Lade Inhalt...

Ein allzu leichter Tod - Die neuen Fälle der garstigen Greise

Kriminalroman

2015 256 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Im Alter ist so einiges anders: Da können auch längst vergangene Leidenschaften neu entbrennen. So geht es auch Joachim und der alles andere als taufrischen Thusi. Manchmal ist das innere Feuer allerdings nicht ausreichend – doch wofür gibt es diese blauen Pillen? Joachim hätte aber besser nicht eine ganze Packung eingenommen! Denn jetzt ist gleich sein ganzer Körper steif: Leichenstarre. Aber da er nun schon einmal tot ist, braucht er doch auch seine wertvolle Bildersammlung nicht mehr … Nachdem diese verkauft wurde, glauben die Freunde des Toten nicht mehr an die Geschichte vom sexuellen Erwachen des Seniors, sondern vermuten hinter dessen plötzlichen Ableben eine gierige Greisin …

Über die Autorin:

»Regula Venske gehört zu Deutschlands ungewöhnlichsten Krimiautoren, deren Romane großen Unterhaltungswert besitzen.« (literaturmarkt.info)

Regula Venske wurde 1955 in Minden geboren und wuchs in Münster auf. 1987 promovierte sie mit einer Studie über »Mannsbilder – Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen« zum Doktor der Philosophie.

Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u. a. mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis, dem Deutschen Krimipreis und dem Lessing-Stipendium des Hamburger Senats ausgezeichnet, ihr Kurzgeschichtenband »Herzschlag auf Maiglöckchensauce« wurde für den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden nominiert.

Regula Venske lebt als freie Autorin in Hamburg und ist Mitglied im Autorenverband deutschsprachiger Kriminalschriftsteller SYNDIKAT (www.das-syndikat.com) und im PEN (www.pen-deutschland.de), dessen Generalsekretärin sie seit Mai 2013 ist.

Können Sie von rüstigen Schnüfflern nicht genug bekommen? Dann empfehlen wir Ihnen auch Regula Venskes Vorgängerroman Die garstigen Greise.


Bei dotbooks erscheinen außerdem die Romane Schief gewickelt – Das perfekte Verbrechen, Double für eine Leiche und Kommt ein Mann die Treppe rauf. Eine Übersicht über alle Romane von Regula Venske finden Sie am Ende dieses eBooks.


***

Neuausgabe Oktober 2015

Copyright © der Originalausgabe 2010 Suhrkamp Verlag, Berlin

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de unter Verwendung eines Motivs von Thinkstockphoto/istock

ISBN 978-3-95824-238-8

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren Lesestoff aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Ein allzu leichter Tod an: lesetipp@dotbooks.de

Gerne informieren wir Sie über unsere aktuellen Neuerscheinungen und attraktive Preisaktionen – melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an: http://www.dotbooks.de/newsletter.html

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.twitter.com/dotbooks_verlag

http://gplus.to/dotbooks

http://instagram.com/dotbooks

Regula Venske

Ein allzu leichter Tod

Die neuen Fälle der garstigen Greise

Kriminalroman

dotbooks.

Kapitel 1

»Da vorne ist es!« Die alte Thusi wedelte mit den Händen und ihre Armreifen klimperten im Takt. »Fahr doch mal rechts ran!«

Marthe bremste scharf ab, was dem jungen Mann im Wagen hinter ihnen eine schnelle Reaktion abverlangte. Aber warum musste der Bursche auch so dicht an ihrer Stoßstange kleben!

»Früher gab es hier einen hübschen Weg durch die Wiesen«, erinnerte sich Thusi. »Wir könnten uns ein wenig die Beine vertreten.«

»Wollen wir nicht lieber erst ins Hotel fahren?« Nach der langen Autofahrt lechzte Marthe nach Flüssigem, zum innerlichen wie äußerlichen Gebrauch. Eine kalte Dusche, ein kühles Erfrischungsgetränk, ein gepflegtes Glas Wein … »Spazieren gehen können wir doch später noch immer.«

Thusi fiel ihr ins Wort. »Wenn wir erst einmal im Hotel sind und der ganze Trubel beginnt, werden wir uns nicht mehr loseisen können. Ach, komm, Liebes, nur ein halbes Stündchen.«

Marthe unterdrückte einen Seufzer und lenkte ihren Wagen wie gewünscht auf den Parkplatz neben der alten Mühle, in der sich das hiesige Kunstmuseum befand. Die Kunstmühle Beekenau, ein Name, mit dem Thusi ihr in den letzten Tagen in den Ohren gelegen hatte. Morgen sollte hier eine Vernissage stattfinden, zu der Thusi eingeladen war.

Allmählich verfestigte sich Marthes Eindruck, dass Thusi die Begegnung, für die sie beide die lange Anfahrt vom Münsterland nach Mecklenburg-Vorpommern auf sich genommen hatten, nach Kräften hinauszögerte – so sehr sie sich auch danach sehnen mochte. An jeder Raststätte hatte sie anhalten wollen, um Kaffee zu trinken oder die Toilette aufzusuchen.

Aber war die Nervosität der alten Frau nicht allzu verständlich? Wie würde sie selbst sich wohl fühlen, wenn ihr nach so langer Zeit eine Begegnung mit ihrer Jugendliebe bevorstünde? Wobei Marthe nicht so recht hätte sagen können, wer diese Jugendliebe gewesen wäre, ihr fielen gleich mehrere Kandidaten ein. Bei Thusi hingegen schien es so etwas wie die große Liebe gewesen zu sein, die Liebe ihres Lebens, hatte die alte Dame behauptet – eine unerfüllte Liebe, das gehörte natürlich dazu.

Als Thusi Marthe darum gebeten hatte, sie auf einem »kleinen Nostalgie-Trip« zu begleiten, hatte Marthe nicht lange nachdenken müssen. Das war doch Ehrensache, nach all dem, was sie im Sommer gemeinsam überstanden hatten. Kaum hatten sie sich halbwegs in Rothenvenne eingelebt, hatten die Garstigen Greise, wie sich die Mitglieder von Marthes Wohngemeinschaft spaßeshalber nannten, eine mumifizierte Leiche im Keller des Schlosses gefunden. Vorübergehend hatten einige von ihnen sogar die alte Thusi des Mordes verdächtigt. Bei der Aufklärung des Falles waren sie sich alle ein wenig nähergekommen. Nur Richard – er hatte Marthe den Kontakt zu den Garstigen Greisen überhaupt erst vermittelt – und sie hatten sich leider entfremdet. Warum musste ihr Freund auch ausgerechnet mit der Tochter des Opfers anbändeln!

»Vielleicht können wir uns auf der Museumstoilette ein wenig aufrüschen!« Thusi war schon im Begriff, auszusteigen. Woher nahm sie nur ihre Energie? Kaum zu glauben, dass die Frau nächste Woche ihren neunzigsten Geburtstag feiern sollte. »Aber erst möchte ich dir drüben am Fluss etwas zeigen.«

Hinter der Mühle führte ein Spazierpfad an einigen Kunstwerken vorbei. Wie passend zum Thema dieser Reise, dachte Marthe beim Anblick einer Skulptur, die Der Kuss hieß und einen Mann und eine Frau – in allerdings recht unvollkommener Umarmung – zeigte.

»Kannst du mir verraten, warum die Frau immerhin noch einen Armstumpf abbekommen hat, der Mann aber gar keine Arme mehr haben darf?«, kritisierte Thusi denn auch prompt. »Ist das nur ein Spiel mit der Kunstgeschichte, oder soll es etwas bedeuten?«

»Vielleicht ist er nicht mehr Manns genug, sie in den Arm zu nehmen und festzuhalten?«

»Klingt einleuchtend. Ach Liebchen, für moderne Kunst bin ich einfach zu dumm.«

»Oder zu klug für moderne Liebeswirren«, schlug Marthe vor, woraufhin Thusi nicht widersprach.

Bald erreichten sie eine Stelle, an der ein Bach in einen kleinen Fluss mündete.

»Das ist die Beke, die hier in die Warnow fließt. Hierhin sind wir damals immer gerudert.« Thusi ergriff Marthes Arm und hakte sich bei ihr ein. »Und dann haben wir unser Bötchen unter einer Weide festgemacht und die Seele baumeln lassen.«

»Klingt romantisch.«

War die Jugendliebe etwa doch nicht so unerfüllt geblieben, wie Marthe es sich vorgestellt hatte?

»Versteh mich nicht falsch, mehr als Händchenhalten war nicht drin damals.« Thusi zwinkerte ihr verschmitzt zu. »Na ja, ein-, zweimal werden wir uns wohl auch geküsst haben.«

Die Erinnerung daran ließ sie plötzlich laut auflachen. »Ich war diejenige, die es ihm beibringen musste, ich war ja drei Jahre älter als er. Aber nicht dass du denkst, ich hätte wesentlich mehr Erfahrung gehabt, Gott bewahre!«

Marthe hätte gerne mehr darüber gehört, aber sie verbot sich, neugierig nachzufragen. Die alte Dame würde schon reden, wenn ihr danach war. So blieben sie ruhig nebeneinander stehen und ließen die Gedanken und die Blicke schweifen. Was für eine verwunschene Stimmung! Eine echte Huckleberry-Finn-Landschaft war das hier, und das noch sommerliche Septemberwetter, das schon den Herbst ahnen ließ, trug seinen Teil dazu bei.

Thusi schien ähnlich zu empfinden. »Als wäre die Zeit stehen geblieben«, sagte sie.

Das Paar, das soeben am gegenüberliegenden Ufer unter lautem Gelächter und Jauchzen in eines der dort vertäuten Ruderboote kletterte, konnte an diesem Eindruck auch nichts ändern. Der etwas untersetzte Mann sprang mit einem für seine Körperfülle erstaunlich sicheren Tritt als Erster in das schwankende Boot, um dann seiner nicht minder pummeligen Begleiterin zu helfen. Kaum war die Frau neben ihm im Boot gelandet, setzte er mit übertriebener Geste zu einem Handkuss an. Das Boot schaukelte wild hin und her, er hielt sie fest bei der Hand und lachte, sie kreischte.

»Der weiß seine Arme noch zu gebrauchen«, sagte Thusi. »In Wirklichkeit brauchen wir uns weniger Sorgen um Mann und Frau zu machen, als die Kunst uns weismachen will.«

Wie immer sprach sie eine Spur zu laut. »Jetzt lass uns mal weiterfahren, sonst dreht sich die Zeit hier noch so weit zurück, dass wir im Erbgroßherzog übernachten müssen oder im Deutschen Kaiser.«

Aus dem Augenwinkel fing Marthe einen lauernden Blick des jungen Mannes auf, den offenbar auch heftiges Knutschen nicht davon abhalten konnte, seine Umwelt im Auge zu behalten. Sie genierte sich stellvertretend für ihn und wandte sich ab.

Die Mühle lag nur wenige Kilometer von Beekenau, dem eigentlichen Ziel ihrer Reise, entfernt. Von der Hauptstraße des Ortes bogen sie kurz hinter einer alten Backsteinkirche in eine schnurgerade Allee, die von hohen Pappeln gesäumt war. Die Bäume erinnerten Marthe an Spalier stehende preußische Soldaten. Das passte, denn sie würden im ehemaligen Herrensitz derer von Kussewitz, Thusis weitläufiger Verwandtschaft, wohnen. Vor gut hundert Jahren, so erläuterte die alte Dame, während Marthe und sie sich auf der Hotelauffahrt langsam dem Haupthaus näherten, hatte ein entfernter Onkel diesen Klotz neben das alte Familienhaus setzen lassen. Das »noble Hotel im Landhausstil« entpuppte sich allerdings als eine recht monströse und bei genauerem Hinsehen ziemlich heruntergekommene Klitsche. Der Baustil war mit dem Begriff Eklektizismus kaum mehr zu fassen – eine Mischung aus Tudor und strengem Wilhelminismus.

»Wobei ich mit Wilhelminismus natürlich meinen Großonkel Wilhelm meine«, erklärte Thusi. »Geschmack hatte er keinen, Geld dafür mehr als genug. Was denkst du, werden wir es hier aushalten? Erwin gibt sich doch tapfer Mühe, es zu renovieren. Hoffentlich riecht der Teppichboden nur nicht mehr so nach DDR.«

Marthe parkte ihren kleinen Flitzer zwischen einem preußischblauen BMW mit Berliner Kennzeichen und einem silbernen Mercedes aus Dresden. Diesmal kam sie Thusi zuvor und half ihr beim Aussteigen, dann holte sie das Gepäck aus dem Kofferraum und folgte ihrer Reisegefährtin in die Eingangshalle. Wie eine brave Tochter, dachte sie. Oder eine folgsame Kammerzofe. Hatte es etwas zu bedeuten, dass sie neuerdings anscheinend nur mehr in Schlössern logierte? Nicht genug damit, dass sie seit ein paar Monaten in einem alten Wasserschloss im Münsterland lebte – nun also auch noch der Beekenauer Hof. Im Sommer hatte Thusi einmal beiläufig erwähnt, dass der alte Graf Enno, von dem ihr Vater Rothenvenne geerbt hatte, ein entfernter Verwandter gewesen sei. Dass sie selbst eine geborene von Kussewitz war, hatte sie damals verschwiegen. Mit ihren beinahe neunzig Jahren war die alte Dame immer noch für Überraschungen gut.

An der Rezeption empfing sie der Hotelier persönlich. Thusi stellte ihn als ihren »lieben Neffen, eigentlich ja Großneffen« Erwin von Kussewitz vor, und Marthe versuchte, höfliches Interesse für die verwinkelten Verwandtschaftsbeziehungen zu zeigen, die nun vor ihr ausgebreitet wurden. Ebenso wie die Pappeln draußen auf der Auffahrt erinnerte Kussewitz sie an einen alten Preußen. Jeden Moment bereit, die Hacken zusammenzuschlagen. Oder ähnelte er nicht überhaupt einer alten Pappel? Vielleicht hatte sich die karge Landschaft über Jahrhunderte hinweg in den Genen derer von Kussewitz niedergeschlagen – jedenfalls soweit sie männlich waren. Marthe konnte förmlich die Sprechblasen hören, die dieser Mann zu Themen wie »Fortschritt durch Tradition« oder »Tradition als Fortschritt« abzusondern beliebte. Auch der etwas abgestandene Tabakduft, der ihn umgab, gehörte in vergangene Zeiten.

Trotz des warmen Wetters trug Kussewitz ein grünes Lodenwams mit geschnitzten Hirschhornknöpfen, in dem er den geborenen Landjunker abgab. Oder vielmehr den typischen Wessi, dachte Marthe, der den Landjunker spielte, nachdem er das Gut seiner Vorfahren nach der sogenannten Wende billig ersteigert hatte. Er schien eigens auf sie gewartet zu haben, ganz der perfekte Hausherr.

»Du weißt, wir sind inkognito hier«, rief Thusi ihm in Erinnerung, während er bereits einen Mitarbeiter herbeiwinkte, der sie auf ihre Zimmer begleiten sollte.

»Aber selbstverständlich, meine Liebe«, versicherte Kussewitz. »Ihr seid nicht die ersten prominenten Gäste hier im Haus.« Er deutete eine Verbeugung vor Marthe an.

Marthe hielt stur am Bügel ihrer Reisetasche fest, die ihr der herbeigeeilte junge Mann gerade entreißen wollte. Sie fühlte, wie Ärger in ihr aufstieg. Was für ein Schleimer! Dass Kussewitz so tat, als müsse er Thusi und sie vor einer Meute nachstellender Fans beschützen, war an Penetranz nicht zu überbieten. Aber noch peinlicher war, dass sie es durchschaute – und sich trotzdem geschmeichelt fühlte.

Thusi hingegen lächelte huldvoll und schritt mit einer solchen Selbstverständlichkeit die Treppen hoch und durch die Gänge, als wäre in Wahrheit sie die rechtmäßige Erbin des Hauses. Und ebenso nonchalant knüpfte sie ein völlig überflüssiges Gespräch mit dem jungen Hotelangestellten an.

»Ist meine alte Nase schuld, oder liegt wirklich kein Lysolgeruch mehr in der Luft?«, fragte sie. »Bei meinem letzten Besuch hier …«

Aber da waren sie schon vor Marthes Zimmertür angekommen, und so verdrückte sie sich ohne abzuwarten, bis Thusi den Satz beendet hatte.

Für halb neun waren sie mit Joachim Michaelis und seiner Enkeltochter zum Abendessen auf der Hotelterrasse verabredet. Soweit Marthe wusste, war Thusis Jugendfreund als Sechzehnjähriger kurz vor Kriegsausbruch nach Schweden emigriert und hatte sich dort einen Namen als freischaffender Künstler gemacht. Aus heiterem Himmel hatte er sich vor kurzem bei Thusi gemeldet und ihr ein Treffen vorgeschlagen. Der – vielleicht nur vorgeschobene – Anlass war die Eröffnung einer Ausstellung, bei der auch einige Gemälde seines Großvaters gezeigt werden sollten; er war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein angesehener mecklenburgischer Landschaftsmaler gewesen.

»Eigentlich sollte man denken, wir bräuchten keinen Anlass, um uns wiederzusehen«, hatte Thusi gemeint. »Jedenfalls nicht, seit Birgitta tot ist.«

Ihre letzte Begegnung mit Joachim hatte Anfang der siebziger Jahre in Stockholm stattgefunden, da war Thusi bereits von ihrem Spannagel geschieden gewesen, aber Joachims Frau hatte noch gelebt. »Leider, leider«, hatte Thusi geseufzt, als sie Marthe auf der Autofahrt davon erzählt hatte. »Wie ein Wachhund hat Birgitta über Jockel gewacht und jeden Kontakt zwischen uns unterbunden. Das war nicht mehr feierlich – Eifersucht ist gar kein Ausdruck dafür. Ich gebe ja zu, ich hätte ihn zu gerne mal alleine getroffen. Na, vielleicht hatte sie recht, als sie uns nicht traute.«

Marthe hatte dies als kleinen Wink mit dem Zaunpfahl verstanden: Natürlich hatte Thusi Nachholbedarf und den verständlichen Wunsch, endlich mit ihrem Freund unter vier Augen zu reden. Daher hatte sie beschlossen, den alten Herrschaften zunächst die Gelegenheit zu geben, sich allein auszusprechen. Sie vertrödelte sich mit Absicht und erschien erst eine Viertelstunde nach der verabredeten Zeit auf der Hotelterrasse. Doch wurde ihr das Feingefühl nicht gedankt. Thusi begrüßte sie mit einem bedeutungsvollen Augenrollen, das der Enkeltochter ihres Jugendfreundes galt, einer jungen Frau von ungefähr dreißig Jahren.

»Wärst du hier gewesen, hättest du sie ablenken können«, zischte Thusi, als Inga Michaelis sich vor dem Hauptgang anschickte, die Toilette aufzusuchen. »Stattdessen hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, Birgitta würde uns bewachen. Musste sie von ihrer Großmutter denn ausgerechnet diesen strengen Blick erben!«

Marthe schwieg betreten. Auch wenn Inga diese Bemerkung nicht mehr gehört oder vielleicht auch das Deutsch nicht ausreichend verstanden hatte – den alten Herrn Michaelis musste diese Bemerkung doch kränken. Ein Hotelgast, der allein an einem Tisch in ihrer Nähe saß, blickte von seiner Zeitung auf und schaute interessiert zu ihnen herüber. Marthe bemühte sich, Thusis Taktlosigkeit durch ein freundliches Lächeln zu mildern.

»Ach, das kann mein Jockelchen ruhig hören«, fuhr Thusi ungerührt fort. Sie legte ihre rechte Hand auf den Arm ihres Jugendfreundes, eine gepflegte Pianistinnenhand, die mit kleinen braunen Sprenkeln übersät war. »Dass Birgitta manchmal übertrieben moralisch war, weißt du doch selbst, nicht wahr, Jockel?«

»Sie ist ein gutes Kind«, sagte Joachim Michaelis.

Er hatte markante Gesichtszüge und dabei einen weichen Ausdruck in den Augen, der Marthe anrührte. Überhaupt war er ein gutaussehender alter Mann mit seinem schlohweißen, aber immer noch recht vollen Haar. Nur hätte ihm einmal jemand die Flusen von seinem Jackett abbürsten müssen. Es war aus schwarzem, wenngleich etwas verschlissenem Samt – ganz, wie es sich für einen Künstler gehörte.

»Aber gewiss doch«, versicherte Thusi.

»Hat es nicht immer leicht gehabt, die Kleine.«

»Wer hat das schon?«

Thusi tätschelte seinen Arm und gab ihm einen kleinen Klaps, bevor sie mit spitzen Fingern ein an seinem Ärmel hängen gebliebenes Haar aufklaubte. »Du wirst dich heute noch mit einer blonden Frau amüsieren.«

Sie schnipste das Haar auf den Boden und ergriff seine Hand. »Ist trotzdem kein Grund, mucksch zu sein – vielleicht ja auch ein mecklenburgisches Erbteil?«

Fasziniert beobachtete Marthe, wie vertraut die Beiden miteinander umgingen. Wie alte Eheleute. Jetzt bedauerte sie es doch, dass sie den ersten Moment des Wiedersehens versäumt hatte. Wie konnte es angehen, dass sie sich so gar nicht fremd zu sein schienen? Ohne Umschweife waren sie im Gespräch gleich zum Wesentlichen vorgedrungen. Und wie selbstverständlich Joachim Michaelis jetzt seine Hand unter Thusis wegzog, um nach seinen Zigaretten zu greifen! Fasziniert beobachtete Marthe, wie er eine Zigarette aus dem Päckchen schüttelte – er rauchte eine starke, filterlose Sorte –, sie zwischen Daumen und Mittelfinger drehte und mehrmals leicht auf die Tischplatte klopfte. Mit der Linken setzte er gleichzeitig schon sein Feuerzeug in Gang. Obwohl seine Hände leicht zitterten, wirkten seine Bewegungen doch immer noch spielerisch, ja elegant. Sicherlich hatte er diese Handgriffe im Laufe seines Lebens viele tausend Male praktiziert. Noch ehe Thusi ihre Hand, die jetzt etwas verloren auf der weißen Tischdecke lag, wieder ganz für sich in Besitz genommen hatte, hatte ihr Freund ihr bereits eine Qualmwolke ins Gesicht geblasen.

September, I’ll remember … Marthe ertappte sich dabei, leise vor sich hin zu summen. Das Lied von Simon and Garfunkel – sie hatten es auf der Autofahrt im Radio gehört – dudelte ihr im Kopf herum. Auch beim Auspacken ihres Koffers hatte sie es gesungen. A love once new has now grown old … Diese Liebe aber schien frisch und jung geblieben.

»Musst du andauernd rauchen?«, sagte Thusi.

Joachim Michaelis lächelte. »Statt küssen«, antwortete er.

Thusi drohte ihm mit dem Zeigefinger. »Immer noch der Alte. Man sollte denken, das Leben hätte dir den Charmeur ausgetrieben.«

»Das Leben?« Er nahm einen weiteren Zug. »Mein Leben sieht so aus, dass mir gerade zwei hübsche Mädchen gegenübersitzen. Pardon, drei hübsche Mädchen.«

Seine Enkelin war an den Tisch zurückgekehrt. Joachim Michaelis erhob sich und nahm erst wieder Platz, nachdem Inga sich hingesetzt hatte.

»Über das Leben an sich will ich mich nicht beklagen.« Er ließ den Rauch dezent aus der Nase quellen. »Nur über die Menschen, einige Menschen im Besonderen, aber das ist ein anderes Thema.«

»Wir haben gestern in der Kunstmühle schon einen Blick auf die Ausstellung geworfen«, bemerkte Inga. Offenbar hatte sie die Äußerung ihres Großvaters als Aufforderung, das Thema zu wechseln, verstanden. Sie sprach englisch, schien aber Deutsch recht gut zu verstehen. »Es sind mehrere Bilder dabei, die der Großvater meines Großvaters gemalt hat. Sehr eindrucksvoll. Allerdings dürften sich einige Stücke von Rechts wegen gar nicht in dieser Sammlung befinden.«

Thusi hatte recht, dachte Marthe. Diese Inga wirkte schlecht gelaunt. Als hätten Thusi oder Marthe sie persönlich beleidigt. Dabei war sie doch noch zu jung, um verbittert zu sein.

»Jemand hat zwei der Bilder hinter unserem Rücken an das Museum verkauft.« Inga guckte Thusi herausfordernd an. »Du wolltest mir noch erzählen, was es damit auf sich hat, Farfar?«

»Ach, das tut doch jetzt nichts zur Sache«, winkte der Alte ab.

Die Frage schien ihm peinlich zu sein. Als im nächsten Moment der Kellner an ihren Tisch trat, eine große Schüssel Bratkartoffeln und zwei Platten mit in Speck gebratenen Schollen balancierend, wirkte er wie erlöst. Ohne seine Enkeltochter zu fragen, schnappte Joachim Michaelis sich die goldumrandete Untertasse, auf der Ingas Teeglas stand – sicher ein Kussewitz’sches Erbstück, dachte Marthe, echt Meissener Porzellan, vermutlich – und drückte seine zur Hälfte gerauchte Zigarette darauf aus. Dann ließ er das zum Aschenbecher degradierte Tellerchen unter dem Tisch verschwinden und griff kampfeslustig nach Messer und Gabel.

Marthe überlegte, wie sie das Gespräch in andere Bahnen lenken könnte. Sie war schon drauf und dran, die junge Frau nach schwedischen Rezepten für Scholle zu fragen, konnte sich aber gerade noch bremsen. Schließlich reichte es ihr, für die Dialoge ihrer Romanfiguren verantwortlich zu sein. Sollten die beiden Alten ihr Gesprächsthema selbst bestimmen. Gleich nach dem Dessert würde sie sich höflich verabschieden.

Als Joachim Michaelis seiner Enkelin während des Hauptgerichts zu verstehen gab, dass sie müde aussähe – »Brauchst keine Rücksicht auf uns alte Leutchen zu nehmen, Ingaherz. Sicher willst du heute früh schlafen gehen?« –, beschloss Marthe, auch auf den Nachtisch zu verzichten. Noch bevor Inga Anstalten machte, sich zurückzuziehen, schnappte sie sich ihr Weinglas und wünschte den Zurückbleibenden eine gute Nacht. Sie hatte ihren Laptop mit nach Beekenau genommen, ein paar ruhige Nachtstunden lagen vor ihr, die sie noch für sich nutzen konnte.

Wie es der Zufall wollte, lag Marthes Zimmer im ersten Stock nach hinten raus, direkt oberhalb der Hotelterrasse, so dass die Stimmen der beiden Alten bis zu ihr hinauf drangen. Da jeder den anderen für schwerhörig hielt, sprachen beide mit entsprechender Lautstärke. Marthe trat an das französische Fenster, um es zu schließen, hielt aber in der Bewegung inne. Täuschte sie sich, oder waren die beiden Turteltauben schon dabei, sich zu streiten?

»Denkst du wirklich, ich hätte die Bilder hinter deinem Rücken verkauft?« Thusi klang aufrecht empört. »Pfui, Jockel, ich schäme mich für dich.«

Der alte Mann sprach zwar geringfügig leiser, dafür aber besonders deutlich – beinahe schneidend.

»Alles, was ich weiß, ist, dass ich sie dir vor langer Zeit zu treuen Händen zur Aufbewahrung gegeben habe. Und dass sie sich jetzt im Besitz dieses Museums befinden und geradezu die Kernstücke der Ausstellung abgeben.«

»Ja, Kruzitürken!«

Marthe erschrak. Solch ein hässliches Wort hatte Thusi noch nie benutzt. Nicht einmal in der Nacht, als der verrückte Siegmund Lenzing sie beide in seine Besenkammer gesperrt hatte, weil er meinte, seine Mutter vor ihnen schützen zu müssen. Im Gegenteil hatte die alte Dame mit ihrer vorbildlichen Haltung damals großen Eindruck auf Marthe gemacht.

»Treue Hände, allerdings«, begehrte Thusi jetzt auf. »Erst habe ich die beiden Rollen aus der DDR rausgeschmuggelt, unter Einsatz meines Lebens – lach nicht, so habe ich es damals empfunden! Und seitdem – und das war 1955, bitte schön – hatte ich bei jedem Umzug nichts Besseres zu tun, als auf diese beiden Bilder aufzupassen. Komm du mir nicht mit treuen Händen, Jockel!«

»Natürlich bin ich dir …«

»Und ein treues Herz, das solltest du wissen! Denn wer zuerst untreu wurde – und wer nicht kam, um seine Bilder abzuholen –, das war ein gewisser Joachim Carl Theodor Michaelis!«

»Vielleicht, weil ich es schön fand, wenigstens diese Bilder in deiner Obhut zu wissen, wenn ich schon nicht weiß, wo der Feininger …«

»Quatsch. Weil du Angst vor Birgitta hattest.«

Etwas schepperte. Einer von beiden hatte mit der Faust auf den Tisch gehauen.

»Lass Birgitta aus dem Spiel.«

»Gut, also dann: Weil du genauso feige bist wie alle Männer. Weil du Angst hattest vor mir. Ist dir das lieber? Ich frage mich, wie man in der Liebe nur so zaudern kann!«

Marthe hörte ein Glas klirren. Sie beugte sich weiter vor. Schade, dass sie die beiden Streithähne von ihrer Position aus nicht sehen konnte! Hatte Thusi eben ihr Weinglas vom Tisch gefegt? Oder das Glas von Joachim Michaelis? Die zweite Alternative hätte Marthe besser gefallen.

»Verdammt. Du hast sie aus Trotz weggegeben?«

»Nein, sondern weil dein Sohn die Bilder bei mir abgeholt hat. In deinem Auftrag. Vielleicht hat der Herr einmal die Güte, sich zu erinnern – so lang ist es nun auch noch nicht her!«

»Mein Sohn?« Marthe tat der Ausruf fast körperlich weh. »Carl-Ingvar hat die Bilder geholt? Wie kommst du darauf?«

»Weil es so war«, schnaubte Thusi. »In deinem Alter« – es klang, als wäre sie selbst um Lichtjahre jünger – »sollte man eher an sich selbst und seinem eigenen Gedächtnis zweifeln als an der Integrität anderer Menschen. Guten Abend.«

»Bleib doch, bitte«, hörte Marthe.

Ein fast unterwürfiges Flehen. Welch ein Stimmungsumschwung von einem Moment zum nächsten! Der alte Mann tat ihr leid.

»Aber wieso denn nur – ich verstehe das nicht …«

Auch Thusi lenkte ein.

»Nun ja, genau genommen war es nicht dein Sohn, der die Bilder bei mir abgeholt hat, sondern seine Sekretärin. Aber das läuft ja aufs selbe hinaus.«

»Carl-Ingvar hat keine Sekretärin. Meinst du seine Frau?«

»Frau, Geliebte, Sekretärin, was weiß ich. Ich meine, sie hätte sich als seine Assistentin vorgestellt. Willst du sagen, du weißt gar nichts davon? Aber er – beziehungsweise sie – haben doch in deinem Namen gehandelt.«

»Hieß sie Harriet?«, fragte Joachim Michaelis.

Marthe hatte das Gefühl, einem Radiokrimi zu lauschen. Sie beugte sich zum Schreibtisch hinüber, langte nach ihrem Weinglas und gönnte sich einen Schluck. In der Zwischenzeit waren ihr ein paar Gesprächsfetzen entgangen.

»… nicht mehr. Ich soll mir jeden einzelnen Namen merken, während du die ganze Geschichte vergisst?«

»Mein feiner Herr Sohn, wieder einmal.«

Bitterkeit und Enttäuschung in der Stimme des alten Mannes waren nicht zu überhören. Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann ergriff Joachim Michaelis wieder das Wort.

»Aber wann soll das denn gewesen sein?«

»Das soll nicht irgendwann so gewesen sein. Das ist so gewesen. Zweifle nicht andauernd an meinen Worten, Joachim.«

»Nein, natürlich nicht, so war es nicht gemeint. Entschuldige bitte, min Herzing.«

»Das fand ich ja gerade so feige von dir«, sagte Thusi. »Du hättest dich schon einmal persönlich melden können. Wie auch damals, lange bevor Erwin an den Bildern interessiert war, weißt du noch, als diese Anfrage aus Rostock kam.«

»Ich verstehe überhaupt nicht, wovon du redest.«

»Mitte der Achtziger war es doch, oder? Also, Interesse gab es genug an den Bildern. Wenn es nach Erwin gegangen wäre, würde das Mädchen in Hellgrün jetzt unten in der Hotelhalle hängen. Ewald muss ihm davon vorgeschwärmt haben, als er noch ein kleiner Junge war. Aber du hast es ja vorgezogen, dich nicht für deine Belange zu interessieren.«

»Ach, min Herzing, du hast ja recht.« Joachim Michaelis hustete. »Ich hätte mich kümmern müssen – vor allem um ein gewisses Mädchen in Hellgrün. Wie haben mir Carl-Ingvar und Birgitta die ganzen Jahre über in den Ohren gelegen, ihnen ging es vor allem um den Feininger, natürlich, aber ich wollte abschließen mit diesem Kapitel. Sicher ein Fehler. Tja, aber nun sitzen wir hier.«

»Ich hätte dir die Bilder natürlich damals nach Stockholm mitbringen müssen. Aber ich hatte die Hoffnung, wenn ich sie behielte, würden sie dich zu einem Gegenbesuch nach Rothenvenne locken …«

Marthe merkte, dass sie in Gedanken abgeschweift war. Was für ein herrlicher Duft. Wenn sie darüber nachdachte, war September ihr Lieblingsmonat. Die fünfte Jahreszeit, die Kurt Tucholsky so wunderbar beschrieben hatte. Plötzlich hörte sie ganz in ihrer Nähe ein Geräusch, als würde jemand ein Niesen unterdrücken. Anscheinend war sie nicht die Einzige, die das Gespräch der beiden Alten belauscht hatte. Hatte nicht Inga ihr Zimmer auf derselben Etage? Marthe konnte nur hoffen, dass nicht umgekehrt auch sie bemerkt worden war. Lauschen war das eine, dabei erwischt zu werden das andere. Vorsichtig zog sie sich ins Innere ihres Zimmers zurück, das inzwischen im Dämmerlicht lag. Irgendjemand in ihrer Nähe schloss leise ein Fenster.

Kapitel 2

Er war der einzige Mann, der sie noch nie enttäuscht hatte: Farfar, der Vater ihres Vaters. Ihr bester Vater, wie die Norweger sagten.

Ihr Vater hingegen war noch nicht einmal ein guter Vater. Das Einzige, was sie mit ihm verband, war ihre Sehnsucht nach ihm, vielmehr die Sehnsucht nach einem Carl-Ingvar, wie sie ihn gern gehabt hätte – keine tragfähige Grundlage für eine gelungene Vater-Tochter-Beziehung.

Und die anderen Männer in ihrem Leben? Allesamt Reinfälle. Eine erstaunliche Trefferquote, bei den wenigen Versuchen, die sie überhaupt unternommen hatte. Immerhin fiel sie wenigstens nicht auf die ganz aussichtslosen Kandidaten herein, wie Britt-Marie. Die verliebte sich zwar auch nur höchst selten, aber wenn, dann ausdauernd. Gründlich. Extrem. Von dreizehn bis neunzehn hatte ihre Sehnsucht dem Pfarrer, der sie beide konfirmiert hatte, gegolten; überflüssig zu sagen, dass der Mann glücklich verheiratet war. Darüber hinweggeholfen hatte ihr dann eine Schwärmerei für Håkan Nesser, den Krimiautor. Oh ja, es waren stets distinguierte ältere Herren, für die Britt-Mari sich begeistert hatte. Und dies umso heftiger, je unerreichbarer sie waren, unerreichbar für Britt-Mari jedenfalls. Und um ihnen treu zu bleiben, ließ sie sich dann auf halbherzige Geschichten ein, mit Traumtänzern und Scharlatanen.

Aber wieso spottete sie eigentlich darüber? Auch sie selbst hatte sich mit einigen Traumtänzern und Scharlatanen eingelassen, jedoch nur, um nicht immer bloß danebenzustehen. Schließlich wollte man mitreden können. Immerhin war sie bislang niemandem begegnet, der ihr wirklich wehgetan hätte. Alles in allem hatte die Liebe ihres Großvaters sie wohl vor schlimmerem Schaden bewahrt. Nur – jemanden, dem sie ernsthaft hätte nachtrauern können, hatte sie eben auch nicht gefunden.

Manchmal war ihr, als würde die Sehnsucht, von ihrem Vater anerkannt zu werden, alle anderen Sehnsüchte in sich aufnehmen, so dass gar keine Kraft für weitere Gefühle mehr blieb. Das Traurigste aber war, dass ihr Vater, der weit weg, in der Nähe von Strömstad, in seiner Himmelsburg residierte, nichts von alledem ahnte.

Kapitel 3

Am Samstagmorgen fand Marthe sich allein im Speisesaal wieder. Wie üblich, war sie spät dran. Das Frühstücksbuffet war weitgehend geplündert und wurde bereits abgeräumt. Inga Michaelis war gerade im Aufbruch begriffen gewesen, und so blieb Marthe die Entscheidung erspart, ob sie sich zu ihr setzen oder demonstrativ Abstand halten sollte. Das Letzte, wonach sie sich am frühen, oder auch späteren, Vormittag sehnte, war Smalltalk – zumindest nicht vor dem ersten starken Kaffee.

Ihr Großvater und Frau Spannagel hätten sich bis zum Mittagessen verabschiedet, um einen Spaziergang zu machen, berichtete Inga. Sie musste sichtlich mit sich ringen, bevor ihr diese Information über die Lippen kam. Die junge Frau starrte Marthe an, als wäre es Marthes Schuld, wenn Joachim Michaelis auf seine alten Tage noch auf Abwegen wandelte. Ja, gönnte sie ihrem Großvater denn nicht das geringste Vergnügen? Dabei schien sie durchaus in der Lage zu sein, sich allein zu beschäftigen: Neben ihrem Frühstücksgeschirr lag ein Stapel Zeitungen, die sie beim Frühstück offenbar gründlich durchgearbeitet hatte.

Marthe überlegte, ob sie den Vorschlag machen sollte, sich die Zeit bis zur Vernissage gemeinsam zu vertreiben. Sie hätten einen Ausflug machen, ein Ruderboot mieten und die verwunschene Flusslandschaft erkunden können. So wie die beiden jungen Leute, die Thusi und sie gestern Nachmittag gesehen hatten – ein Vergnügen, das mit den älteren Herrschaften eher nicht mehr in Frage käme. Aber sie konnte ihren Impuls gerade noch rechtzeitig unterdrücken. Sie war schließlich nicht für den Zeitvertreib anderer Leute verantwortlich – und auch nicht zum eigenen Vergnügen hier, sondern sollte die freie Zeit nach Möglichkeit zum Arbeiten nutzen. Die neue Geschichte schrieb sich nicht von allein. Zumal in Sachen Krimi von einer solchen Unternehmung mit Sicherheit keinerlei Inspiration zu erwarten wäre.

Inzwischen deckte man die Tische um sie herum bereits fürs Mittagessen ein. Es kostete Marthe einige Mühe, die ungeduldigen Blicke des Personals weitgehend zu ignorieren und ihre Gedanken auf die Frage zu richten, wie sie ihrer Kurzgeschichte eine unerwartete Wendung verpassen konnte. Als sie es auch noch schaffte, das ihr zustehende Kännchen Kaffee, dessen Inhalt genau zweieinhalb Tassen bemaß, in aller Ruhe zu leeren, und erst dann den Rückweg auf ihr Zimmer anzutreten, jubilierte sie innerlich. Wenn sie weiter so an sich arbeitete, würde es ihr eines schönen Tages endlich gelingen, alle übertriebene Rücksichtnahme konsequent zu unterlassen und sich allein auf ihre eigenen Bedürfnisse zu konzentrieren – dem ihr zustehenden Erfolg stünde dann nichts mehr im Wege.

Ihr Triumph fand in der Eingangshalle sein Ende. Sie konnte einfach nicht der Versuchung widerstehen, sich im Vorübergehen einen der rotwangigen Äpfel zu schnappen, die in einer silbernen Schale auf dem Empfangstresen arrangiert waren. Im selben Moment, als Marthe in die Frucht hineinbiss – leider erwischte sie eine faulige Stelle –, tauchte wie aus einem Hinterhalt Erwin von Kussewitz hinter der Rezeption auf.

»Apropos, wenn Adam und Eva Chinesen gewesen wären, lebten wir heute noch im Paradies«, eröffnete er das Gespräch. »Sie wissen, warum?«

Da Marthe nicht mit vollem Mund sprechen wollte, war sie dazu verdammt, stehenzubleiben und den Kopf zu schütteln.

»Sie hätten die Schlange gegessen«, wieherte Kussewitz.

Vermutlich hatte er die Schale mit Äpfeln überhaupt nur hier aufgestellt, um seinen Lieblingswitz immer wieder an den Mann bringen zu können, dachte Marthe. Und dann musste sie es über sich ergehen lassen, dass der Hotelier sie nach Strich und Faden über Thusi Spannagel aushorchte. Wie es seiner Tante gesundheitlich gehe, ob sie nennenswerte Beträge in der Finanzkrise verloren hätte, und wer der alte Herr sei, mit dem sie sich so viel zu sagen hätte – alles wollte er ganz genau wissen. Marthe stand widerwillig Rede und Antwort, so höflich wie nötig und so ausweichend wie nur irgend möglich. Endlich wurde sie durch einen herannahenden Gast erlöst. Marthe erkannte in ihm den älteren Herrn wieder, der am Abend zuvor in ihrer Nähe gesessen hatte. Er telefonierte gerade mit seinem Handy und nahm keine Notiz von ihnen.

»Gut, kümmere dich darum, ich verlasse mich drauf.«

Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sein Gast beschäftigt war, begrüßte Kussewitz ihn emphatisch. »Ah, Herr Professor …«

Der Mann klappte sein Mobiltelefon zusammen. Mit hochgezogenen Augenbrauen wandte er sich dem Hotelier zu. Eine solche Gelegenheit kam so schnell nicht wieder. In der Hoffnung, dass die nächste Frucht sich nicht auch als Reinfall entpuppte, schnappte Marthe sich einen weiteren Apfel und ergriff die Flucht. Da auf ihrer Etage jedoch die Staubsauger heulten, holte sie sich nur schnell ihren Laptop aus dem Zimmer und schlich kurze Zeit später abermals die Treppe hinunter, wobei sie jeden Blick in Richtung Empfangstresen krampfhaft vermied. Aus dem Augenwinkel nahm sie an der Rezeption aber nur eine Mitarbeiterin des Hauses wahr, der Hotelier hatte sich offenbar zurückgezogen. Aus seinem hinter der Rezeption gelegenen Büro drangen seltsame Geräusche, wie von einer Blockflöte. Kussewitz brachte doch nicht etwa seinen Mitarbeitern die Flötentöne bei? Eine echte Witzfigur, dachte Marthe. Gut gelaunt machte sie es sich für den Rest des Vormittags in der hintersten Ecke der Lobby bequem und übte sich weiter in der Kunst, ihre Umgebung zu ignorieren.

»Und du hast niemals daran gedacht, nach Deutschland zurückzukehren?«

Die Frage hatte Thusi schon an jenem Abend auf den Lippen gelegen, als Joachim und sie bei Champagner und Krebsen ihr erstes Wiedersehen im Stockholmer Opernkeller gefeiert hatten; bald vierzig Jahre war das nun schon her. Damals hätte sie sich freilich eher die Zunge abgebissen, als derart plump nachzufragen, aber sie waren ja auch noch vergleichsweise jung gewesen, kaum Fünfzig. Nun war ihr der Satz einfach herausgerutscht.

»Nach Rostock zurück? Himmel bewahre!« Joachims Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. »Das hätte ja die DDR bedeutet.«

»Andere sind auch vom Osten in den Westen gegangen«, sagte Thusi. »Ewald und Margitta zum Beispiel. Und die hatten auch noch ihre Schwiegertochter mit dem kleinen Erwin im Schlepptau, nachdem Hubert bei Stalingrad …«

»Das war etwas anderes.« Joachim Michaelis drehte den geriffelten Stiel seines Sektkelches zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. »Ich hatte es schließlich schon einmal hinter mir – ganz von vorn anfangen. Warum hätte ich mir das ein zweites Mal zumuten sollen?«

Sie saßen in einer Ecke der Bar, die sich in einem ehemaligen Pferdestall im alten Trakt des Hauses befand. Da Joachim die Bestellung aufgegeben hatte, musste Thusi sich mit der preiswerten Hausmarke zufriedengeben. Er schien noch genauso sparsam zu sein wie eh und je – damals im Stockholmer Opernkeller hatte sie den Champagner bezahlt. Aber Thusi war fest entschlossen, sich diesen Tag nicht verderben zu lassen. Immerhin konnten sie sich hier ungestört unterhalten. Allein schon, dass sie sich vor Marthe und Inga davongeschlichen hatten, wirkte enorm verjüngend. Aus dem Alter, in dem man Rücksicht auf andere Leute zu nehmen hatte, oder gar auf etwas, das sich Moral oder Anstand nannte, waren sie glücklicherweise heraus. Ingas Eifersucht hatte schon etwas Inzestuöses. Sie schien ihren Großvater für Privatbesitz zu halten. Heute aber war Jockels Tag. Als Ehrengast war er zur Eröffnung der neuen Ausstellung in der Kunstmühle eingeladen, ein Zeitzeuge, Enkel eines der ausgestellten Künstler – und ein Maler in seinem eigenen Recht. Und auch ihr, Thusi, galt die Ehrung, schließlich war sie als junges Mädchen von keinem Geringeren als dem alten Michaelis höchstpersönlich porträtiert worden. Im Prinzip war es nicht verkehrt, dass dieses Bild jetzt in Beekenau ausgestellt wurde – wenngleich es natürlich ein starkes Stück war, dass Jockels Sohn es hinter dem Rücken seines Vaters an die Kunstmühle verkauft hatte.

»Also in Schweden sterben?«

»Seltsam, dass du das fragst.«

Joachim Michaelis hörte auf, das Glas zu polieren, und legte seine Hände nebeneinander auf die Tischplatte. Gedankenverloren, fast zärtlich strich er über das Holz. Wieder wartete Thusi geduldig ab, bis er sich entschieden hatte, weiterzusprechen.

»Ich habe gestern Morgen mit Inga am Grab meines Vaters gestanden. Und tatsächlich kam mir dieser alte Vers in den Sinn. Min oll lütt Vaterstadt, ich hatte ihn ganz vergessen. Erinnerst du dich?«

»Der große Vorteil, wenn man erst gar nicht so viel weiß, lieber Jockel, ist: Man kann auch nicht so viel vergessen. Das haben meinesgleichen einem wie dir voraus. Manchmal ist das Leben gerecht.«

»Min oll lütt Vaterstadt, tüschen See und Barg: Hier hett min Weig dunn stahn, hier stah’ min Sarg.«

Er sprach mit weichen Konsonanten und hatte einen träumerischen Ausdruck in den Augen. Nein, nicht träumerisch, korrigierte sich Thusi. Traurig sah Jockel aus. Traurig und einsam. Immer noch das zu früh aus dem Nest verstoßene Kind.

»Hübsch, das kenne ich gar nicht. Aber so klein ist Rostock doch nun auch wieder nicht.«

»Rostock war nicht gemeint. Und da möchte ich auch nicht begraben werden. Es war ein kleineres Kaff, in dem der Verfasser wohnte. Josef Nathan, ein Verehrer von Fritz Reuter.«

»Dem Heimatdichter?«

»Genau. Nathan, verstehst du, ein jüdischer Mecklenburger Patriot. Wer weiß, was aus seiner Familie geworden ist.«

Sie schwiegen. Thusi ergriff als Erste das Wort. »Komm doch zu uns nach Rothenvenne!«

Auch diesen Vorteil brachte das Alter mit sich: Man musste keine Umwege mehr gehen. Angesichts der Niederlage, die ihnen allen unweigerlich bevorstand, konnte man nur noch gewinnen.

»Da hättest du dein eigenes Reich und wärst trotzdem in bester Gesellschaft. Sehr nette junge Leute, alle so um die fünfzig, sechzig, die im Notfall für einen sorgen.

Joachim Michaelis lächelte. »Das klingt ja fast wie ein Heiratsantrag. Lass das nur nicht meine Enkelin hören.«

»Ach, die soll sich mal nicht so anstellen. Du gehörst ihr ja nicht. Weißt du was, fahr doch am Montag mit Marthe und mir nach Rothenvenne zurück!«

»Ich bin … wir sind ja doch …«

»Was willst du noch in Schweden? Birgitta lebt nicht mehr, und einem Sohn, der dich so dreist hintergeht, willst du doch nicht ausgeliefert sein. In deinem Alter …« Sie merkte selbst, dass die Formulierung etwas anmaßend klang. »Ich meine, es kann jederzeit was passieren.«

»Da ist ja immer noch Inga, die mich zur Not …«

»Das ist nicht gut, Jockele. Das Mädchen muss freier werden. Hat sie denn keinen Mann?«

»Tut sich etwas schwer, den Richtigen zu finden. Du weißt ja, die jungen Männer sind heutzutage oft …«

»Ach, papperlapapp. Die jungen Männer waren nie besser als heute.«

»Wir hatten früher aber doch mehr Verantwortungssinn.«

»Schöne Verantwortung, die halbe Welt in Schutt und Asche zu legen.«

»Ich kann mich nicht erinnern, irgendetwas in Schutt und Asche gelegt zu haben.«

»Natürlich nicht du persönlich. Aber deine Generation.«

»Herrje, musst du immer noch so rechthaberisch sein?«

»Ich bin nicht rechthaberisch. Es ist lediglich so, dass ich häufiger recht habe.«

»Kein Wunder, dass dein Spannagel es vorzog, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen.«

Thusi griff nach ihrem Glas und bedauerte, dass es in wenigen Schlucken geleert war. »Spannagel? Die Flucht ergriffen? Schön wär’s. Andersherum wird ein Schuh draus, ich hatte Mühe, ihn wieder loszuwerden. Bestellst du uns noch zwei Gläser, Jockel?«

»Ich muss ein bisschen aufpassen …«

»Ach komm, wir sind nur einmal alt.«

»Mein Herz, weißt du …«

»Früher einmal hast du mich damit gemeint, wenn du ›mein Herz‹ gesagt hast. Gibt dir das nicht zu denken?«

»Ach, min Herzing …«

»Champagner ist noch immer das beste Mittel für Herz und Kreislauf gewesen.«

»Wenn du es sagst – Herr Ober!«

»Diese Runde übernehme ich. Weißt du übrigens, dass mein lieber Spannagel zeit seines Lebens eifersüchtig auf dich gewesen ist?«

»Jetzt übertreibst du aber.«

»Nein, im Ernst. Noch lange nach unserer Scheidung hat er dir die Schuld am Scheitern unserer Ehe gegeben.«

»Birgitta war auch ein wenig eifersüchtig.«

»Sag bloß, die perfekte Birgitta? Ein wenig eifersüchtig? Auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Und, hatte sie denn Anlass dazu?«

»Tja, min Herzing, sie war wohl auch so eine, die immer recht hatte.«

In diesem Moment trat der Kellner zu ihnen und ersparte Thusi, darauf reagieren zu müssen.

»Du hast dir lange keine Zigarette mehr angezündet, mein Lieber«, sagte sie, nachdem ihre leeren Gläser durch zwei volle ersetzt worden waren.

Der alte Mann guckte sie irritiert an, als wisse er ihren Ton nicht zu deuten.

»Ich meine, bekommst du davon keine Herzprobleme, wenn du eine geschlagene Stunde lang ausnahmsweise einmal nicht rauchst?«

Er lachte. »Haben in eurer Greisenkommune etwa die Nichtraucher das Sagen? Das würde keine Verbesserung für mich bedeuten.«

»Du könntest dich mit Frieder verbünden. Ein passionierter Pfeifenraucher. Ich meine das ernst, Jockel. Überleg dir das mit Rothenvenne. Fahr übermorgen mit uns mit und schau dir alles an, ganz unverbindlich.«

Eigentlich durfte sie ein solches Angebot nicht im Alleingang unterbreiten, Haus Rothenvenne gehörte ihr nicht – nicht mehr. Sie besaß nur ein lebenslanges Wohnrecht im Hause. Selbst Frieder und Winnie Brandt, die neuen Besitzer, hätten eine derart wichtige Entscheidung zuvor mit allen Mitgliedern ihrer Wohngemeinschaft besprochen. Das nannten sie Basisdemokratie. Gewiss würde Walter Rosin seine privilegierte Stellung als einziger alter Mann nicht gerne teilen wollen, und auch die anderen Garstigen Greise würden Thusis Eigenmächtigkeit nicht begrüßen. Aber was kümmerte es sie, wenn sie andere Leute in Zugzwang brachte? Was die kleine Brandt konnte – Katharina hatte vor ein paar Wochen einen illegalen Einwanderer bei ihren Eltern einquartiert –, das konnte sie auch. Wenn Jockel erst mal da war, würden ihn die jungen Leute schon ins Herz schließen. Und Platz gab es in dem alten Wasserschloss schließlich mehr als genug, sogar noch für seine Bilder.

Joachim Michaelis griff sie bei den Händen und drückte sie.

»Ich brauche gar nicht mehr zu überlegen, min Herzing. Hic Rhodos, hic salta. Warum nicht – ich komme mit und gucke mir die Bude mal an.«

»Von wegen, Bude!«, sagte Thusi.

»Lass uns gegenüber Inga aber zunächst nur von einer kleinen Stippvisite sprechen«, bat Joachim. »Sollte es wirklich zu einer größeren … Veränderung bei mir kommen, so möchte ich ihr das schonend beibringen. In kleinen Häppchen.«

Thusi fragte sich, ob Klugheit oder Feigheit hinter dieser Überlegung steckte. Sie hätte auch ihn gern gefragt, aber es gelang ihr, sich zu beherrschen.

Joachims Vorsichtsmaßnahme sollte jedoch nicht zum gewünschten Ergebnis führen. Seine Enkeltochter wollte von einer Änderung ihrer Reisepläne nichts wissen. Sie schien regelrecht Angst vor dem Neuen zu haben – kein Funken Spontaneität, von Abenteuerlust ganz zu schweigen! Thusi ertappte sich bei einem Anflug von Verachtung für die junge Dame.

So brachte man das gemeinsame Mittagessen in leicht gereizter Stimmung hinter sich, und es war nur gut, dass für den Nachmittag die Vernissage in der Kunstmühle auf dem Programm stand. Es verstand sich von selbst, dass sich jeder nach dem Essen so schnell wie möglich auf sein Zimmer zurückziehen wollte – die einen, um vor dem großen Ereignis noch ein wenig zu ruhen, die anderen, um sich dafür in Schale zu werfen. Thusi gehörte zur zweiten Fraktion.

Marthe stand eingekeilt in der Menschenmenge, krampfhaft bemüht, von der Dame, die unmittelbar vor ihr stand, den größtmöglichen Abstand zu halten. Die Niessalve, die deren in großen Mengen aufgetragenes Parfum während der Ansprache des Bürgermeisters bei ihr ausgelöst hatte, war peinlich genug gewesen. Hoffentlich kam der jetzige Redner bald zu einem Ende und sie an ein belebendes Glas Wein. Mit nüchternem Verstand waren diese Lobhudeleien beim besten Willen nicht zu ertragen. Überhaupt hatte sie bei dieser vergleichsweise unbedeutenden Ausstellungseröffnung nicht mit so vielen Grußadressen gerechnet. Die Leiterin des Museums, eine Frau Dr. Schäfer, hatte das Wort zunächst dem Bürgermeister erteilt, der zugleich der Erste Vorsitzende des ansässigen Kunstvereins war. Im Unterschied zu ihr gab sich Klaus Papke nicht die geringste Mühe, auch nur ein klein wenig weltläufig zu wirken. Vermutlich war er, von seiner Zeit bei der NVA einmal abgesehen, noch nie in seinem Leben aus Beekenau herausgekommen. Ein feister und apoplektischer Typ, dem man den Machtmenschen schon von weitem ansah. Die eng stehenden Augen unter der bulligen Stirn erinnerten Marthe an jemanden – bis sie in der Menschenmenge das junge Paar aus dem Ruderboot wiedererkannte. Der untersetzte junge Mann musste Papkes Sohn sein.

Nachdem auch noch der Zweite Vorsitzende des Kunstvereins und Frau Dr. Schäfer selbst gesprochen hatten, war nun ein gewisser Professor Wischniewski an der Reihe. Marthe erkannte in ihm den Hotelgast wieder, der sie am Morgen, wenn auch unwissentlich, aus den Klauen des Hoteliers befreit hatte. Wenn man seiner Vorrednerin Glauben schenken durfte, war Wischniewski, selbst ein Sohn Beekenaus, inzwischen ein international renommierter Sammler und Kunstexperte. Vielleicht wollte der gute Mann, der eigens aus Dresden angereist war, nur etwas bieten für sein Geld, wahrscheinlicher war jedoch, dass er sich selbst gerne reden hörte. Ganz offensichtlich übertrieb er gehörig, was die kunsthistorische Bedeutung der Beekenauer Schule anging. Aber es freute sie natürlich für Herrn Michaelis, dass man seinen Großvater – und damit auch ihn – hier und heute derart ehrte. Und für Thusi freute es sie auch.

Herrlich auch, wie die sich in Schale geworfen hatte! Sie pflegte ja sonst eher weite Schlabberkleider mit wilden Mustern zu tragen, für diesen Anlass aber hatte sie sich ein purpurfarbenes Gewand mit violetten Streifen ausgesucht, das mit glitzernden Silberfäden durchwirkt war und ihr an jedem Königshofe zur Ehre gereicht hätte. Auch Joachim Michaelis machte eine gute Figur. Statt des blauen Schals mit weißen Punkten hatte er einen roten Seidenschal umgebunden, und mit seinem zum Sakko passenden schwarzen Samtbarett sah er nun wirklich aus wie ein romantischer Künstler aus dem neunzehnten Jahrhundert. Ein schönes Paar. Was wohl aus den beiden geworden wäre, hätten die Zeitläufte sie nicht auseinander geführt? Wahrscheinlich wäre ihre Liebe längst eingeschlafen, dachte Marthe. Wie die meisten Lieben. Es war das Unerfüllte, das die Sehnsucht immer noch und immer wieder aufs Neue entfachte.

Da sie sich an dem Anblick der beiden erfreuen konnte, ergab sich Marthe halbwegs versöhnt ihrem Schicksal, als es hieß, eine weitere Rede über sich ergehen zu lassen. Endlich war der eigens aus Schweden angereiste Ehrengast selbst an der Reihe. Joachim Michaelis eröffnete seine Ansprache, indem er zunächst allen Anwesenden für ihr Kommen dankte und besonders seiner Enkeltochter Inga, ohne die er den weiten Weg nicht auf sich genommen hätte. Er dankte dem unbekannten Mitmenschen, der das Grab seines Vaters und des Großvaters, dessen Vornamen zu tragen er stolz sei, gepflegt und sogar ein Blumengebinde daraufgelegt habe – an dieser Stelle wechselten Frau Schäfer und der Zweite Vorsitzende des Kunstvereins einen einvernehmlichen Blick. Und dann dankte Joachim Michaelis seiner lieben Freundin Thusi von Kussewitz dafür, dass sie ein so bezauberndes junges Mädchen gewesen sei und seinen Großvater, der ja, wie man wisse, vor allem ein Landschaftsmaler gewesen sei, zu einem ganz besonderen Porträt inspiriert habe. Mit diesen Worten forderte er die Anwesenden auf, ihn in den nächsten Saal zu begleiten, und reichte der alten Dame seinen Arm.

Die Bewegung war Marthe sehr willkommen. Es gelang ihr, sich an einigen Besuchern vorbeizuschlängeln, die sich ausgerechnet jetzt teils mit Handschlag, teils mit Wangenküsschen begrüßen mussten und einander umständlich weitere Bekannte vorstellen wollten, die eigens zu diesem Zweck herbeigewinkt wurden. Vor der Schwelle zum angrenzenden Saal waren sich der Bürgermeister und Professor Wischniewski gegenseitig im Wege, da keiner dem anderen den Vortritt lassen wollte. Sorgen hatten die Leute! Marthe quetschte sich an ihnen vorbei – und hielt inne. Von der Stirnseite des Raums blickte dem Betrachter aus einem überlebensgroßen Porträt ein atemberaubend hübsches junges Mädchens entgegen. Die junge Frau trug ein hellgrünes Sommerkleid, das haargenau zur Farbe ihrer Augen passte. Auch das auf einem Tisch vor ihr liegende Buch war hellgrün. Eine Klavierpartitur, wie Marthe im Näherkommen feststellte. Spätestens dieses Indiz ließ keinen Zweifel mehr daran, dass es sich um ein Porträt der jungen Thusi handeln musste.

Im selben Moment stand die alte Frau plötzlich vor ihr und strahlte Marthe an, aus Augen von einem etwas zarteren, ein wenig verwaschenen, aber immer noch schönen Hellgrün.

»Mein Leben lang habe ich dieses Bild im Herzen getragen.« Joachim Michaelis hatte Thusi losgelassen und war vor die Gruppe getreten. »Und natürlich im Kopf. Deshalb habe ich mich um seine materielle Erscheinungsform nicht weiter gekümmert. Die Erinnerung, oder sagen wir ruhig, der immaterielle Besitz waren mir Freude genug. Auch war es mir eine Befriedigung, das Mädchen in Hellgrün, oder Min Herzing, wie der eigentliche Titel lautet, in der Obhut der Porträtierten zu wissen – genau wie jenes andere Porträt, das Sie dort drüben an der gegenüberliegenden Seite sehen.«

In der Ferne nahm Marthe das Bildnis einer jungen Mutter wahr, die ein Kind im Arm hielt. Es mochte etwa anderthalb Jahre alt sein. Sie schien mit ihm zu einer innigen Einheit verschmolzen.

»Aber«, fuhr Joachim Michaelis fort, »seit ich die beiden Bilder wiedergesehen habe – bis gestern wusste ich überhaupt nicht, dass sie sich hier befinden –, möchte ich sie in meiner Nähe wissen, egal, wie lang die mir verbleibende Zeit noch bemessen sein mag. Und sei es auch nur, um in meiner Todesstunde darauf zu blicken. Wer immer sie hinter meinem Rücken an die Kunstmühle veräußert hat, war dazu nicht berechtigt. Der Kauf ist unwirksam.«

Ein Raunen ging durch die Menge. Der alte Herr blickte die Leiterin des Museums fest an. »Auch die beiden Landschaften meines Großvaters, die hier hängen, sind bei Lichte besehen mein Eigentum. Aber keine Sorge, liebe Frau Schäfer, deswegen bin ich nicht hergekommen. Ich möchte Ihnen vielmehr«, seine Stimme zitterte, es kostete ihn sichtlich Kraft, weiterzusprechen, »einen Vorschlag zur Güte machen.«

Marthe bemerkte, wie sich Thusis Wangen mit einer leichten Röte überzogen, während Inga Michaelis, die schräg hinter Thusi stand, kalkweiß geworden war. Die Leiterin der Kunstmühle bemühte sich um ein neutrales Lächeln, konnte ihren Unmut aber nur schlecht verbergen. Auf ihren Wangen breiteten sich hektische Flecken aus. Spannung lag in der Luft, eine spürbare Veränderung der Atmosphäre. Professor Wischniewski lachte etwas zu laut. Marthes Herzschlag beschleunigte sich.

»Gern werde ich verfügen, dass die beiden Landschaften im Besitz Ihrer schönen Galerie bleiben«, fuhr Joachim Michaelis fort. »Als Schenkung im Nachhinein. Wie gesagt, es ging mir nie um materiellen Besitz, und es ist mir nicht um Strafverfolgung zu tun. Die beiden Porträts nehme ich für den doppelten Preis zurück, was immer Sie dafür bezahlt haben mögen. Über das Mädchen in Hellgrün möge die Porträtierte nach meinem Ableben selbst verfügen. Hanna und Jockele vermache ich meiner Enkeltochter …«

Sein Blick wanderte suchend durch den Raum, bis er Inga entdeckte. Er lächelte sie an. »… meiner Enkeltochter, die mich in ihrer klugen und beharrlichen Art oft an meine Mutter erinnert. Ich bin sicher«, er blickte Frau Schäfer an, »Sie werden meinen Vorschlag akzeptieren. Auch ohne diese beiden Bilder haben Sie ja noch genügend andere feine Stücke in Ihren Beständen.«

Zum Zeichen, dass er geendet hatte, nickte er kurz in die Runde. Jemand begann zu applaudieren, die anderen taten es ihm nach. Sichtlich erschöpft stützte sich Joachim Michaelis auf den Schirm, den er aus dem Hotel mitgenommen hatte und als Gehstock benutzte, und blickte zu Boden. Marthe fasste sich ein Herz und trat schnell zu ihm. Sie berührte ihn leicht am Arm und führte ihn zu einer kleinen Holzbank am Rande des Saals hinüber. Thusi folgte ihnen und setzte sich neben Joachim. Der Bürgermeister, offensichtlich bemüht, wenigstens eine Art von Schlusswort zu sprechen, klatschte mehrmals mit übertriebenem Schwung in die Hände. »Kinder, Kinder, das ist ein Tag!«, rief er laut.

Mit hochrotem Kopf gab Frau Dr. Schäfer den weißbeschürzten jungen Frauen, die sich im Hintergrund bereithielten, einen Wink, mit dem Servieren der Getränke zu beginnen.

Allmählich löste sich die allgemeine Anspannung auf.

Ein geschickter Schachzug, dachte Marthe. Mit seinem Vorschlag ersparte Joachim Michaelis seinem Sohn – und damit auch sich selbst – die öffentliche Bloßstellung. Auch wenn sich die Verantwortlichen vor Ort jetzt nicht begeistert zeigten, würden sie von weiteren Schritten sicherlich absehen, schließlich verdienten sie auch noch an dem unrechtmäßigen Kauf.

Ob Inga sich freute, ein Bild aus dem Familienbesitz zu erben – oder ärgerte sie sich vielmehr darüber, dass Thusi das andere erhalten sollte? Mehr als die Antwort auf diese Fragen interessierte Marthe jetzt freilich, wie sie wohl am geschicktesten an eines der kühlen Erfrischungsgetränke gelangte, ohne allzu gierig zu erscheinen. Mit den letzten zwei Gläsern, die ihr auf einem Silbertablett unter die Nase gehalten worden waren, hatte sie die beiden alten Herrschaften versorgt. Und nun hatte dieses dumme Serviermädchen, das sie seit geraumer Zeit herbeizuwinken versuchte, nichts Besseres zu tun, als ausschließlich um den Bürgermeister herumzuscharwenzeln. Es half nichts, Marthe würde sich noch einmal ihren Weg durch die Menschenmenge bahnen müssen. Immerhin hatte jahrelange Erfahrung auf Buchmesseempfängen sie in dieser Hinsicht gestählt.

Endlich hatten sie den offiziellen Teil des Tages hinter sich gebracht. Das lange Stehen hatte Thusi über Gebühr ermüdet, auch wenn sie jede sich bietende Gelegenheit genutzt hatte, um sich hinzusetzen. Aber nun war die Eröffnung ja buchstäblich überstanden und auch das anschließende Festessen mit den Honoratioren des Ortes im Beekenauer Hof absolviert. Zwar hatte es bei Tisch noch ein unangenehmes Wortgeplänkel mit Frau Dr. Schäfer gegeben, die aus Gründen, die Thusi ein Rätsel geblieben waren, auf Jockels großzügiges Angebot eher säuerlich reagiert hatte. Aber um des lieben Friedens willen hatte man das Thema vorerst nicht weiter verfolgt.

»Entweder wir einigen uns gütlich, oder ich übergebe die Sache meinem Anwalt.« Jockels Ton hatte keinen Zweifel daran gelassen, wie ernst er es meinte. »Und dann werde ich auch die längst fällige Frage nach dem Verbleib der übrigen Bilder stellen, angefangen mit Feiningers Sturmgewitter.«

Damit war das Thema für ihn erledigt gewesen, wenngleich, wie jeder in der Runde sich leicht denken konnte, nur für den unmittelbaren Moment.

Nun, beim Abendspaziergang mit Jockel durch den Garten des Hauses, ließen sich alle Probleme für ein Weilchen verdrängen. Langsam setzten sie Schritt vor Schritt und sprachen von vergangenen Zeiten, bis Thusi es an der Zeit fand, sich wieder der Zukunft zuzuwenden. Der sehr, sehr nahen Zukunft. Im Laufe ihres Beisammenseins war sie nun schon zweimal vorgeprescht, da konnte sie es wohl auch noch ein drittes Mal wagen. Bei der nächsten Birke blieb sie stehen, tat kurz so, als schnuppere sie am Lavendel, der hier in großen Blumenkübeln am Wegesrand besonders üppig gedieh, und fasste sich dann ein Herz.

»Gehen wir zu dir oder zu mir? So heißt es doch heutzutage?«

Jockel sah sie verständnislos an. Himmel hilf, dachte Thusi. Sicher waren die jungen Männer heutzutage nicht so schwer von Kapee.

»Ich meine, was wir damals in Mecklenburg begonnen haben, sollten wir auch in Mecklenburg fortsetzen«, sagte sie.

Seine Augen weiteten sich. Langsam schien er den Hintersinn ihrer Worte zu begreifen.

»Und zu einem guten Ende führen«, ergänzte sie.

»Ach, min Herzing.« Ihre Jugendliebe stieß ein ungläubiges Lachen aus. »Damals waren wir dafür zu jung, und jetzt, fürchte ich, sind wir ein wenig zu alt.«

»Nein, Jockel, wir waren nicht zu jung, sondern nur zu prüde erzogen. Was denkst du wohl, was heute bei den Sechzehn- bis Neunzehnjährigen los ist?«

»Ich glaube, auch darin wird die heutige Jugend weit überschätzt.«

»Nicht ablenken, Jockel. Und du darfst auch nicht von deiner Enkeltochter auf die heutige Jugend schließen.« Sie blickte ihn erwartungsvoll an. »Nun?«

Alle Koketterie, die sie je in ihrem Leben aufgebracht hatte, floss in diesem kleinen Wort zusammen. Es war blutiger Ernst.

»Du denkst wirklich nicht, dass wir ein wenig zu alt sind für … dergleichen?«

»Willst du mich beleidigen, Jockel?« Es klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte.

»Ich meine natürlich nicht dich, sondern mich«, beeilte er sich zu sagen. »Bin mir nicht sicher, ob das in meinem Fall noch so klappt wie gewünscht. Das heißt, ich bin mir eher sicher, dass es nicht …«

»Finden wir es doch heraus.«

Thusi strich ihm übers Revers und zupfte eine imaginäre Fluse vom Sakko. »Wir sind steinalt. Na und? Dafür sind wir aber nicht mehr so verklemmt wie damals, oder?«

»Jetzt müsste ich dich malen«, sagte Joachim. »Du bist doch immer noch das reizende junge Mädchen geblieben.«

Stattdessen ließ er den Hotelregenschirm zu Boden fallen, umrahmte ihr Gesicht mit beiden Händen und küsste sie. Erst in den linken Mundwinkel und dann in den rechten. Und endlich auch mitten auf den Mund.

Die erste Hürde war genommen, das Küssen hatte noch erstaunlich gut funktioniert. Thusis neue Haftcreme hatte hervorragende Dienste geleistet. Und was Jockel betraf, so erwies es sich vielleicht sogar als von Vorteil, dass er wie ein Schlot qualmte. Sein Atem roch angenehm nach Mentholzigaretten.

»Gehen wir also zu dir«, sagte Jockel.

Eng umschlungen schritten sie zurück zum Hotel, wobei sie ab und an innehielten, um zu verschnaufen – und sich einmal mehr zu küssen. Dem dicklichen jungen Mann, der ihnen entgegenkam, stand die Empörung ins Gesicht geschrieben, auch wenn er den Blick von ihnen abgewandt hielt und betont desinteressiert zu Boden schaute. Auch sie taten, als würden sie ihn nicht bemerken, aber als er an ihnen vorbei war, brachen sie in Gelächter aus.

»Wir haben den armen Kerl doch nicht traumatisiert?« Thusi kümmerte es nicht, ob er sie noch hören konnte.

»Man sollte meinen, wir würden ihm Hoffnung machen. Es ist nie zu spät, die Frau seines Lebens zu küssen.«

»Besser wär’s, er lernt daraus, die Gelegenheit schon früher beim Schopf zu ergreifen. Du hättest dich ruhig eher für die Bilder deines Großvaters interessieren können. Und natürlich für mich.«

»Ich weiß«, sagte Jockel, »aber das ist wie mit dem Eigelb beim Frühstücksei. Das Beste hebt man sich auf bis zum Schluss.«

»Ich möchte bitte nicht mit einem Eigelb verglichen werden.«

Auch wenn Thusi beleidigt tat – ihre Stimme klang dennoch geschmeichelt.

Kurze Zeit später hatten sie es am Empfang vorbei und hinauf auf ihr Zimmer geschafft. Himmel hilf, dachte die alte Dame noch einmal. Vielleicht war dies alles doch keine so gute Idee. Einen Striptease konnte sie nicht mehr hinlegen. Und sie wusste auch nicht, ob Jockel sie wirklich unbekleidet sehen wollte – oder sie ihn.

Ihr alter Freund schien Ähnliches zu denken. Er gab vor, eine weitere Zigarette rauchen zu wollen – immer noch die einfachste Methode, um Zeit zu schinden. Aus demselben Grund zückten die jungen Leute heutzutage vermutlich ihre Mobiltelefone und gaben vor, ihre Kurzmitteilungen zu »checken« – so sagte man doch?

»Setzen wir uns doch noch einen Moment raus auf den Balkon«, schlug Thusi vor.

Erwin hatte ihr das in der Mitte der ersten Etage gelegene Prunkzimmer des Hauses gegeben. Der Balkon davor erweckte den Eindruck, als hätte er einmal als Ehrenloge gedient, von welcher der Gutsherr an hohen Feiertagen seine Gäste begrüßen oder auch huldvoll auf seine Landarbeiter herabblicken konnte. Aber wie Thusi wusste, tat der Bau nur so als ob; in Wirklichkeit hatten diese noblen Gesten hier nie stattgefunden.

Sie hatten gerade draußen Platz genommen und sich in die warmen Decken gehüllt, die zu diesem Zweck bereitlagen, als es an der Zimmertür klopfte. In der Hoffnung, dass es Marthe wäre, die vielleicht ein Aspirin brauchte, und nicht Inga, die ihren Großvater kontrollieren und ihnen die Stimmung verderben wollte, öffnete Thusi die Tür. Aber davor stand keine der beiden, sondern eine etwas dralle junge Frau, die Thusi vage bekannt vorkam. Sie jonglierte ein Tablett, auf dem sich zwei Cocktailgläser und ein Schälchen mit Mandeln befanden. Während sie Thusi das Tablett entgegenstreckte, gelang ihr gleichzeitig ein formvollendeter Knicks, an dem selbst der gute alte Wilhelm von Kussewitz seine Freude gehabt hätte. Erwin hatte sein Personal wirklich im Griff.

»Entzückend. Kommen Sie doch herein.«

Mit einer Kopfbewegung bedeutete Thusi der Frau, das Tablett auf dem Balkontisch abzustellen, während sie in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie kramte und etwas Kleingeld entnahm.

»Ein Gruß von Inga?«, fragte Joachim, nachdem die Bedienung wieder verschwunden war.

»Sagte sie nicht, von der Bar? Guck mal, wie aufmerksam.«

Thusi zeigte auf die beiden Gläser, ein rotes und ein blaues Getränk. In dem Zitronenschlitz am Rand des blau gefüllten Glases steckte eine schwedische Papierflagge. Auch die beiden Trinkhalme waren blau und gelb. Jemand hatte sich viel Mühe gegeben. Der Drink im zweiten Glas – es war mit einem schwarz-rot-goldenen Fähnchen geschmückt – schimmerte rot.

»Dein Schlummertrunk ist schwedisch und meiner deutsch. Wollen wir tauschen?«

Ohne auf ihren Vorschlag einzugehen, ergriff Joachim das für ihn bestimmte blaue Getränk.

»Rot und blau«, sagte er. »Mann und Frau. Und so führst du mich also auf meine alten Tage noch in Versuchung. Auf dein Wohl, min Herzing.«

»Skål, Jockel. Ja, da haben wir uns auf etwas eingelassen.«

Sie nippten beide an ihren Drinks, wobei Thusi nur den roten Trinkhalm in ihrem Glas benutzte und den schwarzen ignorierte.

»Curaçao«, sagte er. »Und noch irgendwas, hab ich lange nicht mehr getrunken. Wenn überhaupt je. Sonst gönne ich mir ja nur an Sonn- und Feiertagen ein Gläschen Kräuterlikör, selbst aufgesetzt. Ja, so geht es los mit der Sünde. Ist das Campari in deinem Glas?«

»Ich glaube, ja. Bisschen bitter für meinen Geschmack. Du weißt ja, ich bin mehr fürs Süße.«

Thusi stellte ihr Glas ab und sah ihrem alten Freund dabei zu, wie er den blauen Schlummertrunk mit Todesverachtung hinunterkippte. Spielte er es, oder musste er sich wirklich schütteln?

»Nur der Tod ist noch bitterer.«

Er streckte eine Hand nach ihr aus, um ihr aufzuhelfen. »Komm, meine Süße. Legen wir uns aufs Ohr. Bisschen beieinander ruhen – wer weiß, ob es nicht schon morgen auch dafür zu spät ist.«

Thusi ergriff seine Hand und lächelte ihn an. Insgeheim war sie froh über Jockels Aufrichtigkeit. Erleichtert, um nicht zu sagen, beruhigt. Aus dem Alter, in dem man sich oder dem anderen noch irgendetwas beweisen musste, waren sie eben auch schon heraus.

Kapitel 4

Vor ihrem Wiedersehen im Juni hatte Inga ihren Vater zuletzt bei ihrer Schulentlassung vor zehn Jahren gesehen, und das, würde sie später denken, war der schrecklichste Tag ihres Lebens gewesen. Zu ihrer Examensfeier ein paar Jahre später hatte sie ihn dann gar nicht erst eingeladen.

Nicht dass ihr Vater ein Scheusal gewesen wäre, beileibe nicht. Die meisten Menschen, die ihn kennenlernten, waren hellauf begeistert von ihm. Kaum jemand, der nicht sogleich für Carl-Ingvar Michaelis ins Schwärmen geriet. Ihre Freundinnen und Mitschülerinnen hatten sie glühend um diesen Vater beneidet, schon als sie noch Kinder gewesen waren. Sie sahen eben nur den berühmten Comiczeichner in ihm, der sagenhaft viel Geld verdiente und in einem Märchenschloss lebte. Wenn Inga ihn an den Wochenenden oder in den Ferien besuchte, hatten sich die Mädchen aus ihrer Klasse darum gerissen, sie zu begleiten. Einmal in der Himmelsburg in einem echten Himmelbett schlafen zu dürfen und süße Mädchenträume zu spinnen! Im Garten am Pool zu lümmeln, mit Blick auf das Meer, und im Winter in der Sauna im Keller. Im Heimkino auf einer Riesenleinwand die neuesten Filme zu gucken. Und zum Abschied vom berühmten Carl-Ingvar Michaelis höchstpersönlich ein Buch signiert bekommen. Für die meisten war das der Traum vom perfekten Wochenende. Das große Glück. Zum Dank war jede bereit gewesen, brav über seine Witze zu lachen, und keine Einzige hatte sich je darüber beschwert, dass er sie herablassend behandelt hätte. Vermutlich war es ihnen nicht einmal aufgefallen.

Später waren es ihre männlichen Freunde gewesen, die um Carl-Ingvars Aufmerksamkeit buhlten, während er sich einen Spaß daraus machte, ihre jungen Verehrer nach Strich und Faden durch den Kakao zu ziehen. Wie sehr hatte sie darunter gelitten! Deswegen hatte sie vor ein paar Jahren beschlossen, nicht mehr zu ihm zu fahren. Es sei denn, er würde sie doch einmal von sich aus bitten, ihn zu besuchen. Und selbst für diesen Fall hatte sie sich fest vorgenommen, niemanden mitzunehmen. Es sei denn, sie träfe eines Tages den Mann, der ihr ebenbürtig wäre und ihm überlegen. Doch den gab es wohl nicht. Er hätte ja die Größe von Farfar besitzen müssen.

Dass ihr Großvater eines Tages, ja vielleicht schon bald sterben könnte, war ihre größte, ihre einzige Sorge. Doch Farfar war erst sechsundachtzig und eigentlich noch ganz rüstig. Zwar machte ihm das Herz etwas zu schaffen, aber das war doch normal bei den meisten älteren Leuten. Nach wie vor war er bei klarem Verstand, er konnte durchaus hundert Jahre alt werden. Ja, das war sehr gut möglich.

Kapitel 5

Am frühen Sonntagmorgen wachte Thusi auf. Irgendetwas war anders im Raum, was es genau war, hätte sie nicht sagen können. War Jockel auf sein Zimmer zurückkehrt?

Nein, er lag neben ihr, unverändert.

Schlief einen tiefen und geräuschlosen Schlaf.

Vielleicht war es das.

Das Geräuschlose.

Das Unveränderte.

Sie spähte zu ihm hinüber und betrachtete sein Profil, das sich im Dämmerlicht des Septembermorgens sanft vor der graublauen Färbung hinter dem Fenster abzeichnete. Als sie sich hingelegt hatten, hatte sie vergessen, die Vorhänge zu schließen.

Hatte Jockel nicht vorhin, als sie einmal kurz wach gewesen war, auch schon so auf dem Rücken gelegen? Genau so?

»Jockel?«

Ihre Stimme klang fremd in der Stille.

Thusi hob den Kopf und lauschte. Sie war ein wenig schwerhörig, das wusste sie ja, auch wenn sie es gegenüber ihren jüngeren Mitbewohnern strikt leugnete. Oft genug bildete sie sich tatsächlich ein, besser zu hören als alle anderen zusammen, weil sie auch das hörte, was zwischen den Zeilen gesprochen wurde – oder ungesagt blieb.

Hätte er geschnarcht oder im Schlaf geächzt, so hätte sie es gehört.

Aber Jockel schnarchte nicht.

Stumm lag er da, reglos und fern. Irgendwann, als sie geschlafen und ihn – wie die Jünger im Garten Gethsemane ihren Herrn – somit im Stich gelassen hatte, hatte auch er sie verraten.

Nachdem sie ihn eine Weile betrachtet hatte, überwand sie sich und streckte die Hand aus, um seine Stirn zu berühren. Sie zog sie aber gleich wieder zurück. Im Laufe ihres langen Lebens hatte Thusi schon von einigen Toten Abschied genommen, aber an diese Kälte würde sie sich niemals gewöhnen.

Kapitel 6

Marthe schreckte hoch. Es dauerte einen Moment, bis sie sich orientieren konnte. Eben hatte sie noch Seite an Seite mit Richard in einem Ruderboot gesessen und ihr Ruder im Gleichtakt mit ihm ins tiefe Wasser getaucht. Nun aber wurde sie von ihrem Mobiltelefon brutal aus diesem Traum gerissen. Sie gönnte sich einen letzten Moment, um Richards Nähe auszukosten, dann siegte ihr Pflichtgefühl. Wer um alles in der Welt rief sie zu dieser nachtschlafenden Zeit an? Es war doch nichts mit Marlene passiert? Wie spät war es jetzt überhaupt … hier … und in Neuseeland?

Bis sie ihr Handy aus den Tiefen ihrer Handtasche hervorgekramt hatte, war das Läuten verstummt. Nun musste sie warten, bis sich die Mailbox meldete. Die kurze Zeitspanne kam ihr schier endlos vor. Auch wenn ihre Tochter inzwischen siebzehn war, die Sorgen, die man sich als Mutter machte, würden wohl nie ein Ende finden. Richards tröstliche Nähe hatte sich verflüchtigt.

Endlich erlöste das vertraute Klingeln sie aus der Ungewissheit. Thusi Spannagel hatte eine kryptische Nachricht hinterlassen: Marthe solle sofort auf ihr Zimmer kommen, dabei aber unbedingt leise zu Werke gehen. »Dass dich ja keiner bemerkt!«

Die sonst so melodiöse Stimme hatte beinahe bedrohlich geklungen.

Missmutig schlüpfte Marthe in die weißen Frotteeschlappen mit eingestickter blauer Krone, die der Beekenauer Hof seinen Gästen zur Verfügung stellte, und warf sich den hoteleigenen Bademantel über.

Thusi lauerte ihr hinter der Zimmertür auf und öffnete, noch ehe Marthe angeklopft hatte.

»Entschuldige, dass ich dich wecken musste«, zischte sie. »Ein Notfall. Komm rein.«

Sie ließ Marthe ins Zimmer und zeigte zum Bett hinüber. Zu ihrer Verblüffung sah Marthe Joachim Michaelis darin liegen. Der alte Herr schlief den Schlaf der Gerechten. Alle Achtung, die beiden alten Leutchen hatten offenbar nichts anbrennen lassen.

»Er ist eingeschlafen«, erklärte Thusi und fügte noch ein überflüssiges »leider« hinzu.

Dass der alte Mann schläft, ist ja wohl offensichtlich, dachte Marthe. Sie wusste nicht so recht, was sie von all dem halten sollte.

»Also dann, wie gehen wir am besten vor?«, fragte Thusi.

»Entschuldigung?«

»Ja, er kann doch nicht einfach so da liegen bleiben.«

Die Frau hatte Nerven! Nicht nur hatte sie Marthe aus dem schönsten Traum geschreckt, jetzt wollte sie auch noch mit ihrem eigenen Abenteuer prahlen, sich vor Marthe aufspielen, deren reales Leben, zugegeben, zur Zeit etwas der Romantik entbehrte.

»Er ist tot, Liebchen«, sagte Thusi in Marthes Gedanken hinein. »Aber nicht das, was du denkst.«

Marthe wurde von einem leichten Schwindelgefühl ergriffen. Ich soll ihr helfen, die Leiche verschwinden zu lassen, schoss es ihr durch den Kopf. Um Himmels willen, was ging hier eigentlich vor sich?

»Wir müssen ihn in sein eigenes Bett verfrachten«, sagte Thusi. »Sonst ist es einfach zu peinlich. Das siehst du doch ein.«

Na, wenigstens nicht im Park verbuddeln, dachte Marthe. Sie merkte, wie ein Kichern in ihr aufstieg, und versuchte, es zu unterdrücken, indem sie ein Husten vortäuschte. Dabei verschluckte sie sich und musste tatsächlich husten.

»Nicht so laut«, zischte Thusi. »Du weckst noch das ganze Haus.«

In diesem Moment begriff Marthe erst richtig, was Thusi gesagt hatte. Der alte Mann war tot, ihn würde auch das lauteste Husten nicht mehr wecken. Was für eine traurige Geschichte. Man hörte ja hin und wieder, dass Leute beim Sex starben – und es betraf ausschließlich Männer, hatte sie einmal gelesen. Vorzugsweise katholische Priester. Weil sie so wenig Übung hatten? Oder weil sie, im Gegenteil, allzu genussfreudig waren? Das wusste sie nun nicht mehr so genau. Dass es aber ausgerechnet den Liebhaber ihrer alten Freundin hinweggerafft hatte, war eindeutig ungerecht.

Sie wagte einen verstohlenen Blick zu Thusis Bett hinüber. Es lag kein seliges Lächeln auf dem Antlitz des Toten, im Gegenteil, man hätte sein Gesicht eher für schmerzverzerrt halten können – es sei denn, man wusste es besser. Hatte es den armen Mann etwa ausgerechnet in dem Moment erwischt, in dem …

Au weia, dachte Marthe, arme Thusi!

Sie wandte den Blick ab, peinlich berührt. Nur gut, dass Thusi ihrem Besucher wenigstens wieder sein Hemd angezogen und es ordentlich zugeknöpft hatte. Daran, wie es unter der Bettdecke aussah, mochte man freilich nicht denken.

»Nicht, dass es mir peinlich wäre«, betonte Thusi. »Ich dachte mehr an den armen Jockel und seine Enkeltochter.«

»Natürlich«, hörte Marthe sich sagen. »Es tut mir sehr leid«, fügte sie verlegen hinzu.

»Also?« Thusi guckte sie auffordernd an.

Marthe schüttelte den Kopf. »Das geht nicht, Thusi. Beim besten Willen. Wie stellst du dir das vor?«

»Es muss gehen«, sagte Thusi. »Was nicht geht, ist, dass er hier liegen bleibt.«

»Wir sollten einen Arzt rufen«, meinte Marthe.

Beinahe hätte sie auch noch vorgeschlagen, die Polizei zu verständigen, aber sie biss sich gerade noch rechtzeitig auf die Lippe. Seit sie vor ein paar Jahren eines Mordes verdächtigt worden war, verspürte sie nicht die geringste Lust auf Begegnungen mit den sogenannten Ordnungshütern. Erst recht nicht nachts, und schon gar nicht im Osten Deutschlands, da waren ihre Vorurteile noch größer. Und außerdem war dies hier ja ein natürlicher Tod, kein Fall für einen Ermittler.

»Ein Arzt kann ihm auch nicht mehr helfen«, sagte Thusi. »Alles, was wir noch für mein Jockele tun können, ist, ihn in sein eigenes Bett zu bringen.« Unwillkürlich hatte sie ihre Stimme erhoben. Jetzt war sie es selbst, die gleich, wenn schon nicht das ganze Haus, so doch zumindest den Gast im Nebenzimmer aufwecken würde. »Er war immer so auf Anstand bedacht und auf Diskretion, weißt du, ein Kavalier alter Schule.«

»Es tut mir so leid«, wiederholte Marthe. »Aber wir können ihn nicht wegtragen, auch nicht zu zweit, das ist ausgeschlossen. Wenn du willst, kannst du dich in mein Zimmer legen. Ich regele das hier inzwischen.«

»Verdammt«, sagte Thusi. »Wahrscheinlich hast du recht.«

Sie ließ sich neben ihrem Jugendfreund auf der Bettkante nieder und nestelte an ihrem Turban, den sie offenbar auch zum Schlafen nicht abgelegt hatte. Marthe fragte sich, ob sie ihn auch sonst des Nachts aufbehielt. Oder hatte sie nur heute für den Herrenbesuch eine Ausnahme gemacht?

Unterdes war Thusi zu einem Entschluss gekommen. »Zieh dich an«, sagte sie, »und hilf mir beim Packen. Wir reisen ab.«

Kapitel 7

Etwas Furchtbares war geschehen, Farfar war tot. Sie hatten ihn am Tag zuvor aufgefunden, unter unmöglichen Umständen. Inga schämte sich fast, auch nur daran zu denken. An allem war nur diese schreckliche Thusi Spannagel schuld. Diese Mörderin, sie hatte Farfar auf dem Gewissen! Allein schon, dass sie ihn hatte überreden wollen, in seinem Alter wieder nach Deutschland zu ziehen – eine Schnapsidee! Er hatte schließlich gute Gründe gehabt, nach Schweden auszuwandern – und in Schweden zu bleiben.

Und was sollte nun aus ihr werden? Am Sonntagmittag hatte ihr ein Arzt – derselbe, der den Totenschein ausgestellt hatte – eine Beruhigungsspritze verpasst, von einem Schock war die Rede gewesen. Grober Unsinn, hatte sie gedacht, konnte sich aber über die anschließenden vierzehn Stunden Schlaf nicht beschweren, es ging ihr nun wesentlich besser. Wenngleich Farfars Tod noch immer völlig unwirklich erschien. Konnte es sein, dass sie das alles doch nur geträumt hatte? Sie musste sich erst wieder der Realität vergewissern.

Was also war gestern geschehen?

Am Morgen war Farfar nicht, wie vereinbart, zum Frühstück erschienen. Da hatte sie sich schon gewundert, er war ja ein Frühaufsteher, genauso wie sie, und bei Verabredungen absolut zuverlässig. Nachdem sie eine gute Viertelstunde gewartet hatte, war sie nach oben gegangen und hatte mehrmals an seine Zimmertür geklopft. Keine Antwort – aber das musste noch nichts Schlimmes bedeuten. Dennoch hatte sie schon da dieses mulmige Gefühl beschlichen – als hätte sie etwas geahnt! Sie hatte den Hoteldirektor geholt – zuvor war ihr Herr von Kussewitz schon in der Hotelhalle begegnet – und ihn gebeten, die Tür aufzuschließen.

Farfars Zimmer war leer, das Bett unberührt. Die Bettdecke war immer noch professionell straff gezogen, und darauf hatte – für jeden sichtbar – eine leere Pillenschachtel gelegen. Diese Nachlässigkeit sah ihrem Großvater so gar nicht ähnlich. Und dann handelte es sich ausgerechnet um Viagra! Wie peinlich war das denn, bitte!

Sie hatte so getan, als gehöre die Schachtel ihr, und hatte sie einfach an sich genommen, aber es stand zu befürchten, dass Herrn von Kussewitz die Aufschrift darauf nicht entgangen war. Viagra! Nun wusste sie, dass das Mittel in Deutschland genauso hieß wie in Schweden. Ob der Hotelier auch bemerkt hatte, dass die Packung vollständig aufgebraucht war? Wäre sie doch nur allein in Farfars Zimmer gegangen – sicher hätte man ihr an der Rezeption einen Schlüssel gegeben. Dann hätte sie diesen verräterischen Beweis für die Torheit eines alten Mannes rechtzeitig verschwinden lassen können und ihrem Großvater wenigstens diese Blamage erspart!

Aber jetzt war es für solche Überlegungen zu spät.

Sie war dann allein wieder zum Frühstück hinuntergegangen und hatte sich im Stillen für die Begegnung mit den beiden alten Leuten gewappnet. Wie sollte sie ihrem Großvater in die Augen schauen – ihm und seiner verlogenen Freundin? Diese Thusi hatte ihn, nach allem, was sie wusste und sich zusammenreimen konnte, erst um die Gemälde seines Großvaters betrogen und machte nun auch noch einen Narren aus ihm. Gut, wenn sie das Porträt, auf dem sie selbst abgebildet war, für sich hätte behalten wollen, so konnte man das zur Not noch verstehen. Niemand war vor Eitelkeit gefeit, und sie war ja ein hübsches Mädchen gewesen. Aber dass sie dieses Bild zusammen mit dem anderen hinter Farfars Rücken gewinnbringend an ein Museum verkauft hatte, das war doch erbärmlich. So viel also zum Thema »die größte Liebe aller Zeiten«!

Sie hatte ihrem Großvater und seiner alten Flamme so schnell nicht wieder begegnen wollen, und auch nicht dieser arroganten Marthe Flachsmann. Aber sie hätte sich gar nicht solche Sorgen machen müssen, denn von den Herrschaften ließ sich sowieso niemand im Speisesaal blicken. Inzwischen wusste Inga natürlich, warum.

Auf die Sonntagszeitung konnte sie sich nicht konzentrieren und hatte inzwischen auch genug Tee für die gesamte Gesellschaft getrunken. Als sie gerade zurück auf ihr Zimmer hatte gehen wollen, waren aus dem oberen Stockwerk aufgeregte Rufe nach unten gedrungen. Das Zimmermädchen hatte Farfar in Thusi Spannagels Zimmer gefunden. Und Farfar war tot. Aber seine alte Freundin – pardon, Mörderin! – und diese feine Krimiautorin waren spurlos verschwunden. Hatten sich einfach abgesetzt, schon mitten in der Nacht, wie der Hotelier ihr erst jetzt mitzuteilen geruhte. Dabei hatte er es die ganze Zeit über gewusst, der Nachtportier hatte die beiden ja abreisen sehen.

Erst hatte man sie nicht zu Farfar lassen wollen, aber sie hatte auf ihrem Recht bestanden und sich an den Angestellten, die die Tür blockierten, vorbeigedrängelt. Doch als sie ihn dann da liegen sah, so unnatürlich bleich und reglos und fremd, da war sie zusammengebrochen.

Kapitel 8

»Denkst du, dass da wirklich etwas gelaufen ist, Marthe, zwischen diesem Herrn Michaelis und unserer Thusi? Ich meine«, Winnie warf einen strengen Blick zu Frieder hinüber, »in drei Tagen wird sie neunzig!«

Es war ein erster kühler Abend, in der Luft lag ein Anflug von Herbst, daher hatten es sich die Garstigen Greise nach dem Abendessen bei einem Glas Wein im Salon gemütlich gemacht und ein Kaminfeuer angezündet. Fast die gesamte Hausgemeinschaft war versammelt, Frieder und Winnie Brandt, Dora Rosin mit ihrem alten Vater Walter, Kirti Cölbe, braun gebrannt zurück von seiner Wanderung in den Dolomiten, Axel Schildt und Marthe Flachsmann.

Marthe zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung, ich bin nicht dabei gewesen. Jedenfalls lag er tot im Bett. Wolltest du etwas sagen, Ritchie?«

Selbst Richard Bindewald hatte sich einmal wieder zu ihnen gesellt. Seit sie im Sommer gemeinsam Rudolf Lenzings Mörder gesucht hatten, war Richard den Reizen von dessen Tochter Undine völlig unkritisch erlegen und hatte seitdem fast jeden freien Abend mit ihr verbracht. Was an dieser Kindfrau Fesselndes dran sein sollte, das einen halbwegs vernunftbegabten Mann wie Richard dermaßen anzog, konnte Marthe beim besten Willen nicht verstehen – und sie wollte jetzt auch nicht weiter darüber nachdenken, sondern einfach seine Anwesenheit genießen. Er hatte an Thusis großem Konzertflügel Platz genommen und klimperte leise vor sich hin.

»Was wollt ihr, ist doch ein schöner Tod«, lachte er. »So stelle ich mir meinen eigenen Abgang auch vor.« Er improvisierte einige harmonische Klänge, wobei er Marthe aus der Distanz einen vielsagenden Blick zuwarf. »Wenngleich nicht an der Seite der guten Thusi, versteht sich.«

Marthe zog es vor, auf ihr Weinglas zu starren. Schon beim gemeinsamen Abendessen hatte sie ihren Mitbewohnern von Thusis Wiedersehen mit ihrem alten Jugendfreund Joachim Michaelis berichtet und auch den Grund für ihre überstürzte Abreise gestern Morgen angedeutet. Tagsüber – und auch nach ihrer Heimkehr gestern – hatte sich dazu keine Gelegenheit ergeben. Erst waren die einen unterwegs gewesen, später hatten die anderen, geheiligter Sonntagabend, den Tatort im Fernsehen gesehen. Inzwischen aber hatten ihre Mitbewohner bemerkt, dass Thusi auf der Reise etwas Ungeheuerliches erlebt haben musste. Warum hätte sich die alte Frau sonst derart in ihrem Zimmer verschanzt? Noch nicht einmal den kleinen Fruchtzwerg, den Dora ihr am Montagmorgen hochgebracht hatte, hatte sie angerührt.

»Arme Thusi«, resümierte Winnie. »Sie ist eben doch nicht mehr die Jüngste, auch wenn sie noch so kregel erscheint. Stellt euch vor, erst kürzlich hat sie darüber geklagt, dass sie schon so lange keinen nackten Mann mehr gesehen hätte.« Winnie lachte. »Deshalb hat sie sich von mir zum Geburtstag gewünscht, dass ich mit ihr in die Halle Münsterland gehe, zu diesen Phoenix Boys – was sagt ihr dazu?«

»Wie bitte, zu diesen strippenden Cowboys?«, platzte Dora heraus.

Alle amüsierten sich, mit Ausnahme von Frieder, der als Einziger in der Runde – wie so oft – nicht wusste, wovon die Rede war.

»Strippende Cowboys?«, fragte er denn auch prompt.

Belustigt beobachtete Marthe, wie Winnie es vermied, in Richtung ihres Mannes zu gucken. Und dass sie die Beantwortung seiner Frage den anderen überließ.

Kirti erbarmte sich. »Sag bloß, du weißt nicht, wer die Phoenix Boys sind. An diesen Knackärschen kommt man doch zur Zeit nirgends vorbei.«

Frieders Gesichtszüge erhellten sich. »Ach, meint ihr diesen Spruch, der überall an den Litfaßsäulen hängt? Stetsons and spurs? Ich hab mich schon gefragt, was das bedeuten soll.«

»You can leave your hat on …« Richard schenkte Marthe ein anzügliches Grinsen und schlug ein paar Takte des Joe-Cocker-Hits an.

»Die Vorstellung am Siebzehnten war schon ausverkauft.« Winnie sprach hastig, offensichtlich war sie froh, diese Information, vielmehr ihr Geständnis, endlich an den Mann bringen zu können. »Ich musste auf den Fünfundzwanzigsten ausweichen. Dann ist die letzte Vorstellung in Münster, das kann ja auch ganz nett sein. Natürlich werde ich Thusi einladen.«

Frieder runzelte die Stirn und guckte seine Frau missbilligend an, sagte aber nichts.

»Ich habe diese Jungs vor zwei, drei Jahren mal in Hamburg gesehen«, erinnerte sich Marthe. »Sind schon gut gebaute Kerle. Wenngleich das Ganze im Prinzip natürlich recht primitiv ist. Um nicht zu sagen, spießig.«

»Das will ich wohl meinen«, betonte Frieder.

Winnie wippte im Takt zu Richards Akkorden. »Ich werde euch dann ja berichten.«

»Wir sollten uns aber auch etwas Schönes für den Siebzehnten einfallen lassen«, nuschelte Dora. Sie hielt eine Schale mit Knabbergebäck im Schoß, an dem sie sich unentwegt gütlich tat, so dass sie mit vollem Mund sprechen musste, um überhaupt zum Zuge zu kommen. »Das ist schließlich der eigentliche Ehrentag.«

»Unbedingt«, stimmte Winnie zu. »Was haltet ihr von einer Überraschungsparty? So wie in alten Zeiten?«

Da Frieder Feiern jeglicher Art hasste und nach den Töchtern nun auch Jonas ein Alter erreicht hatte, in dem er seine Partys alleine planen wollte, war es lange her, dass Winnie zuletzt jemandem eine Feier hatte ausrichten dürfen – sehr zu ihrem Bedauern.

Axel Schildt meldete sich zu Wort, in reinstem Schwäbisch. »Ja, meinst du denn, dass Thusi überhaupt noch lustig wird feiern wollen, jetzert, nachdem …«

Es dauerte immer einen Moment, bis Marthe verstand, was er gesagt hatte. Zum Glück sprach er nicht viel.

»Ich finde das auch unpassend«, pflichtete Frieder ihm bei. »Schließlich ist sie in Trauer.«

Er goss sich Wein nach, und Marthe hielt ihm ebenfalls ihr Glas hin, obwohl es noch zur Hälfte gefüllt war.

»Vielleicht lenkt es sie ja ab?«, sagte sie.

»Ich fass es nicht«, sagte Kirti. »Ihr seid ja so was von abgebrüht, Mädels. Wenn einer von uns sich je in eine Stripshow verirren sollte, kurz nachdem es seine große Liebe hinweggerafft hat, würdet ihr Zeter und Mordio schreien. Von wegen, Männer können nicht lieben und was nicht noch alles. Aber selber …«

Richard unterstrich Kirtis Äußerung durch eine rasche Abfolge dissonanter Klangtupfer quer über die Tastatur.

»Wenn man neunzig wird, sollte man keine Zeit mehr vergeuden«, sagte Marthe. »Auch nicht mit Trauerarbeit. Schon gar nicht mit Trauerarbeit. Zumal man dann schon so viele Tote hat betrauern müssen …«

»Auf den einen mehr oder weniger kommt es nicht mehr an, meinst du?« Abrupt klappte Richard den Deckel über die Tastatur und sprang auf – als hätte er geahnt, dass es im nächsten Moment an der Haustür klingeln würde.

»Erwartet noch jemand Besuch?«, fragte Winnie.

Richard war bereits auf dem Weg in die Eingangshalle. Also doch wieder Undine, dachte Marthe enttäuscht.

Kapitel 9

Nachdem sie in der Nacht von Sonntag auf Montag eine Weile wach gelegen hatte, war es Inga wider Erwarten noch einmal gelungen, in den Schlaf zu finden. Die Spritze, die der Arzt ihr verabreicht hatte, hatte wahre Wunder gewirkt – und wirkte anscheinend noch immer. Die lange Autofahrt hatte sie in einer Art Trancezustand zugebracht, und die Welt jenseits der Windschutzscheibe war ihr seltsam entrückt erschienen, als ob sich alles Geschehen hinter einem Schleier abgespielt hätte. Auch der Geräuschpegel, der auf der Autobahn und den Landstraßen doch geherrscht haben musste, war auf barmherzige Weise gedämpft gewesen.

Nun stand sie hier vor der fremden Tür und merkte, wie das Zittern wiederkehrte. Kilometer um Kilometer hatte sie zurückgelegt, Lastwagen für Lastwagen überholt, hatte getankt und mit ihrer Kreditkarte gezahlt und sich dabei an die Geheimnummer erinnert, als sei alles ganz selbstverständlich. Jetzt aber konnte sie nicht mehr. Hier jetzt auf die fremde Klingel zu drücken, überforderte sie. Sie lehnte sich mit der Stirn gegen die Tür und rang nach Luft.

Sie hatten ihren Großvater am frühen Montagmorgen beiseitegeschafft, jemand hatte ihn abgeholt, ohne dass man es für nötig befunden hätte, sie – wenigstens pro forma – nach ihrem Einverständnis zu fragen. Dabei hätte sie ihn so gern noch einmal gesehen! Sie hatte doch noch gar nicht richtig von ihm Abschied genommen! Stattdessen aber war, während sie schlief, ein Bestatter aus Rostock in Beekenau angerückt, der angeblich bereits alle Details mit ihrem Vater abgeklärt hatte. Die Leiche würde so schnell wie möglich nach Schweden überführt werden – während Herr von Kussewitz sie in sachlichen Worten informiert hatte, war es ihr kalt über den Rücken gelaufen. Überführt werden, was für ein schreckliches Wort. Als ob Farfar ein Verbrecher wäre! Oder ein Stück Frachtgut.

Erst jetzt kam ihr das ganze Ausmaß des Verrats richtig zu Bewusstsein. Wie konnte man sie derart hintergehen? Sie hatte Farfar doch viel näher gestanden, als ihr Vater es jemals getan hatte. Wieso ließ Carl-Ingvar nicht sie alles regeln?

Seltsam, es war Farfars letzter Wille gewesen, in seiner Heimat begraben zu werden. Als ob er geahnt hätte, dass ihm nicht mehr viel Zeit bliebe. War es wirklich erst am Freitag gewesen, dass sie auf dem Beekenauer Friedhof darüber gesprochen hatten? Es schien schon viel länger her – eine Ewigkeit.

Schon während Herr von Kussewitz sie über die mit ihrem Vater besprochenen Abläufe aufklärte, hatte Inga beschlossen, Farfars letzten Wunsch für sich zu behalten. Ihr Großvater sollte in Stockholm beigesetzt werden, in ihrer Nähe, wo sie ihn jederzeit besuchen konnte. Diese kleine Lüge, vielmehr diese kleine Unterschlagung der Wahrheit hätte er ihr gewiss verziehen. Und ihr Vater würde sowieso nicht danach fragen.

Es hatte eine Weile gedauert, bis sie sich in der Lage gefühlt hatte, mit Carl-Ingvar zu telefonieren. Das Gespräch war dann auch genauso unangenehm wie erwartet gewesen, vor allem, als ihr Vater angefangen hatte, dreckig zu lachen. Für ihn schienen die Umstände von Farfars Tod nicht besonders schmerzlich zu sein, sondern im Gegenteil ein gefundenes Fressen. Sie konnte ihn schon hören, wie er in der nächsten geselligen Runde seine Witzchen darüber reißen würde, Herrenwitze der übelsten Sorte. Armer Farfar! Und an allem war nur diese Thusi Spannagel schuld! Diese heuchlerische Person – sie sollte sich wirklich schämen! Jemand musste sie zur Rechenschaft ziehen und sie mit ihrer Schuld konfrontieren – »Und ich fürchte, dieser Jemand bin ich. Dieser Jemand bin ich …«

Wie ein Mantra hatte sie diesen Satz während der Autofahrt wiederholt, und auch hier und jetzt sprach sie die Worte laut aus. Es war ja immer und überall so gewesen, dass sie die Drecksarbeit für andere erledigen musste. Aber in diesem Fall war es so in Ordnung. Sie war es ihrem Großvater schuldig, dass sein Tod nicht ungesühnt blieb. Sie gab sich einen Ruck, um dieses Zittern und die Zweifel darüber, ob es wirklich richtig war, abzuschütteln. Und dann drückte sie auf die Klingel.

Kapitel 10

Es war nicht Undine Lenzing, mit der Richard in den Salon zurückkehrte: Hinter ihm stand Inga Michaelis.

»Die Dame möchte mit Thusi sprechen«, sagte Richard auf Englisch.

Die junge Frau war kaum wiederzuerkennen. Ihr Gesicht war gespenstisch bleich, nur die Augen vom Weinen gerötet. Darunter lagen tiefe Schatten. Übernächtigt war gar kein Ausdruck. Marthe stand auf, um den Gast zu begrüßen. »Es tut mir leid, was mit Ihrem Großvater passiert ist.«

Sie musste nach den passenden Worten suchen. Sollte sie sich dafür entschuldigen, dass sie mit Thusi Spannagel so überstürzt abgereist war und den Besuch aus Schweden quasi im Stich gelassen hatte? Nein, es war ja selbstverständlich, dass sie in erster Linie für die alte Frau verantwortlich gewesen war. Und deren Fahnenflucht war allein ihre Sache.

»Hat diese … Hexe Ihnen erzählt, was passiert ist?«, brach es aus Inga heraus.

Alle schwiegen betreten.

»Sie hat meinen Großvater auf dem Gewissen!«

War das Verzweiflung in ihren Augen? Panik? Oder der schiere Wahnsinn? Es schien, als wolle sie schluchzen, könne es aber nicht mehr. Vielleicht hatte Inga Michaelis alle Tränen geweint, die sie zurzeit weinen konnte.

Richard wollte ihr beruhigend einen Arm um die Schulter legen, aber sie schüttelte ihn ab. Doch ließ er sich nicht beirren und versuchte es gleich noch einmal. Diesmal ließ sie es zu.

»Kommen Sie, Mädchen«, sagte Richard, »Sie sind ja ganz durcheinander. Das ist der Schock.« Er wandte sich an die Runde. »Sie sollte sich irgendwo schlafen legen. Morgen früh sehen wir weiter.«

»Unsinn! Ich muss sofort diese …«

»Frau Spannagel ist heute Abend nicht mehr zu sprechen. Sie braucht jetzt genauso Ruhe wie Sie. Morgen früh können Sie mit ihr reden, dann sieht die Welt auch schon wieder viel freundlicher aus.«

»Sie kann in Jonas’ Zimmer schlafen«, sagte Winnie. »Setzt du einen Kamillentee auf, Dora? Ich beziehe schnell das Bett mit einem etwas charmanteren Muster.«

Ihr Jüngster, der gerade auf Klassenfahrt an der Nordsee war, bevorzugte zurzeit die Farbe Schwarz, soweit man von Farbe sprechen konnte. Winnie hatte ihn nur mit Mühe davon abhalten können, auch die Wände seines Jugendzimmers dunkel zu streichen.

Richard führte den späten Gast zum Sofa hinüber und drückte sie auf den Platz, auf dem zuvor Marthe gesessen hatte. Er nahm ein unbenutztes Glas vom Tisch und schenkte Rotwein ein.

»Ich könnte Ihnen für die Nacht etwas zur Beruhigung geben«, sagte er, während er Inga das Glas reichte. »Aber vielleicht tut es dies hier ja auch.«

Marthe, die sich ja nur erhoben hatte, um Inga zu begrüßen, fühlte sich plötzlich vertrieben. Und schlimmer noch: von einem Augenblick zum anderen ausgeschlossen, ja überflüssig. Sie stand unschlüssig herum, während Dora an ihr vorbei in die Küche eilte, um Teewasser aufzusetzen. Es war immer das gleiche Muster. Die Frauen, namentlich Dora und Winnie, taten geschäftig, und die Männer, allen voran Axel Schildt und Frieder Brandt, warteten in aller Gemütsruhe ab, was passierte. Früher hatte sich Marthe in solchen Situationen gern auf die Seite der Männer geschlagen, da sie eindeutig das bessere Teil erwählt hatten. Nun aber machte Richard ihr beim Kultivieren emanzipierter Faulheit einen Strich durch die Rechnung, indem er sofort in die Rolle des Arztes wechselte. Und natürlich wollte sie sich lieber an seiner Seite wiederfinden als bei solchen Sesselhelden wie Axel und Frieder.

»Also, ich gehe dann mal.« Etwas unsanfter als geplant knallte sie ihr Glas auf den Tisch. »Hier werde ich ja offenbar nicht mehr gebraucht.«

»Gut’s Nächtle«, brummelte Axel Schildt, ohne aufzuschauen, während er sich weiter dem Schwenken seines Weinglases widmete. Auch Kirti rief ihr etwas Freundliches nach, aber da war Marthe schon auf der Schwelle zur Halle. Zwar tat ihr die Aufmerksamkeit gut, doch hatten beide, wenn man es genau nahm, ihrer Äußerung nicht widersprochen.

Im Schneidersitz hockte Inga Michaelis auf dem fremden Bett, knabberte an einem Zwieback und nippte hin und wieder gehorsam an ihrem Kamillentee, den ihr diese Dora für die Nacht hochgebracht hatte. Aus dem Zimmer nebenan tönte laute Musik, das Requiem von Verdi, wenn sie sich nicht täuschte. Es kam ihr so vor, als würde die Musik sie verhöhnen. So viel Kraft und Temperament kamen darin zum Ausdruck. Als würde da jemand in der eigenen Sterblichkeit schwelgen, sich berauschen am Tod.

»Die große Liebe deines Großvaters«, so hatte diese Winnie gesagt – und sich zu esoterischen Schwärmereien verstiegen: »Wie schön, dass es den beiden vergönnt war, sich noch einmal wiederzusehen! Das hat deinem Großvater das Loslassen sicher erleichtert.«

Details

Seiten
256
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958242388
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308841
Schlagworte
eBooks Kriminalroman schwarzer Humor Die garstigen Greise Viagra Sex Mord Totschlag Schweden Senioren

Autor

Zurück

Titel: Ein allzu leichter Tod - Die neuen Fälle der garstigen Greise