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Enwor - Band 9: Das vergessene Heer

Die Bestseller-Serie

2015 295 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

ENWOR: Kriegsgeboren und vom Feuer getauft – eine postapokalyptische Welt voller Gefahren.
Die Macht des schwarzen Turms ist gebrochen. Nur Schutt und Asche sind geblieben von dem maßlosen Größenwahns seines Herrschers. Doch Skar ist in diesem zähen Kampf schwer verwundet worden. Trotzdem zieht er mit seinen Getreuen nach Norden. Nur dort kann das Schicksal Enwors endgültig entschieden werden. Aber was vor ihnen liegt, ist der Stoff, aus dem die dunkelsten Alpträume  sind. Skar und seine Getreuen müssen das gefährliche Cant passieren – doch kein Wanderer ist von dort je zurückgekommen …

Über den Autor:

Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist Deutschlands erfolgreichster Fantasy-Autor. Der Durchbruch gelang ihm 1983 mit dem preisgekrönten Jugendbuch MÄRCHENMOND. Inzwischen hat er 150 Bestseller mit einer Gesamtauflage von über 44 Millionen Büchern verfasst. 2012 erhielt er den internationalen Literaturpreis NUX.

Der Autor im Internet: www.hohlbein.de

Bei dotbooks veröffentlichte Wolfgang Hohlbein die Romane FLUCH – SCHIFF DES GRAUENS, DAS NETZ und IM NETZ DER SPINNEN, die ELEMENTIS-Trilogie mit den Einzelbänden FLUT, FEUER UND STURM und die große ENWOR-Saga; eine chronologische Übersicht der einzelnen Romane finden Sie am Ende dieses eBooks.

Wie wird es mit den Kriegern Skar und Del weitergehen? Finden Sie es heraus im nächsten Roman der ENWOR-Saga: ENWOR – Band 10: Die verbotenen Inseln. Eine Leseprobe finden Sie am Ende dieses eBooks.

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Neuausgabe Dezember 2015

Copyright © der Originalausgabe 1988 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-461-0

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Wolfgang Hohlbein

ENWOR

Band 9: Das vergessene Heer


Roman

dotbooks.

1. Kapitel

Es war kein körperlicher Schmerz, der das Erwachen begleitete und zu einer Qual machte, sein erster klarer Eindruck war vielmehr der einer tiefen Verbitterung und Leere, die aber fast schlimmer als körperliche Pein war.

Herr

Er hatte es gewußt. Großer Gott, er hatte es gewußt, fast vom ersten Tag an, aber er hatte es einfach vergessen! Vergessen oder nicht wahrhaben wollen, weil das Eingeständnis dessen, was Trashs letzte Worte wirklich bedeutet hatten, zu entsetzlich gewesen wäre.

Sie sind wieder da, Satai! Sie sind wieder da!

Erst nach diesen Gedanken kamen die körperlichen Empfindungen, als wäre sein Geist ein wenig zu früh aus der Bewußtlosigkeit erwacht: die harte, kalte Unterlage, auf die man ihn gebettet hatte, ein Luftzug, der über seine nackte Brust strich und eine Spur zu kühl war, um angenehm zu sein, ein leichter, aber penetranter Schmerz in seiner linken Armbeuge. Stimmen, die gedämpft und in einer Sprache miteinander redeten, die er nicht verstand. Gerüche, allesamt fremdartig und beunruhigend.

Sie sind wieder da, Satai!

Ein goldenes Gesicht, das Quorrl und doch nicht Quorrl, Mensch und doch nicht Mensch, eine Mischung aus beidem und doch etwas völlig Fremdes, Unheimliches war, und …

Skar drängte die Bilder mit aller Macht beiseite und versuchte sich auf seine Umgebung zu konzentrieren, aber es gelang ihm nicht. Seine Erinnerungen waren außer Rand und Band geraten und tobten wie eine Schar bissiger Ratten in seinem Kopf herum. Es fiel ihm schwer, zwischen Realität und Traum zu unterscheiden, die Bilder, die aus der Vergangenheit in seinem Kopf aufstiegen, von denen zu trennen, die er wirklich gesehen hatte.

Sie sind wieder da.

Herr!

Beides waren Worte gewesen, die ein Quorrl gesprochen hatte, und er hatte ihre Bedeutung beide Male zu spät erkannt.

Schritte näherten sich, und dann spürte er ganz deutlich, daß jemand neben ihm stand. Er versuchte erneut, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und Trashs Stimme und den Anblick des goldenen Gesichts dorthin zu verbannen, wo sie hergekommen waren, und diesmal gelang es ihm; vielleicht, weil er spürte, daß die Gestalt neben ihm sein Erwachen bemerkt hatte. Vorsichtig hob er die Lider und schloß sie sofort wieder, denn das Licht stach in seine Augen. Er konnte nicht sagen, wer neben ihn getreten war; nur, daß es kein Mensch war. Der Schatten war zu groß und zu breitschultrig dafür. Aber etwas anderes hatte er erkannt: sie waren nicht mehr in der Wüste. Er befand sich in einem großen, sehr hohen Raum mit schwarzen Wänden aus Metall oder Stein, und das grelle Licht war von einer Art, die er noch nie gesehen hatte: heller als das der Sonne, aber weiß und kalt und irgendwie falsch. Wie lange war er bewußtlos gewesen?

Nicht sehr lange, flüsterten seine Gedanken. Die Erinnerungen kamen allmählich wieder. Er war nach einer Stunde erwacht, aber nur kurz, und nicht völlig, so daß er seine Umgebung nur wie in einem Fiebertraum wahrgenommen hatte. Sie hatten nicht zugelassen, daß er wirklich wach wurde, sondern ihn in einen tiefen, zum ersten Mal seit Wochen traumlosen Schlaf versetzt. Aber er spürte, daß nicht sehr viel Zeit vergangen war. Wenige Stunden, eine Nacht im Höchstfall. Zu dem Stechen und Brennen in seiner Armbeuge gesellte sich ein dumpfes Pochen in seinem Nacken, das bald schmerzhaft und dann quälend werden würde, um dann in unerträgliche Kopfschmerzen überzugehen. Skar war oft genug niedergeschlagen worden, um Erfahrung in dieser Art des Erwachens zu haben. Er begriff, daß er sein Leben nur purem Glück und seiner überdurchschnittlichen Konstitution zu verdanken hatte. Er war zäh. Einen normalen Mann hätte Titchs Schlag getötet.

»Ich weiß, daß du wach bist.«

Skar öffnete ein zweites Mal die Augen und blickte in Titchs Gesicht. Der Quorrl trug wieder die wuchtige goldene Rüstung, die ihn größer und vor allem schwerfälliger erscheinen ließ, als er war. Er lächelte, aber seine Augen waren hart und kalt wie polierter Stahl. Angst stand darin und noch etwas, das Skar nicht richtig einordnen konnte, das aber tiefer ging als bloße Furcht. Unendlich viel tiefer.

»Was willst du?« fragte Skar. Das Sprechen fiel ihm schwer. Auf seiner Zunge lag ein bitterer, fremdartiger Geschmack. Sie fühlte sich taub an. Er versuchte sich auf seinem Lager in die Höhe zu stemmen und bemerkte erst nach zwei vergeblichen Anläufen, daß er es nicht konnte: er war an Händen und Füßen gebunden; mit weichen, aber sehr widerstandsfähigen Fesseln aus Leder, die ihm nur wenige Zoll Bewegungsfreiheit gewährten.

Titch beugte sich vor und riß die Bänder kurzerhand entzwei; ohne sichtliche Anstrengung und mit beiden Händen. Skar bemerkte, daß die Wunde in seiner Rechten aufgehört hatte zu bluten. Fragend sah er den Quorrl an.

»Sie verstehen viel davon, Wunden zu heilen«, sagte Titch, der seinen Blick bemerkt und richtig gedeutet hatte.

»Und noch mehr davon, sie zuzufügen.«

Titch erstarrte für einen Moment mitten in der Bewegung. Sein Blick wirkte gequält. Dann drehte er sich abrupt um, beugte sich über Skars Beine und zerriß auch die Bänder, die seine Fußgelenke hielten. Unsicher stemmte Skar sich auf dem Rand der Liege hoch, stützte die Ellbogen auf den Knien auf und verbarg das Gesicht zwischen den Händen. Er wartete darauf, daß ihm übel oder schwindelig wurde, wie so oft in letzter Zeit, aber keines von beidem geschah. Das verzehrende Feuer in seinem Inneren war erloschen.

Nur das Flüstern war noch da; und das furchtbare Wissen, die Wahrheit die ganze Zeit über gewußt zu haben. Sie sind wieder da, Satai!

»Ich hielt es nicht für eine gute Idee«, sagte Titch unvermittelt. »Aber. Ennart bestand darauf.«

»Worauf?« Skar nahm die Hände herunter. Die Wand hinter dem Quorrl war schwarz, und sie bestand tatsächlich aus Metall, wie er im ersten Moment angenommen hatte. Titchs Bewegungen spiegelten sich darin wider wie in einem riesigen, matten Spiegel, als der Quorrl die Hand hob und eine zugleich erklärende wie unwillige Geste machte.

»Bei dir zu sein, wenn du erwachst. Du mußt … mich hassen.«

Was für ein Unsinn, dachte Skar. Er verstand Titchs Beweggründe vielleicht besser als der Quorrl selbst. Wäre Titch ein Mensch gewesen, dann wäre er jetzt vielleicht aufgestanden und hätte ihm einfach die Hand auf die Schulter gelegt, in einer einfachen, aber erklärenden Geste. Aber Titch war kein Mensch, und so blieb er einfach sitzen und sah schweigend zu dem Quorrl hoch.

»Er … er glaubt, es wäre besser, wenn ich dir alles erkläre«, fuhr der Quorrl fort, stockend, ohne Skars Blick standhalten zu können, und mit einer Stimme, die seine Qual deutlich machte. Seine Hände spielten nervös an den Schuppen seiner goldenen Rüstung.

»Das brauchst du nicht«, sagte Skar leise. Er lächelte bitter. »Du hättest mich nicht einmal niederzuschlagen brauchen, weißt du das eigentlich?«

»Ich mußte es«, murmelte Titch. »Ich … konnte nicht anders. Ennart ist … sie sind …«

»Die Alten«, unterbrach ihn Skar. Titchs Augen weiteten sich erschrocken, und Skar fuhr mit leiser, kraftlos klingender Stimme fort: »Ich weiß es, Titch. Du bist deinem Gott begegnet, als er den Helm abnahm. Ich hätte nicht anders gehandelt, an deiner Stelle. Niemand hätte das.« Und trotzdem tat es weh, in dem Moment, in dem er es aussprach, zehnmal mehr als zuvor. Titch hatte nicht anders gekonnt. Sein Verrat war kein Verrat gewesen. Aber Skar hatte trotzdem das Gefühl, den letzten Freund verloren zu haben, der ihm noch geblieben war.

»Du … weißt?« murmelte Titch überrascht.

»Schon seit langer Zeit«, antwortete Skar. »Dein Vater … Trash … er hat es mir gesagt, ehe er starb. Ich habe nur nicht verstanden, was er gemeint hat. Vielleicht wollte ich es auch nicht verstehen.«

»Er hat es … gewußt?« murmelte Titch fassungslos.

»Ja. Ich … glaube es wenigstens. Ich habe nicht verstanden, was er gemeint hat, aber jetzt …« Er stand auf, blickte einen Moment lang an Titch vorbei auf die spiegelnde Wand aus Metall und schüttelte müde den Kopf. »Sie sind wieder da«, murmelte er. »Das waren seine letzten Worte.«

Titch starrte ihn an. Vielleicht spürte er, daß Skar nicht die Wahrheit sprach, daß es da noch etwas gab, was er ihm verschwieg. Trash hatte noch etwas gesagt. Aber er sprach ihn nicht darauf an, und Skar seinerseits fühlte, daß jetzt nicht der Moment war, dem Quorrl auch den Rest zu erzählen. Vielleicht hatte er den einzig möglichen Augenblick dafür längst verpaßt.

Er sah sich suchend um und entdeckte seine Kleider auf einem Schemel neben dem Bett, sauber gewaschen und zusammengefaltet. Ohne ein weiteres Wort zog er sich an. Dabei fiel ihm ein breites, silbernes Band aus einem anschmiegsamen Material auf, das sich um sein linkes Handgelenk spannte und bisher unter der Fessel verborgen gewesen war, so daß er es gar nicht bemerkt hatte. Er fühlte es nicht, und als er die Muskeln anspannte, machte es die Bewegung mit wie eine zweite, silberne Haut. Er streckte die Hand danach aus und zog sie wieder zurück, ohne es zu berühren. Irgend etwas sagte ihm, daß es sinnlos war, es abreißen zu wollen. Achselzuckend griff er nach seinem Umhang und streifte ihn ganz gewohnheitsmäßig über, obwohl es hier drinnen behaglich warm war.

»Was geschieht jetzt?« fragte er.

Titch starrte ihn an. Skar wartete darauf, daß der Quorrl ihn nun fragte, was er damit gemeint hatte, ihn auf Trashs letzte Worte ansprach, aber er tat es nicht, sondern senkte nach ein paar Augenblicken den Blick und fuhr fort, an seiner Rüstung herumzuzerren. »Er will dich sehen. Mit dir reden.«

»Worüber?«

»Es ist vorbei, Skar«, sagte Titch gequält. Er hob die Hände, breitete sie in einer hilflosen Geste vor dem Körper aus und trat einen halben Schritt auf Skar zu. Seine Augen waren weit und dunkel vor Furcht. »Du kannst nicht gegen Götter kämpfen.«

»Es sind nicht meine Götter«, antwortete Skar. Etwas leiser und in fast beschwörendem Ton fügte er hinzu: »Und auch nicht deine, Titch. Sie sind sterbliche Wesen wie du und ich. Er hat geblutet, als ich ihn verletzt habe«, erinnerte er. Aber er spürte auch schon, während er diese Worte aussprach, wie sinnlos sie waren. Titch mochte vielleicht sogar wissen, daß er recht hatte, aber das nutzte nichts. Der Quorrl war ein hochintelligentes und sehr empfindsames Wesen trotz seines raubtierhaften Äußeren, aber er blieb ein Quorrl. Ein Quorrl, der seinem Gott ins Gesicht geblickt hatte, als Ennart den Helm abnahm. Skar wußte, daß er ihn verloren hatte.

»Bring mich zu ihm.«

»Warte.« Titch hob die Hand, als Skar an ihm vorbeigehen wollte. »Da sind … ein paar Dinge, die du wissen solltest, ehe du ihm gegenübertrittst.«

»So?« Skar schluckte die scharfe Bemerkung hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Für ihn war Ennart kein Gott und würde es nie sein, sondern eher das Gegenteil. Aber er gewann nichts, wenn er Titch quälte.

»Der Zauberpriester«, fuhr der Quorrl fort, noch immer, ohne ihn direkt anzusehen, »der mit dir gesprochen hat …«

»Ian.«

»Ian, ja. Er hat dich nicht belogen. Sie wollen dir helfen. Sie haben dich gesucht, nicht um dich zu töten, sondern weil du … krank bist. Weil du sterben wirst, wenn nichts geschieht.«

Skar glaubte ihm sogar, wie er auch Ian am vergangenen Abend geglaubt hatte. Sie brauchten ihn, aus welchem Grund auch immer. Skar war nicht so unrealistisch, sich im Ernst einzubilden, er hätte all die Zeit gegen eine Macht bestehen können, die sich nichts weniger vorgenommen hatte, als eine ganze Welt zu erobern. Nicht, wenn sie nicht aus irgendeinem Grunde Rücksicht auf sein Leben nehmen mußte.

»Sicher«, antwortete er. »Und weiter?« Sein Ton wurde verletzend, ohne daß er es wollte. »Willst du mir vielleicht als nächstes erzählen, daß alles nur ein Mißverständnis war? Daß sie in Wirklichkeit gar nicht unsere Feinde sind?« Er schnitt Titch mit einer ärgerlichen Handbewegung das Wort ab, als der antworten wollte, und deutete abermals zur Tür. Diesmal versuchte der Quorrl nicht, ihn zurückzuhalten.

2. Kapitel

Der Korridor, auf den sie hinaustraten, war auf seine Weise genauso gespenstisch wie das leere Zimmer, in dem er erwacht war. Auch seine Wände bestanden aus schwarzem spiegelndem Stahl, und auch hier herrschte das gleiche grelle Licht, das aus dem Nichts zu kommen schien, aber überall war, so daß es keine Schatten gab. Es war warm, aber wie bei seinem Erwachen spürte Skar einen raschen, eisigen Lufthauch, als wäre irgendwo ein Fenster geöffnet worden. Dabei gab es, so weit er sehen konnte, weder Fenster noch Türen. Der Gang war einfach ein rechteckiger Schacht aus schwarzem Metall, der endlos zu sein schien.

Titch machte eine Geste nach links, und sie gingen los. Ihre Umgebung kam Skar mit jedem Schritt unheimlicher vor. Der metallene Boden unter seinen Füßen zitterte, aber es war kein regelmäßiges Beben, sondern ein dumpfes, arhythmisches Po,, chen, das ihn auf unheimliche Weise an das Schlagen eines gewaltigen Herzens erinnerte. In das monotone Klacken ihrer Schritte mischten sich Geräusche, die direkt aus den Wänden zu kommen schienen und für Skar allesamt fremd und unidentifizierbar blieben. Er hatte das sehr sichere Gefühl, beobachtet zu werden, obwohl sie allein waren.

Nach vielleicht zwei Dutzend Schritten blieb Titch stehen und berührte eine Stelle an der Wand vor sich. In dem scheinbar massiven Metall erschien ein Spalt, der sich rasch zu einer Tür erweiterte, die völlig lautlos vor ihnen aufglitt. Dahinter lag eine winzige, kaum zwei Schritte im Quadrat messende Kammer. Skar sah Titch fragend an. Titch machte eine knappe Handbewegung auf die Tür. Als er nicht reagierte, zuckte er mit den Schultern und trat mit einem einzigen Schritt hindurch. Skar folgte ihm zögernd.

Die Tür schloß sich so lautlos hinter ihm, wie sie aufgegangen war. Skar hörte ein leises, sehr helles Zischen, und plötzlich hatte er das Gefühl, sich zu bewegen. Mehr neugierig als erschrocken sah er sich um und berührte schließlich mit spitzen Fingern die Wand. Sie war kalt wie Eis und so hart, wie ihr Anblick vermuten ließ. Wenn sie sich bewegten, dachte er verwirrt, dann mußte es dieses ganze Zimmer sein, das nach oben glitt.

Seine Vermutung wurde wenige Augenblicke später zur Gewißheit, als sich die Tür abermals öffnete und Titch ihn mit einer Geste aufforderte, die Kammer zu verlassen. Sie befanden sich nicht mehr in dem Gang, in dem sie das kleine Zimmer betreten hatten. Dieser hier war breiter, und es gab zahlreiche, wenn auch ausnahmslos geschlossene Türen an beiden Seiten. Durch eine Öffnung am Ende des Korridors fiel Tageslicht herein, das gegen den grellen weißen Glanz der Luft trüb und fast armselig wirkte.

Trotzdem atmete Skar fast erleichtert auf, als sie nach einigen Augenblicken ein großes, an drei Seiten von Fenstern gesäumtes Zimmer betraten, das nicht von dem unheimlichen kalten Schein, sondern von normalem Sonnenlicht erhellt wurde. Der Raum war leer. Unter einem der großen Fenster stand ein gewaltiger Tisch aus dem gleichen, mattschwarzen Metall, aus dem dieses ganze Gebäude zu bestehen schien, aber die Stühle davor waren ganz normale Stühle aus Holz, schon ein wenig abgewetzt und schäbig, und an den Wänden hingen Bilder und kleine bunte Stickereien, die offensichtlich alle von derselben Hand gefertigt waren. Es gab ein hölzernes Regal neben der Tür, auf dem Krüge aus Ton und ein paar Zinnbecher standen, und auf dem Tisch lag sogar ein kleines Deckchen. Jemand hatte versucht, dem Raum etwas von seiner gespenstischen Kälte zu nehmen, und wenn es ihm auch nicht ganz gelungen war, so erleichterte Skar doch allein der Gedanke, daß er es versucht hatte.

Fragend sah er Titch an. Der Quorrl und er waren allein.

»Er wird … gleich kommen«, sagte Titch unsicher. Er wich seinem Blick noch immer aus, aber er hatte sich nicht gut genug in der Gewalt, um völlig zu verbergen, wie peinigend es für ihn war, mit ihm zu reden.

»Ich verstehe«, sagte Skar spöttisch. »Er ist ein vielbeschäftigter Mann, der nicht viel Zeit für einen armseligen Satai wie mich erübrigen kann, nicht wahr?« Er schüttelte den Kopf, maß den Raum mit einem weiteren, sehr viel aufmerksameren Blick, ohne indes mehr Einzelheiten als zuvor zu erkennen, und trat schließlich an eines der deckenhohen Fenster heran. Es war nicht offen, wie er geglaubt hatte. In der Füllung befand sich Glas, das allerdings so klar war, daß er es nicht einmal sah, als er unmittelbar davor stand, sondern nur fühlte. Neugierig beugte er sich vor, so weit es der unsichtbare Widerstand zuließ.

Skar wußte sofort, wo er war, obwohl er den Turm niemals wirklich gesehen hatte. Unter ihm breitete sich ein quadratischer, an drei Seiten von stählernen, sicherlich hundertfünfzig Fuß hohen Wänden umschlossener Innenhof aus. Winzige Gestalten bewegten sich darauf, aber sie waren zu klein, um sie zu erkennen, und das Fenster verschluckte jedes Geräusch. Das emsige Treiben unter ihm war stumm. Die Bewegungen der Menschen und Tiere im Hof verliefen in absolutem Schweigen, und es war eine Art von Stille, die Skar sich fürchten ließ, denn es nahm der Bewegung dort unten gleichzeitig auch etwas von ihrem Leben. So, wie die titanischen Flanken des Turmes alles Licht aufsaugten, so daß man sie selbst aus unmittelbarer Nähe gar nicht richtig sehen konnte, sondern vielmehr durch die Abwesenheit alles Sichtbaren erahnte, so schien auch etwas alle Geräusche zu verschlucken. Es war eine Stille, die Skar an den unheimlichen Zauber erinnerte, dem er im Lager der Errish begegnet war. Und es war der Turm aus seinen Träumen. Die Quelle des tödlichen Flüsterns, das ganz Enwor in Brand gesetzt hatte.

Er hörte Titchs Schritte hinter sich und suchte ganz automatisch nach einer Spiegelung in der Fensterscheibe, sah aber nur den stahlblauen Himmel über dem Tal. Kopfschüttelnd drehte er sich herum.

Es war nicht mehr Titch, der hinter ihm stand.

Der Quorrl befand sich noch im Zimmer, aber er war zur Tür zurückgewichen und hatte seinen Platz einer Gestalt geräumt, die selbst ihn um mehr als Haupteslänge überragte. Anders als am Abend zuvor trug das Wesen nicht mehr die bizarre Rüstung, sondern ein einfaches, vollkommen schmuckloses Gewand aus schwarzem und blauem Stoff, das den größten Teil seines Körpers verhüllte und nur Kopf und Arme freiließ. Aber dieses schlichte Gewand nahm der Erscheinung nichts; im Gegenteil. Obwohl Skar geglaubt hatte, auf den Anblick vorbereitet zu sein, erschütterte er ihn fast noch mehr als beim ersten Mal, denn er war Ennart jetzt näher, und er sah ihn im hellen Tageslicht, nicht im flackernden Schein eines erlöschenden Feuers.

Der Gott der Quorrl war über acht Fuß groß und so muskulös, daß selbst Titch neben ihm wie ein Kind wirkte, dabei aber so perfekt proportioniert, daß er nicht wie ein Riese aussah. Alles an ihm war perfekt, eine vollkommene Harmonie von Kraft und Schönheit, die es selbst Skar für Sekunden unmöglich machte, irgend etwas anderes zu tun, als einfach dazustehen und dieses Wesen zu bewundern. Ennarts Gesicht war eindeutig das eines Quorrl, aber es hatte einen edlen und trotz seiner Kraft fast sanften Zug, dem auch das fürchterliche Raubtiergebiß hinter seinen Lippen nichts anzuhaben vermochte. Seine Augen waren groß und dunkel und ohne sichtbare Pupillen, wie die Titchs, aber sie waren gleichzeitig … anders. Weiser? Skar weigerte sich einen Moment, das Wort zu benutzen, aber es gab keinen anderen Ausdruck, der gepaßt hätte. Er suchte vergeblich nach der abgrundtiefen Bosheit, die er erwartet hatte. Was er spürte, war die Nähe eines Wesens, das unendlich alt und unendlich mächtig war und das ihn durch seine bloße Anwesenheit zu lähmen drohte, so wie beim ersten Mal. Ennart war ein Geschöpf, das nicht Macht symbolisierte, sondern Macht war.

Länger als eine Minute stand er einfach da und starrte das Wesen mit der goldenen Haut an, unfähig, etwas zu sagen, sich zu bewegen oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Ennart rührte sich nicht, sondern blieb reglos stehen, wie um ihm Gelegenheit zu geben, ihn in aller Ruhe zu mustern. Aber es war etwas sonderbar Störendes in dieser Reglosigkeit; vielleicht etwas in seinem Blick. Seine Geduld erinnerte Skar an die eines Menschen, der sich nicht rührt, um das Vertrauen eines eingeschüchterten Tieres zu gewinnen.

Schließlich hob Ennart die Hand und machte eine Bewegung in Titchs Richtung, bei der er Skar jedoch nicht aus den Augen ließ. Skar begriff erst jetzt, daß er ihn ebenso interessiert gemustert hatte wie er selbst umgekehrt ihn. »Laß uns allein, Titch.«

Der Quorrl entfernte sich rückwärts aus dem Raum, aber Ennart schwieg weiter, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem milden, aber gleichzeitig auch ein ganz kleines bißchen überheblich wirkenden Lächeln. »Wie fühlst du dich, Skar?«

»Danke«, antwortete Skar kalt. »Es geht mir gut.«

»Ich frage nicht aus Höflichkeit«, sagte Ennart. »Es freut mich wirklich, dich unverletzt zu sehen. Aber du bist krank. Wir haben deine Schmerzen besiegt und deinem Körper geholfen, die Schwäche zu überwinden. Aber das ist nicht mehr als eine Täuschung. Es wird noch lange dauern, bis das Gift aus deinem Körper verschwunden ist.«

»Lange genug, mich hier festzuhalten, bis ihr gewonnen habt?« fragte Skar höhnisch.

Ennart seufzte. Skars Spott schien ihn mehr zu betrüben als zornig zu machen. »Das haben wir bereits«, antwortete er. »Schon vor langer Zeit. Du kannst uns nicht aufhalten.«

»Dann frage ich mich, warum ihr euch so große Mühe gemacht habt, mich zu fangen«, sagte Skar.

»Weil du unsere Pläne störst«, antwortete Ennart unverblümt, aber noch immer in freundlichem Ton. »Und weil wir dich brauchen. Nicht notwendig, um zum Ziel zu kommen, aber es wäre einfacher mit dir als ohne dich, und sehr viel leichter als gegen dich.« Er machte eine einladende Geste auf einen der Stühle, die Skar ignorierte.

»Und jetzt bist du gekommen, um mich zu überzeugen, wie?« fragte Skar.

Ennart schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Ich bin kein Narr, Skar. Und ich kenne dich zu gut, um versuchen zu wollen, dich zu irgend etwas zu zwingen. Ich weiß, daß das unmöglich ist.«

»Warum bist du dann hier?« schnappte Skar. Er spürte, daß er die Auseinandersetzung bereits verloren hatte, noch ehe sie richtig begann. Ennarts bloßes Dasein drängte ihn in die Defensive. Aber er versuchte vergeblich, Zorn zu empfinden. Alles, was er fühlte, war Hilflosigkeit.

»Um mit dir zu reden«, sagte Ennart. »Deine Fragen zu beantworten. Dir die Wahrheit zu sagen. Dir zu erzählen, wer du wirklich bist. Vielleicht ist es danach gar nicht mehr nötig, dich überzeugen zu wollen.«

»Dann tu es«, sagte Skar. »Fang an.«

Ennart wiederholte seine einladende Handbewegung. Skar ignorierte sie auch dieses Mal. Der Goldene blickte ihn einen Moment lang stirnrunzelnd an, eher amüsiert über seinen Stolz als wirklich zornig, dann ging er an ihm vorbei zum Tisch und setzte sich behutsam auf einen der hölzernen Stühle. Obgleich Skar stehenblieb, befanden sich ihre Gesichter jetzt auf gleicher Höhe.

»Den größten Teil der Wahrheit kennst du bereits«, sagte Ennart. »Du weißt mehr über die Geschichte dieser Welt als irgendein anderer Mensch, Ian und ein paar seiner Brüder vielleicht ausgenommen. Es ist einfacher, wenn du fragst und ich antworte.«

»Was habt ihr mit Kiina gemacht?« fragte Skar.

»Nichts. Sie lebt und ist unverletzt. Du kannst sie sehen, wann immer du willst.«

»Das meine ich nicht. Ihr habt sie …« Er suchte vergeblich nach Worten. »Ihr habt sie verzaubert«, stieß er schließlich hervor. »Ihr habt sie zu einer Puppe gemacht, genau wie die Errish.«

Ennart lächelte. »Wenn du es so nennen willst … ja. Wir haben sie für eine Weile ihres freien Willens beraubt, so wie Anschi und ihre Schwestern. Aber es geschah zu ihrem eigenen Schutz.«

Die Freimütigkeit, mit der Ennart dies zugab, machte Skar rasend, aber wieder war es ihm unmöglich, seinem Zorn Ausdruck zu verleihen. Er brodelte irgendwo dicht unterhalb der Ebene seines Bewußtseins, auf der er ihm zugänglich gewesen wäre. »Wer bist du?« fragte er. »Was bist du?«

»Wofür hältst du mich?« fragte Ennart anstelle einer direkten Antwort. »Wer willst du, daß ich für dich bin?«

»Wie wäre es mit jemandem, der Fragen einfach beantwortet, statt den Geheimnisvollen zu spielen und in Rätseln zu sprechen?« gab Skar mühsam beherrscht zurück.

Ennart lächelte auf eine Art, die Skar verriet, daß er sehr zufrieden mit seiner Antwort war. Er fühlte sich mehr und mehr wie ein Spielzeug, das der Goldene nach Belieben hin und her schob; auf einem Spielbrett, das nichts weniger als eine ganze Welt war. Aber der Zorn, den dieser Gedanke hervorrufen sollte, kam nicht. Er fühlte sich mehr und mehr hilflos; verloren auf eine Art, die dem Wort eine völlig neue Bedeutung gab. Aber bevor er seinen Gefühlen Ausdruck verleihen konnte, hob Ennart die Hand und fuhr fort: »Du weißt es, Skar. Unser Volk nannte sich Ssirhaa; lange, bevor ihr kamt. Aber das ist nur ein Name.

Er ist längst in Vergessenheit geraten. Niemand erinnert sich mehr daran. In euren Legenden nennt ihr uns die Alten, so wie wir euch die Sternengeborenen. Auch wir haben überlebt, nicht nur ihr.«

Ssirhaa … Skar versuchte vergeblich etwas Vertrautes in diesem Wort zu entdecken. Es mußte wohl so sein, wie Ennart behauptete: der Name seines Volkes war untergegangen wie die Welt, in der es gelebt hatte. Vielleicht hatte er ihn sich auch erst in dem Moment ausgedacht, in dem er ihn aussprach – welche Rolle spielte das schon?

»Überlebt? Wo?«

Ennart beantwortete auch diese Frage, aber er tat es erst nach geraumer Zeit und mit einem neuerlichen, fast spöttischen Lächeln. »Du kannst nicht aus deiner Haut, wie? Wäre ich dein Feind und du mein Gefangener, wäre es ziemlich töricht, diese Frage zu beantworten, denn immerhin bestünde die Möglichkeit, daß du mir entkommst und unserem Volk Schaden zufügst. Aber du bist nicht mein Feind. Unser Volk lebt, ja. Wir sind nur wenige, aber wir waren niemals viele. Die die Ewigkeit überstanden haben, leben in einem Land, das kein Mensch jemals betreten hat.«

»Im Land der Toten«, vermutete Skar.

»Titch nennt es so, ja. Es liegt weit im Norden, noch jenseits der Länder, die die Quorrl bewohnen.«

»Im Norden?«

»Was du denkst, ist richtig«, sagte Ennart. »Du warst ihm einmal sehr nahe. Vielleicht näher als je ein anderer vor dir. Es ist die Heimat der Dronte. Und anderer, noch erstaunlicherer Lebewesen.« Er lächelte flüchtig. »Du siehst, ich gehe kein Risiko ein, dir diese Information zu geben. Selbst wenn es dir gelänge, das Land zu erreichen, würde es dich töten. Kein menschliches Wesen kann dort überleben und kein Quorrl.«

»Und ihr?«

»Es tötet selbst uns«, sagte Ennart. »Nur in unserer Festung sind wir sicher. Ein Ort, den du dir nicht einmal vorzustellen vermagst. Er hat uns beschützt, all die endlosen Jahre lang. Aber er war auch unser Gefängnis. Wir haben gewartet.«

»Ich weiß«, sagte Skar bitter. »Auf einen Narren wie mich.«

»Auf einen Mann wie dich«, verbesserte ihn Ennart ruhig. »Warum bist du so bitter, Skar? Wir sind nicht deine Feinde. Und die, auf deren Seite du zu stehen glaubst, sind nicht deine Freunde.«

»Das hast du jetzt schon ein paarmal gesagt«, antwortete Skar. »Aber dadurch wird es nicht überzeugender, weißt du?« Ennart reagierte nicht auf seinen scharfen Ton, und Skar fügte noch zorniger hinzu: »Was erwartest du? Daß ich mich auf eure Seite stelle und gegen sie kämpfe?«

»Gegen wen?« fragte Ennart lauernd. »Sprich das Wort aus. Tu es!«

Skar starrte ihn an. Er spürte, daß ihre Unterhaltung längst keine pure Konversation mehr war. Was er für eine geschickte Einleitung Ennarts gehalten hatte, harmloses Geplauder, um die Spannung zwischen ihnen abzubauen, war eine Falle gewesen, in die er längst hineingetappt war. »Gegen die Menschen«, sagte er.

»Aber du bist keiner.«

Skar schloß für Sekunden die Augen. Ennart hatte recht. Er wußte es seit Wochen, und gespürt hatte er es vielleicht schon seit Jahren, vielleicht von dem Moment seiner Geburt an. Aber es aus dem Munde des Ssirhaa zu hören, tat weh. Mehr, als er geglaubt hatte.

»Du glaubst, du gehörst zu ihnen«, fuhr Ennart fort, mit einer Stimme, die leise und fast sanft und trotzdem so erbarmungslos wie schneidender Stahl war. »Du siehst aus wie sie, du bist als einer von ihnen geboren und erzogen worden, und du fühlst wie sie. Aber du bist es nicht, Skar. Du warst es niemals. Und tief in deinem Innern hast du es immer gewußt. Du bist so wenig Mensch wie Titch oder ich.«

»Und was … bin ich dann?« flüsterte Skar. Seine Stimme zitterte. Er wollte schreien, aber nicht einmal diese Erleichterung blieb ihm. Er wußte, daß Ennart die Wahrheit sprach. »Zu welchem Volk gehöre ich, Ennart? Zu euch?«

»Nein.« Der Ssirhaa stand auf, trat ans Fenster und blickte über die Mauer hinweg nach Norden. Er sah Skar nicht an, als er weitersprach. »Es wäre verlockend, dir das zu erzählen«, gestand er. »Ich gebe zu, mit dem Gedanken gespielt zu haben, für eine kurze Weile. Aber ich glaube nicht, daß man einen Mann wie dich lange belügen kann.« Er drehte sich wieder herum, sah Skar an und wartete sichtlich auf eine Reaktion. Als sie nicht kam, ging er zu seinem Stuhl zurück und ließ sich wieder darauf niedersinken.

»Vela hat dir die Geschichte der Alten erzählt, und die deine«, sagte er. »Sie hat dir die Wahrheit gesagt oder das, was sie dafür hielt. Aber sie wußte nicht alles.«

»Sie hat in eurem Auftrag gehandelt«, vermutete Skar.

»Ohne es zu wissen, ja«, gestand Ennart. »Und sie war nicht die erste. So wenig, wie du der erste warst, der nach Combat ging, um das Siegel zu brechen. Aber du warst der erste, dem es gelang. Oh, wir haben es oft versucht, immer und immer wieder. Wir schickten die Besten der Besten, aber keinem gelang es, den Stein der Macht von seinem Platz zu entfernen.«

»Wieso mir?« fragte Skar. Er schrie fast. Wieso hatte ausgerechnet er es sein müssen, der die Dämonen aus ihrem jahrhunderttausendelangen Schlaf erweckte?

»Weil du du bist«, antwortete Ennart. »Weil du bist, was du bist. Nicht irgendein Abenteurer. Nicht irgendein Krieger oder nur ein tapferer Mann. Du bist der Wächter, Skar. Der einzige, den es gibt. Nicht du hast das Siegel gebrochen, sondern die Macht, die du trägst.«

Die Macht … Skar hätte am liebsten aufgeschrieen. Für ihn war es keine Macht, für ihn war es ein Fluch, der sein ganzes Leben bestimmt und am Ende zerstört hatte. Ob Ennart wußte, daß er einen Körper bekommen hatte?

»Es war deine Hand, die den Stein von seinem Platz entfernte«, fuhr Ennart fort. »Aber sie wäre verbrannt, wie alle anderen zuvor, hättest du nicht das Recht dazu gehabt, es zu tun.«

»Was bin ich?« murmelte Skar.

»Ich weiß es nicht«, gestand Ennart. »Nicht wirklich. Vielleicht halb Mensch, halb Ssirhaa, vielleicht auch etwas völlig anderes. Es hat lange gedauert, bis wir überhaupt begriffen, daß es jemanden wie dich gab, Skar. Und noch länger, dich zu finden, denn sie waren klug. Sie haben dafür gesorgt, daß auch der Wächter selbst nichts von seiner wahren Natur ahnte. Tausende von Generationen mögen vergangen sein, in denen es Männer wie dich gab. Männer, die ihr Leben lang nicht einmal ahnten, wer sie waren, und vor allem was.«

»Der Wächter.« Skar seufzte. »Wenn ich das wirklich bin, Ennart, dann habe ich versagt.«

»Nein«, widersprach der Goldene. »Das hast du nicht. Vela hat dir erzählt, daß sie versuchten, ein Wesen zu schaffen, das Teil beider Welten war, und das war die Wahrheit. Aber es war nie seine Aufgabe, zwischen beiden Völkern zu vermitteln.«

»Sondern?«

»Den Gegner kennenzulernen«, sagte Ennart. »Seine Stärken und Schwächen zu ergründen und einen Weg zu finden, ihn zu schlagen. Es ist gelungen. Unser Volk wurde geschlagen.«

»Dann verstehe ich um so weniger, warum du dir die Mühe machst, mit mir zu reden«, sagte Skar. »Denn wenn es so ist, dann muß ich dein Todfeind sein.«

»Weil Zeit vergangen ist«, antwortete Ennart. »Unendlich viel Zeit. Enwor hat sich weiterentwickelt, Skar, denn auch eine Welt altert, wie die Wesen, die auf ihr leben. Wie sie trägt sie Narben davon, und wie sie kann man sie verwunden und töten. Aber wie sie kann sie lernen. Die Sternengeborenen obsiegten am Schluß, aber um einen Preis, den sie sich nicht einmal vorzustellen vermochten. Wir wurden geschlagen, aber auch sie gingen unter. Es waren nicht unsere Waffen, die sie vernichteten, sondern ihre eigene Kreatur. Das Wesen, das du kennengelernt hast. Es zerstörte unsere Länder, es vernichtete unsere Armeen und verheerte unsere Städte, eine nach der anderen. Aber es gelang ihnen nicht mehr, es zu bändigen. Als keine Ssirhaa mehr da waren, die es töten konnte, da wandte es sich gegen seine Schöpfer und vernichtete auch sie. Als letztes Mittel schließlich, als schon alles zerstört war und Enwor die Hölle, in der wir heute leben, da schritt der Wächter selbst ein und bannte das Ungeheuer, das er erschaffen hatte. Nur er konnte es, denn er war ein Teil von ihm.«

Es dauerte Sekunden, bis Skar wirklich begriff, was Ennart da gerade gesagt hatte. »Und ihr habt es … ihr habt es wieder erweckt?« murmelte er fassungslos. »Ihr habt all das gewußt und es trotzdem erweckt?«

»Nur einen kleinen Teil«, sagte Ennart mit einer beschwichtigenden Handbewegung. »Es steht in unserer Macht, es zu vernichten, sobald es seinen Dienst getan hat.«

»Das haben die, die es erschufen, mit ziemlicher Sicherheit auch gedacht«, sagte Skar zornig.

»Aber sie wußten nicht, was wir wissen«, widersprach Ennart. »Sie erschufen eine Waffe, aber ihnen blieb keine Zeit, sie zu studieren, ehe sie sie einsetzten. Sie waren in der Situation des ersten Menschen, der das Feuer entdeckte, ohne sich über die Gefahr im klaren zu sein, die es mit sich bringt.«

»Aber ihr kennt sie«, sagte Skar höhnisch.

Ennart nickte. »Wir sind keine Narren«, sagte er sanft. »Oh, ich weiß, unser Wissen ist nichts gegen das ihre, und doch hatten wir etwas, was ihnen fehlte: Zeit. Wir haben die Kreatur, die ihr die Sternenbestie nennt, gründlich studiert. Jahrhundertelang. Wir kennen ihre wahre Natur, und wir wissen, was sie falsch machten, damals. Wir werden die Fehler der Sternengeborenen nicht wiederholen.«

»Da bin ich sicher«, schnappte Skar. »Ihr werdet eigene machen.«

Seine Worte amüsierten Ennart, aber der Blick des Ssirhaa blieb ernst. »Vielleicht«, räumte er ein. »Doch selbst wenn es so ist … ich sagte bereits, es ist Zeit vergangen. Unendlich viel Zeit. Mehr, als wir alle uns vorzustellen vermögen. Mehr als eine Million Jahre, Skar.«

Er schwieg einen Moment, um der Zahl das Gewicht zu verleihen, das ihr gebührte, aber Skar war nicht einmal mehr beeindruckt. Vielleicht war er einfach über das Stadium hinaus, in dem ihn noch irgend etwas erschüttern konnte.

»Auch die Kreatur hat sich verändert in dieser Zeit«, fuhr Ennart schließlich fort. »Sie ist nicht mehr, was sie war. Sie ist noch immer wild und furchtbar, aber sie ist sterblich geworden. Du selbst hast einen Teil von ihr getötet, erinnere dich.«

»Du bist wahnsinnig, Ennart«, flüsterte Skar.

»Warum?« fragte Ennart lauernd. »Weil ich Augen habe, zu sehen? Weil ich die Wahrheit ausspreche?«

»Welche Wahrheit?«

»Es gibt nur eine! Und die lautet, daß Enwor eine Hölle ist, für Menschen und für Quorrl. Wie viele Kriege habt ihr geführt, allein in der kurzen Spanne deines Lebens? An wie vielen Feldzügen hast du teilgenommen? Wie viele Sommer hast du erlebt, in denen die Menschen verhungerten, weil die Dürre ihre Felder verbrannte? Wie viele Winter, in denen sie erfroren, weil sie nichts hatten, sich gegen die Kälte zu schützen? Wie viele Städte hast du gesehen, die geschleift wurden, nur weil irgendein König mehr Macht wollte, oder ein wenig mehr Land?«

»Und ihr wollt das alles ändern?« fragte Skar höhnisch. »Ihr führt diesen Krieg also nur aus reiner Menschenfreundlichkeit? Verzeih, daß ich mich so in euch getäuscht habe.« Er deutete eine spöttische Verbeugung an.

In Ennarts Augen blitzte es zornig auf. Zum ersten Mal schien es Skar gelungen zu sein, seinen Gleichmut zu erschüttern. »Ich weiß nicht, was dieses Wort bedeutet«, sagte er kalt, »denn ich bin kein Mensch, vergiß das niemals. Was wir wollen?« Er sprang auf und deutete zum Fenster. »Das da, Satai. Wir wollen wiederhaben, was uns gehörte, ehe ihr kamt. Unsere Welt, die ihr uns gestohlen habt!«

»So, wie ich es sehe, seid ihr auf dem besten Wege dazu, sie euch zu nehmen«, sagte Skar.

»Aber wir wollen sie so wiederhaben, wie sie war«, fuhr Ennart erregt fort. »Keine Hölle, in der sich das Leben nicht mehr lohnt. Wir werden uns Enwor nehmen, das ist wahr, aber nicht nur aus Eroberungslust. Wir werden Enwor wieder zu dem machen, was es war.«

»Oh«, sagte Skar spöttisch. »Mehr nicht?«

»Mehr nicht«, bestätigte Ennart ungerührt. »Keiner von uns wird den Tag erleben, das weiß ich. Es wird lange dauern, unendlich lange. Doch der Tag wird kommen, an dem Enwor wieder ein Paradies ist, keine verbrannte Wüste.«

»Dann gib mir eine Schaufel«, sagte Skar. »Ich fange an zu graben.«

»Ich meine, was ich sage, Skar«, widersprach Ennart, plötzlich wieder ruhig. »Die Macht der Sternengeborenen war unvorstellbar. Sie haben mehr getan, als Städte zu bauen. Sie haben diese ganze Welt verändert. Sie schufen Enwors Gesicht neu, vielleicht nach dem Vorbild ihrer Heimat, die irgendwo jenseits der Sterne liegt. Dieser Kontinent hier wurde von ihnen gebaut. Und wir werden ihr Wissen wiederentdecken und dazu nutzen, die Wunden zu heilen, die unsere beiden Völker der Welt schlugen.«

»Und warum stürzt ihr eine ganze Welt ins Chaos, wenn ihr so mächtig seid?« fragte Skar. »Ich glaube dir kein Wort, Ennart.« Er hob die Stimme, als Ennart ihn unterbrechen wollte. »Und selbst wenn du die Wahrheit sprichst, dann ist es nur das, was du glauben willst, nicht was ihr wirklich tut. Niemand kann die Vergangenheit verändern. Was geschehen ist, ist geschehen. Nicht einmal eure Macht reicht aus, die Zeit zurückzudrehen.«

»Du hast recht«, sagte Ennart. Er war jetzt wieder sehr ruhig. So schnell er die Beherrschung verloren hatte, so rasch gewann er sie wieder zurück. »Auch wir kennen nur noch wenige Geheimnisse der Alten.« Er machte eine weit ausholende Geste, die das Zimmer und den ganzen Turm einschloß. »Was du hier siehst, Satai, ist alles, was geblieben ist. Du wirst Wunder über Wunder erleben, und doch ist all dies nichts gegen die Welt, wie sie war, ehe dein Volk und das meine sich gegenseitig vernichteten.« Plötzlich war es seine Stimme, die bitter wurde. »Es sind … Trümmer. Ihr Vermächtnis, das noch immer da ist, nach all dieser Zeit, und noch immer mächtig genug, die Welt zu erschüttern. Wir haben gelernt, einige ihrer Maschinen zu benutzen, und wir haben einen Schatten ihres alten Wissens zurückgewonnen. Aber im Grunde wissen wir nichts. Wir kratzen die alten Reste eines Zeitalters zusammen und versuchen, eine neue Welt daraus zu bauen.«

»Indem ihr die alte zerstört?«

»Wenn wir das wollten, hätten wir es längst getan«, sagte Ennart ruhig. »Die Waffe, die Elay zerstörte, hätte auch Ikne treffen können, oder irgendeine andere Stadt. Sie kann es noch. Aber das wollen wir nicht. Der Wahnsinn muß ein Ende haben. Was dir grausam erscheinen mag, ist notwendig. Auch das Messer eines Arztes fügt Schmerzen zu, wenn es schneidet.«

»Aber es schneidet nur die Krankheit aus dem Körper, nicht das Leben«, widersprach Skar. »Ist es das, als was du uns siehst? Als Krankheit? Als Geschwür, das man wegschneiden muß?«

»Bitte, Skar.« Ennarts Blick flatterte, und Skar spürte, daß es ihm gelungen war, ihm weh zu tun. Er wußte nicht einmal, ob er mit seinen Worten der Wahrheit auch nur nahe gekommen war, aber das spielte auch keine Rolle. Was zählte war, daß es ihm gelungen war, Ennart weh zu tun, ihm einen wenn auch noch so kleinen Teil des Leids zurückzuzahlen, das er und seine Rassegenossen ihm zugefügt hatten.

»Und die Quorrl?« fuhr er fort. »Was ist mit ihnen? Was ist mit Titch und seinen Brüdern? Sie sind eure Nachkommen! Ihr vernichtet auch sie!«

»Das sind sie nicht«, sagte Ennart traurig. »Sie sind das, wofür ihr sie haltet. Tiere.« Er machte eine müde Geste auf die Tür, durch die Titch verschwunden war. »Sie waren unsere Antwort auf die Sternengeborenen. Kreaturen, die geschaffen wurden, um zu kämpfen. Nicht mehr.« Er lachte bitter, als er Skars Erstaunen bemerkte. »Wir haben unseren Schwertern das Laufen beigebracht, das ist alles.«

»Du willst damit sagen, sie wurden … erschaffen?«

Ennart nickte. »Ja. Aber sie haben versagt. Nur wenige überlebten, und sie flohen in die Wälder im Norden. Die Quorrl sind ihre Nachkommen.«

»Das ist nicht wahr!« widersprach Skar. »Titch ist …«

»Titch«, unterbrach ihn Ennart, »ist nicht irgendein Quorrl. Er ist … etwas Besonderes. So wie sein Vater.«

»Ein besonders intelligentes Tier, wie?«

Ennart ignorierte den bitteren Hohn in Skars Stimme. »Wenn du so willst, ja. Vielleicht sind Männer wie er die Zukunft seines Volkes. Auch an den Quorrl ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen.« Er atmete tief und hörbar ein, starrte einen Moment ins Leere und machte dann eine abgehackte, bestimmende Handbewegung.

»Genug jetzt. Wir werden noch viel Zeit miteinander verbringen, aber ich wollte, daß du die Wahrheit kennst, ehe du dich entscheidest.«

»Wozu? Ob ich gegen euch kämpfe oder mit euch? Du bist verrückt, alter Mann.«

»Ob du als Gefangener oder als Gast bei uns bleibst«, sagte Ennart ruhig. »Denn nur diese Wahl bleibt dir. Dieser Raum hier wird dein neues Zuhause sein, Skar. Für wenige Wochen, bis alles vorüber ist, oder für die Ewigkeit. Die Wahl liegt bei dir.«

»Warum tötet ihr mich nicht einfach?« fragte Skar.

»Warum sollten wir?« Ennart lächelte verzeihend. Er hatte sich jetzt wieder vollkommen unter Kontrolle. Vor Skar stand wieder das sanfte, beinahe gottgleiche Wesen, als das er den Ssirhaa das erste Mal gesehen hatte. Und trotzdem wußte er jetzt, daß dieser Eindruck falsch war, eine Maske, hinter der sich nichts anderes als ein böser alter Mann verbarg. Skar wußte plötzlich mit unerschütterlicher Sicherheit, daß Ennart wahnsinnig war. Er war kein Gott, sondern nur ein alter Mann, der von vergangener Größe träumte und einfach nicht wahrhaben wollte, daß er so wenig in diese Welt gehörte wie Skar. Vielleicht war alles, was er erzählt hatte, wahr, vielleicht alles erlogen; es spielte keine Rolle. Wichtig war, daß Ennart dabei war, die ganze Welt in Brand zu setzen. Und daß er über die Macht verfügte, es auch zu tun.

»Du hast deine Aufgabe erfüllt«, fuhr Ennart fort, als Skar keine Anstalten machte, auf seine Frage zu antworten. »Es wäre sinnlos, dich zu töten.«

»Wenn ich die Sternenbestie erwecken konnte«, sagte Skar zornig, »dann kann ich sie auch wieder vernichten.«

»Kaum.« Ennart lachte leise. »Jetzt überschätzt du dich, Satai. Du hast das Siegel gebrochen, aber Zerstören ist immer leicht. Wir brauchten Hunderte von Jahren, um die Natur jenes Wesens zu ergründen – wie willst du es in den wenigen Wochen schaffen, die dir noch bleiben? Dir fehlt das Wissen, das mit denen unterging, die dich erschufen. Und selbst wenn …« Er machte eine bedauernde Geste auf Skars linken Arm. »Du kannst diesen Turm nicht verlassen.«

Skars Blick folgte Ennarts Bewegung. Der Ssirhaa hatte auf das silberne Band gedeutet, das sich um sein linkes Handgelenk spannte. »Was ist das?«

»Etwas, das dein Leben rettet, es aber auch zerstören kann«, antwortete Ennart geheimnisvoll. »Titch hat dir die Geschichte des Sternenfeuers erzählt?« Skar nickte, und Ennart fuhr fort: »Sie ist wahr. Der Staub, den du in der Stadt der Errish eingeatmet hast, ist tödlich. Wir können dich heilen, und wir werden es tun, aber es wird lange dauern. Monate, wenn nicht Jahre. Bis es soweit ist, schützt dich dieser Reifen.« In seiner Stimme schwang hörbarer Stolz mit, während Skar den Arm hob und das harmlos aussehende Band aus metallenem Gewebe näher betrachtete.

»Er reinigt dein Blut«, fuhr Ennart fort, »und neutralisiert das Gift, so lange du ihn trägst. Aber er kann dich auch töten.«

»Wenn du es willst«, vermutete Skar.

»Nicht, so lange du nicht versuchst, den Turm zu verlassen. Tätest du es, so würde sich seine Wirkung ins Gegenteil verkehren, und du stirbst binnen weniger Stunden.« Er breitete die Arme aus. »Du siehst, es besteht kein Grund für mich, dich zu töten. Nicht, solange du hier bist. Und später wird es keinen Grund mehr für dich geben, uns zu bekämpfen.«

Er stand auf und wandte sich zur Tür, blieb aber noch einmal stehen, ehe er das Zimmer verließ. »Willst du das Mädchen sehen?«

Kiina? Natürlich wollte er sie sehen. Er hatte sich nach nichts so sehr gesehnt wie danach, Kiina noch einmal wiederzusehen, in den Momenten, in denen er geglaubt hatte, sterben zu müssen. Trotzdem zögerte er.

»Wenn sie … wenn sie wieder sie selbst ist«, sagte er. »Sonst nicht. Ich habe keine Lust, mit einer Puppe zu sprechen.«

»Dann wird Titch dich zu ihr bringen«, sagte Ennart. »Folge mir.«

3. Kapitel

Kiinas Quartier lag auf dem gleichen Korridor wie das Skars, aber an seinem entgegengesetzten Ende, und zwischen ihm und Skars Zimmer befanden sich nicht weniger als drei massive Wände aus Metall, die zwar lautlos auseinanderglitten, wenn Ennart sich ihnen näherte, in Skar aber jeden Gedanken an einen gewaltsamen Ausbruchsversuch zunichte machten. Sie waren weiter allein. Vorhin, als er aus dem Fenster geblickt hatte, hatte er gesehen, daß der Turm vor Leben schier überquoll; auf dem rechteckigen Hof bewegten sich Hunderte von Menschen und Quorrl und Tieren. Aber hier oben herrschte eine gespenstische Stille. Es verwunderte ihn ein wenig, daß ein Mann wie Ennart keine Leibwache hatte, bis er sich ins Gedächtnis zurückrief, daß der Ssirhaa nicht nur mächtig, sondern auch ungeheuer stark war. Und augenscheinlich so gut wie unverletzlich. Die Wunde, die Skar selbst ihm am vergangenen Abend beigebracht hatte, war nicht nur geheilt, sondern so spurlos verschwunden, als hätte es sie niemals gegeben.

Kiina schlief, als sie das Zimmer betraten, das so groß und hell war wie das Skars, aber nicht so leer. Neben Kiinas Bett stand eine verwirrende Anordnung sonderbarer Gerätschaften und Dinge, deren bloßer Anblick Skar einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ; gefährlich aussehende Dinge, von deren Seiten sich dünne gerippte Schläuche wie Schlangen aus Metall unter Kiinas Decke wanden. Einige endeten in dünnen Nadeln, die tief in ihr Fleisch gestochen worden waren.

Das Mädchen war nicht allein. Ein schlanker, dunkelhaariger Mann stand halb über sie gebeugt da, als sie eintraten. Die Tür hatte sich lautlos geöffnet, aber er schien ihr Eintreten zu spüren, denn er drehte sich mit einem Ruck um.

Es war Ian. Auf seinem Gesicht spiegelten sich Ehrfurcht beim Anblick des Ssirhaa, aber auch Schrecken und dann purer Haß, als er Skar erkannte. Trotzdem sagte er kein Wort, sondern trat nur mit einem demütigen Senken des Hauptes zurück und machte Ennart Platz.

»Wie geht es ihr?« fragte der Ssirhaa, während Skar rasch auf die andere Seite der schmalen Liege eilte und neben ihr niederkniete. Er hörte Ians Antwort nicht, sondern starrte nur Kiina an. Ihr Anblick war ein Schock für ihn. Er hatte gewußt, daß sie krank war, aber jetzt sah sie aus wie eine Tote. Ihr Gesicht war grau und von Geschwüren und kleinen nässenden Wunden entstellt, die Lippen gerissen und voller Eiter. Mehr als alles andere erinnerte ihr Anblick ihn an den der sterbenden Margoi. Er streckte die Hand nach ihr aus, wagte es aber nicht, sie zu berühren. Er hatte Angst, sie aufzuwecken.

»Sie wird leben.«

Es dauerte einen Moment, bis Skar registrierte, daß Ians Worte nicht mehr dem Ssirhaa galten, sondern ihm. Mit einem Ruck sah er auf und starrte den Zauberpriester an. Ians Augen flammten noch immer vor Zorn, aber Skar spürte auch, daß er die Wahrheit sagte. Er würde es nicht wagen, ihn im Beisein Ennarts zu belügen.

»So?« fragte er bitter. Er machte eine Handbewegung auf Kiinas zerstörtes Gesicht und das Gewirr aus metallenen Schläuchen und Nadeln.

»Nicht so.« Ian schüttelte den Kopf und machte eine flatternde Handbewegung auf die Ansammlung erschreckender Geräte und Apparaturen neben Kiinas Lager. »Das alles ist nötig, um ihr Leben zu retten. Und es wird auch nötig sein, um dein Leben zu retten.« Er wiederholte seine unwillige Geste, als Skar den linken Arm mit dem blitzenden Silberband hob.

»Das ist nur ein Provisorium«, sagte er. »Es hält das Gift auf, aber es entfernt es nicht aus deinem Körper. Ihr seid spät gekommen. Fast zu spät. Aber wir können euch retten. Das Mädchen wird wieder so gesund, wie es war. Und so schön.« Er versuchte zu lächeln, aber der Haß in seinem Blick machte eine Grimasse daraus. »Wer ist sie?« fragte er. »Deine Geliebte? Oder deine Tochter?«

»Keines von beidem«, antwortete Skar. »Einfach nur ein Mädchen, das mir sein Leben anvertraut hat.«

»Dann gib ihm einen guten Rat, wenn es erwacht«, sagte Ian böse. »Wenn es so etwas das nächste Mal tut, soll es sich den Mann vorher genauer ansehen.«

»Ian!« Ennarts Stimme war scharf, und der Zauberpriester fuhr wie unter einem Hieb zusammen. Unsicher sah er zu dem Ssirhaa auf.

»Verzeiht, Herr.« Er seufzte, biß sich auf die Lippen und wandte sich mit einer fragenden Geste wieder zu Kiina um. »Soll ich sie aufwecken? Wenn du mit ihr sprechen möchtest …«

Skar schüttelte den Kopf. Er wollte nicht, daß Kiina sich so sah.

»Dann wird Titch dich jetzt in dein Zimmer zurückbringen«, bestimmte Ennart. »Ich muß dich um etwas Geduld bitten.« Er wandte sich an Ian. »Wie lange wird es dauern, bis die Maschinen frei sind?«

Ian überlegte. »Zwei Tage«, sagte er nach einer Weile. »Vielleicht auch drei.«

Ennart nickte. »Du hast es gehört«, fuhr er fort, wieder an Skar gewandt. Er deutete auf Skars Armband. »Bis dahin wirst du damit Vorlieb nehmen müssen. Aber du brauchst keine Furcht zu haben. Es schützt dich.«

Angst? Skar hätte fast gelacht. Es war leicht, aus Ennarts und Ians Worten zu schließen, daß er der nächste sein würde, der auf diesem Bett lag und an diese entsetzlichen Maschinen angeschlossen sein würde. Wenn er Angst hatte, dann davor, nicht vor dem Gift in seinem Blut. Kiinas Anblick erinnerte ihn an das Opfer einer Spinne, das sich in einem gigantischen silbernen Netz verfangen hatte. Er schauderte.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten«, sagte Ennart. »Ich weiß, daß es dir wie Zauberei vorkommen muß, oder wie Schwarze Magie. Aber es ist nichts von beidem. Ian ist der beste Arzt, den es gibt. Vielleicht auf ganz Enwor.«

»Er haßt mich«, sagte Skar. Er blickte weder Ennart noch Ian an, aber er sah aus den Augenwinkeln, wie der Zauberpriester bei seinen Worten zusammenfuhr und Ennart rasch und besänftigend die Hand hob.

»Du hast seinen Bruder getötet.«

Jetzt sah Skar doch auf. Ians Augen waren wie schwarze Flammen, die ihn verbrennen wollten. Der Gedanke, diesem Mann sein Leben anzuvertrauen, war Schlichtweg absurd. »Brol war dein Bruder?«

»Er ist unter meinen Händen verblutet«, sagte Ian.

»Das tut mir leid.«

»So?« Ian machte ein abfälliges Geräusch. »Das braucht es nicht. Und du brauchst auch keine Angst zu haben, daß ich mich an dir räche. Nicht jetzt.«

Ennart unterbrach ihre Unterhaltung, ehe sie vollends zum Streit geraten konnte, indem er Skar abermals mit einer Geste aufforderte, den Raum zu verlassen. Skar gehorchte, wenn auch erst nach kurzem Zögern. Er fürchtete Ian nicht, aber er war sich darüber im klaren, daß seine letzten beiden Worte ein Versprechen gewesen waren, das er irgendwann einmal einlösen würde. Und er war ein Feind, den er nicht unterschätzen durfte.

Sie verließen den Raum. Ennart begleitete sie ein Stück weit den Korridor hinab, dann trat er in eine jener sonderbaren beweglichen Kammern, und Skar ging allein mit Titch weiter. Auch der Quorrl wollte sich umwenden und ihn allein lassen, als er sein Quartier erreicht hatte, aber Skar rief ihn noch einmal zurück.

»Hast du alles gehört?« fragte er.

Titch nickte. Sein Gesicht war wie eine Maske ohne Leben. Er sah Skar nicht an. »Ich war dabei.«

Skar machte eine unwillige Handbewegung. »Das meine ich nicht. Ich rede von unserem Gespräch hier. Du hast gehört, was Ennart gesagt hat?«

Skar wußte, daß es so war. Der Quorrl hatte draußen auf dem Gang gewartet, aber die Tür war offen gewesen, und sie hatten nicht leise gesprochen. Er mußte jedes Wort verstanden haben. Trotzdem vergingen Sekunden, ehe er nickte.

»Es hat wohl nicht viel Sinn, wenn ich dich frage, auf welcher Seite du stehst«, vermutete Skar.

Er hatte kaum damit gerechnet, daß Titch überhaupt antworten würde, aber er tat es, mit leiser, bitterer Stimme, in der Qual und unendliche Verzweiflung mitschwangen. »Sie sind unsere Götter, Skar.«

»Götter?« Skar lachte leise. »Wenn du alles verstanden hast, dann hast du doch auch gehört, was er über euch denkt. Tiere. Mehr seid ihr nicht für ihn.«

»Wie für euch?«

»Unsinn«, widersprach Skar. »Du bist –«

»Ich rede nicht davon, was ich bin«, unterbrach ihn Titch. »Vielleicht machst du es dir zu einfach. Du redest von mir, und du redest von den Quorrl, aber du meinst nicht dasselbe.«

»Du bist längst kein Quorrl mehr, Titch«, sagte Skar. »Du …«

»Doch, das bin ich!« Titch schrie plötzlich. »Ich war es immer, und ich werde es immer sein, Satai! Du machst es dir leicht. Du machst mich zum Menschen, damit du nicht zugeben mußt, daß wir nicht die primitiven Bestien sind, als die ihr uns so gerne bezeichnet. Für dich bin ich kein Quorrl, das stimmt. Aber nur, damit du die Wahrheit nicht eingestehen mußt.«

Skar starrte ihn an. Er war … erschüttert. Er begriff plötzlich, daß Titch mit jedem Wort recht hatte.

»Vielleicht ist es so, wie Ennart gesagt hat«, fuhr Titch fort. »Ja, wir sind Tiere! Dinge, die man benutzen kann, wie man will. Und? Sie haben uns erschaffen, Skar!«

»Aber das gibt ihnen nicht das Recht –«

»Es gibt ihnen jedes Recht«, fauchte Titch. »Sie sind unsere Schöpfer, begreifst du das nicht? Unsere Götter! Habt ihr Götter, Satai?«

»Natürlich«, antwortete Skar automatisch.

»Nein«, widersprach Titch. »Das habt ihr nicht. Ihr glaubt, sie zu haben. Ihr blickt in den Himmel und bevölkert ihn mit Wesen, die eurer Einbildung entspringen. Ihr habt euch eure Götter erdacht, Mensch. Unsere Götter sind wirklich. Ennart ist einer von ihnen.«

»Aber er ist wahnsinnig!« sagte Skar. »Er wird Enwor vernichten!«

»Er wird die Welt vernichten, die ihr erschaffen habt, ja«, antwortete Titch ungerührt. »Er hat das Recht dazu. Sie gehört ihm.«

»Das Recht? Das Recht, unsere beiden Völker auszulöschen?«

»Wenn er will, ja«, sagte Titch hart. »Aber er wird es nicht tun. Warum sollte er? Um über eine Welt der Toten zu herrschen? Über einen leeren Planeten? Du hast mich gefragt, ob ich zugehört habe, und das habe ich. Ich habe gehört, und ich habe verstanden. Jedes Wort, Skar. Die Zukunft gehört uns. Eure Zeit ist abgelaufen, auch wenn du es nicht wahrhaben willst. Vielleicht waren wir Tiere, und vielleicht sind wir es noch. Aber irgendwann einmal werden wir es sein, die das Schicksal dieser Welt bestimmen.«

Skar sagte nichts mehr. Aber er glaubte plötzlich noch einmal Trashs letzte Worte zu hören, so deutlich, als stünde der Quorrl hinter ihm und wiederholte sie. Sie sind wieder da!

Aber das war nicht alles, was er gesagt hatte. Er hatte noch etwas hinzugefügt, etwas, das er auch Titch nicht gesagt hatte, vielleicht nie mehr sagen würde, denn er spürte, daß es bereits zu spät dazu war. Sie sind wieder da, Satai. Und sie werden uns alle töten, erst uns und dann euch.

4. Kapitel

Sie hatten sich gefragt, wo die Drachen waren, die diesem Tal seinen Namen und dem ganzen östlichen Teil dieses Kontinents seinen Ruf verliehen hatten. Jetzt sah er sie: nördlich des Turmes, vielleicht hundert Fuß tief, eine Meile breit und sich in schwer zu schätzender Entfernung zu einem unregelmäßigen Oval verbreiternd, erstreckte sich eine offensichtlich künstlich angelegte Felsenschlucht, und da waren sie. Hunderte. Hunderte und Hunderte und Hunderte der riesigen geschuppten Bestien, eingepfercht in einer Koppel. Manchmal, vor allem nachts und wenn der Wind günstig stand, konnte Skar sie hören: ein dumpfes, unruhiges Grollen und Knurren, das niemals ganz aufhörte, manchmal aber fast so etwas wie eine Melodie zu bilden schien, wie ein fremder, schwermütiger Rhythmus, den er mit seinen groben menschlichen Sinnen nicht zu erfassen vermochte, der aber auch in ihm eine Saite zum Klingen brachte.

Skar stand oft hier oben und sah zu den Drachen hinab. Abgesehen vom Flüstern des Windes, der sich an den stählernen Flanken des Turmes brach, war ihr Grollen der einzige Laut, der in sein Gefängnis drang. Obgleich der Turm gar kein Turm war, sondern ein gewaltiges Geviert aus schwarzen stählernen Wänden, hatte Skar für sich beschlossen, ihn weiter als Turm zu sehen; obgleich dieser Turm also von Menschen und Quorrl (und auch einigen anderen Lebewesen, die er nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte) schier überzuquellen schien, war es hier oben absolut still. Hatte er noch während seines Gespräches mit Ennart geglaubt, es wären einfach die Fenster aus unsichtbarem Glas, die jedes Geräusch verschluckten, so hatte er bald danach begriffen, daß es mehr war. Ein weiteres Wunder dieses Turmes, das von der ungeheuren Macht seiner Erbauer kündete.

Zwei Tage waren seit dem ersten und bis zum Moment auch einzigen Gespräch mit Ennart verstrichen, und der dritte neigte sich seinem Ende entgegen. Er hatte den Ssirhaa nicht wiedergesehen, so wenig wie Titch, und er hatte den allergrößten Teil dieser Zeit hier draußen verbracht, auf einem kleinen, von einem nur hüfthohen schmiedeeisernen Gitter umschlossenen Balkon vor einem der drei Fenster. Obwohl es hier draußen merklich kühler als in seinem Quartier war, ging er fast nur hinein, wenn er es mußte. Drinnen hatte er das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können. Hier draußen …

Nun, hier konnte er sich wenigstens einreden, frei zu sein. Und in gewissem Sinne war er es auch. Jenseits des Balkongitters war nichts mehr, nur fünfhundert Fuß Tiefe und ein sekundenlanger, rasend schneller Fall, dem die Erlösung folgen würde, wenn er das wollte. Manchmal fragte er sich, ob Ennart ihm diesen Ausweg absichtlich offengelassen hatte, und wenn ja, warum: ob aus Grausamkeit oder Achtung.

Dabei war er keineswegs in seinem Zimmer eingesperrt. Er war ein Gefangener, aber er wurde behandelt wie ein Fürst. Vor der Tür seines Zimmers – die kein Schloß hatte! – standen Tag und Nacht zwei Männer, die ihm jeden Wunsch erfüllten. Wenn er um etwas bat und es nicht bekam, dann höchstens, weil es in der Stahlfestung nicht existierte. Der einzige Wunsch, den Ian ihm abgeschlagen hatte, war der nach einem Pferd und achtundvierzig Stunden Vorsprung gewesen. Im Turm durfte er sich frei bewegen, so lange und wohin er wollte. Aber es war eine Freiheit, die an den schwarzen Stahlwänden des Turmes endete, denn anders als bei Ennart oder Titch glitten sie nicht von selbst auseinander, wenn er sich einer der verborgenen Türen näherte. Ein paarmal war er zu Kiina gegangen, aber ihr Anblick hatte ihn jedesmal aufs Neue erschreckt, obwohl Ian die Wahrheit gesagt zu haben schien: ihr Zustand besserte sich sichtlich. Ihr Gesicht war noch immer von Krankheit und Siechtum gezeichnet, aber es war keine Totenfratze mehr, die ihm entgegengrinste, wenn er sich über ihr Lager beugte. Was ihn viel mehr erschreckte war, was sie mit ihr taten, denn er verstand es nicht. Und der Gedanke daran, daß nach Kiina auch er auf diesem Bett liegen sollte, gefangen im Netz einer stählernen Spinne, die sein Blut trank.

Aber sein eigenes Schicksal war nicht der Grund für seine Sorge. Skar hatte längst mit dem Leben abgeschlossen, und irgendwoher nahm er die zwar unbegründete, aber unerschütterliche Gewißheit, daß dieser Kampf so oder so mit seinem Tod enden würde. Was ihn beschäftigte, war vielmehr das, was außerhalb dieses Tales geschah. Wenn die Rechnung stimmte, die er für sich angestellt hatte, dann stand Del mit seinem Heer jetzt am Besh, noch zweihundert Meilen und mithin mindestens fünf Tagesmärsche von Ikne entfernt. Aber vielleicht war auch schon alles zu spät; die Schlacht, die er mit allen Mitteln hatte verhindern wollen, längst entschieden. Del mochte schneller vorangekommen sein, als sie angenommen hatten. Das Wetter mochte ihn begünstigt haben, der Widerstand geringer gewesen sein als erwartet … es gab tausend Wenn und Aber, die zwischen einem Plan und seiner Ausführung lagen. Er hatte Ian auch danach gefragt, aber der Zauberpriester hatte nur mit den Schultern gezuckt, und die Männer vor der Tür wechselten fast täglich und schienen wirklich nicht zu wissen, was außerhalb dieses Tales vorging. Manchmal glaubte er zu spüren, daß es schon zu spät war. Vielleicht war es schon zu spät gewesen, als es begonnen hatte.

Der Wind trug den zornigen Schrei eines Drachen heran, und Skar schrak abrupt aus seinen Gedanken. Einer der grauen Schatten bewegte sich auf den Ausgang der Schlucht zu. Skar wußte, daß er ihn nicht erreichen würde. Das Tal lief in einer geröllübersäten Böschung aus, die selbst für einen der großen Drachen zu ersteigen war, aber keines der Tiere tat es. Skar hatte mehrmals beobachtet, wie einer der Drachen aus seinem Gefängnis auszubrechen versuchte, und jeder Anlauf hatte gleich geendet. Auch dieses Tier stürmte wütend los, aber schon nach wenigen Dutzend Schritten erlahmten seine Bewegungen wieder, wurden langsamer, verloren ihre zornige Kraft und wurden schließlich zu einem fast unschlüssig wirkenden Schlendern. Ehe der Drache noch die Hälfte der Böschung erstiegen hatte, blieb er ganz stehen. Der Kopf auf dem langen schlangenartigen Hals bewegte sich verwirrt hin und her, und schließlich machte die Riesenechse kehrt und trottete zu ihren Artgenossen zurück. Anfangs hatte Skar geglaubt, daß es dort unten so etwas wie eine unsichtbare Mauer geben müsse, aber je langer er das Verhalten der Tiere beobachtete, desto mehr gelangte er zu der Überzeugung, daß es etwas anderes war. Vor dem Ausgang der Felsenschlucht war etwas, aber es war kein faßbarer Widerstand. Die Tiere benahmen sich, als lösche etwas ihren Willen aus, das Tal überhaupt zu verlassen.

Skar hatte dieser Beobachtung anfangs kaum Bedeutung zugemessen. Sie war nichts gegen all die anderen Wunder, die er in den letzten beiden Tagen erlebt hatte. Aber je länger er die Drachen beobachtete, desto wichtiger erschienen sie ihm. Es mußte einen Grund dafür gegeben haben, daß sie die Drachen zusammengetrieben und in dieses Tal gesperrt hatten. Sie hatten bewiesen, daß sie in der Lage waren, das geistige Band zwischen Drachen und Errish zu unterbrechen und selbst diese gigantischen Tiere unter ihren Willen zu zwingen. Wenn sie es nicht taten, sondern den Großteil der Drachen einsperrten, dann bedeutete das, daß auch ihrer Macht Grenzen gesetzt waren. Und dieser Gedanke beruhigte Skar.

Er glaubte nicht, daß ihm dies in irgendeiner Form helfen würde. Er hatte verloren, endgültig und total. Selbst die Stimme seines Dunklen Bruders schwieg. Der Daij-Djan, so schien es, war fort, ebenso ausgesperrt wie das Flüstern in seinen Träumen, das ihn fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Der Turm mochte die Quelle des bösen Flüsterns sein, aber er schien seine Bewohner auch gleichzeitig davor zu schützen.

Er wollte sich schon umdrehen und auf sein Zimmer zurückgehen, als ihm eine Bewegung über dem nördlichen Rand des Tales auffiel; ein rasches Flattern hoch oben in der Luft, das nach Augenblicken zu einem Schatten wurde, der sich nach wenigen weiteren Sekunden wieder teilte, bis Skar einen Trupp von insgesamt sechs Daktylen erkennen konnte, die sich in direkter Linie und sehr schnellem Flug auf den Turm zubewegten. Anschi und ihre Mädchen, die von ihrer täglichen Patrouille zurückkehrten. Skar hatte sie gestern beobachtet, und den Tag zuvor. Sie flogen immer zur gleichen Zeit fort und kehrten erst spät am Nachmittag zurück. Er fragte sich, was sie suchten, jetzt, wo Titch und er in der Gewalt der Zauberpriester waren.

Die Daktylen kamen rasch näher,, und Skar konnte jetzt die schlanken, in bestickte schwarze Mäntel gehüllten Gestalten auf ihren Rücken erkennen. Reglos blieb er auf dem kleinen Balkon stehen, bis die riesigen Flugechsen in kleiner werdenden Spiralen in den Hof der Festung hinabtauchten und damit aus seinem Blickwinkel verschwanden, dann drehte er sich um und ging in sein Zimmer zurück. Er merkte erst jetzt, wie kalt es draußen gewesen war, und auf seinen nackten Oberarmen erschien nachträglich eine Gänsehaut, obgleich hier drinnen eine behagliche Temperatur herrschte. Ein weiteres Wunder dieses Alptraumturmes: ganz gleich, wie kalt es draußen war, es war immer warm hier drinnen, obwohl nirgendwo ein Feuer brannte. Es war auch immer hell, obwohl es keine Fackeln oder sonstige Lichtquellen gab. Die Luft selbst schien in einem milden, gelben Licht zu strahlen.

Etwas geschah.

Skar konnte nicht sagen, was. Er sah nichts, hörte nichts, fühlte nichts … und doch: für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, eine Erschütterung zu spüren, etwas wie ein Wanken des Bodens unter seinen Füßen, ohne daß er sich auch nur um den Bruchteil eines Millimeters bewegte. Es war wie … ein Beben, nicht der Dinge, sondern der Realität. Als wären zwei Welten aufeinandergeprallt, hätten sich für einen unendlich kurzen Moment berührt und glitten nun wieder auseinander.

Skar taumelte. Für die Dauer eines Atemzuges wurde ihm schwindlig, und plötzlich war es ihm, als würde ein unsichtbarer Schleier von seinen Gedanken gehoben, eine erstickende Decke, die die ganze Zeit über dagewesen war, ohne daß er sie auch nur bemerkt hatte.

Verwirrt hob er die Hände ans Gesicht, fuhr sich über die Augen und sah sich um. Nichts hatte sich verändert. Der Raum war so kalt und unwohnlich wie immer, jeder Gegenstand an seinem Platz, und doch …

Es war, als sähe er ihn das erste Mal.

Das erste Mal so, wie er wirklich war.

Draußen auf dem Gang polterte etwas, und aus dem Hof klang das schrille, unwillige Kreischen einer Daktyle herauf. Skar hörte eine Stimme, ohne die Worte zu verstehen, die sie sagte. Er wollte sich zur Tür wenden, hielt dann aber mitten in der Bewegung inne, als die Stimme ein zweites Mal und näher erscholl.

Und plötzlich wußte er.

Von einer Sekunde auf die andere sah er alles ganz deutlich vor sich, so klar und logisch, daß er eine weitere Sekunde damit verschwendete, sich verblüfft zu fragen, wieso er nicht schon vor Wochen darauf gekommen war. Plötzlich wußte er, wer Ennart wirklich war, was er wirklich wollte und warum. Alles war ganz klar und logisch, alle Widersprüche mit einem Male erklärt, alle offenen Fragen beantwortet; einschließlich der, wieso es so lange gedauert hatte, bis er endlich begriff.

Etwas hatte ihn am Denken gehindert. Die gleiche Macht, die die Seelen jeder denkenden Kreatur Enwors vergiftete, hatte auch sein Bewußtsein getrübt. Nicht so sehr, daß es ihm aufgefallen wäre, sondern behutsam, wie ein schleichendes, heimtückisches Gift, das seine Gedanken immer nur dann unterbrach, wenn sie sich in eine ganz bestimmte Richtung bewegten …

Del! dachte Skar entsetzt. Großer Gott! Del und das gesamte Heer würden …

Der Gedanke entglitt ihm. Etwas wie ein unsichtbarer, stählerner Besen schien durch seinen Schädel zu fahren und sein Bewußtsein umzustülpen. Plötzlich war wieder nichts als Chaos in seinen Gedanken, alle Teile des Mosaiks noch immer da, aber wieder in heilloser Unordnung. Das Bild, das er für den Bruchteil einer Sekunde in aller Deutlichkeit gesehen hatte, zerbarst wie eine Glasscheibe in Millionen Teile, und dann glaubte er zum zweiten Mal etwas wie ein Erdbeben der Schöpfung selbst zu fühlen. Der Schleier war wieder da. Skar konnte fühlen, wie sich ein ganz bestimmter Aspekt seines Bewußtseins trübte, ohne daß er in der Lage war, etwas dagegen zu tun. Was immer geschehen war, sie hatten es rückgängig gemacht, kaum daß sie ihren Fehler bemerkt hatten.

Verwirrt sah er sich um. Es war wieder still. Aber die Betonung lag auf dem Wort wieder. Er hatte den Schrei der Daktyle nicht vergessen. Auch das magische Schweigen des Turmes war fort gewesen, so wie das unsichtbare Spinnennetz in seinem Kopf, das ihn am Denken hinderte. Für Augenblicke, da war er sicher, hatte die gesamte ungeheuerliche Maschinerie dieses Turmes versagt. Und diese Erkenntnis war ungeheuer wichtig. Er hielt sie fest wie einen Schatz. Mit einem Ruck drehte er sich um und eilte zur Tür.

Im nächsten Moment taumelte er zwei Schritte zurück und sank mit einem Schmerzlaut auf die Knie, denn die Tür wurde so hart aufgestoßen, daß sie ihm vermutlich alle Knochen im Leib zerschmettert hätte, hätte sie ihn voll getroffen und nicht nur gestreift. Unter der Öffnung erschien eine taumelnde Gestalt: einer der beiden Männer, die draußen bereitgestanden hatten, um seine Wünsche zu erfüllen. Sein Gesicht war eine Grimasse der Qual, und sein Mund hatte sich zu einem Schrei geöffnet, ohne daß auch nur der geringste Laut über seine Lippen kam. Sein Wams war rot. Etwas hatte seine Kehle zerfetzt.

Skar fand kaum Zeit, seinen Schrecken zu überwinden, denn hinter dem Sterbenden wuchs plötzlich eine riesenhafte, breitschultrige Gestalt mit einem Gesicht aus Schuppen und Panzerplatten in die Höhe. Von ihrer rechten Hand tropfte Blut.

Skar ließ sich einfach zur Seite fallen, als der Quorrl mit einem Wutschrei auf ihn losstürmte, wobei er den sterbenden Zauberpriester einfach beiseite schleuderte. Er entging dem Fausthieb des Giganten nur um Haaresbreite, rollte sich blitzschnell zur Seite und versuchte auf die Füße zu kommen, aber er hatte die Schnelligkeit seines Gegners unterschätzt. Der Quorrl tobte vor Zorn, aber es war nicht jene Art von Zorn, die ihn blind gemacht hätte. Noch ehe Skar sich halb erhoben hatte, war er heran, packte ihn und schleuderte ihn quer durch den Raum. Skar prallte mit furchtbarer Wucht gegen die Wand neben dem Balkon, sank halb benommen zu Boden und kämpfte mit aller Macht gegen die Bewußtlosigkeit an, die seine Gedanken zu verschlingen drohte. Er hörte die Schritte des Quorrl und sah den Giganten als verzerrten Schatten auf sich zustampfen. Er wollte die Fäuste heben, um sich wenigstens zu wehren, aber seine Arme schienen plötzlich Zentner zu wiegen. Der Angriff war so vollkommen überraschend gekommen, daß er nicht die Spur einer Chance gehabt hatte.

Draußen auf dem Gang erscholl ein gellender Schrei. Waffen klirrten, und eine weitere schuppengepanzerte Gestalt erschien unter der Tür.

Wahrscheinlich war es das Auftauchen dieses zweiten Quorrl, das Skar das Leben rettete, denn der Reptilienkrieger rief seinem Kameraden etwas zu, woraufhin dieser mitten in der Bewegung innehielt und sich zu ihm herumdrehte, um ihm zu antworten. Und so kurz diese Frist war, sie reichte.

Es war, als rastete irgendwo tief in Skar etwas mit einem spürbaren Ruck ein, und plötzlich war die Kraft da, die er all die Zeit über so schmerzlich vermißt hatte. Die unsichtbaren Tonnengewichte an seinen Gliedern waren fort, der grausame Schmerz in seinem Rücken erlosch, nicht abgeschaltet, aber in einem Winkel seiner Wahrnehmungen zurückgedrängt, in dem er ihn nicht mehr behinderte. Von einer Sekunde auf die andere war Skar nur noch Satai.

Mit einem Ruck stemmte er sich in die Höhe und hob die Hände; die linke zur Faust geballt und gegen die Hüfte gepreßt, die andere lose und halb geöffnet vor der Brust kreisend. Jeder Muskel in seinem Körper war bis zum Zerreißen angespannt.

Der Quorrl registrierte die Bewegung und griff übergangslos wieder an, aber Skar reagierte plötzlich mit einer Schnelligkeit, die er nicht erwartet hatte. Der Quorrl schlug nach seinem Gesicht, aber Skar drehte blitzschnell den Kopf zur Seite, so daß seine Faust gegen die Wand krachte. Der Quorrl schrie vor Schmerz, und Skar gewann einen weiteren, kostbaren Sekundenbruchteil. Seine Handkante traf den Kehlkopf des Quorrl mit aller Macht; ein Hieb, der einen Menschen auf der Stelle getötet hätte und selbst diesen Giganten aufstöhnen ließ.

Er beging nicht den Fehler, den Quorrl wirklich angreifen zu wollen. Der Schuppenkrieger wog mindestens doppelt so viel wie er und bestand nur aus Muskeln und stahlharten Panzerplatten. Selbst wenn Skar bewaffnet gewesen wäre, wäre der Ausgang dieses Kampfes höchst ungewiß gewesen. Aber er hatte seinen Gegner erschüttert und damit die winzige Frist gewonnen, die er brauchte. Skar tauchte blitzschnell unter den Armen des Quorrl hindurch, brachte zwei, drei Schritte Distanz zwischen sich und seinen riesenhaften Gegner und fuhr herum.

Der Quorrl stand noch immer neben dem Fenster und preßte seine Hand gegen die Kehle. Er atmete röchelnd. Blut lief über seine Schuppenhaut. Seine Hand mußte gebrochen sein, und das Atmen bereitete ihm sichtliche Mühe. Der zweite Quorrl war unter der Tür stehengeblieben und rührte sich nicht, nur sein Blick folgte mißtrauisch jeder Bewegung Skars. Wenn sie ihn gemeinsam angriffen, dachte er, dann war er verloren.

Aber das geschah nicht. Nach einer Sekunde drehte sich der zweite Quorrl wortlos herum und verschwand wieder auf dem Gang, offensichtlich vollkommen davon überzeugt, daß sein Kamerad allein mit Skar fertig werden würde.

Skar teilte diese Überzeugung sogar. Er hatte mehr als einmal gegen Quorrl gekämpft, und er hatte mehr als einen von ihnen getötet, aber da war er bewaffnet gewesen oder hatte zumindest Platz gehabt, um den einzigen Vorteil auszuspielen, den ein Mensch einem Quorrl gegenüber hatte: seine Schnelligkeit. Jetzt hatte er nichts als seine leeren Hände und ein Zimmer, das zwar groß war, aber nicht groß genug, um seinem Gegner davonzulaufen. Und selbst wenn es ihm gelang: draußen auf dem Gang wartete mindestens ein weiterer Quorrl auf ihn; dem Lärm nach zu schließen, den er hörte, sogar mehrere.

Skar hatte keine Angst. Dazu war er viel zu angespannt, sowohl körperlich als auch geistig. Sein Blick glitt über die riesige Gestalt des Quorrl, suchte nach einer Blöße, einem noch so winzigen Anzeichen von Schwäche oder Unaufmerksamkeit und fand keines. »Was soll das?« fragte er, nur um Zeit zu gewinnen. »Wieso greift ihr mich an? Ich gehöre zu euch!«

Der Quorrl antwortete nicht. Skar bezweifelte sogar, daß er seine Worte überhaupt verstanden hatte; vielleicht nicht einmal gehört. Der Quorrl war … nicht normal, dachte Skar alarmiert. Nicht im Sinne von verrückt, sondern … verändert. Was ihm gegenüberstand, war kein denkendes Wesen mehr. Die Wildheit in den Augen des Quorrl war die einer reißenden Bestie. Der Quorrl schien nur noch aus Haß zu bestehen. Sie sind Tiere, hatte Ennart gesagt.

Mit wiegenden, vorsichtigen Schritten kam der Quorrl näher. Er bewegte sich langsam, aber jeder Muskel in seinem gewaltigen Körper war angespannt, und seine Augen waren trotz der lodernden Mordlust darin hellwach und erschreckend klar. Seine Hände – sowohl die gesunde als auch die gebrochene – waren zu Krallen geöffnet und vor die Brust erhoben; die Beine des Quorrl waren gespreizt und leicht eingeknickt. Er hob die Füße kaum vom Boden, sondern schlitterte mehr auf Skar zu, als er ging. Reißende Bestie oder nicht: Skar begriff, daß der Quorrl die Kampftechnik, deren Verteidigungshaltung er eingenommen hatte, sehr wohl kannte und wahrscheinlich auch darauf zu reagieren wußte. Bedrückt dachte er an einen seiner Lieblingssätze zurück, die er Del immer und immer wieder eingebleut hatte: Wenn zwei Männer die gleiche Art zu kämpfen beherrschen und gleich gut sind, dann gewinnt am Schluß einfach der, der stärker ist oder die größere Ausdauer hat. Und er war nicht einmal sicher, ob dieser Quorrl wußte, was das Wort Erschöpfung bedeutete …

Hastig wich er zwei, drei Schritte vor dem graugrünen Giganten zurück, prallte mit dem Rücken gegen die Wand und sah sich gehetzt um. Er saß in der Falle. Der Quorrl hatte ihn in eine Ecke des Zimmers getrieben, aus der es kein Entkommen mehr gab. Wenn er nach rechts auswich, würde er direkt in die tödlichen Klauen des Riesen laufen, und in der anderen Richtung war nur das Fenster und der kleine Balkon, der …

Skar faßte keinen bewußten Plan, aber sein Unterbewußtsein wußte plötzlich ganz genau, was zu tun war, und es übernahm kurzerhand die Kontrolle über seine Handlungen. Er bewegte sich blitzschnell, und auf eine Art, die jeden Gegner überrascht hätte: ein angedeuteter Schritt nach links, den der Quorrl als Trick durchschaute und auch durchschauen sollte, eine blitzschnelle Bewegung nach rechts und eine blitzschnelle Drehung, die ihn mitten aus der Bewegung heraus abermals nach links und aus der Reichweite der fürchterlichen Krallen seines Gegners brachte.

Der Quorrl brüllte vor Zorn, als seine Hände ins Leere griffen, und kämpfte für eine halbe Sekunde um sein Gleichgewicht. Skar war mit einem Satz bei der Tür, stürmte auf den Balkon hinaus und warf sich zur Seite. Seine weit ausgestreckten Hände packten das dünne Ziergitter, während sein Körper einen grotesken Dreiviertel-Salto in der Luft schlug und dann mit entsetzlicher Wucht gegen die Außenwand des Turmes prallte. Seine linke Hand glitt von dem dünnen Metall ab. Für einen schrecklichen Moment hing er nur an einer Hand über dem Abgrund, dann fanden seine Finger wieder Halt und drohten ein zweites Mal abzugleiten, als der gesamte Turm unter der Wucht zu erzittern schien, mit der der Quorrl gegen die Balkonbrüstung prallte. Der Quorrl brüllte vor Schrecken und Schmerz, wurde vom Schwung seines eigenen ungestümen Ansturmes weitergerissen und kippte mit hilflos rudernden Armen nach vorne. Er schrie. Seine Hände griffen verzweifelt um sich, bekamen für einen Sekundenbruchteil das Metallgitter zu fassen und glitten wieder ab. Mit einem gellenden Schrei stürzte der Quorrl an Skar vorbei in die Tiefe.

Auch Skar kämpfte verzweifelt um seinen Halt. Seine Schultern schmerzten unerträglich, und der furchtbare Ruck, mit dem er seinen Sturz abgefangen hatte, hatte etwas in seinem Rücken verzerrt; er konnte den rechten Arm nur unter Schmerzen bewegen. Seine Fußspitzen glitten scharrend über die glatte Außenwand des Turmes und suchten nach Halt, ohne ihn zu finden. Der Abgrund schien an seinen Beinen zu zerren wie mit unsichtbaren Schlangenarmen. Der Druck auf seine Schultern wurde unerträglich. Noch ein paar Sekunden, und er würde dem Quorrl auf seinem Weg in die Tiefe Gesellschaft leisten.

Mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete Skar sich Hand über Hand in die Höhe, zog in einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung die Knie an den Körper und versuchte den Fuß über die Balkonbrüstung zu schwingen.

Seine Kraft reichte nicht. Sein Fuß glitt ab, und Skar kämpfte ein zweites Mal mit verzweifelter Anstrengung darum, nicht vom eigenen Körpergewicht in die Tiefe gerissen zu werden. Der Schmerz in seinem Rücken wurde stärker. Er mußte ernsthaft verletzt sein. Es gelang ihm nicht länger, das Stechen und Wühlen zu ignorieren, und er spürte voller Entsetzen, wie es langsam in eine betäubende Schwere überging, die seine Schulter lähmte, dann seinen Oberarm.

Als die Lähmung seine Hand erreichte und seine Finger endgültig abzurutschen drohten, packte eine gewaltige Kralle nach seinem Arm. Skar wurde brutal nach oben gerissen. Seine Brust schrammte schmerzhaft über das Balkongitter, und dann legte sich eine zweite, entsetzlich starke Hand um seine Kehle und drückte zu. Das schuppige Gesicht des Quorrl starrte ihn an, die Lippen zu einem tödlichen Raubtiergrinsen gebleckt. Der Druck auf Skars Hals wurde unerträglich. Noch eine Sekunde, und der Quorrl würde ihm einfach den Kehlkopf zerquetschen.

Und in diesem Augenblick erkannte Skar den Quorrl.

»Titch!« keuchte er ungläubig.

Er wußte nicht, woher er den Atem nahm, dieses Wort zu flüstern, aber es gelang ihm, und Titch hörte es. Für eine winzige, endlose Sekunde erstarrte der Quorrl. Der Druck seiner Hand ließ nicht nach, aber er steigerte sich auch nicht noch mehr. Titch stand einfach reglos da, wie gelähmt, Skar an einem Arm und dem Hals gepackt haltend wie ein Spielzeug.

Skar wehrte sich verzweifelt mit dem bißchen Kraft, das er noch hatte. Er versuchte nach dem Quorrl zu treten, traf aber nur das eiserne Gitter, das sich noch immer zwischen ihm und Titch befand. Seine freie Hand schlug nach Titchs Gesicht, aber in seinen Hieben war keine Gewalt mehr, und Titchs Augen befanden sich nicht in Reichweite seiner tastenden Finger.

Titch stöhnte; ein tiefer, grollender Laut, der nicht aus seiner Kehle kam, sondern tief aus seiner Brust. In die flackernde Mordlust in seinem Blick mischte sich Entsetzen; Schmerz, der weit über körperliche Pein hinausging. Er wankte, riß Skar mit einem jähen Ruck noch weiter in die Höhe und ließ ihn unvermittelt los.

Skar stürzte schwer auf den metallenen Boden des Balkons und blieb liegen. Sein Herz raste. Titchs Hand schien noch immer an seinem Hals zu sein. Er konnte nicht atmen, und in seinen Lungen war ein stacheliger Ball aus Feuer, der ihn vor Schmerz hätte aufschreien lassen, hätte er die Luft dazu gehabt. Mit letzter Kraft wälzte er sich auf den Rücken und konzentrierte all seinen Willen darauf, zu atmen, eine simple Tätigkeit, die plötzlich unendlich schwer geworden war.

Es gelang ihm. Flüssiges Feuer rann seine Kehle hinab und verbündete sich mit dem Schmerz in seinen Lungen, aber plötzlich bekam er wieder Luft. Tränen des Schmerzes in den Augen, richtete Skar sich auf, schlug beide Hände gegen den Hals und atmete keuchend und so schnell, daß ihm schwindlig wurde. In seinem Kopf drehte sich alles. Schwäche überflutete ihn wie eine warme, schmeichelnde Woge. Aber er durfte der Verlockung nicht nachgeben. Wenn er die Augen schloß und sich gestattete, das Bewußtsein zu verlieren, würde er nie wieder erwachen. Mit aller Macht zwang sich Skar, den Kopf zu heben.

Als er die Augen öffnete, stand Titch über ihm, breitbeinig, noch immer halb gelähmt vor Schrecken und Entsetzen, aber in veränderter Haltung: seine rechte Hand war zur Faust geballt und zum tödlichen Schlag erhoben. Seine Augen waren weit. »Du!« flüsterte er. »DU!«

Der Klang dieses einzelnen Wortes ließ Skar erschauern, denn es lag ein Haß darin, wie er ihn niemals zuvor in der Stimme eines lebenden Wesens gehört hatte.

»Titch!« würgte Skar hervor. »Ich bin es! Skar! Titch

Titchs Blick flackerte. Sein Mund öffnete sich zu einem hellen, fast winselnden Stöhnen – und plötzlich fuhr er herum, schrie wie unter unerträglichem Schmerz auf und schlug die Faust mit aller Gewalt gegen die Wand. Seine Knöchel platzten auf. Blut lief über seine Hand und besudelte Titchs Lippen, als er zurücktaumelte und die Faust gegen den Mund preßte.

Skar versuchte auf die Beine zu kommen, aber seine Beine knickten einfach unter ihm weg. Mühsam kroch er auf den Quorrl zu, hob den Arm und versuchte nach ihm zu greifen, aber Titch wich mit einem neuerlichen Schrei vor ihm zurück, preßte sich gegen die Wand und begann zu wimmern.

»Nein!« stöhnte er. »Geh … weg, Skar. Flieh! Flieh, oder ich muß dich töten!«

»Das wirst du . nicht tun«, krächzte Skar. Er wollte den Quorrl anschreien, aber er konnte es nicht: sein Hals war ein einziger, pulsierender Schmerz. Alles, was er zustande brachte, war ein heiseres Flüstern. »Kämpfe dagegen. Du kannst es, Titch. Es ist dasselbe, was … sie mit mir getan haben, und allen anderen. Aber jetzt trifft es euch. Es ist … nicht dein … Wille.«

Der Quorrl schlug die Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen. Langsam sank er an der Wand entlang zu Boden und legte den Kopf auf die Knie. Seine Krallen fuhren mit scharrenden Geräuschen über den Stahl des Turmes.

»Geh, Skar«, keuchte er. »Ich will es nicht, aber etwas … zwingt mich.«

»Kämpfe dagegen!« sagte Skar beschwörend. »Du kannst es. Es ist dieser verdammte Turm, Titch. Die gleiche Macht, die mich zwingen wollte, dich zu töten! Ich habe sie besiegt, und du kannst es auch!«

Der Quorrl krümmte sich wie unter Schlägen. Sein ganzer Körper bebte, und seine Augen schienen aus den Höhlen zu quellen, als er Skar ansah. Speichel quoll über seine Lippen und vermischte sich mit dem Blut auf seinem Kinn. Er sah nun wirklich aus wie ein Ungeheuer; ein Raubtier, das soeben sein Opfer gerissen hatte.

»Kämpfe dagegen an!« sagte Skar noch einmal. »Du kannst es. Wenn ich es gekonnt habe, dann kannst du es auch. Titch

Titch schrie wie unter Schmerzen, bäumte sich auf – und löschte Skars Bewußtsein mit einem einzigen, furchtbaren Fausthieb aus.

5. Kapitel

Es war alles vorbei, als er erwachte. Der Turm war wieder vom wispernden Pulsschlag seines metallenen Herzens erfüllt, und in seinem Kopf war wieder das graue Gespinst, das einen kleinen, aber ungemein wichtigen Teil seines Gedächtnisses verhüllte. Aber es gab einen Unterschied, und der war immens: er wußte jetzt, daß es da war. Er wußte, daß es Fragen gab und die dazu passenden Antworten, und daß er beides kannte. Das Wissen war da, verborgen, aber da. Irgendwie würde es ihm gelingen, es zutage zu fördern.

Skar öffnete behutsam die Augen und blinzelte in das grelle, schattenlose Licht des Turmes. Gestalten bewegten sich um ihn herum, redeten miteinander und taten etwas mit ihm. Sein Kopf tat ein wenig weh – nicht sehr, gerade genug, ihn daran zu erinnern, warum er das Bewußtsein verloren hatte und in seinem Mund war der Geschmack von Blut. Vorsichtig versuchte er sich aufzusetzen und stellte zu seiner eigenen Überraschung fest, daß es leichter ging, als er erwartet hatte.

In seiner linken Armbeuge war ein dünner, stechender Schmerz. Skar sah an sich herab und gewahrte einen durchsichtigen, biegsamen Schlauch, der sich über seinen Arm ringelte und in einer dünnen Nadel endete, die in seiner Vene stak. Angewidert riß er beides ab und warf es zu Boden. Die Belohnung waren ein weitaus heftigerer, brennender Schmerz in seinem Arm und ein unwilliger Ausruf einer der Gestalten, die mit ihm im Zimmer waren. Skar sah auf und blickte in ein Gesicht, das er im ersten Moment für das Ians hielt, bis ihm auffiel, daß es älter war und die Augen darin nicht so voller Haß und Zorn wie die Ians.

»Was tust du da?« herrschte ihn der Zauberpriester an. »Wie zum Teufel sollen wir …«

»Laß ihn, Cal«, unterbrach ihn eine Stimme. »Es ist gut. Ich mache das schon.«

Obwohl er die Stimme erkannt hatte, war er ein wenig überrascht, Anschi zu sehen. Mit einem Lächeln trat sie neben den Zauberpriester und machte eine rasche, besänftigende Bewegung. »Bitte laß uns allein.«

Cal zögerte. Aus irgendeinem Grund schien er Respekt vor Anschi zu empfinden, aber zugleich maß er Skar mit einem Blick, der ihm klarmachte, daß er ihn für gefährlich hielt und daß ihm der Gedanke nicht gefiel, die Errish mit ihm allein zu lassen. Aber schließlich zuckte er nur mit den Schultern und verließ den Raum.

»Bleib sitzen«, sagte Anschi, als Skar sich erheben wollte. Sie drehte sich zu einem kleinen Tischchen um, nahm eine blitzende Schale aus Metall und einige saubere Tücher an sich und kam auf ihn zu. Mit einem schnellen, harten Griff nahm sie seine linke Hand, drehte sie so herum, daß sie seine Armbeuge sehen konnte, und runzelte mißbilligend die Stirn. Wo die dünne Nadel gesessen hatte, quoll ein einziger Blutstropfen aus Skars Haut. Es tat sehr weh.

Was Anschi anschließend mit ihm tat, auch. Sie tupfte das Blut von seinem Arm, träufelte einige Tropfen einer farblosen, durchdringend riechenden Flüssigkeit auf seine Haut, die im ersten Moment wohltuend kühlten, dann aber wie Säure brannten, und legte ihm abschließend einen dünnen Verband an, der es ihm fast unmöglich machte, den Arm zu krümmen. Dann stand sie auf, betastete mit geübten Bewegungen seinen Rücken und murmelte ein paar Worte, die er nicht verstand und die vermutlich auch nicht ihm galten. Ihre Berührung fachte den Schmerz in seinem Rücken zu neuer Wut an, statt ihn zu mildern, aber Skar ließ alles mit zusammengebissenen Zähnen und ohne einen Laut über sich ergehen. Sie hatte ihm schon einmal bewiesen, daß sie vielleicht nicht besonders zartfühlend, aber nichtsdestotrotz eine gute Heilerin war.

Als sie fertig war, trat sie einen Schritt zurück und begutachtete ihn mit schräggehaltenem Kopf. »Deine Quorrl-Freunde haben dich ganz schön zugerichtet«, sagte sie. »Hast du Schmerzen?«

»Würde es dich zufriedenstellen, wenn ich ja sage?« gab Skar zurück.

Anschi ignorierte seine Antwort. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens nahm sie ein weißes Tuch vom Tisch und band es zu einer Schlinge, die sie ihm über die Schulter hing. Skar wollte protestieren, als sie seinen Arm ergriff und kurzerhand hineinlegte, aber Anschi berührte nur kurz eine Stelle unterhalb seines Schulterblattes, und er stöhnte vor Schmerz auf. Anschi blickte ihn fragend an, und Skar zwängte sich ein gepreßtes »Danke« ab.

»Wofür?« Die Errish trat abermals einen Schritt zurück und maß ihn mit einem langen, kopfschüttelnden Blick. »Du hast Glück, daß du noch lebst, weißt du das?«

Etwas war an dieser Frage nicht so harmlos, wie es klingen sollte, das spürte Skar. Er fragte sich, wieviel Anschi von dem wußte, was wirklich geschehen war. Und auf welcher Seite sie stand. Er zuckte nur mit den Achseln.

Anschi wirkte enttäuscht, hatte sich aber gut genug in der Gewalt, keine weitere Frage zu stellen, sondern sich für die nächsten Sekunden damit zu beschäftigen, so zu tun, als sortiere sie ihre Utensilien auf dem kleinen Tisch neben Skars Lager. Sie war eine gute Schauspielerin; aber nicht gut genug, Skar täuschen zu können. Er war plötzlich sicher, daß sie nicht hier war, um sich um sein Wohlergehen zu kümmern; abgesehen von allem anderen hätten Ian und seine Maschinen das wahrscheinlich ungleich besser gekonnt als sie. Sie war eine Heilerin, Ian ein Arzt. Und Skar begann allmählich zu begreifen, daß das ein größerer Unterschied war, als er bisher auch nur geahnt hatte.

»Was ist passiert?« fragte er.

Anschi zuckte mit den Schultern und fuhr fort, Tücher und Instrumente von einer silbernen Schale in eine andere silberne Schale und zurück zu sortieren. »Ich weiß es nicht genau«, sagte sie. »Ein paar der Quorrl haben einfach durchgedreht, denke ich. Wundert dich das?« Sie hielt für einen Moment in ihrer unsinnigen Tätigkeit inne und sah ihn abschätzend an, ehe sie ihre eigene Frage beantwortete. »Ja, sicherlich wundert dich das. Du schätzt diese Tiere ja höher ein als menschliches Leben, nicht wahr?«

Skar überhörte die Beleidigung, nicht nur willentlich, sondern wirklich. Anschi log; und nicht einmal besonders gut. Es waren nicht nur ein paar Quorrl gewesen. Irgend etwas Gewaltiges, Grundsätzliches, das diesen ganzen Turm betroffen hatte, nicht nur die Quorrl. Er fragte sich, warum sie ihn belog, und noch dazu so offensichtlich.

»Ist Kiina unverletzt?«

»Natürlich«, antwortete Anschi. »Es geht ihr sogar besser als je zuvor.« Sie lächelte spöttisch. »Du liegst in ihrem Bett.«

Skar fuhr hoch, was Anschis Lächeln noch ein wenig breiter und abfälliger werden ließ. »Wo ist sie?«

»In einem anderen Zimmer. Du kannst sie sprechen – später. Im Augenblick schläft sie.« Anschi machte eine unwillige Handbewegung auf die Liege, von der Skar so abrupt aufgesprungen war. »Du kannst gleich hierbleiben«, fuhr sie fort. »Ian brennt darauf, dich in die Finger zu bekommen …«

»Das kann ich mir denken«, knurrte Skar.

»… um dir die gleiche Behandlung zuteil werden zu lassen wie ihr«, fuhr Anschi unbeeindruckt fort. »Sie ist wieder vollkommen gesund.«

Skar antwortete nicht, aber sein Blick schien eine sehr beredte Sprache zu sprechen, denn Anschi seufzte tief und irgendwie resignierend, fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das Haar und machte eine müde Geste auf seinen linken Arm und das silberne Band um sein Gelenk. »Wie lange willst du das Ding noch tragen?«

»Glaubst du, daß es auf ein paar Stunden mehr oder weniger ankommt?«

»Es spielt keine große Rolle, was ich glaube. Du scheinst immer noch nicht zu glauben, daß du hier unter Freunden bist.« Sie seufzte wieder. Während sie sprach, hatte ihre Stimme jenen leicht singenden, halb resignierten Tonfall angeschlagen, in dem man mit einem störrischen Kind spricht. Sie wartete Skars Antwort auch gar nicht ab, sondern drehte sich zur Tür und machte eine einladende Geste.

»Du kannst mit Kiina reden, wenn du Angst hast, daß wir dich vergiften wollen«, sagte sie spöttisch. »Oder vielleicht verzaubern

»Sagtest du nicht gerade, daß sie schläft?«

»Wir wecken sie auf.«

Skars Mißtrauen war keineswegs beseitigt; und wie auch? Er hatte erlebt, wie mühelos Ennart und seine Zauberpriester den Willen eines Menschen zu brechen vermochten. Schließlich war auch Anschi nicht sie selbst; nichts an ihrer Stimme, ihren Bewegungen und Gesten und ihrem Blick erinnerte an einen Menschen, der nicht Herr seines Willens war, und doch war die junge Errish nicht mehr als eine Marionette, die Ennart zu ihm geschickt hatte, um …

Ja, was eigentlich? Er wußte es nicht, und noch bevor er sein vages Mißtrauen in einen Gedanken oder gar eine Frage kleiden konnte, wandte Anschi sich endgültig um und verließ den Raum. Skar folgte ihr über den Eisenkorridor bis zu einer weiteren, gleichförmigen Tür, hinter der sich ein überraschend heller Raum befand. Kiinas Zimmer, das drei Fenster hatte wie sein eigenes. Draußen über dem Hof schien die Sonne; noch oder schon wieder. Entweder, er war nur wenige Augenblicke bewußtlos gewesen, oder die ganze Nacht, dachte er erschrocken. Vielleicht mehr als nur eine Nacht.

Kiina schlief, wie Anschi behauptet hatte, aber sie lag nicht im Bett, sondern saß in einem hochlehnigen, geschnitzten Stuhl direkt vor dem größten der drei Fenster, so daß der Sonnenschein direkt auf ihr Gesicht fiel und Skar für einige Sekunden Gelegenheit bekam, sie in aller Ruhe zu betrachten. Ihre Züge waren entspannt und wirkten sehr friedlich. Sie sah noch immer ein wenig krank aus, aber wirklich nur noch ein wenig – ihre Haut war blaß, und unter den Augen und auf den Wangen lagen angedeutete Schatten, die ihr etwas sonderbar Verwundbares und gleichzeitig Reizvolles gaben. Wie fast immer in letzter Zeit, wenn Skar sie ansah, überkam ihn ein rasches, heftiges Gefühl von Zuneigung, eine Wärme und Verbundenheit, die ein bißchen wie Liebe war, aber von einer Art, wie er sie nie zuvor kennengelernt hatte. Eine Zärtlichkeit völlig neuer, ihn selbst verwirrender Weise. Das schlafende Mädchen hatte etwas an sich, das es schutzbedürftig machte. Skar verspürte plötzlich den Wunsch, die Hand auszustrecken und Kiinas Wange zu streicheln. Er war zornig auf sie gewesen, weil sie ihm die Verantwortung für ihr Leben aufgebürdet hatte, ohne ihn zu fragen, ob er das überhaupt wollte, aber jetzt begriff er, wie lächerlich er sich verhalten hatte. Sie verlangte nicht nur, sie gab auch. So schwer es sein mochte, für das Leben eines anderen zu bürgen, so wichtig war es auch, denn es gab dem eigenen Leben einen Sinn.

Anschi zerstörte den Zauber des Augenblicks, indem sie neben Kiina trat und sie unsanft an der Schulter rüttelte, bis sie die Augen aufschlug. Das Mädchen blinzelte, hob verwirrt die Hand ans Gesicht und sah erst die Errish, dann Skar an. Für eine halbe Sekunde blieb ihr Blick leer, dann erkannte sie Skar und lächelte.

»Wie fühlst du dich?« fragte er leise.

»Gut«, antwortete Kiina automatisch. »Müde. Was ist … wo–« Sie stockte, als ihre Erinnerungen schlagartig zurückkehrten, blickte Anschi mit neuem Schrecken an und stand mit einem Ruck auf.

Um aus der gleichen Bewegung heraus in Anschis Arme zu stürzen, die gedankenschnell vortrat und sie auffing. Skar war ihr sogar näher, aber Anschi schien die Bewegung vorausgeahnt zu haben.

Eine halbe Sekunde lang blieb Kiina reglos und zitternd stehen, wie ein Kind an die Brust des kaum älteren Mädchens gepreßt. Dann riß sie sich los, wich mit einem Schritt an Skars Seite zurück und funkelte Anschi zornig an.

»Faß mich nicht an!« sagte sie. »Rühr mich nie wieder an, du verdammte Hexe!«

»Wie du willst.« Die Errish zuckte scheinbar gleichmütig mit den Schultern. »Das nächste Mal lasse ich dich fallen – einverstanden?«

»Du –«

»Kiina!« Skar ergriff das Mädchen bei den Schultern und drehte es mit sanfter Gewalt herum, allein um den Blickkontakt zwischen ihr und der Errish zu unterbrechen. Ihre Zeit war zu kostbar, um sie mit etwas so Sinnlosem wie einem Streit zwischen Anschi und ihr zu vergeuden. »Sie kann nichts dafür«, sagte er sanft, aber so eindringlich, wie er konnte, ohne theatralisch zu werden.

»Bist du da so sicher?« fragte Anschi.

Skar sah sie über Kiinas Schulter hinweg scharf an. Aber er schluckte die ärgerliche Bemerkung herunter, die ihm auf der Zunge lag. »Würdest du uns einen Moment allein lassen?« bat er.

»Nein«, sagte Anschi freundlich.

Kiina sog hörbar die Luft ein, und auch Skar verspürte erneut Zorn, den er diesmal kaum noch zu beherrschen vermochte.

»Wir werden sie jetzt wieder allein lassen«, fuhr Anschi mit einer Kopfbewegung auf Kiina fort. »Sie braucht Ruhe, Skar.« Mit einem gezwungenen Lächeln wandte sie sich an Kiina. »Du wirst sehen, Kleines: wenn du erst einmal vierundzwanzig Stunden geschlafen hast, sieht alles ganz anders aus.«

»Ich glaube, ich habe eine Woche geschlafen«, murmelte Kiina.

»Nicht ganz«, antwortete Anschi. »Und es war auch kein Schlaf. Du warst …« Sie zögerte, suchte nach Worten und zuckte mit den Schultern. »Du warst beinahe tot«, sagte sie schließlich. »Eine interessante Erfahrung, wie ich vermute. Irgendwann mußt du mir davon erzählen.«

Zu Skars Überraschung blieb Kiina ganz ruhig. Nur die Wahl ihrer Worte paßte nicht zu dem Ton, in dem sie sprach. »Sicher. Ganz kurz, bevor ich dich umbringe, du Miststück.«

Anschi lachte, ging aber nicht weiter auf das Geplänkel ein, sondern wiederholte ihre auffordernde Geste, sich wieder zu setzen. Und Skar gab ihr sogar recht. Kiina war verwirrt. Auch zornig, aber vor allem verwirrt. Anders als Skar hatte sie von den Ereignissen der letzten Tage ja nichts mitbekommen. Es mußte ihr schwerfallen, sich in dieser völlig fremden Umgebung zurechtzufinden. Und sie war noch sehr schwach. Selbst durch den Stoff ihres Kleides hindurch konnte Skar spüren, wie sie zitterte. Ihr Pulsschlag ging sehr schnell.

Aber er hielt sie noch einmal zurück, als sie sich setzen wollte. Sein Blick suchte den ihren, forschte nach etwas Fremdem darin, jenem Ausdruck leichter Benommenheit, den er in Anschis Augen gesehen hatte. Er fand nichts. Wenn sie etwas mit Kiinas Geist gemacht hatten, dann etwas, was er nicht zu erkennen vermochte.

»Anschi hat recht«, sagte er bedauernd. »Ruh dich aus. Wir haben später Zeit genug, miteinander zu reden.« Er bugsierte Kiina mit sanfter Gewalt auf ihren Sitz zurück und richtete sich wieder auf. Das Mädchen erschlaffte, als ginge von dem Stuhl eine betäubende Wirkung aus, aber die Furcht wich nicht aus ihrem Blick.

»Was ist mit uns passiert, Skar?« fragte sie. »Wo sind wir hier?«

»Später«, sagte Anschi, ehe er selbst Gelegenheit fand, zu antworten. »Wir hätten gar nicht herkommen sollen«, fügte sie, an Skar gewandt, hinzu. »Du siehst doch, wie schwach sie noch ist.« Sie ergriff ihn einfach beim Arm, schubste ihn zum Ausgang und wartete ungeduldig, bis er den Raum verlassen hatte. Skar warf noch einen Blick über die Schulter zurück, kurz bevor die Tür sich schloß. Kiina schien bereits wieder eingeschlafen zu sein.

»Bist du jetzt zufrieden?« fragte Anschi ärgerlich, als sie wieder in dem Zimmer waren, in dem er erwacht war. »Du hast gesehen, daß wir nichts mit ihr getan haben. Außer der Kleinigkeit, ihr Leben zu retten, heißt das.«

Nein, Skar war ganz und gar nicht zufrieden. Im Gegenteil. Kiinas Anblick hätte ihn erleichtern sollen, aber er tat es nicht, sondern schürte seine Beunruhigung eher. Daß Ennart scheinbar ehrlich zu ihm war, machte alles nur noch schlimmer. Ein Gegner, der es nicht einmal mehr nötig hatte, zu lügen, war eine erschreckende Vorstellung.

»Was ist gestern passiert?« fragte er.

»Nichts«, antwortete Anschi, eine Spur zu schnell und ohne ihn anzusehen. »Ein unbedeutender Zwischenfall. Er wird sich nicht wiederholen. Die Quorrl sind nicht mehr da.«

»Ist das ein anderes Wort für tot, oder heißt es –«

»Es heißt, nicht mehr hier«, unterbrach ihn Anschi gereizt. »Wir haben deinen schuppigen Freunden nichts getan, wenn es das ist, was dich beunruhigt.«

»Wir?«

Anschis Augen blitzten auf. »Verdammt, ich habe keine Lust, mich mit dir um Worte zu streiten«, fauchte sie. »Ich bin für deine Gesundheit verantwortlich, nicht für dein Seelenheil, du Retter der unschuldig Verfolgten! Deine Quorrl-Freunde leben und erfreuen sich besserer Gesundheit als einige der Männer, über die sie hergefallen sind. Reicht dir das?«

»Nein«, antwortete Skar. »Was ist passiert? Wo ist Titch? Was habt ihr mit ihm gemacht?«

»Titch?« Anschi wiederholte den Namen des Quorrl auf eine Weise, als müsse sie erst darüber nachdenken, was er überhaupt bedeutete. Sie wollte Zeit gewinnen. Skar spürte, daß etwas geschehen war, was er nicht wissen durfte. Das ungute Gefühl, mit dem er erwacht war, steigerte sich zu Sorge um den Quorrl. Warnungslos trat er einen Schritt auf Anschi zu, packte sie an der Schulter und riß sie so grob herum, daß sie vor Schmerz und Schrecken einen leisen Schrei ausstieß. Ganz instinktiv versuchte sie nach ihm zu schlagen und keuchte ein zweites Mal vor Schmerz, als Skar den Hieb mit dem Unterarm abblockte, ohne ihre Schulter loszulassen.

»Was habt ihr mit ihm gemacht?« herrschte er sie an. »Antworte!« Er holte aus, nicht um sie wirklich zu schlagen, wohl aber, um damit zu drohen, aber Anschi kam nicht dazu, zu antworten, denn in diesem Moment wurde die Tür hinter ihr aufgestoßen, und Ian und zwei weitere Zauberpriester betraten den Raum. Aus Ians rechter Faust ragte der wuchtige Lauf eines Schläfers, der sich drohend auf Skar richtete.

»Laß sie los.«

Skar gehorchte. Er war nicht einmal besonders überrascht, den Zauberpriester wie auf ein Stichwort auftauchen zu sehen. Sie waren belauscht worden. In diesem Turm hatten die Wände nicht nur im übertragenen Sinne Ohren.

Anschi wich rasch ein paar Schritte vor ihm zurück und massierte ihre schmerzende Schulter, während Ian und seine beiden Begleiter sehr vorsichtig näher kamen. Auch die beiden anderen Zauberpriester trugen Waffen, deren Läufe sich jetzt drohend auf ihn richteten.

Skar lachte leise. »Sehr beeindruckend«, sagte er höhnisch. »Wirklich, Ian, du beginnst mir richtig angst zu machen.«

In Ians Augen blitzte es wütend auf, und Skar fügte in gespielt erschrockenem Tonfall hinzu: »Ich meine es ernst, Ian. Dummköpfe haben mir schon immer angst gemacht. Sie neigen dazu, zu früh zuzuschlagen, weil sie Angst haben, ich könnte sie mit dem bösen Blick belegen oder so etwas.«

Ian holte aus, um ihm den Lauf der Waffe ins Gesicht zu schlagen, erstarrte aber dann mitten in der Bewegung und ließ den Schläfer schließlich sinken. In seinem Gesicht arbeitete es. Hätte er gekonnt, wie er wollte, hätte er ihn in diesem Moment getötet, das spürte Skar.

Aber der gefährliche Moment ging vorüber, ohne daß etwas geschah. Nach einer Sekunde ließ der Zauberpriester den Schläfer vollends sinken und gab auch seinen beiden Begleitern ein Zeichen, die Waffen fortzustecken.

»Komm mit«, befahl er. »Ennart will dich sehen.«

»Wo ist Titch?« beharrte Skar. Eine innere Stimme riet ihm dringend, den Bogen nicht zu überspannen, aber er ignorierte sie. Er war sich der Gefahr völlig bewußt, Ian doch noch zu einer Unbedachtsamkeit zu provozieren, aber er durfte nicht nachgeben. Ian war sein Feind, der jedes Zeichen von Schwäche gnadenlos ausnutzen würde.

»Du scheinst verdammte Sehnsucht nach einem Quorrl zu haben, der dich um ein Haar totgeschlagen hätte.«

»Titch hat mir das Leben gerettet, du Idiot«, sagte Skar kalt.

Ian schlug ihm mit der flachen Hand über den Mund. Es tat weh, denn der Zauberpriester schlug mit aller Gewalt zu, und er war alles andere als ein Schwächling, aber Skar zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er spürte, wie seine Unterlippe aufplatzte und Blut über sein Kinn lief, aber er lächelte nur. Ians Gesicht flammte jähzornig auf, aber er schlug nicht noch einmal zu. Seine Hände zitterten.

»Wo ist Titch?« beharrte Skar.

»Das wissen wir nicht«, sagte einer der beiden anderen Zauberpriester. Er sprach hastig, und er sah Ian dabei an, nicht Skar. Trotzdem spürte Skar, daß es die Wahrheit war. Mit einem fragenden Blick wandte er sich an den grauhaarigen Mann.

»Die Quorrl wurden fortgebracht. Alle. Ich weiß nicht, wohin.«

Ian starrte den Zauberpriester fast haßerfüllt an, schwieg aber.

»Er sagt die Wahrheit, Skar«, mischte sich Anschi ein. »Es hat … ein paar Tote gegeben, nicht nur unter den Quorrl. Ennart hielt es für besser, sie wegzuschicken. Sie sind unberechenbar.«

Oder ein bißchen zu gut, fügte Skar in Gedanken hinzu. Aber das sprach er lieber nicht aus. Er glaubte plötzlich zu wissen, was hier geschehen war. Und es machte ihm angst.

Die Spuren der Kämpfe waren unübersehbar, obwohl Ennarts Männer sich alle Mühe gegeben hatten, sie zu beseitigen. Auf dem Weg nach unten sah Skar weder Tote noch Verwundete, aber er war zu lange Krieger gewesen, um die Zeichen nicht zu lesen, die sie übersehen hatten: ein kleiner Stoffetzen hier, die Reste eines nicht völlig entfernten Blutfleckes da, das Stück einer zerbrochenen Waffe in einem Winkel, eine graugrüne, gesplitterte Schuppe im Spalt einer Tür … Ein paar Quorrl, die durchgedreht hatten? Lächerlich. In diesem Turm hatte eine Schlacht getobt. Und wenn er Ians Nervosität und die Tatsache in Betracht zog, daß er und seine Brüder bis an die Zähne bewaffnet waren, dann schien ihr Ausgang keineswegs hundertprozentig festgestanden zu haben.

Er hatte damit gerechnet, Ennart in einer Art Thronsaal vorzufinden, aber der Ssirhaa überraschte ihn abermals. Sein Quartier war kaum größer als Skars und um keinen Deut bequemer oder gar luxuriöser eingerichtet. Alles war ein wenig größer und stabiler als in seiner Unterkunft, wie es bei einem Wesen von mindestens fünfhundert Pfund Gewicht und acht Fuß Körpergröße zu erwarten war, aber er sah keine Pracht und keinerlei magische Gerätschaften oder Maschinen. Wie in seinem eigenen Quartier war der größte Teil der Einrichtung eher primitiv; Stühle und Truhen, die in einem x-beliebigen Haus in Ikne oder Denwar vielleicht prunkvoll gewirkt hätten, im Inneren dieses Turmes aber schäbig, allenfalls deplaciert aussahen. Jemand hatte versucht, zwei Welten zu einer zu machen, aber die Teile paßten nicht zusammen.

»Wir verschwenden das bißchen Wissen, das wir errungen haben, nicht dazu, Luxus zu schaffen«, sagte Ennart in seine Gedanken hinein.

· Skar sah überrascht auf. Er war sicher, nichts gesagt zu haben.

Der Ssirhaa lächelte. »Keine Sorge. Ich lese nicht in deinen Gedanken. Aber deine Überraschung war unübersehbar.« Er seufzte. »Es wäre noch karger, hätten die Ehrwürdigen Frauen von Elay diesen Ort nicht ein wenig wohnlich hergerichtet.«

Skar sah überrascht zu Anschi auf, aber die Errish wich auch seinem Blick aus.

»Oh, sie kannten ihn«, fuhr Ennart in leicht belustigtem Ton fort. »Natürlich wußten sie nichts von seiner wahren Bedeutung und der Macht, die in ihm schlummert. Für sie war es nur eine Ruine. Ein heiliger Ort. Das hier ist das Tal der Drachen, vergiß das nicht. Die Heimat der Errish. Die Margoi selbst kam oft hierher, um zu meditieren. Das Zimmer, das ich dir zugewiesen habe, gehörte einst ihr.«

»Ich weiß die Ehre zu schätzen«, sagte Skar spöttisch. »Warum erweist du mir nicht noch einen Dienst und gibst mir auch ihren Schlüssel zum Tor?«

Ennart schüttelte tadelnd den Kopf und überging den Einwurf. Statt zu antworten, machte er eine Geste auf einen Stuhl. Diesmal war Skar nicht zu stolz, die Einladung anzunehmen. Allerdings kam er sich lächerlich vor, als er Platz nahm. Der Stuhl war für Ennart gemacht und so hoch, daß er mehr daraufkletterte, als er sich setzte.

Ennart schickte Ian und seine beiden Begleiter hinaus, schüttelte aber rasch den Kopf, als auch Anschi sich entfernen wollte. Die Errish blieb neben der Tür stehen und senkte den Blick. Skar sah ihr deutlich an, wie unbehaglich sie sich in der Nähe des Ssirhaa fühlte.

»Es freut mich, dich unverletzt zu sehen«, sagte Ennart, als Ian und die beiden Zauberpriester gegangen waren. »Du mußt durstig sein. Trink.« Er reichte Skar einen Zinnbecher, der süßlich riechenden Wein enthielt und auf einer Seite eine daumentiefe Beule aufwies. Skar trank einen winzigen Schluck, spürte plötzlich, wie durstig er war und leerte den Rest in einem Zug. Ennart lächelte amüsiert, machte aber keine Anstalten, seinen Becher neu zu füllen, sondern ließ sich auf einen der anderen Stühle sinken.

Für Sekunden wurde es auf eine unangenehme Weise still. Skar hatte dem Ssirhaa hundert Fragen stellen wollen, aber sein Kopf war mit einem Male wie leergefegt, wie jedes Mal, wenn er ihm gegenüberstand. Die uralte Technik dieses Turmes mochte versagen, aber die Macht des Ssirhaa war von anderer, dauerhafterer Art. Und trotz aller Fremdartigkeit war etwas an ihr, das er … kannte? Plötzlich war er sicher, daß es nicht das erste Mal war, daß er einem Wesen wie Ennart begegnete, einem Wesen, das nach Belieben …

Der Gedanke entglitt ihm und gesellte sich zu dem Wust von verlorenem Wissen hinter dem Spinnennetz in seinem Bewußtsein. Sein Zorn auf Ennart stieg, aber schon in der nächsten Sekunde hatte er beinahe vergessen, warum er überhaupt zornig war.

»Hast du über das nachgedacht, was ich dir vor zwei Tagen sagte?« begann Ennart schließlich.

Kein Wort über das, was geschehen war, dachte Skar verblüfft. Kein Wort über die Quorrl und Titch. Für was für einen Narren hielt ihn Ennart?

»Das habe ich«, antwortete er mühsam beherrscht. »Ich glaube, du kennst die Antwort.«

»Vielleicht möchte ich sie trotzdem hören. Aus deinem Mund.«

»Nein«, antwortete Skar. »Die Antwort lautet: Nein. Jetzt erst recht.«

»Jetzt?«

»Nach dem, was du mit den Quorrl getan hast«, sagte Skar. »Was war das? Ein Versehen? Oder ein Test, der besser gelungen ist, als du gedacht hast?«

»Etwas von beidem«, gestand Ennart ungerührt. »Ein unglückseliger Zwischenfall, der sich nicht wiederholen wird.«

»Nicht, bis es soweit ist, nicht wahr?« sagte Skar. »Bis ihr sie nicht mehr braucht.«

Seltsamerweise schienen seine Worte Ennart eher traurig als wütend zu stimmen. Für die Dauer von zwei, drei endlosen Atemzügen sah er Skar nur an, dann stand er auf und hob die Hand. »Komm.«

Skar kletterte von seinem Stuhl herunter, und auch Anschi schloß sich ihnen wieder an, als sie das Zimmer durch eine andere Tür verließen. Ein kurzer, unbeleuchteter Korridor nahm sie auf, der nach einem knappen Dutzend Schritten vor einer halbrunden Tür endete, an der Ennart sich sekundenlang zu schaffen machte, ehe sie sich teilte und die beiden Hälften mit einem hörbaren Zischen in die Wände zurückwichen.

Dahinter lag …

Es war wie ein Schlag.

Hinter der Tür stand der Daij-Djan, die Sternenbestie, riesig, schwarz, spinnengliedrig und ohne Gesicht, die fürchterlichen Klauen drohend ausgestreckt, um jeden zu packen und zu zerreißen, der diese Tür durchschreiten sollte. Skar prallte mit einem Schrei zurück, suchte instinktiv nach einer Waffe und bemerkte erst dann, daß die Bestie nicht lebendig war.

Sie hatte auch nie gelebt.

Das Ungeheuer, das schwarz und drohend über Ennart aufragte, war eine Statue aus Stein oder Metall, doppelt so groß wie ihr Vorbild, so daß sie selbst Ennart noch überragte, und so perfekt gearbeitet, daß sie selbst jetzt noch etwas Lebendiges zu haben schien, als Skar ihre wahre Natur erkannt hatte.

Der Ssirhaa sah Skar amüsiert an und lächelte, aber er wirkte nicht ganz überzeugend. Skars Erschrecken irritierte ihn sichtlich. Aber er ersparte sich jeden Kommentar, sondern machte nur eine einladende Geste und berührte gleichzeitig wie zufällig mit der anderen Hand die gigantische Metallskulptur; wohl, um Skar damit noch einmal zu beweisen, daß sie harmlos war.

Mit klopfendem Herzen trat Skar an Anschi und Ennart vorüber und sah sich um. Ein körperloser, eisiger Hauch schien seine Seele zu streifen, als er begriff, daß diese Kammer nicht irgendein Raum war, sondern das Herz des flüsternden Turmes, das Zentrum seiner zerstörerischen finsteren Macht, und der Ennarts.

Der Raum war nicht sehr groß und hatte die Form einer Halbkugel. Anders als der Rest dieses alptraumhaften Klotzes aus Stahl bestanden seine Wände und die gewölbte Decke aus zyklopischen schwarzen Steinquadern, die nur roh bearbeitet und ohne Mörtel aufeinandergesetzt waren. Die Luft roch nach Staub und unglaublichem Alter, und als Skar einen weiteren Schritt machte und abermals stehenblieb, glaubte er zu fühlen, wie die ungezählten Jahrzehntausende sich gleich einer erdrückenden Last auf ihn herabsenkten. Dieser Ort war alt. Unvorstellbar alt. Älter als dieser Turm, der über ihm errichtet worden war. Älter als Ennart und sein Volk. Vielleicht so alt wie diese Welt.

Und es war ein Tempel. Das Sanktuarium einer untergegangenen Welt, die alt gewesen war, ehe Menschen auf diesem Planeten erschienen, oder Ssirhaa. Vielleicht der einzige wirkliche Tempel, den es auf dieser Welt gab, denn die Götter, die hier verehrt worden waren, waren wirklich. Es hatte sie gegeben, und es gab sie noch. Etwas war hier. Nicht greif- oder sichtbar, aber so deutlich zu spüren, daß Skar sich innerlich krümmte. Die Macht dieser vergangenen Wesen war noch immer fühlbar, durchwob jedes Molekül in diesem Raum mit unsichtbaren Linien pulsierender Energie, einer Präsenz, die so intensiv war, daß sie fast weh tat. Spürte Ennart es denn nicht?

Skar sah den Ssirhaa an, aber in den riesigen Augen des Quorrl-Gottes stand nur Triumph geschrieben; und jener lauernde, verborgene Ausdruck, den Skar schon einmal darin bemerkt hatte. Plötzlich begriff er, daß der Ssirhaa die Anwesenheit des fremden Bewußtseins nicht fühlte; nie etwas von ihr gewußt hatte, weil sie sich vor ihm verschloß. Und er begriff noch etwas: der Ssirhaa hatte seinen ersten, wirklichen Fehler begangen, als er ihn hierher brachte.

»Was … ist … das?« flüsterte er. Seine Stimme bebte vor Ehrfurcht. Etwas … tastete nach seinem Bewußtsein, griff wie mit eisigen Spinnenfingern in seine Gedanken und zog sich wieder zurück, zu rasch, als daß Skar mehr als den flüchtigen Eindruck einer unendlichen Fremdartigkeit gewinnen konnte. Er fror plötzlich.

Details

Seiten
295
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958244610
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310776
Schlagworte
eBook Fantasy Abenteur Action Dystopie Kultroman Helden

Autor

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Titel: Enwor - Band 9: Das vergessene Heer