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Hamburger Kanzelsturz

Kriminalroman

2015 54 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Liebe deine Nächste! Ein fast schon bibelreifer Spruch. Das dachte sich auch Pastor Johannes Heilwig. Blöd nur, wenn man sich von der Schlange aus dem Paradies vertreiben lässt: Denn bei dieser speziellen Nächsten handelt es sich nicht um Ehefrau Christa, sondern die verführerische Veruscha. Und die begehrt jetzt den sündigen Gottesmann – koste es, was es wolle …

Hamburg sehen und sterben – „mit ihren Krimis schlägt Regula Venske immer gnadenlos zu“ (Emma)!

Über die Autorin:

„Intelligent, humorvoll und immer mit einem ungewöhnlichen Plot, sind ihre Bücher ein Vergnügen.“ Gabriela Wenke

Regula Venske wurde 1955 in Minden geboren und wuchs in Münster auf. 1987 promovierte sie mit einer Studie über „Mannsbilder – Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen“ zum Doktor der Philosophie.

Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u. a. mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis, dem Deutschen Krimipreis und dem Lessing-Stipendium des Hamburger Senats ausgezeichnet, ihr Kurzgeschichtenband "Herzschlag auf Maiglöckchensauce" wurde für den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden nominiert.

Regula Venske lebt als freie Autorin in Hamburg und ist Mitglied im Autorenverband deutschsprachiger Kriminalschriftsteller SYNDIKAT (www.das-syndikat.com) und im PEN (www.pen-deutschland.de), dessen Generalsekretärin sie seit Mai 2013 ist.

Bei dotbooks erscheinen außerdem Regula Venskes Romane Schief gewickelt – Das perfekte Verbrechen, Double für eine Leiche, Die garstigen Greise und Kommt ein Mann die Treppe rauf.

Weitere Titel sind in Vorbereitung.

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Überarbeitete Neuausgabe Oktober 2015

Copyright © der Originalausgabe 2004 Hamburger Abendblatt Axel Springer AG, Hamburg

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de

Titelbildabbildung: Thinkstockphoto/Hemera/istock

ISBN 978-3-95824-274-6

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Regula Venske

Hamburger Kanzelsturz

Kriminalroman

dotbooks.

Kapitel 1

Johannes Heilwig schwankte. Unwillkürlich schloss er die Augen, aber da er auf diese Weise das Schwindelgefühl noch stärker spürte, riss er sie wieder auf. Mit beiden Händen stützte er sich auf die Brüstung und rang nach Luft. Wo war er? Wie war er hier hinaufgekommen? Er erinnerte sich, vorhin eine Weile auf der Trostbrücke gestanden und aufs Nikolaifleet gestarrt zu haben. Es war kaum Wasser im Becken gewesen, nur mehr brackiger Schlamm, an dessen Rand sich drei, vier Krähen um ihre Beute stritten. Die leicht faulig riechende Matsche hatte ihn davon abgehalten, sich von der Brücke zu stürzen. Johannes Heilwig war ein Ästhet. Es war allerdings wahr, er wollte diese Welt hinter sich lassen. Aber in einem solchen Modder sollte sein Leben nun doch nicht enden.

Krampfhaft kämpfte er dagegen an, nicht in die Tiefe hinabzuschauen, die ihn wie magisch anzog. Da unten lauerte das Nichts. Dunkel und verführerisch tat es sich vor ihm auf, lockte ihn, wollte ihn endlich umfangen. Wollte ihm vielleicht sogar Vergebung gewähren, zumindest Vergessen. Angestrengt starrte Heilwig geradeaus, hinüber zur nächsten Säule. Er versuchte, sich auf den Weg zu konzentrieren, den er zurückgelegt hatte. Dies könnte die Katharinenkirche sein. Natürlich, St. Katharinen. Was für eine hohe Kanzel diese Kirche hatte. Wie auf einer Schiffsbrücke kam man sich hier oben vor. Von hier aus nahm der Pfarrer die Leute unten überhaupt nicht wahr. Dafür berührte er fast schon den Himmel.

Heilwig hatte nie in St. Katharinen gepredigt, und auch als Besucher war er kaum je zu einem Gottesdienst hier gewesen. Das war einer der Nachteile seines Berufs. Wer selbst Pfarrer war, kam nur noch selten in den Genuss anderer Gottesdienste. Wann hatte er je ohne Zweck und Hintersinn den Segen eines Kollegen empfangen? Im Urlaub in Bayern – da hatte er es sich sogar angewöhnt, in die katholische Messe zu gehen. Und gelegentlich im Frühjahr oder Herbst, bei Kurzurlauben auf einer Nordseeinsel. Vielleicht war er deshalb bei Veruscha gelandet, irgendwo musste der Mensch, musste auch seinesgleichen einmal Trost und Labsal empfangen. Unwillkürlich duckte er sich, zog die Schultern zusammen. Veruscha. Wieso musste er immerzu an sie denken? Wie ein Geist verfolgte sie ihn, hielt ihn in ihrem Bann, umgab ihn mit Todesatem. Dabei wusste er ja nun, dass sie lebte. Hätte er die tote Vera eines Tages vergessen können? Vielleicht wäre es ihm eher gelungen. Das Bild der Lebenden aber erschien wieder und wieder vor seinen Augen, quälte und verzauberte ihn. Er wusste ja, dass der Raum leer war, außer ihm war niemand da. Trotzdem sah er sie hinten in der vorletzten Bank sitzen und zu ihm hinüberblicken. Ganz am Rand hockte sie, hatte wohl eben erst dort Platz genommen, jederzeit bereit, aufzustehen und langsam näher zu kommen. Da er so hoch über ihr stand – wirklich, wie auf der Kommandobrücke eines großen Überseedampfers –, schaute sie aus der Ferne zu ihm empor. Vera, Veruscha mit ihren langen schwarzen Haaren, diese Hexenfrau. Wäre er ihr nur nie begegnet. Er hatte doch eine glückliche Ehe mit Christa geführt und hätte weiter glücklich mit ihr leben, glücklich mit ihr alt werden können. Wäre nur diese Fremde nicht in sein Leben getreten, die ihm der Teufel geschickt haben musste. Sie hatte ihm eingeflüstert, dass seine Ehe vielleicht gar nicht so glücklich war. Dabei hatte sie gar nichts gesagt, hatte gar nichts sagen müssen. Nur an andere Wünsche erinnert hatte sie ihn, an ein längst vergessen geglaubtes Begehren. Sie hatten eben so vor sich hin gelebt, Christa und er. Natürlich hatte es auch das eine oder andere Problem, die eine oder andere Missstimmung gegeben. Aber nie einen richtigen Zwist. Nicht zuletzt war es genau diese etwas langweilige Lebensweise, dieses etwas langweilige Eheleben gewesen, was ihren drei Söhnen ermöglichte, zu ausgeglichenen, verantwortungsbewussten jungen Männern heranzuwachsen. Und war das alles nicht im Grunde schon mehr, als man vom Leben verlangen konnte? Jedenfalls hatte es keinen Anlass gegeben, sich über Begriffe wie Glück oder Begehren überhaupt Gedanken zu machen, außer im Rahmen der Sonntagspredigt natürlich.

Bis zu jenem fatalen Oktobermorgen vor zweieinhalb Jahren. Er hatte sie auf Sylt bei einer Strandwanderung kennengelernt. Beide waren sie von einem Unwetter überrascht worden und hatten gemeinsam Zuflucht in einem Strandkorb gesucht. Heilwig war hinzugekommen, als Vera sich vergeblich abgemüht hatte, die Öffnung des Strandkorbs vom Wind wegzudrehen. Ohne ein Wort zu sagen, hatte er mit angefasst und den Korb in einem kühnen Schwung um seine eigene Achse gestemmt. Oder nein, so stimmte es nicht, er hatte doch etwas gesagt, »Teufel noch eins«, hatte er sich plötzlich fluchen hören. Und so war es wohl, der Teufel musste ihm in jenem Moment diese Kraft verliehen haben. Kurz darauf hatte er sich, klitschnass, aber übermütig lachend wie schon lange nicht mehr, neben der fremden Frau im Strandkorb wiedergefunden. Der Regen tropfte ihr aus den vollen schwarzen Haaren, um sie beide herum tobte und peitschte der Sturm und kündigte vom nahen Herbst, hier aber, an diesem halbwegs windgeschützten, halbwegs trockenen Fleckchen, an dem sie saßen, war ein Freiraum entstanden, eine kleine Oase der Ruhe und der Mitmenschlichkeit, so hatte er damals gedacht. Plötzlich hatte ihm die Fremde eine kalte Hand an die Wange gelegt und ihm in die Augen gesehen, und dann war sie ihm gefährlich nahe gekommen, so dass seine Brillengläser beschlugen. Sein Herz hatte für ein paar Schläge ausgesetzt, und sein Verstand hatte aufgehört für ihn zu denken und christliche Entscheidungen zu treffen. Und dann hatte sie ihm die Brille abgenommen, und von da an erinnerte sich Johannes Heilwig an gar nichts mehr. Er hatte nicht sogleich begriffen, dass er es mit einer Professionellen zu tun hatte. Bevor sie sich an jenem Mittag getrennt hatten, hatte sie ihm eine Adresse in Westerland genannt, und gleich am nächsten Tag hatte er die Russin in ihrer Wohnung getroffen. Zwar hatte das Apartment recht kalt und ungemütlich auf ihn gewirkt, aber er hatte es zunächst für eine Ferienwohnung gehalten und sich weiter keine Gedanken darüber gemacht. Schließlich war er Christa an jenem frühen Oktoberabend zum ersten Mal untreu geworden, es war daher kein Wunder, dass er sich bei diesem Rendezvous aufgeregt und unerfahren wie ein Oberprimaner fühlte. »Wie ein Obersekundaner«, musste man wohl heutzutage sagen, es unterlag ja alles der Akzeleration, und wenn es stimmte, was man so hörte, waren die Sekundaner von heute vermutlich nicht halb so nervös und unbeholfen wie damals er. Ob Benjamin, sein Jüngster, wohl schon Erfahrungen mit Frauen hatte? Oder auch nur eine einzige Erfahrung mit einer Frau? Er wusste es nicht, solche Gespräche zwischen Vater und Sohn hatte er immer vermieden.

Was für ein Schock, als Vera sich damals nach dem Liebesakt abrupt aufgerichtet hatte. »Heute ging das Vergnügen aufs Haus«, hatte sie gelacht und dabei wieder seine Wange getätschelt. »Aber in Zukunft musst du zahlen, wie alle anderen auch.«

Heilwig hatte es erst für einen Witz gehalten. Später bewunderte er fast, wie geschickt sie es eingefädelt hatte. Hätte sie ihm gleich damals im Strandkorb ihre Preise genannt – er wäre doch niemals auf ihr Angebot eingegangen. Empört abgewandt hätte er sich, allenfalls hätte er vielleicht noch versucht, sie zu bekehren. Aber sie hatte ihn raffiniert eingelullt und geködert, nach allen Regeln der Kunst angefixt hatte sie ihn und dann süchtig gemacht, und alsbald war er ihr hoffnungslos verfallen gewesen.

Natürlich hatte Christa nichts davon wissen dürfen. Es war ihm wohl ganz gut gelungen, so glaubte er nach wie vor, sein Geheimnis vor ihr und dem Rest der Welt zu verbergen. Vor allem hatte er eine plausible Erklärung dafür finden müssen, warum er sich in der kommenden Zeit öfter als früher und immer allein für ein paar Tage auf die Insel zurückziehen wollte. Man wurde älter, verausgabte sich mehr; er brauchte einfach mehr Zeit und Muße, um sich zu besinnen und die Batterien wieder aufzuladen. Mit dieser Notlüge hatte er einen Rhythmus für seine Zwecke gefunden und war alle zwei, drei Monate nach Sylt gefahren, um Madame Veruscha zu treffen, bald zwei Jahre lang. Bis zu jenem schicksalhaften Tag im vorigen Juni. Fast ein Jahr war auch das schon wieder her, es war für Heilwig selbst kaum nachvollziehbar, wie er überhaupt so lange mit dieser Erinnerung hatte weiterleben können. Und mit seiner Schuld. Denn als er damals bei Veruscha gewesen war, war er Zeuge eines Überfalls geworden. Ach was, Überfall, eine regelrechte Hinrichtung war das gewesen. Irgendeine Killerbande hatte Veruschas Chef, von dessen Existenz Heilwig bis dato gar nichts gewusst hatte, im Nebenzimmer eliminiert, während er bei Veruscha lag, und dann war auch Veruscha selbst angeschossen worden. In Heilwigs Beisein, er selbst hatte sich in jenem Moment unter der Bettdecke versteckt. Solch ein Verhalten konnte man als Geistesgegenwart oder als Feigheit bezeichnen; leider kam Heilwig nicht umhin, die Feigheit an sich zu erkennen. Denn er hatte Veruscha für tot gehalten und sich davongeschlichen, ohne die Polizei, ohne den Notarzt zu rufen. Erst am nächsten Morgen war Vera von einer Putzfrau gefunden worden, halb verblutet, so hatte er später in der Zeitung gelesen. Immerhin hatte sie den Angriff überlebt. Es war nur die Panik gewesen, die ihn dazu getrieben hatte, die verwundete Frau im Stich zu lassen, das war klar, aber seitdem wusste er, dass er nicht zu den Helden zählte, sondern zu jenen Leuten, die sich in der Not dem Bösen unterwarfen, Hauptsache, sie retteten ihre eigene Haut. Nun, seine Haut war nicht mehr zu retten, und auch nicht seine Seele.

Eine Weile hatte Heilwig mit sich gerungen, ob er sich bei der Polizei melden sollte, die dringend nach Zeugen suchte. Aber wofür wäre das gut gewesen? Er hätte nichts von Belang aussagen können. Alles, was er gesehen hatte, war eine schwarz behandschuhte Hand. Und am Ende der Hand eine Pistolenmündung. Im Gedanken an dieses dunkel glänzende Etwas bekam er noch im Nachhinein Herzflattern; er entschied sich gegen eine Kontaktaufnahme mit der Kriminalpolizei und zog sich in den darauf folgenden Wochen mehr und mehr in sich zurück. Nach Sylt war er seitdem nie wieder gefahren.

Die Sommerferien hatten Christa und er, wie gewohnt, in Reit im Winkl verbracht. Weit weg von zu Hause, bei einer Wanderung in den Bergen, das Gipfelkreuz immer fest vor Augen, meinte er sein Gleichgewicht halbwegs wiedergefunden zu haben. Aus der Entfernung war ihm alles auf eine gnädige Weise unwirklich erschienen. Aber er konnte sich das Gefühl nicht lange vormachen, mit dem Herbst kamen die ersten Stürme und erinnerten ihn an Vera. Nachts tobten sie über dem Haus, rüttelten an Fenstern und Türen und hinderten ihn daran, einzuschlafen. Dann jährte sich der Tag ihrer ersten Begegnung zum dritten Mal, und Heilwig musste immer öfter an die am Boden liegende Frau denken, unter deren Schulter sich eine Blutlache gebildet hatte. Aber auch die kraftstrotzende, stolze Frau mit den schwarzen Haaren stand ihm, wo auch immer er sich aufhielt, plötzlich vor Augen. Und daher hatte es ihn gar nicht weiter erstaunt, als er sie am Ewigkeitssonntag beim Gedenkgottesdienst tatsächlich in der vorletzten Bankreihe sitzen sah. Sehr aufrecht, wenngleich etwas steif, saß sie da, offenbar war die linke Schulter dauerhaft in Mitleidenschaft gezogen. Düster und drohend schaute sie zu ihm hinüber. Wie ein Racheengel war sie ihm in jenem Moment erschienen. Ein paar Minuten später reihte sich der Racheengel in die Schlange derjenigen ein, die zur Erinnerung an ihre im Vorjahr verstorbenen Lieben am Kerzenbaum vor dem Altar eine Kerze anzündeten. Als sich ihrer beider Blicke begegneten, hatte sie kaum merklich zu ihm hinübergenickt. Auch zum Abendmahl war sie aufgestanden und an den Altar getreten. Und ausgerechnet bei ihm hatte sie sich anstellen müssen und nicht bei seinem Kollegen, mit dem er den Gottesdienst gemeinsam durchgeführt hatte. Aber was hätte er machen sollen? Er konnte ihr das Abendmahl schwerlich verweigern. Für Außenstehende war es wahrscheinlich nicht erkennbar gewesen, dass ihn irgendetwas mit dieser Frau verband, geschweige denn solche Erinnerungen, wie sie beide sie teilten, Erinnerungen an nach Regen duftende Haut und vom Sturm zerzauste Haare, in die er sich noch weiter hineinwühlen wollte, an verbotene, nach Salz schmeckende Küsse und Körperteile, die er bei Christa so nie je gesehen hatte, an weiße Haut und nackte Scham und ein Begehren, das er bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Auch die Erinnerung an eine Pistolenmündung teilten sie – und das Wissen, dass er, Johannes Heilwig, Pfarrer an einer großen Hamburger Kirche, ein erbärmlicher Feigling war.

Im Gottesdienst am Sonntag darauf war sie wieder erschienen, und am Samstag in der Abendandacht, und auch am 1. Advent, und immer hatte sie ihn unverwandt angesehen, mit diesem spöttischen Blick, und er hatte ergeben auf ihr Erkennungszeichen, dieses kaum merkliche Stirnrunzeln und Kopfnicken, gewartet. Am Morgen des 2. Advents war der Nervenzusammenbruch gekommen. Keine Sekunde länger war es ihm vorstellbar gewesen, sogleich in die Kirche gehen zu müssen und »O Jesu, Jesu setze mir selbst die Fackel bei!« mit der Gemeinde zu singen, vor den dunklen Augen dieser Frau, die allen Charme und Glanz verloren hatten. Er war in ein haltloses Schluchzen und Kreischen ausgebrochen, das ihm noch im Nachhinein peinlich war, und schließlich war Christa nichts anderes übrig geblieben, als den Notarzt zu rufen. Mit Spritzen ruhig gestellt hatte man ihn und ein paar Tage später als dringenden Burnout-Fall in ein Sanatorium für kirchliche Mitarbeiter verfrachtet. Drei Monate hatte er in Haus Respiratio auf dem Schwanberg zubringen dürfen, im schönen Frankenland. Es war ihm nicht leicht gefallen, den wahren Grund seines Zusammenbruchs vor den Mitarbeitern des Hauses geheim zu halten. Abends, beim Frankenwein im gemütlichen Kaminzimmer des Hauses, war er mehrere Male nahe daran gewesen, sich endlich alles von der Seele zu reden. Wie wohl hätte ihm das getan, zumal die Therapeuten sicher in der Lage gewesen wären, auch für einen Sünder wie ihn Verständnis aufzubringen. Aber Angst und Stolz hatten ihn dann doch davon abgehalten, sich jemandem anzuvertrauen; manchmal ahnte er, dass dies seine eigentliche Sünde war.

Ende März hatte man ihn nach Hause geschickt, nicht aber als geheilt entlassen. Sein Antrag auf Frühpensionierung lief; zurzeit war er krankgeschrieben. Auch wenn er anderen Menschen nicht erzählen konnte, warum, so war es doch völlig undenkbar für ihn, je wieder einen Gottesdienst abzuhalten. Er hatte das Recht, diesen Beruf auszuüben, verwirkt. »Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter«, schoss es ihm durch den Kopf. Aber diese Worte durfte er nicht auf sich beziehen. Weder war er Gottes Sohn, noch hatte ihn der Teufel auf des Tempels Zinne geführt. Er war freiwillig an diesem Punkt angekommen, ein vorzeitig gealterter Mann, der keinen Respekt mehr vor sich selbst und folglich keine Kraft mehr zum Leben hatte.

Hatte er nicht vorhin gedacht, dass man hier oben wie auf einer Kommandobrücke stand? Aber die Zeit, in der er Kommandos hätte erteilen können, war vorbei. Fast vollständig hielt ihn das Nichts schon in seinem Griff. Es ging jetzt nur noch darum, sich zu einem letzten, einem allerletzten kleinen Kommando aufzuraffen. »Stürz dich hinab ...«

Johannes Heilwig wusste, dass seine Stunde gekommen war. Er musste sich nur noch ein wenig sammeln, dann würde er die letzten kläglichen Überreste seiner Manneskraft, seines Mutes schon zusammenkratzen und sich den Befehl erteilen. In diesem Moment überkam ihn eine heftige Sehnsucht nach seiner Frau. Christa! So lange schon hatten sich ihre Seelen nicht mehr berührt. Und jetzt hatte er keine Seele mehr, mit der er sie hätte berühren können. Trotzdem, wenn sie jetzt bei ihm wäre ... Vielleicht könnte Christa ihn noch erlösen. »Er ist gerichtet ... Ist gerettet!« Heilwig schluchzte auf. Erst jetzt merkte er, dass ihm die Tränen unaufhaltsam über die Wangen liefen, offenbar schon eine ganze Weile lang. In Gedanken hörte er Christas freundliche, unaufdringliche Stimme. »Spring endlich, spring!«

Kapitel 2

Nun klingele doch endlich!« Schon zweimal hatte Christa den Befehl leise vor sich hin gemurmelt, aber sie konnte sich noch nicht dazu überwinden, auf den abgewetzten Klingelknopf zu drücken. Zum ersten Mal stand sie vor Vera Grechowas Tür im Novalisweg. Da die Haustür unten offen gestanden hatte, war sie direkt in den ersten Stock hochgestiegen. In der vorigen Woche hatte sie die Fremde hier in der Nähe, in der Grünanlage beim Semperplatz, getroffen, und vor ein paar Wochen war die andere sogar bei ihr zu Hause gewesen. Vielleicht war sie auf dem besten Wege, sich mit dieser Frau, der Verführerin, und wenn es nach der anderen ginge, auch der Erpresserin ihres Mannes anzufreunden, wer weiß? So etwas sollte es geben. Wenn man gewissen feministischen Theorien Glauben schenkte, war eine Ehefrau sowieso fast das Gleiche wie eine Hure. Beide lebten vom Geld, das der Mann verdiente, und gaben im Austausch ihren Körper dafür her. Allerdings hatte Christa gegenüber solchen Theorien immer eine gewisse Skepsis bewahrt. Sie hatte sich, soweit ihr bewusst war, nicht für Geld hingegeben, sondern weil sie ihren Mann liebte.

Liebte sie ihn noch immer? Christa wusste es nicht. Zunächst hatte es ihre Liebe nicht erschüttert, sie hatte nur ungläubiges Erstaunen empfunden, als sie in der Woche vor Weihnachten diesen Brief in der Post gefunden hatte. Kurz zuvor war Johannes zusammengebrochen und nach Respiratio gekommen, und das alles war natürlich auch für sie schon aufwühlend genug gewesen. Aber als reichte es noch nicht, womit der Himmel sie prüfte – oder strafen wollte? –, hatte sie in seiner Weihnachtspost auch noch diesen Drohbrief, diesen Schmutz, dieses ekelhafte Erpresserschreiben gefunden. Der Umschlag hatte ein Foto von Johannes in einer eindeutigen Position enthalten; zunächst hatte sie ihren Ehemann darauf gar nicht erkannt, so fremd war er ihr in dieser Stellung erschienen. Und noch dazu mit diesem dämlichen Grinsen. Aber das dazugehörige Schreiben sprach eine unmissverständliche Sprache, es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass Johannes Heilwig aufgefordert wurde, zwanzigtausend Euro im Austausch für das kompromittierende Beweisstück zu berappen. Auf einem Spielplatz in der Jarrestadt sollte er das Geld in einer Sporttasche hinterlegen. Am Tag vor Heiligabend hatte sich Christa persönlich zum Semperplatz aufgemacht. Nicht mit Rachegedanken und auch nicht aus Neugierde – wie sie übrigens auch seine Post nicht aus Neugierde geöffnet hatte. Nein, sie war es nur gewohnt, ihrem Mann alles Unangenehme vom Leibe zu halten. Was sie konnte, nahm sie ihm ab, nach bestem Wissen und Gewissen und selbst, wenn es gelegentlich über ihre eigenen Kräfte gehen sollte. Dafür war eine Pfarrfrau schließlich da, oder nicht? Und vermutlich jede Hausfrau und Mutter; es gab Tage und Stunden, in denen ihr Johannes wie ihr viertes Kind vorgekommen war. Bislang hatte sie allerdings nicht viel über diese Dinge, ihrer beider Rollen und die Arbeitsverteilung zwischen ihnen nachgedacht. Es war einfach so, es gab Arbeit, und die musste getan werden. Der Arbeit war es letztlich egal, wer sie erledigte. Und gewiss hatte Johannes zurzeit in Haus Respiratio Besseres zu tun, als Weihnachtsgrüße ehemaliger Konfirmanden oder der für ihn schwärmenden Damen aus der Frauenhilfe zu beantworten. Er sollte sich ausruhen und gründlich erholen und dann zu ihr zurückkehren, und zwar so schnell wie möglich, der gute Mann! Und deshalb hatte sie seine Post geöffnet, und aus dem gleichen Grund hatte sie auch versucht, diese unangenehme Sache wieder ins Reine zu bringen.

Oder hatte sie sich etwas vorgemacht? Vielleicht hatte es doch einen klitzekleinen eigennützigen Beweggrund gegeben. Hatte sie nicht gedacht, das Geschehene ungeschehen machen zu können? Oder besser noch, beruhigt festzustellen, dass es überhaupt nicht geschehen war? Vielleicht hatte damals wirklich noch der Unglauben angesichts des Ungeheuerlichen, das das Bild zeigte, die Oberhand. Erst später hatten Enttäuschung, Wut und Verzweiflung gewonnen.

Neben dem Kinderspielplatz zwischen Semperplatz und Hölderlinsallee gab es einen gammeligen kleinen Park, den offenbar die Rentner des Viertels für sich reklamierten. Aber auch solche Männer, die es nie zu einer anständigen Rente bringen würden, saßen hier schon am helllichten Vormittag, hielten sich an ihrer Bierdose fest und verkündeten ihre Weisheiten über Gott und die Welt, in einer etwas einfacheren Sprache als Heilwig. Letztlich lief es aber auf dieselbe Grundsatzfrage hinaus. Was war der Mensch? Sicher würde man hier in ein paar Jahren auch das eine oder andere Krabbelkind, das jetzt noch mehr oder weniger friedlich nebenan in der Sandkiste buddelte, als Jugendlichen wiedersehen, mit der Kippe, auf der zu kauen ihm jetzt noch verboten wurde und die man ihm aufgeregt wegnahm, im Mund. In dem Erpresserbrief hatte gestanden, Heilwig solle das Geld am Freitagnachmittag – dem Tag vor Heiligabend – um Punkt siebzehn Uhr dreißig unter dem Dach der Holzhütte verstecken, in der die Trinker Unterschlupf fanden. Christa hatte es unheimlich gefunden, die Balken des Holzgerüstes nach der im Brief angekündigten Sporttasche abzutasten; im Dezember war es um diese Zeit schon stockdunkel gewesen, und leider hatte sie nicht daran gedacht, eine Taschenlampe mitzubringen.

Details

Seiten
54
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958242746
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308842
Schlagworte
eBooks Kriminalroman Hamburg schwarzer Humor Hamburger Abendblatt Kurzkrimi

Autor

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Titel: Hamburger Kanzelsturz