Lade Inhalt...

Das Geheimnis des Ketzers

Roman

2015 569 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Spanien im 15. Jahrhundert – eine gefährliche Zeit für alle, die nach der Wahrheit suchen. Nach jahrelangen Bemühungen ist der Forscher Adam Quintero endlich am Ziel: Er kann die Existenz einer höheren Macht beweisen! Doch er ist sich sicher, bei dieser kann es sich nicht um Gott handeln … und diese frevelhafte Behauptung macht ihn zum verfolgten Ketzer.

Wird er es schaffen, dem grausamen Zorn der Kirche zu entkommen? Und hat die gefährliche Entdeckung womöglich sogar die Kraft, die Zukunft zu verändern?

Fesselnd und dramatisch: Ein Thriller auf zwei Zeitebenen!

Über den Autor:

Mattias Gerwald ist das Pseudonym des Erfolgsautors Berndt Schulz, dessen Kriminalreihe rund um den hessischen Ermittler Martin Velsmann ebenfalls bei dotbooks erscheint: Novembermord, Engelmord, Regenmord und Frühjahrsmord. Er lebt in Frankfurt am Main und in Nordhessen.

Unter dem Namen Mattias Gerwald veröffentlichte er historische Romane, in denen entweder eine außergewöhnliche Persönlichkeit oder ein ungewöhnliches historisches Ereignis im Mittelpunkt steht. Er gilt als Experte für die Geschichte der europäischen Mönchsritterorden.

Für die Tempelritter-Saga schrieb Mattias Gerwald folgende Bände:

Die Tempelritter-Saga – Band 5: Die Suche nach Vineta

Die Tempelritter-Saga – Band 8: Das Grabtuch Christi

Die Tempelritter-Saga – Band 9: Der Kreuzzug der Kinder

Die Tempelritter-Saga – Band 18: Das Grab des Heiligen

Die Tempelritter-Saga – Band 20: Die Stunde des Rächers

Die Tempelritter-Saga – Band 24: Die Säulen Salomons

***

Überarbeitete Neuausgabe Dezember 2015

Die überarbeitete Neuausgabe des Romans »Das Geheimnis des Ketzers« von Mattias Gerwald, beruht auf dem Roman »Der Ketzer«, der erstmals 1998 bei Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach, veröffentlicht wurde.

Copyright © der Originalausgabe 1998 bei Autor und Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung des sog. Erpho-Kreuz aus der Ausstellung „Das Reich der Salier (1992)“

ISBN 978-3-95824-260-9

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren Lesestoff aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Das Geheimnis des Ketzers an: lesetipp@dotbooks.de

Gerne informieren wir Sie über unsere aktuellen Neuerscheinungen und attraktive Preisaktionen – melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an: http://www.dotbooks.de/newsletter.html

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.twitter.com/dotbooks_verlag

http://instagram.com/dotbooks

http://blog.dotbooks.de/

Mattias Gerwald

Das Geheimnis des Ketzers

Roman

dotbooks.

Die handelnden Personen:

1493

Adam Quintero, Arañador der katholischen Könige Spaniens

Eva, seine Frau

Ferdinand II., König von Aragon und Sizilien

Isabella, Königin von Kastilien

Luis de Santangel, Schatzmeister von Kastilien

Gabriel Sanchez, Schatzmeister von Aragon

Diego Lopez de Losa, Maler

Tomas de Torquemada, Großinquisitor

Abbo de Cuenca, Mönch des Hieronymiten-Ordens

Christophorus Columbus, Entdecker

Don Santiago, alter Müller in Aranjuez

Der Adelantado des Königs

Jerónimi, Gitano

Cesar de Cortez, Großmeister des Santiago-Ordens

Fray Antonio de Montesino, Mönch

Juan Pérez, Abt von La Rábida

Ferdinando, Portero der Alhambra

Matias, Hausbesorger

Moreno, Moslem

Don Ibn Amid, königlicher Beauftragter

Hidalgos, Folterknechte, Kardinäle, Priester, Padres, Meuchelmörder, Ermordete, Staatsbeamte, Wollhändler, Kaufleute, Flagellanten, Soldaten, Hieronymiten, Franziskaner, Benediktiner, Dominikaner, Conquistadoren, Päpste, Gitanos, Juden, Morisken, Mauren, Conversos, Ketzer, Santiagoritter, Tagelöhner, Bürger, Inquisitoren – und Kreuzspinnen.

1993

Eluard van Endles, deutscher Informatiker

Rita, seine Frau, Biologin

Alf Quint, Computerkünstler

Vera Quint, seine Frau, begabtes Medium

Aramov, Sibirjake

Baumeister, Spionageexperte

Dr. Ulert, Schweizer Astrophysiker

Dr. Scriba, Schweizer Astrophysiker

Dr. Kern, Deutscher Astrophysiker

Pater Marcellinus, Abt von Seligenthal

Agenten, Hotelbesitzer, Journalisten, Firmeninhaber, Wissenschaftler, Computerspezialisten, Gläubige, Ungläubige – und Kreuzspinnen.

1. Kapitel
Die Entdeckung

(Oktober 1992 – Mitte April 1493)

»Nach meiner festen Überzeugung kann es nicht sein, daß diese Welt, so wie sie uns gegenübertritt, wirklich existiert. Zu dem uns bekannten Sein muß es noch eine andere, spiegelgleiche Hälfte geben, eine übergeordnete Gegenwelt, die uns in Ruhe läßt und uns beobachtet. Welche Resultate diese Gegenwelt – und ich kann sie nicht das Reich Gottes nennen – aus der Beobachtung zieht, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß wir wahrgenommen werden; alles, was auf der Erde geschieht, wird zum Material für »die anderen«. Nur so ist das Gefühl der Bedeutung zu erklären, daß uns Menschen heute, im Jahr 1493 befällt. wenn wir uns unseres Tuns innewerden.«

Adam Quintero
(aus dem Vorwort zu seinen Aufzeichnungen »Die Spinnen von Aranjuez«. Palos de la Frontera, 1493)

Träume

In dieser Nacht des Bebens der Alten Welt lag das Ehepaar Quintero in den schweren, seidenen Kissen des Klosterpalastes von Aranjuez. Und es träumte den gleichen Traum.

Die Menschen standen kurz vor der erdgeschichtlichen Katastrophe. Zu lange waren sie wie ein Korken auf dem unergründlichen Strom der Zeit mitgeschwommen. Sie hatten getanzt und gescherzt, den heißen kastilischen Sommer im Schatten der dicken Mauern von Aranjuez genossen und den maurischen Winter verträumt, das Leben war weitergegangen. Sie hatten allesamt nicht nachgedacht, es hatte ihnen ausgereicht, einfach zu sein. Sie hatten sich in ihren Körpern zu Hause gefühlt – ein naives, gefährliches Gefühl der Geborgenheit. Man hatte gespielt, und selbst die Nachdenklichen waren zu keinen anderen Schlüssen gekommen, als die Welt in ein buntes Kaleidoskop aufzulösen, die zersplitterten Formen ans Licht zu halten und »Ah!« zu rufen wie Kinder.

Sie gingen über die duftenden Wiesen, und in ihren Gedanken und Herzen entfaltete sich ein warmes Gefühl, das vom Sonnenschein kam; sie sahen Blumen und Menschen, selbstgenügsame Frauen, eitle Männer, überall die Farben des schwülstigen spanischen Lebens im Überfluß Inmitten des schönen Scheins ging man weiter und weiter, bis an den Rand der Jahre. Es war das Zeitalter der Auflösung aller Gewißheiten. War die Erde wirklich eine Scheibe? An einer fernen Küste weit im Westen betrat ein Mann mit einem geheimgehaltenen Auftrag das rätselhafte Land Guanahani. Das Ende des Jahrhunderts konnte nicht mehr weit sein.

Bis zum Horizont kein anderes Geräusch als das Summen der Natur und die Seufzer der Frömmigkeit.

Adam Quintero nahm seine Frau an die Hand, Eva Quintero schloß die Augen und ging vertrauensvoll mit ihm. Sie verließen die königlichen Mauern und betraten den Garten der Königinmutter. Sie mußten nichts sagen, sie verständigten sich mit Gedanken und Gesten. Die Luft war schwer und süß vom Duft des Sommers auf dem Land, wo sie soeben angekommen waren. Sie hätten nicht sagen können, woher sie gekommen waren. Aber war das nötig? Wozu fragen? In einem Traum fragt man nicht. Wichtig war nur: Sie waren endlich da.

Nein, die Neue Zeit war noch fern. Das war zu spüren. Die Zeit befand sich in diesem selbstgewissen Zustand der Kinderjahre, in denen hinter dem kleinen, sichtbaren Ausschnitt, in dem man sich bewegt, nichts ist. Unter der Obhut der allmächtigen Könige der spanischen Welt und ihrer geistlichen Berater aus den umliegenden Klöstern war das Zeitalter der Inquisition angebrochen.

Die Quinteros spazierten in diesem Traum körperlos durch dichtbevölkerte, stinkende Städte auf den Hochflächen Neukastiliens, die in der Sonne dösten. Jenseits der Städte, im Grünen, zwischen Gruppen von eitlen Flaneuren und deren stolzen Frauen, ereignete sich das wahre Leben. Kehlige maurische Laute und helles spanisches Lachen waren das einzige, was die geheimnisvollen Geräusche der ewig webenden Spinnen und der vibrierenden Getreidefelder unterbrach. Hier draußen, jenseits der kühlen Mauern des Palastes, hier war nichts ungewiß, es gab keine Dunkelheit, alles war hell und klar. Hier besaß die Kirche keine Macht! Und man blickte mit fremdem Blick zu den Wundern des Firmaments auf, die den Alltag begleiteten.

Vernetzte Programme mußten entwickelt werden, mit denen die Menschen zueinander sprechen konnten. Die ganze Welt mußte neu vermessen werden. Und Quintero wußte auch schon, wie das zu geschehen hatte.

Ja, er würde alle Rätsel lösen. Es wurde Zeit. Was war naheliegender, als in den von Kirchendogmen und Vorurteilen vermessenen Lebenskreis, in diese Vorstellung einer Welt, die Jenseits oder Hölle oder Paradies hieß, ein neues Gedankensystem einzuschreiben. Dazu waren sie gekommen. Sie, das Ehepaar Quintero. Und sie verfügten über Millionen von Helfern. Kleine, krabbelnde Handwerker, die im Unsichtbaren blieben, fleißige, anspruchslose Bestien.

Es ging um die greifbare Wirklichkeit, es ging um Farben, um das Grün am Ufer eines Flußlaufs, um die Farbtöne nackter Körper im Sommerlicht, um das Braun der Barken des Weltumseglers auf seiner Fahrt nach Guanahani, Hispaniola und Kuba und in eine neue Zeit. Das durfte nicht nutzlos vergeudet werden, man mußte erfassen, systematisieren, vermessen, errechnen. Jetzt war die Zeit.

Allerdings war dabei nicht zu vermeiden, daß die bisherige Harmonie der Welt Ecken und Kanten bekam. Netze, in denen etwas Geheimnisvolles summte, würden die Wiesen in ein paar Jahrhunderten anders aussehen lassen, als bisher gewohnt; die Töne der Flöten, Vihuelas, Lauten, Gitarren und Cymbeln würden sich dann gänzlich anders anhören. Am besten, darüber war man sich im klaren, waren die flachen Landschaften, die endlos ausgedehnten Ebenen der Mancha, die das Licht zurückwerfen wie helle Haut. Dort würde man anfangen, dann in die tiefen Wunder der Canyons von Cuenca wechseln, an die unbotmäßigen katalonischen Küsten mit ihrem wilden Leben gehen, zu den hitzeflirrenden Bergregionen Andalusiens vorrücken, und am Schluß kamen die dunklen Wälder und Hügel der fremden östlichen Mittelgebirge, die Plateaus, die Hochebenen, die Einsiedeleien und die hochmütigen Klöster im Frankenland.

Arkadien war zu Ende, das Paradies bis an seine Grenzen ausgedehnt. Man hatte nur genommen und nicht gegeben. Die Katastrophe drohte. Das verrieten die alten Texte. Deshalb war der Genuese von Palos de la Frontera aus aufgebrochen, mit dem Vorwand, Indien zu bereisen. Das Ehepaar Quintero träumte, daß er den Auftrag besaß, aus der Neuen Welt den Schlüssel zu holen, der die Katastrophe abwenden konnte. Die Formel. Den Beweis.

Die Quinteros träumten diesen Traum. Und in diesem Traum spürten beide ihren Ekel vor der dumpf in sich ruhenden, gedankenlosen Daseinsfülle in diesem Jahrhundert der ängstlichen Gebete ohne Begehren nach Veränderung. Nein, so konnte es nicht weitergehen, so würde es nicht weitergehen.

Sie verließen mit dem Palast die Ränder des Wissens und tauchten ein in den Mittelpunkt des Daseins, hier am Mittelpunkt der Erde, im Klostergarten der königlichen Sommerresidenz von Aranjuez. Und sie machten sich an die Arbeit.

Das war der Traum, den das Ehepaar Quintero in dieser heißen kastilischen Nacht träumte. Jeder träumte seinen Teil. Und schon nach Sekunden war der Traum zu Ende.

Spinnen

In diesem Moment erinnerte sich Endles an eine Geste seiner Mutter, und die Erinnerung traf ihn mit solcher Wucht, daß er über eine knorrige Wurzel stolperte, die aus dem Waldboden ragte. Wenn er als Kind Fieber gehabt hatte, kam sie, um zu messen, und dabei legte sie ihm ihre Lippen auf die Augen, erst auf das linke, dann auf das rechte. Die Zärtlichkeit dieser Berührung machte ihn für immer zum Kind.

»Was ist?« fragte Rita. »Was hast du?«

Endles lachte verlegen. Er hatte seine Haltung wiedergefunden. »Nichts«, sagte er, »nur so ein tückisches Ding.«

Das Waldstück, durch das sie gingen, wich einer ausgedehnten Hochfläche, auf der die Wiesen der südlichen Eifel unter der schrägstehenden Sonne eigentümlich glänzten. Rechter Hand schnitt die Kyll ihren tiefen, dunklen Graben in die Felder, dort ging es hinab in die schattige Welt der Mühlen und alten Gehöfte, die sich in das Tal duckten, als wollten sie unbemerkt überleben. Links auf deinem Bergrücken aufgereiht ein Dorf mit einer gewaltigen gelben Kirche, die wie ein Zeigefinger in den Himmel stieß. Vor ihnen lag die stille Natur im Licht eines wunderschönen Frühherbstes.

Sie gingen schon seit einer Stunde. Rita hatte ihrem Mann ein Gehöft in Wellkyll zeigen wollen, das zum Kauf anstand, Ein verlassener Bauernhof mit einer eigenen kleinen Kapelle, im Schutz des Bergrückens gleich dahinter, davor der Fluß. Rita war begeistert, Endles zögerte. Er sagte, er würde ihren Wunsch gern erfüllen, das Anwesen sei ihm aber zu romantisch, irgendwie unsinnig veraltet. Seine Frau blickte ihn an, wie nur sie es vermochte: aus verengten Augenwinkeln, aber auf den Lippen ein Lächeln ohne jeden Argwohn.

»Nein«, sagte Rita, »ich bin nicht so sentimental, wie du meinst. Aber wir könnten mit diesem Haus neu anfangen. Ein Nest für uns.«

Endles sah zu den Krähenschwärmen empor, die weit über die tiefstehende Sonne hinausflogen. Leise Panik regte sich in ihm. »Das war damals«, sagte er heftig schnaufend, weil der Pfad gerade steil empor führte. »Vielleicht ist es mein Beruf, der mich so verändert hat. Ich kann mir eine solche Zurückgezogenheit mit dir kaum noch vorstellen. Ich fände es besser, wir würden uns nach draußen öffnen.« Er lachte. »Dieses Tal da unten ist so verschlossen.«

»Ach, du weißt doch nicht, was du redest!« Rita ging wütend voraus. Sein Blick umfaßte von hinten ihre schlanke Gestalt in Jeans und roter Bluse, die sich behend bewegte. Wo er schon kurzatmig wurde, lief sie noch wie ein Mädchen. Er hatte plötzlich das Gefühl, sie sehr zu lieben, und er ertappte sich dabei, wie er die Hand nach ihr ausstreckte. Es war eine unbewußte Geste, mit der er spüren wollte, daß er nicht allein war.

In seiner Phantasie hatte er sie schon oft auf eine ganz eigene, sehr intime Weise berührt. In seiner Phantasie war ihm alles möglich, und unter ihrem lange verweilenden, prüfenden Blick versank er dann in eine stumme Zwiesprache mit ihr. Aber sie wußte, sie verstand seine Phantasien nicht, für sie blieb er nur stumm.

Für einen kurzen Moment war sie hinter der Hügelkuppe verschwunden. Als er oben war, sah er sie in das Tal hinablaufen.

»Rita!« brüllte er. »Warte doch!«

Sie drehte sich um. »Du wirst alt, Endles!« rief sie mit überraschend heller Stimme. Dann lachte sie. Er strengte sich an, spürte alle Muskeln in seinem schwer werdenden Leib, die Glieder schmerzten. Er rannte in ihre ausgebreiteten Arme.

Es war ein Moment des Glücks. Dann sagte sie: »Hör mal, ich muß mit dir reden.«

»Mmh«, brummte er.

»Ich muß dir was erzählen.«

»Na los.«

Eine Pause entstand. Dann sagte Rita: »Ich hatte einen Traum, von dem ich glaube, daß er meine Situation wiedergibt. Soll ich ihn erzählen? Dürfte dich interessieren.«

Ohne seine Zustimmung abzuwarten, begann sie sofort zu reden. Endles hörte zu. Er schirmte die Augen mit der flachen Hand vor der Sonne ab. Er hörte, was sie sagte und war doch mit seinen Gedanken ganz woanders. Er mußte an das junge Ehepaar denken, das sie am Abend zuvor in Bitburg getroffen hatten. Merkwürdige Leute, bei deren Anblick er nach einer Weile ein unerklärliches Ekelgefühl bekommen hatte; vielleicht kam das aber auch nur vom vielen Bier an diesem Abend …

Er hörte entfernt, wie Rita ihren Traum erzählte. Wie sie von jenem heiligen Rock Jesu Christi sprach, in den sie sich eingewickelt fand, mit jenen seltsamen Blutungen an Händen und Körper; diesem Rock, der nun nach vierzig Jahren wieder einmal zur öffentlichen Verehrung im Dom zu Trier ausgestellt wurde, und darin sie, halbnackt, den Blicken preisgegeben … Endles hatte das Gefühl gehabt, als sähe der junge Mann in seiner Bitburger Stammkneipe ihn auf eine völlig unbeteiligte Weise durchdringend an, wie ein Automat, der eine Tomographie von ihm erstellen mußte, aber das war natürlich Unsinn. Und doch, diese Ähnlichkeit des Gesichts mit seinem hatte ihn sehr berührt; die ganze Gestik, bis in die Spleens hinein, etwa wenn er sich mit dem Handgelenk über die Nase wischte, stimmte überein – ein unangenehmes Gefühl hatte ihn beschlichen … Und Rita fuhr fort, von ihrer Scham zu reden, die sie im Traum befallen hatte, als sie sich tiefer in den Rock wickeln wollte und dieser vor aller Augen zerbröckelte; wie er seine jahrtausendealte Konsistenz verlor, sich auflöste in rostroten Staub, der sie nicht mehr bedecken konnte; wie sie entblößt dastand in dieser mit Wallfahrern gefüllten Kirche und plötzlich etwas mit ihr geschah, das mit Licht zu tun hatte, mit einer unvergleichlichen Helligkeit, die sie unendlich erleichterte … Ja, dachte Endles, und erst die Frau. Sie hatte tatsächlich, das konnte er beschwören, ausgesehen wie Rita vor 20 Jahren; dasselbe Lächeln, derselbe Gang, diese burschikose Stimme, nur etwas fehlte. Aber was war das? Endles zermarterte sich, das merkte er jetzt, schon den ganzen Tag den Kopf darüber. Was fehlte dieser Frau?

»Ja, das war der Traum. Merkwürdig, nicht? – Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?«

Er erschrak. Ein Sonnenstrahl traf ihn direkt ins Auge und löste in seinem Kopf einen kleinen Schlag aus.

»Hast du verstanden, was ich dir erzählt habe? Du hörst nie richtig zu.«

»Ich hör dir zu, Liebes. Weißt du nicht, daß Informatiker alles können? Vor allem zuhören. Wir hören ein halbes Dutzend Stimmen gleichzeitig.«

»Und was sagst du zu meinem Traum?«

»Großartig! Sehr bezeichnend!«

»Meinst du?«

»Klar.«

»Und weshalb?«

Endles zögerte. »Du willst dich zeigen, alle sollen dich lieben; du willst dich der ganzen Welt hingeben, den Männern, allen. Das Weibchen-Syndrom.«

»Warte du!« schrie sie auf. Lachend rannte Endles vor ihr her. Sie verfolgte ihn mit gespielter Wut. Als sie ihn nach einer Weile einholte, umarmten sie sich so heftig, daß sie das Gleichgewicht verloren und stürzten. Sie wälzten sich einen Moment lang auf dem Boden, dann standen sie wieder auf und klopften sich gegenseitig den Staub von den Kleidern. Für einen Moment standen sie ein wenig verlegen herum.

Wieder meldete sich diese Panik in seinem Inneren. Es gelang ihm nicht, sie zu vertreiben. Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her.

Rita hatte sich plötzlich abgewendet. Sie hatte etwas entdeckt.

»Schau doch mal«, sagte sie mit ungläubiger, ganz weicher Stimme. »Sieh dir das bloß mal an.«

Endles trat näher.

»Da«, sagte Rita. Sie deutete mit dem ausgestreckten Finger über die Wiesen, die sanft zum Horizont hinaufliefen. Plötzlich schien es totenstill zu werden, nicht einmal die Lerchen waren mehr zu hören. Aber von den Wiesen her erhob sich ein eigenartiger Ton. Ein leises, saugendes Geräusch, eigentlich das Gegenteil eines Geräusches, eher ein Laut, der die Töne über die Erdoberfläche auffangen und ersticken wollte.

Endles schaute. Dann zuckte er die Schultern.

»Aber sieh doch«, sagte sie. Ihre Stimme klang seltsam verwundert.

»Was?«

Er hatte das Gefühl, sie sei weit weg, in der Gewalt einer Einbildung, die ihn ausschloß.

»Die Netze dort. Die Spinnennetze. Überall. Siehst du? Bis ganz hinten, den Berg hinauf. Und rechts und links, überall Spinnennetze.«

Endles sah jetzt, was seine Frau meinte. Die Wiesen waren überzogen von dicht geknüpften Fäden, sie bedeckten den gesamten Untergrund, so weit man sehen konnte.

»Ja, Spinnengewebe«, sagte er, »wir haben Altweibersommer.«

»Endles!« Sie sah ihn an. »Schau doch richtig hin, ich habe so etwas noch nie gesehen.«

Er trat dicht neben sie, versuchte an ihrem Blick teilzuhaben. Er wollte es ihr recht machen. »Tatsächlich«, sagte er, »wirklich beachtlich.«

Wieder sah sie ihn skeptisch an. »Du siehst es nicht«, sagte sie. »Du mußt dir mehr Mühe geben. Vergiß einmal den Informatiker in dir.«

Er gab sich mehr Mühe, ging in die Knie und schaute. Da sah er es. Es dauerte einen Augenblick, bis er begriff. Es erfaßte ihn. Er spürte einen jener Momente, in denen das Leben für einige zähe Sekunden zu stocken schien. »Das ist ja verdammt noch mal wirklich interessant«, murmelte er.

Die Spinnennetze waren nicht wie sonst. Sie schienen etwas zu besitzen, was einem – System ähnlich war. Sie bedeckten die Wiesen in ungefähr zehn Zentimeter Höhe ohne jede Bodenhaftung – jedenfalls sah Endles keine – wie ein Raster. Er wollte sich plötzlich auf den Bauch legen, um darunter zu kriechen und in diesen windschnittigen Kanal aus Gewebe einzutauchen, immer die warmen, duftenden Wiesen entlang, über sich dieses feingesponnene, in der Sonne blitzende Dach. Dann erfaßte ihn ein beinahe klaustrophobisches Gefühl, er wäre ja eingesperrt, unter diesem Netz gefangen, würde womöglich keine Luft bekommen und elend ersticken.

Unsinn, dachte er. Hier handelte es sich um ein so luftiges Gewebe, das man jederzeit mit der bloßen Hand zerreißen konnte, ein Finger genügte dafür. Dennoch hatte er Ehrfurcht vor diesem Werk der Natur, auch wenn er den Sinn nicht kannte.

Endles schaute sich nach allen Seiten um. Ihm wurde plötzlich schwindlig. Das waren ja Tausende von Quadratmetern – überall, so weit das Auge reichte, Spinnennetze, sorgfältig geknüpft, Faden neben Faden; ein Teppich aus feinstem Gewebe, über Nacht gewoben von einer unsichtbar bleibenden Welt, ein Raster wie ein, wie ein … Endles legte sich auf den Bauch, um unter die Netze zu sehen. Von unten her ähnelten sie in diesem Moment einer Computergraphik, wie er sie selbst schon entworfen hatte – das Sommerlicht lag wie ein Bildschirmhintergrund auf ihnen, weiße Wolken segelten auf dunkelblauem Untergrund. Aber das ist unsinnig, dachte Endles, Gedankenkauderwelsch. Es ist heller Tag, wir sind in der Eifel.

Endles erhob sich und räusperte sich. Die Faszination war von ihm abgefallen. Ernüchtert sagte er: »Ich bewundere wieder einmal deine Beobachtungsgabe, aber was hat das Ganze mit uns zu tun? Mit unserer Krise?«

Rita zuckte fasziniert die Schultern. »Ich weiß nicht. Natürlich nichts«, sagte sie. »Rein gar nichts.«

Sie konnte den Blick nicht abwenden.

»Wir sollten jetzt gehen«, sagte er. »Es wird langsam kühl.«

Sie sagte nichts.

»Rita«, sagte Endles. Sie stand weiter wie erstarrt, dann nickte sie stumm.

Er legte den Arm um ihre Schultern und zog sie sanft mit sich. Wortlos gingen sie weiter, am Rand der Wiesen entlang, bis sie in den Wald eintauchten.

Quintero

»Bravo! Bravo!«

Den Zeremonienmeister hatte die Begeisterung eines zum irdischen Leben erwachenden Mönches gepackt. Die Tänzerinnen in ihren buntwirbelnden Flamenco-Kleidern bewegten sich immer schneller zum Klang der Gitarren.

»Venga! Adelante, chicas!«

Als Adam Quintero – angetan mit seiner Arbeitskleidung: spitzer Hut, schwarze Bundhose, schwarzes Sacktuch, Seidenschärpe im tiefsten Kardinalsrot, taubenblauer Wams – in die Sonne des Gartens trat, flimmerten die Strahlen in seinen müden Augen. Er hatte die ganze Nacht kurze, wirre Träume gehabt. Quintero strich sich über den spitzen Bart und sah amüsiert hinüber zur Gruppe der tanzenden Frauen, die für das Fest des abschiednehmenden Alkaden von Aranjuez probten.

Quintero ging langsam hinaus aus dem inneren Bereich seines Gartens, der direkt an den Klostergarten des Santiago-Ordens anschloß. Plötzlich mußte er lachen. Der kleine Hund Cuyo, äußerlich eine Mischung aus Fledermaus und Dogge, kollerte auf seinen dicken Beinchen durch das Gebüsch und kläffte ihn großspurig an. Der Hund sah aus wie von einer anderen Welt. So als hätten die maurischen Gefangenen in den Katakomben der nun gerade wieder befreiten Burg Alhambra ihn sich in Alpträumen ausgedacht.

»Cuyo, arriba!« rief Quintero. Und das tolpatschige Wesen folgte ihm.

Adam Quintero ließ den Garten hinter sich. Vor ihm lagen die sonnenverbrannten Wiesen und Felder der Mancha; in der Ferne, jenseits des glitzernden Bandes des Tajo, leuchteten die Berggipfel der Sierra de Toledo. Quintero hatte die Ortsgrenze von Aranjuez erreicht. Er hatte in der Nacht zwar geträumt, Aranjuez sei Sommersitz der Könige geworden, aber in Wirklichkeit war der Ort eine kleine, wunderschöne, von der Zeit vergessene Oase in den Niederungen des Tajo. Ein kleiner Ort, dem nur das bedeutende Santiagokloster Ruhm und Ansehen verlieh.

Arañas, Aranjuez, dachte Quintero, die Stadt und die Spinnen. Es war kein Zufall, war mehr als ein Sprachspiel, daß er hier in diesem Ort mit seinen kleinen, krabbelnden Helfern experimentierte. Die Stadt der Spinnen, ja, das war Aranjuez.

Quintero ging unwillkürlich schneller. Die Spinnen warteten. und der Katholische wartete, daß sein Maestro de Información ihm endlich Ergebnisse brachte. Die Geduld der hohen Herren ist kurz, dachte Quintero, aber auch ihr Leben ist kurz. Selbst das eines Königs von Aragon. Und was er, Adam Quintero, ihnen allen nun bald zeigen würde, das würde manche derartig in Angst und Schrecken versetzen, daß auch noch der Rest ihres kurzen Lebens in Gefahr geriet. Man wird sie zur Ader lassen müssen, dachte Quintero und lachte stumm. Die Stunde der Quacksalber kam.

Aber vielleicht würde damit auch die Stunde der Panik kommen, der Willkür, der Umwälzung aller Verhältnisse – denn würden die Ängstlichen des Gebets und des Glaubens die neuen Wahrheiten vertragen?

Er war angekommen. Paquita, die Besorgerin seines Labors, empfing ihn sofort mit Geschrei. »Magister, kommt schnell, es ist etwas passiert! In den Käfigen rührt sich etwas! Es ist wie ein Überquellen … Gott steh uns bei!«

Quintero rannte hinter der üppigen Frau her. Der spitze Hut flog ihm vom Kopf, er kümmerte sich aber nicht darum.

Der Arañador in Diensten der Könige von Aragon und Kastilien sah sofort, daß etwas Entscheidendes passierte. Unter dem Glas der Käfige, die in seinem Labor zu Hunderten standen, rumorte es. Endlich!, dachte Quintero, die Zeit des Wartens ist vorbei. Er trat an den größten Glaskäfig heran, der in der Mitte des Labors stand, seine Hauptexperimentierquelle. Und da sah er es.

Seine Spinnen hatten ihr Netz ausgelegt, es bedeckte das Dachglas des ausladenden Käfigs. Es war ein feingesponnenes Netz mit einer Regelmäßigkeit, wie er es noch nie gesehen hatte, obwohl er seit Jahren mit den Tierchen forschte. Das Netz schimmerte im erbarmungslos weißen Licht der Sonne, das jetzt am Vormittag schräg von oben in den Raum fiel.

Quintero legte den Kopf schief. Er ging in die Knie. Und in Augenhöhe sah er endlich, worauf er seit zwei Jahren hingearbeitet hatte. Ja, das war es! Darauf hatte er gewartet! Dieses Spinnennetz sprach eine Art Sprache! Es war die Sprache, die er erhofft hatte. Eine Sprache, die zwar keine Worte besaß, aber dennoch eine Art Grammatik; sie drückte sich in der Struktur der Netze vollkommen aus.

Quintero schaute sich die feinen Spinnennetze von allen Seiten an. Sein Eindruck blieb. Es war kein zufällig zustandegekommenes Gewebe, es war ein bewußter Aufriß, ein Netz, das die Intelligenz seiner kleinen Bestien vollendet ausdrückte, die Sprache der alten Symbole. Mit diesem Resultat konnte er dem Katholischen endlich beweisen, was er schon lange angekündigt hatte – daß die Spinnen nützliche Arbeit zu leisten in der Lage waren.

Adam Quintero, der Arañador des Königs, lächelte still triumphierend in sich hinein.

»Und?« sagte in diesem Moment Paquita ehrfürchtig leise. »Ist es das, wonach Sie die letzten beiden Jahre so emsig geforscht haben, Señor?«

»Es scheint so. Es sieht tatsächlich ganz so aus, als wäre ich am Ziel, Paquita! Du kannst den Montilla kredenzen«, sagte Quintero. Und nach einer verzückten Pause fügte er hinzu: »Wir werden feiern, daß die jungen Huren im Dorf blaß werden!«

Eva

Eva Quintero stand am Sprossenfenster zum Garten und wartete auf Adam.

Als sie sich umwandte, war das Mädchen eingetreten. Sie stand nur da und sah die Herrin an. Ihre Backen waren rot vom schnellen Laufen, ihr Busen hob und senkte sich unter ihrem sonnengelben Kleid, das Haar fiel ihr in Strähnen ins Gesicht.

»Die Tortilla. Um eins. Nach meinem Rezept.«

Das Mädchen schaute sie an und nickte wortlos. Dann knickste sie und ging. Eva Quintero war wieder allein mit ihren Gedanken.

Ihr Blick ruhte schon den ganzen Vormittag auf einem leuchtenden Gemälde: dem »Fastentuch von Cuenca«. Ölfarben auf Leinen. Es war am Vorabend fertig geworden, Diego Lopez de Losa hatte wundervolle Arbeit geleistet. Jetzt lag das Tuch hier, vier mal sechs Meter, bestimmt für die Rituale zur österlichen Fastenzeit, die nun heranbrach. Eva Quintero versenkte sich in die Bilder.

Es waren die Einzelheiten, die sie berührten. Sie wußte nicht einmal, ob sie ihre Frömmigkeit ansprechen oder ihren Kunstverstand. Sie wollte einmal mit Adam darüber sprechen.

Das erste Detail war der Sündenfall. Eva Quintero lächelte versonnen – auf dem Bild waren die Urahnen der Christenheit zu sehen, ihrer aller Namensgeber, Adam und Eva, das erste Paar. Bei diesem Gedanken durchfuhr sie ein Kribbeln im Bauch. Sie dachte an ihren Mann. Adam und Eva im Paradies, in der Mitte der Apfelbaum, um den sich schon die züngelnde Verräterin wand, die Schlange, mit kriecherischer Freundlichkeit im Gesicht. Eva Quintero war davon angerührt, wie das paradiesische Pärchen in Nacktheit und Arglosigkeit dastand der Künstler, dieser Schelm, hatte dort, wo er die Schamgegend der Menschen hätte zeigen müssen, eine malerische Leerstelle hingesetzt. So sah das Bild aus, wie ein … Graffiti aus ferner Zeit. Eva erschrak. Wie ein Graffiti? Was war das für ein Wort? Woher, dachte sie, kommt mir dieses Wort? Graffiti? Was hat dieses Wort zu bedeuten? Nie im Leben hatte sie es gehört. Schon am Morgen, gleich nach dem Aufwachen aus wirren Träumen, hatte sie ein fremdes Wort im Kopf gehabt, das keine Bedeutung erkennen ließ. Eva erschrak erneut. Was war in sie gefahren? Was spielte sich an diesem Morgen in ihrem Kopf ab? Sie hatte das Gefühl, gerade fremden Boden zu betreten.

Sie riß sich aus ihren Gedanken los. Das zweite Detail auf dem Fastentuch war die Vertreibung aus dem Paradies. Eva Quintero schaute. Dann hörte sie ein Geräusch und wandte sich um. Im Hintergrund des Zimmers, dort wo die Sonnenstrahlen die andalusischen Kacheln aus Carzola aufleuchten ließen, miaute kläglich die Katze; sie hatte draußen einen Vogel entdeckt, der höhnisch auf dem Baum saß und mit den Flügeln klapperte, als wollte er die erdenschwere Katze demütigen. Evas Blick wanderte wieder zurück zum Bild. Traurig, wie traurig. Zwei nackte Menschen, wie schutzlos mit ihren armseligen, weißen Leibern, so gänzlich unerfahren noch in der Welt, wurden von einem Engel im roten Gewand vertrieben. Der himmlische Bote schwang die Gerte mit ausdruckslosem Gesicht, er verrichtete seinen Auftrag ohne Gefühl. Und die Menschen hatten es auszubaden.

Wieder erschrak Eva Quintero. Schnell bekreuzigte sie sich.

Was war bloß mir ihr los an diesem Morgen? Was für kühne, beinahe ketzerische Gedanken, dachte sie, um Gottes Willen? Sie strich sich mit der schmalen Hand die widerspenstigen braunen Locken aus dem blassen Gesicht, dessen weiße, reine Haut in der Frische ihrer 22 Jahre schimmerte. Dabei spürte sie, daß die Stirn naß war. Sie zog ein weißes Spitzentuch aus maurischer Seide aus dem Ausschnitt und betupfte sich das Gesicht. So heiß in Aranjuez, schon jetzt, Mitte März, wie soll das erst im Sommer werden? Und was werden die niederen Adelsfamilien der Hidalgos sagen, die gerade im Begriff sind, hierher zu ziehen, weil Aranjuez das beste, wohltätigste Klima in ganz Kastilien besitzen soll.

Jedenfalls, dachte sie, ist die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies ein Skandal. Und daran, wie Lopez de Losa das ausdrückte, erkannte sie ganz spontan, daß er ein Verbündeter im Geiste war. Er war ein Maler, dem das Herz zerbrach beim Anblick der menschlichen Schutzlosigkeit vor den nicht immer lieben Gewalten der Schöpfung.

»Ja?« sagte Eva fragend. Aus dem Nebenzimmer rief das Mädchen nach seiner Herrin. Sie wollte die Zeit des Auftragens der Tortilla wissen. Das Mädchen war auf eine beinahe ärgerliche Weise schüchtern, in allem abhängig von den Befehlen Eva Quinteros. »A la una, en punto!« sagte Eva. »Und vergiß nicht die frische Minze!«

Das dritte Detail. Eva blickte neugierig auf den nackten Leib Jesu. Sie geißelten ihn bei der Vernehmung, die Geschichte nahm unbarmherzig ihren Lauf. Christus war an einen Pfahl gebunden, sie peitschten und quälten ihn, sein weißer Leib war übersät von Striemen, sein … Die junge Frau seufzte und schlug für einen Moment die Augen nieder. Dann blickte sie wieder auf. Nein, Christus war noch immer als Mann gemalt. Ein nackter, weißer Mann unter der Folter der jüdischen Häscher. Würde der Maler damit nicht erheblichen Ärger bekommen? Sie kannte doch die Standpunkte der allmächtigen Inquisition, die gerade in diesem Jahrzehnt so viel Einfluß gewonnen hatte. Jede Regung ketzerischer Abweichung, schon einer unbotmäßigen Meinung in Bild oder Schrift wurde mit Feuer und Streckbank bekämpft und man mußte aufpassen, schon die geheimen Gedanken im Kopf konnten von den Würdenträgern der Folterkammer gelesen werden. Die Folgen waren fürchterlich. Erst gestern hatte sie gehört, daß Juan, der zärtliche Freund der Familie, im Inquisitionsgefängnis des Palastes von Burgos bestialisch … bestialisch …

Der Verstand untersagte ihr, weiterzudenken. Eva Quintero zitterte bei dem Gedanken an das, was in den Kellern des Kardinalpalastes geschehen war. Und das geschah dort, seitdem Ferdinand und Isabella auf dem Thron saßen, Tag für Tag!

Die vierte Einzelheit, die ihr ins Auge fiel, erzählte die traurige Geschichte schon fast zu Ende. Christus trug sein schweres Kreuz durch das Spalier höhnischer Gaffer. Nur ein Zwerg half ihm mit unvollkommenen Kräften, und am linken Bildrand verharrten zwei fromme Frauen, erstarrt im Anblick des jammervollen Geschehens. Aber helfen konnten sie nicht. Auf diesem Detail war das irdische Jammertal tatsächlich bereits vollendet. Der göttliche Plan triumphierte, und der Kreuzweg Christi nahm seinen Lauf. Das bemitleidenswerte Opfer trug die Dornenkrone. Und wie widerlich stand den Schergen das Grinsen der Sieger im feisten Gesicht!

Eva Quintero erschauerte. Droben im Palast von Burgos hatte sie diesen Schmerz ebenfalls einmal gespürt. Dort, in den düsteren Mauern des Königspalastes, fand sie das Erschrecken über die gefährdete Existenz des Menschen geradezu eingemauert in jeden Zentimeter Stein. Welche Pracht und welche Vergeblichkeit! Sie hatte das gespürt. Sie wußte, sie war nur eine Frau. Doch sie hatte das gespürt. Dieses Erschaudern über die jämmerliche Rolle, die die Schöpfung den Menschen zugedacht hat, am Rand des Kreuzweges zu stehen und entweder zu grinsen oder zu weinen. Und dem Herrscher der Heerscharen danach Applaus zu spenden für seine Offenbarungen. Ist dies alles, was im irdischen Dasein zu erwarten ist? Glauben und Gehorchen? Und die Rolle der Frau ist es, eingesperrt zu Hause, mit sehnsüchtigen Blicken nach draußen, zu verharren und zu warten? Einsam und allein, und nur das Mädchen fragt hin und wieder von nebenan nach den Servierzeiten?

Eva schlägt die Hand vor den Mund, als hätte sie laut geredet. Um Gottes Willen! Niemand durfte jemals hören, was sie dachte! Sonst …

Erschrecken

Die Tür ging auf. Im Rahmen stand Diego Lopez de Losa. Er war so kreideweiß, wie es eine seiner unschuldigen Leinwände vor der Bemalung niemals hätte sein können. Er ächzte: »Es ist aus. Sie haben es erfahren. Alles verloren …«

Eva Quintero spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog, aber sie faßte sich. »Aber lieber Meister, was sagen Sie denn! So beruhigen Sie sich doch! Kommen Sie erst einmal herein und setzen Sie sich!«

Der Maler torkelte mehr als er ging. Er ließ sich auf einen der Sessel mit der Bespannung aus indigogefärbtem marokkanischem Hanf fallen. »Sie haben mich geladen! Ich mußte vor die peinliche Befragung! Sie werden mein Fastentuch in Stücke reißen und mich gleich mit!«

Er beginnt haltlos zu schluchzen, und Eva, obwohl sie Mitleid hatte, mußte doch für einen Moment denken, welche Jammerlappen Künstler sein konnten.

Sie hatte ihm die Hand fürsorglich auf die Schulter gelegt. Er nahm diese Hand in die seinen und küßte sie inbrünstig. »Eva! Nur Ihr könnt mich trösten! Wenn ich bei Euch keinen Trost finde, dann ist alles zu Ende!«

Ratlos schaute Eva Quintero auf ihn herab. Sie war verwirrt. Sich widersprechende Gedanken jagten durch ihren Kopf. Sie wollte sich losmachen, doch sie blieb stehen wo sie war. »Meister«, sagte sie dann leise, »wenn Ihr wollt, dann erzählt doch bitte von Anfang an.«

»Ich war vor die Inquisition geladen«, wiederholte Don Diego, »sie wollten von mir hören, was unselige Gerüchte in der Stadt schon ausgeplappert hatten – daß ich Unzucht male.«

Eva erschrak. »Unzucht?«

»Man hat dem Großinquisitor, diesem … Teufel, zugetragen, daß ich eine Auffassung vom Leidensweg Christi habe, die der Meinung der katholischen Kirche und vor allem deren Geheimpolizei widerspricht. Ich weiß nicht, wer die Gerüchteträger waren und warum man mich verleumdete – denn seht, Ihr habt doch auch das Fastentuch betrachtet. Habt Ihr Unzucht gesehen?«

Eva schüttelte nur stumm den Kopf. Aber heimlich dachte sie: Ich habe allerdings ein Prickeln verspürt, eine sonderbare Erregung beim Anblick von Gottes Sohn. Ist es das, was die Inquisition meint? Dieses Gefühl körperlicher Erregung, das nicht sein darf, wenn es um Dinge der Religion geht?

Diego redete weiter. Er war nun wieder gefaßter, aber Eva merkte ihm dennoch die Angst an. Er hielt noch immer fest ihre Hand.

»Sie brachten mich nach Burgos vor sein Angesicht. Um ihn herum saßen die Kuttenträger mit ihren verlogenen Gesichtern, die dort immer sitzen, wenn es einen Unschuldigen in den Kerker zu werfen gilt. Oh, diese Heuchler! Sie behaupten, den rechten Pfad zu vertreten, aber sie denken eigentlich nur an das eine: durch Terror und Schrecken ihre Macht aufrechtzuerhalten. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Die Folter, der Tod. Dann machen sie sich wie andalusische Aasgeier über das Eigentum der erbarmungswürdig Verurteilten her und teilen es unter sich auf. Sie verlangen schon vorher, daß der Angeklagte für alle Kosten aufkommt, selbst für die seiner Haft und seines Verhörs! Sie …«

»Aber Don Diego! Wovon redet Ihr? Sie haben Euch doch nichts getan. Oder seid Ihr etwa schon verurteilt worden?«

»Sie haben mich vorverurteilt, das genügt doch! Sie haben den Grundsatz, wonach der Beschuldigte auf eine Denunziation hin bestraft werden kann. Es liegt allein beim Beschuldigten, seine Unschuld zu beweisen, verstehen Sie, Doña Eva? Aber wie kann ich meine Unschuld beweisen, wenn ich überhaupt nichts getan habe? … Glauben Sie mir, wer einmal in ihre Fänge geraten ist, für den gibt es kein Entrinnen mehr. Sie lassen nicht locker. In ihren Händen konzentrieren sie eine Macht, die bisher noch nie dagewesen war! Selbst die heiligen Apostel Peter und Paul könnten sich einer Beschuldigung der Häresie nicht erwehren, würden sie einer Ermittlung in der Art und Weise unterzogen, wie sie die heutigen Inquisitoren handhaben!«

»Beruhigt Euch, ich bitte Euch! Ihr seid ja frei – man hat Euch nicht in den Kerker geworfen.«

»Nein, nein. Noch nicht. Und bewahre Gott, daß es jemals dazu kommt. Denn sie wollen nur eins, nämlich das Geständnis des Beschuldigten, und dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Es ist die nackte Willkür! Sie halten sich für die erste und letzte Instanz zur Untersuchung von sogenanntem Frevel. Ihre Beschlüsse sind endgültig und unterliegen keiner Revision! Wer seine Schuld nicht eingesteht, der wird aus der Kirche und jeder anderen Gemeinschaft ausgeschlossen und der weltlichen Macht übergeben. Und das heißt immer: Tod durch den Scheiterhaufen. Selbst wer seine Schuld eingesteht und bereut, muß sich den Entscheidungen des Inquisitionstribunals fügen – und das bedeutet doch nur Folter, Enteignung, Tod. Noch bin ich frei, ja. Aber ich kann die böse Absicht in ihren feisten, leeren Gesichtern sehen. Sie wollen sich für irgend etwas rächen, das ihnen angetan worden ist. Was ist das? Sie wollen auslöschen! Sie wollen jede andere Meinung ersticken! Und wenn ich auch nur den geringsten Verdacht erwecke, Unbotmäßiges zu tun, dann werden sie mich fassen und … OH, MEIN GOTT!«

Eva mußte ihn wieder beruhigen. Sie tat es mit sanfter Stimme und leisen Tönen, als wiegte sie ein Baby in den Schlaf. »Erzählt doch bitte weiter. Was sagte man Euch?«

Don Diego faßte sich beim Klang ihrer Stimme »Sie schickten einen Boten. Einen dieser Würdenträger mit weichem Kinn und unbarmherzigem Blick, einen, dem man nicht widerspricht. Und was er sagte, klang schon wie ein Todesurteil. Dann saß ich auf dem Podest, zusammen mit anderen – Verbrechern, die schon die spitzen Mützen der Häretiker trugen. Sie starrten mich an, sie sprachen mit mir wie mit einem zum Tode Verurteilten. Die selbstgefälligen Kuttenträger blätterten in ihren Schriften und beschuldigten mich, ein Ketzer zu sein. Sie fragten, ob ich mir als Jude bewußt sei, von Anbeginn an den falschen Glauben zu besitzen. Sie meinen ja, wir seien am Tod des Herrn schuldig. Sie behaupteten, meine Gedanken erforscht zu haben und in meinen Gewohnheiten gegenüber öffentlichen Maßnahmen die Beweise für ein Andersdenken erkannt zu haben, das es an der Wurzel auszumerzen gelte, bevor es die Gemeinschaft bedrohe. Welch ein Gesinnungsterror!«

Eva Quintero erschauerte. »Woher nehmen sie ihre Gewißheiten?« fragte sie leise.

»Sie behaupten, ihr unbeschränktes Recht sei direkt von Gott abgeleitet, denn Gott selbst sei der erste Inquisitor gewesen, als er … Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb.«

Bei diesen Worten erbleichte Eva Quintero, als wären sie und ihr Mann damit gemeint gewesen. Sie ging ein paar Schritte hin und her. Dann sagte sie: »Mein Gott, ich muß Adam warnen. Wenn die Inquisitionstribunale seit dem letzten Jahr schon so weit vorangeschritten sind, wenn sie inzwischen eine solche Macht besitzen, dann ist auch er in Gefahr!«

»Aber er steht doch mit seinen Experimenten ausdrücklich unter dem Schutz des Königs.«

»Ja, bisher. Aber wißt Ihr denn, welchen Einfluß die Inquisitoren bei Hof gewinnen? Schon morgen kann alles falsch sein, was heute richtig ist. Ich muß Adam warnen. – Begleitet Ihr mich zu ihm, Meister? Ich bitte Euch!«

Diego überlegte nur kurz. Dann sagte er seufzend: »Nun, es ist sogar besser, seine Gefahren mit anderen zu teilen. Vielleicht können wir uns gegenseitig beistehen. Gehen wir also!«

Der Beweis

Als Eva Quintero, begleitet von Diego Lopez de Losa, die von Pinien dicht umstandene ehemalige Finca betrat, die in einer Talsenke weit hinter dem Ortsrand von Aranjuez gelegen war, stand ihr Gatte regungslos mitten im Raum und starrte vor sich hin.

»Im Reich der Spinnen«, sagte Don Diego statt einer Begrüßung, »ein durchaus seltsames Gefühl, muß ich gestehen.«

Eva Quintero lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie war schon mehrere Male hier im Labor ihres Mannes gewesen, aber sie konnte sich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen, daß man hier von Tausenden von schwarzen Krabbeltieren umgeben war.

»Sie sind Brückenbauer«, sagte Adam Quintero und sah die beiden Eingetretenen an, ohne sie wirklich zu sehen. »Was sie tun, muß jeden Erbauer der maurischen Brücken über den Tajo vor Neid erblassen lassen.«

Seine Gattin trat auf ihn zu und legte ihm die Hand an die Wange. »Diego Lopez ist mitgekommen, Adam. Wir müssen etwas besprechen.«

»Ja, ich weiß und ich grüße Euch, Don Diego. Aber das muß Zeit haben, Eva. Ich bin noch so beeindruckt! Ich … habe endlich den Durchbruch erlebt. Ich bin verwirrt von dem, was ich die letzten Stunden gesehen habe …«

»Was ist passiert, Adam?«

Adam Quintero ließ sich auf einen der dreibeinigen Stühle fallen. Er war so in Gedanken, daß ihm nicht in den Sinn kam, seinen Besuchern einen Platz anzubieten. Im Moment gab es für den Arañador des Königs nur einen Gedanken: seine Spinnen.

Während er sprach, gestikulierte er ausladend, eine Eigenart, die seine Frau immer aufs Neue rührte, ohne daß sie sagen konnte, warum. Er wirkte so bubenhaft!

»Ich habe eine Zeichnung angefertigt. Ihr müßt sie euch etwa so vorstellen wie ein Raster von Meridianen, die unser Geometer über die Landkarten von der Erdscheibe legen, um sie zu vermessen. Mein Entwurf war ganz bewußt im Einklang mit den bisherigen Ergebnissen der Vermessungskunde – ein zylindrischer Entwurf, völlig längentreu, wie wir sagen, zwei Parallelkreise und alle Meridiane. Dieses Netz von Linien, die sich rechtwinklig kreuzen, diesen Schnittzylinder-Entwurf also, habe ich auf feines Pergament gezeichnet, auf die Glaskäfige gelegt und sie durch das hereinfallende Sonnenlicht bescheinen lassen …«

»Ich … verstehe nicht viel davon, Adam«, sagte Eva Quintero einfach.

»Du verstehst genug davon, Eva, das weiß ich. Wir haben oft über die Erdkartenentwürfe gesprochen, die aussehen wie Spinnennetze – erinnerst du dich nicht?«

»Ja, aber wir sprachen im Scherz darüber, Lieber. Wir machten uns darüber lustig.«

»Du machtest dich hin und wieder darüber lustig, querida esposa. Ich nicht.«

»Ja, du hast recht, Adam, verzeih mir …

»Höre, was weiter passierte. Denn heute, nach zwei Jahren täglicher Versuche, ist das Ergebnis da. Meine Spinnen haben diese Zeichnung gelesen! Ja, ihr habt richtig gehört! Sie haben sie Teil für Teil, Abschnitt für Abschnitt gelesen. Anders ist das gar nicht zu erklären. Denn sie haben sie nachgewoben. Faden für Faden. Völlig übereinstimmend. Ohne die geringste Abweichung. Stellt euch vor: Gespinste aus Seide, die in der Lage sind, die Oberfläche unserer Erdscheibe wie eine Mullbinde zu bedecken, und an den Rändern der Wunde, die Erde heißt, hört auch das Netz auf. Es schließt genau dort ab, wo es – wo die Mullbinde – nicht mehr gebraucht wird. Was sagt ihr dazu? …«

Sowohl Eva Quintero als auch Don Diego waren sprachlos.

»Ja, dann …«, sagte der Maler. Mehr fiel ihm nicht ein.

»Aber versteht doch! Eva! Diego Lopez! Die Tierchen sind intelligent! Sie können gewissermaßen eine Vorlage studieren!«

»Aber Adam! Bitte! Wir haben doch schon darüber …«

Quintero beruhigte sich, wenn auch sein schmales, energisches Gesicht weiterhin gerötet blieb. Er hob abwiegelnd die Hand. »Ja, schon gut, ich weiß. Wir haben oft genug darüber gestritten.« Seine Stimme wurde beschwörend. »Aber jetzt stelle ich keine Behauptungen mehr auf, jetzt liefere ich dem König Beweise!«

»Don Quintero«, sagte der Maler zögernd. »Was Ihr da sagt, bringt uns ohne Umschweife zu einem Punkt, den wir mit Euch erörtern wollten.«

»Ach ja?« sagte Quintero erstaunt.

»Adam, du weißt, was er meint«, sagte Eva beschwörend.

»Don Quintero, ich erhielt vor zwei Tagen eine Vorladung vor die Hermandad de la Santa Inquisición. Ich mußte mich auf dem Tribunal rechtfertigen wegen der Fastentücher.«

Adam Quintero schien wieder in die Wirklichkeit zurückzukommen. Er trat auf den Maler zu und sagte: »Mein Gott … nein!« Dann umarmte er den Freund heftig.

Als sie sich wieder voneinander lösten, sagte der Maler: »Ich verstehe nicht viel von Eurer Arbeit, lieber Freund. Aber Eure Gattin bemerkte, und mir schien, nicht zu Unrecht, daß auch Ihr in Gefahr geraten könntet.«

»Natürlich«, warf Eva schnell ein. »Die Experimente mit den schwarzen Spinnen sind der kastilischen Kirche schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Vor allem seit der jetzige Großinquisitor die Supréma übernahm. Hätte nicht seitdem der König von Aragon seine Hand darübergehalten …«

»Spinnen gelten den Priestern als Feinde Gottes, ich weiß. Sie kennen nichts weiter als die alten Schriftrollen der Klosterschulen von Salamanca und Santiago de Compostela«, sagte Adam Quintero abfällig. »Die Mythen sagen, als die Geister, die sich einst gegen Gott empört hatten, von diesem aus dem Himmel vertrieben wurden, blieb einer in der Luft hängen und wurde zur Spinne. Der Mensch soll sie töten, wo immer er sie trifft. Denn es kommt einer Sünde gleich, die Feinde des Herrn am Leben zu lassen. – Mythen! Gewäsch!«

»Was sind das eigentlich für Spinnen, mit denen Ihr da experimentiert, Don Quintero?« fragte Don Diego eher höflichkeitshalber.

»Kreuzspinnen. Und seht Ihr, deshalb hatte ich bisher von der Kirche nichts zu befürchten, denn die Kreuzspinne steht gewissermaßen selbst bei der Kurie in einer Art von Ansehen.«

»Wie das?« fragte der Maler verwundert.

»Das weiß Eva«, sagte Quintero.

Und als der Maler sie ansah, erzählte die Frau des Arañadors: »In manchen Gegenden Spaniens nennt man sie Muttergottestierchen. Denn wie die Spinne zu ihrem Kreuz kam, hat mit der Passionsgeschichte zu tun. – Als Jesus auf dem Kalvarienberg mit dem Tode rang, sah eine Spinne die offenen Wunden an seinen Gliedern mit Fliegen bedeckt, erbarmte sich gewissermaßen seiner Qualen und ging daran, ein Netz um seine schmerzenden Füße zu ziehen. Nach dieser guten Tat zog sich die mitleidige Spinne an das Ende eines Fadens zurück. Aber wie sie sich entfernte, zeichnete sich plötzlich der Schatten des Kreuzes auf ihrem Körper ab, so weiß wie eine Lilie, und insbesondere die kastilische Kreuzspinne hat ein solches immer behalten.«

»Na also«, brummte der Maler und kratzte sich das unrasierte Kinn. »Dann ist ja alles in bester Ordnung, und der Finger der Inquisition wird nicht bis hierhin reichen.«

»Hoffentlich«, sagte Eva mit zitternder Stimme.

Adam Quintero war nachdenklich geworden. »Ich weiß nicht. Vielleicht ist Eure Sorge gar nicht einmal unbegründet, lieber Freund. Aber Ihr müßt eines immer bedenken: ich forsche im Namen und unter dem Siegel des Königs! Und wenn ich Ergebnisse habe, die ihn interessieren, dann kann mir kein Kirchentribunal Böses.«

»Euer Wort in des Großinquisitors Ohr, Don Quintero! Aber Ihr solltet das Schicksal nicht über Gebühr herausfordern, würde ich meinen. Ich rate Euch, sichert Euch ab. Erkundet einmal, wie man bei Hofe wirklich über Eure Forschungen denkt. Manchmal schlägt die Stimmung im Königshaus über Nacht um wie nach einem Gewitter. Manchmal reinigt es, manchmal steigen auch sumpfige Fieber empor und vergiften die Herzen und Hirne der Menschen um die Könige herum. Ferdinand und Isabella mögen Euch heute noch gewogen sein, morgen können sie – aus Staatsräson – schon glauben, genau Ihr seid der ausgemachte Feind des Hauses von Kastilien und Aragon!«

»Ja, da mögt Ihr Recht haben, Don Diego«, sagte Adam kleinlaut. Er sah seine Gattin an, in deren Augen nichts als liebevolle Besorgnis stand.

»Ich möchte Euch gerne helfen – wie Ihr mir vielleicht in der Stunde der Not helfen könntet. Ich möchte verstehen, ob Ihr in Gefahr seid oder nicht. Erzählt doch mehr über Eure Experimente mit den Spinnen.«

»Ja, aber wo soll ich anfangen?« Quintero blickte hilfesuchend auf seine Gattin. Eva wurde trotz ihrer Angst für einen Moment von Heiterkeit ergriffen. Sie lächelte. »Fang vorn an, Adam.«

»Also – wie spinnen die Spinnen, die bei Euch in Sold und Lehen stehen, Don Quintero?« Der Maler lächelte jetzt ebenfalls.

Adam Quintero wurde wieder vom Fieber des Forschers gepackt. »Kommt mit. Ich zeige es Euch. Wir gehen ins Kabinett.«

Auf dem Weg dorthin dachte jeder der drei Menschen an etwas anderes. Eva Quintero dachte an den ans Kreuz genagelten Menschensohn. Ihr Gatte dachte an die von Gott gegebenen Spinnapparate seiner cribellaten Spinnen. Und Don Diego dachte an die Folter.

In dem dickwandigen Nebengebäude war es kühl wie in einem aragonischen Verließ. Das kam auch daher, daß Adam Quintero seit seiner Entdeckung die Fenster schwarz verhängt hatte, um seinen Versuchstierchen mit künstlicher Dunkelheit einen zusätzlichen Tag des Schlafes zu schenken. Nachdem sie eingetreten waren, öffnete er die Vorhänge.

Mit ausladender Geste deutete Quintero um sich.

»Mein Reich. Wir befinden uns am ehemaligen Stapelplatz von Tabak, Seide und Gewürzen aus dem Morgenland – als dieses Gelände noch einem Herren gehörte, der Welthandel betrieb. Und hier meine Vasallen. Zweitausend kastilische Kreuzspinnen, Araneus diadematus; ich könnte sie beinahe einzeln mit Namen nennen.«

Fasziniert, wenn auch leicht angeekelt sahen Eva und Don Diego um sich. Ein Raum, beinahe so groß wie die Plaza Mayor von Compostela, vollgestellt mit Tischen aus Eichenholz, auf denen Glasbehälter standen, und darin nichts als – Kreuzspinnen.

»Nun ja«, ließ Don Diego mit belegter Stimme vernehmen. »Beachtlich!«

Adam Quintero bemerkte nichts von den zwiespältigen Gefühlen seiner Besucher. Für ihn war alles hier herrlich. Er rieb sich die Hände. »Also, wie spinnen die Spinnen?« nahm er die von Diego Lopez gestellte Frage wieder auf.

Sie traten an einen Glasbehälter und beugten sich darüber. Auf dem Grund ein Gewimmel von Kreuzspinnen.

»Seht ihr?« sagte Adam Quintero und strich das dunkle, halblange Haar zurück. »Kleine Geschöpfe Gottes, dazu bestimmt, ihr ganzes Leben lang Seide zu spinnen. Ist das nicht großartig? Sie haben … kleine Drüsen in ihrem Hinterkörper, die die Spinnseide als Flüssigkeit in das Innere des Drüsenkörpers abgeben; dann, beim Austritt aus den Spinnspulen, erstarrt die Spinnseide zu einem festen Faden. Kreuzspinnen erzeugen sechs verschiedene Fadensorten, von Wegfäden bis hin zu Beutefesselfäden – aber das langweilt euch sicher nur?«

Eva schwieg. Diego Lopez sagte: »Nun ja – nein. Nein, erzählt nur weiter, Don Quintero.«

Das ließ sich der Arañador nicht zweimal sagen. Er beugte sich wieder über sein Experimentierfeld. »Seht hier, am Hinterkörper der Tierchen, das nennt man Cribellum. Dort befinden sich bis zu 50 000 winzige Spinnspulen, aus denen ein extrem dünner Faden austritt. Cribellumfäden dienen als Fangfäden, sie sind unglaublich belastbar. Die Fäden sind fester als das Eisen aus den Hütten Asturiens und elastischer als das Gummi Arabicum aus dem Osmanischen Reich. Durch Spannseile wird ein Rahmen aufgespannt und in Form gehalten – seht, so wie hier –, von den Rahmenfäden ziehen Speichen ins Netzzentrum und treffen in der Nabe zusammen Das eigentliche Zentrum der Netzfläche besteht aus einer Fangspirale, einem mit Klebtröpfchen belegten und spiralig in die Speichen eingewebten Fangfaden. Mit diesen Cribellumfäden – und jedes ist nur 0,000015 Millimeter dünn – haben meine Tierchen ihr Netz ausgelegt.«

»Und diesen Schnittzylinder-Entwurf gemacht, von dem Ihr vorhin gesprochen habt, Meister?« fragte der Maler, nun sichtlich beeindruckt.

»Richtig«, entgegnete der Arañador begeistert. »Das Erstaunlichste ist gleichzeitig das Einfachste. Ihr kennt gewiß die Spinnennetze im Spätsommer, wenn der Herbst sich schon nähert und die Sonne dieses intensive Licht über die Hochflächen der Mancha wirft. Besonders auf den endlosen Wiesen und Weiden rund um das Mar de Castilla bei Buendia kann man das beobachten, denn das flache Land ist dort in gewisser Weise dem Himmel am nächsten. Die Campesinos nennen diese Jahreszeit auch scherzhaft Altweibersommer. Dann liegen die Spinnennetze über der ganzen Landschaft, bis zum Horizont. Und das kommt daher, daß die Jungspinnen zur Besiedelung neuer Lebensräume vor Einbruch des Winters auf erhöhte Punkte klettern, ihren Hinterkörper in die Höhe recken und so lange Wegfäden austreten lassen, bis der Wind sie fortträgt. Zwergspinnenmännchen machen sich dann am Faden fliegend auf Weibchensuche. So fliegen die Spinnen durch die Luft und legen ungeheure Entfernungen zurück. Und das Erstaunliche dabei ist, daß sie so lange kreuz und quer über das ganze Land getrieben werden, bis dieses von einem völlig symmetrischen Netz vermessen ist.«

»Man könnte also sagen, daß es der Trieb der Liebe und der Paarung ist, der die Vernetzung Kastiliens, ja der ganzen Erdscheibe bewirkt«, sagte Diego Lopez schlicht.

»Genau wie Ihr sagt, mein Freund«, meinte Quintero aufgeräumt. »Ist das nicht wunderbar?«

»Nun tatsächlich, welch schönes Bild. Und doch – soviel vergeudetes Wirken!«

»Nein! Wieso denn vergeudet?«

Eva sagte: »Don Diego meint gewiß, daß diese wunderbaren Spinnennetze vom Herbst davongetragen und im Winter vernichtet werden.«

Der Maler nickte. »Ganz genau, Doña Eva.«

»Aber nein, ihr Lieben«, sagte Quintero ganz aufgeregt. »Sie werden nicht von der Natur vernichtet. Die Araneus diadematus frißt vor dem Bau eines neuen Gewebes ihr altes selbst wieder auf. Sie verwendet also zur Herstellung neuer Spinnseide die alten Bausteine wieder. Und damit verwendet sie auch wieder den in ihrem Gedächtnis bewahrten Bauplan der Netze.«

»Aha«, machte Don Diego.

Und dann sagte Adam Quintero: »Es gibt aber noch einen anderen Punkt, der beweist, daß die Spinnen nicht nutzlos spinnen, wie Ihr, Don Diego, meintet. Bevor sie unwiederbringlich verschwinden, werden die Netze nämlich benutzt.«

»Benutzt?« echote der Maler verständnislos.

»Ja. Denn seht, mein Freund, ich habe herausgefunden – und ich werde übrigens dem König darüber in Bälde eine Handschrift vorlegen –, daß die Spinnennetze Jahr für Jahr ihre Netze nach einem ganz bestimmten Muster abändern. Dieses Muster zeigt Varianten, die mathematisch berechnet erscheinen – anders ist das gar nicht zu erklären. Und das bedeutet nur das eine, nämlich, daß es etwas gibt, das die Spinnen lenkt. Und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß dieses »Etwas« nicht ihr natürlicher Instinkt ist, sondern etwas Größeres, etwas Erhabenes. Ich nenne es: die Macht. Es ist eine übergeordnete Gewalt, ja, eine Art Gegenwelt. Und was immer dies auch sein mag – diese Gegenwelt beobachtet uns. Welche Resultate diese Gegenwelt – und ich bin nicht imstande, sie das Reich Gottes zu nennen – aus der Beobachtung zieht, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß wir wahrgenommen werden. Alles, was auf der Erde geschieht, wird zum Material für »die anderen« … Ich jedenfalls nenne es so: die anderen! Meine Spinnen legen Zeugnis davon ab …«

»Aber Don Quintero« rief der Maler entsetzt. »Eine solche Meinung bedeutet Euren sicheren Untergang! Damit liefert ihr Euch der Inquisition aus! Die Inquisition wird Euch in Stücke reißen!«

Stolz reckt der Arañador sein Haupt. »Sei es drum!« sagte er fest.

Eva schrie bei diesen Worten ihres Gatten auf und schlug die Hände vor das blasse Gesicht. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie versuchte nicht, sie zurückzuhalten.

»Der allmächtige Gott stehe uns allen bei!« flüsterte Don Diego.

Das Experiment beginnt

Obwohl der Raum von wandhohen Sprossenfenstern durchbrochen war, wirkte er düster. Das spärliche Licht des Oktobernachmittags fiel auf Maschinen, die es dumpf reflektierten. Nur der rot lackierte Stahl des Beschleunigers glänzte unternehmungslustig. Die Halle war erfüllt vom unterdrückten Röhren unzähliger Vakuumpumpen und vom Summen der Generatoren.

Ulert führte die Besucher selbst herein. Seine Mitarbeiter in der Computerzentrale am Kopfende der Halle warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu, machten aber weiter. Der Chef wirkte grau und kraftlos. Dreißig Computergebläse wimmerten, und dazwischen war die Stimme Ulerts zu hören: »Wir haben wochenlang gemessen, aber jetzt erwarten wir endlich Ergebnisse. Ich bin völlig sicher.«

Schnell warf der Forscher einen Blick auf seinen Monitor in der Meßkabine. In seinem Gesichtsausdruck ließ sich die gespannte Erwartung nicht übersehen. Steckte in den Zahlenkolonnen und Diagrammen die lange ersehnte wissenschaftliche Sensation? Oder würden die Papierkörbe der Hochleistungsrechner wieder nur Datenmüll zu fressen bekommen? Ulert betupfte mit einem Papiertaschentuch seine Stirn und sah in den Spiegel. Seine kurzen, grauen Haare standen ihm zu Berge; das taten sie immer, wenn sein Puls auf 180 war.

»Meine Herrschaften? Bitte fragen Sie!« sagte er müde.

Und wieder Fragen und Antworten. »Was haben Sie denn nun gefunden?« – »Ist Cern den Rätseln des Urknalls näher gekommen?« – »Wie wollen Sie die Energien bändigen, die Sie hier erzeugen, wenn Sie die Grundbausteine der Materie aufeinanderprallen lassen?« – »Glauben Sie an Gott?«

Ulert spürte, daß in den nächsten Stunden etwas geschehen würde. Etwas war heute anders als in den zwölf Wochen zuvor. Er blickte zu seinen Mitarbeitern hinüber und bemerkte, wie angespannt ihre Mienen waren. Weiß Gott, sie waren alle genauso involviert wie er. Aber wenn etwas schiefging … nein, er wagte nicht daran zu denken. Lieber wollte er weiter Fragen beantworten.

Dr. Kern wieselte zwischen den Nachweisapparaturen herum, seine Brille saß wie immer weit heruntergerutscht auf der Nasenspitze. Ulert dachte: die Geheimnisse des Kosmos, mein Gott, der Anfang der Zeit – was für hochtrabende Worte für das, was hier bald geschehen wird. Journalisten haben keine Ahnung. Wissenschaftliches Begreifen, davon war Ulert überzeugt, setzt Sprachlosigkeit voraus. Aber das würden Meinungsverkäufer nie verstehen.

Plötzlich richtete sich Dr. Kern im Hintergrund auf und starrte auf den Teilchenzertrümmerer. Ulert wurde unruhig. Er spürte die Veränderung des Kollegen, er kannte ihn seit zwanzig Jahren. Was sieht er?, dachte er nervös. Kern sah in diesem Moment zu ihm herüber, sein Blick drückte eine Art professioneller Sorge aus, die sich längst verselbständigt hatte. Er ging in die Knie und löste einen feinen Draht aus einem Kontakt: er betrachtete den Kontakt genauer – sah auf die Uhr und schraubte ihn wieder fest. Anschließend blieb er in der Hocke sitzen, sah wieder auf die Uhr und erhob sich langsam. Ulert bemerkte plötzlich, daß er unter seinem dünnen, weißen Laborkittel schwitzte. Er wußte, es ging los. Jetzt saßen ihm alle im Nacken, jetzt konnte er nur noch beten.

Der Portalkran unter der Decke der Halle 50 setzte sich in Bewegung. Seine 25 Tonnen Tragkraft schafften es mühelos, die meterdicken Betonklötze zu verrücken, die vor Strahlung schützten. Aber wenn wirklich Strahlung austritt, dachte Ulert, dann weiß niemand, nicht einmal der liebe Gott, was sie anrichtet. Ein solcher Ernstfall war noch niemals vorgekommen, und die theoretischen Erhebungen am Computer ergaben nur Annäherungswerte.

Der Speicherring war noch geöffnet. Ulert verließ die Gruppe der Journalisten und trat an seine Pforte zur Antiwelt. Die armdicke Edelstahlröhre von 78 Metern Länge war fast quadratisch geformt, darin würden die Elementarteilchen beinahe mit Lichtgeschwindigkeit herumgejagt werden. Ulert schaute zu Dr. Kern hinüber. Der schloß die Rennstrecke für den Antimateriestrahl, und die Turbomolekularturbinen begannen, Luft aus dem Innern des Rohrs zu saugen. Ihr schrilles Pfeifen tat weh. Ulert winkte den wartenden Journalisten zu und bedeutete ihnen, die Halle zu verlassen.

Man würde sich die Leere des Weltalls von der Computerzentrale aus ansehen – allerdings bot das Schauspiel für Laien kaum dramaturgische Höhepunkte. In einem poetischen Anfall dachte Ulert, daß sie nicht nur die Leere des Kosmos, sondern auch dessen absolute Einsamkeit und Stille herstellten, ein zwar noch nie dagewesenes, aber dennoch eher langweiliges Ereignis.

Ulert sah hinüber zu den Containern hinter dem Betonklotz, wo die Kollegen bereitstanden. Jeder wußte, was zu tun war, das hatten sie ermüdend lange geprobt. Dutzende von langen Nächten – mehrere Müllsäcke mit leeren Kaffeebechern aus Plastik zeugten davon. Oh nein, ihre Wissenschaft war äußerlich gesehen eine stupide Sache. Bis auf die Tatsache, daß der Papst vor einem Monat angereist gekommen war, um seiner Befürchtung Ausdruck zu verleihen, daß mit dem Antiwasserstoff, den sie in die Realität holten, auch die Dämonen aus dem Reich des Bösen kommen und von der Welt Besitz ergreifen könnten, passierte hier nicht viel.

Ulert schüttelte den Gedanken ab. Er kam sich selbst schon wie ein Science-fiction-Autor vor. Und wenn sein Blick auf die Regale mit den bunt blinkenden Instrumenten und die dichten Kabelbüschel entlang der Betonwände fiel, fühlte er sich beinahe schon wie an Bord der Enterprise aus dem Star-Trek-Abenteuer.

Auf den Oszilloskopen bildeten sich in diesem Moment zittrige Kurven. Mit einem Schlag ging die Deckenbeleuchtung aus. Der letzt und entscheidende Teil des Experiments begann.

Lear

Alle lachten, Sektkorken knallten. Die Stimmung im LEAR-Kontrollraum am nächsten Morgen hätte nicht besser sein können. Ulert saß mit seinen sechs Mitarbeitern im Halbkreis, ihnen gegenüber ein Journalist eines Wissenschaftsmagazins. Die Wissenschaftler wirkten wie ein Haufen aufgedrehter Schüler bei der Partyvorbereitung. Nur Dr. Kern saß still und im Gedanken versunken da.

Der Journalist raschelte mit einigen Blättern und räusperte sich, die ausgelassene Fröhlichkeit schien ihm offensichtlich nicht recht zur Umgebung und zur Bedeutung der letzten Nacht zu passen. Er fixierte Ulert. »Herr Professor« sagte er schließlich, »Sie haben soeben die ersten Antiatome hergestellt und meßbar nachgewiesen. Wie fühlen Sie sich?«

Ulert rutschte noch tiefer in seinen bequemen Sessel, der inmitten der Bürodrehstühle wie ein kleiner Thron aussah. »Vorträge«, sagte er, »schlicht und ergreifend Vorträge. Ich habe bei anderen zugehört, und die Kollegen haben mich dann auf den richtigen Weg gebracht. Seit gestern abend fühle ich mich großartig, ich hoffe, es geht den anderen ebenso.«

»Es geht ja, wenn ich das korrigieren darf, genaugenommen um Antiwasserstoff«, warf ein jüngerer Wissenschaftler im Jeansanzug ein.

»Richtig«, sagte Ulert, als erinnere er sich an etwas weit Zurückliegendes. »Antiwasserstoff. Mein Gott, ja.«

»Aber wie kamen Sie darauf, es zu versuchen? Wann und unter welchen Umständen? Und warum ausdrücklich Sie und Ihr Team und nicht irgendein anderer Wissenschaftler auf der Welt?«

»Das kann ich nicht beantworten«, sagte Ulert und nippte am Glas. »Ich weiß nur, daß rund um den Globus das Thema Antimaterie hoch gehandelt wird. Jeder sucht im Grunde danach – nach dem Stoff, aus dem die Alpträume sind.«

»Und genaugenommen kam ich – zusammen mit unserem Dr. Kern – im Pausenraum auf die Idee. Was meinen Sie, was Wissenschaftler alles ausbrüten, wenn sie mal nichts zu tun haben. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, wie man sagt. Da kommen Projekte zutage, die nicht in die Hände der Polizei fallen sollten.«

Erneut lachten alle, jemand goß Sekt nach.

»Dr. Kern, was war Ihre Rolle bei der Suche nach … Antiwasserstoff?«

Der kleine Mann sah auf. Er schien der einzige zu sein, der sich in der Runde unbehaglich fühlte. »Herr Dr. Ulert und ich waren in Toronto und hörten das Referat eines Teilchenphysikers, der berechnet hatte, unter welchen äußeren Bedingungen man Antiwasserstoff erzeugen könne. Das hat uns elektrisiert. Wir sind hinterher in ein Bistro gegangen und haben uns bei Cheeseburger und Limonade über Antiwasserstoff unterhalten. Das war gewissermaßen der Anfang. Und ich war dabei – ich holte das Ketchup für die Cheeseburger.«

Ulert gluckste und klopfte Kern freundschaftlich auf die kurzen Schenkel. Die beiden Kollegen mochten sich offensichtlich.

Der Journalist wippte mit den übereinandergelegten Beinen. »War es einfach, anzufangen und zu experimentieren – ich meine, das erfordert doch riesige Vorbereitungen?«

Ulert blickte Kern an. Der Journalist folgte seinem Blick. Kern sagte nach kurzem Überlegen: »Wissen Sie, es gibt ja den gravierenden Unterschied zwischen den Theoretikern und den Experimentatoren. Wir gehören zur letzteren Spezies, wie Sie unschwer erraten werden. Nun sagten uns die Theoretiker: Na klar gibt es Antimaterie, haben wir ja alles längst ausgeguckt, aber laßt die Finger davon! Diese heiße Materie auch wirklich in der Praxis aufzuspüren, das ist unmoralisch. Das macht man nicht, denn das ist Teufelszeug!«

»Und Cern? Wie verhielt man sich hier?«

»Die eigenen Leute haben wir schnell überzeugt. Nicht zuletzt deshalb, weil die Sache kaum Kosten verursachte. Was billig ist, ist für Auftraggeber automatisch auch gut, also kam gleich grünes Licht.«

Der Pressemann machte ein schlaues Gesicht. »Sie haben die Konkurrenz aus dem Feld geschlagen. Gibt es deshalb Feindschaften?«

»Darf ich« wandte sich ein Wissenschaftler mit Kinnbart an Ulert. Der nickte. »Dr. Scriba«, erklärte er dem Journalisten, »entwickelte die Schlüsselkomponente für das Experiment, eine Apparatur, die mit höchstem Druck einen feinen Strahl des Edelgases Xenon durch das Vakuum des Speicherringes schießt.«

»Danke, Dr. Ulert! – Also, kurz gesagt: in Chicago sitzt jemand, der auf dem Sprung ist, zu tun, was wir soeben getan haben …«

»… Charlie Munger …«, warf Ulert ein.

»… und wie der sich fühlt, weiß ich nicht«, fuhr Dr. Scriba fort. »Vielleicht ärgert er sich, daß er zu früh über seine Pläne geredet hat. Aber eins weiß ich: wir sitzen in der gleichen Mannschaft, jeder forscht vom anderen Ende her an der gleichen Sache. Und wenn die Chicagoer unsere Ergebnisse bestätigen – das wäre doch eine tolle Sache.«

Ulert nickte zustimmend. »Es kann natürlich auch sein, daß unsere Ergebnisse nicht bestätigt werden, Dr. Scriba, möglich ist alles. Dann muß man diskutieren und neu ansetzten.«

»Aber tun Sie doch bitte nicht so, als gäbe es keine Rivalitäten und keine Schadenfreude unter Wissenschaftlern! Ich weiß doch …«

»Natürlich! Natürlich!«, unterbrach Dr. Kern den Journalisten sofort, »es geht ja immerhin um Geld und Prestige, um Preisverleihungen, an denen wieder Gelder und Aufträge hängen, und sofort. Das ist klar. Sie wissen wohl, daß dies hier unsere letzte Chance war; hätten wir nichts gefunden, wäre das Projekt beendet, das Labor dichtgemacht worden. Aber es ist wie im Sport, Fußballer hacken sich in die Beine und trotzdem wissen alle, daß sie Rücksicht nehmen müssen auf die Gesundheit der anderen, es ist letztlich auch ihre eigene.«

»Na gut, äh …« setzte der Interviewer an und rutschte auf seinem Stuhl herum.

»Sehen Sie«, sagte Ulert gnädig. »Wir haben hier am Institut schon ganz andere Sachen gemacht. Dinge, die ich Ihnen nicht einmal nennen darf, geschweige denn erklären. So gesehen, brütet jeder zwischen, sagen wir, Genf und San Francisco seine ureigenen Projekte aus und wacht natürlich auch eifersüchtig darüber, daß nichts publik wird. Ist ja klar. Dennoch – wir sind eine Gemeinschaft, rund um den Globus, das macht uns auch die Presse nicht mies. Prost!«

Man hob das Glas. Der Journalist wirkte pikiert, gab jedoch nicht auf. Er deutete mit dem Kugelschreiber in Richtung Ulert. »Herr Professor, man weiß von Ihnen, daß Sie den Gedanken an eine physikalische Antiwelt im Universum nie besonders favorisiert haben …«

»So kann man das nicht sagen«, unterbrach Ulert, »ich habe nur nicht angenommen, das Problem jemand draußen verständlich machen zu können. Wenn ich von Fluktuationen der K-Mesonen spreche, interessiert das niemanden, warum also Interviews darüber geben? Und ehrlich gesagt, als Wissenschaftler stelle ich mir diese Frage gar nicht. Das liegt mir zu nahe am Bereich Science-fiction, da muß man gut aufpassen, nicht in völlig phantastische Bereiche abzurutschen.«

»Außerdem«, warf Dr. Scriba ein, »Antimaterie in Form von Positronen oder Antiprotonen – das haben die Labors schon seit Jahrzehnten isoliert. Was wir hier gemacht haben ist folgendes: wir haben das erste Element im chemischen Periodensystem der Antielemente wirklich nachgewiesen und erzeugt. Wir zeigten, daß es Antiatome tatsächlich gibt. Darauf kam es uns an. Es waren zwar nur zwei Impulse im Abstand von 20 Milliardstel Sekunden, aber es war da.«

»20 Milliardstel Sekunden«, sinnierte der Pressemann. »Verdammt.«

Ulert gab einem Assistenten im Kontrollraum eine Anweisung. Ein junger Wissenschaftler mit runder Brille, kurzem Haar und 5-Tage-Bart nutzte die Gelegenheit, die Gesprächspause zu füllen.

»Ich bin Dr. Johann«, sagte er, »ich habe die Computerkontrolle im Projekt. Was ich noch sagen wollte ist folgendes. Unsere Entdeckung von Antiwasserstoff bietet eine Grundlage für weitere Experimente. Wir haben das Tor zur Antiwelt ganz weit aufgestoßen, aber durchgehen werden vermutlich andere. Was weiter geschieht, das werden andere entscheiden. Wir mußten Grundlagenforschung betreiben, da spielt die Überlegung keine Rolle, welche metaphysischen, ideologischen oder ethischen Probleme eventuell bei der Entdeckung von Antiwasserstoff entstehen könnten. Verstehen Sie, das ist wissenschaftlicher Alltag. Aber immerhin, ein bißchen Herzklopfen war schon auch dabei, das können Sie mir glauben.«

»Natürlich haben Sie recht, Dr. Johann«, warf Ulert ein. »Die Konsequenzen unserer Arbeit werden andere ziehen. Aber wir werden selbst auch weitermachen. Wir müssen sozusagen die negativen Elementarteilchen zu einem längeren Aufenthalt in unserer Welt bewegen, nur dann können wir untersuchen, ob Materie und Antimaterie denselben Grenzen unterworfen sind. Das sind die nächsten Aufgaben.«

»Der ehrwürdige Vater war hier. Was hat er gesagt?« warf der Journalist ein.

»Er hat nach dem Teufel in der Unterwelt Ausschau gehalten«, antwortete Ulert lakonisch.

»Und, hat er ihn gesehen?«

»Keine Ahnung – möglich.«

»Nun – befürchten Sie nicht gewisse Schwierigkeiten mit der Kirche, falls sie der christlichen Lehre ins Gehege kommen?«

Ulert sah Dr. Scriba an. Der sagte: Das kann uns relativ egal sein, ehrlich gesagt. Die Kirche ist nicht unser Auftraggeber. Wir forschen sozusagen unter dem Schutz der Krone. Der Staat gibt uns das Geld.«

»Und eine Inquisition wie im alten Spanien oder in Italien gibt es zum Glück nicht mehr – Folter ist nicht zu erwarten.«

»Sind Sie da ganz sicher?« orakelte der Journalist.

»Ulert blinzelte. »Ziemlich«, sagte er.

»Freut mich für Sie. Aber jetzt mal im Ernst, meine Herren. Werden wir uns mit dem Gedanken beschäftigen müssen, daß Sie eine Gegenwelt zu der unsrigen entdeckt und wissenschaftlich nachgewiesen haben?«

Alle schwiegen einen Augenblick. Jeder schien darauf zu warten, daß ein anderer die Frage beantwortete. Als das Schweigen peinlich zu werden drohte, sagte Dr. Kern: »Ach, das ist doch Unsinn! Wir haben zwei bis drei Signale von Antiatomen im Kasten, das ist alles. Jede darüber hinausgehende Spekulation lehne ich ab. Das sollen Drehbuchautoren oder Astrologen weiterspinnen. Aber bitte nicht im Cern.«

»Und das wäre dann auch wohl eher ein Fall für die Staatssicherheit«, warf der junge Dr. Johann zögernd ein.

Der Journalist machte eifrig Notizen. Dann bat er: »Wären Sie so freundlich, für unsere Leser noch einmal kurz zusammenzufassen, was genau Sie im Cern entdeckt haben?«

Dr. Ulert kratzte sich am Kinn. »Wir Fachleute haben uns eine Sprache angewöhnt, die reichlich unverständlich geworden ist. Leider sind die Fragestellungen der modernen Wissenschaft so komplex, daß man sich sehr spezialisieren muß. Im Klartext heißt unsere Entdeckung etwa: Wir haben Atome in ihre Bausteine Protonen, Elektronen und Neutronen zerlegt, in diesen wiederum spürten wir Schwärme von Subpartikeln, die sogenannten Quarks auf. Damit habe wir experimentell nachgewiesen …«

»Herr Professor, verzeihen Sie«, unterbrach ihn der Journalist. »Ich habe hier einen kleinen Artikel, der sich, zugegebenermaßen ein bißchen feuilletonistisch, mit Ihrer Entdeckung beschäftigt. Er ist von mir. Dürfte ich ihn vorlesen und sehen, ob er Ihre Zustimmung findet?«

»Sie sind ja schon ganz wild darauf«, sagte der Wissenschaftler im Jeansanzug süffisant.

Ulert warf ihm einen belustigten Blick zu.

Der Journalist reagierte nicht auf den Einwurf. er lehnte sich zurück und begann mit getragener Stimme zu lesen:

»Pforte zur Antiwelt entdeckt

Am 5.1.1993 wurde in der größten Forschungsfabrik der Welt im Europäischen Kernforschungszentrum Cern zum erstenmal Antiwasserstoff nachgewiesen. Die Wissenschaft steht Kopf. Denn damit konnte das erste chemische Element aus einer geheimnisvollen Spiegelwelt, in der elementare Eigenschaften der Materie in ihr Gegenteil verkehrt sind, isoliert werden. Die Folge: die Astrophysik ist den bizarren Rätseln vom Urknall, Schwarzen Löchern und Elementarteilchen entscheidend näher gekommen. Die Pforte in die »Antiwelt« wurde geöffnet, eine bisher verborgene Tür in eine andere, geisterhafte Gegenwelt. Uralte Menschheitsfragen, warum es überhaupt Materie gibt und nicht etwa nichts, können jetzt vielleicht beantwortet werden.

Antimaterie – ein Zauberwort für Wissenschaftler und Autoren. Große Schriftsteller wie Stanislaw Lem beschäftigen sich nun mit der Frage, inwieweit Antimaterie militärisch zum Bau einer gigantischen Superwaffe genutzt werden könnte – eine furchtbare Bedrohung. Der Papst argwöhnt in der Existenz einer Antiwelt das Gegenstück zu Schöpfung und Himmel – also die Hölle, mittendrin der residierende Teufel (der Oberhirte hat Cern sofort besucht).

Renommierte Wissenschaftler glauben, es könnten zukünftig Antimaterie-Kraftwerke gebaut werden, kaum größer als ein Fingerhut, die Megastädte mit Strom versorgen; dagegen wirkt die heutige Atomenergie wie Dieselöl im Verhältnis zur Lichtenergie. Phantasievolle Science-fiktion-Schriftsteller konstruieren bereits seit Jahren aus Antimaterie einen Supertreibstoff, um ihre literarischen Helden mit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit durch die Galaxien sausen zu lassen.

Die Spekulationen schießen ins Kraut. Antimaterie setzt jeden, der sich damit beschäftigt, an die Grenze zwischen Wissenschaft und Science-fiction. Die seriösesten Wissenschaftler halten heute ein existierendes Anti-Universum für möglich, darin eine Anti-Erde, eine Anti-Menschheit, eine humane Schattenwelt der Doppelgänger und Spiegel. ›Eine Anti-Galaxie‹, sagt der NASA-Astrophysiker Floyd Stecker, ›sähe genauso aus wie unsere Erde.‹ Er vermutet, daß jeder zweite Stern in unserer Milchstraße ein Antistern ist. Sind wir von Antimaterie bedroht? Rätselhafte Naturkatastrophen wie das Tunguska-Ereignis vom 30.6.1908 erhalten heute eine neue Interpretation. Damals stürzte in Sibirien ein riesiger Flammenball herab, verbrannte alles auf Hunderte von Quadratkilometern – und hinterließ nicht die geringste Kraterspur. Kollidierende Antimaterie aus unserer Galaxie, urteilen die Experten heute.

Wie auch immer. Die Entdeckung der Antimaterie unter Laborbedingungen bedeutet eine Revolution von kopernikanischem Ausmaß. Sie ermöglicht einen Einblick in unheimliche und seltene Fremdgänger aus einer Gegenwelt. Vielleicht müssen wir uns angewöhnen, nicht mehr von einem Universum, sondern von einem ›Polyversum‹ zu sprechen – Welt und Antiwelt existieren nebeneinander. Und neben dem eigenen positiven Ich existiert in der Milchstraße vielleicht ein völlig identisches, gleich denkendes und fühlendes Negativ-Ich. Vielleicht werden wir unseren Doppelgängern eines Tages begegnen!«

Die Runde schwieg. Der Journalist sah Zustimmung heischend in die Runde. Ulert räusperte sich. Die anderen drehten sich auf ihren Stühlen.

»Naja«, murmelte Ulert.

»Großartig, genau getroffen«, warf Dr. Scriba plötzlich in die Stille, wischte sich den Schweiß von der Stirn und lächelte angestrengt. »So ist es – wir haben die Pforte zur Antiwelt aufgestoßen, Skrupel hin oder her. Und was nun daraus entsteht, wo die Antiwelt in unsere Welt Eingang gefunden hat, das müssen wir abwarten – wir können nur hoffen, es wird nichts Böses sein …«

Pforte zur Antiwelt

Endles faltete die Zeitung zusammen und warf sie auf den Küchentisch. »Pforte zur Antiwelt entdeckt«, sagte er, »eine humane Schattenwelt der Doppelgänger und Spiegel. Blödsinn! Was diese Schreiberlinge sich nicht alles aus den Fingern saugen.«

Rita leckte sich die Marmeladefinger einzeln sauber. »Ich will dir mal was sagen, Endles«, sagte sie schmatzend. »Die Badewanne leckt. Webers unten haben einen Wasserschaden. Kannst du dich damit mal beschäftigen?«

Endles seufzte. Rita versuchte seit Jahren, ihn zum Handwerker zu machen. Bisher hatte er sich erfolgreich dagegen gewehrt. Aber es gab immer wieder Attacken, denen er nicht ausweichen konnte. Dies war eine.

»Na prima, ein Wasserschaden! – Soll ich mir das mal ansehen?«

»Keine schlechte Idee. Schließlich bist du der Mann. Du mußt dir was einfallen lassen, sonst kostet uns das ein Vermögen. Weber sagt, wenn die Leitungen in der Wand …«

»Weber ist ein Schwätzer«, sagte Endles kurz angebunden.

Rita lachte ihr dunkles Lachen. »Da kannst du Recht haben. Aber der Wasserschaden ist trotzdem da. Und du solltest dich darum kümmern. Was mich betrifft, ich ziehe mich jetzt an. Ich muß in die Stadt und einkaufen, du weißt ja, wir haben heute abend Gäste.«

»Weiß ich«, brummte Endles.

»Übrigens! Du solltest dich ein bißchen zusammennehmen, mein Lieber. Ich habe die Quints eingeladen, weil ich sie sehr nett finde, und deine Vorbehalte – ich weiß nicht. Du agierst etwas aus, was ich ehrlich gesagt nicht ganz verstehen kann.«

»Ich weiß. Ich war an dem Abend wohl nicht besonders gut drauf. Also, ich verspreche dir, ich werde mir Mühe geben. Aber vielleicht kannst du selbst mal darauf achten, ob dir an den beiden nicht irgend etwas auffällt, hm? Ich überlasse es deiner Beobachtungsgabe. Mal sehen, ob ich mich so täusche.«

»Okay«, sagte Rita.

Als Rita im Bad verschwunden war, nahm Endles sich noch einmal die Zeitung vor. Sein Interesse an wissenschaftlichen Fragestellungen dieser Art war gering, aber irgend etwas hatte seine Neugier geweckt. Schon als Junge hatte er alles verschlungen, was an durchaus trivialer literarischer Science-fiction in seine Nähe kam, und die Entdeckung im Cern gehörte für ihn in diese Kategorie. Und da er an diesem Morgen Zeit zu haben glaubte – sein Computer war am Abend zuvor aufgrund eines Paritätsvirus so tief abgestürzt, daß er sich damit erst in der folgenden Woche beschäftigen wollte – las er den Bericht erneut. Vor allem interessierten ihn die Fotos, die den Artikel garnierten.

Sie zeigten einen selbstbewußten Wissenschaftler im Gewirr seiner Maschinen. Daneben war ein Bild des Papstes. Endles hätte nicht sagen können, warum, aber er betrachtete das Pressefoto noch einmal genauer. Es zeigte den weißgekleideten Heiligen Vater, der mit einem Repräsentanten im dunklen Anzug an seiner Seite diskutierte, dahinter standen andere Männer, Kirchenväter, Wissenschaftler, Medienleute. Endles nahm ein Vergrößerungsglas zur Hand. Der ehrwürdige Besucher aus dem Vatikan hatte die Arme über der Brust gekreuzt, die linke Hand machte im Gespräch eine Geste. Er trug eine Armbanduhr. Endles hielt die Lupe weiter vom Text weg, näher an seine Augen. Die Uhr des Papstes besaß kein Zifferblatt.

Endles bewegte die Lupe hin und her, der Anblick des fehlenden Zifferblattes blieb. Vielleicht, dachte Endles, möchte der Heilige Vater damit ausdrücken, wie unwichtig irdische Zeit für ihn und die Kirche ist – im Verhältnis zur Zeit im Jenseits, zur geheiligten, ewig ausgedehnten Zeit. Vielleicht reflektierte auch einfach das Blitzlicht des Fotografen an dieser Stelle. Natürlich, so mußte es sein. Endles bewegte die Lupe und betrachtete das Oberhaupt der Katholiken. Seltsam, dachte er, das Gesicht sieht aus wie später einmontiert.

Endles bewegte die Leselupe vor und zurück. Er kam zu dem Eindruck, als hätte jemand das Foto manipuliert. War es denkbar, daß die Zeitungsleute ein beliebiges Foto aus dem Archiv genommen und es aktualisiert hatten? Nein, das war kaum denkbar, sicher hatte man bei einem solchen bedeutenden Ereignis einen Pressefotografen vor Ort gehabt.

Was ist heute los mit mir?, dachte Endles und ließ das Blatt sinken. Er nahm sich vor, gleich mal sein Horoskop zu lesen, obwohl er nicht daran glaubte. Aber vielleicht standen die Sterne heute für ihn besonders ungünstig, und er mußte auf sich aufpassen. Er war melancholisch, fühlte sich, als wollte ihm irgend jemand irgend etwas antun. Der Satz eines Komödianten kam ihm unvermittelt in den Sinn: »Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich möchte nicht unbedingt dabei sein, wenn’s passiert.« Na fabelhaft, dachte Endles.

Er goß sich Kaffee nach und beugte sich erneut über das Foto, um es noch intensiver zu betrachten. Da war noch etwas anderes. Endles vergrößerte das Foto, so weit es ging, ohne die Konturen zu verzerren. Jetzt sah er es. Der Papst besaß das Gesicht eines Mannes, der – und hier erschrak Endles – nicht zu existieren schien. Endles setzte das Vergrößerungsglas ab und rieb sich die Augen. Als er das Gerät erneut ansetzte, blieb der Eindruck. Es war das bekannte, flächige Gesicht Wojtylas, gekrönt von weißen Haaren. Aber etwas stimmte nicht. Endles dachte irritiert: im Gegensatz zu den anderen Köpfen auf dem Foto sah das Gesicht des Papstes wie eine leere Fläche aus. Die Augenschlitze dunkel, der Mund wie einbetoniert. Und hinter dieser flachen, dünnen Maske der Gesichtslandschaft nichts, ein Loch in der Materie. Wenn man dieses Gesicht abnimmt, dachte Endles, oder auch nur seinen Mund aufreißt, dann entsteht ein Sog, in den alles hineingerissen wird.

Plötzlich tat Endles der Kopf weh. Ein feiner Stich zuckte durch seinen Schädel, eine Art Riß teilte das, was er mit dem linken Auge sah, in zwei Hälften, die an der Rißstelle regelrecht ausfransten. Er erschrak. Das kaputte Blickfeld vibrierte leicht und blieb stehen. Was hinter dem Riß war, war nicht zu erkennen. Endles schloß die Augen und blinzelte dann nervös. Ein paar Sekunden später war alles schon wieder vorbei, der Riß verschwunden, der Schmerz fort. Aber der Schreck blieb.

Endles nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Überarbeitet, dachte er. Fertig. Unser Informatiker sieht schon Gespenster. Wird Zeit, daß er mal ausspannt.

»Endles, Telefon!« rief Rita vom Schlafzimmer her. »Das Institut, anscheinend dringend.«

Endles ging hinüber und nahm den Hörer entgegen.

»Herr van Endles, schlechte Nachrichten«, sagte die Stimme seines Chefs im Hörer. »Wir brauchen Sie – ich weiß, es ist Samstag, aber wir brauchen Sie trotzdem. Unsere ganze Anlage ist abgestürzt.«

»Oh, nein«, seufzte Endles.

Autor

Zurück

Titel: Das Geheimnis des Ketzers