdet hatte, hast du meiner Meinung nach schon lange ein Anrecht auf ihre Unterstützung.«

Wieder zuckt Lena mit den Schultern. »Du kennst meine Schwester nicht, Tochter. Sie hat nicht viel übrig für ihre Mitmenschen, ob nun mit ihr verwandt oder nicht.« Auch sie steht vom Tisch auf und wirft ihren langen Zopf mit einer energischen Kopfbewegung auf den Rücken. Kaum verständlich murmelt sie: »Und manchmal muss unsereiner eben über seinen eigenen Schatten springen.«

Aber Barbara lässt sie nicht allein gehen.

»Ich komme mit«, entscheidet sie, als ihre Mutter ein paar Tage später in ihrem schwarzen, schon schäbigen Sonntagskleid aus dünnem Tuch und mit weißem Krägelchen am Ausschnitt vor ihr steht. Das Kleid ist Lena in den vergangenen Jahren zu groß geworden, es schlottert an ihrem hageren Körper. Aber ihre Wangen sind rosig angehaucht, und sie strahlt Entschlossenheit aus.

Schließlich gehen sie alle, denn nun wollen auch Thekla, Anna und Luise diese ihnen unbekannte Großtante in ihrem schönen Haus am Schlossteich besuchen. Selbstverständlich haben sie dieses Haus schon aus der Ferne gesehen, denn manchmal geht Barbara mit ihren Töchtern zum Teich, um Enten und Schwäne auf dem Wasser zu beobachten.

»Warum nicht«, meint Lena aufmüpfig, als die Kinder frisch gewaschen und mit sauberen Schürzen über ihren Kleidern vor ihr stehen. »Soll meine Schwester ruhig sehen, dass doch noch was aus mir geworden ist.«

Eilig strebt die kleine Gruppe durch die holprigen Gassen der Altstadt, Lena und Luise vorneweg, Barbara mit Thekla und Anna hinter ihnen.

»Nicht so schnell, Großmutter!«, jammert Luise. Die Rüschenhaube ist ihr vom Haar gerutscht, die schwarzen Locken lösen sich aus den Zöpfen und hängen ihr über den Rücken bis zur Taille, wo die Schürzenbänder zu einer nachlässigen Schleife gebunden sind, die unter dem kurzen Umhang hervorlugt. Ihre großen kirschdunklen Augen aber glänzen lebhaft, als sie sich einmal zu ihrer Mutter umdreht und sie anlächelt, und die zarten Wangen sind von der Kälte gerötet. Luise ist ihrem Vater sehr ähnlich, und Gregor war ein gut aussehender Mann.

»Dumme Heulsuse«, hört Barbara Anna neben sich zischeln. Und sie denkt: Immer müssen sie sich streiten, diese beiden, dabei sind sie doch Schwestern! Anna ist wie Thekla und ganz anders als Luise, nämlich unscheinbar, blasshäutig, mit graublauen Augen, die stets ein wenig verschleiert wirken, als würden die Mädchen nach innen schauen. Wo Luise zu viel plappert, werden Thekla und Anna immer stiller.

So eilen sie voran, durch die Gassen der Handelsinsel, dem Kneiphof, wo sich die Giebel der alten Kaufmannshäuser um den roten Backsteindom scharen, dessen Glocken über den Pregel bis zum Schloss und an klaren, windstillen Tagen sogar bis in die Vorstädte klingen. Sie eilen vorbei an der Schlosskirche, vorbei an den Wirtshäusern, aus denen schon jetzt, früh am Tag, das Grölen eines Betrunkenen schallt. Vorbei auch an einigen kleinen Marktständen, wo Eier und Käse vom Land verkauft werden und ein Jongleur Bälle in die Luft wirft und wieder auffängt, während ein mageres Äffchen mit Greisengesicht auf seiner Schulter balanciert. Luise, neugierig wie immer, will an der offenen Tür einer Spinnstube stehen bleiben und hineinschauen, wo einige junge Mädchen, nicht viel älter als ihre Schwestern, eifrig arbeiten.

Aber Lena hat es eilig und zieht das Kind mit sich. Und Barbara fragt sich beklommen, was sie in diesem großen Haus erwarten wird. Sie haben Hilfe bitter nötig, das ist richtig, doch wer etwas haben will, der muss auch etwas hergeben können. Umsonst ist nicht einmal der Tod, denkt sie voller Bitterkeit.

Details

Seiten
497
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783958244115
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310762
Schlagworte
Familiengeheimnis Familiensaga Familienroman Schicksal Russland Sibirien Königsberg Vertriebene Anna Valenti ebooks

Autor

Zurück

Titel: Das Lächeln der Wölfin