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Die Hexen von Övelgönne

Kriminalroman

2015 56 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Wie in jedem Jahr gibt es ein Osterfeuer in Övelgönne. Mit einem Scheiterhaufen und einer lebensgroßen Strohpuppe darauf, die herrlich lichterloh brennt. Nur eine Sache unterscheidet dieses Jahr von den vorhergehenden: Neben der Puppe steht ein Mann in Flammen, verkohlt langsam bei lebendigem Leibe. Viel zu spät merken die Bewohner, dass etwas nicht stimmt. Und niemand nimmt die eine Person wahr, die das Treiben beobachtet – still und regungslos –, die eigene Tat …

Hamburg sehen und sterben – „mit ihren Krimis schlägt Regula Venske immer gnadenlos zu“ (Emma)!

Über die Autorin:

„Intelligent, humorvoll und immer mit einem ungewöhnlichen Plot, sind ihre Bücher ein Vergnügen.“ Gabriela Wenke

Regula Venske wurde 1955 in Minden geboren und wuchs in Münster auf. 1987 promovierte sie mit einer Studie über „Mannsbilder – Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen“ zum Doktor der Philosophie.

Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u. a. mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis, dem Deutschen Krimipreis und dem Lessing-Stipendium des Hamburger Senats ausgezeichnet, ihr Kurzgeschichtenband "Herzschlag auf Maiglöckchensauce" wurde für den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden nominiert.

Regula Venske lebt als freie Autorin in Hamburg und ist Mitglied im Autorenverband deutschsprachiger Kriminalschriftsteller SYNDIKAT (www.das-syndikat.com) und im PEN (www.pen-deutschland.de), dessen Generalsekretärin sie seit Mai 2013 ist.

Bei dotbooks erscheinen außerdem Regula Venskes Romane Schief gewickelt – Das perfekte Verbrechen, Double für eine Leiche, Die garstigen Greise und Kommt ein Mann die Treppe rauf.

Weitere Titel sind in Vorbereitung.

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Überarbeitete Neuausgabe Oktober 2015

Copyright © der Originalausgabe 1998 Hamburger Abendblatt Axel Springer Verlag AG, Hamburg

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de

Titelbildabbildung: Thinkstockphoto/Hemera/istock

ISBN 978-3-95824-278-4

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Regula Venske

Die Hexen von Övelgönne

Kriminalroman

dotbooks.

Prolog

Er hatte keine Ahnung, wo er war. Eine schmerzende Dunkelheit umgab ihn, ein drohendes Nichts, die Nacht. Sein Rufname war Ich-sehe-nichts, sein Familienname war Ich-weiß-von-nichts, sein Wohnsitz war Ich-vergaß. Schwärze erfüllte ihn ganz, vom Kopf bis zu den Füßen, waberte aus ihm hervor und dehnte sich weiter aus, in alle Himmelsrichtungen; hinein mischten sich ein paar Tupfer kotbraunes Elend, räudiges Grau.

Plötzlich eine Vision, ein roter Blitz, ein flammendes Licht. War er nicht Ich-sehe-doch ...? Ein roter Lichtschweif zog an ihm vorbei, blendete und erleuchtete ihn, so höllengrell, daß er aufstöhnte. Gleichzeitig begann eine Schiffssirene im Inneren seines Kopfes zu tuten, tutete lauter und immer lauter, so quälend laut, daß er vergaß, nach seiner Mutter und der Muttergottes zu rufen. Gleich, gleich würde er platzen, sein Kopf würde platzen und mit ihm die Schwärze, die ihm jetzt mit Gewalt in alle Poren drang.

Er rang nach Luft, konnte aber nur husten, er schnappte nach Luft und konnte nicht einmal mehr husten. Dann wurde es wieder dunkel um ihn.

Er selbst war die Dunkelheit. Er war ein Nichts, ausgestopft mit ewiger Nacht. Kein kotbraunes Elend mischte sich tröstend hinein, kein räudiges Grau ließ noch hoffen. Diese Schwärze war total. Sie stank, aber sie schmerzte nicht mehr.

Kapitel 1

Jürgen Timmerloh ließ das Badewasser ohne Rücksicht auf Verluste über den Wannenrand schwappen. Schnaufend sank er unter Wasser und tauchte erst nach einer Weile wieder auf, krebsrot im Gesicht, flockigen Schaum prustend und nach Luft schnappend. Junge, tat das gut! Den ganzen Tag hatte er im Schweiße seines Angesichts geschuftet, um mit Lasse und dessen Schulfreunden das Osterfeuer am Elbstrand aufzubauen; jetzt spürte er jeden Wirbel einzeln. Wie gut, daß der Mensch nur zwei, drei Dutzend davon hatte, und nicht zweihundert, wie die Schlangen!

Ächzend streckte er die Hand nach dem Bierglas aus, das er auf dem Klodeckel neben der Badewanne abgestellt hatte. Gelegentlich war es von Vorteil, daß diese windschiefen alten Kapitänshäuschen am Elbstrand von Övelgönne so winzig waren; man konnte alles, was man zum Leben brauchte, mit einem Handgriff erreichen. Die Schaumkrone auf dem Bier sah genauso wie der Badeschaum aus, schmeckte sogar ein bißchen seifig, aber das tat dem Genuß keinen Abbruch. Von draußen hörte er lautes Geschrei und Gejuchze, Frauengelächter und Kinderlärm, aus dem Wiebkes und Jo-Lasses helle Stimmen deutlich herauszuhören waren. Offenbar waren sie gerade dabei, die traditionelle Strohpuppe auf den Holzstapel zu hieven – er hatte extra die lange Holzleiter darauf liegen gelassen. Sehr geheimnisvoll hatten Wiebke und ihre Freundinnen dieses Jahr getan, keinen Blick hatte er in ihre Werkstatt in der Gartenlaube werfen dürfen. Na, er würde sich überraschen lassen, womit die Hexen von Övelgönne die Schaulustigen dieses Jahr überraschten.

Beim Gedanken an die Hexen mußte Jürgen Timmerloh lachen. Er bekam Schaum in den Mund, verschluckte sich und spuckte aus. Teufel auch! Die Hexen von Övelgönne, so nannte er eine Gruppe von Frauen, mit denen Wiebke sich regelmäßig traf, um gemeinsam zu basteln und zu backen und über Kindererziehung zu diskutieren. Vermutlich zogen sie dabei auch tüchtig über ihre Männer her.

»Selbsterfahrungsgruppe« hätte man so etwas früher genannt, vor zwanzig Jahren, als Wiebke auch schon bei derartigen Unternehmungen dabeigewesen war. Erstaunlich eigentlich, daß sie es dennoch so lange miteinander ausgehalten hatten. Seit ihrer gemeinsamen Schulzeit auf dem Christianeum gingen sie miteinander, seit ihrer Klassenreise in der 11. nach Amsterdam schliefen sie miteinander und hatten nun sogar schon ein Kind so weit großgezogen, daß es selbst aufs Christianeum ging. Jo-Lasse war zwölf, wurde bald dreizehn – wenn sein Sohn ihm nächstes Jahr eröffnen würde, er sei seiner großen Liebe begegnet, ob er ihn dann ernst nehmen könnte? Jürgen Timmerloh hoffte es inständig, glaubte in diesem Moment allerdings nicht ernsthaft daran.

Wohlig streckte er sich in der Wanne aus und fing an, sich genüßlich am Hodensack zu kraulen. Neulich hatte er im Hamburger Abendblatt gelesen, daß Männer mit kleineren Hoden stärker zu ehelicher Treue neigten als ihre bemerkenswerter bestückten Geschlechtsgenossen. Die größten Exemplare bei einer Testgruppe von notorischen Fremdgängern hatten 52 Kubikzentimeter erreicht – was laut Zeitungsartikel mehr als zwei aufeinanderliegende Streichholzschachteln betrug. Da konnte er nicht mithalten; vielleicht hatte Wiebke es deshalb so gut bei ihm.

Gerade wollte er erneut selig unter Wasser dückern, da wurde die Badezimmertür mit Schwung aufgerissen, und Jo-Lasse stürmte herein. Timmerloh seufzte. Jetzt war es aus mit seiner Ruhe.

»Papa, Papa, du, schau mal aus dem Fenster, die Strohpuppe dieses Jahr, die ist voll geil ...!«

Jo-Lasse lief zu dem dicht beschlagenen Badezimmerfensterchen hinüber und riß es auf, um hinausspähen zu können. Kalte Luft strömte ungemütlich herein.

Gehorsam zog Jürgen Timmerloh am Stöpsel, um das Wasser ablaufen zu lassen. Als er sich erhob, schwappte noch einmal reichlich Wasser über. Mit seinem Sohn hätte er in diesem Falle ein Wörtchen geredet – kein Wunder, wenn der Läufer siffig wird und so ...

Er zog das Badetuch von der Stange, an der der Duschvorhang hing, und hüllte sich hinein. Auch seine Unterhose, seine Jeans und die Socken, die er wieder anziehen wollte, hatte er über die Stange gehängt; das verschwitzte Hemd allerdings mußte in die Wäsche. Früher hätte er seine Siebensachen dort nicht so malerisch drapieren können, zumindest hätte er sie hinterher nicht wieder anziehen können, so unappetitlich mit Ruß und Staub wären sie verschmiert gewesen. Aber seit sie die neue Hilfe hatten, war alles picobello in Schuß. So klein diese Hallo auch war – wie leicht konnte man sie übersehen –, sie sah offenbar alles und wischte auch an den entlegensten Stellen. Wiebke wäre es im Traum nicht eingefallen, jemals oben auf der Duschvorhangstange zu putzen; ihm allerdings auch nicht, fügte er fairerweise hinzu.

»Ey, geil, Papa, da ist ja noch eine! Davon hat Mama gar nichts erzählt! Das muß ich sehen!«

Schon hatte sich Jo-Lasse an ihm vorbei- und hinausgedrängt, nicht ohne seinem Vater mit seinen schweren Stiefeln, die ihm mindestens zwei Nummern zu groß waren, kräftig auf die Zehen zu treten. Und natürlich ohne die allerkleinste Entschuldigung. Jürgen Timmerloh fluchte leise. Fröstelnd zog er sich an. Kinder waren ganz nett – wenn man sie aus der Ferne besah. Sie waren wunderbar – wenn sie schliefen oder auf Klassenreise waren; sofern man von den eigenen Kindern sprach. Ihm selber waren Klassenreisen ein Greuel. Denn der Umstand, daß Jürgen Timmerloh Lehrer war – an einer Gesamtschule überdies –, daß er sich also hauptberuflich um anderer Leute Blagen kümmern mußte, machte das Leben nicht erholsamer für ihn. Und auch nicht für seine Familie.

Aber er wollte nicht undankbar sein, sein Jo-Lasse war auf jeden Fall besser geraten als die Gören, die er Tag für Tag auf Vordermann bringen mußte; nicht zuletzt dank Wiebkes unermüdlichem erzieherischen Einsatz und der Unterstützung der Hexen. Als er endlich seine Brille wiederentdeckt und aufgesetzt hatte – er hatte sie neben dem Bierglas auf dem Klodeckel abgelegt –, warf er einen Blick aus dem Fenster. Was für ein reizender Einfall und so gar nicht hexenhaft diesmal! Braut und Bräutigam, ein rührendes Paar!

Fröhlich pfeifend verließ Jürgen Timmerloh das samstäglich duftende Bad. Im Gehen leerte er sein Bierglas, ohne sich zu verschlucken.

Kapitel 2

Im selben Moment ließ im Häuschen nebenan Kapitän von Füerbarg sein Fernglas sinken.

»Das gibt's doch gar nicht, was diese Lehrerslüüt wieder ausgeheckt haben!«, grummelte er.

»Nun guck dir das an!«

Damit reichte er das Fernglas seiner Frau hinüber. Die hatte aber schon mit bloßen Augen erfaßt, was Sache war. Die Strohpuppe, die dieses Jahr auf dem Osterfeuer brennen würde, war weder, wie vor zwei Jahren, ein lustiger Matrose im blauen Seemannsfrack noch ein Detektiv mit Trenchcoat und Schlapphut wie im vorigen Jahr. Die Strohpuppe war – ganz einfach eine Frau. Und eine täuschend echte dazu. Hübsch sah sie aus, wohlig und rund, da war sozusagen alles dran. Füerbarg hätte glatt Gefallen an ihr finden können, wenn sie nur nicht ein ausrangiertes Sonntagskleid seiner eigenen Frau angehabt hätte, ihr langjähriges Lieblingskleid noch dazu. Das dunkelblaue mit den weißen Tupfen und der großen weißen Schleife am Dekolleté. Viele, viele Jahre hatte es ihr, wie es sich gehörte, treue Dienste geleistet, auf Hochzeiten und Geburtstagsfeiern, im Theater, an Weihnachten und auch bei den denkwürdigen Treffen mit seinen alten Freunden vom Club der Kap Hoorniers, wenn sie alle Jahre wieder mit ihren Frauen ausgingen. Nur hatte es zuletzt um Brust und Taille so gespannt, daß Lore es schweren Herzens in die Altkleidersammlung gegeben hatte.

Zum Wegwerfen war es viel zu schade, es war doch fast wie neu; manch eine Frau würde sich glücklich schätzen, wenn sie ein so feines Kleid ihr eigen nennen dürfte! Sie selber hatte ja keine Putzfrau, Eleonore von Füerbarg hielt ihren Haushalt selbst in Schuß, aber für Frau Timmerlohs kleine Hallo – oder wie immer sie hieß – wäre das doch etwas ganz besonders Hübsches, oder etwa nicht? Sie müßte es ein klein wenig kürzen, vielleicht etwas enger machen, ein paar kleine Abnäher hier und da –

Mit solch freundlichen Worten hatte sie das Kleid vor einigen Monaten Frau Timmerloh überreicht. Und nun war das hier daraus geworden!

Lore von Füerbarg fühlte einen häßlichen Stich im Herzen. Das schöne Kleid! Was für eine Gemeinheit! Ach – ihr war fast, als hätte die Nachbarin sie, Frau Kapitän von Füerbarg persönlich, auf den Scheiterhaufen gebunden.

Auch ihr Mann war nicht gerade begeistert.

»Sie tut nur so, als ob sie keine Ahnung davon hat«, dachte er mißtrauisch, als er wenig später sein Pfeifchen stopfte. »In Wirklichkeit steckt sie doch mit diesen gräßlichen Weibsen unter einer Decke! ›Rudi, das Kleid kneift!‹ Daß ich nicht lache! Soll sie doch Diät halten wie andere Frauen auch! Dann paßt es schon wieder. ›Nein, nein, das wird jetzt abgefackelt, mein Mann merkt das doch gar nicht. Und ich kriege ein neues.‹ Ha!«

So heftig, wie er seinen Atem ausgestoßen hatte, sog er ihn sodann mehrmals hintereinander ein und setzte, allmählich gelassener werdend, sein Pfeifchen in Gang. Während er es schmauchte, sah er vor sich im Tabaksdunst seine Frau schmoren und mit ihr diese anderen scheußlichen Weibsbilder, diese abstoßenden Emanzen, deren Oberhaupt ihre Nachbarin war, Frau Zimmerschreck oder wie sie hieß. Er nannte sie nur die Hexe von Övelgönne.

Kapitel 3

Draußen strömten unterdes die Besucher in Scharen herbei. Die Glücklichen, die früh kamen, hatten noch einen der begehrten Parkplätze in Neumühlen erwischt, später aber würde man weit entfernt, am Altonaer Rathaus oder an der Elbchaussee, parken und den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen müssen. Das war anstrengend, wenn man den Grill und die Gitarre, den Steinkohlensack und die Würstchenpakete, das Gerippe vom Tannenbaum und die ausrangierten Bretter vorn Küchenregal schleppen mußte, die man auf seinem ganz persönlichen kleinen Osterfeuer endlich loswerden wollte.

»Jeder lebt noch so viele Jahre, wie er Osterfeuer zählen kann«, erklärte Anna-Susanna aus Schnelsen gerade ihrem neuen Freund David aus Tel Aviv.

An jedem Ostersonnabend zitierte sie diesen Satz aus dem Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, seit ihrem siebzehnten Lebensjahr schon, und nun war sie bereits einundvierzig, und noch nie hatte die Liebe von einem Jahr zum nächsten überdauert. Keinen hatte sie für eine zweite Osterfeier gehalten, und keiner hielt sie. Immerhin hatte das den Vorteil, daß sie sich nie wiederholte, keinen je mit ihren Sprüchen langweilte, und alt werden konnte sie ja schließlich auch mit wechselnden Partnern, oder etwa nicht?

Merkwürdig war nur, daß man dieses Jahr zwei Puppen an den Pfahl gebunden hatte, das war sonst in Norddeutschland nicht der Brauch. Wie sollte sie David das nun erklären? Ob es vielleicht – für sie ganz persönlich – als gutes Omen zu deuten war?

Das Pärchen, das dort hing, war allerdings ein ungleiches Paar, vielleicht nur aus der Ferne und auch nur auf den ersten Blick einigermaßen hübsch anzusehen. Die Frauenpuppe war auf älter getrimmt, wirkte matronenhaft, bieder und pummelig. Trotzdem erschien sie wie das blühende Leben im Vergleich zu dem deutlich jüngeren Mann. Der nämlich war auffallend düster und hager. Da war den Schöpfern wohl das Stroh ausgegangen, dachte Anna-Susanna. So dünn war ja in Wirklichkeit keiner ...

Dennoch, eine entfernte Ähnlichkeit hatte das Pärchen mit David und ihr. David war leider zwölf Jahre jünger als sie. Früher wäre ihr eine solche Beziehung unvorstellbar gewesen, bei der bloßen Vorstellung schon hätte sie sich geniert, aber allmählich kam sie in die Jahre, wo dergleichen möglich wurde. Oder sollten die beiden da oben etwa kein Liebespaar darstellen? Eigentlich sahen sie eher aus wie Mutter und Sohn. Die Mutter schwankte im Wind, führte ein Tänzchen auf für ihr Kind, das grausam an ihr vorbei – und durch sie hindurchstarrte aufs Wasser, als bemerke es sie gar nicht. Welch eine Mühe, ein Kind großzuziehen! Die war ihr immerhin erspart geblieben ... Oder war es vielleicht noch gar nicht zu spät?

Anna-Susannas Herz fing plötzlich an, heftig zu klopfen. Nein, die beiden da oben brachten ihr kein Glück, das war ihr mit einemmal sonnenklar. Vielleicht war es sogar ein Fehler gewesen, mit David hierherzukommen. Als sie seine Hand in seiner Manteltasche suchte und zaghaft drückte, dauerte es eine Weile, bis seine Finger endlich begriffen und sich schützend um die ihren schlossen. Anna-Susanna seufzte so laut, daß es die Umstehenden hörten. Nur David schien nicht darauf zu achten. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er unverwandt zu den so lebensnah wirkenden Attrappen auf dem Scheiterhaufen empor.

Kapitel 4

Das gibt's doch gar nicht! Das war doch sicher der olle Füerbarg! Den bring' ich um!«, schimpfte Wiebke Timmerloh und knallte die Haustür hinter sich zu.

Das Övelgönner Kapitänshäuschen wackelte zwar leicht, aber einstürzen würde es nicht, es war ihre Temperamentsausbrüche schon gewohnt.

»Der kann es wohl nicht verknusen, daß die Strohpuppe dieses Jahr 'ne Quotenfrau ist! Ha!!«

Sie knallte den Korb mit den Rotwein-, Bier- und Saftflaschen so wütend auf den steinernen Terrassenboden, daß es bedrohlich schepperte.

»Mensch, beruhige dich doch, Wiebchen«, besänftigte ihr Mann sie und griff tätschelnd nach der obersten Bierflasche.

»Von wegen Quote – ist doch witzig, daß sie noch einen Strohmann dazugehängt haben, wer immer es auch war. Und gut sieht er doch aus, täuschend echt, das mußt du zugeben. Als hättest du ihn gemacht!« Aber das war es ja gerade, was Wiebke am meisten erboste. Seit einigen Jahren war sie dabei, sich in der Nachbarschaft einen Ruf als die Frau zu schaffen, die die schönsten Strohpuppen fürs Osterfeuer ausstaffierte, und dann tat man ihr so etwas an! Hängte frech noch einen Kerl dazu, einfach so, ganz ohne sie zu fragen, mal eben so auf die Schnelle, als hätte man die Figur aus dem Hut zaubern können. Wo kam diese Puppe so plötzlich her?

Details

Seiten
56
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783958242784
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308846
Schlagworte
eBooks Kriminalroman Hamburg schwarzer Humor Hamburger Abendblatt Kurzkrimi

Autor

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Titel: Die Hexen von Övelgönne