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Mord im Gazellenkamp

Kriminalroman

2015 55 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Schönheit ist sein Beruf – denn Professor Alois Kerzenbrock gehört zu den erfolgreichsten ästhetischen Chirurgen. Doch damit ist jetzt Schluss: Denn erstens ist er nun tot – und daher zweitens auch nicht mehr Gala-tauglich anzusehen. Wie so vieles in seinem Leben war auch sein Tod nicht natürlich. Vor laufenden Kameras entschlummert der schöne Chirurg dieser Welt. Kein Grund, die Sendung nicht fortzuführen … ganz im Gegenteil!

Hamburg sehen und sterben – „mit ihren Krimis schlägt Regula Venske immer gnadenlos zu“ (Emma)!

Über die Autorin:

„Intelligent, humorvoll und immer mit einem ungewöhnlichen Plot, sind ihre Bücher ein Vergnügen.“ Gabriela Wenke

Regula Venske wurde 1955 in Minden geboren und wuchs in Münster auf. 1987 promovierte sie mit einer Studie über „Mannsbilder – Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen“ zum Doktor der Philosophie.

Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u. a. mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis, dem Deutschen Krimipreis und dem Lessing-Stipendium des Hamburger Senats ausgezeichnet, ihr Kurzgeschichtenband "Herzschlag auf Maiglöckchensauce" wurde für den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden nominiert.

Regula Venske lebt als freie Autorin in Hamburg und ist Mitglied im Autorenverband deutschsprachiger Kriminalschriftsteller SYNDIKAT (www.das-syndikat.com) und im PEN (www.pen-deutschland.de), dessen Generalsekretärin sie seit Mai 2013 ist.

Bei dotbooks erscheinen außerdem Regula Venskes Romane Schief gewickelt – Das perfekte Verbrechen, Double für eine Leiche, Die garstigen Greise und Kommt ein Mann die Treppe rauf.

Weitere Titel sind in Vorbereitung.

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Überarbeitete Neuausgabe Oktober 2015

Copyright © der Originalausgabe Copyright 1999 Hamburger Abendblatt Axel Springer Verlag AG, Hamburg

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de

Titelbildabbildung: Thinkstockphoto/Hemera/istock

ISBN 978-3-95824-277-7

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Regula Venske

Mord im Gazellenkamp

Kriminalroman

dotbooks.

Kapitel 1

Professor Alois Kerzenbrock starb zwar nicht eines natürlichen Todes, aber sein Tod kam einigermaßen sanft und war nicht einmal besonders schrecklich mit anzusehen. Und nicht wenige waren es, die Kerzenbrock hinscheiden sahen: drei Komma eins null Millionen Fernsehzuschauer, um präzise zu sein. Kaum ein Zuschauer aber, dem Kerzenbrock durch sein Ableben den gemütlichen Fernsehabend verdarb. Im Gegenteil. Die Mehrheit des Publikums lümmelte sich bequem auf dem Sofa herum und beobachtete durchaus genüßlich, wie der schöne Alois starb. Marktforschern zufolge knabberten bereits siebenundzwanzig Prozent das neue crunchige Erdnußgebäck mit dem zartcremig-bitteren Schokoschmelz, das erst wenige Tage zuvor im Handel eingeführt war; übrigens tranken deutlich mehr Zuschauer der Sendung, in der Kerzenbrock starb, Rotwein als Bier. Von diesen bevorzugten die meisten mit Kennermiene Weine aus französischen Anbaugebieten.

Die Einschaltquote dümpelte bei knapp dreizehn Prozent. Vielleicht wäre sie nach kurzer Zeit, wie in den vorangegangenen Monaten auch, drastisch unter die Schmerzgrenze gesunken, aber während der prominente Facharzt für plastische Chirurgie seine Seele aushauchte, stabilisierte sich die Quote endlich und erreichte während einiger Augenblicke – während Kerzenbrocks letztem Augenblick, um weiterhin präzise zu sein – solide fünfzehn Prozent; dann stieg sie sprunghaft an.

Wie diese Buschtrommel beim Publikum genau funktioniert, haben selbst Medienfachleute noch nicht sicher herausgefunden. Tatsache aber ist, daß erprobte Zuschauer über ein ausgezeichnet funktionierendes telepathisches Sensorium verfügen, das sie im rechten Moment zur Fernbedienung greifen und umschalten läßt: immer genau dann, wenn auf einem anderen Kanal gerade Entscheidendes passiert! Irgendwann wird es eine wissenschaftliche Erklärung für das verblüffende Phänomen geben, daß Hunderttausende von Leuten, die über Georg Schniepels Talkshow »Captain's Dinner« längst das Todesurteil gesprochen hatten – »Da geht's doch sterbenslangweilig zu! Komm mir bloß nicht mit Schniepel, diesem gelifteten Lackaffen!« –, daß etliche von diesen gewieften Tele-Visionären also das Programm an jenem Freitagabend, an dem es Schniepels Gast kalt erwischte, wider besseres Wissen plötzlich einschalteten. Aus heiterem Himmel, man weiß nicht, warum. Immerhin aber kann man sich denken, warum das Publikum an jenem verhängnisvollen 13. November 2006 bei diesem »Captain's Dinner«, das das letzte seiner Art sein sollte, schließlich hängenblieb.

Nachdem Schniepels Stargast mit einem finalen Schmatzer in sich zusammengesackt war, bot sich den Zuschauern ein durchaus friedliches Bild. Das war nicht die ganze Zeit über so gewesen. Wer von Anfang an dabeigewesen war, hatte zuvor anderes erlebt. Jetzt erinnerte man sich daran und erzählte es im Zeitraffer neu hinzukommenden Familienmitgliedern.

Wie immer hatte es zum Auftakt der Sendung einen Cocktailempfang für die Gäste in den sogenannten Privaträumen des Kapitäns gegeben, ganz so, wie es sich für ein gepflegtes »Captain's Dinner« nun einmal gehört. Es war dies die Idee des Moderators selbst gewesen, und er hatte sie gegen erbitterten Widerstand der Redaktion durchgesetzt, aller Kritik und allen besserwisserischen Unkenrufen zum Trotz. »Wie stellen Sie sich das vor, Mann! Das gibt doch nur Unruhe! Wie sieht das aus, wenn die da alle wie die Ölgötzen herumstehen, mit einem Glas in der Hand! Und wo wollen Sie die Kameras positionieren? Und dann brauchen Sie zwischendurch noch mal eine neue Maske – hinterher haben Sie doch ganz anderes Licht! Nein, Schniepel, glauben Sie mir, das schafft nur unnötige Probleme!«

Aber Schniepel hatte all diese Scheinargumente vom Tisch gefegt. Schließlich wußte er die Mäkelei der Kollegen genau einzuschätzen: Es war Neid, reiner Neid! Wer sonst hatte solch eine schöne Sendung, solchen Sendeplatz ganz für sich allein, wer sonst hatte solche Ideen? Seinetwegen brauchte es weder Redakteure noch Regisseure, geschweige denn Produzenten zu geben: Der Große Georg kreierte seine Sendungen selbst! Und zwar bis aufs letzte I-Tüpfelchen genau! Seine Produkte waren genau so, wie er es wollte und wie er sich selbst gern sah: anspruchsvoll, edel und wohltemperiert. Er war ein Mann, der ohne Platitüden auskam, ohne die so weit verbreiteten Geschmacklosigkeiten, ohne den allfälligen Kotau vor dem Plebs. Daß seine Einschaltquote nicht hielt, was die Konzeption seiner Sendung versprach, verstand Schniepel – darin ganz ein Mann des letzten Jahrhunderts – als Kompliment. Er produzierte nun einmal nicht für Krethi und Plethi! Leider hatte er es aber bislang nicht vermocht, diese Weltsicht seinem Programmdirektor begreiflich zu machen. Und deshalb sollte das »Captain's Dinner« an diesem Abend nicht nur das letzte im Jahr 2006, sondern das letzte überhaupt sein, zu dem er lud. Es sei denn, es geschähe ein Wunder.

Wie immer in seiner Sendung, trug Schniepel die schmucke Kapitänsuniform, die er sich bei den Schiffsausrüstern am Rödingsmarkt hatte maßschneidern lassen. Leider hatte sich der Sender in seiner auf Sparkurs gerichteten Sturheit geweigert, die Extrakosten für die Maßanfertigung zu übernehmen. Und auch das Finanzamt zeigte sich uneinsichtig, wenn Schniepel versuchte, seine Berufskleidung bei der Steuer geltend zu machen. Trotzdem war es ein gutes Gefühl, die vier dicken Kapitänsstreifen am Revers zu tragen und darüber das stolze Emblem: ein Schlüssel, der sich mit einem Anker kreuzt. Spötter behaupteten zwar, der Anker habe entfernte Ähnlichkeit mit einem Schnuller, aber das ließ den Moderator kalt.

Auch die Nachbildung der Kapitänsgemächer im Studio war eine Maßanfertigung nach Schniepels Geschmack. Seit er gelegentlich auf der »MS Europa« durch die Südsee kreuzte, war Schniepel dem Namen Hapag-Lloyd treu und ergeben verbunden. Auf mehreren Kreuzfahrten hatte er als Entertainer geglänzt, wobei seine Spezialität das Erzählen von heiteren Anekdoten und besinnlichen Begebenheiten aus dem Leben berühmter Namensvettern war, Namensvettern seines Vornamens natürlich, denn von seinem Nachnamen lenkte Schniepel nur allzu gern ab. Und das gelang ihm in der Regel recht schnell. Erschien ihm sein Publikum überwiegend anglophil ausgerichtet, so wählte er Stories über exzentrische – und natürlich aristokratische – englische George: Und schon hatte er die Leute genau da, wo er sie hinkriegen wollte. Sie nannten ihn zuvorkommend »Sir George«. Waren hingegen überwiegend Amerikaner oder Freunde der Vereinigten Staaten mit von der Partie, kam er geschickt auf George Washington zu sprechen und ließ sich alsbald »Mr. President« rufen. Dann war ihm für den Rest der Reise das verhaßte Schniepel nicht länger im Weg.

Auch für seine Show hatte er also eine Kapitänskabine nach dem Vorbild der »MS Europa« gefordert. Anderen Moderatoren hatte man für ihre Gesprächsrunden Küchen, Kreißsäle, schließlich sogar ganze Stierkampfarenen geboten, da war es nur recht und billig, wenn er eine repräsentative Suite bekam. Und dort hatten sich auch heute alle –fast alle – Beteiligten zu Beginn seiner Sendung versammelt.

Sieben Gäste hatte Schniepel, wie zu jedem »Captain's Dinner«, geladen. Da war als Jüngste eine frisch zum Star des Jahres gekürte Filmschauspielerin, die den Typus »Lange-blonde-Beine« verkörperte. Schniepel interessierte sich nur mäßig für sie, und ihren Namen hatte er sich, trotz mehrwöchigen Darangewöhnens und Übens, noch immer nicht eingeprägt. Diese jungen Dinger sahen sowieso alle gleich aus und hatten nur Stroh im Kopf, im Grunde gehörten sie zur Dekoration. Schniepel wußte mit ihnen nichts anzufangen – was nicht hieß, daß er für die sich intellektuell gebende Dame, die ihn gleich zu Beginn der Sendung mit Beschlag zu belegen versuchte, auch nur einen Deut mehr übrig gehabt hätte. Marthe hieß sie und war, bei Lichte besehen, gar keine Dame, sondern eine Krimiautorin. Die Redakteurin der Sendung hatte sie ihm, vermutlich in einem Anfall höchstpersönlicher Rachsucht, auf den letzten Drücker noch reingewürgt, als Ersatz für eine ausgefallene Kaffeesatzdeuterin, die beim Frühstück festgestellt hatte, daß ihre Sterne für den Tag ungünstig standen. Aber es war auch egal, er nahm es, im professionellen Sinne, mit allen mehr oder weniger emanzipierten Zumutungen auf, denn rein persönlich war ihm die gesamte Weiblichkeit schnuppe. Am ehesten konnte sich Schniepel, der sich, außer für sich selbst, eigentlich nur für die Oper dauerhaft interessierte, für den dritten weiblichen Gast seiner Sendung erwärmen, die japanische Operndiva Yasuko, zu deutsch: »Fräulein Behaglichkeit«. Sie war eine zierliche Erscheinung mit einem glockenreinen Koloratursopran, den Schniepel auf seinen Reisen schon in Rio und Rovaniemi, in Melbourne und Mailand gehört hatte – an der Met sowieso. Ihren Nachnamen Suzuki führte sie übrigens nicht, und Schniepel hätte gerne gewußt, ob sie darunter so litt wie er unter Schniepel; allein schon, um das herauszufinden, hatte er sich auf die Begegnung mit der großen – und doch so kleinen und zarten – Yasuko gefreut.

Vorerst aber war er nicht dazu gekommen, ihr die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, denn ihn hielt, wie gesagt, Marthe in Schach. So konnte er nur zusehen, wie Yasuko kichernd mit dem sächsischen Sumo-Ringer flirtete, der aus Schkopau bei Leipzig kam. Eine Weile bemühten sich die beiden vergeblich darum, auszurechnen, wie viele von Art und Gewicht Yasukos in Manni Zschornauer paßten, kamen aber mit der Umrechnung von englischen Pfunden in deutsche und dann noch einmal in Zentner und Tonnen nicht ganz zurecht.

»Ano ne!«, rief Yasuko ein ums andere Mal kichernd aus. »Göttlich! Göttlich! Ano ne!«

Dabei legte Sumo-Ringer Manni seine dicken rosaweißen Pranken zärtlich auf Yasukos zarte Haut, und Schniepel konnte nichts machen. Solange das rote Licht an der auf Yasuko und Zschornauer gerichteten Kamera blinkte, wußte er, daß der Regisseur gerade die beiden im Bilde festhalten wollte. Seine Aufgabe war es also, sie zu stützen und alles von ihnen fernzuhalten, was für den Moment Schaden anrichten konnte. Er durfte lediglich behutsam im Hintergrund etwas anderes andeuten und aufbauen, auf das dann zu gegebener Zeit vom Regieraum aus umgeschaltet wurde: kein leichtes Spiel – aber das hatte er sich mit seiner Cocktailidee selbst eingebrockt.

Nachdem Yasukos Rechenkünste eine Weile für Spaß im Studio und daheim auf den Sofas gesorgt hatten, erlosch endlich das rote Licht, und Renke Anselms war plötzlich auf Sendung. Er war ein beliebter Inselhumorist, ja Inselschelm aus Wattenoog. Schniepel, der sich besser in der Südsee als in Ostfriesland auskannte, war in seinem Leben noch nicht auf Norderney oder Baltrum gewesen, er gehörte sogar zu jenen Leuten, die den Namen »Juist« zweisilbig sprachen. Aber regelmäßig zwang ihn seine Redakteurin auf den Boden der Tatsachen, an die norddeutsche Waterkant zurück. Mal lud sie Lokalprominenz aus Mecklenburg-Vorpommern ein, mal Weltstars aus Schleswig-Holstein. Heute abend war also Renke Anselms aus dem Wattenmeer angereist. Und zu Schniepels Grausen hatte er zu seiner Unterstützung den gesamten Shantychor seiner Insel mit ins Studio gebracht, die Wattenooger »Blauen Jungs«, achtundzwanzig gestandene Kerle in schmucken weißen Matrosenanzügen, die bereit waren, eine Kostprobe ihres sängerischen Könnens zu geben.

Bei näherem Hinsehen wandelte sich Schniepels anfängliches Entsetzen jedoch in gelindes Entzücken um. So viele verwegen gut aussehende Mannsbilder hatte er lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, dachte Schniepel, wenn sich die »Blauen Jungs« durch die Bank als brave Familienväter entpuppten? Noch hielt sich der Chor allerdings bescheiden im Hintergrund; erst nach den Cocktails sollte man singen.

Sobald Renke Anselms bemerkte, daß die Sonne der Fernsehscheinwerfer ihn grell beleuchtete, guckte er sich verschmitzt in der Runde um. Dann begann er in feinstem ostfriesischem Missingsch einen Witz zu erzählen.

»Willem hett sük selbständig maakt«, fing er unvermittelt an, und schon bei den ersten derart unvertraut an sein Ohr dringenden Klängen streckte Manni Zschornauer den Kopf und das, was von seinem Halsansatz übriggeblieben war, so gut es ging nach vorn und hörte fasziniert zu. Auch die anderen verstummten und sahen zu Anselms hinüber.

»Also he hett sük selbständig maakt, he will dat mit'n Köhl'nhandlung versök'n. Willem schafft sük'n Peerd und Wagen an, und fohrt denn dormit dör Willmsfeld, um sien Köhl'n antobed'n.«

An dieser Stelle gab der Sumo-Ringer auf. Er schüttelte den Kopf, genauer gesagt, Schultern und Brustraum, da sein verfetteter Hals ihm die Bewegung des Kopfes nicht mehr erlaubte. Yasuko nutzte den unbeobachteten Moment und reckte dem Steward, der ebenso wie eine Maskenbildnerin diskret im Hintergrund tätig war, ihren leeren Champagnerkelch entgegen; sofort tat Marthe es ihr gleich. »Nu hett Willem to de Tied 'n lütt'n Spraakfehler: he stottert. Und nu hört man hüm van sien Wagen af rop'm: ›Eieieieierkokokokohlen für dededen nächnächnächsten Wiwiwinter hohoholen!‹«

Georg Schniepel, der als gebürtiger Hanseat das Idiom seines Gastes bestens verstand, blickte betont verständnislos, ja leicht angewidert – soweit ihm seine Rolle als Gastgeber ein solches Verziehen seiner Miene nur erlaubte – zu Anselms hinüber. Einige seiner besten Moderatorenkollegen waren in ihrer Kindheit große Stotterer gewesen. Würde man ihm eventuell unterstellen, er hätte Anselms eigens um dieses Geschichtlein gebeten? Bestimmt lief der Witz auf eine behindertenfeindliche Pointe hinaus. Sollte er sofort unterbrechen? In diesem Moment hörte er, wie der dritte der anwesenden männlichen Gäste, Corbet Huntingdon, ein englischer Ozeanograph, mit dem für Briten so eigentümlichen und auch ihm eigenen Humor bereits an dieser Stelle in schallendes Gelächter ausbrach. Schniepel zog es vor, noch zu warten und fürs erste zu schweigen. Angespornt von Huntingdons anfeuerndem Lachen, warf Anselms einen triumphierenden Blick in die Runde und fuhr mit erhobener Stimme fort.

»Und nu kummt Hein dor vörbie, hört sük dat an und fragt Willem, worum he immer ›Eierkohlen holen‹ rop'm deiht. He haar ja gor keen Eierköhl'n up Wag'n, sondern Brikett?«

An dieser Stelle schluchzte Huntingdon vor Lachen laut auf, als ahne er schon, wie es weiterginge. Auch im Zuschauerraum hörte man Glucksen.

»Ja«, brach es, ebenfalls vor Lachen geschüttelt, aus Anselms heraus. Er lief jetzt zu Hochtouren auf. »›Ja‹, seggt Willem, ›dat ststimmt. Aber wenn ik immer Brbrbrbrikett rop'm do, dededenn blibliblivt mmmien Peerd imimimmer stastastahn.‹«

Beide Männer wieherten an dieser Stelle laut heraus. Huntingdon klopfte sich mehrmals auf den Oberschenkel, und Renke schlug dezent die geballte Rechte gegen seine Linke. Im Hintergrund hörte man die »Blauen Jungs« stöhnen; vermutlich hörten sie den Witz nicht zum erstenmal. Yasuko und Marthe aber lagen sich kichernd in den Armen, und blitzschnell hatte ein Kameramann reagiert und mit seiner Kamera das konvulsivisch sich schüttelnde Knäuel in Großaufnahme eingefangen. Marthes Anteil an dieser Darbietung war freilich unfreiwillig, in Wahrheit war es die zierliche Yasuko, die sich über ihre teutonisch-plumpere Mitstreiterin gestülpt hatte und mit ihrer Hilfe – recht bühnenwirksam – herzliche Begeisterung vortäuschte. Marthe ärgerte sich zwar, es gelang ihr aber in ihrer unbeholfenen Schwerfälligkeit nicht sogleich, sich zu lösen. So wurde sie weiter von »Fräulein Behaglichkeit« zwangsgerüttelt. Durch Yasukos Stola gedämpft, hörte sie, wie Huntingdon anfing, seinerseits einen Witz zum besten zu geben.

»Apropos Schsch-stotterer«, fing er, in durchaus akzentfreiem Hochdeutsch, an. »K-k-kennnnen Sie den Wwwitz, wwwwo ein Sch-sch-sch-stotterer sich bbbbei der Bbbbbie-Bbbbbie-Sssssie bewirbt?«

An diesem Punkt grölten die Herren, bis auf Schniepel, bereits aus voller Kehle. Auch Manni Zschornauer lachte mit. Zwar verstand er nicht ganz, worum es ging, aber komisch fand er es doch. Der Moderator begann, heftig zu transpirieren. Zu dumm, er hatte vor der Sendung vergessen, die Salbei-Tabletten gegen seine Beschwerden der Übergangsjahre zu nehmen. Nun war es zu spät! Stotterte Huntingdon wirklich, oder tat er nur so? Bei diesen Briten wußte man nie, woran man war; bekanntlich gehörten leichte Sprachfehler, neben einem gehörigen Einkommen, zu den Grundvoraussetzungen, um dort auf eine Eliteschule zu kommen.

»E-e-er b-b-b-bekommt eine Aaablehnung u-u-und ssssagt: ›Sch-sch-schade, aaaber i-i-ich b-b-b-bin d-d-d-enen zzzu k-k-k-lein.‹«

Während um sie herum alles brüllte und zuckte, mußte Marthe sich nun doppelt, ja sogar dreifach ärgern. Einerseits fand sie aus dem Würgegriff der zierlichen Diva nicht heraus, ohne Gewalt anzuwenden, andererseits hatte sie sich nun schon zwei krüppelfeindliche Witze anhören müssen. Drittens aber, und das war mit Abstand das schlimmste, wußte Marthe genau, daß sie, wäre sie nicht durch Yasuko gehindert, auch keinen Protest von sich geben würde. Dazu waren ihr die Witzeerzähler viel zu sympathisch. Und sie selber zu lau. Vermutlich würde sie nur gequält in die Kamera lächeln, und das Publikum würde in ihr genau die Langweilerin sehen, die sie in Wirklichkeit war. Was die Zuschauer daheim wollten, war Blut, Kraft, Temperament, ein klares »ja-ja« oder »nein-nein«! Nicht aber dieses kompromißlerische Verständnis, das Leute wie sie für alles und jedes aufbrachten: Na ja, der Witz war vielleicht ein bißchen über die Stränge geschlagen, nicht ganz mein Geschmack, aber nein, die Herren meinten es gar nicht so schlimm ...

Die Erkenntnis war hart und traf Marthe wie Yasukos kichernder Atem direkt ins Genick: Auch ohne in diesem Zwangskasten zu stecken, hätte die Schriftstellerin keinen Widerspruch formuliert. Tja, deshalb wurde im Leben auch nichts aus ihr. Denn das Publikum wollte nicht verstanden, es wollte unterhalten werden; daß sie das noch immer nicht begriff!

Während Marthe noch haderte und Schniepel schwitzte, ergriff die junge Schauspielerin das Wort. Auch Marthe nannte sie bei sich insgeheim »Lange-blonde-Beine«, denn sie hatte bei Schniepels nuschelnder Vorstellung der Gäste den Namen der jungen Schönheit nicht verstanden. Aus der Ferne hörte sie nun, wie die Schauspielerin sich zu Wort meldete und den beiden Männern tapfer ein aufgebrachtes »Pfui! Schämen Sie sich!« entgegenschleuderte.

»Sich so auf Kosten anderer Leute lustig zu machen! Die können doch nichts dafür! Die Pest wünsche ich Ihnen an den Hals, allen beiden!« – Etwas leiser fügte sie »Wichser!« hinzu. Aber das konnte Marthe nicht hören.

Auch im Publikum wurden jetzt einige Buhrufe laut, man wußte nur nicht genau, welcher der beiden Parteien sie galten. Immerhin schnellte die Einschaltquote, die bereits seit geraumer Zeit einer Abwärtsbewegung gefolgt war, wieder nach oben. Wäre nicht in diesem Moment Alois Kerzenbrock endlich zu ihnen gestoßen, Schniepel hätte den »Blauen Jungs« vorzeitig das Zeichen zum Einsatz gegeben. Was den ganz Schlauen im Publikum – im Studio oder daheim – nämlich schon aufgefallen war und was noch erheblich zur Beschleunigung von Schniepels Stoffwechsel und zum Übergang einiger Teile seiner selbst in einen anderen Aggregatzustand beitrug, war der mißliche Umstand, daß der siebte Gast beim »Captain's Dinner« sich gründlich verspätet hatte. So etwas durfte nicht vorkommen und kam in der Regel auch nicht vor! Normalerweise fanden sich alle Gäste, so wichtig sie sein mochten, pünktlich zur bestellten Zeit, also lange vor Beginn der Sendung, im Fernsehstudio am Gazellenkamp ein.

Vor Jahren hatten sich Besucher gelegentlich auf dem weiträumigen Gelände der Rundfunkanstalt verlaufen, ja, der Nachrichtenmoderator eines Privatsenders hatte die Orientierung so gründlich verloren, daß man seine Leiche erst drei Wochen nach Sendetermin fand. Es wurde gemunkelt, er sei auf der Suche nach dem legendären Ho-Chi-Minh-Pfad irgendwo in Haus 17 kläglich verhungert.

Seitdem wurden freundliche, oftmals durch Hochschulabschluß qualifizierte und kommunikationserprobte Betreuer engagiert, die sich um die Stars kümmerten. Sie begleiteten ihre Schützlinge in die Cafeteria und lieferten sie rechtzeitig in der Maske ab, versorgten sie zuvorkommend mit Tageszeitung, Tampons und Tabak, mit Sekt oder Kaffee, je nachdem.

Professor Kerzenbrock aber war nicht erschienen. Nachdem man eine Weile auf ihn gewartet hatte, telefonierte der für die Sendung zuständige Aufnahmeleiter hinter ihm her. Schließlich brachte man in Erfahrung, daß der Schönheitschirurg mit den zwei goldenen Händen in einer Operation steckengeblieben war; anscheinend hatte es Komplikationen gegeben. Letzteres wurde nicht offen gesagt, der Verdacht schwirrte nur als zartes Gerücht durch den Raum. Immerhin hatte sich Kerzenbrocks Frau, die, wie so viele Arztgattinnen, eine gelernte Krankenschwester war, an dem für Familienangehörige reservierten Tisch im Publikum niedergelassen. Mit ihrer von ferne jugendlich wirkenden Ausstrahlung und der betont legeren Art drückte sie durch ihre bloße Anwesenheit im Studio die Hoffnung aller Beteiligten aus, daß auch der schöne Alois bald zu ihnen fände. Wer näher an ihr dran saß, mußte allerdings denken, daß sie nicht die beste Reklame für die Verschönerungskünste ihres Mannes abgab.

Endlich war Kerzenbrock da, und alle Beteiligten, Gäste und Moderator fühlten sich wundersam erlöst. Genauer gesagt, fast alle: Einer fiel auf ihn nicht mehr herein, einer, der sich vorgenommen hatte, den schönen Alois an diesem Abend zu töten.

Da Kerzenbrock spät kam, war er ungeschminkt, ganz ohne Maske, aber selbst im Licht der unbarmherzigen Studioscheinwerfer fiel das kaum auf. Im Gegenteil, so mancher Fernsehzuschauer bewunderte seinen frischen, »sportiven« Teint. Vermutlich war der Professor für plastische Chirurgie selber geliftet. Oder ging er nur auf die Sonnenbank? Was immer sein Schönheitsgeheimnis war, er machte ausgezeichnete Werbung für sich. Jung sein war gut, jung bleiben war besser!

Details

Seiten
55
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958242777
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308845
Schlagworte
eBooks Kriminalroman Hamburg schwarzer Humor Hamburger Abendblatt Kurzkrimi

Autor

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Titel: Mord im Gazellenkamp