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Fegefeuer am Grindel

Kriminalroman

2015 60 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Marina ist 46 Jahre alt und fest davon überzeugt, bald einer tödlichen Krankheit zu erliegen. So leiden wie damals ihre Mutter – nein, das will sie nun wirklich nicht! Ein feiner, stiller Selbstmord soll es werden. Mit einem guten Wein und einer Menge Schmerzmittel. Alles soll seine Ordnung haben: Im frisch bezogenen Bett soll man sie auffinden. Doch vorher hat Marina noch etwas zu erledigen. Rache. Blutige Rache …

Hamburg sehen und sterben – „mit ihren Krimis schlägt Regula Venske immer gnadenlos zu“ (Emma)!

Über die Autorin:

„Intelligent, humorvoll und immer mit einem ungewöhnlichen Plot, sind ihre Bücher ein Vergnügen.“ Gabriela Wenke

Regula Venske wurde 1955 in Minden geboren und wuchs in Münster auf. 1987 promovierte sie mit einer Studie über „Mannsbilder – Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen“ zum Doktor der Philosophie.

Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u. a. mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis, dem Deutschen Krimipreis und dem Lessing-Stipendium des Hamburger Senats ausgezeichnet, ihr Kurzgeschichtenband "Herzschlag auf Maiglöckchensauce" wurde für den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden nominiert.

Regula Venske lebt als freie Autorin in Hamburg und ist Mitglied im Autorenverband deutschsprachiger Kriminalschriftsteller SYNDIKAT (www.das-syndikat.com) und im PEN (www.pen-deutschland.de), dessen Generalsekretärin sie seit Mai 2013 ist.

Bei dotbooks erscheinen außerdem Regula Venskes Romane Schief gewickelt – Das perfekte Verbrechen, Double für eine Leiche, Die garstigen Greise und Kommt ein Mann die Treppe rauf.

Weitere Titel sind in Vorbereitung.

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Überarbeitete Neuausgabe Oktober 2015

Copyright © der Originalausgabe 2001 Hamburger Abendblatt Axel Springer Verlag AG, Hamburg

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de

Titelbildabbildung: Thinkstockphoto/Hemera/istock

ISBN 978-3-95824-276-0

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Regula Venske

Fegefeuer am Grindel

Kriminalroman

dotbooks.

Kapitel 1

Es war so weit. Der Tag, vor dem sie sich seit Urzeiten gefürchtet hatte, war da. Das Unheil war ganz deutlich zu fühlen. Ein kleiner, aber fester Knoten, es bestand nicht der allergeringste Zweifel daran. An der Seite spürte sie ihn, fast schon unter dem Arm, dort, wo die linke Brust in die Achselhöhle überging. Ganz deutlich, da saß, seit langem erwartet, der Feind, hatte sich endlich auch bei ihr eingenistet und lauerte nun ihr auf. Es hatte also ihre linke Seite erwischt. Bei Ingeborg war es die rechte gewesen. Und damals bei Mutti? Sie wusste es nicht mehr. Oder hatte es vielleicht überhaupt nie erfahren. Als ihre Mutter starb, war sie noch ein junges Mädchen gewesen, fast noch ein Kind.

Draußen wagte sich soeben eine zaghafte Frühlingssonne hinter grauen Wolken hervor und kämpfte sich durch die schmale, schmutzige Fensterscheibe. Das Licht schien Marina zu verhöhnen, während sie die tückische Schwellung mit Hingabe abtastete. Seit dem Tode ihrer jüngeren Schwester nahm sie die von Ärzten und Frauenzeitschriften empfohlene Vorsorgeuntersuchung gewissenhaft jeden Samstagvormittag bei sich vor. Wie immer bei dieser Übung stand sie in ihrem winzigen Bad vor dem Spiegel. Und wie fast jeden Sonnabend stieß sie mit Hüfte und Oberschenkel gegen den Waschbeckenrand und holte sich blaue Flecken.

Ihre Wohnung war eigentlich zu klein für eine Frau in den mittleren Jahren. Zu Studienzeiten waren diese Hinterhofstübchen in einer Privatstraße seitlich vom Grindelhof romantisch gewesen. Die Nachbarn und Freundinnen, die damals mit ihr hier zusammen gelebt hatten, waren längst fortgezogen, in großzügige Altbauwohnungen nach Eppendorf und Harvestehude oder auch in ererbte Einfamilienhäuser nach Volksdorf und Sasel. Gelegentlich wurde sie zu besonderen Anlässen noch dorthin eingeladen. Zu Hochzeiten, zum Kindchengucken oder zu Tauffesten in früheren Zeiten, inzwischen auch zu ersten Silberhochzeiten und runden, meist fünfzigsten Geburtstagen.

Aber nie konnte Marina sich revanchieren, denn mehr als ein romantisches Tête-à-tête war an ihrem Küchentischchen nicht drin. Und ihre früher so beliebten Picknicks auf den Alsterwiesen schienen plötzlich nicht mehr ganz altersgemäß. Seltsam, im Laufe der Jahre war sie aus ihrer Wohnung herausgewachsen und hatte es nicht einmal bemerkt. Vermutlich hatte sie insgeheim immer darauf gewartet, dass eines Tages einer käme und sie aus ihrem ach so romantischen Nebenstraßendasein erlöste. Einer, mit dem sie woandershin hätte ziehen können, bis ans Ende der Welt, vielleicht aber auch nur nach Klein Flottbek oder Marienthal. Aber nun war es zu spät, um daran noch etwas zu ändern.

Außerdem waren die Räume renovierungsbedürftig, ganz dringend renovierungsbedürftig, aber für grundlegende innenarchitektonische Maßnahmen und teure Umbauten hatte ihr das Geld immer gefehlt. Oder war sie nur zu geizig gewesen? Stattdessen hatte sie die Jahre damit verbracht, unaufhörlich, mal hier, mal da herumzupusseln, hatte originelle Tipps aus einschlägigen Illustrierten befolgt und das Elend, so gut es ging, mit hübschen Einfällen dekoriert. Nun ja, Elend war natürlich übertrieben. Es war alles relativ, wie man wusste. Der größte Teil der Weltbevölkerung hätte ihre Wohnung als ausgesprochen gemütlich und gepflegt wahrgenommen. Aber Marina sah das mit kritischeren Augen. Über der Dusche versuchte eine Girlande aus rosaroten Plastikrosen tapfer darüber hinwegzutäuschen, dass in den Ritzen grünschwarzer Schimmel prangte. Und eine goldene Lichterkette, von Weihnachten übrig geblieben, verdeckte heuchlerisch den großen Sprung im Spiegel. Der hatte das gute Stück schon geziert, als sie es vor Jahren vom Flohmarkt am Turmweg nach Hause geschleppt hatte.

Ihr Blick traf sich mit dem ihres Spiegelbildes. Sie konnte weder Furcht noch Schrecken in ihren Augen feststellen. Ein wenig verblüfft sah Marina, wie so etwas wie Triumph in den Augen ihres Gegenübers aufblitzte. Erst in diesem Moment fuhr ihr der Schreck in die Glieder. Sie merkte, wie ihre Knie nachgaben. Ihre Hände krampften sich um den Waschbeckenrand. Dann sackte sie lautlos zu Boden.

Als sie nach einer Weile wieder zu sich kam, erinnerte sie sich sofort an ihren Plan. Sie empfand eine gewisse Dankbarkeit dafür, dass sie nicht mit Hysterie reagierte. Das hatte sie vorher ja nicht wissen können, hatte es kaum je zu hoffen gewagt. Aber in ihrem Kopf herrschte eine wundersame Klarheit. Die würde es ihr erleichtern, nun an das vor ihr Liegende zu gehen. An die Erledigung der Pflicht, die sie sich auferlegt hatte. Es war alles seit Jahren durchdacht. Sie würde sich ein Fläschchen Paracetamol in der Apotheke besorgen. Vielleicht gönnte sie sich zur Vorsicht, damit die Droge auch wirklich ihre Wirkung tat, dazu noch ein paar Gläser Wein. Aber zunächst würde sie das Wochenende zum Aufräumen nutzen. Abschiedsbriefe mussten geschrieben werden, Verfügungen über einige ihr besonders liebe Gegenstände waren zu treffen. Außerdem wollte sie sich noch einmal etwas Leckeres kochen, schließlich ihre Fotosammlung ansehen. Noch einmal zur Arbeit gehen, die Kollegen im Institut wiedersehen wollte sie nicht. Womöglich wäre jemand dabei, der ihr etwas ansehen, sie ausfragen würde. Womöglich würde sie Elmar noch einmal begegnen. Das kam überhaupt nicht in Frage. Am Montag früh musste alles über die Bühne gegangen sein. Bis Sonntagabend hatte sie also Zeit. Das sollte wohl reichen.

Letztlich reichte ja alle Zeit der Welt für ein Leben nicht aus.

Als Marina elf Jahre alt gewesen war, war ihre Mutter an Brustkrebs gestorben. Vorausgegangen war ein Leiden, das schon einige Jahre angedauert hatte. Fast seit Muttis Heirat mit Papi Günther. Ein kurzes Glück, das für Marina nicht unbedingt ein Glück gewesen war. Die Hochzeit ihrer Mutter mit dem wildfremden Mann, der sie statt Marina fortan Marianne nannte. Marina klang ihm zu zickig, hatte er gesagt. Dann Ingileins Geburt. Und bald darauf der Tod. Sie hätte vermutlich eine genetische Veranlagung, hatte der Arzt ihr erklärt, und müsste daher besonders vorsichtig sein. Auch Ingeborg war vor einigen Jahren, mit Mitte dreißig, an Brustkrebs gestorben. Ihre Halbschwester, acht Jahre jünger als sie. Marina hatte sich seit dem Tod ihrer Mutter liebevoll um ihre Schwester gekümmert. Beide waren Verbündete gewesen gegen die Neue, die Papi Günther sich irgendwann ins Haus geholt hatte. Aber auch ihre Stiefmutter Ilse lebte nicht mehr. Das konnte zwar nicht genetisch auf sie durchschlagen, aber psychisch hatte es Marina dennoch berührt. Brustkrebs lag anscheinend in ihrer Familie, egal, wie er sich übertrug. Ob genetisch, ernährungsbedingt, emotional oder sonst wie. In ihrer Familie handelte es sich dabei anscheinend um eine ansteckende Krankheit.

Aber sie war vorbereitet. Die Qualen, die sie bei den Frauen, die ihr nahe standen, beobachtet hatte, würde sie sich ersparen. Die Operationen. Die Chemotherapien. Die Bestrahlungen. Wie viel Zeit hatten sie verbracht mit vergeblichen Versuchen, wie viel Kraft geopfert für Hoffnungen, die immer wieder enttäuscht worden waren! Aber es gab nichts und niemanden, für den sie es bis zum Letzten aushalten – oder ausreizen – müsste. Das immerhin war mal ein Vorteil ihrer Einsamkeit.

Nachdem Marina sich angezogen hatte – zur Feier des Tages trug sie nicht die verbeulten Wochenendjeans, sondern ihr schönstes, ihr einziges Designer-Kostüm –, ging sie schnurstracks nach nebenan in die Grindelhof-Apotheke. Mit der größten Flasche Paracetamol in der Tasche, die auf dem Markt erhältlich war, eilte sie sodann zur Fleischerei Mohr und entschied sich, als sie endlich an der Reihe war, für ein hauchzartes Steak. Der Laden würde bald geschlossen werden, das Viertel veränderte sich. Die alteingesessenen Geschäfte verschwanden, eine Boutique nach der anderen zog hier ein. Vielleicht war es gut, manche Veränderung nicht mehr mit ansehen zu müssen.

Auf dem Heimweg schaute sie noch beim Weinfaß am Grindel vorbei. Dort fragte sie betont forsch nach dem teuersten Rotwein, den der Laden zu bieten hatte. Einen Moment lang plagte sie ein banges Gefühl. Was, wenn der Tropfen ein paar Hunderter kosten sollte? Aber was ängstigte sie das eigentlich? Letztlich kam es auf ein paar Scheine mehr oder weniger nicht mehr an. Sie würde ihren rechtlichen Erben auf jeden Fall keine Schulden hinterlassen. Wer war das überhaupt? Mussten sich ihr leiblicher Vater und Papi Günther das Erbe teilen? Ob sie noch ein Testament machen sollte? Aber zu wessen Gunsten? Während sie noch überlegte, kam der freundliche Besitzer mit einem 1997er Château de la Commanderie zurück.

»Ein Lalande-de-Pomerol«, flötete er, »das klingt doch wie Musik, nicht? Das Fläschchen zu nur 34,90 DM.« Das kleine Abenteuer endete also glimpflich, auch wenn Marina sich in dieser Preisklasse in ihrem Leben bislang nicht bewegt hatte. Sie kaufte die beiden letzten Flaschen auf und musste, da sie nicht mehr genügend Bargeld hatte, mit der Kreditkarte bezahlen. Bis der Betrag von ihrem Konto abgebucht würde, wäre sie tot. Mit erhobenem Haupt und je einer Flasche im linken und rechten Arm – »Als hätte ich Zwillinge«, dachte Marina verwundert – eilte sie nach Hause. Dort verriegelte sie die Wohnungstür und zog den Telefonstecker im Flur aus der Dose.

Kapitel 2

Es war Frühjahr, Zeit für den Frühjahrsputz. Auf keinen Fall sollte man sie mit verregneten Fenstern, verdrecktem Waschbecken oder auch nur schmutziger Unterwäsche erwischen. Lohnte es sich noch, das Bett frisch zu beziehen? Aber sicher, gar keine Frage. Sauber sollte es sein. Wohin aber mit der dreckigen Wäsche? Während Marina sie in die Waschmaschine stopfte, dämmerte ihr die Vergeblichkeit all dieser Mühen. Wozu es noch so genau nehmen, wenn es auch leichter ging? Sie holte einen großen Müllsack und stopfte die Schmutzwäsche hinein. Das Blümchenmuster auf ihren Bettbezügen hatte ihr schon seit Jahren nicht mehr gefallen, aber sie war nicht der Typ, der sich leichtfertig von heilen oder auch nur halbwegs ansehnlichen Gebrauchsgegenständen trennte.

Sie entriegelte die Wohnungstür, huschte hinunter in den Hof zu den Mülltonnen und warf den Sack fort. Nach getaner Tat schlich sie, als hätte sie etwas höchst Verbotenes getan, in ihre Wohnung zurück. Tür zu, Riegel vor. Sie konnte es kaum glauben. Sie hatte soeben rund zweihundert Mark in der Mülltonne entsorgt. Zwar waren ihr keine Nights in White Satin mehr vergönnt, aber sie musste sich auch nicht mehr mit Waschmittel und Weichspüler plagen.

Nachdem die kleine Zweizimmerwohnung für ihre Zwecke ausreichend in Schuss gebracht war, bereitete Marina ihre Henkersmahlzeit vor, soweit es jetzt eben schon ging. Sie mischte verschiedene Blattsalate, raspelte Möhren und schnitt Tomaten und Zwiebeln. Dann enthäutete sie mehrere große Knoblauchzehen, ohne noch auf mögliche Folgen für die Nachwelt Rücksicht zu nehmen. Sie spickte das Fleisch mit dem Knoblauch und legte es in eine Marinade aus Kräutern und Wein. Darin durfte es sich jetzt noch ein paar Stunden wohl fühlen. Als sie die erste Flasche des feinen Rotweins entkorkte, schnupperte sie verzückt und ungläubig am aufsteigenden Bukett. Frische Waldbeeren und gleichzeitig eine Ahnung von würzigem Herbstfeuerrauch. Warum hatte sie sich so etwas nicht schon viel früher gegönnt? Warum hatten ihre Wochenenden so oft im Zeichen von Diätsüppchen und Verbenenkrauttee gestanden? Nun aber sollte es ein Festessen geben, wie es dieser Grindelhinterhof nicht oft gesehen hatte.

Für den Nachmittag war ein Tee jetzt allerdings nicht verkehrt. Sie brühte sich einen White Dragon Pearl-Jasmintee auf, mit dem sie bislang immer knauserig zurückgehalten hatte. Er war unter den Sorten grünen Tees etwa so teuer wie der heute erstandene Wein im Vergleich zu Zweiliter-Lambruscoflaschen aus dem Supermarkt. Lange Zeit hatte sie sich über diesen spontanen Kauf bei einer Teeprobe gegrämt. Wie dumm! Denn die Mischung war köstlich und ihren Preis ganz gewiss wert. Es war nur ihr eigenes Problem, das wusste Marina. Sie hatte einfach nicht gelernt, sich selbst etwas zu gönnen. Und wer so verhuscht am Leben teilnahm wie sie, musste sich natürlich nicht wundern, wenn das Leben es auch nicht besonders gut mit ihm meinte. Es schien einfach niemandem aufzufallen, dass sie da war. Dass sie eine Frau mit Wünschen und Sehnsüchten war. Doch nun war es zu spät, um noch weiter darüber zu grübeln.

Den Nachmittag verbrachte Marina damit, Abschiedsbriefe an die ihr wichtigsten Menschen zu schreiben. An den Professorenschuft Elmar schrieb sie, den sie über viele Jahre geliebt und der sie über viele Jahre hinweg ausgenutzt hatte. Eigentlich hatte sie einen wohlwollenden Liebesbrief schreiben wollen, aber die aufgesetzte Großzügigkeit, zu der sie sich seit langem ihm gegenüber zwang, gelang ihr mit einem Mal nicht mehr. »Du Schuft«, schrieb sie stattdessen. »Wie oft hast du mir versprochen, dass du dich von deiner Frau trennen willst. Aber nun ist auch euer Sohn schon längst aus dem Haus, und du liegst immer noch im gemachten Bett bei deiner Mami. Das ist doch keine deiner würdige Ehe, die du da führst. Ich verachte dich, Elmar. Abgrundtief verachte ich dich und wünsche dir die Pest an den Hals. Sicher wirst du dir bei einer der vielen Studentinnen, die dich im Proseminar anhimmeln, eines Tages die Beulenpest holen. Recht so! Von ganzem Herzen wünsche ich es dir. Und wenn du mich, solltest du an mich denken, in Gedanken auch nur noch ein einziges Mal Marinakind nennst, soll dich der Hirnschlag treffen! Leb nicht wohl! M.«

Als Nächstes war ihr Stiefvater Günther dran.

»Viele Jahre habe ich mich gefragt, ob Mutti noch leben würde, wenn du nicht wärst. Du hast sie buchstäblich zu Tode gepflegt, und dass Ilse ebenfalls an Brustkrebs gestorben ist, spricht nicht gerade für dich. Du bist mir ein schlechter Vaterersatz gewesen, aber auch Ingeborg ist es mit dir nicht besser ergangen. Wieso hast du Mutter überhaupt geheiratet, wenn du nicht ertragen konntest, dass vor dir schon ein anderer da gewesen war? Was für eine merkwürdige Mischung aus Masochismus, der sich in Sadismus wandelt, und weinerlicher Selbstherrlichkeit herrscht in deinem Herzen. Gewiss, vielleicht muss ich dir sogar dankbar sein, du hast mich nicht vergewaltigt und nicht einmal geschlagen. Und das ist anscheinend schon viel in der heutigen Zeit. Aber hast du dir je Gedanken darüber gemacht, wie einem Kind zumute ist, das sieben Jahre Marina oder Marinalein genannt worden ist, wenn es plötzlich Marianne sein soll? Du hast meiner Mutter ihr kleines voreheliches Abenteuer nicht gegönnt – zugegeben, es war nicht ganz klein, es hatte immerhin mich zur Folge, und Mutti träumte vielleicht immer noch von ihrem Kapitän, meinem Vater. Aber du hast auch mir nicht gegönnt, dass ich nicht von dir gezeugt worden bin. Was kann ich denn dafür? Viele Jahre lang bin ich durch die Welt gegangen und habe gedacht, ich hätte Schuld. Und dass ich gleichzeitig unsichtbar wäre. Dass es mich gar nicht gibt. Nicht geben darf. Ich habe nicht gelernt, dass ich ein Recht habe zu leben. Und daran hast du zu einem großen Teil Schuld. Mein leiblicher Vater wollte nichts wissen von mir, und mein Stiefvater hat ihn nicht korrigiert.

Ich gehe jetzt, und kaum jemand wird es bemerken. Nur dir fehlt in Zukunft vielleicht etwas: nämlich mein Hass. Du weißt es. Ich hasse dich, hasse dich, hasse dich. Warum musste Mutti nur auf dich hereinfallen –«

Hier brach der Brief ab. Konnte, ja, durfte man jemanden hassen, nur weil er der Einzige war, der einem hätte helfen können, der es aber nicht tat? Hassen, weil der andere seine Chance nicht genutzt hatte, ja nicht einmal erkannte? Günther Pichowiak war bodenlos dumm. Ging sie zu streng mit ihm ins Gericht? Marina schien es plötzlich, als ob sich der Boden zu ihren Füßen auftat. Warum konnte sie nicht mitsamt ihrem Schreibtisch im Erdboden versinken? Warum musste sie noch hindurch durch all diesen Kummer, all dieses Leid? Leben hieß Abschied nehmen …

Eine Weile saß sie still da und stierte Löcher in die Luft. Dann stand sie auf und holte die Fotoschachtel aus dem Regal. Auf dem Grunde des Kartons ruhten die Bilder ihrer Mutter als junge Frau. Wie hübsch sie gewesen war. Ein bisschen kokett. Mutwillig fast. Das hatte das Leben – hatten die Männer – ihr gründlich ausgetrieben.

Kapitel 3

Nur selten hatte Mutti ihr die Geschichte erzählt. Wie sie als junges Au-pair-Mädchen mit einer Schweizer Familie auf Kreuzfahrt gefahren war. Um drei missratene Kinder hatte sie sich kümmern müssen. »Anstrengend waren die! Ganz und gar nicht so lieb wie du, Marinalein!« Währenddessen hatten sich deren Eltern ein lustiges Leben gemacht. Die Mutter war aber an Bord ein Weilchen seekrank gewesen. Deshalb nahm der Vater eines Abends Marinas Mutter zum Käpt’ns Dinner mit. Junges Fleisch an seiner Seite, ein blühendes süßes Ding. Leicht zu beeindrucken, leicht zum Tanze zu führen. Leicht zu verführen, so hatte er wohl gedacht. Dem Schweizer Familienvater gegenüber war Mutti standhaft geblieben. »Er war schließlich mein Arbeitgeber, ein verheirateter Mann …« Aber bei dieser Gelegenheit war sie auch dem Kapitän des Luxusliners aufgefallen, und der Käpt’n war eben der Käpt’n, ein wenig außerhalb von Gut und Böse in seiner schmucken, leicht kratzigen Uniform. Ein Junggeselle mit rauer Stimme und einer rauen Dufflecoat-Schulter. An die hatte sich Mutti nachts auf der Kommandobrücke gelehnt.

Aber der Junggeselle wollte Junggeselle bleiben und hatte an Land von seiner Leidenschaft für ihre Mutter nichts mehr gewusst. Die Ärmste verlor bald darauf, als ihr Bäuchlein sich rundete, ihre Stelle bei den anstrengenden Kindern. Der Familienvater mochte froh gewesen sein, dass nicht er es war, der das Au-pair-Mädchen geschwängert hatte; seine Frau hatte sich auch so schon genug aufgeregt.

Inzwischen war ihr Vater Kapitän im Ruhestand und lebte in einem schönen Haus an der Weser, in Bremen-Vegesack. Marina hatte ihn in ihrem Leben nur ein einziges Mal gesehen. Tante Hedi, die Schwester ihres Vaters, hatte sporadisch Kontakt mit ihr und ihrer Mutter gehalten. Hatte pflichtschuldig zu Geburtstagen und zur Konfirmation gratuliert, angeblich im Namen des Vaters. Und einmal, kurz vor dem Abitur, hatte sie sie mitgenommen zu ihrem Bruder, der gerade an Land weilte, nach Vegesack.

Wie war Marina aufgeregt gewesen, als der Vater sie in seiner herrschaftlichen Villa zum Abendessen empfing. Eine griesgrämige Haushälterin war da und trug Roastbeef und Bratkartoffeln auf Silberplatten auf, und ihr Vater höchstpersönlich hatte ihr den Wein nachgeschenkt. Während des ganzen Essens schwebte Marina auf Wolken. Ihr Vater empfing sie, endlich, endlich war es passiert! Er unterhielt sich freundlich mit ihr, war durchaus interessiert, befragte sie nach ihren beruflichen Zielen. Zur Bibliothekarsausbildung riet er ihr zu. Was wollte sie denn mit Germanistik, das dauerte doch viel zu lang! Schade um so ein hübsches Mädchen wie sie … Aber dann, als die Haushälterin gerade die Teller abräumte, hatte er seine Schwester gefragt, wer denn das reizende junge Fräulein, das sie mitgebracht habe, nun eigentlich sei.

»Aber Hansi, das ist doch die Marina, deine leibliche Tochter! Das habe ich dir doch am Telefon schon alles erklärt!«

Details

Seiten
60
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958242760
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308844
Schlagworte
eBooks Kriminalroman Hamburg schwarzer Humor Hamburger Abendblatt Kurzkrimi

Autor

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Titel: Fegefeuer am Grindel